non.copyriot.com https://non.copyriot.com Tue, 07 Apr 2020 06:06:28 +0000 de-DE hourly 1 https://non.copyriot.com/wp-content/uploads/2017/11/non-plus_s.png non.copyriot.com https://non.copyriot.com 32 32 Deterritorialisierungen – Field Recordings, Perzepte, glatte Räume und organlose Körper. https://non.copyriot.com/deterritorialisierungen-field-recordings-perzepte-glatte-raeume-und-organlose-koerper/ Tue, 07 Apr 2020 06:06:23 +0000 https://non.copyriot.com/?p=12980

Wie in der tektonischen Diskordanz, in der durch tektonische Bewegungen; Faltung, Dehnung, Stauchung, Hebung, Senkung, oder durch singuläre vulkanische Ereignisse, Sedimentsschichten verkippt werden, können auch im Denken, durch äußere oder innere Sensationen innerpsychische Kommunikationsketten, sinnliche Unterscheidungen oder singuläre Ereignisse zu nicht übereinstimmenden Erkenntnissen, Überlagerungen von Erinnerungen oder Defundierungen und Diffundierungen der Ich-Sphäre erzeugt werden.

Deterritorialisierungen – Field Recordings, Perzepte, glatte Räume und organlose Körper. Stefan Paulus

Findet euren organlosen Körper, findet heraus, wie man ihn macht.“ (Deleuze/Guattari 1992: 207)

i) Field Recordings

Als die ersten Ethnolog_innen in außereuropäische Gebiete reisten und die klanglichen, kulturellen und sozialen Aspekte von Musik und Tanz untersuchten, war es mit dem 1877 von Thomas Alva Edison erfunden Phonographen erstmals möglich dokumentarische Feldaufnahmen zu machen, anschließend Klangstrukturen zu analysieren und territoriale Ritornelle zu klassifizieren. Fast gleichzeitig entwickelten sich mit der Möglichkeit Umgebungsgeräusche aufzunehmen und wieder abzuspielen auch ästhetische und künstlerische Arbeiten, welche neue Gefüge markierten – Ritornelle der Konfrontation und des Aufbruchs. In dem futuristischen Manifest «The Art of Noises» (1916) beschrieb Luigi Russolo die Idee, Lärm von städtischen und industriellen Klanglandschaften bei der musikalischen Instrumentierung und Komposition einzusetzen. Gleichzeitig entwickelte er Lärminstrumente (Intonarumori) und bezog Umgebungsgeräusche in seine Aufführungen mit ein. Pierre Schaeffer, der den konzeptionellen und theoretischen Rahmen für die Verwendung von Umgebungsgeräusche als «Musique Concrète» in den 1940er Jahren entwickelte, setzte nicht nur das Rohmaterial der Feldaufnahmen ein, sondern über die Manipulation dieser, durch den Einsatz von Mischern, Morphofonen, Schneidetechniken, Loopings und Sampling, entwickelte Schaeffer eine neue musikalische Sprache, die nicht auf routinierten Hör- und Wahrnehmungsgewohnheiten basierte. Schaeffers Methode ist vielmehr ein Umkehrprozess dieser Gewohnheiten: Satt ein gesamtes Klangspektrum zu repräsentieren, werden aus Field Recordings Klangaspekte extrahiert und moduliert. Durch loopen, morphen, arrangieren bzw. durch das Soundscaping können komplexe Rhythmen, tonale Singularitäten oder seltsame Texturen entstehen (Patrick 2016). Beim Soundscaping bestimmt nicht das Wesen des Klangs die Wahrnehmung, sondern die Konsistenz des Klangs ermöglicht einen Verweis auf das Material. Damit lassen sich durch die molekulare Bearbeitung von Field Recordings Deterritorialisierungen von Ritornellen und Konsistenzebenen schaffen, die nicht wie Partituren den Klang organisieren und schichten, sondern Schnitte (Cut Ups), Faltungen und Überlagerungen (Superpositions) führen dazu, dass dem Rohmaterial seine Funktion, seine dominanten und hierarchisierenden Klangtendenzen und die organisierenden Wahrnehmungsschemata entzogen werden. Dadurch können mehrere Realitätsebenen und Illusions- sowie Kompensationsräume entstehen. Geräusche von Mikro- und Makrokosmos, Vergangenheit und Gegenwart, Mensch und Maschine, Stadt und Land etc. verbinden sich. Indem das Gehör und die selbstverständlichen Wahrnehmungsmuster verunsichert sind wird eine Relativierung der Realität erzeugt (Deleuze/Guattari 1992: 13, 64, 218, 446). Die klassische Komposition hingegen wird von dem tonalen Organisationsmodus, «vergleichbar mit einer militärischen Organisation» (Cox, 2003: 167) beherrscht. Diese Organisation von Klang führt dazu, dass die musikalische Entfaltung einer Symphonie oder eines Popsongs, eine gewaltige Hierarchie von Teilen, Ebenen und Strukturen entwickelt, die durch autoritäre Dirigenten aufgeführt und/oder von kommerziellen Plattenfirmen produziert werden. Nicht nur Tonalität, auch die zeitliche Organisation der klassischen oder popkulturellen Komposition schaffen identifizierbare Klangselektionen und Orientierungspunkte. Die vorhersehbaren Orientierungspunkte erlaubt den Hörer_innen zu wissen wo sie sind, wo es hin geht, zeigt ihnen einen vorhersehbaren Pfad (Cox 2003: 174). Durch die grenzenlosen Möglichkeiten mittels Schnitten, Loops und Modulationen von Field Recordings lässt sich das Klangspektrum verändern, zeitlich auszudehnen und das Material von seinem Ursprung ununterscheidbar machen. Hierdurch werden Hörende auf Irrwege geführt, weil die atonalen Klangfragmente nicht mehr gemäß externen Prinzipen und massenkultureller Wahrnehmungsschemata funktionieren. Durch diese Deterritorialisierungen entstehen gleichzeitig Möglichkeiten zur Entzeitlichung (Dechronicization), nicht-selektiven Wahrnehmung, Entsubjektivierung und Erforschung dieser Perzepte. Die Deterritorialisierung des Rohmaterials wird Teil einer umfassenden Schaffensdimension im Entstehungszustand, die «sich selbst ständig vorgelagert und voraus ist» und dabei ein Emergenzvermögen entwickelt, dass «die Kontingenz und die Zufälligkeiten all der Vorhaben, immaterielle Universen ins Sein umzusetzen, in sich begreift» (Guattari 2014: 129). Hören, Aufnehmen und Verarbeiten von Umgebungsgeräuschen ist nicht nur eine Gestaltungspraxis. «Wenn Sie schauen, wie die Wellen sich da draußen brechen, dann konzentriert sich auch ihr Ohr darauf, dann hören sie vor allem das. Und wenn Sie die Gischt in den Blick nehmen, dann filtert ihr Ohr vornehmlich das heraus. Mikrophone machen aber solche Unterscheidungen nicht» (Langer 2014: 14). Die Membranen des Mikrophones übertragen zwar die Schallwellen, aber die Vorstellung Realität ohne subjektive Präferenzen und Gewohnheiten abzuhören, zu archivieren und zu verarbeiten stößt bereits durch die Aufnahmepraxis an Grenzen. Selbst der Start- und Endpunkt einer Aufnahme ist eine kompositorische Entscheidung. Das Sammeln von Rohmaterial dient einem Extraktionsvorgang, ist eine Gedächtnisstütze, um auf Erinnerungen, Gefühle, auf Atmosphären am Aufnahmeort zurückgreifen zu können. Erst wenn durch das Ohr, durch das Wahrnehmungsmembran

  • «diese Membran von zweierlei Stärke, mit vielfachen Abstufungen, mit einer Eidechsen-Unendlichkeit, diese melancholische, glasige Membran, die doch so empfindlich, so unverschämt, so sehr dazu fähig ist, sich zu vervielfachen und zu verringern, sich umzuwenden mit ihrer eidechsenhaften Spiegelung, mit ihrer Spiegelung aus Sinn, Betäubung, durchdringenden und gläsernen Sturzbändern» (Artaud 1961: 37) –

der Schall osmotisch eindringt, entstehen die Prozesse der Territorialisierung und aber auch Öffnungen und Fluchtlinien, weil das Gehörte nicht zwangsläufig für alle gesendeten Informationen durchlässig ist. Deterritorialisierungen dessen führen zu einem Zustand der zwar noch hörbar ist, aber eben sich nicht mehr als klassisch organisierte Musik darstellt, «sondern als Sound-Ereignis, das aber für Deleuze immer noch der Konsistenz einer Komposition bedarf; diese Art der Musik berührt die Mimikry an das Chaos und erfordert keinerlei Repräsentation» (Szepanski https://non.copyriot.com/deleuze-guattari-und-der-schizo-attraktor-ultrablack-of-music-1/). Frei von Orientierungspunkten, zuordbaren räumlichen Klangquellen, erschaffen Soundscapes eine ununterscheidbare Meute von Geräuschen, einen glatten Raum, eine Chaosmose, indem Klangelemente frei verteilt und verbunden werden können. Es ist eine Öffnung von dem was über das Subjekt hinausgeht: «das wahre, nichtorganische Leben des Klangs, das jeder konkreten Komposition vorausgeht, das virtuelle Reich der präindividuellen und präpersönlichen akustischen Singularitäten und Affekte» (Cox 2003: 172).

ii) Perzepte

«Denken heißt erschaffen», wie Gilles Deleuze in Differenz und Wiederholung (2007: 192) schreibt, aber Hören erschafft das Denken. Hören ist nicht ein rein zerebraler Vorgang, indem man einfach sprachlich erfassen kann was das Gehörte ist und was es bedeutet, sondern das Hören beginnt zu allererst mit einer fundamentalen Begegnung mit dem Außen, das erschüttert, gewaltsam aus dem zufälligen der Welt in das Innere eindringt. Gehörtes ist erst- und oftmals eine Fremdheit, die zum Nachdenken nötigt. Klaus Holzkamp (1973) verweist auf die «widerspruchseliminierende Funktion der Wahrnehmung, die Scheinhaftigkeit sinnlicher Evidenzen, die Oberflächenhaftigkeit und vordergründig-naturhafte ‘Selbstverständlichkeit’ des wahrgenommenen» (295f). Denn im scheinhaft-subjektiven Ursprung der Wahrnehmung treten gesellschaftliche Verhältnisse als Grundlage einer individuumzentriert-psychologisierenden Umgebungsbedeutung hervor, welche die Verkehrtheit eines vordergründig an der sinnlichen Erfahrung ausgerichteten selektiven Denkens stärkt und bezogen auf die Wahrnehmung der Umgebung als bewusstes Wissen gedanklich reproduzierbar wird. Wahrnehmung ist aber nicht nur ein individuelles «Für-wahr-Nehmen» unmittelbar möglicher Erfahrungen, sondern auch ein «Wahr-machen». Gehörtes ist dementsprechend subjektiviert und existiert «nur im Kopf des Denkenden» (Holzkamp 1973: 34). Hören liegt dementsprechend in einem Übergangsbereich zwischen bloßer Wahrnehmung und Denken. Wobei Denken der unmittelbaren Wahrnehmung und sinnlichen Präsenz enthoben ist und über Gegenstandsbedeutungen funktioniert, diese repräsentiert und kategorisiert. Die auditive Wahrnehmung ist durchs Denken bereits gefiltert, durch Vorurteile, Schemata, Muster von Wahrnehmung, durch kulturelle Codierungen bestimmt. Z.B. erzeugen die Regeln des Sehens eine bestimmte Logik der Wahrnehmung. Dinge werden auf einer Oberfläche als separate Einheiten wahrgenommen und diese werden aneinandergefügt. Kevin Lynch schreibt 1960 in „The Image of the City“, dass Menschen sich Bilder von Räumen, Stadtteilen oder ganzen Landschaften in landkarten-ähnliche Darstellungen übersetzen. Die menschliche Vorstellungskraft, so Lynch, versucht dabei den Raum zu begradigen und Ordnung zu schaffen. Das Auge sieht und das Gehirn ist bemüht Gewohntes zu finden. «Wer sieht» so Jürgen Ploog «muss darauf achten, welche Form das Gesehene in seinem Kopf annimmt. Wer seinen Augen traut, vergisst leicht, dass sein Nervensystem ausgelegt ist, ihm Streiche zu spielen» (2014). Die partielle Kontrollierbarkeit der Wahrnehmungsbedingungen und -bedeutungen werden zwar durch gesellschaftliche Bedeutungen und individuelle Erfahrungen vorstrukturiert, aber die partielle Kontrollierbarkeit eröffnet gleichzeitig das Erkennen der Konstruiertheit der Perzepte und ihr gesellschaftliches Eingebunden-Sein. Denn dem Prozess des Bedeutens liegt eine Kommunikationskette inne: von der sinnlichen Erfahrung, zur Einbildung, zum Gedächtnis, zum Denken. Das was sich von einer Station zu nächsten mitteilt bleibt, so Deleuze, zersplittert, deutlich-dunkel und klar-verworren. Damit ist es erkenntnistheoretisch möglich Techniken und Methoden zu entwickeln, um die Perzepte zu deterritorialisieren, von ihrer eingebundenen Bedeutung zu entgrenzen, um die Kommunikationskette aufbrechen und in einen diskordanten Einklang zu bringen (Deleuze 2007: 189). Wie in der tektonischen Diskordanz, in der durch tektonische Bewegungen; Faltung, Dehnung, Stauchung, Hebung, Senkung, oder durch singuläre vulkanische Ereignisse, Sedimentsschichten verkippt werden, können auch im Denken, durch äußere oder innere Sensationen innerpsychische Kommunikationsketten, sinnliche Unterscheidungen oder singuläre Ereignisse zu nicht übereinstimmenden Erkenntnissen, Überlagerungen von Erinnerungen oder Defundierungen und Diffundierungen der Ich-Sphäre erzeugt werden. Ohne des Nachgehens und Nachempfindens dieser Prozesse wäre die Interpretation des Wahrgenommen reine Repräsentation, Darstellung bekannter Denkweisen, die gewaltsam eingeschrieben werden, da sich das Erkannte nur aus der Beziehung zum bereits Empfundenen heraus erklärt. Spürt man aber den Nichtübereinstimmungen, Überlagerungen, Defundierungen und Diffundierungen nach, gelangt man zum Unbekannten und man kann Fluchtlinien zur Ununterscheidbarkeitszone schlagen (Deleuze 1995: 29). Wie dieses Dazwischenkommen möglich ist und wie die Loslösung, vom dem wie unsere Wahrnehmung begrenzt und codiert wird, stattfindet, geben Deleuze/Guattari und Szepanski Hinweise: Mit den Mitteln des Materials sei es möglich «das Perzept den Perzeptionen eines Objektes und Zuständen eines perzipierenden Subjektes zu entreißen, den Affekt den Affektionen als Übergang eines Zustandes in einen anderen zu entreißen. Einen Block von Empfindungen, ein reines Empfindungswesen zu extrahieren. Dazu bedarf es einer Methode, die je nach Autor anders ist und zum Werk gehört» (Deleuze/Guattari 1996: 196). «Ein pures Material jenseits musikalischer Strukturen dient hier der Generierung von Sound, der in seinem Werden nicht-signifizierend ist, das heißt, der Sound gehört weder der Sprache noch dem Sinn an; er ist kein Song, obgleich er als solcher erscheinen mag. Deterritorialisierung heißt, den Sound als Unentscheidbarkeit (zwischen Hörbarem und nicht-Hörbarem) zu hören-denken. Von vornherein wäre Musik dann nicht einmal mehr organisierter Sound, sondern die diagrammatische Konstitution einer kontrafaktischen Raumzeit, die zudem eine Transformation des Hörens innerhalb der Möglichkeiten ermöglicht, die eine solche Sound-Musik anbietet.» (Szepanski

https://non.copyriot.com/deleuze-guattari-und-der-schizo-attraktor-ultrablack-of-music-1/).

D.h. ein anderes Hören und Musikmachen wird durch die Gebrauchsweise im Umgang mit dem Rohmaterial ermöglicht. Eine Methode zur Depersonalisierung und Entsubjektivierung der Generierung von Sound ist Zufall. Durch ungeplante Aufnahmen, Unterbrechungen, Verschiebungen, Überlagerungen der räumlichen und zeitlichen Gegebenheiten werden Abwesenheit, Leere, Distanz, Ungleichzeitigkeit, Nicht-Simultanität und der Moment der Begegnung mit dem Material in die Generierung von Sound einbezogen. Wobei jede Begegnung auch nicht hätte «stattfinden können, auch wenn sie stattgefunden hat. Ihr mögliches Nichts erhellt die Bedeutung ihres zufälligen Wesens. Und jede Begegnung ist zufällig in ihren Effekten, insofern nichts in den Elementen der Begegnung, vor der Begegnung selbst, die Konturen und Bestimmungen des Wesens abzeichnet, das daraus hervorgehen wird» (Althusser 2010: 47).

Die Darstellung des Zufalles lässt Ebenen des Hörens entstehen, die von unterschiedlichen und vielfältigen Punkten aus verbunden und überlagert sind. Geräusche von Straßen, Wohnhäusern, Fabriken, Alltagssituationen erlangen so eine andere Realität. Die Elemente des Gehörten werden Uneindeutig. Alltägliche Bedeutungen von Funktion und Ordnung werden außer Kraft gesetzt. So entstehen deterritorialiserte Ritornelle von Städten, Landschaften und Umgebungen, die dem gewohnten Muster der Wahrnehmung widersprechen. Erstarrte Grundtöne des städtischen Strassenraums, des Waldes oder Nichtorte. Ultraschwarze Frequenzen die sich von Wohnhäusern oder dem Unterholz ausdehnen. Schwaden verzerrter Klangmoleküle, die sich zu einem dunklen Dröhnen verdichten, um sich in einer glatten Alterität als selbstreferenzielle Deterritorialisierungen zu emergieren.

iii) Glatte Räume

Das Krachen und Knacken von Eisflächen, das Ununterscheidbare im Schneesturm, das Heulen der Winde in Sand- und Steinwüsten, selbst das Staunen über die Weite und das Offene der Ozeane mit unendlichem Himmel und unendlichen Wolken, «ist eher ein taktiler oder vielmehr ‚haptischer‘ und klanglicher als ein visueller Raum» (Deleuze/Guattari 1992: 526). Diesem glatten Raum – der durch Offenheit und Grenzenlosigkeit bestimmt ist, steht ein gekerbter Raum, mit Auf- und Zuteilungen von Territorien und Normierungen von Verhaltensweisen entgegen. Für Deleuze/Guattari ist der „gekerbte Raum“ ein Sinnbild für einen Raum, der vom Staatsapparat geschaffen wird. Dieser Raum erschafft Einschließungsmilieus und die dazugehörigen ordnungssystematischen Raumgefüge mit Mauern, Einfriedungen, Grenzen, Verwaltungen, der Kontrolle der Verkehrswege, Waren und Menschen. Aber nicht nur Verortungen, Verkehrswege – die den Menschen ihren Platz anzeigen oder sie von einem Einschließungsmilieu zum nächsten bringen – oder die Regelungen wer Innen oder Außen ist spielen eine wichtige Rolle bei der Definition von territorialen Herrschaftsbereichen, sondern auch die Wegweiser, in Form von Sprache, Schrift und Bedeutungen, die mit territorialer Übertragungsmacht ausgestattet sind. Sowie durch die Keilschrift dem Stein oder durch den Kerbschnitt dem Holz eine Bedeutung aufgezwungen wird, so verhält es sich auch mit territorialen Anrufungen im gekerbten Raum: Eine Melodie die wir im Radio hören, die wir mitträllern, wenn wir uns durch unseren Wohnraum bewegen und die Möbel abwischen (Deleuze/Parnet 1988-89: 47) – überall Soundalikes, Hymnen, Loblieder, Ansprachen zur Anerkennung einer bestimmten symbolisch strukturierten und strukturierenden Ordnung zum Zweck einer identitätsstabilisierenden Bedeutungsproduktion. «Es geht darum, dem Menschen ein Gedächtnis zu machen; (…) ein Gedächtnis von Worten/Reden (paroles) und keines der Sachen mehr, ein Gedächtnis von Zeichen und keines von Wirkungen mehr. Diese Organisation, die das Zeichen direkt in den Körper eingraviert, ist das System der Grausamkeit, das furchtbare Alphabet» (Deleuze/Guattari 1977: 184).

Das Ohr, als Sinnesorgan mit seinem Gleichgewichts- und Hörorgan, ist für die Aufnahme und Verortung der Parolen verantwortlich. Diese Organe dienen dazu sich im Raum verorten zu können, die Anrufungen «Hey Sie da!» (Althusser 1978), «Achtung, Achtung. Hier spricht die Polizei!» (Hamburg, Schulterblatt 7.-8.07.17), «Seien wir dankbar dafür, dass wir einen Beruf haben. Arbeite hart, stärke die Produktion, verhüte Unfälle und sei glücklich» (THX 1138) zu hören und den Anweisungen der Territorialmaschine zu gehorchen. Das Zusammenspiel der Organe verwirklicht erst den Organismus. Dadurch wird der gekerbte Raum ein geschlossener, definierter Raum, der begrenzt und begrenzend ist. Der Sozius befehlt und erwartet Gehorsam: «Die primitive Territorialmaschine codiert die Ströme, besetzt die Organe, kennzeichnet die Körper. Inwieweit zirkuliert und getauscht wird, bleibt zweitrangig gegenüber der Aufgabe, die alle anderen umfasst: die Körper, die solche der Erde sind, zu kennzeichnen» (Deleuze/Guattari 1977: 183).

Wenn Deleuze und Guattari fragen, wie man sich einen organlosen Körper macht, lässt sich ihre Anweisung auf einem Stratum, einer Gesteinsschicht, einzurichten auch wörtlich verstehen. In Höhen, auf Höhenlinien, zwischen Geröll, Wasser, Muren, auf Firngraten und Sedimentgestein lässt sich nicht nur dem furchtbaren Alphabet, dem Abtrennen, Einschneiden und Umzingeln, den Einkerbungen, Skarifizierungen und Verstümmelungen des Sozius entgehen, sondern es ist auch eine körperliche Erfahrung. «Rastlos umherzuziehen und umherzuwandern bedeutet daher auch», den Materiestrom und Intensitätsaggregate dort aufzuspüren, wo niemand sie vermutet und dafür «auch abstruse Wege zu beschreiten» (Maresch 2003: 204). Außenseiter, Umherschweifende, Vaganten, Hobos, das «Leben als Sabotage» (Hartmann 1981) begreifend, interessiert an «Bebop, Bars und weißem Pulver» (Kerouac 1979), «auf der Suche nach Yage» (Burroughs 1964), «Eisbergen, silberne Sonnen, perlmutterne Fluten» (Rimbaud 2008), versuchen dort hinzugelangen, wo «der Geist die Materie berührt» (Deleuze/Guattari 1977: 28), wo Ströme kristallin werden und durchqueren dabei Sandwüsten oder Hochgebirge, um die Erfahrungen zu intensivieren, um Molekular, Äonisch, Organlos zu werden. Denn «das Leben ist umso intensiver und kraftvoller, je anorganischer es ist» (Deleuze/Guattari 1992: 607). Der Wunsch das Unbekannte, das Tote, die Stille, die Erschütterung der Sinne auszuhalten, zeigt, dass es beim Organlos-Werden nicht darum geht etwas zu verstehen, sondern darum etwas zu erfahren. Sich einen organlosen Körper über das Hören zu machen besteht in erster Linie darin Feldforschung zu betreiben, auditive Phänomene zu erfassen und phänographisch als je subjektive Erfahrung zu bestimmen (Holzkamp 1973: 21). Um den Sound des Anorganischen, Molekularen aufzuspüren, bedarf es einen Computer, ein paar VSTs, clicks and cuts, aber um den intensiven dröhnenden Sound des kosmischen Sprechgesangs, das Lied der Erde zu hören, muss man aber auch bereit sein in den Stillen Ozean einzutauchen. D.h. irgendwo im Unterholz, in einer Kuhle, auf einer Gesteinsschicht Stellung beziehen und regungslos verharren; dann fangen die Dinge an, lebendig zu werden, und bald wird man Insekten, Wassertropfen, Winde, Faltungen, Reibungen, das Pulsieren und Dröhnen des Inneren hören, das schon die ganze Zeit da war. »Sich hinsetzen und ruhig sein und sich nicht bewegen, und die Eichhörnchen im Kopf fangen an, aus ihren Löchern zu kriechen, fangen an herumzulaufen und zu singen, und wenn man das einfach zulässt, kommt man in Berührung damit» (Snyder 1984: 34). Durch die Stile entsteht eine Immanenzebene, nicht durch die Abwesenheit von Klang, sondern die Abwesenheit des beabsichtigten Klangs öffnet unsere Ohren für die befreiten Klangmolekühle (Cox 2003: 170). Akustische Feldaufnahmen, die außerhalb von Aufnahmestudios oder virtuellen VST Hosts produziert werden, können die Sounds von Wind, Wasser, tektonischen Verschiebungen oder ursprüngliche Geräusche einfangen, die auch die ersten Lebewesen hörten. Aber auch Stimmen von Tieren oder von Menschen gemachte Geräusche, kontrollierte und organisierte Töne, Sprache, Musik oder den zusammenhanglosen zivilisatorischen Lärm, durch Menschen mit ihren Gerätschaften und Maschinen, können eingefangen werden. Field Recordings erzählen auf eine hörbare Weise von Kräften, die nicht hörbar sind. Sie machen die Musik der Erde hörbar, die ihrer Natur nach roh, fremd, intensiv ist (Deleuze/Parnet 1988-1989). Dieses Material durch Soundscaping zu bearbeiten ermöglicht die Schaffung von Unbekanntem. Wenn die Nicht-Musik, so Achim Szepkanki, im nicht-standardisierten Phasenraum situiert ist, zwischen periodischen Pulsen und Sinustönen und nicht-periodischen komplexen Modulationen und Transformationen (Szepanski https://non.copyriot.com/rhythmus-und-non-frequency-politics-ultrablack-of-music-4/ ), dann lässt sich Field Recording und Soundscaping als kompositorische Technik beschreiben, in der Empfindungsblöcke und Suggestionen ihren Zusammenhalt bekommen. Insofern liefern Geräusche eine Vorstellung von Raum und Zeit, die nicht euklidisch ist. Durch Montage von Geräuschen können jene Kräfte spürbar gemacht werden, welche die Statik des Raumes auflöst und die Gleichzeitigkeit von Vergangenem und Gegenwärtigem koppelt. Das was durch die Oszillation der Geräusche entsteht, ist weder mit Umwelt, Tier noch Mensch identisch. Es wird zu einer Ununterscheidbarkeit. Erst durch die «Koppelung der Sensationen» (Deleuze 1993: 44), in der Resonanz des Wiederzuhörens entsteht das Dazwischen, «für das es noch keinen Namen gibt» (Meier 2013: 128). Wie das Wasser das Meer ausfüllt oder der Sand die Wüste, füllen phänographische Geräusche Zonen von Ununterscheidbarkeiten aus. Hier dienen Orientierungspunkte lediglich als Möglichkeiten Wege im Dazwischen festzulegen. Wie in einem Fraktal können in diesen glatten Räumen immer wieder offene, grenzenlose Räume entstehen, in denen die Entfernungen zwischen Orientierungspunkten in unbekannte Regionen abdriften können. Im glatten Raum wird nicht einfach das Innen nach Außen oder das Außen nach Innen gebracht, sondern wenn das Äußere in das Innere gelangt bleibt es leer, weil kein despotisches Gefüge herrscht. Es existiert nur Distanz, Abwesenheit und Leere. Es entsteht eine Selbstbefreiung als beängstigende Grenzüberschreitung. Die Klangmoleküle, Intensitäten, Ausdehnungen, Auflösungen, bringen in einem gewissen Sinne das Molekulare, die Chaosmose, den organlosen Körper hervor oder eben das was übrigbleibt, «wenn man alles entfernt hat» (Deleuze/Guattari 1992: 209).

iv) Organlose Körper

«Den Organismus aufzulösen bedeutet nicht sich umzubringen, sondern den Körper für Konnexionen zu öffnen» (Deleuze/Guattari 1992: 220). Wenn alle Arten des Werdens schon molekular und unbestimmt sind, dann bedeutet das Werden nicht sich mit ihm zu identifizieren.

«Werden heißt, ausgehend von Formen, die man hat, vom Subjekt, das man ist, von Organen, die man besitzt, oder von Funktionen, die man erfüllt, Partikel herauszulösen, zwischen denen man Beziehungen von Bewegung und Ruhe, Schnelligkeit und Langsamkeit herstellt, die dem, was man wird und wodurch man wird, am nächsten sind» (Deleuze/Guattari 1992: 371).

Konnexionen zu öffnen, Beziehungen herzustellen, Teile zu vermengen, heißt wie Rudolf Eb.er, Joke Lanz, GX Jupitter-Larsen und Mike Dando ihre Gehirne mit einem Radioelektroenzephalografen (EEG), ein Gehirnwellentransmitter, an eine Beschallungsanlage zu verdrahten. Die elektrischen Impulse ihrer Gehirne erzeugen Signale, die in einen elektroakustischen Frequenzbereich übertragen werden. Zu hören sind Hirnströme, die sich durch Spannungsschwankungen bzw. durch die jeweilige Geistestätigkeit verändern. Die Gehirnwellenaktivitäten können dabei Muster aufweisen welchen rhythmischen Motiven gleichen. Rauschen, Feedbacks, Pfeifen, organisches Dröhnen und oszillierende Klickgeräusche im niederfrequenten Hörbereich bis hin zur hochfrequenten Schmerzschwelle lassen dabei einen jeweiligen Bewusstseinszustand ertönen. Was wie eine neurologische Untersuchung in einer psychiatrischen Abteilung eines Hospitals abläuft, ist eine Live Musik Performance auf dem «Extreme Rituale Schimpfluch Karneval». Das Konzert für Hirnwellen fand am Abend des 2.12.2012 in Bristol, UK statt. An diesem Abend entsteht eine denkwürde Musikaufnahme – «Wellenfeld. Concert for Brainwaves» [Fragment Factory 31]. Als sich die Schimpfluch-Gruppe vor über 25 Jahren in Zürich formierte versuchten sie mit psycho-physischen Praktiken, Ritualen, Tests und Methoden Zugänge zu den unbewussten Räumen des menschlichen Bewusstseins zu kartographieren. Toninstallationen mit Naturtönen und extremster Akustik, verstörende Filme und Fotografien über die Entgrenzung des menschlichen Körpers, ekstatische und tantrische Performances zeugen davon. Die Artefakte der Gruppe sind auch zugleich Pforten in traumatische Weiten und Abgründe menschlicher Existenz. Auch die eigenartige Mischung der akustischen, nummerischen und begrifflichen Konzeptkunst Jupitter-Larsens, welche mittels einer eigens entworfenen Maßeinheit die Entfernung und Getrenntheit von Entropien, Leer- und Zwischenräumen erforscht, oder die Arbeiten von Mike Dando, die sich mit sozialen Konflikten und politischer Kontrolle beschäftigen sind Teile dessen. Quellen der akustisch verstärkten und dadurch hörbar gemachten Spannungsschwankungen der jeweiligen Gehirnaktivitäten sind physiologische Vorgänge einzelner Gehirnzellen, welche sich anhand ihrer spezifischen räumlichen Anordnung im Gehirn willentlich potenzieren lassen, so dass sich über die Kopfhaut Potentialänderungen ableiten lassen. Die willentliche Manipulation von Gehirnwellen kann durch Imagination, visuelle oder akustische Reizüberflutung oder Reizdeprivation verstärkt werden. Im psychogeographischen Relief, das durch das EEG grafisch dargestellt werden kann bzw. das durch «Wellenfeld» gezeichnet wird, ist das Ausmaß der individuellen Erzeugung eines subjektivierten Stromes nur schwer auszumachen. Die Sounds der kollektiven Gehirnwellenaktivitäten morphen, mykorrhizieren, überlagern sich zu gemeinschaftlichen Fäden und Strömen bis die akustisch verstärkten und so wahrnehmbaren Vibrationen, Hörflächen entstehen lassen, die auf bestimmte Symptome von Bewusstseinszuständen hinweisen: In der empirischen Forschung zu Bewusstseinszuständen deuten Gehirnströme im Alpha-Bereich von 8 Hz-12 Hz auf Zustände leichter Entspannung und im Bereich von 21-38 Hz auf Zustände von Horror, Stress oder Angst hin. Der Theta-Bereich von 3 Hz–8 Hz zeigt meditative Zustände an. Die niedrigste Frequenz im Delta-Zustand bis 0,4 Hz weist auf hypnagoge Zustände in Form von Trance oder Hypnose hin. Der Gamma-Bereich, der sich zwischen 40 Hz und 80 Hz bewegt ist allerdings wegen seiner niedrigen Amplitude und aufgrund unzureichender Messinstrumente noch wenig erforscht. Vermutet werden in diesem Bereich Zustände konzentrierter und intensivster Anstrengungen als auch die Verarbeitung von Perzepten; Sinneswahrnehmungen, die Art der Wahrnehmung sowie Wahrnehmungsinhalte. Psychedelische oder transzendente Erfahrungen in Form von Verlust des Ich-Gefühls, Gestaltwechsel oder Verschmelzungserlebnissen werden mit diesem Bereich in Verbindung gebracht. Der Sound von «Wellenfeld» lässt sich mit dem beschreiben was Deleuze und Guattari das molekulare Unbewusste nennen – die Verbindung von Wunsch und Maschine und das Eindringen mit einem organlosen Körper in einen glatten Raum, welcher die individuelle Personalität defundiert. Die Protagonisten bilden sozusagen eine mit ihrer eigenen Montage verschmolzene Identität, die verstreute und nicht-lokalisierbare Fragmente absondert, die sich wiederum auf andere aufsetzen und Ströme assoziierter Felder ableiten, «die aus der Entfernung transversale Konnexionen, inklusive Disjunktionen, polyvoke Konjunktionen induzieren und derart in einer verallgemeinerten Schizogenese, deren Elemente die Spaltungsströme sind, Entnahmen, Abtrennungen und Reste mit Individualitätsübertragungen produzieren» (Deleuze/Guattari 1977: 370). Spannend bleibt die Frage, welche Zustände und Wunschregungen die Spannungsschwankungen entstehen lassen. Bilder von Wüsten, durch Winde erzeugte Wellenbewegungen von Wasser, Schnee und Sand, Grundrisse von städtischen Räumen, Diffusionen von organischen Materialien…

Was ist zu hören, wenn chaosmische Krämpfe, geometrische Halluzinationen kristalliner Entitäten oder fraktale Visionen von Chrysanthemen ausgelöst von LSD, DMT, Psilocybin oder Meskalin zum emergieren heterogener Komplexionen und zur Deterritorialisierung des Egos hinzugenommen würden. Würden sich dadurch «figurale Verschiedenheiten ablegen und sich innerhalb eines selben Sein-Nicht-Seins homogenisieren»? (Guattari 2014: 140). Vielleicht gingen Eb.er, Lanz, Jupitter-Larsen und Dando aber einfach nur mit einem Liedchen im Kopf an diesem Tag aus dem Haus, kamen vom Kurs ab, bis sie sich auf Irr-Linien mit Windungen, Verknotungen und Gebärden, auf oszillierenden Linien wiederfanden und organlos wurden. Vielleicht liegt auch hierin die disjunktive Negentropie von «Wellenfeld». Was man sich vorstellt «liegt nicht in dem, was man hört, was man hört, sucht man vergeblich in den Bildern» (Szepanski http://edition-mille-plateaux.de/elektronische-musik-deleuze-laruelle/ ). Im diesem namenlosen Dazwischen entsteht das Wellenfeld. Wer hier Krach oder Störgeräusche wahrnimmt ist noch in einen traditionellen Kontext von Musik und territorialen Vorstellungen von Rhythmus und Ordnung eingebunden. Die Musik, die hier entsteht bedient sich nicht aus Artefakten von Instrumenten oder Samples. Hier entsteht eine radikale Cyborg-Musik – eine Deterritorialisierung dessen was mit Johann Sebastian Bach begann – eine mit künstlichen Prothesen erzeugte non-Musik, ein ultraschwarzer Sound. In Momenten der Trübung bedroht die Dunkelheit am stärksten die Bindungen, die uns heute noch an territorialisierte Wahrnehmung der Welt fesseln. Indem aber Sound radikal immanent zu sich selbst prozessiert, wird er politisch. Als solcher wird er erst fähig, «sich im und mit dem Außen zu treffen» (Szepanski https://non.copyriot.com/force-inc-ultrablack-in-music/). Mehr noch, die Taktiken, Methoden und Techniken des Organlos-Werdens sind nützlich für die Zerstörung dieser territorialisierten Welt. Sie schaffen Vielheiten und eine Chaosmose in der viele Welten Platz haben. Solche Deterritorialisierungen entfesseln Bewegungen, die aufhören «irdisch zu sein, um kosmisch zu werden: (…) wenn der Gesang der Vögel den Kombinationen von Wind, Wasser, Wolken und Nebel weicht. ‚Draußen, der Regen und der Wind´…Der Kosmos als ein gewaltiges deterritorialisertes Ritornell» (Deleuze/Guattari 1992: 446).

Literatur

Althusser, Louis (1977). Ideologie und ideologische Staatsapparate. Hamburg/Westberlin: VSA.

Althusser, Louis (2010). Materialismus der Begegnung. Zürich/Berlin: Diaphanes.

Artaud, Antonin (1967). Die Nervenwaage. Berlin: Henssel.

Burroughs, William S. (1964). Auf der Suche nach Yage. Ein Briefwechsel. München: Limes.

Cox, Christopher (2003). Wie wird Musik zu einem organlosen Körper? Gilles Deleuze und experimentale Elektronika. In: Kleiner, Marcus S. / Szepanski, Achim (Hg.); Soundcultures. Über digitale und elektronische Musik. Frankfurt: Suhrkamp. 162–193

Deleuze, Gilles (1993). Logik des Sinns. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.

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Reflexionen über die Pest https://non.copyriot.com/reflexionen-ueber-die-pest/ Tue, 07 Apr 2020 05:56:46 +0000 https://non.copyriot.com/?p=12984

beginnen wir hier. weil alles andere keinen sinn machen würde. reden wir von hier. unser ohnmacht, unser perspektivlosigkeit. unseren worthülsen, unseren leeren gesten. reden wir von dem lächeln, dass aus unseren gesichtern gewichen ist, reden wir vom grau das sich tief in unsere Seelen gefressen hat. reden wir von der monotonie unserer politischen diskussionen. reden wir davon, dass wir uns unsere eigenen versprechungen nicht mehr glauben. reden wir davon, dass wir nur noch irgendwie durchhalten, ohne aussicht auf veränderung.

winter is coming - 2018

Eigentlich hat sich nicht geändert. Alles und gleichzeitig nichts. Alle sehnen sich danach, dass das Leben wieder erträglich wird, dass der Normalzustand den gegenwärtigen Ausnahmezustand aufhebt. Unabhängig von der Frage, ob dies überhaupt möglich sein wird, und wann, wenn ja, was niemand, wirklich niemand derzeit beantworten kann, bleibt immer noch die Frage offen, warum das Leben etwas zu sein hat, das zu ertragen wäre.

Oder anders gesagt, warum alle es ertragen. Am ersten April - Wochenende haben in Berlin um die 100 Menschen versucht, den Vorgaben des Empires im Ausnahmezustand für demonstrative Meinungsäußerungen gerecht zu werden und einen symbolischen Protest in „sozialer Distanzierung“, also im gegenwärtigen vorgeschriebenen Annäherungsmodus durchzuführen, um auf die Lage der an den Außengrenzen der EU festgehaltenen und internierten Flüchtlinge aufmerksam zu machen. Ihre Aktionen wurde von den Bullen radikal unterbunden, nicht anders als in Hamburg oder Frankfurt, wo ähnliche Aktionen versucht wurden. Journalisten wurden an ihrer Arbeit gehindert und körperlich angegangen.

Das Problem ist, dass jede Empörung über dieses Geschehnisse weder sinnvoll ist, ja sogar auf ein tiefes Missverständnis beruht. Die Regeln des bürgerlichen Staates sind keine Grundrechte, sie sind Ausdruck eines Kräfteverhältnisses. Es ist niemals anders gewesen. Und der derzeitige Ausnahmezustand sollte wirklich die letzten Blauäugigen davon überzeugen, dass sie jederzeit aufgehoben werden können, dass das Vertragsverhältnis zwischen Oben und Unten nur eine Form des Waffenstillstandes darstellt, der jederzeit durch einen Aufstand oder eben wie jetzt, durch einen Ausnahmezustand aufgehoben werden kann.

Die Frage muss sein, warum von unserer Seite in den letzten Jahren so wenig dafür unternommen wurde, in diesem Kräfteverhältnis etwas zu unseren Gunsten zu erreichen. Warum man die gleichen bleichen Gesichter sieht, ob man zur Rush Hour in die S Bahn steigt oder ein Treffen der radikalen Linken in Berlin besucht. Warum die Gelegenheiten, gemeinsam und in großer Anzahl, das Leben zu leben, so selten ergriffen werden, warum so selten die Ohnmacht kollektiv aufgehoben wurde. Warum wir mit dem Rücken zur Wand stehen, schon vor der Pandemie, und warum wir uns so sehr daran gewöhnt haben.

Um es dem Teil recht zu machen, dem die ganzen Diskussionen auf der Metaebene aus berechtigten oder unberechtigten Gründen auf die Nerven geht, hier nun etwas konkretes: Wir erinnern uns, es ist erst wenige Wochen her, die Lage der Flüchtlinge, die auf den griechischen Inseln interniert sind, sowie Derjenigen an der griechisch- türkischen Grenze, hatte sich zugespitzt, bundesweit wurde zu Aktionen aufgerufen. In Berlin versammelten sich um die 4000-5000 Menschen am Bundeskanzleramt und zogen von dort aus durch das Regierungsviertel in Richtung griechisches Konsulat an der Friedrichstraße. Anfänglich nur von einer Einsatzhundertschaft der Berliner Polizei begleitet. Unter den Tausenden war bestimmt mindestens die Hälfte der Berliner „Szene“ anwesend. Man zog also vorbei an den Institutionen, die direkte Verantwortung für das Elend der Flüchtlinge in den Lagern und an der EU Außengrenze haben und weit und breit war kein Bulle in Sicht. Aber kein Farbei fand den Weg an die Mauern der Macht, keine gesprühte Parole verkündete hinterher davon, dass hier etwas stattgefunden hätte. Von ganz anderen Dingen ganz zu schweigen.

Über das warum ist alles gesagt worden in den letzten Jahren, es gibt dem nichts mehr hinzufügen. Jeder und jede weiß, wie ganz anders sich ein Abend anfühlen kann, wie das Lächeln zurückkehren kann auf die Gesichter unseres traurigen Haufens. Um den Bogen zu schlagen zu der heutigen Übersetzung könnte man sagen, dass der Pandemie Ausnahmezustand nur etwas sichtbar macht, an die Oberfläche bringt, was eh schon die ganze Zeit dagewesen ist. Darin unterscheidet sich die Situation der radikalen Linken nicht von derjenigen der Gesellschaft, die grundsätzlich zu verändern sie vorgibt. Die Lust, mit der sie sich zu großen Teilen dem Diktat der Staates und seiner Experten (genau jene, die noch vor Wochen ganz andere Einschätzungen als jetzt vertraten) unterwirft, zum glühesten Anhänger der umfassenden Quarantäne wird, lässt sich nur auf einer metaphysischen Ebene erklären, jenseits aller materialistischen Bedingungen.

Reflexionen über die Pest - Giorgio Agamben

Die folgenden Überlegungen betreffen nicht diese Seuche, sondern das, was wir über die Reaktionen verstehen sollten, die sie bei den Menschen auslöst. Es geht also darum, über die Leichtigkeit nachzudenken, mit der sich eine ganze Gesellschaft damit abgefunden hat, die Pestilenz zu erleben, sich zu Hause zu isolieren und ihre normalen Lebensbedingungen, ihre Arbeitsbeziehungen, ihre Freundschaft, ihre Liebe und sogar ihre religiösen und politischen Überzeugungen zu suspendieren. Warum gab es nicht, wie es vorstellbar war und wie es in solchen Fällen üblich ist, Proteste und Widerstände? Die Hypothese, die ich vorschlagen möchte, ist, dass die Pest in gewisser Weise, und doch unbewusst, bereits vorhanden war, dass die Lebensbedingungen der Menschen offensichtlich so geworden waren, dass es ausreichte, dass ein improvisiertes Zeichen sie als das erscheinen ließ, was sie waren, nämlich unerträglich, wie eine Pest. Und dies ist gewissermaßen die einzige positive Tatsache, die sich aus der gegenwärtigen Situation ableiten lässt: Es ist möglich, dass die Menschen später anfangen, sich zu fragen, ob ihre Lebensweise die richtige war.

