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Fossiles Kapital (2)

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4 Okt , 2019  

Andreas Malm übersetzt die Marx`sche These von der steigenden organischen Zusammensetzung des Kapitals (die Rate zwischen toter und lebendiger Arbeit) in eine ansteigende fossile Zusammensetzung des Kapitals. Über eine längere Zeitperiode hinweg lässt sich die Tendenz das Kapitals, den Anteil menschlicher Arbeit gegenüber dem der Maschinen zu reduzieren, in das Gesetz der steigenden Konzentration von CO2 in der Atmosphäre übersetzen. Diese Dynamik wurde zuallererst während der Konsumtion von Kohle, die für den Textilhandel und -produktion notwendig war, vorgefunden. Wichtiger Teil der allgemeinen Bedingungen der Akkumulation von Kapital ist die primitive Akkumulation von fossilen Brennstoffen, das heißt, für das Kapital ist die Verbrennung von fossilen Brennstoffen abhängig von demjenigen Kapital, das auf die Produktion der fossilen Brennstoffe spezialisiert ist, und wenn das erstere Kapital mehr Kohle verbrennt, muss das letztere Kapital die fossilen Brennstoffe in größeren Quantitäten liefern, das heißt, dass die beiden Kreisläufe eng miteinander verflochten sind.

Die Tendenz des Kapitals seine Mobilität und Flexibilität zu erhöhen, endet paradoxerweise damit, immer mehr fixes Kapital in Produktionsmittel, Infrastrukturen und Transportmittel anzulegen, Strukturen, die keineswegs klimafreundlich sind. Wenn das Kapital neues fixes Kapital einsetzt, dann wollen sie es auch gebrauchen bis der Wert sein Wert völlig aufgebraucht wurde. Die Grundlage für den kontinuierlichen Verbrauch von fossilen Brennstoffen hat auch mit den geographischen Bedingungen des fixen Kapitals zu tun, was sich beispielsweise daran zeigt, dass 2/3 der amerikanischen Kraftwerke, die seit 1890 geschaffen wurden, immer noch im Gebrauch sind.

Der geeignete Ort für die räumliche Konzentration der kapitalistischen Eigentumsbeziehungen ist die Fabrik, die aber zugleich auf etwas anderes hinweist, nämlich darauf, dass jede Fabrik eine geeignete Infrastruktur benötigt, die nur die Stadt zur Verfügung stellen kann. Die Konzentration der Proletarier in der Stadt ist die Kehrseite der Entleerung der Bevölkerung auf dem Land. Sie ist zudem eine notwendige Bedingung für die Mehrwertproduktion. Und wenn es keine unbeschäftigten Arbeiter gibt, die an die Fabriktore klopfen, dann befindet sich die Arbeiterklasse in einer starken Verhandlungsposition. Das tote Gewicht der industriellen Reservearmee muss vorhanden sein, und zwar in Form eines großen, dichten Marktes für Arbeitskräfte, die ohne Eigentum, außer des Eigentums an der eigenen Arbeitskraft , an ein diszipliniertes Leben gewöhnt werden müssen, sodass Lohnarbeit der normale Modus ihres Arbeitslebens wird. Die Stadt ist der Platz für all diese Prozesse.

Während der ersten industriellen Revolution stand das Wasser im fundamentalen Gegensatz zu diesen notwendigen Bedingungen, insofern die natürlichen Eigenschaften wie Wetterbedingungen und Landschaft nicht die urbane Konzentration und Disziplinierung der Arbeit iin der Fabrik ermöglichte. Anstatt weiter den Bedingungen der Natur ausgesetzt zu sein, schuf das Kapital eine eigene Matrix mit Punkten und Arterien, die einen Kreislauf besaßen: den abstrakten Raum, der die Möglichkeit der Ansammlung an einem Punkt und die Möglichkeit zur Akkumulation von Kapital in sich barg. Aber selbst der abstrakte Raum beruht auf natürlichen Ressourcen und es waren und sind die fossilen Brennstoffe, die die Eigenschaften besitzen, die für diesen abstrakten Raum notwendig sind. Sie diffundieren nicht auf der Oberfläche einer Landschaft, sondern sind in Depots unter dem Boden konzentriert. Ihre konkrete Eigenschaft als Rohmaterial ist zugleich ihre Abstraktheit. Kohle war das optimale Rohmaterial für die räumliche Abstraktion, konnte fragmentiert Stück für Stück zirkulieren, verbrannt werden und somit die Kräfte der Akkumulation befeuern.

