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FLUCHTURSACHE NESTLÉ

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24 Apr , 2020  

Als ich vor 20 Jahren mit den Dreharbeiten zu meiner Filmdokumentation ´Cafe Rebeldia` über zapatistische Kaffeestrukturen und die Kaffeekrise in Mexico begann, war mir noch nicht klar, wie dieser weltgrößte Lebensmittelkonzern den Alltag in Mexico bestimmt. Angefangen vom Anbau bis hin zur Kaffeekultur und Kaffeekonsum sind sie marktbestimmend und setzten auch die politischen Eckpunkte mit konkreten Einflußnahmen bis in die höchsten Entscheidungsgremien der mexikanischen Regierung. Ich werde dies an ein paar Beispielen verdeutlichen.

Protest gegen Nestlé

Für ihren Nescafe importiert Nestlé seit Jahren billigen Robusta Roh-Kaffee aus Vietnam, Brasilien, Indonesien und Ecuador nach Mexico. Es regte sich ständig Protest von den mexikanischen Kaffeeproduzenten gegen diese Importe. Die Idee von Nestlé war nun folgende, nämlich den Robusta-Kaffee vor Ort anzubauen und es begannen vor 20 Jahren erste Anbauprojekte in der Gegend von Tezonapa im Bundesstaat Veracruz, welches folglich zum Epizentrum von Nestlés Kaffeeanbauplanungen wurde. Die Kaffeeproduzenten gerieten dadurch in noch größere Abhängigkeiten, weil sie nur noch einen Abnehmer haben, nämlich die Firma Nestlé mit dem vorgeschalteten großen Zwischenhändler AMSA (Agroindustrias Mexico S.A.), deren Kaffee-Verarbeitungsanlage, dem Beneficio und ihren Coyoten, den kleinen Zwischenhändlern.

Bienvenidos a Ixthuatlan de Café

Genau dies geschieht auch wieder zur derzeitigen Ernte von Januar-März in Ixthuatlan de Café in der Nähe von Huatusco bei Cordoba im Bundesstaat Veracruz. Dort befindet sich ein großes Beneficio von AMSA, die zum ECOM Kaffee Konzern gehören.

AMSA Beneficio

Sie arbeiten als Aufkäufer für Nestlé und bestimmen den Preis in der Gegend. Die mehr als 12.000 Kaffeebauern der Region können nur Kaffeekirschen abliefern. In anderen Landesteilen wird meist Café Pergamino gekauft, der schon kirschenlose, geschälte Kaffee, der noch eine Pergamin-Haut hat. Dieser wird mit ca. 25-30 Pesos/Kg (ca. 1 Euro) entlohnt. D.h. Café Cereza bringt ihnen von vornherein einen schlechten Preis: ca 4-5 Pesos das Kilo Kaffeekirschen (ca. 20 Eurocent), für Nespresso mit AAA Aufschlag ca 7,50 Pesos/kg.

Abgabestelle Café Cereza in Itxthuatlan

Das war Anfang März 2020, als ich vor Ort war – ein Hungerlohn im Vergleich zu den gigantischen Erlösen, die Nespresso für ihren Alukapsel-Espresso bekommt: ca. 70 Euro pro Kilogramm. Der Kaffeebauer Carlos Hernandez Maduro sagte es ganz deutlich: „Es ist nicht rentabel, der Preis ist ganz unten und es ist eine sehr geringe Ernte“. Dies infolge der Roya-Pilz-Pest, die zu Ernteausfällen von 80-90% geführt hat. Sie kommen nicht auf die Produktionskosten und es gab bereits Proteste und Straßenblockaden wegen der Preispolitik vor dem Beneficio, doch ohne Erfolg.

Proteste vor SADER

Das die Ernteerlöse nicht die Investitionen herein bringen und kaum zum Überleben reichen hat eine immense Migration zur Folge. Zum Beispiel in der Sierra Zongolica (Bergkette bei Cordoba) sind die Kaffeebauern direkt abhängig von dem Zwischenhändler Christian Garey aus Cordoba, der ihnen nur 6,5 Pesos/kg zahlt und auch an das AMSA Beneficio in Ixthuatlan verkauft. In mehreren Dörfern stehen dort täglich Busse, die die verarmte Bevölkerung nach Mexico City bringt, in der Hoffnung, dort einen besser bezahlten Job zu bekommen.