Und was nicht weniger wert ist, darüber nachzudenken, ist die Tatsache, dass die Situation die Bedürfnisse nach Religiosität deutlich macht. Ein Hinweis darauf findet sich im hämmernden Diskurs der Medien: die dem endzeitlichen Vokabular entlehnte Terminologie, die vor allem in der amerikanischen Presse zwanghaft das Wort "Apokalypse" zur Beschreibung des Phänomens verwendet und oft explizit das Ende der Welt heraufbeschwört. Es ist, als ob das religiöse Bedürfnis, das die Kirche nicht mehr zu befriedigen vermag, nach einem anderen Ort zum Leben sucht und ihn in dem findet, was zur Religion unserer Zeit geworden ist: der Wissenschaft.

Das kann, wie jede Religion, Aberglaube und Furcht hervorrufen oder zumindest dazu benutzt werden, sie zu verbreiten. Noch nie haben wir das typische Spektakel der Religionen in Krisenmomenten so deutlich beobachten können: unterschiedliche und widersprüchliche Meinungen und Vorschriften, die von der ketzerischen Minderheitsposition (obwohl sie von angesehenen Wissenschaftlern vertreten wird), die die Schwere des Phänomens leugnet, bis hin zum dominierenden orthodoxen Diskurs reichen, der das Phänomen bejaht und dennoch radikal von der Art und Weise abweicht, wie ihm begegnet wird. Und wie immer in solchen Fällen gelingt es einigen Experten oder so genannten Experten, sich die Gunst des Monarchen zu sichern, der, wie in Zeiten der religiösen Streitigkeiten, die das Christentum spalten, nach seinen eigenen Interessen für die eine oder andere Strömung Partei ergreift und seine Maßnahmen durchsetzt.

Eine weitere Sache, die zum Nachdenken anregt, ist der offensichtliche Zusammenbruch aller gemeinsamen Überzeugungen und des Glaubens. Es scheint, als ob die Menschen an nichts mehr glauben - außer an die nackte biologische Existenz, die unbedingt gerettet werden muss. Aber auf die Angst, sein Leben zu verlieren, kann man nur eine Tyrannei, einen monströsen Leviathan mit gezücktem Schwert stützen.

Deshalb glaube ich nicht, dass es - wenn der Notstand, die Pest, für beendet erklärt wird, wenn sie vorbei ist - für diejenigen, die sich ein Minimum an Klarheit bewahrt haben, möglich sein wird, zum früheren Leben zurückzukehren. Und das ist zweifellos das Verzweifelndste, auch wenn, wie bereits gesagt wurde, "nur dem, der die Hoffnung verloren hat, Hoffnung gegeben wurde".

Anmerkungen

Dieser Text von Giorgio Agamben erschien auf Quodlibet, die Übersetzung erfolgte aus der französischsprachigen Version, die auf Lundi Matinerschien. Seit seiner Stellungnahme auf il manifesto zu den gesellschaftlichen Verwerfungen infolge der Corona Pandemie (englische Übersetzung hier) sind seine Thesen ein wichtiger Referenzpunkt in den Diskussion der italienischen und französischen Linken. In einem ‘Le Monde’ Interview Ende März 2020 erläuterte er erneut seine grundsätzlichen Überlegungen (englische Version hier)

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Über Quarantänen, Oikonomia und das Clinamen https://non.copyriot.com/ueber-quarantaenen-oikonomia-und-das-clinamen/ Sun, 05 Apr 2020 11:35:08 +0000 https://non.copyriot.com/?p=12974

Einleitung

Im Folgenden finden sich zwei Texte. Der größte Teil des ersten, «Gegen Quarantäne» wurde Ende Januar geschrieben und Mitte Februar erstmals im New Inquiry publiziert. Der zweite, viel kürzere Text wurde Mitte März als Postskriptum zu Contract and Contagion: From Biopolitics to Oikonomia (2012) geschrieben.[1] 

Der erste Text befasst sich mit dem zunehmenden Rückgriff von Regierungen auf Quarantänemaßnahmen. Er thematisiert, dass Quarantänen in der Verlangsamung der Ausbreitung des Virus unwirksam sind, aber durchaus wirksam darin, ein rassifiziertes Verständnis von Gesundheit und Krankheit zu fördern, und darüber hinaus eines, das gleichzeitig mit privatisierter Gesundheitsversorgung und autoritärer Regierung einhergeht.

Der Schwerpunkt auf Grenzschließungen und Reiseverbote diente als Ablenkung von wirklich wirksamen Maßnahmen, wie weitangelegten Tests, Fallisolation, Erhöhung der Kapazität und Abdeckung der Gesundheitsversorgung, Information bezüglich Händewaschen, Distanzierung und dem Verwenden von Masken. Dass eine Reihe von Regierungen diese Maßnahmen nicht priorisierte, ist nichts anderes als rassistisch-bedingte Selbstgefälligkeit; so als ob Europäer*innen gegen das immun wären, was als «chinesisches Virus» wahrgenommen und beschrieben wurde.

Was ich zu der Zeit, als der erste Text geschrieben wurde, bei aller Differenzierung im Text nicht vorhergesehen habe, ist das Ausmaß, indem einige darauf bestehen, Fallisolation und Quarantäne durcheinander zu bringen. Fallisolation ist abhängig von weitangelegten Tests und Infrastrukturen der Sorge. Quarantänen behandeln Geographie als Stellvertreterin für die Identifikation von Infektionen. Die schrecklichen Umstände auf Kreuzfahrtschiffen (wie der Diamond Princess vor Yokohama) oder diejenigen von Menschen in Gefängnissen und Internierungslagern sollen als eindringliche Warnung davor dienen, die Isolation und Pflege bestätigter Fälle nicht mit Maßnahmen zur Eindämmung der Ausbreitung von Infektionen zu verwechseln.

Zu den Details in diesem Text: Inzwischen weiß man, dass die Anzahl der Patient*innen mit vorhergehenden Gesundheitsproblemen im Jinyintan-Spital in Wuhan auf etwa 90% angestiegen ist (gegenüber den unten genannten 50%). Zudem ist Gegenstand laufender Debatten, wie lange, bevor sich Symptome zeigen, eine mit dem Virus infizierte Person ansteckend ist.

Es ist wichtig, in der Unterscheidung zwischen Quarantäne und Fallisolation genau zu sein, nicht zuletzt, weil der Hauptgegensatz derzeit zwischen denen liegt, die Leben retten wollen, und denen, die einen Lebensstil verteidigen oder das Leben anderer für «die Wirtschaft» opfern wollen.

Das einzige, was im ersten Text gegenüber dem Original geändert wurde, ist die Übernahme einer aktuelleren Nomenklatur: Sars-CoV2 (das Virus) hat Covid-19 (der Name der Krankheiten, die mit dem Virus in Verbindung gebracht werden) ersetzt.

Der zweite Text – das Postskriptum – mag für diejenigen, die das Buch Contract and Contagion nicht gelesen haben, opak erscheinen, unterstreicht aber nichtsdestoweniger das Ausmaß, in dem viele Regierungen zunehmend versuchen, die Risiken von Krankheiten und die Lasten der Gesundheitsversorgung auf private Haushalte zu verschieben – das heißt: eine Beschleunigung der endogenen Umkehr vom Neoliberalismus zum Faschismus, wie sie in Contract and Contagion beschrieben wird. Die Abflachung der epidemiologischen Kurve (der Infektionsrate) ist entscheidend, aber dies ohne wachsende Infrastrukturen der Sorge umzusetzen bedeutet einfach, die Last auf die ungleichen Grundlagen ererbter familiärer Vermögen zu verschieben, ganz zu schweigen von den vergeschlechtlichten und rassifizierten Arbeitsteilungen, die dem zugrunde liegen, was des Öfteren als die Arbeit der sozialen Reproduktion beschrieben wird.

Der Text spielt kurz auf das wachsende Selbstverständnis von malthusianischen und ökofaschistischen Antworten an – Rufe nach einer «Auslese» der Schwächeren, für Opferungen im Namen «der Wirtschaft» oder für Entvölkerung und totale Verfügbarkeit. Solche Anrufungen müssen zurückgewiesen werden, aber man sie nicht entschieden bekämpfen, wenn man in oikonomische (nationalistische, rassifizierte oder vergeschlechtlichte) Lesarten zurückfällt, die ihre Annahmen darüber teilen, was unter «der Wirtschaft» zu verstehen ist. Dies erfordert eine andere Art von Abweichung und eine Erinnerung daran, dass kein Streik eine Massendemonstration erfordert, um effektiv zu sein.


Gegen Quarantäne. Wie Reaktionen auf das neue Coronavirus Krankheiten territorialisieren und von einem Virus profitieren (Januar 2020)
Die genetische Identifizierung eines neuartigen Stammes des Coronavirus (2019-nCoV) im chinesischen Wuhan anfangs Dezember 2019 scheint einen weltweiten Rückgriff auf Quarantänemaßnahmen etabliert zu haben. Wuhan, eine Stadt mit mehr als 11 Millionen Einwohner*innen, wurde in eine Ausgangssperre versetzt, Grenzen wurden geschlossen und etliche Regierungen haben selektive Reisebeschränkungen und verbote auf Grundlage der Staatsbürger*innenschaft und des rechtlichen Status eingeführt – einschließlich der Aussetzung von Visa für alle mit einem chinesischen Pass.

NCoV – inzwischen umbenannt in Sars-CoV2 – ist ein ernsthaftes Gesundheitsproblem, insbesondere für diejenigen, die bereits an chronischen Erkrankungen und Atemwegsbeschwerden leiden. Die Effektivität von Quarantänen ist jedoch zweifelhaft und wirft die Frage auf, welchen Wert Quarantänen haben, wenn nicht denjenigen der öffentlichen Gesundheit.

Es liegt ein politischer Wert in der Quarantäne für diejenigen, die unbedingt glauben, dass die Reinheit der biologischen «Rasse» ein gesunder Zustand wäre. Es liegt aber auch ein finanzieller Wert darin, einen sozialen Ansatz für Gesundheit und Krankheit durch ein selektives, nationalistisches Modell zu ersetzen, das der Entwicklung patentierter Behandlungen und privater Krankenversicherungen förderlich ist.

Bei einigen dient die Quarantäne als Instrument zur Popularisierung von Xenophobie und dem Ruf nach ethnonationalistischer Spaltung. Die Regierung der Vereinigten Staaten hat ein Reiseverbot verhängt, oder genauer gesagt, sie hat ihre Besessenheit, die Bewegungen nicht-weißer Menschen einzuschränken, erheblich ausgeweitet. Ausgehend von einer langen Geschichte antichinesischer Ressentiments hat die australische Regierung die Einreise von Nicht-Staatsbürger*innen aus China verboten und vorgeschlagen, australische Staatsbürger*innen, von denen viele nach China gereist sind, um Neujahr mit Verwandten zu feiern, direkt zu deportieren und für eine gewisse Zeitspanne im Internierungslager auf Christmas Island einzusperren. Während große Spitäler auf dem Festland dafür ausgerüstet sind, mit schweren Krankheiten und Pandemien umzugehen, ist das im Internierungslager auf der Insel nicht der Fall. Wer da in Quarantäne erkrankt, muss zur Behandlung in jedem Fall in ein großes städtisches Krankenhaus geflogen werden. Die Auswirkungen dieser Politiken auf rund 200.000 Studierende (von denen ein Teil für das neue akademische Jahr in Australien aus China zurückkehrt) sind unklar, werden aber enorm sein. Einige Universitäten auf der Welt haben eine Zeitspanne der Einsperrung im Wohnheim vorgeschrieben; andere, wie die UC Berkeley, gaben Warnhinweise heraus, die Xenophobie als verständliche Reaktion nahelegten (diese Warnhinweise wurden inzwischen unter Druck zurückgenommen).

Analog zum außergesetzlichen Ansatz der australischen Regierung hat die philippinische Regierung die Nutzung militärischer Einrichtungen auf Caballo Island und Fort Magsaysay als Quarantänezonen vorgeschlagen. Die russische Regierung hat zudem die «Abschiebung von ausländischen Staatsbürger*innen, die so eine Krankheit haben» angedroht. Diese Benutzung des Status der Staatsbürger*innenschaft als Platzhalter für die Erkennung von Sars-CoV2 soll wahrscheinlich Nicht-Staatsbürger*innen davon abhalten, Behandlung für entsprechende Symptome zu suchen – es ist aber jedenfalls unklar, wie Abschiebung die Ausbreitung des Virus minimieren könnte.

Diese Praktiken heben hervor, was Howard Markel als «aggressives Leidpotenzial der Quarantäne » bezeichnet.[2] Das Leid wird – wie Markel in seiner Geschichte der Behandlung osteuropäischer jüdischer Einwanderer*innen in New York Ende des 19. Jahrhunderts zu verstehen gibt – für diejenigen verschärft, die sich zufällig auf der «anderen» Seite einer Quarantänegrenze befinden. Die Ausbreitung kann jedoch nie entlang dieser Linien eingeschränkt werden, da ein Virus weder einer bestimmten Personengruppe entspricht, noch durch ein Reisepass identifiziert werden kann.

Während die Weltgesundheitorganisation Sars-CoV2 als schwerwiegenden Gesundheitsnotstand deklarierte, riet sie von der Schließung von Grenzen als wirksamem Mittel zur Bekämpfung des Virus ab. Sie warnte davor, dass «das Schließen der Grenzen zur Eindämmung der Übertragung des tödlichen, neuartigen Coronavirus aus China vermutlich wirkungslos gewesen ist und dass es sogar seine Ausbreitung beschleunigen könnte», auch weil Strafmaßnahmen es dem Pflegepersonal sehr viel schwerer machen, die Fälle zu behandeln und die Ausbreitung der Erkrankungen zu verfolgen.[3]

Die Internierung von Migrant*innen ging aus den miteinander verflochtenen Geschichten und Techniken der Quarantäne und des Gefängnisses hervor. Während des 20. Jahrhunderts ist die Verwendung des cordon sanitaire als Maßnahme für die öffentliche Gesundheitsversorgung größtenteils verschwunden – sie wurde in landwirtschaftliche Protokolle in Häfen und Flughäfen verbannt, bestand allerdings s metaphorisches Accessoire der Rassifizierungspolitik weiter.[4]

Der cordon sanitaire erscheint seit dem Ende des 20. Jahrhunderts an der Schnittstelle einer Reihe von Veränderungen wieder . Nach Jahrzehnten des Rückgangs der sozialen Begrifflichkeit und Behandlung in Bezug auf Gesundheit und Krankheit, oder auch: nach der Privatisierung des Gesundheitswesens und der Vergesellschaftlichung der Krankheiten taucht er wieder auf. Darüber hinaus hat die Entwicklung der Genomsequenzierung und der Bioinformatik die Identifizierung neuer Virusstämme ermöglicht. Während aber die genetische Identifizierung zur Entwicklung von Therapien für einige Krankheiten wichtig sein mag, impliziert diese Möglichkeit, neue Stämme zu identifizieren und zu kartieren keine postmoderne Beschleunigung mikrobischer Mutationen. Und nicht zuletzt hat das Wiederaufleben der Rechtsaußenpolitik um Ethnonationalismus und anti-migrantische Vorurteile der Einbildung Vorschub geleistet, dass biologische Reinheit eine Bedingung für Gesundheit und Leben sei.

Im Folgenden möchte ich vier miteinander verbundene Punkte unterstreichen:

Erstens sind Behauptungen, dass Quarantänen die Ausbreitung von Viren wie dem Sars-Cov2 wirksam eindämmen oder die Überlebensraten verbessern, umstritten. Die allgemeine Ansicht ist, dass sie kontraproduktiv sind.

Was die Ästhetik betrifft, die die scheinbare Dringlichkeit von Quarantänemaßnahmen stützt: mathematische Ansteckungsmodelle können dramatische, spekulative Visualisierungen von fraktalen Ausbreitungen liefern, die durch die mutmaßlich dichten Linien der nationalen Grenzen gehemmt werden können – aber das sind keine in der wirklichen Welt in Feldversuchen getestete Übungen. In ähnlicher Weise wurden Begriffe und Zahlen zur Beschreibung neu auftretender übertragbarer Krankheiten zu Quellen von Falschinformationen, wie etwa die Basisreproduktionszahl[5] R0. Von Forscher*innen als nützliche, aber provisorische numerische Schätzung zur Entwicklung von Hypothesen über Infektionsraten gehandhabt, wurde die anfängliche Verbreitung eines solchen R0 auf Socialmedia aufgenommen, als wäre es der Beweis einer sich entfaltenden Apokalypse. Darüber hinaus wurde zwischenzeitlich die Verwendung nicht-symptomatischer Platzhalter (wie die Nationalität) als Mittel, Sars-CoV2 zu entdecken, gefördert. Zentral war hier die Veröffentlichung eines Berichts, in dem suggeriert wurde, dass Übertragung ohne Symptome möglich sei, jedoch hatte die Studie «nachweislich schwerwiegende Mängel und Fehler enthalten» und die Schlussfolgerungen erwiesen sich als falsch[6]

Andere Maßnahmen als die Quarantäne haben sich als weitaus effektiver erwiesen, um eine weite Verbreitung der Ansteckung abzuwenden. In einer ausführlichen Überprüfung der Forschung zur vergleichenden Effektivität einer Reihe von Maßnahmen (abgesehen von Impfstoffen und antiviralen Medikamenten), um die Übertragung von Atemwegsviren zu verhindern – Screening am Zoll, medizinische Isolation, Quarantäne, social distancing, Barrieren, persönlicher Schutz und Handhygiene – erwiesen sich die Verwendung von chirurgischen Masken und reguläres Händewaschen als beständigstes wirksames Set physischer Maßnahmen.[7] Die Untersuchung ergab zudem, dass die medizinische Isolation von Patient*innen mit Symptomen wichtig ist, dass jedoch «globale Maßnahmen, wie das Screening am Zoll nur zu einer nicht-signifikanten, geringfügigen Verzögerung führten».

Wie eine Wissenschaftlerin vom John Hopkins Center for Health Security es ausdrückte: «Niemand soll meinen, dass es keine weiteren Fälle geben wird», nur weil es ein Reiseverbot gibt.[8]

Doch selbst wenn man der zweifelhaften Annahme zustimmen würde, dass die Übertragung von Krankheiten durch territoriale Einschränkungen der Mobilität der Menschen gestoppt (oder in nennenswerter Weise gehemmt) werden könnte, würde die genomische Identifizierung eines neuen Virenstamms – zwar beschleunigt durch die Einführung einer automatisierten Genomsequenzierung – unverändert erst nach seinem Erscheinen auftreten. In jedem Fall stellen der Aufwand und der Fokus auf Restriktionen der Quarantäne tendenziell einen Abzug von Ressourcen weg von Maßnahmen dar, die sowohl unmittelbar als auch längerfristig effektiver sein dürften.

Das heißt: Quarantänen verschärfen häufig die Gefahren des Virus, da sie die Illusion fördern, dass die Isolation eines Virus gleichbedeutend ist (oder zu erreichen ist) mit der territorialen Einsperrung von Personengruppen, deren Einsperrung nicht davon abhängig ist, ob diese Symptome haben oder bei ihnen eine Krankheit diagnostiziert wurde, sondern durch eine angeblich präventive Maßnahme, die Nationalität und Geographie als Platzhalter für Gefährdung benutzt.

Zweitens stützt sich der Rückgriff auf Quarantänen auf das biologisch-«rassische» Verständnis von Nationen als abgesonderte organische Einheiten und verdrängt ein soziales Verständnis von Gesundheit und Krankheit. Quarantänen befördern die Imagination eines Konflikts zwischen der Erhaltung vermeintlich klar-definierter biologischer Kategorien (der Mensch, die Familie, die Nation, die «Rasse») und der viralen Verbreitung von grenzüberschreitenden Ansteckungen.

Es ist allerdings zweifelhaft, ob sich die Menschheit ohne die Spezies-überspringende, rekombinante Wirkung der durch Virusinfektionen übertragenen bakteriellen Genetik überhaupt hätte entwickeln können.[9] Genauer gesagt beinhalten alle Impfstoffe die modifizierte Verabreichung einer Infektion, und die Immunisierung ist nur auf der breitesten (nicht etwa auf der nationalen) Bevölkerungsskala wirksam.

Während einige Medien Wuhans «wet markets» als Schauplatz des Sprungs von Spezies zu Spezies fokussiert haben, werden die Privatisierung des Gesundheitswesens und die Vergesellschaftlichung von schlechter Gesundheit als mitverantwortliche Faktoren sowohl bei der Infektions- als auch der Sterblichkeitsrate weitgehend ignoriert. Wie eine neue Studie zeigt, hatte etwas mehr als die Hälfte der mit Sars-CoV2 infizierten Personen im Jinyintan-Spital in Wuhan ältere chronische Grunderkrankungen – wie Herzkreislauf- oder zerebrovaskuläre Krankheiten, Erkrankungen der Atemwege oder bösartige Tumore.[10]

Darüber hinaus wurde Chinas öffentliches Gesundheitssystem in den 1980er Jahren demontiert.[11] Das passierte in einer Zeit von schnellen, mit fossilen Brennstoffen angetriebenen wirtschaftlichen Veränderungen – und verursachte einen enormen Anstieg von (unbehandelten) chronischen Krankheiten, insbesondere Atemwegs-, Herzkreislauf- und Herz-Lungenkrankheiten in einer Stadt mit einer der schlimmsten Luftverschmutzungen der Welt.[12] Ihre Luftqualität hat einen Jahresdurchschnitt an PM2.5-Konzentration von über 120μg/m3. Zum Vergleich: die WHO hat einen Jahresdurchschnitt von 10μg/m3 festgelegt, über dem bei einer 95 prozentigen Wahrscheinlichkeit die Sterblichkeit - durch Herz-Lungenkrankheiten und durch Lungenkrebs - erwiesenermaßen zu steigen beginnt.[13]

Etwa 97 Prozent der Todesfälle, die Ende Januar weltweit mit Sars-CoV2 in Verbindung gebracht werden, wurden in Wuhan verzeichnet. Chinas dezentralisiertes, kommerziell orientiertes Gesundheitssystem und die mangelhafte Krankenversicherung haben aller Wahrscheinlichkeit nach die Auswirkung jeder einzelnen Erkrankung verschlechtert, wie einige bereits während des Sars-Ausbruchs argumentiert haben.[14]

Möglicherweise stellt der jüngste Bau von gewissen Spitälern eine Anstrengung von Seiten der chinesischen Regierung dar, die Abdeckung von Gesundheitsversorgung und -Versicherung zu erweitern – wenn auch unter der administrativen Kontrolle des Militärs. Halten wir fest: Auch das ist Teil der Entwicklung eines Systems, worin zunehmend prekäre[15] Bevölkerungsgruppen das, was eine normale Gesundheitsversorgung sein sollte, nur durch Teilnahme an experimentellen Notfallprozeduren erhalten können – was ihre Heilungschancen erhöhen kann oder auch nicht, worin sie aber die größten Risiken tragen für (letzten Endes) patentierte Impfstoffe oder andere Medikamente und biotechnische Erfindungen.[16]

Währenddessen stiegen die Aktien eines US-amerikanischen Biotechnologie-Unternehmens namens Gilead Sciences, nachdem berichtet wurde, dass das Unternehmen eine Studie des antiviralen Medikaments (Remdesivir) an etwa 270 Patienten in China beginnen würde, bei denen sich nach der Ansteckung mit Sars-CoV2 eine leichte oder mittelschwere Lungenentzündung entwickelte. Die WHO hat kürzlich darauf hingewiesen, dass es noch keinen Beweis gibt für die Wirksamkeit von antiviralen Behandlungen. Einige Behandlungen mögen sich noch als wirksam erweisen. Gegenwärtig sind das aber Experimente und spekulative Unterfangen, die die Verzweiflung zu ihrem Vorteil nutzen und sich am Wachstum privater Märkte patentierter Medikamente orientieren. Während die Offenlegung von Daten für das Gesundheitswesen entscheidend ist, gibt es jedoch äußerst wenig Beschränkungen (wenn es sie überhaupt gibt) gegen das Data-Mining für kommerzielle Produkte zu in der Folge tieferen Kosten.

Aufgrund dieser und anderer sich gegenseitig verstärkender Systeme liegt ein großer finanzieller Wert darin, ein soziales Gesundheits- und Krankheitsmodell – das ein komplexes Verständnis von Krankheitsübertragung und den Faktoren beeinhaltet, die zu Krankheits- und Sterblichkeitsraten führen– durch ein reduktives Modell zu ersetzen: Letzeres gehorcht der Logik privater Versicherungen sowie der subventionierten Entwicklung patentierter Medikamente oder Therapien und der fortschreitenden Externalisierung von sinkenden Risiken gesundheitsschädigender Industrien und Praktiken, die zu schlechter Gesundheit und Sterblichkeit beitragen.

Drittens senkt daher die Kombination aus erklärtem Notstand, der Einsperrung in Quarantäne und niedrigeren Regulierungsstandards die Kosten für Medikamententests an Menschen erheblich und bläht den Wert und den Markt für patentierte Medikamente auf. Es gibt einen kommerziellen Wert für Biotechnologie und Pharmaunternehmen in  der (spekulierten) Entwicklung von patentierten Impfstoffen, antivirals oder Breitbandantibiotika durch die räumliche Abgrenzung und Immobilisierung einer Schar von Versuchspersonen.

In der Tat ging der Zusammenbruch des öffentlichen Gesundheitswesens in China mit der Einführung eines Systems einher, mit dem es den Spitalverwaltungen erlaubt wurde, «an neuen Pharmazeutika und medizinischen Technologien Profit zu machen (nach starkem Lobbying der entsprechenden multinationalen Konzernen), mit Boni für die involvierte Belegschaft.»[17] Es gibt eine Reihe von Industrien und Praktiken, die aus Quarantänen Gewinn abschöpfen können – das Militär, Haft- und Sicherheitsunternehmen und diejenigen Organisationen, die diese Dinge mit quasi-medizinischen Notfallteams kombinieren.

Zufälligerweise hat die australische Regierung von jeder Person, die auf Christmas Island interniert wurde, verlangt, eine Verzichtserklärung zu unterschreiben – wahrscheinlich eine, welche die Regierung und die privaten Unternehmen, die die Einrichtung verwalten, für den Fall schadlos hält, dass die Internierung zu Infektionen oder anderen gesundheitlichen Problemen führt. Mit anderen Worten: die Quarantäne auf Christmas Island ist nichts anderes als ein Mittel, Personen zu überwachen, die für die durchschnittliche Inkubationszeit von Sars-CoV2 eingesperrt sind – wenn das Virus unter den Inhaftierten vorhanden ist. Es ist schwer zu erkennen, wie diese Praxis etwas anderes sein soll als Methoden, bei denen ein Virus auf eine Gruppe von Versuchspersonen losgelassen wird, dessen Verlauf auf Daten untersucht werden kann – wenn als gegeben vorausgesetzt wird, dass jede Person, die in irgendeiner Weise krank wird, in ein großes Spital auf dem Festland zur Behandlung überführt werden muss.

Viertens und abschließend liegt – für einige – ein politischer Wert darin, einen scheinbaren Konsens über die angebliche Notwendigkeit und Dringlichkeit autoritärer Maßnahmen zu Bevölkerungskontrolle und Einschränkungen der Mobilität zu schmieden, der auf der Stigmatisierung von Gruppen von Menschen durch eine territorial-nationale und folglich rassifizierte Assoziation mit einer Krankheit sowohl gründet als diese auch befördert.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass diese jüngste Geschichte der Quarantänemaßnahmen den cordon sanitaire früherer Jahrhunderte nicht exakt nachbildet. Die praktische Relevanz der Virologie in der Entwicklung der biomedizinischen und pharmazeutischen Industrie bedeutet, dass Quarantänezonen nicht außerhalb von Wertkreisläufen zu liegen kommen, auch wenn die Quarantäne als Mittel der Segregation auftritt. Die gegenwärtige Quarantäne stellt eine Fusion zwischen der autoritären Regierung der Bevölkerung und der Erleichterung und dem Anstieg von privater, selektiver Gesundheitsinfrastruktur dar. Angesichts der Relevanz von Nichtselektivität und Maßstab für die öffentliche Gesundheit lassen sich nationalistische Ansätze im Gesundheitswesen besser als Weg zur Privatisierung der öffentlichen Gesundheit mit anderen Mitteln beschreiben.


Postskriptum zu Contract and Contagion (Vertrag und Ansteckung) (März 2020)

Wenn jedes Haus zu einer Quarantänezone wird und jede epidemiologische Karte für eine korrekte Darstellung der molekularen Ausbreitung gehalten wird, ist die Konvergenz von Neoliberalismus und Faschismus um ein oikonomisches Verständnis von Gesundheit und Krankheit so gut wie vollständig.

Es nahe der Vollständigkeit auszumachen meint aber nicht, dass ein Apparat, in dem, was er vorgibt zu tun, erfolgreich oder wirksam ist. Er besteht als ein Apparat aus einer Reihe von Regeln, Ansätzen und Annahmen, die auf kategorischen Verständnissen des Lebens, biologischer Prozesse und Lebewesen beruhen, die die Welt prägen, indem sie vermessbar gemacht wird, ungeachtet davon, wie falsch ihre Darstellung des Lebens sein mag. Das heißt, dass systematische «Fehler» für ein bestimmtes System zweckdienlich sind. Viel hängt natürlich von den Definitionen der «Wirksamkeit» ab. Die grotesken Szenen, die offen die Aussicht auf «Auslese» beklatschen, haben einen sehr unterschiedlichen Begriff vom Wert ihres eigenen Lebens und demjenigen anderer – seltsamerweise bieten sie sich niemals selbst als Opfer an ihren malthusianischen Gott an.

Trotz alldem war der Apparat im Umgang mit der Verbreitungdes Sars-CoV2-Virus ausgesprochen unwirksam, eines Virus, das wohl die erste, überwältigende biomolekulare Abweichung (oder clinamen) des 21. Jahrhunderts darstellt, deren Ausgang unbestimmt ist, deren Sammlung von Einsätzen aber zugleich nicht intensiver und globaler sein könnte. Was Verträge betrifft, sind auch wilde Streiks eine Art von Abweichung.

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[1] Angela Mitropoulos: Contract and Contagion. From Biopolitics to Oikonomia, Wivenhoe et al.: Minor Compositions 2012, https://monoskop.org/File:Mitropoulos_Angela_Contract_and_Contagion_From_Biopolitics_to_Oikonomia.pdf.

[2] Vgl. Howard Markel: Quarantine! East European Jewish Immigrants and the New York City Epidemics of 1892, Baltimore: Johns Hopkins University Press 1999.

[3] Agence France-Presse: «Closing borders could allow novel coronavirus to spread faster – WHO», Rappler, 31. Januar 2020, https://www.rappler.com/world/global-affairs/250707-closing-borders-could-allow-novel-coronavirus-spread-faster-who.

[4] Vgl. Angela Mitropoulos: Contract and Contagion. From Biopolitics to Oikonomia, Wivenhoe et al.: Minor Compositions 2012, S. 122 und 131ff.

[5] Vgl. Ed Yong: «The Deceptively Simple Number Sparking Coronavirus Fears», in: The Atlantic, 28. Januar 2020, https://www.theatlantic.com/science/archive/2020/01/how-fast-and-far-will-new-coronavirus-spread/605632/.

[6] Vgl. Kai Kupferschmidt: «Study claiming new coronavirus can be transmitted by people without symptoms was flawed», in: Sciencemag, 3. Februar 2020, https://www.sciencemag.org/news/2020/02/paper-non-symptomatic-patient-transmitting-coronavirus-wrong#.

[7] Tom Jefferson et al.: «Physical interventions to interrupt or reduce the spread of respiratory viruses: systematic review», DOI: 10.1136/bmj.b3675.

[8] Vgl. Judy Stone: «Why Travel Bans Don’t Work During An Outbreak Like Coronavirus», in: Forbes, 1. Februar 2020, https://www.forbes.com/sites/judystone/2020/02/01/why-travel-bans-dont-work-during-an-outbreak-like-coronavirus/#289319f353ea.

[9] https://onlinelibrary.wiley.com/doi/full/10.1111/apm.12488

[10] Nanshan Chen et al.: «Epidemiological and clinical characteristics of 99 cases of 2019 novel coronavirus pneumonia in Wuhan, China: a descriptive study», DOI:https://doi.org/10.1016/S0140-6736(20)30211-7.

[11] Pingan Zheng et al.: «Public hospitals in China: privatisation, the demise of universal health care and the rise of patient-doctor violence», Journal of law and medicine, 2006, https://www.semanticscholar.org/paper/Public-hospitals-in-China%3A-privatisation%2C-the-of-of-Zheng-Faunce/de0ad1968eaac3cea8f69d8c94e41bf44c63a130.

[12] Michal Krzyzanowski et al.: «Air Pollution in the Mega-cities», in: Current Environmental Health Reports 1, 2014, https://link.springer.com/article/10.1007/s40572-014-0019-7.

[13] Arden Pope et al.: «Lung Cancer, Cardiopulmonary Mortality, and Long-Term Exposure to Fine Particulate Air Pollution», DOI: 10.1001/jama.287.9.1132.

[14] Vgl. Yuanli Liu: «China’s Public Health-care System: Facing the Challenges», DOI: 10.1590/S0042-96862004000700011.

[15] https://www.metamute.org/editorial/articles/precari-us

[16] Vgl. Angela Mitropoulos: Contract and Contagion, 2012, https://monoskop.org/File:Mitropoulos_Angela_Contract_and_Contagion_From_Biopolitics_to_Oikonomia.pdf.

[17] Pingan Zheng et al.: «Public hospitals in China: privatisation, the demise of universal health care and the rise of patient-doctor violence», Journal of law and medicine, 2006, https://www.semanticscholar.org/paper/Public-hospitals-in-China%3A-privatisation%2C-the-of-of-Zheng-Faunce/de0ad1968eaac3cea8f69d8c94e41bf44c63a130.

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Nach dem Zusammenbruch https://non.copyriot.com/nach-dem-zusammenbruch/ Sun, 05 Apr 2020 07:50:23 +0000 https://non.copyriot.com/?p=12971

Jeder Kuss ein Verbrechen,

jede Umarmung einen Verschwörung

Wir leben in einem Zeitalter des Untergangs der alten Welt. Alle, die sich selbst die wirklichen Fragen gestellt haben, wissen dies schon lange. Manche haben frohlockt (besonders eine anarchistisch-nihilistische Tendenz), andere, deren gesellschaftliche Relevanz sich seit Jahren im freien Fall befindet, bemühen ihre überholten Vorstellungen von einer befreiten Welt, dem Einzug des Messias in Form einer sozialistisch/kommunistischen Weltordnung, so als wenn es die letzten Jahrzehnte nicht gegeben hätte. Als wenn die Wellen der sozialen Aufstände der letzten Jahrzehnte nicht vor allem eine zentrale Aussage gehabt hätten: Das sie nichts zu schaffen haben mit der traditionellen Linken.

Das Empire befindet sich im Endstadium seiner Herrschaft, dass diese Phase eine “blutige” sein wird, musste eigentlich allen klar sein. Schon vor den Tagen der Pandemie, die derzeit einen weltweiten Ausnahmezustand zur Folge hat. Daran hätten auch all die netten friday for future Events nichts ändern können. Nun aber schaltet das Empire innerhalb weniger Tage in einen Pandemie Faschismus Status ohne auf einen nennenswerten Widerstand zu stoßen. Von wem auch? Eine radikale Linke hat sich schon vor langer Zeit selbst entwaffnet, die soziale Konfliktualität, die sich in den weltweiten Riots äußert, hat kein organisiertes Kraftfeld, dass innerhalb der militärischen Logik des Gegners operieren kann. Denn es ist Krieg. Man muss das endlich ernst nehmen. was fast alle von Macron bis Trump verkünden (Und natürlich der deutsche Sonderweg, hier heisst die Ausgangssperre ja auch nicht Ausgangssperre, sondern Kontaktverbot, was Übrigens auch an Stammheim und Vernichtungshaft erinnert, aber den Begriff des Krieges vermeidet man hier aus “historischer Rücksicht”).

Es ist Krieg, es ist ein Krieg des Empires im Endstadium, und deshalb geht es nicht um “Grundeinkommen, solidarische Nachbarschaften, auf die man aufbauen kann” oder was auch immer. Die Welt wird nicht mehr das sein, was sie war, oder sollte man nicht besser sagen, was sie vorgab zu sein. Wobei die rosarote Version des Empires ja eh bedeutungslos für alle jene Abermillionen von Menschen war, die ohne Aussicht auf “Luxus für alle” in den Minen des Empires schuften, bis sie einfach tot umfallen. Die Welt wird nicht zu einer Dystopie, sie ist schon lange eine. Was kann an ihrer statt folgen, was wird dieser Dystopie folgen, oder wird sie so lange herrschen, bis der Mensch nur noch im genetischen Gedächtnis der Mücken vorhanden ist?

Eine rohe Schnellübersetzung radikaler Fragen und Thesen von Franco “Bifo” Berardi.

Nach dem Zusammenbruch: Drei Ausblicke

Plötzlich muss das, was wir in den letzten fünfzig Jahren gedacht haben, von Grund auf neu überdacht werden. Gott sei Dank (ist Gott ein Virus?) haben wir jetzt reichlich zusätzliche Zeit, weil das alte Geschäftsprinzip nicht mehr gilt.

Ich werde etwas zu drei verschiedenen Themen sagen. Erstens: das Ende der Menschheitsgeschichte, das sich eindeutig vor unseren Augen abspielt. Zweitens: die anhaltende Emanzipation vom Kapitalismus und/oder die drohende Gefahr des Techno-Totalitarismus. Drittens: die Rückkehr des Todes (endlich) auf den Schauplatz des philosophischen Diskurses, nach seiner langen modernistischen Verleugnung, und die Wiederbelebung des Körpers als Dissipation.

1. Viecher (Critters)

Nummer eins: Die Philosophin, die die anhaltende virale Apokalypse am besten vorausgesehen hat, ist Donna Haraway.

In “Staying with the Trouble” suggeriert sie, dass der Akteur der Evolution nicht mehr der Mensch ist, der das Thema der Geschichte ist.

Der Mensch verliert in diesem chaotischen Prozess seine zentrale Bedeutung, und wir sollten deshalb nicht verzweifeln, wie es die Nostalgiker des modernen Humanismus tun. Gleichzeitig sollten wir nicht in den Wahnvorstellungen eines Techno-Fix, wie es die zeitgenössischen transhumanistischen Technik Verrückten tun, Trost suchen.

Die Geschichte der Menschheit ist vorbei, und die neuen Agenten der Geschichte sind die "Viecher", wie Haraway es ausdrückt. Das Wort "Critter" bezieht sich auf kleine Organismen, kleine verspielte Kreaturen, die seltsame Dinge tun, wie zum Beispiel Mutationen hervorrufen. Nun: das Virus.

Burroughs spricht von Viren als Mutations- Erreger: biologische, kulturelle, sprachliche Mutation.

Viecher existieren nicht als Individuen. Sie verbreiten sich kollektiv, als ein Prozess der Vervielfältigung.

Das Jahr 2020 sollte als das Jahr angesehen werden, in dem sich die menschliche Geschichte auflöst - nicht weil die Menschen vom Planeten Erde verschwinden, sondern weil der Planet Erde, ihrer Arroganz müde, eine Micro-Kampagne gestartet hat, um ihren Willen zur Macht zu zerstören.

Die Erde rebelliert gegen die Welt, und die Agenten des Planeten Erde sind Überschwemmungen, Brände und vor allem Viecher.

Deshalb ist der Agent der Evolution nicht mehr der bewusste, aggressive und willensstarke Mensch - sondern molekulare Materie, Mikroströme unkontrollierbarer Viecher, die in den Raum der Produktion und des Diskurses eindringen und “die Geschichte” durch ihre Geschichte ersetzen, die Epoche, in der die teleologische Vernunft durch Sensibilität und sinnliches, chaotisches Werden ersetzt wird.

Der Humanismus basierte auf der ontologischen Freiheit, die die italienischen Philosophen der Frührenaissance mit dem Fehlen eines theologischen Determinismus identifizierten. Der theologische Determinismus ist vorbei, und das Virus hat den Platz eines teleologischen Gottes eingenommen.

Das Ende der Subjektivität als Motor des historischen Prozesses impliziert das Ende dessen, was wir Kapital-H "Geschichte" genannt haben, und impliziert den Beginn eines Prozesses, in dem die bewusste Teleologie durch vielfältige Strategien der Verbreitung ersetzt wird.

Proliferation, die Ausbreitung molekularer Prozesse, ersetzt die Geschichte als Makroprojekt.

Denken, Kunst und Politik sind nicht mehr als Projekte der Totalisierung (im Hegelschen Sinne) zu sehen, sondern als Prozesse der Proliferation ohne Totalität.

2. Nützlichkeit

Nach vierzig Jahren neoliberaler Beschleunigung ist das Rennen des Finanzkapitalismus plötzlich zum Stillstand gekommen. Ein, zwei, drei Monate weltweiter Abschottung, eine lange Unterbrechung des Produktionsprozesses und des globalen Umlaufs von Menschen und Gütern, eine lange Zeit der Abgeschiedenheit, die Tragödie der Pandemie ... all das wird die kapitalistische Dynamik auf eine Art und Weise zerstören, die vielleicht nicht mehr rückgängig zu machen ist. Die Mächte, die das globale Kapital auf politischer und finanzieller Ebene verwalten, versuchen verzweifelt, die Wirtschaft zu retten, indem sie ihr enorme Geldmengen zuführen. Milliarden, Milliarden von Milliarden ... Zahlen, Zahlen, die jetzt eher bedeuten: Null.

Plötzlich bedeutet Geld nichts oder nur noch sehr wenig.

Warum geben Sie einer Leiche Geld? Kann man den Körper der Weltwirtschaft wiederbeleben, indem man ihm Geld injiziert? Nein, das kann man nicht. Der Punkt ist, dass sowohl die Angebots- als auch die Nachfrageseite immun gegen geldpolitische Impulse sind, denn der Einbruch geschieht nicht aus finanziellen Gründen (wie 2008), sondern wegen des Zusammenbruchs von Körpern, und Körper haben nichts mit finanziellen Anreizen zu tun.

Wir überschreiten die Schwelle, die über den Kreislauf von Arbeit-Geld-Konsum hinausführt.

Wenn der Körper eines Tages aus der Quarantäne entlassen wird, wird das Problem nicht darin bestehen, das Verhältnis zwischen Zeit, Arbeit und Geld wieder ins Gleichgewicht zu bringen, sondern darin, Schulden und Rückzahlung wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Die Europäische Union ist durch ihre Besessenheit von Schulden und Gleichgewicht zerbrochen und geschwächt worden, aber Menschen sterben, den Krankenhäusern gehen die Beatmungsgeräte aus, und die Ärzte werden von Müdigkeit, Angst und Furcht vor Infektionen überwältigt. Im Moment kann dies nicht durch Geld geändert werden, denn Geld ist nicht das Problem. Das Problem ist: Was sind unsere konkreten Bedürfnisse? Was ist nützlich für das menschliche Leben, für die Gemeinschaft, für die Behandlung?

Der Gebrauchswert, lange Zeit aus dem Bereich der Wirtschaft vertrieben, ist zurück, und das Nützliche ist jetzt König.

Geld kann nicht den Impfstoff kaufen, den wir nicht haben, kann nicht die Schutzmasken kaufen, die nicht hergestellt wurden, kann nicht die Intensivstationen kaufen, die durch die neoliberale Reform des europäischen Gesundheitssystems zerstört wurden. Nein, Geld kann nicht kaufen, was nicht existiert. Nur Wissen, nur intelligente Arbeit kann auch das Nichtexistierende schaffen.

Also ist Geld jetzt impotent. Nur soziale Solidarität und wissenschaftliche Intelligenz sind lebendig, und sie können politisch mächtig werden. Deshalb denke ich, dass wir nach dem Ende der globalen Quarantäne nicht wieder zur Normalität zurückkehren werden. Die Normalität wird nie wiederkehren. Was danach geschehen wird, steht noch nicht fest und ist nicht vorhersehbar.

Wir stehen vor zwei politischen Alternativen: entweder ein techno-totalitäres System, das die kapitalistische Wirtschaft mit Hilfe von Gewalt wieder in Gang bringt, oder die Befreiung der menschlichen Tätigkeit von der kapitalistischen Abstraktion und die Schaffung einer molekularen Gesellschaft, die auf dem Nutzen basiert.

Die chinesische Regierung experimentiert bereits massiv mit einem techno-totalitären Kapitalismus. Diese techno-totalitäre Lösung, die durch die vorläufige Abschaffung der individuellen Freiheit vorweggenommen wird, könnte das dominierende System der Zukunft werden, wie Agamben in seinen jüngsten umstrittenen Texten zu Recht betont hat.

Aber was Agamben sagt, ist nur eine offensichtliche Beschreibung der gegenwärtigen Ausnahmesituation und der wahrscheinlichen Zukunft. Ich möchte über das Wahrscheinliche hinausgehen, denn das Mögliche ist für mich interessanter. Und das Mögliche ist im Zusammenbruch der Abstraktion enthalten, und in der dramatischen Rückkehr des konkreten Körpers als Träger konkreter Bedürfnisse.