Analog bekommen wir es mit einer abstrakten Zeitlichkeit zu tun, mit dem Recht des Kapitalisten für eine bestimmte Zeitperiode die Arbeitskraft in der Produktion einzusetzen. In dieser Zeitperiode soll der Arbeiter für das Einzelkapital soviel wie möglich arbeiten, zumindest soviel wie die Arbeiter der Konkurrenten, um die Produktivität möglichst noch weiter zu steigern (der Output gemessen innerhalb einer fixen Zeiteinheit.) Abstrakte Zeit inhäriert die Zeit als unabhängige Variable bzw. als mathematische Einheit, als ein unkörperliches Ereignis, das nicht auf natürlichen Schwankungen oder wechselndem Wetter basiert. Sie gilt als das Maß einer Aktivität. Wenn die Arbeit schneller und intensiver ausgeführt wurde, so musste das auch mit dem »prime mover« (Dampfmaschine) geschehen und alle Poren der Unterbrechung der Produktion mussten eliminiert werden. Die höhere Arbeitsproduktivität beruhte daher auf der Dampfmaschine, und dies ging konform mit den Notwendigkeiten des Kapitals, ad hoc ein- und ausgeschaltet zu werden und bei Bedarf in der Geschwindigkeit erhöht zu werden. Solche Eigenschaften waren die Konsequenz der Essenz fossiler Brennstoffe, ihrer Entfernung von sichtbaren natürlichen Rhythmen, da sie im Boden lagen. Eingefroren in der Zeit, war die Kohle kongenial für die abstrakte Zeit der kapitalistischen Eigentumsbeziehungen unter Aufsicht in den Fabriken.

.Abstrakter Raum und abstrakte Zeit formen zusammen dass, was Malm eine distinktive Raumzeit des kapitalistischen Modus der Produktion nennt. Das Kapital zirkuliert nicht im Raum und durch die Zeit, als ob es zwei fixierte Axen gäbe, entlang derer es sich entwickelt, vielmehr produziert es seine eigene abstrakte Raumzeit. Die eine Dimension ist untrennbar von der anderen. Sie konstituieren eine singuläre Raumzeit. Das notwendige Substratum für diese Raumzeit sind die fossilen Brennstoffe. Sie repräsentieren die geologische Kompression der Zeit und des Raumes, ihre dichte Energie erlaubt es dem Kapital seine eigene Raumzeit zu produzieren, um . den Surplus der Natur zu extrahieren. Die Raumzeit begann mit dem Abbau der Kohle die Atmosphäre zu beeinflussen. Die Tiefe der Abhängigkeit von der Natur ist dann voll entwickelt, wenn CO2 durch die Verbrennung von fossilen Brennstoffen mit einer transformativen Kraft wie keine andere anthropogene Substanz ausgestattet war.

Malm folgt den Spuren des fossilen Kapitals bis in die Gegenwart hinein, untersucht dessen Dynamik der Relokalisierung und der Mobilität. Insesondere auch der VR China. Die industrielle Militanz Chinas in den letzten Jahrzehnten brachte nicht nur billige Arbeitskräfte hervor, sondern China war auch für 55% der globalen Emissionen an CO2 zwischen den Jahren 2000 und 2006 verantwortlich und bis zu einem Drittel danach. Und die Suche des chinesischen Kapitals nach billigen Arbeitskräften vor allem in Asien, was wie in Vietnam mit dem Bau neuer Kohleminen und kohlebetriebenen Kraftwerken verbunden ist, führt zu einem weiteren erhöhten C02 Ausstoß.