Bus für Migranten Sierra Zongolica

Der Lebensmittelkonzern Nestlé beherrscht in Mexico und speziell in Veracruz ganze Landstriche und ist der Hauptverursacher von einer immer stetig ansteigenden Migration. Sie haben neue, große Robusta-Kaffee-Anbau Projekte in der Küsten-Region von Veracruz vor, die die ganze Struktur vor Ort verändern wird und geben sich dabei innovativ und nachhaltig. Diese Ziele haben sie auch beim Sustainability Kongreß des Deutschen Kaffeeverbandes am 5. Juni 2019 im Vorfeld der letztjährigen Kaffeemesse World Of Coffee WOC in Berlin vorgestellt. Es um die Nespresso AAA Fairtrade Projekte in Kolumbien, die vom Projektleiter Karsten Ranitzsch in einer schönen, bilderreichen Powerpoint Präsentation dargereicht wurden.

Sustainability Congreß Nespresso Ranitzsch WOC Berlin

Bei meinen Nachfragen zur Preispolitik von Nestlé in Mexico und zum Nespresso Projekt in Veracruz reagierte Hr.Ranitzsch etwas ungehalten. Er sagte wortwörtlich: „Ich bin nicht von Nestlé sondern von Nespresso“! Erstauntes Raunen erfüllte den Saal und ich konnte mein Lächeln nicht verbergen. Ich fragte, warum dort so viele Proteste und Streiks seien? Worauf er antwortete: „Woher haben Sie das“? Ich dann : „Von der Kaffee-Kleinbauernorganisation CNOC“! Er antwortete etwas aufbrausend: „Ich kenne Ihre Artikel“ worauf ich dann sagte: „Na dann kennen Sie ja auch die Situation vor Ort und die Preise“ worauf er abbrach und ging. Das Kaffee-Fachpublikum war etwas erstaunt und das Panel war beendet. Diese Reaktion hatte mich nicht überrascht und ich nahm mir vor, diese Nestlé AAA Fairtrade Vorzeige Projekte in Kolumbien im Januar/Februar 2020 zu besuchen.

Coop Aguadas Colombia 1

Ich suchte mir eins der beiden Nespresso-Projekte aus, weil ich dort in der Nähe von Medellin auch andere Projekte besuchen wollte. Also fuhr ich von Bogota über Manizales nach Aguadas Caldas zur Cooperativa de Caficultores de Aguadas. Die Region Caldas ist eine der Haupt-Kaffeeanbauzonen Kolumbiens und man sah kaum noch die Auswirkungen der Roya Kaffee Pest(Kaffee-Rost). Die Federacion Nacional Cafetalero (FNC) hat dort hervorragende Arbeit geleistet und vielfach mit den Varietäten Colombia und Castillo die Cafetales (Kaffee-Anbauflächen) renoviert. Dank eines Kontaktes zur Uni Medellin traf ich Produzenten in der Nähe von Aguadas. Die Coop ist Fairtrade zertifiziert ID 831 und ist im Nestlé AAA Programm und fungiert als Großaufkäufer in der Region für Nestlé. Der Kaffeekooperativen-Preis von 850.000 Pesos COP (2,11 $ USD) pro Carga à 125 Kilo(wird vorgegeben von der FNC. Hinzu kommen Qualitätsdifferentiale, die aber sehr unterschiedlich ausfallen können. Der von Fairtrade lizensierte Zwischenhändler und Exporteur Expocafe kauft bei der Coop Aguadas zum Minimum Fairtrade Preis von 1,40 $ USD / Pfund + 20 US Cent Prämie/Pfund, d.h. pro Kg 2,80 + 40 cent = 3,20 $ USD /Kg. Expocafe verkauft wiederum an Nestlé/Nespresso ähnlich wie AMSA in Mexico.

Coop Aguadas Colombia 3

Allerdings zahlte die Coop Aguadas den Produzenten Ende Januar einen Nespresso Grundpreis pro Pfund von 7.320 COP / (1.05 $ USD) mit der AAA Zulage dann 7.840 COP ( 1,12 $ USD) einen sogenannten „Farmgate Price“, der Preis den letztendlich die Kaffeebauern bekommen. Dieser Farmgate Preis ist aber im Fairtrade FT Zertifizierungsprozeß nicht gelistet, sondern der Free on Board FOB-Preis(der Preis im Exporthafen) und da mußte ich doch mal bei Max Havelaar CH, dem Fairhandels Zertifizierer in der Schweiz nachfragen, was sie mit der Nestle Zentrale in Vevey/Schweiz ausgehandelt haben, denn einen fast 1/3 Abzug für die Kaffeebauern von ca. 50 US Cent ist entschieden zu hoch im fairen Handel.