Das Nützliche ist zurück im sozialen Bereich. Das Nützliche, das lange vergessen und vom kapitalistischen Prozess der abstrakten Aufwertung verleugnet wurde, ist jetzt der König der Szene.

Der Himmel ist in diesen Tagen der Quarantäne klar, die Atmosphäre ist frei von umweltschädlichen Partikeln, da die Fabriken geschlossen sind und die Autos nicht mehr verkehren können. Werden wir zur umweltverschmutzenden Rohstoffwirtschaft zurückkehren? Werden wir zum normalen Rausch der Zerstörung für die Akkumulation und der nutzlosen Beschleunigung um des Tauschwerts willen zurückkehren? Nein, wir müssen vorwärts gehen, hin zur Schaffung einer Gesellschaft, die auf der Produktion des Nützlichen beruht.

Was brauchen wir jetzt? Jetzt, im unmittelbaren Jetzt, brauchen wir einen Impfstoff gegen die Krankheit, wir brauchen Schutzmasken, und wir brauchen Intensivpflegegeräte. Und langfristig brauchen wir Nahrung, wir brauchen Zuneigung und Freude. Und eine neue Kultur der Zärtlichkeit, Solidarität und Genügsamkeit.

Was von der kapitalistischen Macht übrig bleibt, wird versuchen, der Gesellschaft ein techno-totalitäres Kontrollsystem aufzuzwingen - das ist offensichtlich. Aber die Alternative ist jetzt da: eine Gesellschaft, die frei ist von den Zwängen der Akkumulation und des Wirtschaftswachstums.

3. Vergnügen

Der dritte Punkt, über den ich nachdenken möchte, ist die Rückkehr der Sterblichkeit als das bestimmende Merkmal des menschlichen Lebens. Der Kapitalismus war ein fantastischer Versuch, den Tod zu überwinden. Die Akkumulation ist der Ersatz, der den Tod durch die Abstraktion des Wertes, die künstliche Kontinuität des Lebens auf dem Marktplatz ersetzt.

Die Verlagerung von der industriellen Produktion zur Informationsarbeit, die Verlagerung von der Konjunktion zur Verbindung in der Sphäre der Kommunikation ist der Endpunkt des Wettlaufs zur Abstraktion, der den roten Faden der kapitalistischen Entwicklung darstellt.

In einer Pandemie ist die Konjunktion verboten - bleiben Sie zu Hause, besuchen Sie keine Freunde, halten Sie Abstand, berühren Sie niemanden. Eine enorme Ausdehnung der online verbrachten Zeit ist unvermeidlich im Gange, und alle sozialen Beziehungen - Arbeit, Produktion, Bildung - wurden in diese Sphäre verlagert, die die Konjunktion verbietet. Offline ist ein sozialer Austausch nicht mehr möglich. Was wird nach Wochen und Monaten dieser Entwicklung geschehen?

Vielleicht werden wir, wie Agamben voraussagt, in die totalitäre Hölle eines allverbundenen Lebensstils eintreten. Aber ein anderes Szenario ist möglich.

Was ist, wenn die Überlastung der Verbindungswege den Bann bricht? Wenn sich die Pandemie schließlich auflöst (vorausgesetzt, dass sie sich auflöst), ist es möglich, dass sich eine neue psychologische Identifikation durchgesetzt hat: Online ist gleich Krankheit. Wir müssen uns auch eine Bewegung des Streichelns vorstellen und schaffen, die junge Menschen dazu zwingt, ihre vernetzten Bildschirme als Erinnerung an eine einsame und ängstliche Zeit auszuschalten. Das bedeutet nicht, dass wir zu der körperlichen Ermüdung des industriellen Kapitalismus zurückkehren sollten; es bedeutet vielmehr, dass wir den Zeitreichtum nutzen sollten, den die Automatisierung von der körperlichen Arbeit emanzipiert, und unsere Zeit dem körperlichen und geistigen Vergnügen widmen sollten.

Die massive Ausbreitung des Todes, die wir in dieser Pandemie erleben, könnte unser Zeitgefühl als Genuss und nicht als Verschiebung der Freude reaktivieren.

Am Ende der Pandemie, am Ende der langen Zeit der Isolation, können die Menschen einfach weiter in das ewige Nichts der virtuellen Verbindung, der Distanzierung und der techno-totalitären Vernetzung versinken. Dies ist möglich, ja sogar wahrscheinlich. Aber wir sollten uns nicht durch das Wahrscheinliche einschränken lassen. Wir sollten die in der Gegenwart verborgene Möglichkeit entdecken.

Es kann sein, dass die Menschen nach Monaten ständiger Online-Konnektivität aus ihren Häusern und Wohnungen herauskommen und nach einer Verbindung suchen werden. Es könnte eine Bewegung der Solidarität und Zärtlichkeit entstehen, die die Menschen zu einer Emanzipation von der “Vernetzungsdiktatur” führt.

Der Tod steht wieder im Zentrum der Landschaft: die lange verleugnete Sterblichkeit, die den Menschen lebendig macht.

Anmerkung:

Franco “Bifo” Berardi ist ein alter Genosse der Potere Operaio, er musste wie viel andere aufgrund der massiven Repression Ende der 70iger nach Frankreich fliehen. Von ihm auf deutsch erschienen ist u.a. “Der Aufstand” und “Helden”, eine Untersuchung über “Massenmord und Suizid”

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Ein überfälliger Ausbruchsversuch https://non.copyriot.com/ein-ueberfaelliger-ausbruchsversuch/ Sat, 04 Apr 2020 06:53:55 +0000 https://non.copyriot.com/?p=12959

Der Wahnsinn hat die Welt in Besitz genommen. Nun könnte man einwenden, dies sei keine Angelegenheit der Postmoderne, vielleicht erlebe man auch nur die Wiederkehr des Lykurgos, der für seine Untaten wahlweise dem Wahn verfiel und seinen eigenen Sohn und all seine Familie, ja seine ganzen Freundeskreis umbrachte, um sich dann selber zu richten, oder, da gehen die Überlieferungen auseinander, anschließend von den empörten Menschen gefangen genommen und dann gevierteilt worden sei. So oder der so, der Wahn greift um sich, greift nach den dir Nächsten, nach denen, an denen noch gestern dein Herz hing oder in die du Hoffnung gesetzt hast.

Neu und evident an dem Wahn, der nun durch die Welt eilt, ist die Geschwindigkeit, mit der er durch die Welt eilt, dabei alle Grenzen überwindend und dabei das Virus, dass ihn in die Welt gesetzt (oder das ihn wieder an die Oberfläche gebracht hat, die Meinungen gehen da auseinander) überflügelnd. Man könnte, nein muss sagen, dass die wirkliche Pandemie der Wahn ist, der von den Menschen Besitz ergriffen hat. Die dünne Tünche der Zivilisation bricht innerhalb weniger Tage zusammen, Direktive und Narrative, die scheinbar Diktatoren und Despoten vorbehalten waren, machen sich in den sogenannten westlichen Demokratien breit. Selektion von Kranken, Überwachung aller Bewegungen unter freiem Himmel, Drohnen stehen über den großen Städten, Lautsprecherwagen fahren durch die menschenleeren Straßen, fordern die Bewohner auf in den Häusern zu bleiben. Wer sich an die frische Luft wagt, soweit das überhaupt noch gestattet ist, blickt in panische Augenpartien, notdürftig verhüllte Gesichter, alle gehen gebückt und gehetzt. Wer jetzt noch aufrecht steht, dem werden sie das auch noch austreiben.

An die frische Luft soll der Mensch ja aber auch noch zum Beispiel in Berlin, in die Arbeit natürlich, aber auch um sich ein wenig zu ertüchtigen oder ein paar Runden im Kreis zu drehen. Genau die Privilegien, die einem in den Knast Geworfenen auch noch verbleiben. Und so dreht man zu zweit seine Runden durch den Knasthof und vergeht vor Rührung, wenn der Senat verkündet, er wolle nicht so sein, man könne sich ruhig in Zukunft ein bisschen auf die Bank setzen. Und alles klatscht und applaudiert dem Großmut der Lenker des Staates und wenn der demnächst sagt, alle sollen jetzt mit einer Maske vor dem Gesicht zum Knastgang erscheinen, die wissenschaftlichen Hypothesen über die Wirksamkeit solcher Maßnahmen hätten sich über Nacht um 180 Grad gedreht (man kennt das ja in der Wissenschaft, eben war die Welt noch eine Scheibe und man hat alle geviertelt, die was anders behauptet haben, aber schwups, sieht die Sache ganz anders aus), dann wird da auch gemacht. Punkt. Und wenn der Staat zu blöde ist, genug von diesen Pfennig Artikeln zu beschaffen oder sich die von den Amis wegschnappen lässt, dann wird halt Zuhause gebastelt was das Zeug hält, vorneweg die Linken, die natürlich ganz vorne dabei waren mit ihren DIY Anleitungen. Kommt ja so oder so aufs selbe raus. Ob man die Dinger nun im Hausarrest selber macht oder eben von den Knackis in den echten, alten Knästen produzieren lässt.

Und wo man es sich endlich so richtig gemütlich gemacht hat in der regressiven Hoffnung, die da oben werden schon für uns alle sorgen und es eigentlich überfällig ist, dass die Feuerzangenbowle in Dauerschleife versendet wird, kommen irgendwelche Störenfriede daher. Behaupten, dass das ganze Zahlenwerk, auf dem ja die Maßnahmen des Ausnahmezustandes begründet seien, rein hypothetischer Natur sein und dass man bestimmte Freiheitsrechte verteidigen müsse. Und zwar besonders, da es noch gar keine ausgemachte Sache sei, dass die ergriffenen Maßnahmen zielführend sein. Präsentieren eigene Hypothesen und Zahlen und haben auch noch die Unverschämtheit darauf hinzuweisen, dass sie selber vom Fach sein, sogar ein gewisses Renommee vorzuweisen hätten.

Aber mit Mutti und dem treuen RKI ist da nicht zu spaßen. Besonders nicht mit dem Robert Koch Institut und dessen Leitung, das hatte noch Anfang März erklärt “die Gefahr für die Gesundheit der Bevölkerung wird in Deutschland aktuell als mäßig eingeschätzt" und weiterhin das Influenzavirus als bedrohlicher eingeschätzt. Aber das mit der 180 Grad Wende hatten wir ja schon oben. Und wenn man sich erstmal um 180 gewendet hat, muss man umso bestimmter auftreten, sonst erinnern sich die Leute vielleicht noch an den Blödsinn, den man davor verzapft hat.

Streng die Stirne in Falten gelegt werden die Bedenkenträger also in die Schranken gewiesen und das gesunde Volksempfinden ruft: “Mörder, Mörder”, so als ob die abtrünnigen Wissenschaftler mit Koffern voller Viren durch die Alters-und Pflegeheime tingeln würden, um die armen wehrlosen Menschen dort zu infizieren. Und vorneweg die Linken und ihre Medien, von taz bis ND, Unterordnung und die Reihen fest geschlossen predigend. Und die Szeneblase mittenmang. Eh alles schon nur noch Alibi und nutzlose Diskursdiskussion, da kann man gleich auf Kurvendiskussion umstellen.

Wie aber nun raus aus dem Schlamassel, und wird es eine Welt nach dem Wahn geben und möchte man in ihr überhaupt noch leben? Die Genossen vom Wu Ming Kollektiv, die ja schon seit etlichen Wochen in völligem Hausarrest festsitzen fragten neulich : “Und was ist mit der nächsten Epidemie, was werden wir tun?” Denn diese wird kommen. Wenn die grundsätzlichen Bedingungen, die diese Pandemie möglich gemacht haben, nicht radikal beseitigt werden. Doch dieser Kampf ist nicht zu führen, wenn wir, die wir resistent gegen den Wahn (geworden, vielleicht waren wir ihm ja auch eins verfallen) sind, uns nicht treffen und organisieren können. Vielleicht wird es dazu nötig sein, zuerst kleine taktische Erfolge zu erzielen. Die Aktionen in den französischen Vorstädten gegen die Ausgangssperre war so ein Beispiel. Einen Konflikt (mit den Bullen) auf kleiner Flamme am köcheln halten, sodass der Gegner entweder die totale Konfrontation sucht (mit der Gefahr, dass sich für ihn die Dinge zuspitzen), oder sich eben teilweise zurückzieht (wie es auf Anweisung von ganz Oben geschehen ist).

Das Vorgehen der Bullen am Kotti gegen die Aktion von 100 Leute am 28.3. hat auch gezeigt, dass sich unser Gegner seiner Sache auch nicht sicher ist, sonst wären sie viel härter vorgegangen. Bisher haben die Bullen und sonstigen Repressionsorgane die Lage gut im Griff, aber auch für sie ist die Überwachung und Kontrolle einer 3 Millionen Stadt im Ausnahmezustand ein völlig neues Szenario. Sie werden immer schauen, wie sich die Stimmung entwickelt und vielleicht auch mal eher als sonst zurückziehen, um im Gegensatz zu sonst eine Eskalation zu vermeiden. Noch regiert der Wahn und die Unterwerfung die Stadt (und natürlich grosse Teile der Welt), aber wenn die Angst nachlässt ( und dies ist ein Naturgesetz einer kollektiven Panikreaktion) werden Spielräume entstehen. Die zahllosen ersten Zusammenstöße in den Ländern des Trikonts künden davon. Vielleicht wird der 1. Mai (erstmalig nach vielen, vielen Jahren) ein Ort sein, um Terrain zu besetzen, sich mit denen zu verbünden, die auch Resilienz gegen den Wahn gebildet haben. Einen Versuch wird es wert ein. Es scheint, dass die erste Schockstarre überwunden ist, sich erste Bezüge finden, die versuchen die Situation zu analysieren und daraus erste Schritte abzuleiten.

In diesem Zusammenhang eine Übersetzung aus Italien, in der dazu aufgerufen wird, den Hausarrest am Gedenktag der Befreiung vom Faschismus, also am 25. April, massenhaft zu brechen.

Ein Aufruf aus Italien

Italien, 3. April 2020. Seit einigen Wochen sind fast drei Milliarden Menschen in einen Hausarrest gezwungen worden. In Italien, wie auch in anderen Teilen der Welt, wurden die ersten Menschen, die sich gegen die Verschlechterung ihrer Lebensbedingungen aufgelehnt haben, die Menschen im Gefängnis, brutal unterdrückt, wobei es Tote und Verletzte gab.

Während die Wissenschaft widersprüchliche Hypothesen aufstellt, behauptet ein Teil der Wissenschaftsgemeinde, dass die Quarantäne-Zeit, wenn auch in wechselnden Phasen, mindestens bis zum nächsten Jahr andauern wird. Der Staat hat jedoch bereits entschieden, welche Wahrheit bekannt gemacht werden soll, um die getroffenen Maßnahmen zu rechtfertigen. Die erzwungene Isolation zu Hause wird verlängert, der einzige Vorschlag, der der Bevölkerung gemacht wird, ist, zu gehorchen und durch Überwachung und Selbstüberwachung abzuwarten... aber wie lange?

Vorläufig wurde das Ende der Maßnahmen auf den 13. April vertagt, aber es wird höchstwahrscheinlich weitere Verlängerungen geben...

Der 25. April ist der Tag der Befreiung. Befreiung nicht nur vom Faschismus, sondern von allen Formen der Unterdrückung.

Die Unterdrückung des Lebens in einer Welt, in der alle Bewegungen ständig kontrolliert und überwacht werden, mit Kontrollpunkten, allgegenwärtigen Soldaten, Drohnen, Kameras, elektronischen Fußfesseln. Die Repression, die man individuell als Salbung der Kranken verkauft, wenn jemand das Gesetz nicht respektiert und denkt, dass Sozialität und die Möglichkeit des Ausstiegs nicht Verhandlungsmasse sind im Austausch für die Sicherheit des Überlebens.

Die Unterdrückung des Lebens in Angst vor dem Unsichtbaren, denn das Problem ist nicht das Virus, sondern die ökologischen und sozialen Bedingungen, unter denen es sich ausbreitet.

Das Problem ist der Klimawandel, der die natürlichen Zyklen verändert, es ist die Überbevölkerung der Städte, es ist die Standardisierung von Nahrung und Immunreaktionen, es ist die Geschwindigkeit der Mobilität auf der gesamten Erdoberfläche. Man sagte uns, dass wir diese Probleme akzeptieren und unseren Gehorsam gegen eine gewisse Sicherheit eintauschen müssten.

Diese Gewissheiten haben versagt...

Dieser Virus ist nach der Wirtschafts- und Umweltkatastrophe die letzte - bis heute - auferlegte Katastrophe einer Gesellschaft, die auf Beherrschung, quantitativer Anhäufung und Ausbeutung des Planeten, der Tiere, der Menschen und anderer beruht.

Aus diesem Grund schlagen wir - in der Hoffnung, die Ereignisse zu überwinden - vor, dass wir am 25. April an möglichst vielen Orten auf die Straße zurückkehren, um uns erneut zu treffen, uns der Angst zu stellen, gegen die weit verbreitete Überwachung zu kämpfen und die unverantwortliche Rhetorik anzugreifen, die uns alle als ansteckend ansieht. Mit der Intention, dass es kein isolierter Tag sein wird, wollen wir aus der Quarantäne entkommen, indem wir die Konsequenzen unserer Handlungen akzeptieren, unsere Gesichter bedecken, weil wir die freie Wahl haben, uns selbst und andere zu schützen, und auch, weil Dinge mit der Freiheit der Anonymität geschehen könnten, die normalerweise undenkbar wären...

Wenn man passiver Zuschauer der Katastrophe bleibt, indem man die Inhaftierung akzeptiert, wird man das Auftreten neuer Katastrophen nicht verhindern, wenn überhaupt, wird es die Qualen, die wir bereits erleben, noch verlängern. Wir können zuversichtlich bleiben und gehorchen, während die Welt weiterhin ein Ort ist, an dem das Leben zwischen totaler Kontrolle, zerstörter Sozialität und ökologischer Katastrophe verleugnet wird. Oder die Ursachen für diese Katastrophe identifizieren, aufhören zu gehorchen und handeln, um zu verhindern, dass die Dystopie weitergeht.

Und um endlich die Möglichkeit der Befreiung zu erfahren...

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Working, Working Together, and Networking during the Web-Hype of the ‘Corona Crisis’ https://non.copyriot.com/working-working-together-and-networking-during-the-web-hype-of-the-corona-crisis/ Sat, 04 Apr 2020 06:20:10 +0000 https://non.copyriot.com/?p=12954

In a critical moment in which entire populations are forced to avoid any potential exposure to contagion by pursuing isolated lives in online-only mode, the conditions of work are more uncertain than ever. Magdalena Taube and Krystian Woznicki take this uncertainty as a starting point to inquire what we can do and how we can work together. And how – along the way – we can debunk AI-driven capitalism’s myths.

At the moment we are asked or even forced to live and work in self-isolation – without leaving home. We are told to use online tools to keep going. Teaching in classrooms, holding events, organizing for political causes – everything is supposed to completely move online. In the course of this, our workspaces are being shrunk to cells in the global city of bits. All contacts – all contagion – between human beings are now mediated more strongly than ever before by ‘intelligent machines,’ suggesting that no (potentially contagious) human labor is involved. As cyberspace is all of a sudden considered a ‘clean web,’ the ‘war on corona virus’ has “given the digital society a substantial push,” as Marie Rosenkranz states. In this vein, many are celebrating the current episode as yet another magic moment of the network age.

As if we were a ‘community of fate’ without a choice, we are told – and are telling ourselves – that we are ‘just coping’ by populating the web. Meanwhile, critics of the digital society are silenced or becoming very quiet these days. Privacy advocates, crypto-fighters, and cyber-communists are considered negligible. Strong digital rights and sustainable data infrastructure seem to be ‘luxury problems’ in times of projected extinction. On the Noah’s ark of the quarantined nation state, critical thinking has been thrown overboard. While ‘the masses’ seem harder to reach on issues related to digital politics than ever, a more realistic challenge seems to be the mobilization of those who work – more or less – professionally at the intersection of research, journalism, culture, and activism. The question is: what can we do? How can we work together towards a horizon of equality and liberation? How can we network a web of transnational care?

The choices we make today

The question of what we can do together is intrinsically and intimately tied to the keyboard used to type and the screen used to read these words. Even more universal, the screen is the interface to the ‘eyeball culture’ of clicking, liking, and sharing. As producers of knowledge or culture, we are now shifting to online-only mode. Will this be for a short moment only, just to creatively bridge the ‘dead time’ of the shutdown? Or will this digitally-enhanced survival training prepare us for an irreversible shift in working methods? Will the present proliferation of the online-only dogma become commonplace in everyday life in the future? These questions are pressing and urgent ones, last but not least because it is already very apparent that the threat of a pandemic will remain a latent fixture on the political radar – just as terrorism became a permanent feature of the psycho-political environment after 9/11.

Today, virologists and politicians are discussing possibilities to switch present quarantine measures on and off whenever the potential threat of a pandemic emerges. Meanwhile, critical voices are warning that whatever is implemented in the present emergency situation will stay with us for an indefinite period. This warning is by no means the product of alarmists. Rather, it is the lesson one can learn from history, including from most recent history. Just look at all the more or less silent adjustments that happened on the occasion of 9/11 that are still with us today: the curtailment of civil and human rights, the culture of fear, the speculative security politics of threat, to name just a few. So, rather than indulging in and mindlessly contributing to the “substantial push” digital society is currently experiencing, the causes of net activism and digital politics should be considered again. The voices of whistleblowers such as Kaiser, Wylie, and Snowden, who have exposed the corrupted state of the web, should be amplified again. Privacy advocates, crypto-fighters, and cyber communists should be heard again.

After all, as the digital society is experiencing a “substantial push,” all of us are complicit in the current renaissance of tech companies and their business models. Unsurprisingly, they are making huge profits in the midst of the global ‘corona crisis.’ Confused and unsettled by the crisis, a growing number of people are overlooking – and are being seduced to do so – that the problems with these companies and their tools are legion, and that these problems are in fact exacerbated during the current pandemic, problems ranging from privacy issues to mistreatment of workers. Now, more than ever, it is an important task to raise awareness and explore alternatives.

The miracles of technology in the midst of a crisis

Among the countless troubling aspects of the ‘corona crisis’ is the liberating effect it has on AI-based surveillance technologies and policies. Not only does the crisis provide unprecedented opportunities for data extracting tech giants to expand their reach and power. It also “enhances the ongoing transformation of global capitalism into a huge, democratically ungovernable tech laboratory,” as critic Tom Holert points out in a special issue of Rosa Mercedes. Perhaps the clearest indicator of this trend is the devices to track the infection by invading and controlling individual and group behavior. Clearview AI is the Benthamian name of a company that, according the New York Times, deploys shady, privacy-violating facial recognition software in attempts to control the virus. Like many other AI-driven initiatives deployed in social networks, online classrooms, train stations and other public spaces, facial recognition tends to violate individuals’ and groups’ data privacy. Based on AI, tracking and containment algorithms are ostensibly ‘reading’ faces, analyzing websites, news reports, and social media posts for signs of symptoms, such as fever or breathing problems.

As many AI experts, including Abeba Birhane, point out, such tech campaigns are thoroughly ‘phantasmagorical.’ This means that they are presenting AI as an infallible and efficient technology by catering to the misleading fantasy that one can detect from people’s faces or (web) behavior the state of their health – and even the proliferation of the virus. While entire populations are subjected to a speculative gamble, questions of privacy violation, discrimination, and racism are obstructed. This is justified by the claim that ‘all is being done in the name of protecting the population.’ But truly benefiting from AI-driven interventions are authorities and companies complicit with their politics – especially companies that are collecting, analyzing and storing ‘our’ data for ‘their’ commercial ends, as explored by a great number of initiatives, including “Big Data in Our Hands?

In the two decades before the Corona virus outbreak, data was celebrated as “the oil of the 21st century.” The thirst for data was already enormous then, and it has become even bigger during the present pandemic. Governmental and corporate actors seemingly know no limits in this regard. The mining of location data – via mobile phones – is on the public-private agenda in countries as diverse as Israel, South Korea, and Germany. Meanwhile, the collection of health data is accelerated by IT giants such as Google. The now dormant Google Flu Trends initiative indicated clearly enough that the IT giant has discovered health-related data as an inexhaustible source of ‘constant capital,’ as media researcher Annika Richterich and social critic Max Haiven argue. Now, Google’s Project Baseline is among the most recent attempts to capitalize on data in the health-related domain. There are many critics, for instance, the founder and CEO of Cool Quit, who is fighting the coronavirus pandemic (and tobacco addiction) through telemedicine. In a tweet he comments on Google’s Project Baseline: “The coronavirus screening website appears to be one huge data mining operation to collect your health information for commercial purposes. It does not appear to follow HIPAA privacy laws.”

As digital society is experiencing a “substantial push” to the great benefit of data capitalism as a whole, as people are getting ever more addicted to online services, more and more cloud space is required to 1) expand online activities during the current pandemic and 2) hoard the data generated in the process. These days this cloud space is provided primarily by Amazon, so it is not surprising that Amazon is one of the main profiteers of the current pandemic. In the first ten days of the pandemic the Amazon founder Jeff Bezos gained 10 billion Euro in personal wealth, while his corporation gained 100 billion Euro market value. Celebrated as a miracle – as many businesses are going bankrupt in the current crisis – people seem too dazzled to ask about the labor struggles underlying this newest of magical tricks performed by the model company of AI-driven capitalism.

Alternatives to miracles

Intensifying this tendency is the fact that amidst the ‘Corona crisis’ – which is also an economic crisis – there is a relentless quest for profits. Needless to say, not only US tech companies are after profits, but also start-ups in Germany, France, China, and Russia. Moreover, these countries are building their ‘own’ data-mining initiatives; and they are growing their ‘own’ high tech security market. But they – and this is crucial – are challenged to face civil society actors who are opposing these trends and fighting for civil rights in the realm of data and net politics. In the US the main civil society actors, for instance the American Civil Liberties Union and the Electronic Frontier Foundation, have taken a stance on digital technologies in the context of the pandemic. In Germany, the Chaos Computer Club is also tackling the issue with regard to infrastructure.

This said, one is not alone in raising awareness and exploring alternatives to current data capitalist regimes. And one can do a whole lot with little effort. Using the collaborative online editor Etherpad hosted by yourpart.eu for writing and sharing documents, rather than Google doc; using mail servers like Posteo that support encryption, rather than just paying with one’s data for so-called ‘free’ email providers; and using Jitsi for multi-user video calls in online class and event situations, rather than Zoom with its shady data collection and privacy policies – these are only the very first steps towards more (data) autonomy and a more sustainable digital ecosystem with beneficial effects for individuals and societies at large.

Needless to say, the question of tools has always been a political one, and has always been inextricably related to the larger structures of power that we are up against – now and then. Knowing that the data centers that support the Internet use a huge amount of energy, it is time to ask about the environmental toll of the “substantial push” digital society is currently experiencing. Knowing that the digital technologies that have most contributed to the rise of interconnectivity have bolstered a feeling of alienation between people, we need to inquire into the foreseeable effects of the current ‘normalization’ of ‘social distancing’ as coupled with the boom in ‘social media.’

Knowing that the web is not only run by bots (currently perhaps the most popular form of AI) but also by human beings who secretly enable or optimize the performance of bots, we cannot take the web and its current renaissance for granted, and we need to inquire into the hidden human labor struggles of tech or so-called ‘turk’ workers. Knowing that technologies are never neutral but always prone to instrumentalization by powers that be, it is of the utmost importance to ask how a pandemic-driven turn to authoritarianism among governments can be resisted – last but not least, in the everyday use of work-related technologies.

Outside the box of the quarantined mind

Embarking upon these inquiries in a collective fashion, sharing the insights and deepening them with further reading, can create the necessary basis for collective awareness building in the context of the present pandemic. And it can also put collective appropriation of digital competence on a stronger footing. After all, it is digital competence that nowadays – during the “substantial push” in question – is so urgently needed, but is not (or only inadequately) promoted. ‘Learning by doing’ could be activated as an approach to counter this trend.

To this end learning as inextricably linked to doing should be understood as a form of labor, that we usually try to avoid because we prefer to see the use of the web as a form of play or a matter of convenience. Yet, becoming aware of our daily use of the web as a form of labor could open up the possibility for a common space of conflict to arise, shared with those on the other end of the spectrum – those who are coding, running, supervising, or maintaining the machines. Ultimately, this could render porous the walls of ‘self-isolation’ and the boundaries between otherwise separated domains of work.

Would this also bring us closer to the precarious field of supply, care, and health work – this vast and growing site of escalating emergencies? Nation states are now not only ‘discovering’ their defunct public health systems, but also trying to compensate for these deficiencies with ‘national security’ measures that harness citizens and non-citizens alike. The latter – for instance those stranded in refugee camps or hot spots at the EU’s external borders – are obviously affected in the hardest way. They are simply erased from any priority list, as if there was nothing more ‘natural’ than tying something universal like health care to citizenship. However, as soon as we demystify the ostensibly ‘clean web’ as the digital mirror world of the quarantined nation state, then we will also get a stronger sense that such things are not ‘natural’ at all. Once we begin to think outside the box, we may realize that all of us can contribute to build a web of transnational care.

The SILENT WORKS project is dedicated to excavating forms of labor that are buried under present regimes of AI-driven capitalism. Find all details and up-to-date information on the SILENT WORKS project here: https://silentworks.info

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Bagatellen einer Zeitenwende https://non.copyriot.com/bagatellen-einer-zeitenwende/ Fri, 03 Apr 2020 10:31:28 +0000 https://non.copyriot.com/?p=12950

Anfang

Der neue Verordnungsstaat war gerade im Anrollen und die offiziellen Dementis kündigten die Aktion an. Keine Ausgangsperre, hieß Ausgangsperre morgen oder übermorgen. Wir schließen die Bars nicht, nämlich erst ab Dienstag, hieß dann, wir schließen sie heute, also am Samstag den 14.3.2020. Da das Gerücht schon rumging, ab in die Kneipe. Irgendwann kommt die Ordnungsmacht. Ohne Dekret, nur mit einem völlig unspezifischen Auszug aus dem Seuchengesetz und mit der Anordnung, innerhalb einer Stunde, den Laden zu räumen. So begann hier die sanfte Quarantäne. Die Tage drauf wurde eine umfangreiche Kontaktsperre verhängt, die Gesellschaft in den Gips gelegt, also spricht man einer Freundin gegenüber von Diktatur. Erstauntes Gesicht und ironiefreie Antwort: „Aber wir dürfen doch noch zu zweit spazieren gehen.“

Tempelhofer Feld

Bei einem der nun gehäuften Spaziergänge ein Blick über das Feld. Überall verwirrte Zombies. Friedlich. Die Polizei wacht moderat, alle sind artig. Selten mehr als 2 Leute. Sitzen zu zweit ist auch verboten, wird aber flexibel gehandhabt. Schach spielen geht zum Beispiel nicht. In der Hasenheide ist der Einsatz etwas strenger. Denn das Tempelhofer Feld ist die Zukunft unserer Parkkultur, dort sollen wir hin. Sobald man jemanden trifft, den man ein wenig kennt oder kannte, muss man feststellen, das der Mensch dem Menschen ein Virus geworden ist. Abstand.

Sozialkontrolle

Man lädt jemanden zu Essen ein und der sagt, dass die neuen WG-Regeln ihm das verbieten, wegen der sanften Quarantäne, die man zu 100% befolge. Schon ein Klogang nach einem Spaziergang, ist nur unter bösen Blicken der Mitbewohner möglich. Etc. pp. Eine Bekannte will beim obligatorischen Spaziergang über das Tempelhofer Feld den obligatorischen Mindestabstand einhalten. Nicht weil sie es will - schiebt sie vor - sondern weil ihr Mann es will. Etc. pp.

Hausarrest

Die Wirkungen des verschärften Hausarrest konnte man jüngst an den Bildern von Julian Assange beobachten, der wie ein Höhlenmensch aus der unfreiwilligen Quarantäne gekrochen kam, als er - Ecuador ist eingeknickt - dann doch den Ungeheuern übergeben wurde. Aber dies Schicksal wird in dieser Härte nur einige treffen. Daher soll man einschränken. Übertreibungen sind heuer nicht gewünscht und selbst Provophilosoph Zizek fordert eine differenzierte Sprache ein: Die meisten werden ihr Leben weiter leben dürfen, wie sie es kennen. Sie haben es in Grundzügen schon vorher so gelebt. Und spazieren dürfen wir ja noch.

Gedächtnis

Ein anderer sagt, der Rewe öffne doch wie immer. Auf insistierenden Widerspruch hin - es gibt inzwischen Einlassbeschränkungen, Paranoiaabstand und Plexiglasverschalungen für Kassiererinnen - nur Lavieren. Die tiefere Wahrheit seiner sachlich falschen Aussage ist, dass wir im Augenblick leben. Schon am vierten Tag wirkt das neue Regime so, als wäre es immer gewesen.

„Als erstes hatte es die spektakuläre Herrschaft darauf abgesehen, die Kenntnis der Geschichte im allgemeinen zu beseitigen, angefangen mit fast allen Informationen und allen vernünftigen Kommentaren zur allerjüngsten Vergangenheit. Eine so flagrante Evidenz bedarf keiner weiteren Erklärung. Das Spektakel organisiert meisterhaft die Ignoranz dessen, was passiert, und unmittelbar darauf das Vergessen von dem, was trotzdem hat ruchbar werden können. Die größte Bedeutung kommt dem zu, was am verborgensten ist.

Vor zehn Jahren bereits verlieh in Frankreich ein Staatspräsident, seitdem der Vergessenheit anheim gefallen, damals aber auf der Oberfläche des Spektakels schwimmend, naiv der Freude Ausdruck, die er bei dem Gedanken empfand, dass »wir heute in einer Welt ohne Gedächtnis leben, in der, wie auf der Wasseroberfläche, ein Bild unaufhörlich das andere jagt«. Für den, der an der Macht ist und an der Macht zu bleiben versteht, ist dies freilich genehm. Das Ende der Geschichte ist für jeden Machtapparat von heute ein angenehmes Ruhekissen. Es garantiert ihm absolut den Erfolg aller seiner Unternehmungen oder zumindest die Nachricht des Erfolgs.“

Liebste tschöh

Nationaltheater Belgrad. Sie singen nun nicht mehr zusammen, sondern alle getrennt mit ihrem Mobile Microphone und am Ende ergibt sich dank Mischtechnik doch der Partisanenkitsch, Bella Ciao. „Partisanen, ick will dabei sein, / Liebste tschöh, Liebste tschöh, Liebste tschöh mit Ö“. Ein Lied, das gerade viel gesungen und inszeniert wird. Auch die Bamberger singen es jetzt. Solidarität mit Italien. Das Lied wird dabei unmittelbar benutzt um #socialdistancing zu propagieren, die erste Parole der neuen Welt. Der Faschismus wurde 1923 in Italien erfunden. Heute singt er Partisanenlieder.

Zahlen

Die Stunde der Zahlen hat geschlagen, eine jagt die nächste. Und sie treffen auf eine Bevölkerung, die nicht rechnen kann und daher nicht merkt, dass es die Mathematiker schon auch nicht können und die Journalisten und Politiker nicht wollen. Hilflos erklärt ein Statistikprofessor, was denn nun gezählt wird und was der Nenner ist. Keine Chance.

Verordnungen

Die Dekrete dieser Tage neigen dazu, sich zu widersprechen. Es werde keine Ausgangssperre geben, hört man, sondern Kontaktverbot. Man dürfe natürlich für bestimmte Sachen noch raus. Also doch eine Ausgangssperre. Nur nicht total. Einkaufen und so darf man, und es gibt Hofgang auf den Tempelhofer Feld. Die ganze Welt ein Tempelhofer Feld, die ganze Welt ein Gefängnishof. Zu zweit sogar ohne Mindestabstand. Aber nicht im Sitzen hört man später, vielmehr nur im Gehen. Oder mal kurz auf die Bank, das geht schon, schreibt der Parkanweisungszettel für das Tempelhofer Feld. Aber eben nicht Schach, das hatten wir schon. Oder hat der Polizist da überzogen. Aber gut, so eine Dame ist schon ein Virusüberträger. Eine Familie ist nach Hegel eine Person und immerhin diese Bestimmung kommt im Notstand wieder ins Gedächtnis. Dürfen sich aber jetzt zwei Familien treffen, sagen wir mit je 2 Kindern? Das wären dann 8 Virenzentren auf einmal, darunter 4 Ratten. Der Bulle entscheidet gemäß seiner Logik oder der seines Teamleiters. Morgen kommen andere Regeln.

Logik

„Die Auflösung der Logik ist, gemäß den fundamentalen Interessen des neuen Herrschaftssystems, mit verschiedenen Mitteln betrieben worden, die operierten, indem sie sich stets gegenseitig Beistand leisteten. Mehrere dieser Mittel entstammen dem technischen Instrumentarium, die das Spektakel erprobt und popularisiert hat. Andere rühren eher von der Massenpsychologie der Unterwerfung her.

Der Fluss der Bilder reißt alles mit sich fort, und wiederum ist es ein anderer, der nach seinem Gutdünken dieses vereinfachte Resümee der sinnlich wahrnehmbaren Welt regiert; der bestimmt, wohin dieser Strom zu fließen hat und der den Rhythmus dessen angibt, was darin zur Geltung kommen soll, als ständige willkürliche Überraschung, keine Zeit zum Nachdenken gewährend und völlig unabhängig von dem, was der Zuschauer davon verstehen oder denken mag. In dieser konkreten Erfahrung der permanenten Unterwerfung liegt die psychologische Wurzel der allgemein vorherrschenden Zustimmung zu dem, was da ist, Zustimmung, die darauf hinausläuft, ihm ipso facto hinreichenden Wert zuzusprechen.

Was das Denkvermögen der heutigen Bevölkerung anbetrifft, so ist klar ersichtlich, dass die Hauptursache für dessen Dekadenz darin zu finden ist, dass keiner der im Spektakel gezeigten Diskurse Platz für eine Antwort lässt; und gesellschaftlich gebildet hatte sich die Logik nur über den Dialog. Eine weitere Ursache ist, dass mit dem wachsenden Respekt vor dem, was im Spektakel spricht und für wichtig, reich und glänzend, für die Autorität schlechthin gehalten wird, sich bei den Zuschauern die Neigung breitmacht, genauso unlogisch wie das Spektakel sein zu wollen, um einen individuellen Abglanz dieser Autorität zur Schau zu tragen. Schließlich ist Logik nicht so einfach, und niemand hat sie ihnen beibringen wollen. Ein Drogensüchtiger studiert nicht Logik: zum einen, weil er sie nicht braucht, und zum anderen, weil er nicht mehr die Möglichkeit dazu hat. Diese Trägheit des Zuschauers ist ebenfalls die jedes x-beliebigen intellektuellen Kaders, die des schnell herangebildeten Spezialisten, der in allen Fällen versuchen wird, die engen Grenzen seiner Kenntnisse dadurch zu kaschieren, dass er dogmatisch irgendein Argument wiederholt, hinter dem eine unlogische Autorität steht.“

Prognose

Das verschärfte Massensterben wird auch diesmal ausbleiben, aber das normale Sterben weitergehen. Niemand hat vor, in Zukunft genug Krankenhäuser zu bauen, damit sie nicht ständig überlaufen, oder sofort überall auf der Welt wenigstens die leicht vermeidbaren Krankheiten auszurotten. Und dann - wie sieht das Leben aus, wenn die Leute merken, daß die Wirtschaftskrise den Virus überlebt? Wie wird die Arbeit in Zukunft organisiert? Welche Rolle spielt der Staat. Schön wird es sicher nicht, das neue Akkumulationsregime. Aber das ist gegenwärtig niemanden klar, weil selbst die Verfügenden es höchstens in Grundzügen kennen. Aber die Verfügten täten gut daran, das wenigstens zu beobachten. Europa wird aber damit leben müssen, dass es abgewertet wird. Griechenland kennt das ja schon.

Obligatorische Distanzierung

Jetzt ist man schnell ein Virusleugner, wenn man - natürlich völlig dilettantisch - einige Gemeinplätze der Virologie studiert und diskutiert, wie sie eben von der liberalen virologischen Opposition immerhin angebracht werden und wurden. Wenn man eine solide Datenbasis für hysterische Entscheidungen einfordert, ist man schon so einer. Oft sind die, die einen der Virusleugnerei beschuldigen, selbst in kollektiven Märchen befangen, sie interessieren sich nicht für die Realität der Viren. Gesunder Körper wird durch ein auftretendes Supervirus zersetzt. Keiner denkt an Rosenberg bei solchen Illusionen. Man hat ja schon die Grippeimpfung nicht diskutieren können und so hilft in der gegenwärtigen Grippepanik kein Argument. Man bekommt auch selten ernste Gegenargumente zu hören. Wir hatten das ja schon oben: Logik entsteht im Dialog und Unlogik ist das Gebot der Stunde. Daraus folgt der Abbruch der Gespräche beinahe zwingend. Natürlich kann man noch miteinander reden. Es darf nur nicht allzuviel Bezug der Worte bestehen. Und dann haben wir letztlich immer den Tod verdrängt, und nun tauchen krude Vorstellungen darüber auf.

Aber, das sei doch auch gesagt: Wenn es jetzt eine besonders starke Grippe wird und tatsächlich das in den vergangenen Dekaden stark reduzierte Gesundheitswesen der eigentlich reichen Länder zusammenbricht - und es ist lokal tatsächlich teilweise zusammengebrochen -, also, selbst wenn die von den Statistikern so benamste Übersterblichkeit dank der Königsgrippe stark anwächst, so ist alles hier Gesagte dennoch im wesentlichen richtig: Mit solchen Leuten will man keine ernsthafte Pandemie durchstehen, wie man mit ihnen auch keine ernsthafte Wirtschaftskrise durchstehen kann. Und letztere immerhin leugnet niemand.

Fundstück

„Der menschliche Leib ist von Natur sterblich. Krankheiten können daher nicht ausbleiben. Warum wird der Mensch erst dem Arzte unterworfen, wenn er erkrankt, und nicht, wenn er gesund ist? Weil nicht nur die Krankheit, weil schon der Arzt ein Übel ist. Durch eine ärztliche Kuratel wäre das Leben als ein Übel und der menschliche Leib als Objekt der Behandlung für Medizinalkollegien anerkannt. Ist der Tod nicht wünschenswerter als ein Leben, das bloße Präventivmaßregel gegen den Tod? Gehört freie Bewegung nicht auch zum Leben? Was ist jede Krankheit als in seiner Freiheit gehemmtes Leben? Ein perpetuierlicher Arzt wäre eine Krankheit, an der man nicht einmal die Aussicht hätte, zu sterben, sondern zu leben. Mag das Leben sterben: der Tod darf nicht leben.“ (Karl Marx: Debatten über Preßfreiheit und Publikation der Landständischen Verhandlungen, Rheinische Zeitung, Nr. 132 vom 12. Mai 1842)

Sprache

Wir sind nun eine Herde. Herdenimmunität ist in aller Munde. Am Ende besteht die Frage darin, ob wir Lämmer oder Ziegen sind. Auch Durchseuchung der Gesellschaft findet man.

Liebe

Während die Zeitung Zeit noch online für eines ihrer lächerlichen Bücher mit dem Titel „Sex, der glücklich macht, kennt keine Normen“ wirbt, verkündet das New Yorker Department of Health:

„Hab Sex mit dir nahen Leuten. Du bist dein sicherster Sexpartner. Masturbation wird das COVID-19 nicht verbreiten, besonders wenn du vor und nach dem Sex deine Hände (und alle Sexspielzeuge) wenigstens 20 Sekunden mit Seife und Wasser wäschst. Der nächst sichere Sexpartner ist jemand mit dem du lebst. Naher Kontakt - inklusive Sex - nur mit einem kleinen Kreis von Leuten zu haben, hilft das COVID-19 an seiner Ausbreitung zu hindern. Du solltest nahen Kontakt - inklusive Sex - mit allen Leuten außerhalb deines Haushaltes vermeiden. Wenn du Sex mit anderen hast, habe so wenig Partner wie möglich.“

Ehe

Die Pärchen werden jetzt verquickt, endlich ziehen sie zusammen, endlich sind sie monogam. So manche Hölle entwickelt sich, manche Trennung wird vorbereitet. Alle sorgen sich um eine Zunahme der häuslichen Gewalt in Marzahn. Aber die Mittel der Mittelklasse, sich das Leben zu vermiesen, sind auch nicht ohne.

Die Alten

Das alles passiert wegen der Solidarität mit den alten Menschen. Hört man überall. Wirtschaftskrise++? „Den alten Mitbürgern zuliebe.“ Die mag jetzt endgültig keiner mehr besuchen? „Aber doch nur zu ihrem eigenen Schutz!“ Derweil gehen Anweisungen oder Richtlinien an die operierenden Ärzte rum: Wer wird noch behandelt und wer nicht.

Traumdeutung

Die Yogameister sagen ja schon länger, wir Europäer atmen zu schlecht. Jetzt machen sich alle Sorgen um Intubation. Die Welt als Beatmungsanlage. Aber warum meldet sich kein Freudianer zu Wort und entschlüsselt den Sinn der neualten Atemnot? Plötzlich identifizieren sich alle mit den alten Menschen. Plötzlich sind wir alle alt und es stimmt ja, dass Europa sehr alt ist. Die alten Menschen selbst - das ist ja bei Projektionen üblich - werden nicht gefragt. Der wahre Grund der Panik dürfte das ungelebte Leben in der Vergangenheit sein, gepaart mit einer nun beginnenden politökonomischen Krise und Umwälzung großer Ordnung. Die Angst vorm Virus ist die Rationalisierung. Die letzten Freudianer müßten also auch über den Grund der Hysterie reden und so schweigen sie lieber.

Wilhelm Reich

Am 3. November 1957 in einem US-Gefängnis gestorben. Die offizielle Todesursache lautet auf Herzversagen.

Nochmal Guy Debord

„Das Spektakel ist heute mit Gewissheit stärker als zuvor. Was tut es mit dieser zusätzlichen Stärke? Bis zu welchem, zuvor von ihm nicht erreichten Punkt ist es vorgedrungen? Welches sind, mit einem Wort, zurzeit seine Operationslinien? Das unbestimmte Gefühl, dass es sich hierbei um eine Art Blitzinvasion handelt, die die Leute dazu zwingt, ein äußerst verschiedenes Leben zu führen, ist mittlerweile weit verbreitet, wird aber eher wie eine unerklärte Veränderung des Klimas oder eines anderen natürlichen Gleichgewichts empfunden; eine Veränderung angesichts derer die Ignoranz lediglich weiß, dass sie nichts zu sagen hat. Hinzu kommt, dass viele darin eine, im Übrigen unvermeidbare, zivilisatorische Invasion sehen und sogar Lust haben, daran teilzunehmen. Wozu genau diese Eroberung dient und welchen Weg sie geht, wollen sie lieber nicht wissen.“ (Kommentare zur Gesellschaft des Spektakels, 1988)

China

Himmlisch war und ist die Propaganda in China. Erst steigen die Fälle durch systematische und exponentiell gesteigerte Molekulartests des Blutes. Dann gibt es einen Lockdown. Und keine Tests mehr und dadurch keine Neuansteckungen. Sofort wird gemeldet: Großer Erfolg. Die sich an sich ja angeblich wild verbreitende und angeblich sehr tödliche Seuche ist sofort unter Kontrolle. Die Sache ist so dumm, dass keiner lacht. Entweder müsste in China ein fortgesetztes Massensterben verschwiegen werden oder eben ein durchsichtiges Propagandamaneuver. Aber man hört eher, dass sie ihre Industrie langsam wieder ankurbeln und sich über das dank Saudiarabien doch sehr billige Öl freuen.

Korrektur

Die Zeitung Bild fragt: „Werden wir jetzt von Virologen regiert?“ Doch der Schein trügt. Es sind nicht Virologen, sondern einige von ihnen - an vorderster Front in Deutschland der unsympathische Drosten. Der hatte schon die Schweinegrippe erfunden und läßt sich gerade von der Herrschaft einspannen. Andere leisten schüchtern Opposition. Wodarg, ein Ehrenmann. Und in seinem Gefolge gibt es immerhin einige Videonachrichten anderer Virologen, Panikforscher, Epidemologen, Statistiker. Genannt sei noch die "in ihrer Ehre als Virologin" gepackte Prof. Dr. Karin Mölling, die sich früh bei Radio 1 äußern durfte - natürlich nicht ohne obligatorische Distanzierung bzw. Triggerwarnung: „Sofern das Interview den Eindruck erweckt hat, dass radioeins die Coronakrise verharmlost, möchten wir uns ausdrücklich dafür entschuldigen“. Einige aus der Masse lassen sich von solcher Gegeninformation sogar kurz aus der Ruhe bringen und so kursieren solche Videos oder Audios einen Augenblick im Netz, bis das Spektakel reagieren muß. Drosten sagt ohne Distanzierung des NDR, daß Wodarg irrt. Punkt. Alle sagen, dass Drosten gut argumentiert hat und schon ist die Totalität wieder geschlossen. Wodarg gilt für irre. Allein, dass er mit Eva Hermann redete... nachdem die FAZ ihn ablehnte. Andererseits gibt es auch international anerkannte Stimmen, die ähnlich argumentieren. Die jetzt noch ungültigen Argumente werden möglicherweise in der Hinterhand gehalten, falls man das Volk darüber informieren muß, dass es genauso plötzlich wie es zu „leben“ aufhören, dann auch wieder zu „leben“ anfangen muß. Die von Drosten eingeführte Wellenform bekommt jetzt einen neuen Sinn. Schreckensnachricht und Entwarnung oszillieren. Wo nicht diskutiert wird, kann man die Argumente beider Seiten als Begründung für Dekrete nehmen. Und so empfiehlt ein Teil der virologischen Opposition das verschärfte Tragen von Masken. Aber wer will das?

RKI, WHO

Alle guckten gebannt auf Naziskins in den 90ern. Jetzt guckten sie alle gebannt auf den sogenannten Rechtspopulismus. Die allgemeine Faschismusparanoia war der Möglichkeit eines neuen Faschismus nach dem Niedergang des Staatssozialismus geschuldet. Aber die Akteure wurden nie richtig bestimmt. Keiner hat ans RKI gedacht oder die WHO. Ansonsten haben wir hier natürlich Bundeswehr, Sondereinsatztruppen der Polizei, Bereitschaftspolizei, Polizei, Ordnungsamt, Technisches Hilfswerk, Feuerwehr, medizinisches Personal, nicht zu vergessen: die Bevölkerung in all ihren Berufen... Auch Hitler brauchte die SA erstmal kaum und eher im Vorspiel gegen die heute allerdings inexistente KPD. Aber sollte man Personal für extralegale Drecksarbeit brauchen, lassen die sich schnell rekrutieren, und da könnte das eine oder andere der jetzt sporadisch bestehenden Nazinetzwerke ggf. helfen. Ansonsten sollte man wirklich an das RKI und die WHO denken. Vielleicht auch an die Bill & Melissa mit ihrer schon seit Jahren verbreiteten Virusparanoia.

Geopolitik vulgo Verschwörungstheorie

Und warum nicht ein wenig wirre und stets falsche Verschwörungstheorie wagen. Aus der Vorvergangenheit klingt noch die Stimme der Frontfrau der Globalisten im Kopf nach: I want you to panic. Greta Thunfisch ist nun verschwunden, die Panik wird nun durch den Virus induziert, nicht durch das marode Klima. Auch Schulstreiks der jungen Klimaretter sind nun schwieriger geworden. Im Grunde ist der Virus die Antwort der Antiglobalisten auf die Klimahysterie der Globalisten. Xi hat ihn benutzt, um sein himmlisches Mandat in Wuhan umzusetzen, Trump nutzt es, um die Demokraten auflaufen zu lassen. New York und die Westküste sind im Lockdown und verkaufen das als Opposition gegen Trump. Der Virus soll die längst entschiedene Wahl doch noch umentscheiden. Der Witz ist, dass die Antiglobalisten die Globalisten mit ihren eigenen Waffen schlagen, letztere können sich dem Angebot nicht entziehen, das ihrem bisherigen Psychologie- und Propagadamuster entspricht. Sie müssen die Panik verbreiten, die Maßnahmen treffen, die ihren Abgang beschleunigen. Der vorgetäuschte Liberalismus der Antitrumpianer blamiert sich auf die eine oder andere Weise und die schon jetzt entschiedene Wahl kann eigentlich verschoben werden: Leute wie Trump und Bolsonaro, Salvini und wer noch alles werden sich am Ende darauf herausreden können, sie hätten ja nie an die dann möglicherweise statistisch widerlegte Gefährlichkeit des Virus geglaubt, und das Restrisiko wäre dann doch andererseits mit den neuen Möglichkeiten des Crowd-Control bequem unter Kontrolle gebracht worden. Vorbild Wuhan, wo man die unverfrorensten statistischen Lügen mit den unverfrorensten Massnahmen verband. Und nun kommen auch die ersten entwarnenden Studien (1) (2): Es wären halt doch viel mehr Infizierte gewesen und die Sterberate des Virus nicht höher als bei anderen dieser Grippeviren. Glaube nie einer Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast. Und unter uns, diese Studien sind viel wissenschaftlicher als das Gerede von Drosten et al.

Greta Thunfisch

Greta Thunfisch selbst wiederum behauptet auf diesem Instagram, sie hätte diese Königsgrippe. Zwar habe sich sich fast gar nicht krank gefühlt - „I almost didn’t feel ill - und getestet wurde sie auch nicht, aber da sie nun immer schon wollte, daß wir uns einigen sogenannten Experten unterwerfen, sagt Greta jetzt: „Folgt den Ratschlägen von Experten und euren örtlichen Autoritäten und #StayAtHome“. Jetzt wo der autoritäre Kern ihrer Rede offen liegt, versteht man auch endgültig die Quarantäneelterngeneration, die ihr zuklatschte.

Obligatorische Distanzierung II

Das, was wie eine Verschwörung aussieht, kann auch die Resultante lauter einzelner Neurosen sein. Jeder ist sich selbst verrückt und schwups ist auch das Ganze verrückt. Marx, Kapital, Band 1, Kapitel 4. Oder auch: Die NWO (Neue Weltordnung), das sind wir alle, Greta wird nicht bezahlt und macht es dennoch. Aber es sei doch angemerkt: Es gibt schon auch die Politik. Die Politiker verstehen in der Regel wohl auch nur soviel von Politik wie die Virologen von den Viren. Trotzdem findet der Autor dieser Bagatellen, daß Xi, Trump und Putin bislang fachlich unterschätzt wurden. Sie wissen besser Bescheid, als gerade etwa Merkel und ihr Stab. Letztere hatte auch ihre Zeit und war schon gut, aber jetzt, da sie schon länger außer Kurs gesetzt wurde, wirkt sie nicht mehr bei der Sache. Macron immerhin hat in einer wichtigen Rede vor seinen Botschaftern am 27. August letzten Jahr die Richtung angezeigt (Rußland) und jetzt mehr Schneid. Johnson wieder ist der ruhigste Europäer. Sein Brexit bekommt jetzt die virale Bestätigung.

Europa

Russland leistet Seuchenhilfe in Italien. Mit der Umsetzung ist das russische Verteidigungsministerium beauftragt worden.

Kommender Kompromiß

Da Globalisten und Antiglobalisten dann doch einfach nur spektakuläre und schlechte Ausdrücke für verschiedene Formen der gleichen Herrschaft sind und beide Formen der gleichen allgemeinen Dynamik unterliegen, werden sie sich einigen und kongruieren. Die Technokratie wird sich durchsetzen, selbst Trump bald alt aussehen, der Merkel ähnlicher, als einem lieb war. Integriertes Spektakel. Die momentan etwas gespaltene Elite der USA wird doch zusammenarbeiten und sofort durchgreifen, spätestens sollte es zu Unruhe kommen. Überhaupt gibt es den alten Gegensatz von Demokratie und Diktatur nicht mehr und so auch nicht den Gegensatz etwa von Demokraten und Republikanern, Freihändlern und Protektionisten, Google und Koch-Brüder und was einem sonst so einfällt. Schon der elende Gegensatz zwischen Brexitern und Remainern im Vereinigten Königreich war nur möglich, weil man die bemerkenswerten Plünderungen von 2011 vergessen wollte.

Flatten the curve

Die neue, sich erst kristallisierende Herrschaft wird dann den Virus vergessen und den Ausnahmezustand behalten. Angewendet allerdings nach dem neuen Flatten-The-Curve-Prinzip, immer schön in großen oder kleinen Dosen. Nie zu viel davon und nie zu wenig. Stets lokal dosiert und immer wieder mit temporären Lockerungen und immer mit den Verweis auf die eigene Sicherheit. Neue Viren können auch wieder auftauchen, Hygiene wird sicher zunehmend wichtig, aber die wahren Viren sind natürlich die Eruptionen des Sozialgefüges. Die Arbeitslosenstatistik oder etwa die Eroberung des Arc de Triumphe durch gelb bekleidetes Volk. Da war doch was in Ferguson?

Skalierung

Und so arbeitet die Ordnungsmacht skaliert. Hier in Berlin, der Stadt der gemütlichen Lämmer, ist der Gips ganz sanft, man setzt auf Einsicht und höchstens die Letzten beißen die Hunde. Es „wundert mich nicht“, sagt der Berlinreporter der NZZ am 29.3., „dass ich ausser im Görlitzer Park keine Polizisten gesehen habe. Fast alle Berliner, so scheint es, sind daheim. Selbst in den öffentlichen Verkehrsmitteln halten die Menschen die Abstandsregeln ein, ganz ohne Polizeipräsenz.“ In den Parks dann doch zur Sicherheit etwas Präsenz: „Zu fünft laufen die Beamten den asphaltierten Weg entlang. Sie beobachten aufmerksam, deuten auf manche Personen im Park, müssen aber nirgends eingreifen. Die Verbote scheinen bei den Menschen angekommen zu sein.“ Aber dann ist man in Berlin „strenger als in Stockholm, wo Menschen noch dicht nebeneinander in Cafés sitzen dürfen“. In Frankreich dagegen zieht man die Zügel etwas straffer. Und Italien und Spanien müssen die Ausnahme mit voller Wucht erdulden. In Italien gibt es auch Gefängnisaufruhr und die permanente Wirtschaftskrise ist dort schon länger recht virulent. In Suhl (Osten von Deutschland) wiederum macht die Polizei ihre alle Nase lang übliche Razzia in einem unter anderen von der Bundeswehr betriebenen Flüchtlingslager, aber diesmal nicht mit Verweis auf wütende Knüppelmuslimverhetzte, sondern wegen illegalem Verlassen der Unterkunft durch einige Jugendliche. Man hatte nämlich über 500 Flüchtlinge in Quarantäne gesetzt. Zur eigenen Gesundheit müssten die Unruhestifter isoliert werden. Einzeln werden sie abgeführt. Jetzt fragen sich die seelenlosen Juristen, ob man sie nicht in ein Justizspital verwahren könnte, obwohl es ja nicht legal wäre, dass zu tun.

Internet

Das Netz ist überlastet. Bekommen wir jetzt das neue chinesische 5G-Netz, mit höherer Bandbreite für den Pornokonsum wie für die Games, für Homeschooling und nun immer wieder flackernde Geschäftstreffen und natürlich nur zufällig für die Überwachung durch die Apparate, die Steuerung von Drohnen?

Ferner entwickelt das RKI „freiwillige“ Apps zur Kontrolle der Begegnungen. Funkzellen sind ungenau, aber mit den GPS-Daten und den neuen Mechanismen der Messung der Eigenbewegung dieser kleinen verfluchten Dinger geht es genau, und man kann jeden Kontakt sofort bestimmen und an einen Zentralcomputer schicken. Natürlich anonym. Andere Länder koppeln die Ausgangsperre an Ampelfarben eines neuen Programms für tragbare Minicomputer, die dem massenhaften Individuum anzeigen, ob es nach Hause gehen muß. Oder ob er noch Transportmittel benutzen darf, einkaufen etc. Der von einer künstlichen Intelligenz berechnete Zustand der App ist dann an automatische Türen gekoppelt. Falls man nicht noch analoge Kontrolleure einsetzt.

In einigen Ländern gibt es auch digitale Pranger. Listen von Leuten, die das Kontaktverbot brechen, im Internet. Man könnte das an Smartphones koppeln.

Alle Videos zum Thema Corona werden von Youtube mit einem Link auf die Bundeszentrale für gesundheitliche Verblödung versehen. Egal, ob da jemand klickt: Sie machen damit klar, dass sie alle diese Videos auch zensieren können. Dasselbe gilt für Blogs. Flugschriften, Plakate könnten in diesem Ambiente eine Renaissance erfahren.

Auch der Geldverkehr bekommt nun einen sogenannten Digitalisierungsschub, Bargeld wird rar. Damit kommt dessen Funktion als direktes Kontrollinstrument rein in Erscheinung. (Sie war nebenbei Karl Marx im ersten Kapitel des Kapitals noch unbekannt. Gnade der frühen Geburt. Anmerkung: Der Marxist neben mir sagt, ich solle die Grundrisse besser lesen und würde auch diese Funktion irgendwo finden.)

Ausblick

Wie lange der gegenwärtige Drill der Bevölkerung, Stresstest der Vereinzelten und die große Polizeiübung dauern werden, ist unklar. Die Unklarheit ist Teil der Probe. Indem inzwischen die italienische Gesundheitsbehörde den größten Unfug eingestehen muss und auch die Propaganda der Chinesen zu Wuhan durch differenziertere Untersuchungen relativiert wird und also vieles dafür spricht, dass die Epidemie bald für beendigt erklärt wird, könnte auch diese erste Übung bald enden. Aber nicht zu bald. Und die Spuren werden tief sein. Zumal ein Drill den nächsten will.

30.3.2020

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Autonome Perspektiven auf Wirtschaft, Staat, Coronavirus (dt,english) https://non.copyriot.com/autonome-perspektiven-auf-wirtschaft-staat-coronavirus-dtenglish/ Fri, 03 Apr 2020 08:18:10 +0000 https://non.copyriot.com/?p=12946

Was nützt einem Gesundheit, wenn man ansonsten ein Idiot ist“ - Adorno

#Einleitung

Der Coronavirus und die von ihm ausgelöste Lungenkrankheit Covid-19 stürzen die Menschen auf der ganzen Welt in Chaos und Unglück. Noch nie dürften so viele Menschen zugleich unter Kontakt- und Ausgangssperren und -verboten gelitten haben wie derzeit – aktuell dürften es etwa 25% der Weltbevölkerung sein – Tendenz steigend. Ebenfalls dürfte es eine ganze Weile her sein, dass in den Zentren der sogenannten westlichen Welt kranke und hilfsbedürftige Menschen keinen Platz mehr im Krankenhaus bekommen können, dass ihre Operationen hinausgezögert werden und dass eine Krankheit einen beträchtlichen Teil des Krankenhauspersonals infiziert und so die Versorgungslage weiter verschlechtert. Die weltweiten Todeszahlen mögen in permanent aktualisierten Bodycountern im Internet erschrecken, weisen die Covid19-Pandemie aber noch auf die unteren Ränge der Pandemien; noch sind bisher weltweit ungefähr so viele Menschen gestorben, wie in einem der schlimmeren Grippejahre wie zB 2017/2018 bloß in Deutschland, eine Grippewelle, die Weltweit immerhin zwischen 300.000 und 600.000 Menschen das Leben kostete, ohne das es überhaupt groß aufgefallen wäre, sofern die Toten nicht im persönlichen Umfeld zu beklagen waren. Es soll aber gar nicht darum gehen, Covid-19 und den Schrecken, den die Krankheit verbreitet zu relativieren, indem man sie mit der jährlichen Influenza, den Hungertoten, den Toten des Straßenverkehrs, den jährlichen Selbstmorden, oder welche andere schreckliche Zählung verloschenem menschlichen Lebens jemandem einfällt. Vielmehr ist das Thema hier die Frage, wieso der Staat gerade jetzt ein solches Interesse an der Gesundheit der Menschen in der Gesellschaft an den Tag legt, wo ihm ansonsten das Ableben von Menschen wenig oder gar nicht interessiert, ganz gleich ob es sich um vermeidbares Unheil wie Krankheit, Krieg, Hungertod, Selbstmord und Straßenverkehr oder das Sterben in unvermeidbaren Naturkatastrophen handelt.

Dazu betrachten wir zum einen das Verhältnis vom Staat zur Gesundheit der Menschen und damit zusammenhängend auch das Verhältnis vom Staat zur Wirtschaft. Dazu sei gesagt, dass wir uns Staat, Gesellschaft und Wirtschaft hier in ihrem strukturellen Verhältnis zueinander anschauen und damit nicht die tatsächlichen jeweiligen Regierungen und Firmen, welche die Strukturen ausfüllen, ebensowenig wie die subjektiven Blickwinkel der Menschen in Machtpositionen, sofern sie nichts zur Strukturerhellung beitragen.

Daran anschließend wollen wir noch einen kleinen Beitrag zur autonomen Gesundheitsvorsorge beitragen. Keinesfalls wird es dabei darum gehen, wie und wie oft sich Hände zu waschen sind oder dergleichen, allgemeine Hygieneregeln hierzu sind seit Beginn der Pandemie mehr als ausreichend auf dem Tisch. Vielmehr geht es darum, der gesundheitlichen Verstümmelung entgegenzuwirken, die derzeit durch den autoritären Vorstoß verursacht wird und eben auch darum, zu enthüllen, dass das permanente Wiederholen gesundheitlicher Hinweise keineswegs die Gesundheit fördert, sondern vielmehr Ausdruck der notwendigen Verblödung der Gesellschaft durch den Staat im Interesse seines Machterhalts ist.

# Staat und Wirtschaft

Um es kurz zu machen: Das Verhältnis von Staat und Wirtschaft ist gekennzeichnet durch Hilfe zum gegenseitigen Machterhalt. Der Staat schafft für die Wirtschaft möglichst gute Bedingungen für das Erwirtschaften von Gewinnen, dafür stellt die Wirtschaft Geld und Waren zur Verfügung, damit der Staat seine Macht gegenüber der Gesellschaft behält. Die Gesellschaft verkauft beiden ihre Arbeitskraft und erhält dafür Geld, mit welchen sie sich die von ihr selbst produzierten Konsumgüter kaufen kann.

Die Aufgabe des Staates ist es, die Menschen in der Gesellschaft auf diesen „Handel“einzustimmen. Die Instrumente hierfür sind die aktuelle Pädagogik, Soziologie und Psychologie (die sich dann in Erziehung, Werbung, Stadtplanung, Psychotherapie usw ausdrücken); sie liefern das Handwerkszeug, dass der Staat braucht, um die Menschen in der Gesellschaft schon als Kinder von ihren subjektiven Interessen abzulenken, sie zu verunsichern und voneinander zu isolieren, damit sie in der Folge die Interessen von Staat und Wirtschaft für ihre eigenen Interessen halten und den Verkauf ihrer Arbeitskraft im Austausch für Geld und Konsumgüter „freiwillig“, dh ohne größeren Widerspruch durchführen. Gibt es Widerspruch, hat der Staat den Widerspruch zu regulieren, was bedeutet, dass er irgendwelche Maßnahmen finden muss, die die Zufriedenheit in der Gesellschaft wiederherstellen, ohne dass die Wirtschaft nennenswerte Verluste hinnehmen muss. Zufriedenheit wird in der Regel so hergestellt, dass die Teile der Gesellschaft, die sich beschweren, durch eine größere Beteiligung an der Geldausschüttung und in der Folge dann durch eine erhöhte Beteiligung am Konsum befriedigt werden. Durch alle Umstellungen dieser Art wird das grundsätzliche Verhältnis nicht berührt, dh die Menschen in der Gesellschaft müssen weiter ihre Arbeitskraft an den Staat und die Wirtschaft verkaufen und bekommen dafür soundsoviele Konsumgüter.

Dabei ist es für den einzelnen Menschen nicht wesentlich, ob jemand in einem Angestelltenverhältnis seine Arbeitskraft an einen Arbeitgeber verkauft, oder ob er seine Arbeitskraft direkt in Form eines Konsumgutes an einen Kunden verkauft wie in der Selbstständigkeit. Wichtig ist vor allem der Tausch von Arbeitskraft gegen Geld und der dann folgende Tausch von Geld in Konsumgüter und eine allgemeine Zufriedenheit damit.

# Staat, Wirtschaft und Gesundheit

Die Menschen, die der Staat formt, um sie an die Wirtschaft weiterzugeben, brauchen bestimmte Qualitäten. Dies sind zum einen ganz konkret fachliche Qualitäten (wie etwa Lesen, Rechnen, Schreiben können), zum anderen ganz allgemeine Qualitäten (wie Pünktlichkeit, Ehrlichkeit, usw.), damit der Arbeitsprozess in dem sie arbeiten sollen, reibungslos verläuft. Gesundheit ist eine dieser Qualitäten, was bedeutet, dass die Menschen, die der Staat für die Wirtschaft vorbereitet, um sie an sie weiterzugeben, im besten Falle „gesund“ sind. Gesund zu sein heißt in der Perspektive von Staat und Wirtschaft, dass jemand die an ihn gestellten Anforderungen möglichst reibungsfrei ausführen kann, also etwa nicht zu schwach, zu ungeschickt oder eingeschränkt ist, wie auch dass diese möglichst pausenfrei ausgeführt werden kann, jemand also ohne Unterbrechung zu seiner Arbeit erscheint. Die Zeit, die jemand nicht arbeitet, soll im besten Fall ausreichen, um alle Probleme, die ein Mensch an Körper und Geist hat, zu beheben. Ein darüber hinausgehendes Interesse an der Gesundheit der Menschen in der Gesellschaft besteht unmittelbar nicht. Das hat dazu geführt, dass der Staat das Gesundheitssystem weitestgehend an die Wirtschaft abgegeben hat, was wiederum dazu führte, dass Gesundheit in ein Konsumgut transformiert wurde, Gesundheit also etwas ist, was sich käuflich erwerben lässt und in der Regel besser wird, wenn jemand mehr Geld dafür ausgeben kann.

Darüber hinaus ist das Interesse an gesunden Menschen von der Wirtschaft her in Zahlen zu bestimmen. Es hängt zusammen mit der überhaupt benötigten Arbeitskraft. Wenn also eine bestimmte Zahl von Stunden gearbeitet werden muss, braucht die Wirtschaft gesunde Menschen, die genau diese Zahl an Stunden arbeiten können; in der Regel erhöht sich diese Zahl noch um weitere Menschen, die die Arbeit ebenfalls machen könnten, diese sind die Bedrohung für die bereits arbeitenden Menschen, dass sie jederzeit ersetzt werden könnten. Gibt es zu viele Menschen, die zwar theoretisch arbeiten könnten, aber von der Wirtschaft gar nicht gebraucht werden (auch nicht, um anderen Angst zu machen), entsteht ein Missverhältnis. Der Staat müsste weniger Menschen zur Verfügung stellen, dies jedoch hat nichts damit zu tun, wie viele Menschen tatsächlich in der Gesellschaft leben und die vom Staat selbst erzeugte Erwartung hegen, dass sie nun eine Arbeit erhalten. Hierdurch entsteht das strukturelle, ziemlich schreckliche Interesse bei Wirtschaft und Staat, dass menschliches Leben vergeht, anstatt dass es gesund gelebt wird, sofern es keinen Trend dahin gibt, dass immer mehr Arbeitsstunden von Menschen gearbeitet werden müssen.

Ein weiteres Interesse bezüglich des Lebens und der Gesundheit der Menschen seitens Staat und Gesellschaft findet sich bezüglich der Dauer des Lebens; scheidet ein Mensch aus dem Arbeitsleben aus, bezieht er Rente. Je länger dieser Abschnitt dauert, desto länger muss für diesen Menschen in der Regel Geld ausgegeben werden, ohne dass er jedoch seine Arbeitskraft zu Markte trägt. Daher besteht in der Wirtschaft kein unmittelbares Interesse am hohen Alter der Menschen, seitens des Staates nur insoweit, dass eine hohe Lebenserwartung seine Rolle als Staat gegenüber der Gesellschaft festigt. Abgesehen davon machen alte Menschen nur Scherereien, was an den anhaltenden Debatten über Rentenfinanzierung und -alter unter dem Stichwort „Überalterung der Gesellschaft“ aktuell zu erkennen ist (oder sagen wir erstmal „war“, weil die Corona-Krise alles überschattet).

Hinzu kommt derzeit noch ein neues Problem und zwar das Klima: Die Warenproduktion für den Konsum hat ein solches Ausmaß angenommen, dass das Klima der Welt daran zuschande geht. Gäbe es nur einen Bruchteil der Menschen, würde bei gleichem weltweiten Konsumniveau deutlich weniger Schaden am Klima angerichtet werden. Würde nur ein Bruchteil der Menschen leben, könnte das bisherige Gefüge von Wirtschaft, Staat und Gesellschaft erhalten bleiben.

Wir sehen also, dass Staat und Wirtschaft zwar ein Interesse an gesunden Menschen, die ihre Arbeitskraft verkaufen, haben, dass sie aber kein generelles Interesse an der Gesundheit der Menschen haben, oder wie in der gegenwärtigen Zeit, sogar ein gegenläufiges Interesse haben können.

# Staat, Wirtschaft, Covid-19

Unter dieser Perspektive stellt sich die Frage, ob denn Staat und Wirtschaft derzeit überhaupt ein strukturelles Interesse daran haben, die Ausbreitung von Covid-19 zu verhindern, beziehungsweise die Auswirkungen von Covid-19 auf die Gesellschaft zu begrenzen. Covid-19 scheint das Potential zu haben, viele Menschen zu töten, ohne dass es dafür Krieg geben müsste, zudem werden vor allem alte Leute davon getroffen. Wieso aber nimmt zum einen die Wirtschaft dann derzeit Schaden und wieso unternimmt der Staat Maßnahmen, die dem Zweck dienen, die Ausbreitung von Covid-19 zu verhindern beziehungsweise zu verlangsamen?

Antworten wir zuerst auf die Frage nach der Wirtschaft: Wenn der Tod von vielen Menschen kein genereller Schaden für die Wirtschaft ist, wieso herrscht an den Börsen weltweit dann derzeit eine solche Panikstimmung? Dies liegt daran, dass hier das strukturelle Interesse der Wirtschaft an ihrem eigenen Erhalt und das konkrete Interesse der Akteur*innen in der Wirtschaft auseinanderfallen. Denn die Produktion von Konsumgütern orientiert sich zu einem Teil am zu erwarteten Absatz: Wird die Anzahl der Konsument*innen plötzlich reduziert gibt es eine „Übersättigung“ des Marktes, was in der Regel zu massiven Verlusten führt (eine Übersättigung des Marktes wurde im Übrigen von einer Reihe von Wirtschaftswissenschaftler*innen ohnehin bereits beobachtet, insofern hat die Covid-19-Pandemie dies nur beschleunigt). Wir sehen das Problem für die konkrete Wirtschaft schon jetzt, die Konsument*innen werden temporär reduziert, dass alleine reicht für Billionenverluste. Während es also für die Struktur der Wirtschaft relativ egal ist, ob derzeit massenhaft Unternehmen Verluste machen oder sogar schließen, wehren sich die tatsächlichen Unternehmen natürlich mit Händen und Füßen dagegen. Dabei ist zu sehen, dass es eine Reihe von Unternehmen gibt, die auf eine baldige Wiederaufnahme der Betriebe sowie auch des öffentlichen Lebens drängen, also die Maschinerie von Produktion und Konsum wieder ans Laufen bringen wollen, da jeder Tag, der verstreicht, es unwahrscheinlicher macht, dass es überhaupt zur Wiederaufnahme kommt. Alternativ wird vom Staat gefordert, dass er die Kosten, die durch die autoritären Maßnahmen entstehen, übernehmen, den Unternehmen also ordentlich Finanzen bereitstellen soll. Die Wirtschaft zeigt damit, dass es ihr nicht um das Leben oder das Überleben der Menschen geht, sondern um bloß um ihr eigenes Überleben und dem Fortbestehen ihrer Produktionsbedingungen. Daneben ergeben sich für die Wirtschaft sogar einige Vorteile und zwar im Bereich der Digitalisierung. Angesichts der tatsächlichen technischen Möglichkeiten, besteht in vielen Bereichen eine faktische Rückständigkeit. Diese Rückständigkeit stört in der Wirtschaft insofern es bedeutet, dass auf bestimmte Einsparmöglichkeiten verzichtet werden muss, wie etwa die Miete für Büros und Konferenzräume, wenn Angestellte genausogut zuhause arbeiten könnten und nötige Treffen in digitalen Räumen abhalten würden, oder etwa bei der Abschaffung des Bargeldes, was als Zahlungsmittel unter anderem einige konsumhemmende Effekte hat und unnötige Verwaltungsprobleme mit sich bringt; zudem lassen sich die durch digitalen Zahlungsverkehr anfallenden Daten wesentlich besser abschöpfen als etwa durch relativ anonymes Bargeld. Abgesehen davon bleibt die aktuelle Lage für die Wirtschaftsvertreter*innen schwer abzusehen, im Allgemeinen jedoch wird davon ausgegangen, dass Produktion und Konsum nach der Corona-Krise wieder deutlich anziehen werden, weswegen es für die konkreten Unternehmen vor allem darum geht, möglichst schadlos (also verlustlos) die Krisenzeit zu überdauern und zu überstehen.

Gegenüber der Wirtschaft hat der Staat völlig andere Interessen an einem glimpflichen Ausgang der Corona-Krise. Das Sterben der Menschen ist ihm im weitesten Sinne völlig gleichgültig, sofern es sich um ein Sterben handelt, dass zum einen der Wirtschaft nicht allzusehr schadet und zum anderen um ein Sterben, dass stillschweigend verläuft, also ohne große Klagen aus der Gesellschaft heraus, wie etwa bei den schlimmeren Grippewellen oder dem Sterben an Tuberkulose und dergleichen, oder aber dem Verhungern von Menschen in ausgebeuteten Regionen der Welt. Sofern das Sterben gesellschaftlich akzeptiert wird, ist das verlöschende Leben dem Staat keinen Cent wert. Problem macht es bloß, wenn das Sterben mit allzuhoher gesellschaftlicher Aufmerksamkeit bedacht wird und dies ist in Bezug auf die Corona-Krise passiert. Dies bringt den Staat in ein Legitimationsproblem: Da er allerlei Kompetenzen in seinen Ministerien auf sich vereinigt und gegenüber der Gesellschaft das Versprechen abgibt, sich um alles anständig zu kümmern, ist ein von der Gesellschaft als problematisch erlebtes Sterben der Menschen etwas, das zu verhindern Angelegenheit des Staates ist. Wieviele Menschen an der konkreten Corona-Pandemie in Deutschland sterben, spielt für den Staat daher nur insofern eine Rolle, wie der Bodycount in einem negativen Verhältnis zum in der Gesellschaft rezipierten Bemühungen des Staates steht. Für ihn reicht es, wenn am Ende der Krise der Eindruck entstanden ist, dass der Staat keine Maßnahme ausgelassen hat, um die Zahl der Toten zu reduzieren, dass er weder Kosten noch Mühen gescheut, den Kopf nicht eingezogen, die Verantwortung übernommen hat. Allerdings bedeutet das für den aktuellen Staat ein relatives Problem, da er in den vergangenen Jahren zahlreiche Schritte unternommen hat, die das Gegenteil belegen, er also Kosten und Mühen gescheut, den Kopf eingezogen und die Verantwortung für den Erhalt der Gesundheit in der Gesellschaft abgegeben hat und zwar an die Wirtschaft, also Gesundheit in ein Konsumgut transformiert hat. Dies hat zwar bisher zu einer ganzen Reihe von negativen Folgen geführt, wie etwa die viel zu hohe Arbeitsbelastung des Pflegepersonals und die damit zusammenhängenden Erkrankungen, das Abschaffen nicht rentabler Krankenbetten, die Verschlechterung des Pflegeschlüssels, und und und, bisher aber gelang es, diese Misere weitestgehend zu kaschieren . Die derzeitige völlig voraussehbare Corona-Krise (die durch Simulationen bereits seit Jahren bekannt ist) jedoch führt dazu, dass die negativen Folgen nicht mehr zu kaschieren sind.

Der Staat reagiert darauf zum einen, in dem er die Kommerzialisierung der Krankenhäuser (gute Pflege bekommt, wer dafür gut zahlt) temporär zurückbaut (der Staat zahlt für jedes Krankenbett). Zum anderen aber hat er sich einen besonderen Kniff einfallen lassen und zwar die Schuld für die Probleme mit der Corona-Krise an die Gesellschaft zu verweisen. Dies geschieht, indem ein Bild erzeugt wird, das Problem sei, dass sich Teile der Gesellschaft nicht an die im Sinne der Gesundheit veranlassten autoritären Maßnahmen halten würden. Demnach ist das Problem nicht mehr, dass Kranke nicht die nötige Behandlung erfahren können, sondern dass gesunde Menschen die Verbreitung des Virus voranbringen. Hierdurch ist jeder Mensch in der Gesellschaft, der sich nicht an die Maßnahmen hält, Mitschuld am Ableben kranker Mitmenschen. Gleichzeitig entsteht dadurch der Eindruck, alle Menschen könnten „aktiv“ etwas gegen die Corona-Krise machen, wobei sie tatsächlich zur absoluten Passivität gedrängt werden sollen. Aktivismus in der Corona-Krise besteht darin, zu hause zu bleiben und andere zum Gleichen zu bewegen. Hierfür musste zum einen das Bild von Gesundheit eingeeicht werden und zwar dahingehend, dass „krank ist, wer einen Virus in sich trägt – unabhängig von Symptomen unter denen man leidet oder auch nicht“, gegenüber dem Gedanken „krank ist, wer einen Virus in sich trägt und wessen Abwehrkräfte nicht reichen, um mit einem Virus fertig zu werden“. Mit der Verschiebung des allgemeinen (nicht medizinischen) Begriffes von Krankheit lässt sich zukünftig mit anhaltender Regelmäßigkeit das Verbieten von Kontakten und Versammlungen rechtfertigen.

Dem Staat geht es also mit seinen autoritären Maßnahmen nicht wirklich um die Gesundheit der Gesellschaft, es geht ihm darum, sich Zeit zu verschaffen, damit er die Probleme, die er selbst verursacht hat, lösen kann, ohne das es allzugroßen Ärger über ihn gibt und er damit in eine Legitimationskrise kommen könnte.

Abgesehen von dem zentralen Problem seiner Legitimation kann der Staat die aktuelle Krise dazu nutzen, seine Position gegenüber der Gesellschaft auch für zukünftige Krisen abzusichern. Alle seine Maßnahmen sind unter diesem Aspekt zu betrachten; die Umstrukturierung der Gesellschaft wird zwar als Gesundheitsvorsorge kaschiert, tatsächlich nutzt der Staat das derzeitige „Krisenmanagement“ nur als Deckmantel, um ohnehin vorhandene autoritäre Interessen durchzusetzen, ohne dass die Gesellschaft darauf mit Widerstand reagieren kann. Ebenso wie die Wirtschaft profitiert er vom Digitalisierungsschub, genauso wie die breite Akzeptanz von Ausgangssperren, sozialer Kontrolle und Überwachungsmaßnahmen. So lange, wie der Staat damit durchkommt, die Menschen so zu verunsichern, dass sie all das bejahen, wird der Staat als Profiteur aus der Krise hervorgehen, die Gesellschaft freilich wird dadurch keineswegs gesünder werden, sondern in der Folge mit den Einbußen von Freiheit leben müssen.

# Autonome Gesundheitsvorsorge

Gesundheit ist kein spezifischer Inhalt autonomer Politik und sie zu erhalten keine gängige Praxis; regelmäßig aber geht es darum, die Bedingungen für einen Mangel an Gesundheit zu benennen und ihre Akteur*innen anzugreifen. Daneben ist Gesundheit als Thema auch im grundlegenderen Ansatz aufgehoben, Bedingungen zu schaffen, in denen es möglich ist, dass das Leben der Menschen sich frei entfaltet, was vielleicht mehr als alles die Grundlage von einer tiefgreifenden Gesundheit überhaupt ist. Darüber hinaus sind Maßnahmen zum Erhalt der körperlichen Gesundheit etwas, was sich als Wert nur subjektiv bestimmen lässt, dh es ist etwas, über das nur jede*r selbst zu entscheiden hat. Seinen Körper zu ruinieren oder großen Gefahren auszusetzen, kann ebenso Ausdruck von Freiheit sein, wie es nicht zu tun und stattdessen sein Leben auf einen möglichst langen Erhalt des eigenen Körpers auszurichten.

Was derzeit passiert, ist wesentlich mehr als das Verbreiten einer Lungenkrankheit zu verhindern, es ist die Intensivierung der Isolation und Einsamkeit zwischen den Menschen, welche schon vor der Corona-Krise der Fall war. Das Mittel zur Intensivierung, welches vom Staat gegen die Menschen eingesetzt wird, ist Angst. Angst aber ist bisweilen eine schlechte Ratgeberin und in diesem Fall führt sie dazu, dass bis weit in die linksradikale Bewegung hinein das Befolgen in ihrer Wirkung nicht wirklich fassbaren Maßnahmen bejaht wird. Welche Maßnahme wie sinnvoll ist, wird selbst unter den Fachleuten unterschiedlich bewertet und auch von einer einzelnen Person zum Teil im Laufe der Zeit völlig unterschiedlich; ihre Verbindung in den Staat hinein rückt ihre Aussagen überdies in schlechtes Licht – allen Wechseln zum Trotz gilt ihre jeweilige aktuelle Ansicht nicht wenigen als einzig richtige Ansicht. Vertreten wird diese Ansicht dann nicht bloß als eine mögliche medizinische Sicht auf ein Problem, aus dem nun jede*r ableiten kann, was er oder sie will, sondern aus diesen Ansichten werden die allgemeinen Verhaltensregeln abgeleitet und diese dann zum moralischen Gebot im Namen der Schwächsten gemacht.

Es geht nun nicht darum, diesen Ansatz als Umgangsweise mit der Corona-Krise als falsch zu geißeln. Er wird aus Angst geboren und dagegen lässt sich kein Argument finden; sie hat ihre Ursache nicht selten in der schon angesprochenen Fremdheit und Isolation zwischen den Menschen. Ihr zu begegnen würde am ehesten wohl auf dieser Ebene einen Ansatz finden, in der speziellen Situation, wo Nähe keine Sicherheit mehr bietet, sondern als Infektionsrisiko angesehen wird, scheint dies jedoch ohne Weiteres kaum möglich.

Der Ansatz für eine autonome Gesundheitsvorsorge besteht unserer Auffassung trotz allem darin, zu versuchen, die Isolation zu durchbrechen und zwar rein faktisch, wie auch inhaltlich. Das bedeutet, dass wir eine inhaltliche Gegenperspektive zur staatlichen Gesundheitspropaganda erfassen wollen, welche sich auf den schon erwähnten Aspekt bezieht, dass Gesundheit von Freiheit nicht zu trennen ist. Bezüglich der Gefängnisse ist dieser Umstand in linksradikalen Kreisen einigermaßen bekannt, nun geht es darum, fassbar zu machen, dass Ausgangs- und Kontaktsperre diese Basis für Gesundheit ebenso zerstören wie es das Gefängniskonzept vorsieht. Eine sinnvolle Auseinandersetzung darüber, welche Maßnahmen im allgemeinen zur Gesundheitsvorsorge sinnvoll sind, kann nur auf der Basis der Freiheit geführt werden, alles andere läuft Gefahr, zur Scheindebatte zu verkommen.

Daneben scheint es sinnvoll, die Ursachen der allgemeinen Angst vor dem Virus jenseits der Gefahr, die tatsächlich von ihm ausgeht, zu ergründen und erfahrbar zu machen. Denn die Darstellung des Virus bestimmt viel mehr seine Rezeption als der Virus selbst. Gleiches gilt für die anhaltende Umsetzung und Verschärfung autoritärer Maßnahmen – vielleicht ist es nützlich, sie zu betrachten, nachdem man sie von ihrem vordergründigen Schein der Gesundheitsvorsorge befreit hat, und ebenso, sich die Inszenierung des Scheins vor Augen zu führen.

Ein weiterer Aspekt ist es, den Vorschub bezüglich digitaler Überwachungsmaßnahmen und Entfremdungstechnologien zu begegnen, ihn zumindest offenzulegen. Ohnehin wird die Selbstdigitalisierung auch in zahllosen linken Gruppierungen befürwortet und vorangetrieben (allen voran die Hipster-Linken der IL). Die Ausgangs- und Kontaktsperren verschärfen diesen Trend aber noch, alles unter dem Beifall und den Empfehlungen der Bundesregierung, genau das zu tun. Es bleibt zu hoffen, dass die Feindseligkeit gegenüber dem Trend zur Digitalisierung von allem und der damit zusammenhängenden Auflösung der Substanz im realen Leben weiterhin ein Zuhause in autonomen Kreisen behält. Erstaunlich genug, dass die Idee der Online-Demonstration wieder aufleben konnte, war doch ihre autonome Version, die immerhin darauf abzielte die Server von Unternehmen lahmzulegen (eine Art Ddos-Attacke) schon ein Fehlschlag. Dass aber Teile der Linken so blöd sind, dass sie digital bereitgestellten Serverplatz privater Unternehmen (nichts anderes sind heruntergebrochen twitter, facebook und co) zum Speichern und Abrufen von Dateien mit dem öffentlichen Raum verwechseln, bzw beides für identisch halten, ist ein Zeichen für die Wichtigkeit, technologiekritische Positionen wachzuhalten und zu verbreiten, und zwar explizit und gerade da, wo die Öffentlichkeit für uns versperrt werden soll.