Zwar hat die Kooperative eigene Kosten wie Löhne +Technik , aber das Problem ist die Trazabilidad, die Rückführbarkeit, das Preisfixing und die fehlenden Oualitätsdifferentiale bei der Coop Aguadas. Zwar kommen noch zusätzliche Prämien von Rainforest Alliance und Starbucks Best Practices von jeweils ca 1,05 $ USD hinzu, aber die haben erstmal nichts mit dem Minimum Preis von Fairtrade zu tun. Die Nachfrage bei Simon Aebi von Max Havellaar Schweiz ergab folgende Antwort: „Für Farmgate gibt es keinen Mindestpreis im FT-System“ und „Für Grosskooperativen gibt es übrigens keine Sonderkonditionen bez. Mindestpreis und Prämie“. Es obliegt also allein der Leitung der Coop Aguadas welchen Preis sie an ihre Mitglieder weiter geben. In dem Fall ohne Qualitätspotential was andere FT Coops wie zum Beispiel die Coop Red Ecol Sierra aus Santa Marta/Sierra Nevada ,die nach Deutschland zu El Puente und Café Libertad exportieren, gänzlich anders handhaben.

Qualitätsdifferential Coop Red Ecol Sierra

Dort wird ein dreifaches Qualitätsdifferential angewendet und die Bauern kommen ohne Abzüge damit immer über den FT Minimumpreis von 1.40 USD /Pfund+20 Cent Prämie! Ein Produzent von der Coop Aguadas formulierte es so: „Die Preise der Federacion seien sehr trist, wenn sie nur für den Preis verkaufen müßten“.

Trockenfläche Coop Aguadas

Meine folgliche Anfrage bei Nestlé/Nespresso in Frankfurt/M und Vevey wurde nicht direkt beantwortet, sondern mit Zeitverzögerung durch deren PR Agentur Weber Shandwick Frau Bordeloi. Sie bestätigte im Wesentlichen meine Recherchen und die Aussagen von FT Max Havelaar CH : „Der von Ihnen genannte Preis von 7.480 pesos/kg lässt sich so erklären, dass sich der Fairtrade Mindestpreis von USD 1.40/lb auf den free on board (FOB)-Preis bezieht. Von diesem Preis gehen in Lateinamerika durchschnittlich ca. 70 % (der genaue Anteil wird mit den jeweiligen Kooperativen festgelegt) an die Bauern, die restlichen 30 % werden in die Kooperative investiert für Aspekte wie Administration und Infrastruktur“. Bei Coop Aguadas sind es folglich ca. 63 % Abzug! Die Kooperativen Leitung von Red Ecol Sierra, mit der ich länger über die Problematik diskutierte, wollte diese „Farmgate Price“-Problematik auch beim nächsten kolumbianischen Fairtrade-Treffen diskutieren.

Kaffeetransport Coop Red Ecol Sierra

Doch das war noch alles vor Covid-19. Der Fairtrade Kongreß am 25.3.2020 in Berlin ist auch verschoben worden. Dort wollte ich entsprechende Fragen ins Podium einbringen. Bei Vorabanfragen an Transfair Deutschland wurde ich auf den Kongreß verwiesen bzw. an Max Havelaar Schweiz.

Beim Nespresso Projekt in Aguadas gibt einen AAA Aufschlag von 3 US-Cent, ebenso in Ixthuatlan 3 US-Cent. Die Erklärung der Nestle Agentur liest sich so: ´Ein wichtiger Aspekt ist die faire Bezahlung der Bauern. Als Mitglied im AAA-Programm bekommen die Bauern von Nespresso eine AAA-Prämie und für zusätzlich Fairtrade-zertifizierten Kaffee zahlt Nespresso zudem eine Prämie von USD 0.20/lb(Pfund) an die Kooperative, mit der Initiativen für die soziale Absicherung von Bauern wie z.B. das Pensionskassenprogramm AAA Farmer Future Program oder einen Klimaschutzversicherung unterstützt werden´. Die 3 US-Cent wurden konkret nicht benannt.

Kommen wir zurück nach Mexico, nach Veracruz, wo Nestlé ein großes Robusta Kaffee Anbauprojekt plant, nebst neuer Fabrik im Industriepark der Stadt Veracruz. Insgesamt eine Investition von 200 Millionen $ US Dollar nach ihren eigenen Angaben, davon allein 154 Millionen in die Fabrik. Der Deal wurde vom mexikanischen Präsidenten Andrés Manuel López Obrador, kurz AMLO, persönlich abgesegnet und unterzeichnet.