Zuletzt denken wir, dass die Verbreitung der Parole „Gesundheit gibt es nur in Freiheit“ und „Weg mit Knast, Kontakt- und Ausgangssperren“ verbreitet werden sollten, so gut es geht, selbst wenn damit aktuell ein erhöhtes Gesundheitsrisiko einher gehen sollte. So lange wir uns und unsere spärlichen Freiheiten nicht verteidigen, sind alle Demonstrationen und der gleichen nur ein Recht, welches uns der Staat nach Belieben geben und nehmen kann – mit dem allgemeinen Verbot aller Versammlungen hat er dies nun gezeigt. Allen Genoss*innen, die den Kampf weiterführen und sich nicht händewaschend in die Einsamkeit zurückgezogen haben, wünschen wir gutes Gelingen für alles, den anderen, dass sie wieder Mut fassen und ihre Kampfbereitschaft wiederfinden.

Gesundheit gibt es nur in Freiheit!

Weg mit Knast, Kontakt- und Ausgangssperre!

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“What use is health if you are otherwise an idiot” – Adorno

Introduction

The coronavirus and the lung disease Covid-19 it causes plunge people all over the world into chaos and misfortune. Never before have so many people suffered from contact-bans and curfews at the same time as at the moment – at the moment it is probably about 25% of the world population – and the trend is rising. It is also probably quite a while ago that in the centres of the so-called Western world sick and needy people were no longer able to get a place in hospital, that their surgeries were delayed and that a disease infected a considerable part of hospital staff, thus further worsening the health care situation. The worldwide death figures may be frightening in permanently updated body counts on the Internet, but the Covid19 pandemic still is on the lower ranks of the pandemics; about as many people have died worldwide as in one of the worse flu years, such as 2017/2018 only in Germany, a flu wave that killed between 300,000 and 600,000 people worldwide, without attracting much attention at all, unless the deaths were in personal surroundings. But it is not at all a question of relativizing Covid-19 and the horror that the disease spreads by comparing it with the annual influenza, the deaths from starvation, the deaths from road traffic, the annual suicides, or any other terrible count of extinguished human life that comes to mind. Rather, the issue here is why the state is taking such an interest in the health of people in society at this particular time, when it normally takes little or no interest in the death of people, whether it be avoidable misfortunes such as disease, war, starvation, suicide and road traffic deaths or dying in unavoidable natural disasters.

To this end, we look at the relationship between the state and the health of the people on the one hand, and in connection with this the relationship between the state and the economy on the other. It should be said that we are looking at the state, society and the economy in their structural relationship to each other, and thus not at the actual governments and companies that fill the structures, nor at the subjective perspectives of people in positions of power, unless they contribute to the structural clarification.

Subsequently, we want to make a small contribution to autonomous health care. It will certainly not be about how and how often to wash your hands or anything like that; general hygiene rules on this have been more than adequately on the table since the beginning of the pandemic. Rather, it is a question of counteracting the health mutilation currently being caused by the authoritarian advance and also of revealing that the constant repetition of health warnings is by no means conducive to health, but rather an expression of the necessary stultification of society by the state in the interests of maintaining its power.

State and economy

To make a long story short: the relationship between the state and the economy is characterized by help to maintain mutual power. The state creates the best possible conditions for the economy to make profits, and in return the economy makes money and goods available so that the state retains its power over society. Society sells its labour to both and receives money in return, with which it can buy the consumer goods it produces itself.

The task of the state is to tune the people in society into this “trade”. The instruments for this are the current pedagogy, sociology and psychology (which are then expressed in education, advertising, urban planning, psychotherapy, etc.); they provide the tools that the state needs to distract people in society from their subjective interests even as children, to make them insecure and isolate them from each other, so that they subsequently consider the interests of the state and the economy to be their own interests and carry out the sale of their labour in exchange for money and consumer goods “voluntarily”, i.e. without much opposition. If there is any contradiction, the state has to regulate the contradiction, which means that it has to find any measures that restore satisfaction in society without causing significant losses to the economy. Satisfaction is usually established in such a way that those parts of society that complain are satisfied by means of a more participatory approach to the distribution of money and, subsequently, more consumption. The basic relationship is not affected by all of these kinds of changes, i.e. the people in society must continue to sell their labour to the state and the economy and in return receive a certain amaount of consumer goods.

It is not important for the individual whether someone in an employment relationship sells his labour to an employer or whether he sells his labour directly to a customer in the form of a consumer good, like in self-employment. The most important thing is the exchange of labour for money and the subsequent exchange of money for consumer goods and a general satisfaction with it.

State, economy and health

The people that the state forms in order to pass them on to the economy need certain qualities. These are, on the one hand, very concrete professional qualities (such as being able to read, calculate, write), and on the other hand very general qualities (such as punctuality, honesty, etc.), so that the labour process in which they have to work runs smoothly. Health is one of these qualities, which means that the people that the state prepares for the economy to pass on to it are at best “healthy”. To be healthy in the perspective of the state and the economy means that someone is able to carry out the demands placed on him as smoothly as possible, i.e. is not too weak, too clumsy or restricted, as well as that this can be carried out as free of breaks as possible, i.e. someone appears at his work without interruption. The time someone does not work should at best be sufficient to solve all the problems a person has in body and mind. There is no direct interest in the health of people in society beyond this. As a result, the state has largely handed over the health system to the economy, which in turn has transformed health into a consumer good, i.e. health is something that can be bought and usually gets better when someone can spend more money on it.

In addition, the interest in healthy people has to be determined in figures from an economic point of view. It is related to the amount of manpower needed at all. So if a specific number of hours is needed to work, the economy needs healthy people who can work exactly that number of hours; usually this number is increased by other people who could do the work as well, these are the threat to the people already working that they could be replaced at any time. If there are too many people who could theoretically work but are not needed by the economy (not even to scare others), an imbalance arises. The state would have to provide fewer people, but this has nothing to do with how many people actually live in society and have the expectation, generated by the state itself, that they will now get a job. This gives rise to the structural, rather terrible interest on the part of business and government that human life should pass away instead of being lived in a healthy way, unless there is a trend towards more and more hours of work being required of people.

A further interest on the part of the state and society in the life and health of people is to be found in the duration of life; if a person retires from working life, he receives a pension. The longer this period lasts, the longer money normally has to be spent on this person, without, however, bringing his labour to market. Therefore, there is no direct interest in the economy in high age of people, on the part of the state only to the extent that a long life expectancy consolidates its role as a state vis-à-vis society. Apart from that, old people only cause trouble, as can be seen from the ongoing debates on pension funding and age under the heading “ageing society” (or let’s say “was” for now, because the corona crisis overshadows everything).

In addition, there is currently a new problem, namely the climate: the production of goods for consumption has reached such a dimension that the world’s climate is suffering as a result. If there would be only a fraction of the amount of people, with the same level of consumption worldwide, much less damage would be done to the climate. If only a fraction of people were alive, the previous structure of economy, state and society could be preserved.

So we can see that the state and the economy have an interest in healthy people who sell their labour, but that they do not have a general interest in people’s health, or, as in the present time, may even have a contrary interest.

State, Economy, Covid-19

From this perspective, the question arises as to whether the state and the economy currently have any structural interest at all in preventing the spread of Covid-19 or in limiting the effects of Covid-19 on society. Covid-19 seems to have the potential to kill many people without having to wage war, and it is mainly old people who are affected. But why is the economy currently suffering and why is the state taking measures to prevent or slow down the spread of Covid-19?

Let us first answer the question about the economy: If the death of many people is not a general damage to the economy, why is there such a panic mood on stock markets worldwide at the moment? The reason is that the structural interest of the economy in its own preservation and the concrete interest of the actors in the economy fall apart. If the number of consumers is suddenly reduced, there will be an “oversaturation” of the market, which usually leads to massive losses (an oversaturation of the market has been observed by a number of economists anyway, so the Covid 19 pandemic has only accelerated this). We already see the problem for the concrete economy, the consumers are temporarily reduced, that alone is enough for trillions of losses. So while it makes relatively little difference to the structure of the economy whether companies are currently making losses en masse or are even closing down, the actual companies are of course fighting it tooth and nail. It can be seen that there are a number of companies that are pressing for a speedy resumption of operations as well as of public life, i.e. want to get the machinery of production and consumption up and running again, since every day that passes makes it less likely that a resumption will happen at all. Alternatively, the state is being asked to bear the costs incurred by the authoritarian measures, in other words to provide companies with proper finances. The economy thus shows that it is not concerned with the lives or survival of people, but merely with their own survival and the continued existence of their production conditions. In addition, there are even some advantages for the economy in the area of digitalisation. Given the actual technical possibilities, there is a de facto backwardness in many areas. This backwardness is disruptive to the economy in that it means that certain saving potentials have to be foregone, such as rent for offices and conference rooms, if employees could just as easily work at home and hold the necessary meetings in digital rooms, or the abolition of cash, which as a means of payment has, among other things, some consumption-inhibiting effects and creates unnecessary administrative problems; in addition, the data generated by digital payment transactions can be much better exploited than with relatively anonymous cash. Apart from this, it is difficult for business representatives to predict the current situation, but in general it is assumed that production and consumption will pick up again significantly after the Corona crisis, which is why the main concern for the specific companies is to survive and get through the crisis period as unscathed (i.e. without losses) as possible.

Compared to the economy, the state has completely different interests in a mild outcome of the corona crisis. It is completely indifferent to the dying of the people in the broadest sense, as long as it is a dying that on the one hand does not harm the economy too much and on the other hand is a dying that takes place in silence, i.e. without any major complaints from society, such as the worse waves of flu or dying of tuberculosis and the like, or the starving of people in exploited regions of the world. If dying is socially accepted, the extinguishing life is not worth a cent to the state. The only problem is that dying is given too much social attention, and this has happened with regard to the Corona crisis. This brings the state into a problem of legitimacy: Since the state combines all kinds of competences in its ministries and makes a promise to society that it will take care of everything properly, the dying of people which society experiences as problematic is something that the state has to prevent. How many people die from the concrete corona pandemic in Germany is therefore only important for the state to the extent that the body count is in a negative relationship to the efforts of the state that are received in society. For him, it is sufficient if at the end of the crisis the impression has been created that the state has not omitted any measure to reduce the number of deaths, that it has spared neither costs nor efforts, that it has not bowed its head, that it has taken responsibility. However, this is a relative problem for the current state, since it has taken numerous steps in recent years that prove the opposite, i.e. it has shied away from costs and efforts, bowed its head and handed over responsibility for maintaining health in society to the economy, i.e. it has transformed health into a consumer good. So far, this has led to a whole series of negative consequences, such as the excessive workload of nursing staff and the associated illnesses, the abolition of unprofitable hospital beds, the deterioration of the nursing key, and so on, but so far it has been possible to conceal this misery to a large extent. However, the current completely predictable corona crisis (which has been known for years through simulations) means that the negative consequences can no longer be concealed.

The state reacts to this on the one hand by temporarily reducing (the state pays for each hospital bed) the commercialization of hospitals (good care is given to those who pay well for it). On the other hand, however, it has come up with a special trick, namely to blame society for the problems with the Corona crisis. This is done by creating an image that the problem is that parts of society would not comply with the authoritarian measures initiated in the interests of health. Thus, the problem is no longer that sick people cannot get the treatment they need, but that healthy people advance the spread of the virus. As a result, every person in society who does not comply with the measures is partly to blame for the death of sick fellow human beings. At the same time, this creates the impression that all people could “actively” do something against the corona crisis, whereby they should actually be urged to absolute passivity. Activism in the corona crisis consists of staying at home and encouraging others to do the same. For this, on the one hand, the image of health had to be submitted in the sense that “sick is whoever carries a virus – regardless of the symptoms one suffers from or not”, as opposed to the idea that “sick is whoever carries a virus and whose immune system is not strong enough to deal with a virus”. With the shift in the general (non-medical) concept of illness, the ban on contacts and meetings can be justified with continued regularity in the future.

So the state, with its authoritarian measures, is not really concerned with the health of society, it is concerned with buying itself time so that it can solve the problems it has caused itself, without having too much anger about it, which could lead to a legitimacy crisis.

Apart from the central problem of its legitimacy, the state can use the current crisis to secure its position in relation to society for future crises. All its measures must be viewed from this perspective; although the restructuring of society is concealed as health care, in fact the state is only using the current “crisis management” as a cover to enforce authoritarian interests that already exist, without society being able to react to them with resistance. Just like the economy, it is profiting from the digitalization push, as is the broad acceptance of curfews, social control and surveillance measures. As long as the state gets away with making people so insecure that they say yes to all this, the state will emerge from the crisis as a profiteer, but society will by no means become healthier as a result, but will have to live with the loss of freedom as a consequence.

Autonomous health care

Health is not a specific content of autonomous politics and it is not a common practice to maintain it, but regularly it is a matter of identifying the conditions for a lack of health and attacking its actors. In addition, health as a topic is also suspended in the more basic approach of creating conditions in which it is possible for people’s lives to unfold freely, which perhaps more than anything else is the basis of profound health in general. Furthermore, measures to maintain physical health are something that as a value can only be determined subjectively, i.e. it is something that can only be decided by each individual. To ruin one’s body or to expose it to great dangers can be an expression of freedom, as well as of not doing it and instead to direct one’s life towards the longest possible preservation of one’s own body.

What is happening now is much more than preventing the spread of a lung disease, it is the intensification of isolation and loneliness between people, which was already the case before the Corona crisis. The means of intensification, which is used by the state against the people, is fear. Fear, however, is sometimes a poor advisor, and in this case it leads to the fact that far into the radical left movement, the effect of compliance is not really tangible. Which measure is sensible and how, is evaluated differently, even among experts, and even by a single person, sometimes completely different over time; moreover, their connection to the state puts their statements in a bad light – despite all the changes, their respective current view is regarded by many as the only correct one. This view is then not only represented as a possible medical view on a problem, from which every person can now derive what he or she wants, but from these views the general rules of conduct are derived and these are then made a moral imperative in the name of the weakest.

It is not a question of castigating this approach as a wrong way of dealing with the corona crisis. It is born of fear and no argument can be found against it; it is often caused by the aforementioned strangeness and isolation between people. It is probably at this level that an approach would be most likely to be found to counteract it, but in the special situation where nearness no longer offers security but is seen as a risk of infection, this hardly seems possible without further ado.

In our view, the approach to autonomous health care nevertheless consists of trying to break through the isolation, both in fact and in substance. This means that we want to create a substantive counter-perspective to state health propaganda, which refers to the aspect already mentioned that health cannot be separated from freedom. With regard to the prisons, this fact is to a certain extent known in radical left-wing circles, but now it is a matter of making it comprehensible that a ban on going out and contact destroys this basis for health just as much as the prison concept does. A meaningful debate on what measures are sensible for health care in general can only be conducted on the basis of freedom; anything else is at risk of degenerating into a sham debate.

In addition, it seems to make sense to investigate the causes of the general fear for the virus beyond the danger that actually emanates from it, and to make it tangible. For the presentation of the virus determines its reception much more than the virus itself. The same applies to the ongoing implementation and intensification of authoritarian measures – perhaps it is useful to look at them after they have been freed from their superficial appearance of health care, and also to consider the orchestration of the appearance.

A further aspect is to counteract, or at least to disclose, the advances in digital surveillance and alienation technologies. In any case, self-digitisation is also supported and promoted in countless left-wing groups (above all the hipster left of the IL). But the curfews and contact restrictions are exacerbating this trend, all to the applause and recommendations of the German government to do just that. It is to be hoped that the hostility towards the trend towards the digitalisation of everything and the associated disintegration of substance in real life will continue to keep a home in autonomous circles. Amazingly enough, the idea of online demonstration has been revived, since its autonomous version, which aimed at paralyzing corporate servers (a kind of Ddos attack) was already a failure. But the fact that parts of the left are so stupid that they confuse digitally provided server space of private companies (nothing else are broken down in twitter, facebook and co) for storing and retrieving files with the public space, or consider both to be identical, is a sign of the importance of keeping technology-critical positions alive and spreading them, explicitly and precisely where the public space is to be blocked for us.

Finally, we think that the propagation of the slogan “Health only exists in freedom” and ” Get rid of prisons, contact bans and curfews” should be spread as much as possible, even if it is currently associated with an increased health risk. As long as we do not defend ourselves and our scarce freedoms, all demonstrations and similar things are only a right which the state can give and take away at will – with the general ban on all assemblies it has now shown this. To all comrades who continue the struggle and have not retreated to wash their hands in isolation, we wish good luck for everything, and to the others that they take courage again and find their readiness to fight again.

Health only exists in freedom!

Get rid of prisons, contact bans and curfews!

Take the streets – because they belong to us!

taken from here

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Value, Fictitious Capital and Finance. The Timeless of Karl Marx’s Capital https://non.copyriot.com/value-fictitious-capital-and-finance-the-timeless-of-karl-marxs-capital/ Thu, 02 Apr 2020 08:17:00 +0000 https://non.copyriot.com/?p=12940

Karl Marx is not a proponent of classical value theory as labour expended. Marx developed in Capital and his other mature economic writings a monetary theory of value and capital.2 He analysed value as an expression of relations exclusively characteristic of the capitalist mode of production. Value registers the rela-tionship of exchange between each commodity and all other commodities and expresses the effect of the specifically capitalist homogenization of the labour processes in capitalism (production for exchange and production for profit.

read here

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Ecstasy of the social: The masses. More social than the social. https://non.copyriot.com/ecstasy-of-the-social-the-masses-more-social-than-the-social-2/ Wed, 01 Apr 2020 14:47:56 +0000 https://non.copyriot.com/?p=12937

What is there beyond the end? Beyond the end extends virtual reality, the horizon of a programmed reality in which all our functions—memory, emotions, sexuality, intelligence— become progressively useless. Beyond the end, in the era of the trans-political, the transsexual, the trans-aesthetic, all our desiring machines become little spectacle machines, then quite simply bachelor machines, before trailing off into the countdown of the species. The countdown is the code of the automatic disappearance of the world, and all our little charitable machines, by way of which we anticipate that disappearance—the Telethons, Sidathons, and all kinds of Thanathons—are merely the promotional sales events for the misery of this fin de siècle. 

But—and this is even more paradoxical—what are we to do when nothing really comes to an end anymore, that is to say, when nothing ever really takes place, since everything is already calculated, audited, and realized in advance (the simulacrum preceding the real, information preceding the event, etc.)? Our problem is no longer: What are we to make of real events, of real violence? Rather, it is: What are we to make of events that do not take place? Not: What are we to do after the orgy? But: What are we to do when the orgy no longer takes place—the orgy of history, the orgy of revolution and liberation, the orgy of modernity? Little by little, as the hands of the clock move around (though, sadly, digitalclocks no longer even have hands), we tell ourselves that, taking everything into account—taking everything into a “countdown”—modernity has never happened. There has never really been any modernity, never any real progress, never any assured liberation. The linear tension of modernity and progress has been broken, the thread of history has become tangled: the last great “historic” event—the fall of the Berlin Wall—signified something closer to an enormous repentance on the part of history. Instead of seeking fresh perspectives, history appears rather to be splintering into scattered fragments, and phases of events and conflicts we had thought long gone are being reactivated. 

All that we believed over and done, left behind by the inexorable march of universal progress, is not dead at all; it seems to be returning to strike at the heart of our ultra-sophisticated, ultra-vulnerable systems. It’s a bit like the last scene of Jurassic Park, in which the modern (artificially cloned) dinosaurs burst into the museum and wreak havoc on their fossilized ancestors preserved there, before being destroyed in their turn. Today we are caught as a species in a similar impasse, trapped between our fossils and our clones. 

So, the countdown extends in both directions: not only does it put an end to time in the future but it also exhausts itself in the obsessional revival of the events of the past. A reversed recapitulation, which is the opposite of a living memory—it is fanatical memorization, a fascination with commemorations, rehabilitations, cultural museification, the listing of sites of memory, the extolling of heritage. In fact this obsession with reliving and reviving everything, this obsessional neurosis, this forcing of memory is equivalent to a vanishing of memory—a vanishing of actual history, a vanishing of the event in the information space. This amounts to making the past itself into a clone, an artificial double, and freezing it in a sham exactitude that will never actually do it justice. But it is because we have nothing else, now, but objects in which not to believe, nothing but fossilized hopes, that we are forced to go down this road: to elevate everything to the status of a museum piece, an item of heritage. Here again, time reverses: instead of things first passing through history before becoming part of the heritage, they now pass directly into the heritage. Instead of first existing, works of art now go straight into the museum. Instead of being born and dying, beings are “born” as virtual fossils. Collective neuro​sis. As a result, the ozone layer that was protecting memory becomes frayed; the hole through which memories and time are leaking out into space expands, prefiguring the great migration of the void to the periphery. Closing down, closing down! It’s the end-of-the-century sale. Everything must go! Modernity is over (without ever having happened),the orgy is over, the party is over—the sales are starting. It’s the great end-of-the-century sale. But the sales don’t come after the festive seasons any longer; nowadays the sales start first, they last the whole year long, even the festivals themselves are on sale everywhere....The stocks have to be used up, time-capital has to be used up, life-capital has to be used up. Everywhere, we have the countdown; what we are living through in this symbolic end of the old millennium is a sort of fatal prescription, whether it be that of the planet’s resources or of AIDS, which has become the collective symptom of the prescribed term of death. It is all these things that hang over us in the shadow of the Year 2000, together with the delicious, yet terrifying enjoyment of the ​lag time left to us. But, ultimately, perhaps the Year 2000 will not have taken place? Perhaps, on the occasion of the Year 2000, we are to be granted a general amnesty? The concept of countdown evokes once again Arthur C. Clarke’s “The Nine Billion Names of God.” A community of Tibetan monks has been engaged from time immemorial in listing and copying out the names of God, of which there are nine billion. At the end of this, the world will end. So runst he prophecy. But the monks are tired and, in order to hasten the work, they call in the experts at IBM, who come along with their computers and finish the job in a month. It is as if the operation of the virtual dimension were to bring the history of the world to an end in an instant. Unfortunately, this also means the disappearance of the world in real time, for the prophecy of the end of the world associated with this countdown of the names of God is fulfilled. As they go back down into the valley, the technicians, who did not actually believe the prophecy, see the stars vanishing from the firmament, one by one. This parable depicts our modern situation well: we have called in the IBM technicians and they have launched the code of the world’s automatic disappearance. As a result of the intervention of all the digital, computing, and virtual reality technologies, we are already beyond reality; things have already passed beyond their own ends. They cannot, therefore, come to an end any longer, and they sink into the interminable (interminable history, interminable politics, interminable crisis). And, in effect, we persevere, on the pretext of an increasingly sophisticated technology, in the endless deconstruction of a world and of a history unable to transcend and complete it self. Everything is free to go on infinitely. We no longer have the means to end processes. They unfold without us now, beyond reality, so to speak, in an endless speculation, an exponential acceleration. But, as a result, they do so in an indifference that is also exponential. What is endless is also desire-less, tension-less, passionless; it is bereft of events. An anorectic history, no longer fueled by real incidents and exhausting itself in the countdown. Exactly the opposite of the end of history, then: the impossibility of finishing with history. If history can no longer reach its end, then it is, properly speaking, no longer a history. We have lost history and have also, as a result, lost the end of history. We are laboring under the illusion of the end, under the posthumous illusion of the end. And this is serious, for the end signifies that something has really taken place. Whereas we, at the height of reality—and with information at its peak—no longer know whether anything has taken place or not. Perhaps the end of history, if we can actually conceive such a thing, is merely ironic? Perhaps it is merely an effect of the ruse of history, which consists in its having concealed the end from us, in its having ended without our noticing it. So that it is merely the end of history that is being fueled, whereas we believe we are continuing to make it. We are still awaiting its end, whereas that end has, in fact, already taken place. History’s ruse was to make us believe in its end, when it has, in fact, already started back in the opposite direction. Whether we speak of the end of history, the end of the political or the end of the social, what we are clearly dealing with is the end of the scene of the political, the end of the scene of the social, the end of the scene of history. In other words, in all these spheres, we are speaking of the advent of a specific era of obscenity. Obscenity may be characterized ​as the endless, unbridled proliferation of the social, of the political, of information, of the economic, of the aesthetic, not to mention the sexual. Obesity is another of the figures of obscenity. As proliferation, as the saturation of a limitless space, obesity may stand as a general metaphor for our systems of information, communication, production, and memory. Obesity and obscenity form the contrapuntal figure for all our systems, which have been seized by something of an Ubuesque distension. All our structures end up swelling like red giants that absorb everything in their expansion. Thus the social sphere, as it expands, absorbs the political sphere entirely. But the political sphere is itself obese and obscene—and yet at the same time it is becoming increasingly transparent. The more it distends, the more it virtually ceases to exist. When everything is political, that is the end of politics as destiny; it is the beginning of politics as culture and the immediate poverty of that cultural politics. It is the same with the economic or the sexual spheres. As it dilates, each structure infiltrates and subsumes the others, before being absorbed in its turn. Such are the extreme phenomena: those that occur beyond the end (extreme = ex terminis). They indicate that we have passed from growth (croissance) to outgrowth (ex-croissance), from movement and change to stasis, ek-stasis, and metastasis. They countersign the end, marking it by excess, hypertrophy, proliferation, and chain reaction; they reach critical mass, overstep the critical deadline, through potentiality and exponentiality. Ecstasy of the social: the masses. More social than the social.Ecstasy of the body: obesity. Fatter than fat.Ecstasy of information:simulation. Truer than true.Ecstasy of time:real time, instantaneity. More present than the present.Ecstasy of the real:the hyperreal. More real than the real.Ecstasy of sex:porn. More sexual than sex.Ecstasy of violence:terror. More violent than violence.... ​All this describes, by a kind of potentiation, araising to the second power, a pushing to the limit, a state of unconditional ​realization, of total positivity (every negative sign raised to the second power produces a positive), from which all utopia, all death, and all negativity have been expunged. A state of ex-termination, cleansing of the negative, as corollary to all the other actual forms of purification and discrimination. Thus, freedom has been obliterated, liquidated by liberation; truth has been supplanted by verification; the community has been liquidated and absorbed by communication; form gives way to information and performance. Everywhere we see a paradoxical logic: the idea is destroyed by its own realization, by its own excess. And in this way history itself comes to an end, finds itself obliterated by the instantaneity and omnipresence of the event. This kind of acceleration by inertia, this exponentiality of extreme phenomena, produces a new kind of event: now we encounter strange, altered, random, and chaotic events that Historical Reason no longer recognizes as its own. Even if, by analogy with past events, we think we recognize them, they no longer have the same meaning. The same incidents (wars, ethnic conflicts, nationalisms, the unification of Europe) do not have the same meaning when they arise as part of a history in progress as they do in the context of a history in decline. Now, we find ourselves in a vanishing history, and that is why they appear as ghost events to us.  ​But is a ghost history, a spectral history, still a history? Not only have we lost utopia as an ideal end, but historical time itself is also lost, in its continuity and its unfolding. Something like a short-circuit has occurred, a switch shift of the temporal dimension—effects preceding causes, ends preceding origins—and these have led to the paradox of achieved utopia. Now, achieved utopia puts paid to the utopian dimension. It creates an impossible situation, in the sense that it exhausts the possibilities. From this point on, the goal is no longer life transformed, which was the maximal utopia, but rather life-as-survival, which is a kind of minimal utopia. So today, with the loss of utopias and ideologies, we lack objects of belief. But even worse, perhaps, we lack objects in which not to believe. For it is vital—maybe even more vital— to have things in which not to believe. Ironic objects, so to speak, dis-invested practices, ideas to believe or disbelieve as you like. Ideologies performed this ambiguous function ​pretty well. All this is now jeopardized, vanishing progressively into extreme reality and extreme operationality. ​Other things are emerging: retrospective utopias, the revival of all earlier or archaic forms of what is, in a sense, a retrospective or necrospective history. For the disappearance of avant-gardes, those emblems of modernity, has not brought the disappearance of the rearguard as well. Just the opposite is true. In this process of general retroversion (was history perhaps infected with a retrovirus?), the rearguard finds itself in point position. Quite familiar by now is the parodic, palinodic event, the event Marx analyzed when he depicted Napoleon III as a grotesque copy of Napoleon I. In this second event—a cheap avatar of the original—we have a form of dilution, of historical entropy: history self-repeating becomes farce. The fake history presents itself as if it were advancing and continuing, when it is actually collapsing. The current period offers numerous examples of this debased, extenuated form of the primary events of modernity. Ghostevents, clone-events, faux-events, phantom-events—such as phantom limbs, those missing legs or arms that hurt ​even when they are no longer there. Spectrality, of communism in particular. ​Events that are more or less ephemeral because they no longer have any resolution except in the media (where they have the “resolution” images do, where they are “resolved” in high definition)—they have no political resolution. We have a history that no longer consists of action, of acts, but instead culminates in a virtual acting-out; it retains a spectral air of déja-vu. Sarajevo is a fine example of this unreal history, in which all the participants were just standing by, unable to act. It is no longer an event, but rather the symbol of a specific impotence of history. Everywhere, virtuality— the media hyperspace and the hyperspace of discourses— develops in a way diametrically opposed to what one might call, if it still existed, the real movement of history. excerpt  from the book: The Vital Illusion, Jean Baudrillard

taken from here

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Corona-Notstand Blaupause für die Bewältigung der Klimakrise? https://non.copyriot.com/corona-notstand-blaupause-fuer-die-bewaeltigung-der-klimakrise/ Wed, 01 Apr 2020 13:18:46 +0000 https://non.copyriot.com/?p=12933

In der Umweltbewegung wird eine Art Öko-Leninismus als Taktik empfohlen, der kritisch diskutiert werden sollte

Gleich zwei verunglückte Methapern fallen dem Leser der Kolumne des Neuen Deutschland, verfasst von den Politikwissenschaftlern Ulrich Brand und Heinz Högelsberger, auf. Die Überschrift "Die Krise als Aufbruch" wird ja ständig und immer verwendet.

Für das Kapital zumindest stimmt es. Denn eine kapitalistische Wirtschaftskrise bedeutet eben keinen Untergang, wie sie manche Linke immer noch missverstehen. Doch was soll die Unterüberschrift unter dem Text von Brand und Högelsberger bedeuten? "Die Corona-Pandemie kann ein Startschuss in eine neue Klimapolitik sein."

Natürlich vertreten Brand/Högelsberger keinesfalls die Ansicht, dass die Viruskrankheit in irgendeiner Weise eine Lösung für die Umweltbewegung bedeutet. Schon im ersten Satz wird deutlich, dass sie nicht das Corona-Virus, sondern den Corona-Notstand zur Blaupause für die Bewältigung der Klimakrise sehen. Zudem blicken sie aus der Zukunft auf die aktuelle Situation.

"Wir schreiben das Jahr 2030. Vor zehn Jahren lernte die Gesellschaft, dass sie im Kampf gegen den Coronavirus tagtäglich neue drastische Einschnitte und "Zwangsmaßnahmen" akzeptieren muss. Die Bewegungsfreiheit und der Gestaltungsspielraum der Menschen wurden extrem eingeschränkt, der Alltag musste umorganisiert werden. Flüge wurden eingestellt, Grenzen geschlossen. Statt zu shoppen, befassten die Menschen sich mit anderen Dingen. Die Arbeitslosigkeit stieg stark an. All das passierte in einer funktionierenden Demokratie und wurde von gewählten Regierungen verfügt.

Ulrich Brand/Heinz Högelsberger

Illusionen über die EU

Immerhin räumt das Politologenduo ein, dass nicht alle Notstandsmaßnahmen optimal waren. Sie beschreiben die Gefahr der Etablierung eines autoritären Maßnahmenstaates und die Schwierigkeiten, die Einschränkungen der Freiheitsrechte wieder rückgängig zu machen. Kritisiert wird, dass die Maßnahmen nationalstaatlich und nicht europäisch geprägt waren, und dass die Geflüchteten nicht nur an der griechisch-türkischen Grenzen weiter in ihren Lagern eingesperrt geblieben sind.

Die Kritik ist natürlich berechtigt, aber sie bleibt weitgehend moralisch. Wie alle linken EU-Befürworter sehen auch Brand und Högelsberger nicht, dass die EU sich in der Coronakrise als ein Zweckbündnis, mal mit, mal gegeneinander kämpfender kapitalistischer Nationalstaaten erweist, die sie nun mal ist. Die ihr von Linken angedichteten progressiven und emanzipatorischen Zwecke werden dann immer wieder moralisch angemahnt.

Dabei bräuchte es transnationale Bewegungen, um sie durchzusetzen, was aktuelle Initiativen wie Seewatch versuchen. Auch Ulrich Brand war lange Jahre in sozialen Bewegungen aktiv, beispielsweise in der Bundeskoordination Internationalismus. In dem Text findet man Forderungen wie ein Grundeinkommen für alle Menschen. Demgegenüber ist es für staatskritische Politologen schon erstaunlich, dass sie im Corina-Notstand ein Modell für die Bewältigung der Klimakrise sehen.

Mit Corona wurde denkbar, dass auch eine ernstzunehmende Klimapolitik durchaus streng sein kann und angesichts der Krise Restriktionen aussprechen muss. Produktion und Konsum wurden klimaschutzkonform, bestimmte Produkte und Branchen deutlich reduziert. Die damals selbst von Regierungen forcierte Vergesellschaftung von Schlüsselindustrien war klimapolitisch von großer Bedeutung, weil damit langfristige und auf gesellschaftliche Bedürfnisse abgestimmte Planung möglich wurde und der Profitdruck auf die Unternehmen zurückging.

Ulrich Brand/Heinz Högelsberger

Auch der in globalisierungskritischen Bewegung politisch sozialisierte Referent für Umweltfragen bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung Tadzio Müller spricht in seiner Kolumne vom Corona-Notstand als Präzedenzfall für die Klimadebatte. Er formuliert einige Gedanken, was die Klimabewegung daraus lernen kann und kommt zu dem Schluss:

In zukünftigen Debatten müssen wir eines klarmachen: Wer radikal Emissionen reduzieren will, muss die Produktion in diesen und anderen dreckigen Industrien einschränken.

Tadzio Müller

Der Corona-Notstand hätte gezeigt, dass man auch großen Teilen der Bevölkerung in kurzer Zeit etwas verbieten kann.

Forderungen nach einem Produktionsdeckel in dreckigen Sektoren oder nach radikalen Verboten solcher Aktivitäten wären bisher gescheitert. Die Deutschen hätten genörgelt, dass sie sich nichts verbieten ließen in diesem Land mit seinem bekanntermaßen antiautoritären Charakter. Jetzt sehen wir, dass sich so ziemlich alles Spaßige durchaus verbieten lässt und das mit bis zu 95 Prozent Zustimmung der Bevölkerung. Noch wichtiger: Der Grund dafür ist ein solidarischer, denn es geht ja darum, Risiko umzuverteilen, weg von den Alten und Schwächeren auf alle Schultern. Wer in Zukunft argumentiert, Verbote seien nicht durchsetzbar oder illegitim, macht sich lächerlich und sollte fürderhin behandelt werden wie der intellektuell nicht satisfaktionsfähige Clown, der man sein muss, um so etwas zu artikulieren.

Tadzio Müller, Neues Deutschland

Es fällt auf, dass Müller den Grund der Einschränkungen und Verbote gar nicht hinterfragt. Dann müsste er zumindest erwähnen, dass es keine empirischen Belege dafür gibt, dass der intendierte solidarische Zweck durch die Verbote überhaupt erreicht wird.

Müller, Brand und Högelsberger sind nur drei von vielen Stimmen, die den Corona-Notstand als Blaupause für die von ihnen favorisierte ökologische Umgestaltung nehmen wollen. Jetzt habe sich gezeigt, dass man all die Dinge, die der Umwelt massiv schaden, eben doch ganz schnell beseitigen kann.

Wieso kann man wegen des Corona-Virus den internationalen Flugverkehr lahmlegen und nicht auch zur Reduzierung des CO2-Gehaltes?, lautet die natürlich nicht unberechtigte Frage.

Kommt Umwelt-Leninismus in Mode?

Diese Herangehensweise, eine Notstandssituation zur Blaupause für das Erreichen eigener Ziele zu nehmen, könnte man als Umwelt-Leninismus bezeichnen, obwohl Brand, Högelsberger und Müller als antiautoritär sozialisierte Linke mit diesem Stichwortgeber sicher nicht einverstanden wären.

Der Mathematiker Helmut Dunkhase steht in Politiktraditionen, die weniger Probleme mit der Bezugnahme auf Lenin haben. Er nimmt daher in einer junge-Welt-Kolumne auch auf ihn Bezug: Er erinnert daran, dass Lenin in seinen Schriften den sogenannten deutschen "Kriegssozialismus" als Blaupause für auch für eine sozialistische Wirtschaftspolitik bezeichnet hat.

Als "Kriegssozialismus" wurde eine mit Beginn des 1. Weltkriegs einsetzende Umwandlung der Wirtschaft in Deutschland auf die Kriegsbedingungen bezeichnet. Auf Initiative und unter Leitung des AEG-Direktors Walther Rathenau wurde am 13. August 1914 im Preußischen Kriegsministerium eine Kriegsrohstoffabteilung gegründet. Sie organisierte die Erfassung und Verteilung von kriegswichtigen Rohstoffen und die Produktion von Ersatzstoffen wie künstlichen Salpeter nach dem Haber-Bosch-Verfahren und wurde so zur Keimzelle für den Ausbau der deutschen Rüstungswirtschaft.

Ausgehend von der Metall- und Chemieindustrie wurden unter ihrer Anleitung immer mehr Wirtschaftsbereiche zu sogenannten Kriegsrohstoffgesellschaften zusammengeschlossen, in denen im Zusammenspiel von wirtschaftlicher Selbstverwaltung und militärbehördlicher Aufsicht die Verteilung von kriegswichtigen Rohstoffen organisiert wurde.

Der Kriegssozialismus hatte nichts mit einem Sozialismus zu tun, für den damals große Teile der Arbeiterbewegung kämpften. Das Kapital wurde in Deutschland nicht angetastet, wenn auch manche Einzelkapitalisten schon mal Restriktionen erfahren mussten - wie aktuell in der Corona-Krise die Trump-Administration den Konzern GM anweist, Beatmungsgeräte zu produzieren.

Nun ist es aber gerade die vornehmste Aufgabe des Staates als ideeller Gesamtkapitalist, auch mal einem Einzelkapitalisten Grenzen zu zeigen. Daher gab es von Linken viel Kritik am sogenannten deutschen Kriegssozialismus während des Weltkriegs. Verwirrung gab es, als Lenin die Maßnahmen zum Vorbild für den Aufbau des Staatskapitalismus in der frühen Sowjetunion erklärte.

Dass es genau darum ging, war Lenin und den Bolschewiki der ersten Stunde noch klar. Sie sprachen von einer notwendigen Phase um von einem wirtschaftlich wenig erschlossenen Land wie der Sowjetunion zum Sozialismus zu kommen. Erst später wurde diese staatskapitalistische Phase zur Einführung des Sozialismus verklärt.

Dunkhase erinnert in der jW-Kolumne daran, dass Lenin sich positiv auf die deutsche Kriegswirtschaft bezogen hat:

Die auch "Kriegssozialismus" genannte Wirtschaftspolitik während des Ersten Weltkriegs beeindruckte insbesondere Lenin, und der zog seine Schlüsse daraus: "Nun versuche man einmal, an Stelle des junkerlich-kapitalistischen (…) den revolutionär-demokratischen Staat zu setzen, der sich nicht davor fürchtet, auf revolutionärem Wege den Demokratismus voll und ganz zu verwirklichen. Man wird sehen, dass der staatsmonopolistische Kapitalismus in einem wirklich revolutionär demokratischen Staate unweigerlich, unvermeidlich einen Schritt, ja mehrere Schritte zum Sozialismus hin bedeutet!" ("Die drohende Katastrophe und wie man sie bekämpfen soll")

Helmut Dunkhase, junge Welt

Dunkhase verschweigt auch nicht, dass er in dieser Variante des Leninismus auch Lehren für die Gegenwart ziehen will.

Auch wenn wir in der BRD heutzutage nicht die Situation vom September 1917 in Russland haben, sollte doch diese Dialektik mit bedacht werden, statt … zu bekräftigen, dass die bei uns gedachten Verstaatlichungen rein gar nichts mit Sozialismus zu tun haben. Auch scheint mir zu kurz gegriffen zu sein, wenn in der gegenwärtigen Krise nur vom Kollateralnutzen der Herrschenden für die autoritäre Umgestaltung des Landes gesprochen bzw. der Kollateralnutzen der Linken auf Illusionsverlust beschränkt wird.

Helmut Dunkhase, junge Welt

Hier wird deutlich, dass der Corona-Notstand manche Linke motiviert, den Staat als ein Mittel zu betrachten, um eine Gesellschaft zu verändern. Die ausführliche Kritik daran, die es bereits zu Lenins Zeiten von vielen Linken gab, wird da gerne ausgeblendet.

Die Kritiker haben argumentiert, dass autoritäre Elemente in den sowjetischen Staatsaufbau auch dadurch eingeflossen sind, dass Lenin den deutschen Maßnahmenstaat im 1. Weltkrieg zum Vorbild genommen hat. Ein Staat ist eben nicht ein Vehikel, dass man einfach unterschiedlich verwenden kann wie ein Auto, so die Einwände.

Dieser Kritik müssen sich auch linke Wissenschaftler und Aktivisten stellen, wenn sie heute mit oder ohne expliziten Bezug auf Lenin der Klimabewegung seine Taktik anraten und den Corina-Notstand zur Blaupause für eine radikale ökologische Umgestaltung empfehlen.

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Sind wir jetzt alle Covid-Kommunisten? Oder: Kritische Anmerkungen zum aufziehenden Covid-Korporatismus. https://non.copyriot.com/sind-wir-jetzt-alle-covid-kommunisten-oder-kritische-anmerkungen-zum-aufziehenden-covid-korporatismus/ Wed, 01 Apr 2020 09:04:42 +0000 https://non.copyriot.com/?p=12929

Vote Tory, Get Labour ist die Schlußfolgerung, die man aus den jüngsten Notfallmaßnahmen der Johnson-Regierung als Reaktion auf die Corona-Pandemie ziehen könnte. Hinzu kommt die Ankündigung des Schatzkanzlers Rishi Sunak, dass der britische Staat faktisch die Lohnkosten Großbritanniens nationalisieren will.

Dies alles wurde offen von einem ungenannten Regierungsminister (war es Sunak selbst?) eingestanden, welcher dem Spectator berichtete, dass seine Regierung letztendlich viele Punkte von Jeremy Corbyns Programm umsetzen würde – und dies trotz der vernichtenden Niederlage von Labour bei der vergangenen Wahl. Das Ausmaß des Regierungsprogramms zur Stützung der Wirtschaft erstreckt sich weit über die bloße Ankurbelung des Konsums oder des Dirigismus kontinentaler Fasson (der Industrie anordnen die Produktion von Beatmungsgeräten zu steigern), auf die direkte „Entlohnung“ der Erwerbsbevölkerung für die Zeit des Lockdowns. Darauf folgte die de facto Nationalisierung der britischen Eisenbahngesellschaft. Das alles geht deutlich weiter als Breitbandverbindungen bis in die äußeren Hebriden [Schottische Inselgruppe, Anm. d. Red.] auszurollen und die Wärmedämmung der Häuser zu verbessern – zwei zentrale „sozialistische“ Versprechen die Labour im Zuge der letzten Wahlen machte. Wir stehen am Rande des Covid-Korporatismus – dieser umfasst eine enorm ausgeweitete Rolle des Staates bei der Organisation des sozialen Lebens, eine verwaltete Ökonomie, die Beaufsichtigung des Transportwesens und die Direktion der Industrie.

Der neue Covid-Korporatismus erstreckt sich nicht nur auf die Tories in Großbritannien. In den USA treibt die Trump-Administration die Einführung eines allgemeinen Grundeinkommens für US-Bürger voran – eine Politik die auf eine Karikatur der Politik des Big Government (den Leuten Geld fürs Nichtstun geben) hinausläuft, die früher von den rechten Reagan-Anhängern bekämpft wurde – und zugleich den amerikanischen Arbeitern Schutz vor Zwangsvollstreckungen verspricht. Letzteres wurde von der Obama-Administration zu Zeiten des 2008-Crashs explizit ausgeschlossen, während sie für Wall Street anstelle der Main Street bürgte. Zusätzlich zu einer Industriepolitik, wie sie derjenigen zu Zeiten des Koreakriegs ähnelt, hat Trump in einer Pressekonferenz bekannt gegeben, dass er einer Übernahme von Unternehmensanteilen durch die Zentralregierung aufgeschlossen gegenüber stünde – was einer partiellen Nationalisierung gleichkommt –, um die Wirtschaft angesichts der kommenden Krise zu stützen. Der französische Präsident Emmanuel Macron, dessen Polizeieinheiten französische Bürger über mehrere Monate hinweg drangsalierten, mit dem Zweck die Proteste gegen seine regressiven und punitiven Ökosteuern zu zerschlagen, hat die Gelegenheit der Pandemie genutzt, um den nationalen Notstand zu implementieren und die Gelbwesten aufzureiben, während er zugleich progressive ökonomische Maßnahmen im Austausch gegen bürgerliche Freiheiten versprach. Ambrose Evans-Pritchard, der leitende Wirtschaftskorrespondent des Daily Telegraph ruft uns alle dazu auf Sozialisten zu werden, um… um – inspiriert von Franklin Delano Roosevelt – den liberalen Marktkapitalismus zu retten. In einem jüngst erschienenen Editorial, hat der Economist, nach jahrzehntelangem Verteidigen des Marktliberalismus, beiläufig von letzterem abgelassen, und sich, passiv erduldend, der neuen Ära des Big Government als einer vollendeten Tatsache gefügt. Das kanadische Unternehmen Macquarie Wealth Managment hat sogar verkündet, dass der globale Kapitalismus sich in etwas verwandelt, das einer „Variante des Kommunismus ähnlich“ ist – zweifellos einer „Variante“ des Kommunismus in der das Unternehmen beträchtliche Profite zu erwirtschaften hofft.

Jetzt sind wir alle Covid-Kommunisten

Das Virus hat die Weltwirtschaft zugunsten staatlich gelenkter Planung reorganisiert und dies sogar ohne einen einzigen Streik oder Arbeitskampf. Es scheint so, als wären wir jetzt alle Covid-Kommunisten.

Oder etwa nicht?

Das Ausmaß des Katastrophensozialismus der im Tandem mit der Pandemie um die entwickelte Welt fegt – von Italien durch Deutschland und Großbritannien in die USA – ist hinsichtlich seines Schwungs und seiner Geschwindigkeit bemerkenswert. Die Tatsache, dass diese Programme von Regierungen jeglicher Couleur durchgeführt werden, einschließlich von Regierungen die ihren Kritikern gemäß „rechtsaußen“ und „neoliberal“ sein sollen, so beispielsweise der Trump- oder der Johnson-Administration, verweist darauf, dass diese Maßnahmen das Resultat schierer ökonomischer Notwendigkeit sind. Selbst der strengste unter den strengen Staaten, Deutschland, hat einen anderen Gang eingelegt, und legt nun ein gigantisches Wirtschaftsprogramm auf, um die Schwere der zu erwartenden Krise abzufedern. In mancherlei Hinsicht können diese globalen Maßnahmen als populistische Erweiterung des Katastrophensozialismus angesehen werden, der den Banken 2008 verordnet wurde und die Herrschaft der geretteten Klassen über die letzte Dekade hinweg bewahrte. Die derzeit weltweit ausgerollten Konjunkturprogramme könnten sogar als ein Versuch gewertet werden den Banker-Sozialismus von 2008 zu „sozialisieren“ – die öffentliche Unterstützung über die Finanzelite hinaus auf weitere Gruppen der Bevölkerung auszuweiten, wenngleich auf eine unvermeidlich beschränkte, halbgare und zögerliche Art und Weise.

Neoliberalismus: er wurde nur nie richtig versucht

Wir mögen uns darüber streiten, wie viele Anreize nötig sind, wohin sie gerichtet werden sollten und wie, aber es scheint wenig Uneinigkeit darüber zu bestehen, dass sie notwendig ist. Es mag Uneinigkeit darüber bestehen, ob das allgemeine Grundeinkommen (wie in Dänemark eingeführt) den teilweisen Lohngarantien, einer Rentenbeitragsbefreiung oder Steuerbefreiung vorzuziehen ist, und wie die industriellen Kapazitäten zur Bereitstellung kritischer medizinischer Infrastruktur am besten erweitert werden können usw. Aber nur die wenigsten würden die Notwendigkeit sofortiger und umfassender Maßnahmen leugnen, um dem gewaltigen Ausmaß des wirtschaftlichen Zusammenbruchs zu begegnen, wie er sich in den Arbeitslosenzahlen, den einbrechenden Investitionen, den unterbrochenen Lieferketten und den überlasteten, kaputten Gesundheitssystemen offenbart. Das Ausmaß der Erschütterung der globalen Ökonomie überfordert selbst die härtesten Verfechter der kapitalistischen Marktlogik – denn wie können gewöhnliche Prozesse der Wettbewerbseffizienz funktionieren, wenn der Konsum in einem solchen Ausmaß kollabiert? In der Tat sind es genau dieselben Fluggesellschaften, die sich für Rettungsaktionen einsetzen, die im Einklang mit dem neoliberalen Diktat zur Steigerung des Shareholder Value – in diesem Fall durch Aktienrückkäufe – agiert haben, die deshalb jetzt keine Ressourcen haben, um durch die Krise zu kommen.

Dieser Katastrophensozialismus besteht aus einer Reihe von Ad-hoc-Notfallmaßnahmen, die im Wesentlichen die Wirtschaftspolitik von 2008 wiederholen, welche die Weltwirtschaft das letzte Jahrzehnt über fragil gehalten hat, verstopft mit Zombie-Firmen – eine Fragilität, die jetzt durch das Virus offengelegt wird. Es ist daher an uns, die Perspektive über die Diskussion der Wirksamkeit von Sofortmaßnahmen hinaus zu erweitern und zu überlegen, wie unsere langfristige wirtschaftliche Zukunft aussehen könnte. Die Pandemie kann sich schließlich nur auf Tendenzen auswirken, die bereits vorhanden sind, sie verfügt über keine eigene Handlungsmacht. Zweifellos wird die Pandemie viele säkulare Grundtendenzen beschleunigen und bestärken, wie etwa die Automatisierung oder die Verschuldung als auch die Konsolidierung riesiger Handelsunternehmen wie Amazon, Tesco, Walmart etc., die mit ihren enormen Lieferketten die kleinen Unternehmen erdrücken werden. Die Konkurrenz wird weiteren Oligopolen, Kartellen und Monopolen weichen. Was außerdem in der viralen Pandemie deutlich wird, ist, dass der Kapitalismus zwangsläufig die Vergesellschaftung vorantreibt, um zu überleben – und sei es auch nur in Form der staatlich gelenkten Ausweitung der Produktion von Beatmungsgeräten. Denn so soll verhindert werden, dass die ausgehöhlten öffentlichen Gesundheitssysteme nicht mehr für die Erwerbsbevölkerung zugänglich sind, weil sie durch für das Virus anfällige Bevölkerungsgruppen überlastet sind.

Wieder einmal wird uns die Notwendigkeit der ökonomischen Vergesellschaftung – oder sogar des Sozialismus – über verschiedene Länder hinweg durch die Entwicklung des Kapitalismus selbst aufgedrängt – zum Zwecke der Aufrechterhaltung des Kapitalismus. Angesichts dieser ökonomischen Entwicklung müssen wir uns notgedrungen überlegen, welches politische System am besten zu der neuen Wirtschaftsordnung passt, die sich vor unseren Augen entfaltet. Diese Frage stellt sich besonders deutlich in Großbritannien, wo eine Tory-Regierung ein ökonomisches Programm auffährt, welches links von dem steht, was die Labour-Partei bei den letzten Wahlen offeriert hatte, und sich dabei hoher Zustimmung erfreut. Die Widersprüchlichkeit der Tatsache, dass Boris Johnson das Programm von Jeremy Corbyn umsetzt, wirft eine politische Frage auf: wem wird das Vertrauen geschenkt zu regieren und warum, und was ist die politische Vision, die solche ökonomischen Notwendigkeiten begleiten sollte?

In Reflexion über den Crash von 2008 veröffentlichte Colin Crouch 2011 das Buch The Strange Non-death of Neoliberalism, in dem er die Widerstandskraft neoliberaler Politik in Zeiten anhaltender Austerität thematisierte. Doch aus der heutigen Perspektive fällt auf, wie schnell der Neoliberalismus auf Grund einer viralen Pandemie – und nicht etwa wegen einer sozialen Bewegung oder politischen Opposition (schließlich gab es keine – die Linkspopulisten haben alle kapituliert) – zerbröckelte. Dass die politische Autorität des Neoliberalismus so schnell zerbrach, zeigt, dass dieser eigentlich schon lange zuvor ausgehöhlt worden war. Während sich die politischen Strukturen des Neoliberalismus auflösen, sind die Neoliberalen und die sogenannten „klassischen Liberalen“ in derselben Position wie einst die Kommunisten 1991, die jämmerlich darauf beharren, dass ihr System nie richtig ausprobiert oder umgesetzt wurde, dass die Praxis, nicht die Theorie, fehlerhaft war, dass es durch Umstände vereitelt wurde, die nicht vorhersehbar waren – und die gleichzeitig keine wesentlichen Schlussfolgerungen aus dem ziehen konnten, was für sie selbst eindeutig ein theoretisches Ideal ist, das zu rein für diese Welt ist.

Millennial Dystopia

Doch der Katastrophensozialismus, der den Neoliberalismus ablöst, ist noch unattraktiver. Es ist der Fiebertraum der Millenial-Sozialisten, deren politischen Argumente schon immer durch die Katastrophe motiviert waren – die Katastrophe, die sich ergeben würde, wenn Großbritannien aus der EU austreten würde, die Katastrophe, die aus dem Klimawandel erwachsen wird, die Katastrophe, die aus der Erschöpfung der Ressourcen resultieren wird, die Katastrophe, die mit dem Artensterben und der Überbevölkerung des Planeten einhergeht. Falls der neue globale Katastrophensozialismus überhaupt sozialistisch ist, dann ist er eine erklärtermaßen passive, konsumistische Variante des Sozialismus, bei der wir vom Staat dafür bezahlt werden, unter Kriegsrecht zu leben, während wir vermutlich von zu Hause aus arbeiten und gleichzeitig auf Kosten einer prekarisierten Klasse leben, die gezwungen ist, für Deliveroo und Amazon zu schuften, während der Rest der produktiven Wirtschaft zerbröckelt: voll automatisierter Luxus-Autoritarismus. Währenddessen wird die Boomer-Generation von einem Virus dahin gerafft, wodurch ihr Vermögen für die in WGs eingeengten Millenials verfügbar wird.

Wir leben in einem Drehbuch hunderter Hollywood-Katastrophenfilme und TV-Serien, in denen wir auf den Zusammenbruch der Zivilisation und die Notwendigkeit, einander grundlegend zu misstrauen, vorbereitet wurden. Dass so viele derjenigen, die letzte Woche noch den Luxuskommunismus propagiert haben – mit Asteroidenabbau im Weltraum – jetzt danach rufen, alle zu Hause einzusperren, während sie Kriegswirtschaftspläne entstauben, zeigt nur den autoritären Opportunismus vieler dieser Millenial-Sozialisten. Dieselben Leute, die mit düsteren Bildern vor den Rechtspopulisten gewarnt haben, weil diese eine neue Ära des Faschismus einleiten, fordern mit Nachdruck, dass die bürgerliche Freiheit einfach beiseite gewischt werden soll, um Notstandsbefugnisse zu rechtfertigen.

Der instinktive Autoritarismus der Regierungen und Eliten bei der Verfolgung der Ausgangssperren ist zum Teil das Erbe des Neoliberalismus, da er die zugrunde liegende technische Unfähigkeit des Staates widerspiegelt – unzureichende Testkits, unzureichende Intensivstationen, unzureichende Krankenhausbetten, unzureichende Beatmungsgeräte – um den in der Pandemie entworfenen Worst-Case-Szenarien gewachsen zu sein. Gesundheitssysteme, die im Interesse der Eindämmung der öffentlichen Ausgaben abgebaut und in dem Bemühen um einen effizienten, marktwirtschaftlichen Wettbewerb überreguliert wurden, haben nun keine freien Kapazitäten mehr, um auf potenzielle Schocks zu reagieren. Jedoch – und vielleicht noch wichtiger – zeigt der Autoritarismus auch ein politisches Unvermögen an – die Unfähigkeit der Staaten, ihre Bürger zu mobilisieren. Der Neoliberalismus höhlt nicht nur die staatlichen, sondern auch die politischen Kapazitäten aus. Ohne politischen Einfluss, bleibt nur die Möglichkeit eine stärkere staatliche Kontrolle über die Bevölkerung durchzusetzen. Was jetzt angeboten wird, ist die Aussicht auf einen digitalen Keynesianismus, bei dem das Geld den Konsumenten direkt ausgehändigt wird und der Staat keine Pläne hat, als Arbeitsbeschaffer, etwa durch öffentliche Bauvorhaben, aufzutreten – auch ohne die gesellschaftliche Solidarität von Klasse und Nation (ganz zu schweigen von den erforderlichen Verwaltungskapazitäten), die zur Aufrechterhaltung des einstigen Keynesianismus erforderlich war.

Deshalb sind, wie James Meadway aufgezeigt hat, die Analogien zur Kriegswirtschaft falsch – wir sind Zeugen von massiven Programmen der Demobilisierung, nicht der Mobilisierung. Dies spiegelt den grundlegenden Mangel an politischer Autorität und staatlicher Legitimität wieder: die politische Fähigkeit zur Mobilisierung existiert schlicht nicht, außer vielleicht in China und sogar dort ist sie eindeutig erzwungener als freiwilliger Natur. Während des letzten Notfallregimes nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 mobilisierte die damalige Bush-Administration die US-Bürger nur insoweit zu den Kriegsanstrengungen, als dass sie dazu ermutigt wurden, weiter einzukaufen, um die Wirtschaft am Laufen zu halten. Im heutigen Notfallregime werden wir noch stärker demobilisiert, zu Hause eingesperrt und dürfen noch nicht einmal unsere patriotischen Pflichten des Konsums zusammen in der Öffentlichkeit zur Schau stellen.

Spiegelkabinett

Der Keynesianismus, die in den 1970er-Jahren gescheiterte volkswirtschaftliche Agenda der Nachkriegszeit, wird nun wiederbelebt als Ersatz für den gescheiterten Neoliberalismus, der selbst wiederum eine Auffrischung des gescheiterten Liberalismus der Zwischenkriegszeit war. Die Menschheit scheint verloren in einem labyrinthischen Spiegelkabinett mit zahllosen historischen Sackgassen, verzerrten Abbildern und grob deformierten Reflexionen. Die permanente Notstandspolitik der letzten Jahrzehnte wird nun ausgeweitet, um ein neues Wirtschaftsregime zu legitimieren, das eine neue Ära des Staatskapitalismus einläuten wird. Damit sind wir wieder bei der ursprünglichen Frage angelangt. Was wäre im Angesicht der dystopischen Abscheulichkeit der Katastrophe, die der Keynesianismus jetzt auslöst, eine Politik, die unserer Ära besser zu Gesicht stünde?

Grace Blakeley nimmt diese Frage in ihrem Artikel für Novara Media direkt in Angriff. Sie argumentiert, dass die virale Pandemie das Aufkommen einer neuen Oligarchie des staatsabhängigen Big Business beschleunigen wird. Sie fordert uns dazu auf, uns darauf vorzubereiten dieses neue staatskapitalistische Regime zu demokratisieren und befürwortet die Wiederbelegung der branchenweiten Tarifverhandlungen als Teil eines Programms des politischen Wandels, um die Rechenschaftspflicht zu stärken. Ihrer Ansicht nach sollte die Expansion der Staatstätigkeit mit der Demokratisierung Hand in Hand gehen. Ihre Vision einer Demokratisierung ist jedoch eine technokratische, welche die Politik der Angst, die den neuen Kapitalismus antreibt, akzeptiert, zugleich jedoch versucht, dieselbe durch eine Vielzahl neuer Verwaltungsgremien rechenschaftspflichtig zu machen. Ihre Argumentation ist von der längst bröckelnden neoliberalen Ära geprägt, in der sie den Interessen einer in die Enge getriebenen professional managerial class (PMC) eine Stimme verleiht. Wie kann deren Position innerhalb der neuen korporatistischen Strukturen am besten gesichert werden?

Wenn wir die Wirtschaft wirklich demokratisieren wollen, sollte die erste Frage lauten: zu welchem Zweck? Das Element das in Blakeleys Konzept von Demokratie fehlt – das Element das jedes Modell des Sozialismus aktuell und sinnvoll macht – ist Freiheit, was bedeutet, die Reichweite und das Ausmaß der durch die Masse der gewöhnlichen Bürger ausgeübten Kontrolle über das soziale Leben auszuweiten. In der Utopie des demokratischen Sozialismus der Millennials bestehen die Massen aus Mietern, dem Prekariat, den Verwundbaren – denjenigen die den Schutz des korporatistischen Covid-Staates brauchen, der von einer neuen Elite technokratischer Planer kontrolliert wird. Aber ohne den kollektiven und weitverbreiteten Willen sich selbst zu regieren, dem eine politische Stimme, Repräsentation und Institutionalisierung verliehen werden kann, wird die „Verantwortlichkeit“ und „größere öffentliche Kontrolle“ unter dem neuen Staatskapitalismus zu nicht mehr führen als zu einem Job-Boom für die Mittelklasse, welche die Vorteile und die Macht neu geschaffener staatlich finanzierter Stellen genießt. Ohne die Vision und die Absicht zur Demokratisierung wird der neue Covid-Korporatismus von einem Notfallregime zum Nächsten stolpern.

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Covid 19 – Aufstand oder Barbarei https://non.copyriot.com/covid-19-aufstand-oder-barbarei/ Tue, 31 Mar 2020 06:49:58 +0000 https://non.copyriot.com/?p=12925

Nein sie sind nicht einfach Zuhause geblieben. Haben die Hände in den Schoss gelegt und ängstlich in sich hinein gehorcht. Weil sie sich das einfach nicht leisten konnten. Weil ihre Kinder was zu essen brauchen. Also haben sie sich an die gute alte Zeit erinnern, als sie dem Staat und den Fabrikherren, den Gutsherren ganz schön zugesetzt haben. Die wilden Jahren, “als wir alle Kommunisten waren”, wie der Nanni Balestrini geschrieben hat. Also ab in den Supermarkt und den Einkaufswagen vollgepackt und an der Kasse ein Schulterzucken “Bezahlt wird nicht”. Die Proleten aus dem Süden, auf die man immer ein bisschen hochnäsig herunter geschaut hat. Schon damals.

Am nächsten Tag standen in Palermo Bullenwagen vor den Supermärkten. Aber das ist ja auch keine Lösung, es gibt einfach zuviele Supermärkte. Und wer weiß, was denen noch einfällt, diesen halben Bauern, auch wenn sie schon seit Generationen in den Städten leben. Also hat Conte mal eben fast 5 Milliarden locker gemacht für den Süden, die sollen über die Gemeinden an die prekär Beschäftigten ausgezahlt werden, weil die sind von dem einen zum anderen Tag nur noch prekär und nicht mehr beschäftigt. Wahrscheinlich wäre er nie selber auf die Idee gekommen, wenn ihm seine Geheimdienste nicht gesteckt hätten, sie würden mit schweren Unruhen im Süden rechnen. Und das mit dem proletarisch einkaufen hat denn ja auch gleich auf andere Städte des Südens übergriffen, in Bari und Napoli haben sie das Zeug auch einfach so raus geschleppt. Übrigens ganz ohne linke Agitatoren.

WIE LANGE WIRD ES DAUERN, BIS DIE MENSCHEN VON IHREN BALKONEN SPRINGEN?

...oder rebellieren? [Wu Ming 1]

(Fortsetzung der Eindrücke und Überlegungen unserer italienischen Freunde über das, was vor uns liegt)

Wenn diese flächendeckenden Formen des Hausarrest, die wir Italiener in Panik und totaler Improvisation über Nacht für uns erfunden haben, nicht funktionieren, wenn sie keine Perspektive, kein potentielles Ende haben, da es bei “der Kurve” keinen "Scheitelpunkt" gibt, dann wird die derzeitige Situation zunehmend unerträglich.

[Ich möchte hinzufügen: Wir alle argumentieren, wir alle, auf der Grundlage unzuverlässiger Zahlen, aber lassen wir diesen Aspekt vorerst beiseite].

Das kleine Spiel der Suche nach dem Schuldigen ist im besten Fall ein oberflächlicher Wundverband, eine Ablenkung. Wie lange wird es ihnen gelingen, ihre Erzählung von dieser unabdingbaren Notwendigkeit auszudehnen, bevor sie ihnen mitten in der Fresse hochgeht, bevor sie an eine Krisenbewältigungsstrategie oder einen deus ex machina (1) denken, der die Situation wirklich löst?

Wie könnte die Ausstiegsstrategie aussehen? Jetzt sagen sie auf halbem Wege, dass sie sich mehr dem "koreanischen" Modell annähern wollen aber in der Zwischenzeit verlängern sie das Einsperren auf unbestimmte Zeit. Sie improvisieren und sind unfähig, ihr Narrativ zu ändern, obwohl es bis ins letzten Detail verschlissen ist. Sie selbst sind noch immer dem starken anfänglichen Impakt unterworfen.

Und der deus ex machina? Theoretisch wäre es der Impfstoff, aber er wird nicht so bald fertig sein.

Die anderen europäischen Länder, die uns jetzt teilweise imitieren, und teilweise auch nicht, was werden sie tun?

Wenn sich herausstellt, dass die Strategie des "italienischen Stils" nicht funktioniert und unvertretbare Kosten mit sich bringt, wenn ihre öffentliche Meinung weniger kleinlaut ist als unsere, wenn ihre herrschenden Klassen ein Minimum an Klarheit behalten haben und wenn ihre Mainstream-Medien eine weniger destruktive Berichterstattung als unsere haben könnten (jaja, da wird es nicht schwierig sein...), könnten sich diese Länder von unserem "Modell" lösen und mit anderen Wegen experimentieren.

Welche? Wahrscheinlich eine integrierte Strategie: gezielte Einsperrung, eine gewisse "koreanische" Kontrolle (was sicherlich nicht gut ist) und eine Tendenz zur Herdenimmunität. Ich habe keine besonderen Fähigkeiten, um mich über die Plausibilität des letzteren auszudrücken, sondern stelle sie auf neutrale Art und Weise dar. Ich habe in verschiedenen Artikeln gelesen, dass, wenn eine Herdenimmunität gegen Covid-19 möglich wäre, die "italienische" Strategie, sich auf unbestimmte Zeit “zu distanzieren”, uns als Geiseln des Virus gehalten hat.

Wenn im umgekehrten Fall in anderen Ländern Panik, Mobilmachung und der ganze Rest wie bei uns herrschen sollte, dann werden sie blind vorrücken, wie wir, und auch Italien wird unter dem Vorwand "Trittbrettfahrer, die die Pest verbreiten" noch eine Weile sagen können: "Siehst du? Alle anderen tun dasselbe wie wir! "Aber auch das ist ein nur ein Pflaster, kaum dauerhafter als die Schuld bei denen zu suchen, die joggen oder spazieren gehen.

[Es gibt auch die große Unbekannte über das, was in den USA passieren wird, wo der Sturm gerade erst begonnen hat, aber das würde eine eigene Argumentation verdienen].

Etwas muss den Bann brechen. Das kann nicht Bestand haben. Sehr bald könnten viele Menschen anfangen, sich umzubringen, zu töten, verrückt zu werden, verzweifelte Auswege zu suchen und Aktionen zu unternehmen, die an Selbstmord grenzen, als ob sie sagen wollten: besser die Strafe, besser die Schläge, besser an Covid-19 sterben, als so weiterzumachen.

Wird es möglich sein, von einer chaotischen Reihe von individuellen Revolten zu kollektiven Aktionen überzugehen?

Auf die eine oder andere Weise wird diese Gefangenschaft auf italienische Art und Weise enden. Aber sie wird in den Köpfen der Menschen bleiben, und in der Zwischenzeit wird sie eine Landschaft von Ruinen und - was auch immer geschieht - einen tiefen und nicht mehr aufzuhaltenden Angriff auf unsere Freiheiten, unsere sozialen und bürgerlichen Rechte hervorgebracht haben.

Und was ist mit der nächsten Epidemie, was werden wir tun?

Ich möchte auch darauf hinweisen, dass wir in diesem Sommer höchstwahrscheinlich die größte Wasserkrise in unserer Geschichte haben werden. Die Dürre ist entsetzlich. Wir könnten unser Wasser kontingentieren müssen. (2)

Wu Ming

Während hierzulande die radikale Linke wahlweise in Schockstarre gefallen ist oder sich auf appellative oder symbolische Handlungen reduziert, entfaltet sich im Windschatten der Corona Pandemie ein sozialer Taifun, dessen Auswirkungen die eigentlichen Folgen der Pandemie noch in den Schatten stellen könnten. Während Teile des weltweiten Staatsapparates des Empires Schritt für Schritt den Übergang in einen faschistischen Krisenmodus vollziehen, wobei nicht ausgemacht ist, ob dieser temporärer oder grundsätzlicher Art sein wird, werden innerhalb kürzester Zeit hunderten von Millionen Menschen jegliche Grundlagen entzogen die Mittel zur Existenzsicherung durch eigene Arbeit zu bestreiten.

Auf den staubigen Landstraßen Indiens ziehen Zehntausende aus den Städten in die Dörfer, aus denen sie kommen, weil sie schlagartig kein Einkommen mehr haben. (Mit diesen Wanderungsbewegungen wird sich natürlich auch der Virus bis in die entlegensten Dörfern verbreiten). Derzeit versucht der Staat Zehntausende aufzuhalten und in Quarantäne zu zwingen. In Latein-und Mittelamerika kommt es zu ersten Plünderungen, in Afrika drohen Hungersnöte unvorstellbaren Ausmaßes, wenn die Pandemie dort Fuss fassen wird. Ganz zu schweigen davon, dass das Gesundheitswesen der meisten afrikanischen Länder einer Corona Pandemie nicht ansatzweise gewachsen ist. Innerhalb weniger Tage wird es komplett zusammenbrechen.

Wir sehen uns also einer möglichen Barbarei gegenüber, die alles in den Schatten stellen könnte, was wir seit dem zweiten Weltkrieg erlebt haben. Insofern ist die überwiegende Positionierung der deutschen radikalen Linken, für die hier stellvertretend die von Ums Ganze benannt werden soll (und vieles was veröffentlicht wurde, war noch elender), nichts weiter als Augenwischerei und im Kern Metropolen Chauvinismus (auch wenn natürlich linke Essentials wie offene Grenzen und Solidarität mit den Flüchtlingen nicht fehlen dürfen), weil sie im Kern den Blickwinkel auf eine “solidarische europäische Perspektive” verengen. Das Proletariat und Subproletariat, die Prekären des Trikonts kommen in dieser Erzählung schon gar nicht mehr vor. Sie werden aber diejenige sein, deren Todesraten die Zahlen aus Italien und Spanien weit in den Schatten stellen werden. (Immer unter der Grundannahme dass die verbreitenden Informationen über die Pandemie zutreffend sind).

Wie stand es auf einem Wellblechzaun in einem Ghetto in Südafrika “Wir bleiben nicht in den Häusern, wir haben Hunger”. So oder so, wird nur (k)eine Wahl bleiben, hungernd und durstend den Anweisungen der Regierungen folgen und in “sozialer Distanz” auf ein Wunder oder eine gnädige Wende hoffen oder sich einen existentiellen Kampf zu werfen, um die Situation grundsätzlich zum Kippen zu bringen. Es gab einmal Zeiten, in denen sich eine deutsche radikale Linke an der Seite jener trikontinentalen Impulse sah, jetzt ist der historische Zeitpunkt da anzuknüpfen, wo die Diskussion um einen neuen Antiimperialismus in den 80igern versandet ist. (3)

Darunter geht es nicht. Alles, was nicht auf den Aufstand, bzw. die Unterstützung der aufständischen Kräfte JETZT abzielt, will im Kern doch nur den derzeitigen Zustand (mit all den Privilegien) konservieren, ist also im Kern sozialdemokratische Politik, egal wie sich selber nennt. Und allen dürfte eines unmittelbar klar sein, wenn es denn wirklich irgendwann einen Impfstoff geben sollte, dürfte der in der Anfangszeit nur limitiert zur Verfügung stehen. Wer dann vorerst keinen Zugang zu diesem haben dürfte, ist nun wirklich kein Buch mit sieben Siegeln. Barbarei oder Aufstand.

Fussnoten

  1. Wiki sagt: Der Deus ex machina [ˈdeːʊs ɛks ˈmakhina] (lat. Gott aus einer/der [Theater-]Maschine; ist eine Lehnübersetzung aus dem Griechischen ἀπὸ μηχανῆς Θεός (apò mēchanḗs theós) und bezeichnet ursprünglich das Auftauchen einer Gottheit mit Hilfe einer Bühnenmaschinerie. Heute gilt der Ausdruck auch als eine sprichwörtlich-dramaturgische Bezeichnung für jede durch plötzliche, unmotiviert eintretende Ereignisse, Personen oder außenstehende Mächte bewirkte Lösung eines Konflikts.
  2. Dieser zweite Ausschnitt aus dem Corona Tagebuch des Wu Ming Kollektives erschien am 23. März auf Lundi Matin. Der Übersetzer bitte um Nachsicht hinsichtlich der Tatsache, dass seine Arbeit der Brillanz des Ursprungs Textes nur begrenzt gerecht wird.
  3. Gemeint ist die Diskussion, die aus den Einschätzungen der Autonomie, Neue Folge entstanden ist. http://autonomie-neue-folge.org/wp-content/uploads/2018/03/Autonomie-Nr.-10-1982.pdf
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Grupo Barbaria: The Pandemics of Capital https://non.copyriot.com/grupo-barbaria-the-pandemics-of-capital/ Mon, 30 Mar 2020 12:27:09 +0000 https://non.copyriot.com/?p=12921

Originally published by Grupo Barbaria. Translated by Malcontent Editions.

It’s difficult to write a text like this one right now. In the current context, in which coronavirus has busted – or soon threatens to – the living conditions of many of us, the only thing you want to do is go out to the street and set everything ablaze, with a mask on if needed. That’s what it deserves. If the economy is worth more than our lives, it makes sense to delay the containment of the virus until the last moment, until the pandemic is already inevitable. It also makes sense that when it’s no longer possible to halt the contagion and it’s needed to disturb – to the bare minimum – the production and distribution of commodities, it be us who are fired, who are forced to work, who remain confined in the jails and the Foreigner Internment Centers, who are obliged to choose between the sickness and the contagion of loved ones or dying of hunger in quarantine. All of this with patriotic cheers and the call for national unity, with social discipline as the executioner’s mantra, with the elegies to the good citizen who bows the head and keeps quiet.

The Only thing that you want to do in moments like this is to smash everything.

And this rage is fundamental. But what’s also fundamental is to comprehend well in order to fight better, in order to struggle against the very root of the problem. To comprehend it when everything explodes and the individual rage converts into collective potential, in order to know how to use that rage, to really put an end, without stories, without deviations, to this society of misery.

The virus is not just a virus

Since its beginnings, the relationship that capitalism has with nature (human and non-human) has been the story of a never-ending catastrophe. It is in the logic of a society that is organized through mercantile exchange. It is in the very reason for being of the commodity, in which its natural, material aspect is of little importance, only the possibility of obtaining money for it.

In a mercantile society, the ensemble of the species of the planet are subordinated to the functioning of that blind and automatic machine which is capital: the non-human natural world is no more than a flow of raw materials, a means of production of commodities, and the human natural world is the source of labor to exploit in order to get more money from money. Everything material, everything natural, everything alive is in the service of the production of a social relation – value, money, capital – which has become autonomous and needs to permanently transgress the limits of life.

But capitalism is a system fraught with contradictions. Every time it tries to overcome them, it only postpones and intensifies the next crisis. The social and sanitary crisis created by the spread of the coronavirus concentrates all of them and expresses the putrefaction of the social relations based on value, on private property and the State: their historical depletion.

In the measure in which this system advances, the competition between capitalists propels technological and scientific development and, with it, an increasingly more social production. More and more, what we produce depends less on a person and more on the society. It depends less on local production, rooted in a territory, in order to become increasingly more global. It also depends increasingly less on individual and immediate effort and more on the knowledge accumulated throughout history and applied efficiently to production. All this it does, however, while maintaining its own categories: although the production is increasingly more social, the product of the labor continues being private property. And not merely so: the product of labor is a commodity, meaning, private property destined for exchange with other commodities. This exchange is made possible by the fact that both products contain the same quantity of abstract labor, of value. This logic, which constitutes the basic categories of capital, is put into question by the development of capitalism itself, which reduces the quantity of living labor that every commodity requires. Automation of production, expulsion from work, a decline in the profits which the capitalists can obtain from the exploitation of this work: a crisis of value.

This profound contradiction between social production and private appropriation is manifest in a whole series of derivative contradictions. One of them, which we have elaborated on more extensively in other moments, takes into account the role of the earth in the exhaustion of value as a social relation. The development of capital tends to create an ever stronger demand for land usage, which causes its price – the land rent – to historically tend to increase. This is logical: the more that productivity increases, the more the quantity of value for each product unit declines, and therefore, the more commodities that must be produced in order to obtain the same profits as before. As there are increasingly less workers in the factory and more robots, production requires more raw materials and energy resources. The demand on the land, therefore, intensifies: mega-mining, deforestation, and intensive extraction of fossil fuels are the logical consequences of this dynamic. On the other hand, the concentration of capital at the same time leads to concentrating great masses of labor power in the cities, which pushes the price of housing in the cities to permanently rise. From there follows the worst living conditions in the metropolis, the overcrowding, the contamination, the rent which eats up an ever larger portion of the salary, the workday which is indefinitely prolonged by transport.

Agriculture and livestock production are faced with with these two big competitors for the land, the sector linked to the utilization of the land rent, and the one linked to the extraction of raw materials and energy. If the agricultural or livestock farms are to be found in the periphery of the city, perhaps their parcel of land would be more profitable for the construction of a housing complex, or for an industrial zone for which its proximity to metropolis is convenient. If they are more far removed, but their piece of land contains minerals that are useful and in demand for the production of commodities, or even worse, some hydrocarbon reserves, they can’t be realized either in this terrain which capital has destined for more succulent aims.[1] If they want to remain in the same place and continue to pay the rent, they will have to increase productivity like industrial capitalists do. Furthermore they have the incentive of the incessant increase in urban mouths to feed. The agroindustry is the logical consequence of this dynamic: only by increasing productivity, using automated machinery, producing in monoculture, making an ever greater use of chemicals -fertilizers and pesticides in agriculture, pharmaceuticals in livestock production-, even by genetically modifying plants and animals, can sufficient profits be produced in a context where the land rent increases unceasingly.

All this is necessary in order to enframe the emergence of pandemics. As the comrades of Chuang explain well, the coronavirus is not a natural occurrence removed from capitalist relations. Because it’s not just an issue of globalization, meaning, of the exponential possibilities for expansion of a virus. It is capital’s very form of producing which fosters the appearance of pandemics.

In the first place, in order to be able to make agriculture and livestock production more profitable it’s necessary to implant much more intensive forms of production, much more aggressive for the natural metabolism. When many members of the same species – like pigs, for instance, one of the possible sources of COVID-19 and the confirmed source of Influenza A (H1N1) which appeared in 2009 in the United States – are crowded together in industrial farms, their living conditions, their feeding and the permanent application of pharmaceuticals on their bodies weakens their immune system. There’s no resilience in the small ecosystem that constitutes a very numerous population of the same species, immunologically compromised and crowded in confined spaces. Furthermore, this ecosystem is a training camp, a favorable space for the natural selection of the most contagious and virulent of virus. And much more so if this population has a high mortality rate, as occurs in the slaughterhouses, given that the swiftness with which it’s capable to transmit the virus determines its possibility to survive.

It’s only a question of time that one of these virus manages to be transmitted and persist in a host of another species: a human being, for example.

Now let’s say that this human being is a proletarian and lives, like the pigs in our example, crowded in an unhealthy home with the rest of their family, goes to work in a train or bus where it’s hard to breathe at peak hours, and they have a weakened immune system because of fatigue, the poor quality of food, and the air and water contamination. The permanent ascent of the price of living and transport, the increasingly more precarious jobs, the poor eating, in short, the law of the growing poverty of capital causes our species to have very little resilience.

The agriculture industry’s quest for a larger profit and competitiveness in the world economy also has its effects in the proliferation of epidemics. We have a good example in the epidemic of Ebola that spread out throughout all of western Africa in 2014-16, which was preceded by the implantation of monoculture for palm oil: a kind of plantation which bats – the source of the strain that produced the outbreak – are very attracted to. The deforestation of the woods, in virtue of not only the agro-industrial exploitation but also the logging and mega-mining, forces many animal species – and some human populations – to plunge even deeper into the woods or to stay close to them, exposing themselves to carriers of the virus such as bats (Ebola), mosquitoes (Zika) and other reservoir hosts – meaning, pathogen carriers – that adapt to the new conditions established by the agroindustry. Furthermore, the deforestation reduces the biodiversity that makes the forest a barrier for the chains of transmission of pathogens.

Although the most probable source of the coronavirus is situated in the hunting and selling of wild animals, sold in the market of Hunan in the city of Wuhan, this is not disconnected from the process described above. In the measure in which the livestock production and the industrial agriculture spread, they push the hunters of wild foods to penetrate ever more deeply into the woods in search of their merchandise, which increases the possibilities of contagion with new pathogens and therefore of their propagation in the big cities.

The king disrobed

The coronavirus has stripped the king bare: the contradictions of capital are seen and suffered from in all their brutality. And capitalism is incapable of managing the catastrophe that derives from these contradictions, because it can only escape them by resolving them momentarily so that they break out with a greater virulence later on.

To identify this dynamic, essential to the story of capitalism, we can place our gaze on technology. The application of technoscientific knowledge to production is perhaps one of the features which has most characterized this system. Technology is utilized in order to increase productivity with the goal of extracting an above-average profit, in such a way that the company that produces more commodities than its competitors with the same amount of labor time can choose between reducing the price a bit to gain market space or to keep it the same and gain a little more money. However, insofar as their competitors apply similar improvements and all have the same level of productivity, the capitalists find that instead of obtaining extra profits, they have still less profit than before, because they have more commodities to place in the market – which in conditions of competition lowers their price – and less workers to exploit in proportion. That’s to say, what had been presented at first as a solution, the application of technology to increase productivity, rapidly becomes the problem. This logical movement is permanent and structural in capitalism.

The development of medicine and of pharmacology follows this same motion. Capitalism cannot avoid, since its earliest beginnings, sickening its population. It can only try to develop the medical and pharmaceutical knowledge to control the pathologies that it itself facilitates.

Nevertheless, in the measure in which the conditions that make us sick don’t disappear, but even increase with the ever more pronounced crisis of this system, the role of medicine is inverted and can function as a fuel for sickness. The use of antibiotics, not only in the human species, but also in livestock, fosters the resistance of the bacterias and encourages the appearance of strains increasingly more difficult to combat. Something similar occurs with the vaccines for virus. On one hand, they often arrive late and insufficiently in the emergence of an epidemic, given that the mercantile logic itself, the patents, the industrial secrets and the negotiation of the the pharmaceutical companies with the state delay their quick application to the infected population. On the other hand, natural selection will cause the virus to be each time more prepared to overcome these barriers, favoring the appearance of new strains for which the vaccines are still unknown. The problem, therefore, is not in the development of medical and pharmacological knowledge, but in that while the social relations which permanently produce the virus and facilitate its rapid expansion continue to be maintained, this knowledge will only encourage the appearance of increasingly more contagious and virulent strains.

In the same way that the technological and medical development conceal a strong contradiction in capitalist social relations, so it occurs also with the contradiction between the national and international plane of capital itself.

Capitalism is already born with a certain global character. During the Late Middle Ages, long distance networks of commerce were developed which, added to the new pulse of the conquest of the American continent, allowed the accumulation of an enormous mass of mercantile and usury capital. This would serve as a trampoline for the new social relations that were emerging with the proletarization of the peasantry and the imposition of wage labor in Europe. The black plague that devastated the European continent in the 16th century was precisely a fruit of this globalization of commerce, proceeding initially from the Italian merchants coming from China. Logically, the immune systems of the different populations in that era were less prepared to bear sicknesses from other regions, and the tightening of ties at a global level facilitated a spreading of epidemics as grand as the networks of commerce were wide. A good example of that were the epidemics that the colonists would bring which would finish off the majority of the indigenous population in large zones of America.

However, these global networks of commerce would serve, in a paradoxical and contradictory manner, to encourage the formation of national bourgeoisies. This formation went hand in hand with the efforts over many centuries to homogenize a single national market, a single state, and with them two centuries in which one war after another would occur without end, until the point where there were hardly any years of peace in Europe during the 16th and 17th century. The global character of capital is inseparable from the historical emergence of the nation, and with it, from imperialism between nations.

This two-fold in permanent contradiction, the strengthening of the ties at a global level with the national rootedness of capitalism, is expressed in all of its force in the current coronavirus situation. On one hand, globalization permits the pathogens of different origins to migrate from the wildest isolated reservoirs to population centers all over the world. Therefore, for example, the virus Zika was detected in 1947 in the Ugandan forest where it received its name, but it wasn’t until the development of the global agricultural market, with Uganda as one of its links, that Zika could arrive to the north of Brazil in 2015, helped along without a doubt by the monoculture production of soy, cotton, and corn in the region. A virus, with certainty, that climate change – another consequence of capitalist social relations – is helping to spread: the carrier mosquito of Zika and of dengue – the tiger mosquito in its two variants, the Aedes aegypti and the Aedes albopictus – has arrived to zones like Spain due to global warming. Furthermore, the internationalization of capitalist relations is exponential. Since the epidemic of the other coronavirus, SARS-CoV, between 2002 and 2003 in China and Southeast Asia, the quantity of flights coming out of these regions has multiplied by ten.

Hence, capitalism promotes the appearance of new pathogens that its international character extends rapidly. And nevertheless it is incapable of managing them. In the imperialist dispute between the major powers there’s no space for the international coordination that increasingly more global social relations require, and even less, the coordination that this pandemic already requires. The inherently national character of capital, as globalized as you like, entails that the national interests in the context of the imperialist struggle prevail against every kind of international consideration for the control of the virus. If China, Italy, or Spain delayed the taking of measures until the last moment, as France, Germany, or the United States would later do, it’s precisely because the measures necessary to contain the pandemic consisted in the quarantine of the infected and, having arrived at a certain level of contagion, in the partial paralyzation of the production and distribution of commodities. In a context in which the economic crisis that is now breaking out had been gestating for two years, in an ll-out trade war between China and the United States and during the course of an industrial recession, this stoppage could not be permitted. The logical decision of capital’s functionaries was then to sacrifice the health and a number of lives among the variable capital – human beings, proletarians – in order to stick it out and maintain competitiveness in the global market. That it has been revealed to be not only ineffective but even counterproductive doesn’t exempt the logic of this decision: from a national bourgeoisie, sensitive only to the ups and downs of its own GDP, you can’t ask for international philanthropy. That must be left to the discussions of the UN.

And this thing is that the grand contradiction which the coronavirus has pointed out is this: that of the GDP, that of the wealth based on fictitious capital, that of a recession constantly postponed on the basis of liquidity injections without any material foundation in the present.

The coronavirus has disrobed the king, and has shown that in reality we never exited from the crisis of 2008. The minimal growth, the posterior stagnancy and the industrial recension of the last ten years have been no more than the barely noticeable response of a body in coma, a body that has only survived thanks to the permanent emission of fictitious capital. As we explained earlier, capitalism is based on the exploitation of abstract labor, without which it cannot obtain profits, and nevertheless by its own dynamic it is pushed to expel labor from production in an exponential fashion. This extremely strong contradiction, this structural contradiction that reaches its most fundamental categories, cannot be overcome but by aggravating it for later by means of credit, that is to say, the recourse to the expectation of future profits in order to continue feeding the machine in the present. The businesses of the “real economy” have no other way of surviving than to permanently flee further on, to obtain credits and to keep the shares in the stock market high.

The coronavirus is not the crisis. It is simply the detonator for a structural contradiction that has come to express itself since decades ago. The solution that the central banks of the major powers gave for the crisis of 2008 was to continue to flee and to use the only instruments that the bourgeoisie currently has to face the putrefaction of its own relations of production: massive injections of liquidity, meaning, cheap credit on the basis of the emission of fictitious capital. This instrument, as is natural, hardly served to maintain the bubble, given that in the face of the absence of a real profitability the companies utilized that liquidity to reacquire their own stocks and continue to put themselves in debt. As such, today the debt in relation to the global GDP has risen by almost a third since 2008. The coronavirus has simply been the gust of wind that has toppled the house of cards.

Contrary to what social-democracy proclaims, according to which we would find ourselves in this situation because neoliberalism has give a free pass to the greed of the speculators on Wall Street, the emission of fictitious capital – that is to say, of credits that are based on some future gains which will never come about – is the necessary organ of artificial respiration for this system based on work. A system that, nevertheless, through the development of an extremely high level of productivity, has increasingly less need for work to produce wealth. As we have explained earlier, capitalism develops a social production that collides directly with the private property on which mercantile exchange is based. We have never been a species as much as we are now. We have never been so globally linked. Humanity has never recognized itself as such, has needed to as much at a global level, independently from languages, cultures and national barriers. And nevertheless capitalism, which has constructed the global character of our human relations, can only confront it by affirming the nation and the commodity and denying our humanity, can only face the constitution of our human community by means of its logic of destruction: the extinction of the species.