Fernando Celis CNOC

Ich erörterte dies mit dem Vorsitzenden der Kaffee-Kleinbauernorganisation CNOC, Fernando Celis in Mexico City. Er erläuterte die Zusammenhänge und die immense Ausdehnung des Robusta Projekt Vorhabens. Insgesamt sollen 150.000 Hektar neue Kaffeeanbaufläche entstehen, davon 80.000 in der Küstenebene nördlich von Veracruz Stadt. Diese sollen die bisherigen Robusta Kaffee Importe aus Vietnam, Brasilien, Indonesien und Ecuador ersetzen. Dabei wird es dem Nestlé Konzern auch leicht gemacht, denn einige ehemalige Manager sind inzwischen in Regierungsposten gewechselt wie z.B. Vicente Roma im Agrarministerium SADER, Eduard Cadenas im Agrar Ministerium Veracruz, Ernesto Faust ist jetzt Senator in Veracruz ,vorher bei AMSA. Da lassen sich auch leicht die Gelder des Fonds ´Sembrando Vida`(das Leben sähen) beantragen und durchschleusen für den Robusta-Kaffeeanbau, also ein Steuergeldgeschenk von AMLO, welches noch mehr arbeitslose Bauern und Landarbeiter provozieren wird, die nach Norden ziehen. Der umstrittene Fond sollte eigentlich für Wiederaufforstungsprogramme sein, um dem Klimawandel entgegen zu wirken. Doch es wird ähnlich argumentiert, wie beim Palmöl-Anbau, denn schließlich seien dies ja auch grüne Pflanzen und Arbeitsplätze! „Diese Politik der Großkonzern-Förderung erzeugt massenweise Migration und es wird leider kein Mittel dagegen geben“, meint Fernando Celis. Dabei gibt es auch sehr gute Robusta Qualitäten, wie z.B. bei der Coop Ismam in Chiapas, die sowohl Bio/Fairtrade Hochland-Arabica, als auch Bio/FT Robusta in tiefer gelegenen Gebieten anbauen und an Weltpartner und Gepa in Deutschland liefern. Der Durchschnitts-Robusta-Produktionpreis weltweit lag bei 50 $ US-Dollar für 100 Pfund Rohkaffee laut OIC Organisation International de Cafe. Äquivalent dazu werden in Mexico für ein Quintal (47 kg) nicht mehr als 900 Pesos/35 $ USD bezahlt. Nestlé will 50 Quintal pro Hektar erzeugen und das bei möglichst niedrigen Produktionskosten mit Erntemaschinen und wenig Human Capital. Das wird auch den Absatz der Arabica Produktion beeinflussen in Mexico, die generell Schattenbäume benötigt und hohen Einsatz von Arbeitskraft. Mit einem deutlichen Preisverfall wird zu rechnen sein, sagt Fernando Celis. Die Folgen sind leider jetzt schon allzu deutlich: massenweise Landflucht. Diese Konsequenzen waren auch Thema beim Specialty Coffee Meeting von SCA Specialty Coffee Association, SADER, Amecafe und anderen Kaffeeorganisationen in Mexico City am 20./21. Februar 2020. Dort ging es um die Folgen der Roya-Pest-Krise und um Erschließung neuer Märkte. Diverse Vertreter der Regierung und Kaffeeorganisationen munterten mit ihren Beiträgen das Fachpublikum auf. In Arbeitsgruppen wurde beraten und es gab eine Menge interessante Ideen um auch das Konsumverhalten zu mehr Qualität zu bewegen. Fairhandel und Direct Trade waren natürlich auch Thema und es wurden entsprechende Initiativen z.B. von Femcafe/Veracruz vorgestellt. Großkonzerne wie Nestlé oder große Händler wie AMSA, Rothfos/Neumann-Café California, Olam, Volcafé etc. waren nicht vertreten.

Bergregenwald Coop Red Ecol Sierra

Das Nestlé-Großprojekt war nur am Rande Thema, denn es ist seit Jahren virulent. Nur durch den aktuellen Corona-Shock könnte es möglicherweise doch noch gestoppt werden, denn der Absatz von Kaffee ging in den letzten zwei Wochen schon merklich zurück. Ob es den Absatz der Großkonzerne genauso betrifft wird man sehen. In den kleinen Röstereien hierzulande ist jetzt schon teilweise -70% bis -80% Umsatzrückgang wegen geschlossener Cafés und Restaurants. Das heißt es sind keine gute Aussichten zur Zeit und es böte sich an, eventuelle Mitnahme-Effekte, sprich Aufkäufe von großen Firmen durch die Monopol Behörden zu unterbinden. Hinsichtlich der eklatanten Gewaltsituation ist jetzt schon ein stark erhöhter Anstieg der Tötungsdelikte von Paramilitärs gegen Oppositionelle, Umweltschützer und Feministinnen in Kolumbien zu verzeichnen. Ein leider sehr heftiger Corona Effekt. Auch in Mexico ist das ebenso der Fall.

Jan Braunholz ist Journalist, Docfilmer und Coffeegrader sowie bei der NGO Flüchtlingshilfe Mittelamerika e.V.

Weitere Infos bei https://cafe-cortado.tem.li

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