Hobbes and us

A week before this text would be written, in Spain they decreed a state of emergency, the quarantine and the isolation of us all, save for if it’s to sell our labor power. Similar measures were taken in China and Italy, and they have already taken at the moment in France. Alone, in our homes, at a distance of one meter between every person that we meet in the street, the very reality of the capitalist society is made present: we can only relate with others as commodities, not as people. Perhaps the image that best expresses this are the photographs and the videos that have circulated on the social networks at the beginning of the isolation: thousands of people crowded into train and metro carriages on route to work, while the parks and the public streets are closed off to anyone that can’t present a good excuse to the police patrols. We are labor power, not people. The state has that very clear.

In this context, we have seen a false dichotomy appear based on the two poles of the capitalist society: the State and the individual. First of all was the individual, the social molecule of capital: the first voices that made themselves heard facing the alert of the contagion were those of every man for himself, those of let the old die and to each their own, those of blaming each other for coughing, for fleeing, for working, for not doing so. The first reaction was the spontaneous ideology of this society: you can’t ask a society that is constructed on isolated individuals to not behave as such. On the basis of this and of the social chaos that was being produced, there was a general relief at the appearance of the State. State of emergency, militarization of the streets, control of the routes of communication and of transport except for what is fundamental: the circulation of commodities, especially including the commodity labor force. In the face of the incapacity to organize ourselves collectively against the catastrophe, the State is revealed as the tool of social administration.

And it doesn’t cease to be that. An atomized society needs a State to organize it. But it does so by reproducing the very causes of our atomization: those of profit against life, those of capital against the needs of the species. The models of the Imperial College of London predict 250,000 deaths in the United Kingdom and up to 1.2 million in the United States. The predictions on a global level, accounting for the contagion in the countries which are less developed and with a much more precarious medical infrastructure, will arrive foreseeably to many millions of people. The coronavirus epidemic, nevertheless, could have been stopped much sooner. The States that have been the center of the pandemic have acted in the way they had to: placing business profits above all during at least a few weeks more, at the cost of millions of lives. In another kind of society, in a society ruled by the necessities of the species, the quarantine measures taken at their due time could have been punctual, localized, and rapidly superceded. But it is not so in a society like this.

The coronavirus is expressing with all of its brutality the contradictions of a moribund system. Out of everything that we have tried to describe here, this is the most essential: that of capital against life. If capitalism is rotting because of its incapacity to confront its own contradictions, only us as a class, as an international community, as a species, can put an end to it. It’s not a cultural issue, of consciousness, but of a pure material necessity that pushes us collectively to struggle for life, for our life in common, against capital.

And the moment to do so, even if it’s just the beginning, has already begun. Many of us are already in quarantine, but we are not isolated, nor alone. We are preparing. Like the comrades that have risen up in Italy and in China, like those that have been on their feet for some time already in Iran, Chile or Hong Kong, we are going towards life. Capitalism is dying, but only as an international class, as a species, as a human community, can we bury it. The coronavirus epidemic has toppled the house of cards, has disrobed the king, but only we can reduce it to ashes.

[1] The substitution of fossil fuels for renewable energy doesn’t resolve the problem, all to the contrary: the renewables require much wider surfaces in order to produce inferior levels of energy.

taken from here

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Health crisis, economic crisis and social crisis are all the same thing https://non.copyriot.com/health-crisis-economic-crisis-and-social-crisis-are-all-the-same-thing/ Mon, 30 Mar 2020 09:05:48 +0000 https://non.copyriot.com/?p=12916

Originally written by the anti-state communist Carbure Blog and published on Des Nouvelles Du Front in French on March 29th, 2020. What follows is translation of prole wave.

1/16 If this health crisis is just beginning, what is even more troubling is the crisis called ‘economic’ which does not distinguish itself from the health crisis: the sanitary crisis from the outset is also an economic crisis.

2/16 Economic crisis as a lack of basic goods likely to slow it down; as a lack of material and human resources; as the gap between classes as well as between rich and poor countries; as the problems it causes and the means implemented to solve them.

3/16 The unemployment of masses of workers, the slowing down of production and of the movement of goods, shows us that capitalism identifies absolutely with society, that so-called economic relations are the whole of social life.

4/16 The circulation of value is nothing more than the sum total of our social interactions and all the telecommuting in the world is no substitute for the production, circulation and sale of goods by workers who are physically embodied and whom can fall ill.

5/16 The State’s management of the crisis underlines the extent to which it is an indispendiasble element in the proper functioning of Capital: as in 2008, its centralization and planning capacities can at any time remove capitalism from the ‘laws’ of the market and competition.

6/16 Without the State, Capital would collapse, but the State itself is only the objectification of the class relations of Capital. The proletariat is constantly tossed between the two: one day unemployed, sometimes a voter, another is a temp worker, a loan to be repaid, State benefits.

7/16 The State will rationalize economic activity for a time – for reasons common to the State & Capital – in order to preserve this same activity. “Nothing will be the same as before” means, “everything will be the same but worse.”

8/16 The State will plan and inject liquidity, without anyone on the Left wondering what connection this liquidity has with the famous “real economy,” whether printing money is a solution, or what is the difference between a Central Bank and a bank at all.

9/16 Money, for a time, can become magic again, and when it comes to saving Capital, it is brandished as the absolute fetish: the general interest, the community, even humanity. “Humanity” is the bourgeoisie’s kiss of death.

10/16 But we must not forget that, in good Keynesian theory, this assumption of responsibility by the State is not intended to last forever, States have not suddently converted to socialism – except in that “socialism” is only a modality of exploitation.

11/16 Nationalization is one way among others to ensure that the deficits of private companies are absorbed by the whole of economic activity, under the supervision of the State. Private or public, in times of optimism or under the guarantee of the State, Capital must circulate.

12/16 We all know the old saying: “Socialize the losses, privatize the profits.” But here “socializing” simply means that one segment of the bourgeoisie comes to the rescue of the other, and the money advanced is, as always, backed by the promise of future profits.

13/16 There is no contradiction between what is happening now and the return to “normal” laws of the market and competition; the “economic” laws will be applied once again and debts will have to be repaid and we know how and by whom.

14/16 We will pay for the crisis, because as a social crisis, it is also ours. We have already started to pay.

15/16 The economic crisis will not end with the health crisis, the economic crisis has already begun and will not end with the end of the pandemic, nor will the riots and revolts just now beginning end, which are the logical consequence of the crisis. Confining misery is impossible.

16/16 Transforming the crisis as no longer our own but that of Capital is the only way out of the infernal cycle of crises. The world revolution is just as possible as the world crisis, and like the world crisis, it presents itself as a catastrophe.

taken from here

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The Rise and Fall of Biopolitics: A Response to Bruno Latour https://non.copyriot.com/the-rise-and-fall-of-biopolitics-a-response-to-bruno-latour/ Sun, 29 Mar 2020 18:17:01 +0000 https://non.copyriot.com/?p=12910

How swiftly do genres of the quarantine emerge! Notable among them is the discovery of the relation between the present pandemic and onrushing climate collapse. The driving force of this genre is not holy shit two ways for a lot of people to die but the realization, or hope, that the great mobilizations of state resources currently being unspooled to address COVID-19 prove the possibility of a comparable or greater mobilization against ecological catastrophe, an even greater threat if somewhat less immediate. There is to be sure a certain mixing of analogies: in the United States, confronting climate change is conventionally likened to the New Deal or Marshall Plan, schemes to hedge against the charisma of communism, while addressing the pandemic decisively takes the language of war itself, a “war footing,” “wartime president,” and so on. This is an interesting slippage, no doubt, though both analogies rely on a vision of preserving global hegemony. Insert rueful laugh.

Bruno Latour provides a recent example of this genre; it appeared dually in Le Monde and Critical Inquiry on 25 March, here under the title “Is This a Dress Rehearsal,” and in French under the more prosaic but imperative “Health Crisis Demands We Prepare for Climate Change.”[1] The short piece is filled with the author’s habits of mind such as the inevitable “Latour Litany,” a list of all the various actors human and inhuman in an “entire network,” enumerated with an insistent leveling of its contents where what matters is that all these actors stand in ratio with each other, mute equivalents. It is as if exchange value had taken up a side hustle as a theorist. The goal is to demonstrate yet again the indistinction of nature and society toward discovering the obvious truth that “The pandemic is no more a ‘natural’ phenomenon than the famines of the past or the current climate crisis.”

But here problems arise for the comparison, as the author himself admits. Writing from France, he notes that Emmanuel Macron’s capacity to confront the pandemic is not of a kind with even his least gesture toward (purported) climate abatement, recalling how his gas tax was met not with relief and a thirst for more but with the riots of the Gilets Jaunes movement. Per Latour, this is because Macron — and ostensibly other leaders — have not forged the kind of new state that climate collapse will require. Instead, “we are collectively playing a caricatured form of the figure of biopolitics that seems to have come straight out of a Michel Foucault lecture.”

He means Foucault’s final lecture on the theme Society Must Be Defended, describing a new kind of power. Whereas once “Sovereignty took life and let live,” he writes, we discover toward the end of the eighteenth century “the emergence of a power that . . . in contrast, consists in making live and letting die.” This is the famous formula of biopolitics: the sovereign power to make live and let die.

Latour notes that this power’s deployment in the present moment includes “the obliteration of the very many invisible workers forced to work anyway so that others can continue to hole up in their homes.” Rightly so — this is a peculiarly awful time to be a delivery worker, from the warehouse or restaurant to the driver anxiously tossing a box on your porch. Recent days have presented an even more devastating turn: recent pronouncements by various governmental figures who, noting the economic devastation of COVID-19, proclaimed that people would have to abandon quarantine procedures after a fortnight at the very most and return to work so as to avoid cratering the economy. This despite the medical certainty that this would lead to more transmissions and more deaths. Forty-four years and five days after Foucault’s lecture, Donald Trump tweeted, WE CANNOT LET THE CURE BE WORSE THAN THE PROBLEM ITSELF. AT THE END OF THE 15 DAY PERIOD, WE WILL MAKE A DECISION AS TO WHICH WAY WE WANT TO GO! If this was in any way opaque, two days later Texas Lieutenant Governor Dan Patrick speculated, “are you willing to take a chance on your survival in exchange for keeping the America that America loves for its children and grandchildren? And if that is the exchange, I’m all in.”

But this course of action is not speculative at all: rather it seems to be the express plan of the state, coming soon. Look, to save the economy, we’re gonna have to kill some folks. Like, a lot. Horrified humans immediately noted this was a blood sacrifice to capitalism and who could disagree? This is the most dramatic political development since the early hours of millennium if not very much longer. It must seem like the apotheosis of biopolitics: a crackpot sovereign deciding at national scale who will be made to live, who let die.

Except for the way in which this was, in the clearest manner, the reverse. By 22 March, Goldman Sachs was already predicting an unparalleled 2.5 million new jobless claims; this would prove optimistic.

CLOVER

Meanwhile the Senate tinkered with its relief bill. The massive transfers to corporations were a given, for which 2008 now appears as a dress rehearsal. The haggling endeavored to dial in the exact size of the direct payment to citizens. It would need to restore enough aggregate demand to keep the economy breathing (a ventilator of sorts) while taking care not to give a single prole the incentive to be, in the face of a global and terrifying pandemic poised to kill millions absent assiduous measures taken by all, lazy. And it is to this delicate measure that presidents must also dance, not the measure decided on by the legislature, but the measure of that abstraction “the economy.” Nothing could have thrown Foucault’s formulations about sovereignty and regimes of power, and especially the limits of these ideas, into clearer relief than this week’s pronouncements, provisions, and data.

This is not to say there is no such thing as biopolitics nor any power to make live and let die. Clearly there is; clearly it is this that is wielded by all the Trumps great and small. Nonetheless it is apparent that the sovereign is not sovereign. Rather he is subordinated entirely to the dictates of political economy, that real unity of the political and economic forged by capital and its compulsions. Make live and let die is simply a tool among others in this social order whose true logic, from Trump’s tweet to Dan Patrick to the Senate bill, is the power employed always as a ratio of make work and let buy.

Here we must take a final turn toward where we began and reenter the genre named at the outset. The link between coronavirus and climate is more direct than mere analogy, two threats that challenge our senses of scale and temporality and so seem to demand something like a state to address them. Rather it turns out that one shows us the character of the other with horrific lucidity. We should not be surprised to discover that, like the 2008 economic collapse, the pandemic has significantly reduced emissions globally. The reductions have been particularly marked in China and Italy, the two most devastated nations. We might expect, glancing at the rate of spread and those unemployment numbers, that we will see similar results from the United States. Maybe we will get right with the Paris Accords after all.

This is not to say that we should imagine the virus as a redeemer; that is a particularly grotesque fantasy. Its role in a temporary retreat of planetarily fatal emissions is nonetheless informative. Ecological despoliation is a consequence not of humans, as the name “Anthropocene” and Latour’s essay suggest, but of industrial production and its handmaidens, and only forces which can bring that to heel allow us to prepare for climate change. Capital, with is inescapable drive to reproduce itself, is not some actor in a network, equivalent to other actors, but an actual cause. The compulsion to produce, and to produce at a lower cost than competitors, in turn compels the burning of cheap and dirty fuels to drive the factories, to move the container ships, even to draw forth from the ground the material components of “green energy” sources. The Gilets Jaunes did not riot because they object to ecological policies but because the economy dictates that they find jobs in places they cannot afford to live, and to which they must therefore commute. As long as the compulsions of production for profit and of laboring to live persist, climate survival will be beyond the reach of any state.

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We must take this fact with the utmost seriousness: that Foucault’s new regime of power appears in the late eighteenth century, which is to say, alongside the steam engine and the industrial revolution, which is also to say, alongside the liftoff of anthropogenic climate change. We need to stop fucking around with theory and say, without hesitation, that capitalism, with its industrial body and crown of finance, is sovereign; that carbon emissions are the sovereign breathing; that make work and let buy must be annihilated; that there is no survival while the sovereign lives.

29 March 2020

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Giorgio Agamben: Normalising the state of exception under the Covid-19 epidemic https://non.copyriot.com/giorgio-agamben-normalising-the-state-of-exception-under-the-covid-19-epidemic/ Sat, 28 Mar 2020 11:38:18 +0000 https://non.copyriot.com/?p=12906

What follows is an interview with Giorgio Agamben by Nicolas Truong for Le Monde (24/03/2020), where he analyses “the very serious ethical and political consequences” of the security measures applied to curb the pandemic.

As Le Monde reserves full access to many of its articles to subscribers, as it does with this interview, our translation to english was done from the spanish language translation by artilleria inmanente (24/03/2020) and also published with Lobo suelto (25/03/2020).

In a text published by “Il Manifesto“, you wrote that the global Covid-19 pandemic was “a supposed epidemic”, nothing more than “a kind of flu”. Considering the number of victims and the speed of the spread of the virus, especially in Italy, do you regret these comments?

I am neither a virologist nor a doctor, and in the article in question, which was published a month ago, I was only quoting verbatim what was then the opinion of the Italian National Research Center. But I’m not going to get into discussions between scientists about the epidemic; what interests me are the extremely serious ethical and political consequences that flow from it.

“It would seem that, terrorism having been exhausted as the cause of measures of exception, the invention of an epidemic could offer the ideal pretext for extending them beyond all limits”, you write. How can you argue that this is an “invention”? Cannot terrorism, like an epidemic, lead to security policies, which may be considered unacceptable, but which are real?

When speaking of invention in a political sphere, it should not be forgotten that it should not be understood in a purely subjective sense. Historians know that there are so to speak objective conspiracies, conspiracies that seem to function as such without being directed by an identifiable subject. As Michel Foucault showed before me, security governments do not necessarily work by producing the exceptional situation, but by exploiting and managing it when it occurs. I am certainly not the only one who thinks that for a totalitarian government like China, the epidemic was the ideal way to test the possibility of isolating and controlling an entire region. And the fact that in Europe we can refer to China as a role model shows the degree of political irresponsibility to which fear has brought us. We should ask ourselves whether it is not at least strange that the Chinese government suddenly declares the epidemic closed when it it is convenient for it to do so.

Why is the state of emergency, in your opinion, unjustified, when confinement appears to be one of the main means for scientists to stop the spread of the virus?

In the Babel-like confusion of languages that characterises our situation, each category of individuals follows her/his own particular reasons, without taking into account the reasons of others for thinking and doing what they do. For the virologist, the enemy to fight is the virus; for doctors, the goal is healing; for the government, it is about maintaining control, and I can do the same by remembering that the price to pay for this should not be too high. In Europe, there have been much more serious epidemics, but no one had thought to declare a state of emergency like the one that, in Italy and France, practically prevents us from living. Considering that the disease has so far affected less than one in a thousand people in Italy, one wonders what would be done if the epidemic really worsened. Fear is a bad counselor and I do not think that turning the country into a pestiferous country, where each one looks at the other as an occasion for contagion, is really the correct solution. The false logic is always the same: just as in the face of terrorism it was affirmed that freedom should be suppressed to defend it, we are also told that life must be suspended to protect it.

Are we witnessing the establishment of a permanent state of exception?

What the epidemic clearly shows is that the state of exception, to which governments have long familiarised us, has become the normal condition. Men have become so accustomed to living in a state of permanent crisis that they do not seem to realise that their life has been reduced to a purely biological condition and has lost not only its political dimension but also any human dimension. A society that lives in a permanent state emergency cannot be a free society. We live in a society that has sacrificed its freedom for so-called “reasons of security” and has thus been condemned to live continuously in a state of fear and insecurity.

In what sense are we experiencing a biopolitical crisis?

Modern politics is from start to finish a biopolitics, where the ultimate stake is biological life as such. The new fact is that health is becoming a legal obligation that must be fulfilled at all costs.

Why is the problem, in your opinion, not the severity of the disease, but the collapse or the fall of any ethics and politics that it has produced?

Fear causes many things to appear that one pretends not to see. The first thing is that our society no longer believes in anything other than naked life. It is evident to me that Italians are willing to sacrifice practically everything, normal living conditions, social relations, work, even friendships, affections, and political and religious convictions, in the face of the danger of contamination. Naked life is not something that unites human beings, but blinds and separates them. Other human beings, as in the plague described by Alessandro Manzoni in his novel The Betrothed, are nothing more than agents of contagion, who must be kept at least a meter away and imprisoned if they get too close. Even the dead – this is truly barbaric – are no longer entitled to a funeral and it is unclear what happens to their corpses.

Our fellows, our neighbours, no longer exist and it is truly terrible that the two religions that seemed to reign in the West, Christianity and capitalism, the religion of Christ and the religion of money, remain silent. What happens to human relations in a country that accustoms itself to living in such conditions? And what is a society that no longer believes in anything other than survival?

It is a truly sad spectacle to see an entire society, confronted with an otherwise uncertain danger, liquidate all of its ethical and political values en bloc. When all of this is over, I know I will no longer be able to return to the normal state.

What do you think the world will be like after this?

What worries me is not only the present, but also what will come after. Just as wars have bequeathed to peace a series of nefarious technologies, in the same way it is very likely that governments, after the end of the health emergency, will seek to continue the experiments that they have not yet managed to carry out: that universities and schools close and only give online lessons, that we stop gathering and talking for political or cultural reasons and only exchange digital messages, that as far as possible machines replace all contact – all contagion – between human beings.

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Der aufkommende Pandemie Faschismus. Splitter der Dissonanz (dt/english) https://non.copyriot.com/der-aufkommende-pandemie-faschismus-splitter-der-dissonanz/ Sat, 28 Mar 2020 07:58:11 +0000 https://non.copyriot.com/?p=12904

Liewer düd aß Slaawe”

Pandemie Magie

In jedem Berliner Park eine Wanne. Die Besatzungen beäugen misstraulisch jede Aktivität Derjenigen, die sich in die Frühlingssonne gewagt haben. Drei Fußball spielende Kinder sind ein Grund einzuschreiten. Wir haben schon vor Jahren gelernt, ab Drei ist man eine terroristische Vereinigung. Nun also auch die Kinder. Völlig willkürliche Größenordnungen werden verkündet und durchgesetzt. Wir erinnern uns, noch vor ein paar Wochen versammelten sich Zehntausende in den Fußballstadien, da waren schon Tausende in China an dem Virus gestorben, der jetzt als Begründung für jegliche Absurdität des Pandemie Ausnahmezustandes herhalten muss. Drei Kinder sind eine Gefahr, fünfzig Menschen in einen S Bahn Waggon auf dem Weg zu gesellschaftlich unsinniger Arbeit sind kein Problem.

Überhaupt, diese Magie der Zahlen, wie von Zauberhand verändern sich fast täglich die Bezugsgrössen. Zuerst wurden alle Versammlungen über 1000 Menschen verboten, dann alle über 100. Und natürlich betraf dies auch alle Demonstrationen. Dabei hätte man sich die Mühe sparen könne, eine in Ohnmacht und Unterwerfung geübte deutsche Linke sagte schon von sich alle Zusammenkünfte, selbst die der harmlosesten Natur ab. Und der kleine Rest, der abweichend davon sich nicht unterwerfen will, dem schickt man dann in Berlin eben die neue Präsenzeinheit in den ‘Nordkiez’ auf den Hals. Aber kommen wir zu der Magie der Zahlen zurück. Kommen wir überhaupt zu der gesamten Magie zurück, die die politische Klasse tagtäglich zu unserer Unterhaltung aus dem Hut zaubert. So als habe sie jahrelang nur für diese Momente der Magie geübt und gelebt. (Spoiler: Sie hat es. Seit Jahrzehnten finden Notstandsübungen unter wechselnden Szenarien statt.)

Tagtäglich werden neue, gestern noch undenkbare Maßnahmen erwogen, in den Ring geworfen und dann nach Gusto verkündet. Manche Grausamkeit raubt einem erst einmal den Atem, selbst hartgesottene BZ Redakteure müssen dann erstmal schlucken. Aus dem Off verkündet die SPD Gesundheitssenatorin auf der Landespressekonferenz, man müsse jetzt eben alle Menschen ab 70 in Quarantäne sperren. Als wären das alles kleine, uneinsichtige Kinder, die nicht begreifen würden, dass man eine heiße Herdplatte nicht anzufassen habe. Wer aber fragt diese Menschen, diese Menschen, denen zum Großteil die Endlichkeit ihres Daseins bewusst ist, ob sie überhaupt zu “ihrer eigenen Sicherheit eingesperrt” werden wollen. Auf unbestimmte Zeit. Denn keiner weiß, wie lange die ganze “Angelegenheit” denn dauern wird. Es ist ein Elend mit diesem Virus, Man weiß so vieles nicht über ihn und den Weg, den er einschlägt und muss aber trotzdem tagtäglich verkünden, was notwendig ist, um ihn zu bekämpfen. Vielleicht also sollte man “alle Alten” (ich bin mir sicher, die Angehörigen der politischen Klasse würden nicht unter diese Quarantäne fallen) für 6 oder 12 Monate einsperren. Oder vielleicht gleich lieber für zwei ganze Jahre, sicher ist sicher. Wenn ich aber nun um die Endlichkeit meines Lebens weiß und die Begrenztheit der Zeit die mir noch bleiben wird, dann soll ich zu meiner Sicherheit in meiner Wohnung vor dem Fernseher darauf warten wer schneller ist, der gewöhnliche Tod oder der Virus…. ?

Die Alten in meinem Haus, und davon gibt es hier reichlich, verschwören sich Übrigens schon. Sie stehen im Treppenhaus zusammen und tuscheln miteinander und letztens sagten mir zwei, die da so scheinbar in aller Unschuld zusammen standen, ganz keck, sie hätten ja Glück dass gerade keine Bullen in der Nähe wären, sonst würde man sie ja jetzt verdächtigen und vielleicht gleich wegsperren. Die Alten in meinem Haus sind nämlich nicht dumm und auf den Kopf gefallen und die wissen ganz genau, was sie tun. Die schlagen sich schon seit Jahren mit dem Vermieter, der Deutsche Wohnen rum. Und treffen sich regelmäßig unten im Erdgeschoss im Gemeinschaftsraum und schreiben Brandbriefe und auch mal an die Medien und gute Anwälte haben sie auch. Ganz ohne linke Agitatoren.

Die soll sich mal warm anziehen, die Tante da von der SPD. Und bei mir steht auch keiner Abends auf dem Balkon und klatscht wie ein Bekloppter, denn so blöde sind die hier nicht. Bis auf einer oder eine. Der oder die hämmert jeden Abend wie im Wahn auf was auch immer ein. Aber das ist der oder die Einzige hier, ich schwöre. Und im unmittelbaren Nahklatschbereich wohnen hier mal locker an die 1000 Leute in meinem Beton Getto. Ich weiß auch nicht, wie sich der oder die hierher verirrt hat.

Ihr merkt schon, diese Sache mit der Magie der Zahlen hat auch schon den Autor ergriffen. Also erstmal damit infiziert machen wir mal weiter. Weltweit lebten vorletztes Jahr an die 38 Millionen Menschen mit einer HIV Infektion, es starben in einem Jahr 770.000 (!!) Menschen an den Folgen von Aids (plus die Dunkelziffer). Über Ein Drittel aller an einer HIV Infektion erkrankten Menschen haben weltweit weiterhin keinen Zugang zu den überlebensnotwendigen Medikamenten.

In Deutschland lebten Ende 2018 rund 87.900 Menschen mit HIV., 71.400 Menschen nahmen HIV-Medikamente. Hierzulande sind 88% der HIV-Infektionen diagnostiziert, 93% der Diagnostizierten erhalten HIV-Medikamente, bei 95% davon ist HIV nicht mehr nachweisbar. Über die Hälfte aller Neuinfektionen mit HIV tritt in Ost-und Südafrika auf.

Über eine dreiviertel Million Menschen sterben also jedes Jahr an einer Erkrankung die mittlerweile mit einer unglaublich hohen Quote nicht nur gut behandelt, sondern geheilt werden kann. Merkt Ihr schon selber, diese Magie der Zahlen, nicht wahr.

Ernstfall - Normalzustand seit langer Zeit

Aber verlassen wir die Magie der Welt der Zahlen und wenden wir uns den Grausamkeiten des Krieges zu. Denn WIR befinden uns im Krieg. Der Feind ist praktisch unsichtbar und kommt wie fast immer aus dem Osten. Deshalb darf jetzt auch die Bundeswehr ran. Ist auch besser so für die Truppe. Immer rumgammeln und dabei zusehen, wie das ganze für teures Geld gekaufte Material auseinanderfällt und nur noch den Schrottwert repräsentiert ist ja auch nicht schön. 15.000 Mann und Frau (mensch gendert jetzt bei der Landesverteidigung) stehen für die Operation ab Anfang April bereit. Müssen nur noch angefordert werden. Schwerpunkte sind u.a. Quarantäneunterbringungen", Raum- und Objektschutz, Schutz kritischer Infrastrukturen, Unterstützung von Ordnungsdiensten,...

In Meppen haben sie schon mal gut vorgesorgt, dort ist das erste (medial bekannt gewordene, geht davon aus, es gibt noch mehr) Lager für Corona-Quarantäne-Brecher in einer Turnhalle errichtet. Das könnte dann die Bundeswehr bewachen. Und wenn es überhand nehmen sollte mit uneinsichtigen Bewohnern des Empires, die Fußballstadien stehen ja gerade leer.

In Baden Würtemberg (grüner PM) werden jetzt Datensätze von kranken Menschen an die Bullen übergeben. Die gesetzliche Grundlage dafür ist noch nicht ganz klar, aber wen interessieren schon solche Details. Überhaupt unsere Grünen, die mit den netten “Rettet die Bienen Wahlplakaten”. In Thüringen (“rot-rot-grün” regiert) gab es ja nicht nur den martialischen Bulleneinsatz von Hundertschaften in Ganzkörper Overalls gegen eine Handvoll “uneinsichtige Flüchtlinge” in einem Internierungslager, dort war man auch als erstes vorgeprescht und hatte schon vor Wochenfrist bei der Bundeswehr angefragt, ob diese nicht die eingesperrten Flüchtlinge bewachen könne.

Für Obdachlose, Flüchtlinge, “Illlegale”, Treberjugendliche,... gibt es keine finanziellen Ausgleichsprogramme, kein home office. Keinen Beifall vom Balkon. Wer mit der Kohle schon bisher nicht über den Monat kam und sich mit Schwarzarbeit oder sonstige Tricks über Wasser gehalten hat, kann jetzt halt sehen wo er oder sie bleibt. Die Basisversorgung in der psychosozialen Versorgung für Menschen mit psychischen Problemen, Erkrankungen oder Krisen bricht gerade zusammen. Die alten Trinker und Trinker*innen, die bisher nur durch den Tag gekommen sind mit der Aussicht, am Abend mit ein paar Gleichgesinnten ein paar Stunden zusammen sein zu können, hocken jetzt isoliert in der Bude und der Strick baumelt schon von der Decke. Jedes neunte Kind zwischen 6 und 18 ist jetzt schon hierzulande psychisch krank oder leidet unter psychosomatischen Beschwerden. Knapp 10% aller Menschen hierzulande leiden schon unter einer diagnostizierten Depression ( mit einer unglaublich hohen Dunkelziffer). Jeder und jede kann sich ausmalen, was in den kommenden Wochen und Monaten unter den Bedingungen des Ausnahmezustandes passieren wird.

Unterwerfung, Angst und Rebellion

Ein Mensch, der künstlich zur Welt gebracht werden muss, um zu überleben und die erste Tage seines Lebens im Brutkasten verbringen muss, stirbt, wenn ihn die PflegerInnen nicht alle paar Stunden aus dem Brutkasten holen und ihn liebkost. In diesem Bild ist das ganze Dasein des Menschen enthalten. Wir alle sind Frühchen, unser ganzes Leben lang. Wir sind auf die soziale Spiegelung unseres Selbst angewiesen, auf Begegnung, Austausch, Liebe, Berührung.

“Ich fahre, sie sitzt auf dem Rücksitz, der meinem Sitz schräg gegenüber steht. Selbst wenn wir im selben Bett schlafen, wenn sie uns jetzt nebeneinander anhalten, könnten sie uns anzeigen, jemand sagt Gefängnis. Aber wir haben beschlossen, kein Risiko einzugehen, denn wir brechen heute das Gesetz, wir brechen es bereits. Wir sind ohne einen „guten Grund“ draußen.”

Während allerorts die Angst grassiert sich anzustecken, die Panik, gut geschürt und gefüttert, das Denken und Abwägen in Nebel hüllt, sich viele in freiwillige Isolierung begeben und in völliger Unterwerfung nach noch mehr Staat, Repression und Kontrolle rufen, gibt es auch eine Gegenbewegung, die sich langsam zu formieren beginnt.

Die erste Welle dieser Gegenbewegung sind die weltweiten Knastrevolten, die sich mittlerweile über fast alle Kontinente erstrecken. Gleichzeitige Revolten in zwei Dutzend italienischen Knästen (mit über 20 toten Gefangenen), eine Welle der Rebellion auch in den Knästen und Internierungslager für Flüchtlinge in Frankreich, in Kolumbien brennen die Trakte, allein in Bogota sterben dabei über 20 Gefangene. Aufstände auch in Argentinien, auf dem afrikanischen Kontinent,....

In Frankreich, in dem noch wesentlich strengere Ausgangssperren als hier herrschen, kommt es von Anbeginn an zu einer Gegenbewegung in den ärmeren Vierteln, den Vororten. Anfänglich versuchen die Bullen noch die Ausgangssperren mit Repression durchzusetzen, so werden in einem Vorort von Paris innerhalb kürzester Zeit über 1000 Menschen angehalten und mit Bußgeldern belegt, was gleich 10% der landesweit verhängten Bußgelder ausmacht, etliche Menschen werden Opfer von rassistischer Bullengewalt, willkürlich angehalten und misshandelt. Aber jeden Tag brennen Autos, werden Bullen in Hinterhalte gelockt und von großen Gruppen angegriffen. Jetzt gibt es die Anweisung, die Ausgangssperre nicht mehr mit allen Mitteln durchzusetzen, da “man eine weitere Eskalation befürchte”. In Bogota gab es die ersten Corona Riots, mehrere Tausend Menschen rufen “Wir haben Hunger” , es kommt zu Plünderungen. In Palermo kommt es zum Einkauf zum Nulltarif, jetzt sind Bulleneinheiten vor den Supermärkten positioniert.

Nachdem große Teile der weltweiten Linken in den ersten Tagen der sich weltweit ausbreitenden Pandemie sich im Nachbeten der staatlichen Verhaltensregeln übte, #stayhome, tauchen immer mehr Texte auf, die eine dissidente Position beziehen, bezeichnenderweise aus Regionen, die weitaus mehr als die BRD von der Pandemie betroffen sind, wie Frankreich, oder Italien. Aufgabe jetzt wird es sein, Überlegungen zu entwickeln, wie es unter den Bedingungen des entstehenden Pandemie Faschismus möglich ist, die soziale Konfliktualität, die sich mit den Gilets Jaunes und dem Herbst der Aufstände von Beirut über Bagdad bis nach Chile erstreckte, weiter zu schüren. Dies wird nur in Abgrenzung zu jenen Linken möglich sein, die sich derzeit der Krisenlogik des Empires unterordnen, also im Kern systemrelevant sind.


Magic Pandemic

A police van in every park in Berlin. The crew watches every activity of those who dared to venture into the spring sun with suspicion. Three children playing football are a reason to intervene. It was years ago that we learned that from three upwards you are a terrorist organisation. So now the children, too. Totally arbitrary magnitudes are announced and enforced. We remember that only a few weeks ago, tens of thousands of people were gathering in soccer stadiums, when thousands had already died in China from the virus, which is now being used as a justification for every absurdity of the pandemic state of emergency. Three children are a danger, fifty people in an S-Bahn wagon on their way to work in socially senseless jobs is no problem.

In general, the magic of numbers, like pulled by magical hand, the reference figures change almost daily. First, all gatherings of more than 1000 people were banned, then all of them over 100, and of course this also affected all demonstrations. One could have saved oneself the trouble, German leftists, trained in powerlessness and subdued, already cancelled all gatherings, even those with the most harmless nature. And the small rest of it, those who, in deviation from this, did not want to surrender, received the new presence unit in the “Nordkiez” [2] in Berlin. But let’s get back to the magic of numbers. Let’s get back to all the magic that the political class conjures out of its hat every day for our entertainment. It is as if for years they have practiced and lived only for these moments of magic. (Spoiler: They did. For decades emergency exercises have been taking place with different scenarios).

Every day, new measures that were unthinkable yesterday are being considered, thrown into the ring, and then announced with gusto. Some cruelty takes your breath away, even hardcore BZ editors [3] need to swallow first. The SPD health senator announced offstage at the state press conference that all people over 70 should now be put in quarantine. As if they were all small, unintelligent children who would not understand that one should not touch a hot stove. But who asks these people, these people who are largely aware of the finiteness of their existence, whether they want to be locked up at all for “their own safety”. For an indefinite time. Because nobody knows how long the whole “affair” will last. It is a misery with this virus, one does not know so much about it and the path it will take, but still one has to announce every day what is necessary to fight it. So perhaps “all the old people” (I am sure that members of the political class would not fall under this quarantine) should be locked up for 6 or 12 months. Or maybe for two whole years, just to be on the safe side. But if I now know about the finiteness of my life and the limited time I will have left, then I should wait for my safety in my apartment in front of the TV for who is faster, ordinary death or the virus ?

The old people in my house, and there are plenty of them here, are already conspiring. They are standing together in the stairwell and whispering to each other and the other day two of them, who were standing there together apparently with all their innocence, told me quite boldly that they were lucky that there were no cops around, otherwise they would be suspects now and perhaps locked away immediately. The old people in my house are not stupid and they know exactly what they are doing. They’ve been fighting with the landlord, Deutsche Wohnen [4] , for years. And they meet regularly downstairs in the common room and write fire letters, and they also write urgent letters to the media and have good lawyers. Without any left-wing agitators.

That Auntie from the SPD should prepare herself for a rough ride. And at my place no one stands on the balcony in the evening and applaud like an idiot, because they are not that stupid here. Except one or two. He or she hammers ever evening on whatever like crazy. But this is the only one here, I swear. And in the immediate gossip vicinity, there are about 1000 people living in my concrete ghetto. I don’t know how he or she got here.

You’ll notice that this thing with the magic of numbers has already taken hold of the author. So, infected with that, let’s move on. Last year there were about 38 million people worldwide living with an HIV infection, 770.000 (!!) people died in one year from the consequences of Aids (plus the number of unreported cases). More than one third of all HIV infected people worldwide still do not have access to the necessary medication to survive.

At the end of 2018, around 87,900 people in Germany were living with HIV and 71,400 people were taking HIV medication. In this country, 88% of HIV infections are diagnosed, 93% of those diagnosed receive HIV medication, and 95% of them are no longer detectable. More than half of all new infections with HIV occur in East and South Africa.

More than three quarters of a million people die every year from a disease that can now not only be properly treated but also cured at an incredibly high rate. You can see for yourself, the magic of numbers, can’t you?

Emergency – a normal situation for a long time now

But let us leave the magic of the world of numbers and turn to the cruelties of war. For WE are at war. The enemy is practically invisible and comes, as almost always, from the East. That’s why the Bundeswehr [5] is now allowed to get involved. It’s also better for the troops. Always bumming around and watching how all the material bought for a lot of money falls apart and only represents the scrap value is not nice. From the beginning of April, 15,000 men and women (humans are now gendered at the national defense) are ready for the operation. They just have to be requested. The main focus is on “quarantine accommodation”, protection of space and objects, protection of critical infrastructures, support of security services,…

In Meppen they have already taken good care of it, the first (“medially known”, assumes there are more) camp for people who broke the corona quarantine has been set up in a sports hall. This could be guarded by the German Armed Forces. And if it should get out of hand with unintelligent inhabitants of the Empire, well, the soccer stadiums are empty at the moment.

In the German state of Baden Würtemberg (green PM), data records of people who are sick are now being handed over to the police. The legal basis for this is not yet clear, but who cares about such details. Our Greens in general, the ones with the nice “Save the bees election posters”. In Thuringia (“red-red-green” governs) there was not only the martial police operation of hundreds of cops in full body gear against a handful of “unintelligent refugees” in an internment camp, there they were the first to go ahead and had already requested the German Armed Forces weeks ago to guard the imprisoned refugees.

For homeless people, refugees, “illlegals”, Treber juveniles [6], … there are no financial compensation programs, no home office. No cheering from the balcony. Those who have not been able to meet ends with the money and have kept their heads above water by moonlighting or other tricks, can now see where he or she stays. The basic provision of psychosocial care for people with mental problems, illnesses or crises is collapsing at the moment. The old drinkers, who until now have only gotten through the day with the prospect of spending a few hours with like-minded people in the evening, are now isolated in the shack and the rope is already dangling from the ceiling. Every ninth child between the ages of 6 and 18 in this country is already mentally ill or suffering from psychosomatic complaints. Almost 10% of all people in this country already suffer from a diagnosed depression (with an unbelievably high number of unreported cases). Everyone can imagine what will happen in the coming weeks and months under the conditions of the state of emergency.

Subservience, fear and rebellion

A person who needs to be born artificially in order to survive and has to spend the first days of his life in an incubator will die if the nurses do not take him out of the incubator every few hours and caress him. In this picture the whole existence of humans is present. We are all preemies, all our lives. We are dependent on the social reflection of ourselves, on encounter, exchange, love, tangency.

“I’m driving, she’s in the back seat, the one opposite of my seat. Even if we sleep in the same bed, if they stop us now next to each other they might report us, someone says imprisonment. But we decided to avoid taking risks because we’re breaking the law today, we’re already breaking it. We’re out without a “good reason”.

While fear of being infected is rampant everywhere, panic, well stoked and fed, thinking and weighing up is covered in a fog, many are voluntarily isolated and call for more state, repression and control in total subordination, there is also a counter-movement that is slowly beginning to form up.

The first wave of this countermovement are the worldwide prison revolts, which now have spread to almost all continents. Simultaneous revolts in two dozen Italian prisons (with more than 20 dead prisoners), a wave of rebellion also in the prisons and internment camps for refugees in France, in Colombia the wings are burning, in Bogota alone more than 20 prisoners die in the process. Uprisings also in Argentina, on the African continent,…

In France, where the curfews are much stricter than here, there has been a countermovement in the poorer districts, the suburbs, from the very beginning. In the beginning, the cops tried to enforce the curfews with repression. In a Paris suburb, more than 1000 people were stopped and fined within a very short time, which is equal to 10% of the fines imposed nationwide, and many people were victims of racist police violence, arbitrarily stopped and maltreated. But every day cars burn, cops are ambushed and attacked by large groups. Now there is an order not to enforce the curfew by any means, because “one fears a further escalation”. The first Corona riots took place in Bogotá, several thousand people chanted “We are hungry” and there were lootings. In Palermo there was free shopping, now there are police units in front of the supermarkets.

After large parts of the worldwide left practiced repeating prayers of the state rules of conduct in the first days of the global spreading pandemic, #stayhome, more and more texts appear that take a dissident position, significantly from regions that are far more affected by the pandemic than Germany, such as France or Italy. The task now will be to develop reflections on how it is possible, under the conditions of the emerging pandemic fascism, to further fuel the social conflictuality that stretched from Beirut to Baghdad and Chile with the Gilets Jaunes and the autumn of the revolts. This will only be possible in demarcation to those leftists who are currently subdued to the crisis logic of the Empire, i.e. who are essentially system relevant.

Notes

[1] “Liewer düd aß Slaawe” means Better dead than a slave. It is a political slogan in Frisian that was first proven in the 19th century. It has since been used in numerous Frisian dialect variants and spelling versions, such as Leewer duad ü(ü)s slaaw or Lever duad as Slav, but also in Low German or Standard German. https://de.wikipedia.org/wiki/Liewer_d%C3%BCd_a%C3%9F_Slaawe

[2] The “Nordkiez” is the northern part of the the Friedrichshain  district in Berlin. Riot cops are now patrolling even more regularly in for example Rigaer street, and Liebig street.

[3] BZ, Berliner Zeitung, a tabloid from Berlin.

[4] Deutsche Wohnen is a German property company, and one of the 50 companies that compose the MDAX index

[5] The German army is called Bundeswehr.

[6] Treber juveniles (Treber is German) are young people who have run away from home and live on the streets.

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Viruses and Separation https://non.copyriot.com/viruses-and-separation/ Fri, 27 Mar 2020 13:41:30 +0000 https://non.copyriot.com/?p=12901

"Our enemy is separatism," President Macron recently declared. Hearing him define separatism as "the will to leave the Republic, to no longer respect its rules," to "leave the republican field" in the name of certain "beliefs," many of us thought that he was talking about himself and not about Muslims, according to the well-known mechanism of projection – a primitive psychological defense system that makes it possible to attribute to another what one seeks to deny in oneself. This is because La République en Marche clearly appears to be the party of those who have separated themselves from others: from the people, from refugees, from the reality of the climate, and who are more interested in the future privatization of the pension system than in the laws of the Republic. It should be added that putting demonstrators’ eyes out with Flash-Ball guns (LBDs), making highschoolers kneel with their hands on their heads in Mantes-la-Jolie, or arresting those who worry about their future and invade the headquarters of the multinational BlackRock, does not seem to be a matter of respect for the rules of the Republic, unless one understands it as being in the business of psychic and physical mutilation.

The fact remains that separatism from above, based on contempt and violence, is taking place today not only in France, but in all countries where governments believe more in their ability to enrich their own families or the oil industry than in any scenario consisting of curbing the climate crisis. But this separatism from on high, officially denied, must face a phenomenon that reveals its logic in broad daylight: the so-called coronavirus. The measures prescribed by the French, Italian, or Chinese governments require precisely that we separate: to not gather together, to not leave our homes, to not touch each other, and to wash our hands ferociously – the time will come when we will be asked to separate ourselves from our hands so as not to infect our faces, to not think too hard to avoid a hint of truth escaping, and to only use sterilized words. This is a form of separatism that is not denied but required, a separatism of survival and fear, a separatism from below, as it were, pushed downwards, imposing confinement.

Separatism of survival, really? But how then to explain the disproportion between the dangerousness of this virus – with its rather low mortality rate – and the global paranoia surrounding it? For those who still remember Baudrillard’s analysis, this is not surprising. It is globalization itself that is viral, and tends to transform any phenomenon – atmospheric, social, technological – into an agent replicating itself everywhere and at any speed, into a shameless Mr. Smith (like the program that replicates itself and transforms everything into Mr. Smith in The Matrix). And the coronavirus is globalization crowned (the Latin corōna meaning crown), spreading sovereignly, threatening less life – we must not exaggerate – than to obstruct globalization (dangerous by its viral form, more than by its viral background). A dull crown, sure, but unfortunately we continue to elect kings.

As globalization continues to impose itself even on nationalists, some governments are trying to seize the opportunity to sort out their internal affairs, using the coronavirus as an instrument for globalizing the "state of exception" in order to limit collective freedoms. It is true that at a time of climate collapse, the danger for states is as follows: to not reveal their separatism from above, their contempt for the people, and the elite’s attempts to protect themselves for as long as possible from the effects of environmental destruction. Such evidence would indeed risk generating a political separatism with revolutionary aims, and it is this separatism, neither from above nor from below but collective, terrestrial, and planetary in vocation, that could make governments afraid – because nobody really believes, except out of far-right obsession and Catholic anxiety, that so-called Muslim separatism could give rise to a seizure of power in France.

It is therefore necessary to reckon with three separatisms: one, officially denied, is that of the authorities, separatism from above. The second, approved and institutional, is that which the coronavirus epidemic makes possible, a separatism of "biopolitical" control as described above. These two separatisms have as their mortal enemy the one that must never happen, the separatism generated by the political virus of the Great Refusal. The coronavirus could certainly overflow the containment attempts imposed by governments, but let us not believe for a moment that thermo-industrial civilization could be affected by it. Only a political virality that does not consent to the world order, to its global panic or its local immunology, is able to contest the foundations of the Sixth Extinction. It is by separating ourselves from that which destroys us that we learn to ally ourselves – freed from the need to survive, in the name of the desire to live.

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Corona-Krise: Das ist erst Phase 2 https://non.copyriot.com/corona-krise-das-ist-erst-phase-2/ Thu, 26 Mar 2020 09:04:05 +0000 https://non.copyriot.com/?p=12899

...

Damit kommt es zum Crash. Das Leverage-Spiel dreht sich um:

  • Unternehmen mit hohen Schulden merken plötzlich, dass der Cashflow sinkt. Das wirkt sich überproportional auf die Gewinne aus und gefährdet die Fähigkeit, Schulden zu bedienen. Das Rating wackelt. Kein Wunder, dass Unternehmen mit hohen Schulden am stärksten gefallen sind.
  • Die Anleihengläubiger dieser Unternehmen werden nervös und wollen verkaufen. Dabei merken sie, dass die Liquidität im Markt nicht so ist, wie erwartet. Der Verkaufsdruck nimmt zu. Anleihenfonds fallen.
  • Die Börsianer erkennen, dass die Gewinnerwartungen – die ohnehin schon überzogen waren – nicht zu halten sind. Vor allem haben sie Angst, andere könnten vor ihnen verkaufen. Die Kurse beginnen zu sinken.
  • Alle, die auf Kredit gekauft haben, werden nervös. Denn sobald die Preissteigerungsrate des gekauften Gutes unter die Finanzierungskosten sinkt, sind wir in der Crash-Zone. Dies erklärt auch, warum es selbst bei Null- und Negativzins Crashs geben kann.
  • Die Verkaufswelle beginnt und verstärkt sich immer mehr. Margin Calls nehmen zu, es geht nur noch um Liquidität. Deshalb fällt am Ende alles, selbst Gold und zuweilen sogar Staatsanleihen. Es ist das De-Leveraging in Höchstgeschwindigkeit und es gilt das Bonmot: If you want to panic, panic first!

In dieser Phase befinden wir uns...

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Die Corona-Krise https://non.copyriot.com/die-corona-krise/ Wed, 25 Mar 2020 15:30:18 +0000 https://non.copyriot.com/?p=12894

Der Ausnahmezustand ist das neue Normal. Die derzeitigen gesellschaftlichen Einschränkungen bis hin zu vollständig außer Kraft gesetzten Grund-, Bürger- und Menschenrechten, in der Absicht einer (unbestritten notwendigen) Verlangsamung der Ausbreitung des Coronavirus überschlagen sich. Beinahe täglich werden weiter gehende Vorschläge diskutiert und per Allgemeinverfügung umgesetzt. Wir sind uns daher bewusst, dass unser heutiges Augenmerk (22.3.20) auf aktuell besonders weit greifende Maßnahmen in wenigen Wochen in ein neues Koordinatensystem von Akzeptanz bzw. Empörung einsortiert werden wird. Die Geschwindigkeit dieser Koordinatenneusetzung könnte ein geeignetes Maß für die Transition vom Antiterror- zum epidemischen Ausnahmezustand sein. Darin erfährt der "Gefährder" eine qualitative Neuinterpretation.

Gleich vorweg: Wir sehen keine verschwörerische Kraft, die den derzeitigen globalen Schock der Corona-Krise inszeniert, um etwa gesellschaftliche wie ökonomische Grundfeste global aufzubrechen und autoritär zu reorganisieren. Wir sehen hingegen massive Defizite eines profitabel zusammengesparten Gesundheitssystems. Pflegekräfte und Hersteller von medizinischer Schutzausrüstung warnten im Kontext der sich in China ausbreitenden Corona-Krise bereits im Januar: Es gebe in Deutschland zwar deutlich mehr Bettenkapazitäten, als beispielsweise in Italien oder Frankreich, aber viel zu wenig (ausgerüstetes) Personal, das die intensivmedizinische Pflege sicherstellen könne. Es folgte keine Reaktion seitens des Gesundheitsministeriums. Und wir sehen deutliche Anzeichen in der derzeitigen Corona-Pandemie für eine Etablierung neuer Programme der Verhaltenslenkung in krisenhaften Ausnahmezuständen – und befürchten deren Anwendung darüber hinaus.

In China entscheidet derzeit die Bezahl-App des Finanzdienstleisters "Ant Financial" (früher AliPay, eine Tochter von Alibaba) bei Polizeikontrollen und im Supermarkt, wer angesichts der Bedrohung durch das Corona-Virus im öffentlichen Raum unterwegs sein darf und wer nicht. Ein persönlicher QR-Code in grün auf dem eigenen Smartphone bedeutet freies Passieren und Bezahlen. Färbt sich der eigene QR-Code dieser App gelb oder rot, muss sich die betreffende Person umgehend bei den Behörden melden und sieben bzw. 14 Tage in häusliche Quarantäne. Die App des Zahlungsdienstleisters ermittelt die "soziale Corona-Virus-Last" in nicht nachvollziehbarer Weise per künstlicher Intelligenz aus den individuellen Positionsdaten der Vergangenheit, aus den persönlichen Kontakten sowie aus weiteren Aspekten des Sozialverhaltens. In China gibt es aufgrund der weit verbreiteten Social-Scoring-Systeme zur Steuerung erwünschten Sozialverhaltens im Normalzustands-Alltag eine weitgehende Gewöhnung an die Beschränkung sozialer Teilhabemöglichkeiten in Abhängigkeit von individuell erworbenen Sozialpunkten. Letztere werden berechnet via Smartphone-App auf der Basis eines nicht offengelegten und zudem veränderlichen Regelwerks einer künstlich intelligenten Assistenz- und Bewertungssoftware.

Auch der israelische Inlandsgeheimdienst Schin Bet nutzt seit Mitte März seine Handy-Überwachung im Rahmen des "Anti-Terror-Programms", um Infektionswege nachzuvollziehen und um die Einhaltung von Quarantäne-Auflagen zu überwachen. Auch Taiwan, Südkorea, Singapur und Hongkong nutzen das Mobilfunk-Tracking zur Positions- und Kontakt-Ermittlung.

"In Deutschland undenkbar" beschwichtigen Regierungsvertreter und das Robert-Koch-Institut, und begnügen sich öffentlichkeitswirksam mit der Übermittlung anonymisierter Datensätzen, die lediglich Bewegungsradien nicht zu spezifizierender Einzelpersonen vermessbar machen sollen. Nur eine Woche später am 21.3. will der Bundesgesundheitsminister Spahn jedoch per Eilverfahren folgenden Gesetzentwurf für eine Änderung des Infektionsschutzgesetzes durchsetzen: Per Anordnung durch das Bundesgesundheitsministerium sollen den zuständigen Gesundheitsbehörden bei einer "epidemischen Lage von nationaler Tragweite" wie im aktuellen Fall sämtliche Standortdaten der Mobilfunkanbieter (personalisiert!) zur Verfügung gestellt werden. Sie erhalten die Befugnis, Kontaktpersonen von Erkrankten anhand von Handy-Standortdaten zu ermitteln, ihre Bewegung zu verfolgen, sie im Verdachtsfall zu kontaktieren und über ihr persönliches Risiko zu "informieren". Eine "Gefährderansprache" auf gleicher Datenbasis wie jene, die in China und Israel für die vollständig individualisierte Bevölkerungssteuerung genutzt wird.

Diese umfassende und feinst-granulare Bevölkerungsvermessung eröffnet (zunächst) für den deklarierten Ausnahmezustand einen maßgeschneiderten Zugriff auf individuell zugestandene bzw. entziehbare Bevölkerungsrechte, der sich nicht mit den bisher bekannten Maßnahmen einer für alle geltenden Allgemeinverfügungen begnügt. Dies geschieht ohne jene Gruppe nachvollziehbar zu qualifizieren, für die diese Sondermaßnahmen gelten. Das ist eine konsequente Weiterentwicklung der Konstruktion des Gefährders. Nicht nur quantitativ, sondern qualitativ neu ist: alle sind gefährdet, alle können (per App) zum Gefährder deklariert werden. Die gesellschaftliche Verunsicherung angesichts der Corona-Krise begünstigt eine solch einschneidende Erosion der Persönlichkeitsrechte, die als Dammbruch für zahlreiche zukünftige Ausnahmezustände gewertet werden muss. Hier wird zudem das Narrativ einer „wünschenswerten, weil potenziell lebensrettenden Überwachung" etabliert.

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Vervielfältigung des Ausnahmezustands
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Giorgio Agamben (italienischer Philosoph) sah bereits im Februar die Möglichkeit, dass sich die Akzeptanz des bisherigen Antiterror-Potenzials für ein exzessives Regieren im Ausnahmezustand schneller erschöpfen könnte, während eine Epidemie hingegen einen ausgezeichneten Nährboden für eine ungleich ausuferndere Anwendung autoritärer Maßnahmen liefere. Der Imperativ der "sozialen Distanzierung" eröffnet ein viel reichhaltigeres Instrumentarium, das soziale Leben einer beliebig großen Gruppe von Gefährdern vollständig individualisiert bis hin zur Isolation im Sinne des Gemeinwohls zu dirigieren.

Strukturell ähnelt die derzeitige repressive Antwort auf das Corona-Virus in vielerlei Hinsicht der in Terrorhysterie ergriffenen staatlichen Maßnahmen wie z. B. in Reaktion auf die islamistischen Anschläge in Frankreich vom November 2015. Ein geschlossenes Zusammenstehen gegen eine äußere Bedrohung legitimierte die Beseitigung von Freiheitsrechten, die Beschwörung eines nationalen "Wir" und die Homogenisierung der öffentlichen Meinungsbildung. Nach Ausschöpfung der maximal möglichen Verlängerung des Ausnahmezustands von zwei Jahren, wurde die Notstandsgesetzgebung schlicht zum gesetzlichen Normalzustand erklärt. Die Gewöhnung an den Ausnahmezustand durch permanentes Aufrechterhalten einer Gefahrenlage, ermöglichte in Frankreich diesen Kunstgriff weitgehend ohne gesellschaftliches Aufbegehren.

Auch jetzt wird die Einheit der Nation gegen das Virus vielerorts beschworen. Präsident Macron treibt in Frankreich die Rhetorik besonders weit: "Wir sind im Krieg". In einer Ansprache vom 16.3. "zur Lage der Nation" verkündet er den Kriegszustand, um zu erklären, dass nun kein Weg mehr an einer Ausgangssperre für alle vorbeiführe. "Dieser Krieg muss alle französischen Bürger mobilisieren. In diesem Krieg trägt jeder Verantwortung". "Ich rufe alle politischen Parteien dazu auf, sich dieser nationalen Einheit anzuschließen."

Ein perfektes Klima für ein anderes Virus, nämlich das der Tabubrüche – auch in Deutschland. Sei es der Einsatz der Bundeswehr im Inneren oder bei weiter andauernder Eskalation die Anwendung von neu benannten "Notstandsgesetzen" über die Zwischenstationen des "Katastrophenfalls", des "Alarmzustands" und des "Ausnahmezustands". "Wir helfen bei der Gesundheitsversorgung und wenn nötig auch bei der Gewährleistung von Infrastruktur und Versorgung sowie der Aufrechterhaltung von Sicherheit und Ordnung", beschrieb Kramp-Karrenbauer am 19.3 den Einsatzbefehl für die Truppe. Martin Schelleis, nationaler territorialer Befehlshaber der Bundeswehr, richtet am 20.3. eine Videoansprache an alle Soldaten und Zivilisten der Truppe: Bisher sei im Militär vor allem „die Sanität gefordert“, außerdem die territoriale Führungsorganisation. Dabei werde es aber nicht bleiben.

Die derzeitige Bereitschaft zur Selbstunterwerfung unter eine Ausnahme-Ordnung ist um ein vielfaches größer, als das zögerliche Einstimmen in den Anti-Terror-Mainstream infolge meist regional bzw. national lokalisierbarer Anschläge.

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Entsolidarisierung
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Solidarität erfordert Mündigkeit und eigenverantwortliches Handeln statt autoritär verordnete (auch künstlich intelligente) Lenkung. Es ist nicht irgend eine Ausgangssperre, die uns schützt. Was uns schützt, ist unser Verhalten in Selbstverantwortung. Eine granulare Gesellschaft, die nicht mehr grob, sondern feinkörnig vermessen wird, und individuell (per App) entweder zur Corona-Gefahr erklärt wird oder sich frei bewegen darf, ist zweifellos Gift für gesellschaftliche Solidarität.

Entmündigende Bevormundung in Angst bewirkt das Gegenteil von Solidarität: Hamsterkäufe und Desinfektionsmittel-Diebstähle in Krankenhäusern sowie das nationalistische Abschotten von Krankenhaus-Kapazitäten nur für die eigene Bevölkerung, sind der Gipfel einer beispiellosen Entsolidarisierung. Jene autoritäre Fremdbestimmung bringt den pandemisch-panischen Hamster hervor, der bei fehlendem Toilettenpapier im Drogeriemarkt die Polizei ruft oder sich um eben dieses Toilettenpapier prügelt.

Über die gesellschaftlichen "Nebenwirkungen" von Ausgangsbeschränkungen, Versammlungsverboten, Grenzschließungen und der "Aussetzung des Rechts auf Asyl", der Militarisierung des Zivilschutzes und des öffentlichen Raums wird aktuell wenig debattiert. Es sind autoritäre Kurzschlüsse (auf Ministerialebene), die national ausgesperrte Erntehelfer durch Arbeitslose "per Dekret" ersetzen wollen. Herrschaftliche Verfügungen über Menschen zur Rettung des deutschen Spargels.

Ohne jeden Zynismus: Die coronisierte Gesellschaft wird viel länger an den Folgen des quasi widerspruchsfrei erprobten Ausnahmezustands und vor allem an seiner politisch gewollten Verstetigung knabbern, als an der ernstzunehmenden (weil mitunter tödlichen) Lungenkrankheit selbst. Die demokratie-zersetzende soziale Viruslast wiegt um einiges schwerer als die partielle, absolut begrüßenswerte Bereitschaft zur selbstorganisierten Nachbarschaftshilfe für besonders von der Lungenkrankheit Bedrohte. Der Pandemie-Rückfall in den durch den Rechtsdrift hervorragend vorgefurchten Acker des Nationalismus wird die Linke weit zurückwerfen. Denn jetzt hat sich in breiten Teilen der Gesellschaft ein Bild verfestigt, was "systemrelevant" und was erwiesenermaßen "verzichtbar" ist. Wenn eine schwedische Tageszeitung fordert "Wir brauchen jetzt keinen Debattierclub, sondern Führung", drückt sie jene Sehnsucht nach autoritären Figuren aus, die auch eine militarisierte öffentliche Ordnung "erfolgreich" durchsetzen.

Wenn in Zukunft z. B. in der Klimakrise nur noch der "Technokrat" in der Verallgemeinerung des "Virologen" um Rat gefragt werden wird, dann ist das (neben anderem) eine Konsequenz dessen, dass in der Corona-Krise nie nach dem Soziologen, dem Psychologen, dem Historiker, oder dem Bewegungsforscher gefragt wurde, als wesentliche Bereiche der Gesellschaft "außer Kraft" gesetzt wurden.

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Dissidenz
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Wir müssen die Beschränkung von Grundrechten in Frage stellen. Und wir müssen der Legende einer rein virologischen Bedrohung, die die Menschheit als homogenen Block gleichermaßen trifft widersprechen.
Das ist nötig und möglich, ohne die Corona-Krise zu bagatellisieren und der ignoranten Sorglosigkeit gegenüber dem Virus das Wort zu reden.

Wir müssen insbesondere der raumgreifenden Sozial-Technokratie widersprechen, die sich in Ausnahmezuständen wie der Corona-Krise Akzeptanz beschafft. Ganz gleich, ob sie dem chinesischen Shenzhen oder dem US-amerikanischen Silicon Valley entspringt. Wir müssen im Rahmen einer fundamentalen Technologiekritik die soziale Kybernetik – also die feinstgliedrige Abbildung und Vermessung unseres Lebens in Mess- und Steuerkreisen – zurückweisen. Sowohl den chinesischen Sozial-Punkte-Systemen, als auch Googles Vorstellungen einer permanenten digitalen Assistenz, liegen ein umfassendes persönlichen Journal zugrunde, bestehend aus „sämtlichen Handlungen, Entscheidungen, Vorlieben, Aufenthaltsorten und Beziehungen“. Dieses Journal ist die Datengrundlage für ein System, das künstlich intelligent auf jeden Einzelnen zugeschnittene „Handlungsempfehlungen ausspricht". Aus technokratischer Sicht sind Armut und sämtliche Krankheiten perspektivisch überwindbar – unter der freimütig vorgetragenen Bedingung: die Aufgabe eigenverantwortlichen Handelns. Nur dann ließe sich effektiv „potenzielles Fehlverhalten detektieren und korrigieren“. Selbstbewusst stellt Google in Aussicht: „Noch passen sich unsere digitalen Assistenten ihren Nutzern an. Dieses Verhältnis wird sich bald umkehren.“ Die diesen Ansichten zugrundeliegende, erschreckend totalitär anmutende Sicht auf eine vermeintlich bessere Welt, knüpft nahtlos an die Vorstellungen des Behaviorismus an. Dieser geht angesichts komplexer Lebensverhältnisse von einer notwendig fremdbestimmten Verhaltenssteuerung andernfalls nicht-rational handelnder Individuen aus – ein zutiefst paternalistisches und autoritäres Menschenbild.

Wir müssen der sozialen Atomisierung entgegenwirken, insbesondere auch der dissidenten Vereinzelung, die uns derzeit zum passiven Konsum von Regierungsnachrichten per Corona-Ticker verführt.

Wenn Versammlungen mit mehr als 1000, 200, 100, 50, 10, und nun 2 Teilnehmern verboten werden, weit bevor die regulären „Groß-Versammlungen“ bei der Arbeit und auf dem Weg dorthin (in Bussen und Bahnen) verboten werden, dann entlarvt dies zumindest den Vorrang der herrschenden ökonomischen Sorge gegenüber der menschlichen Fürsorge. Wir müssen uns weiter treffen – nicht nur über Bildschirme vermittelt, sondern in realer sozialer Zusammenkunft. Das lässt sich Corona-verträglich organisieren. Selbst wenn Mobilisierungen zu Großdemonstrationen derzeit entfallen, gibt es keinen Grund auf direkte Aktionen (auch koordiniert) zu verzichten. Für deren Koordination müssen wir uns nicht auf (heikle) digitale Kommunikationsformen zurückziehen. Wir können sehr wohl noch reisen und face-to-face Verabredungen treffen. Denn soziale Kämpfe lassen sich nur in den Augen derer virtualisieren, die sich in der eigenen Bedeutungslosigkeit eingerichtet und die soziale Revolte längst abgeschrieben haben.

// (Update 24.3.: Aufgrund zahlreicher Proteste musste Bundesgesundheitsminister Spahn das geplante Tracking über Handypositionsdaten per Gesetz vorerst zurückziehen. Derzeit werden hingegen die Positionsdaten aller Mobilfunkkunden von Telekom und Telefonica übermittelt. Die Kunden, die sich das nicht wollen, müssen aktiv widersprechen. Das Bundesinnenministerium ließ verlauten, dass aus Funkzellendaten eh keine echten Kontakte abzulesen seien - "GPS-Daten erscheinen dazu geeigneter". Das Robert-Koch-Institut arbeitet zusammen mit dem Heinrich-Hertz-Institut des Fraunhofer Instituts an einer App die es ermöglichen soll, "die Nähe und die Dauer des Kontakts zwischen Personen in den vergangenen zwei Wochen zu erfassen“.
All das klingt nicht nach einer finalen Absage an einen derartigen Datenwunsch. Wir müssen daher dafür streiten, dass weder personalisierte Positionsdaten noch Kommunikationsmetadaten dazu genutzt werden, „Kontakte“ zu rekonstruieren.) //

capulcu 24. März 2020

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DIE CORONA-LEHRE
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Quarantänehäuser sprießen,
Ärzte, Betten überall,
Forscher forschen, Gelder fließen –
Politik mit Überschall.
Also hat sie klargestellt:
Wenn sie will, dann kann die Welt.

Also will sie nicht beenden
Das Krepieren in den Kriegen,
Das Verrecken an den Stränden
Und dass Kinder schreiend liegen
In den Zelten, zitternd, nass.
Also will sie. Alles das.

Thomas Gsella

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Die Waffe der Kritik kann nicht die Kritik der Waffen ersetzen https://non.copyriot.com/die-waffe-der-kritik-kann-nicht-die-kritik-der-waffen-ersetzen/ Tue, 24 Mar 2020 18:40:49 +0000 https://non.copyriot.com/?p=12891

“das in dem milieu, in dem wir kämpfen - postfaschistischer staat, kosumentenkultur. metropolenchauvinismus, massenmanipulation durch die medien, psychologische kriegsführung, sozialdemokratie - dass gegen die repression, mit der wir es hier zu tun haben, empörung keine waffe ist. sie ist stumpf und hohl. wer wirklich empört, also betroffen und mobilisiert ist, schreit nicht, sondern überlegt sich, was man machen kann”

kassiber von ulrike meinhof, märz 1976

Warum schreibt der Mensch, wenn er sich ohnmächtig fühlt? Schreibt Briefe an ferne Freunde oder betrunken Liebesgedichte an verlorene Lieben, schreibt nächtelang Pamphlete gegen die allgegenwärtige Barbarei. Vielleicht weil die Ohnmacht der schlimmste aller schmerzhaften Zustände ist. Weil sich das Bewusstsein nicht damit abfinden kann, das es keine Handlungsoptionen gibt.

Einige Zeit, nachdem ich “Begrabt mein Herz am Heinrichplatz” veröffentlicht hatte, merkte ich, das etwas fehlte. Das da ein alter Schmerz, eine vertraute Melancholie in mir war, dass es noch etwas zu erzählen, zu erinnern gab.

Es war ein Bild, eine Erinnerung, die mich nicht losließ. Ein junger Mann auf den Gleisen eines Bahnhofes irgendwo in der ehemaligen DDR. Der Lockenkopf merkwürdig verrenkt auf den kahlen, nackten Schienen. Liquidiert von den Sondereinheiten des Bundesgrenzschutzes. Eine unendlich scheinende Fahrt ins hessische Wiesbaden, schweigend, wütend. traurig. Eine samstägliche Demonstration in einer völlig ausgestorbenen Innenstadt.

Es ist verrückt, dass man sich in manchen Stunden den Toten umso vieles näher fühlt als all den Lebenden um sich herum. Vielleicht weil sie etwas von einem selber mit sich genommen haben, weil es da ganz tief drin in einem eine Sehnsucht gibt, nicht nur Zuschauer oder Randfigur der Geschichte zu sein, sondern wieder mit ganzen Herzen selber, in aller Bescheidenheit und Demut, ein bisschen Geschichte schreiben zu können.

Wenn man mit den Menschen redet, also mit den Menschen, mit denen man sich nicht ständig aus Gewohnheit umgibt, sondern z.B. mit jenen, die man in einer beliebigen Kneipe bei einem Bier kennen lernt, wird man feststellen, dass es immer noch, nach all den Jahrzehnten, eine unglaubliche Faszination und liebevolle Bewunderung für jene gibt, die hier vor nun mittlerweile über 50 Jahren die revolutionäre Frage, die im Kern immer die Frage nach der Macht, also auch, wenn man ehrlich ist, die Frage nach der bewaffneten Macht, oder besser Gegenmacht, auf die Tagesordnung gesetzt haben.

Man wird auf soviel Neugier treffen und auf die stille Hoffnung, dass sich eines Tages wieder Menschen finden werden, die bereit sein werden, alles, auch ihr eigenes Leben, in die Waagschale zu werfen. Und wenn wir alle ganz ehrlich mit uns selber sind, werden wir etwas davon auch in uns selber wiederfinden.

Wie auch immer, vor einem knappen Jahr ist nun “Die schönste Jugend ist gefangen” erschienen. Der Versuch einer Annäherung, einer Hommage an die “Bewaffneten Freunde”, wie sie Raul Zelik in einem anderen Zusammenhang genannt hat. Vielleicht ist daraus mehr geworden, vielleicht auch weniger. Das mögen andere entscheiden. Nachdem mich einige Leute darum gebeten haben, dem besseren Verständnis wegen eine Sammlung von Quellen zu erstellen, bin ich dieser Bitte nachgekommen. Aus verschiedensten Gründen hat sich das ganze etwas in die Länge gezogen, aber nun ist die website zum Buch online gegangen.

Über 100 Texte, Erklärungen, Zeitungsartikeln, Büchern und Filme zur Geschichte des Bewaffneten Kampfes, der antiimperialistischen Front, aber auch zum Aufstand in Syrien und dem Elend in den palästinensischen Flüchtlingslagern. Den Kapiteln des Buches entsprechend und der Natur nach unvollständig, obwohl ich erstaunt war, wie viel doch den Weg in die digitale Welt gefunden hat. Ich möchte betonen, dass mir jegliches kommerzielles Interesse fern ist, wenn ich in der investierten Zeit Toiletten geputzt hätte, was ich eine sehr ehrenhafte und ehrliche Art finde, sein Geld zu verdienen, wäre ich heute wohl fast das, was man einen gemachten Mann nennt.

Die website zum Buch “Die schönste Jugend ist gefangen” findet Ihr unter bahoebooks.net/jugend

Eine Leseprobe des Buches unter https://non.copyriot.com/die-schoenste-jugend-ist-gefangen-leseprobe/

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Pandemie Kriegstagebücher No 4 https://non.copyriot.com/pandemie-kriegstagebuecher-no-4/ Tue, 24 Mar 2020 08:36:48 +0000 https://non.copyriot.com/?p=12884

Heute hat die Berliner Gesundheitssenatorin (SPD, nicht AfD) auf der Landespressekonferenz angeregt, alle Menschen ab 70 zwangsweise unter Quarantäne zu stellen. Alle Grenzen fallen, die Barbarei des Empire hüllt sich nicht mehr in einen Mantel, die nackte, rohe Grausamkeit wird unverhohlen zum Markte getragen. Man fragt sich, was als nächstes kommen wird. Eine staatliche Lotterie für die begrenzte Anzahl an Intensivbetten mit Beatmungsgeräten… Und keine Sorge, systemrelevante Gruppen werden natürlich jederzeit in einer Privatklinik Zuflucht finden.

Ende der Welt, Ende des Monats, derselbe Kampf”, so reagierten die Gilets Jaunes auf die jüngste Bewegung gegen die Verwüstung der Welt durch die Klimakatastrophe. Wem das Geld vorne und hinten nicht reicht, um sich und seine Liebsten durch den Monat zu bringen, für den ist der Zustand der Welt jetzt schon eine Katastrophe. Es war eine Einladung der Wütenden aus der Peripherie an die rebellische Freitagsjugend zu einer gemeinsamen Front. Ansatzweise gelang dies auch.

Nun also Lockdown und Quarantäne, in Angst geworfen und isoliert soll der Kotau vor der Herrschaft wieder allumfassend eingeübt werden. So stellt sich denn für jeden die Frage, ob er seine kärgliche Existenz in der Abteilung für Informationswiederbeschaffung fristen will, oder bereit ist, alles zu riskieren für das Abenteuer, dass früher das Leben hiess.

https://www.youtube.com/watch?v=VRfoIyx8KfU

Die Pandemie hat dem König das Haupt gerettet, ohne Zweifel. Ein letzter wilder Tanz der Gilets Jaunes, des black bloc am 14. März im Herzen von Paris, nun muss alles neu gedacht, neu konspiriert werden. Es bleibt die unverwüstliche Gegnerschaft, die nach neuen Wegen sucht. Eine rohe Übersetzung eines weiteren Traktats aus dem Herzen des aufständischen Frankreichs, ursprünglich am 23. März 2020 auf Cerveaux Non Disponibles veröffentlicht.

JOURNAL DE GUERRE, Cléone lettre 4

Wir werden nie vergessen, dass sie uns zu einem Zeitpunkt, als VIDOC-19 endemisch wurde, zunächst dazu einluden, " günstige Börsengeschäfte" zu machen, uns ein herablassendes Lächeln schenkend, in der Gewissheit ihrer " wissenschaftlich bewiesenen" Informationen über eine einfache Wintergrippe, über ihre Phantomvorräte von Millionen von hydro-alkoholischen Gelen und modernen FPP2-Masken, um dann im Radio über die "nationale Einheit" zu sprechen, und dann urplötzlich aber ja, aber ja, die Schule ist vorbei! zu rufen und von ihrem "Krieg gegen das Virus" zu quatschen, was sofort dazu führte, dass eine alte Frau auf dem Markt des Château Rouge mitsamt ihrem Einkaufswagen erschlagen wurde.

Die Briefschreiber der Bourgeoisie zog es zu ihrem bequemen und ländlichen Rückzugsort , an dem sie dem Gesang der Vögel in Gnadenfrist lauschten. Ihre Korrespondenz, die sie in ihren Zweitwohnsitzen in der Normandie, im Luberon oder anderswo verfassten, wurde einige Wochen nach Ausbruch des neuen Ausnahmezustands eingestellt.

Sind diese privilegierten Familien dezimiert worden? Werden sie rechtzeitig in Paris angekommen sein, um bei den ersten ernsthaften Symptomen versorgt zu werden? Die Krankenhäuser waren mit Sterbenden gesättigt, alte Menschen natürlich, aber auch jüngere Menschen in "guter Gesundheit", die, da sie an diesem schicksalhaften Sonntag (1) nicht in die Buttes Chaumont gegangen waren, sondern vor allem gehorsam ihre Bürgerpflicht erfüllt hatten. Wie bei den Wolken von Tschernobyl bis Lubrizol (2) hatte man uns glauben lassen, dass Covid-19 beim bloßen Anblick der Wahlurne und der Asphaltdecke verdampfte.

Das Virus kümmert sich nicht um Grenzen. Auf der anderen Seite ist der neoliberale Grenzkontrollpunkt seit langem ein schmutziges Geschäft mit Geschlecht, Rasse und Klasse.

Telearbeit war nie für die Elite gedacht, die dem Krankenwesen entfliehen wollte: ein Geschenk des Himmels zur "Flexibilität", eine höfliche Art, über die Kapitalisierung des Humankapitals, des Lebens, unserer Erschöpfung und Ausbeutung der Arbeitskraft bis in die Nischen des Hauses zu sprechen. Die Gefangenschaft ist nichts anderes als eine große Chance zur kontinuierlichen Selbstschulung, ein Zwang, neue Fähigkeiten (die "Soft Skills - Soft Kills") sich anzueignen - das Evangelium des Managements. Aber die Eingeschlossenen konnten nun ein wenig mehr erkennen, wie das Leben derer aussieht, die bereits unter Hausarrest stehen, im Gefängnis, im Rollstuhl, in der Sterbephase im Hospiz, im Lager, in einer Kolonie, in einer heruntergekommenen Siedlung, am Ende ihrer Rechte... Diejenigen, die schon seit langem einen Dreifach-Arbeitstag arbeiten, hatten es einfach etwas schwerer, 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche.

Natürlich haben die "kurzfristigen" Aufrufe zur Disziplin bei der Arbeit angesichts des Wertes des Lebens sofort eine ehrliche Auswahl getroffen. Eines Tages werden wir wieder über die Plackerei der Arbeit sprechen. Um das Überleben einer Minderheit zu sichern, war es notwendig, sie weiterhin zu ernähren und zu versorgen, ihre Häuser und Gebäude, ihre Autos und Straßen zu bauen, ihre Züge zu fahren, ihre Post oder ihre Amazon Bestellungen zuzustellen und ihren Müll einzusammeln.

Schließlich konnten wir vor unseren Thunfisch-Konserven aus den Tagen der Kurzarbeit oder des aufgezwungenen Lohnausfalls zumindest den romantischen Litaneien sowie den kulinarischen, kulturellen und animalischen Pornos entfliehen, in denen eine Kaste geschwelgt hatte. Die Oden an die Verlangsamung der Langeweile auf seinem Ecksofa, um Camus noch einmal zu lesen, die Klagen über die Zukunft der Erben und die pädagogische Kontinuität, die Yoga-Sitzungen mit den Kindern, die trotz des Luxus, sich in ihrem Zimmer durch die Austeilung ihrer Bio-Gemüsechips deprimieren zu lassen, halb verrückt wurden (sie hatten immerhin ein eigenes Zimmer) ... wurden schließlich durch Hustenanfälle, Erstickung, Panik, Trauer erstickt: die Obszönität der verschonten Leben und die brutale Demokratisierung der Exposition gegenüber dem Risiko des Todes.

Die Krankenhäuser der großen französischen Metropolen wurden verwüstet - eine Kriegsmedizin bietet tatsächlich nur Kriegsszenen: Betten vollgestopft in den Korridoren, entmenschlichte Körper, die um Hilfe rufen. Auf dem Boden verstreute gebrauchte Intubation Geräte und viel zu wenige Reanimationswagen, die als einzige Hintergrundmusik von einem Patienten zum anderen tanzen.

Das Pflegepersonal hatte keine Verwendung für Szenen der nationalen Kommunion, die die 20-Uhr-Nachrichten in den ersten Wochen ersetzten. In der vordersten Reihe befindet sich Kassandra mit unbedecktem Gesicht; erschöpfte Wut, an den Leib gebunden, wird zum Kollaborateur des Sensenmannes oder zum Henker, der den tödlichen Schlag austeilt, wenn es darum geht, zu entscheiden, wer von ihnen ausgestöpselt werden soll. Soll sie versuchen, den Kassierer, den Zusteller oder den Müllmann, den Vater, der im Baugewerbe arbeitete, die Kindergärtnerin... oder sogar den xten ihrer Kollegen zu retten, deren Lunge von dem Virus befallen war - Krankenschwester, Praktikantin, Krankenwagenfahrer, Putzfrau... Wer war für die Rettung des isolierten Minderjährigen in einer "illegalen" Situation verantwortlich, der Obdachlosen oder der Großmutter in der EPHAD (3) anstatt dem Bildungsminister, Martine Vassal oder jedem anderen Leben, das als schützenswerter erachtet wurde?

Unter den 250.000 Menschen die auf der Straße in Frankreich leben, spielen wir Ene, mene, meine, muh... (der nächste Tote bist vielleicht du).

In Frankreich gab es nur 7.000 Betten auf der Intensivstation mit Beatmungsgeräten (5.000 in Italien mit den Folgen, die man gesehen hatte): die mathematische Folge von mehr als dreißig Jahren Abrechnungsalgorithmen, die über die Anzahl "akzeptabler" Todesfälle spekulierten.

Willkommen im Nekro-Liberalismus

Im Herbst 2019 war eine Erhöhung des Budgets für Polizei und Armee um 525 Millionen Euro beschlossen worden, d.h. insgesamt 13,8 Milliarden Euro an Mitteln für diesen Budgetposten; all dies wurde von überall her entnommen: 3 Milliarden aus dem Gesundheitsbudget seit 2017 und insbesondere aus dem Budget der öffentlichen Krankenhäuser (Streichung von 22.000 Stellen, von mehr als 5.000 Betten und eine Anordnung zur 100%igen Belegung), um die Einrichtungen rentabel zu machen, während JETZT alle Signale auf Rot stehen, um den Zusammenbruch und die damit verbundenen gesundheitlichen Folgen zu verhindern.

Mitten in der Krise stieg jedoch die Beliebtheit eines selbsternannten Führers, der sich selbst die umfassendste Macht verleih, derselbe, der diese Feindseligkeiten eröffnete. Ist es der Virus, der Amnesie verursacht, oder die Angst, die die Liebe zum virilen Autoritarismus aufblühen lässt, wenn man sich selbst in seinen Reihen, seiner Sippe, seiner Familie, seinem Körper bedroht sieht?

19. März 2020: Die EZB gibt 750 Milliarden Euro frei, um die europäischen Banken zu retten, Staatsverschuldungen zu tilgen, die sie selbst aus dem Nichts geschaffen hat, und... die Kreditaufnahme der Haushalte wieder zu beleben; zumindest derjenigen, die in Zeiten des sozialen Krieges nicht den Preis der Kriegsmedizin bezahlt haben werden, die also noch am Leben sind.

Solidarität, gegenseitige Hilfe, freiwillige Arbeit von Kollektiven, Assoziationen... das ist es, was es uns ermöglicht hat, uns seit langem gegen einen Staat zu behaupten, der gegen uns Krieg führt und alles zerstört, was wir brauchen.

Das Leben wird durch Fäden zusammengehalten

Für uns wurden die Haftjournale schnell zu einer Chronik des Überlebens: der Verlust des Gebrauches von ein oder zwei Lungen, der Verlust der Augen, der Hände, ... Der Atem, der einem bereits durch das Bewußtsein genommen wurde, dass der eine oder andere nicht mehr herauskam, es dauerte nicht lange, um zu verstehen, dass dort, in dieser "außergewöhnlichen" Situation, Vorsicht auch immer Notwehr bedeutet. Und in dieser Angelegenheit waren wir einen Schritt voraus, nachdem wir so lange von Tränengas und den Kugeln der Republik getroffen worden waren.

Unsere Masken, Brillen und Erste-Hilfe-Kästen wurden in diesen Jahren der sozialen Verwüstung viel benutzt, aber wir wussten, wie man sie herstellt, und wir stellten sie immer wieder her. Wir rüsteten uns aus und hörten damit nicht auf: Wir begannen, uns Schritt für Schritt zu organisieren - während andere weiterhin in ihren Wohnzimmern über die Reform des Kapitalismus, den Übergang und das allgemeine Einkommen schwafelten und sich die Post-Casts des Trojanischen Krieges anhörten, die nicht auf France Culture gesendet werden. Wir unterstützten die Plünderungen und Selbsthilfe zwischen den Mittellosen, um Vorräte zu beschaffen, Schutz zu suchen, eure leeren Häuser zu besetzen, uns zu versorgen, Gemeinschaften und die sie verbindenden Knotenpunkte zu schaffen und wieder aufzubauen. Wir haben immer häufiger unsere gelben Westen als schwarze Fahnen an die Fenster gehängt, und wir haben auch samstags angefangen, uns aufzuregen: ja, dank der Krankenhausmitarbeiter, aber ihr Bastarde, nein... Mörder, wir sind hier, wir sind immer hier, wir werden immer hier sein.

Sound-Systems, Töpfe und Pfannen, Schreien, Toben, Buhen, Pfeifen: So wie wir Sie davon abgehalten haben, ihre Silvestergalas, ihre Possenreißer-Zeremonien, ihre Wahlkampf Treffen abzuhalten, ungestört ins Theater oder ins Restaurants zu gehen, werden wir Sie davon abhalten, uns sterben zu lassen. Egal wie: Lautsprecher, Megaphone, Videoprojektoren, um in den menschenleeren Straßen, aber mit Menschen auf dem Balkon, Nachrichten zu hinterlassen von ihren Reden, ihren Lügen, den Bildern Ihrer Exzesse. Wir hatten bereits unsere Slogans, unsere Kampflieder, unsere Gedanken, unsere Archive und unsere Vorstellungen, wir haben nun andere erfunden. Wir haben die Leinwände sehr sorgfältig ausgewählt, wir werden sie überall weben.

Hier und da werden wir zusammen sein, aufmerksam und aufeinander achten, wir werden unsere heimlichen Radios haben. Mit Gurten, Seilen, Rollen werden wir Fußgängerbrücken, Brücken bauen: dort oben werden andere Städte zwischen Gebäuden, zwischen Türmen, auf Dächern, in Dachböden entstehen. Gärten und Gemüsegärten werden auf den Terrassen, in unseren Innenhöfen, an unseren Fenstern, in den Hallen, zwischen den Rissen im Asphalt, inmitten von Brachland und Ruinen gepflanzt... Überall werden wir neue Gebiete besetzen, um sie zu Nachbarschaften, Ländern, Kontinenten zu machen, die es zu verteidigen gilt. Es wird ein ganzes Netz von Informationen geknüpft, Papierflugzeuge, die schneller als Ihre Spitzel in unseren Drähten und Botendiensten fliegen werden; auch ein System der solidarischen Verteilung, von einem Korb mit allerlei Proviant bis hin zu Waffen gegen Ihre Milizen: die Pläne Hongkongs in Copyleft in Ihren Händen, Schleudern und Bögen gegen Ihre Drohnen, das Know-how von Notre-Dame-des-Landes und Bure im Kopf. Und wer wird dann Ihre Supermärkte, Lagerhäuser und Silos schützen?

Noch nie war "zu Hause bleiben" ein solcher Aufruf zum Aufstand. Unsere Streiks bestehen nun darin, dass wir Sie nicht mehr brauchen: Wir haben aufgehört, Sie anzuschauen, Ihnen zuzuhören... es werden unsere 49,3 (4) sein, wir befinden uns im Krieg gegen den Tod, den Sie auf der Grundlage eines knappen Bonuses berechnet haben, der denjenigen gewährt wird, die am prekärsten gezwungen sind, die Maschine am Laufen zu halten; aber der Tod sind Sie. Wir werden diesmal nicht wieder an die Arbeit gehen, weder drinnen noch draußen. Wir werden diesen Sommer nicht zurückkommen, um uns zu bräunen, "nein, ich werde nicht zurückgehen, ich werde nicht da reingehen; ich werde keinen Fuß mehr in dieses Gefängnis setzen..." (5)

Wir werden nicht zurück an die Arbeit gehen: wenn wir wie ein Flächenbrand alles stoppen, von der Produktion, dem Konsum, der Zahlung von Miete, Darlehen, Rechnungen, ... ihren Schulden, bis hin zu ihren Dividenden, wer wird dann kommen und uns aufhalten können?

Die Gefangenschaft ist eine Maßnahme zur Disziplinierung, um ein wenig mehr Kontrolle über unser Überleben zu erlangen: Dort, wo wir uns ausruhen, wo wir uns neu konstituieren, das privilegierte Territorium der sexistischen und rassischen Arbeitsteilung (reproduzieren, ernähren, pflegen, erziehen, reinigen, konsumieren), des Patriarchats, da das Heim dafür geschaffen wurde; es ist also diese Raum-Zeit, die wir zurücknehmen, für alles nehmen und verteidigen müssen. Das Gebiet, von dem aus alles sabotiert werden kann. Revolutionäre Behausungen - nicht ein "Heim", sondern ein "Heim" - werden von den Mietstreikbewegungen in Barcelona, in Paris,... in den Mietergewerkschaften in Los Angeles, San Francisco, Melbourne, London... getragen.

Neu ist nicht die Pandemie, sondern die radikale Ablehnung.

Der Gesamtbetrag der Einzahlung pro Haus. Abstand zu halten bedeutet, vor dem tödlichen Nebel, in dem sie uns ersticken, sicher zu sein. Weit weg von Ihnen, soll es uns einander näher bringen. Sie sind im Todeskampf, wir sind am Leben. Für wen singen die Vögel, wenn sie im Frühling zurückkommen? Für uns.

Fussnoten

  1. Anspielung an die Kommunalwahlen, die trotz steigender Infektionsraten mit dem Corona Virus abgehalten wurden.
  2. Brand einer Chemiefabrik in Rouen, die zu einer Umweltkatastrophe führte, die anfänglich herunter gespielt wurde https://www.zeit.de/politik/ausland/2019-10/rouen-chemie-fabrik-lubrizol-brand-gift
  3. Pflegeheim
  4. Paragraf mit dem wichtige Gesetze am Parlament vorbei per Dekret beschlossen werden können. Dies geschah schon mit dem umkämpften loi travail 2016 so und sollte eigentlich auch mit dem Vorhaben zur “Rentenreform” geschehen
  5. Die Worte eines Arbeiters nachdem die Revolte im Mai 1968 gescheitert war und die Gewerkschaften dazu aufgerufen hatten, wieder zur Arbeit zu gehen. (Video)
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