Es ist weitgehend bekannt, dass 10% der Menschheit für die Hälfte all derjenigen gegenwärtigen Emissionen an CO2 verantwortlich ist, die von der Konsumtion herrühren. Dias reichste 1% hat einen CO2 Abdruck, der 175 mal größer ist als der der ärmsten 10% der Weltbevölkerung. Die Emissionen des 1% der reichsten Einwohner in den USA, Saudi Arabien und Luxemburg sind zweitausend mal höher als die der ärmsten Einwohner von Honduras, Mozambique oder Ruanda. Der größte Luftverschmutzer in der Welt ist das amerikanische Militär. Wenn es ein Land wäre, würde es durch den Verbrauch von fossilen Energien auf Platz 47 der größten Emittenten von Treibhausgasen in der Welt schaffen.

Die meisten werden sagen, dass die Antwort auf diese Probleme die Besteuerung von schmutziger Energie oder ein völliges Verbot sowie die Subventionierung von sauberen Energien ist. Eine vernünftig angewandte CO2-Steuer könnte angeblich die Waage zugunsten der erneuerbaren Energien kippen, bis diese in der Lage sind, fossile Energieträger vollständig zu ersetzen. Neue fossile Quellen und Infrastrukturen könnten verboten werden, und die Einnahmen aus den Steuern können zur Finanzierung der Erforschung neuer Technologien, zur Effizienzsteigerung und zur Förderung der Verbraucher verwendet werden.

Aber bei jedem nur denkbaren Szenario dieses traurigen, erwärmten Planeten, scheitert auch der Green New Deal am Kapitalismus. Denn im Kapitalismus wird die Klasse von Eigentümern und Managern im Wettbewerb gezwungen, eine Reihe von Entscheidungen darüber zu treffen, wo und in was investiert werden soll, indem Preise, Löhne und andere grundlegende Determinanten der Wirtschaft festgelegt werden. Selbst wenn diese Eigentümer uns die untergehenden Städte und die Milliarden von Migranten von 2070 mit hohen Investitionen ersparen wollten, könnten sie es nicht. Sie würden am Markt scheitern und von anderen Kapitalisten in den Ruin getrieben werden. Ihnen sind die Hände gebunden, ihre Entscheidungen sind durch die Tatsache eingeschränkt, dass sie zumindest zum aktuellen Preis ihre Waren verkaufen müssen oder schlichtweg untergehen. Es ist die Klasse des Kapitals als Ganzes, die hier entscheidet, nicht ihre einzelnen Mitglieder. Der Drive zu unerbittlichem Wachstum und damit zu steigendem Energieverbrauch wird nicht gewählt, sondern er ist strukturell erzwungen. Wenn man das Öl besteuert, wird das Kapital es woanders verkaufen. Wenn die Nachfrage nach Rohstoffen sich erhöht, dann wird das Kapital die Preise für Rohstoffe in die Höhe treiben und die Materialien auf eine energieintensive Weise auf den Markt bringen. Wenn das Kapital Millionen von Quadratkilometern für Solarmodule, Windparks und Biokraftstoffpflanzen benötigt, wird das Kapital den Preis für Immobilien in die Höhe treiben. Wenn man Zölle auf notwendige Importe erhebt, wird das Kapital auf bessere Märkte ausweichen. Denken Sie an die weltgeschichtliche Ineffizienz des US-Militärs, des größten Ölverbrauchers des Planeten und, was nicht überraschend ist, auch des wichtigsten Ölpolizisten des Planeten. Das Pentagon ist ein buchhalterisches Schwarzes Loch, aus dem kein Licht hervorgeht.

Es gibt 1,5 Billionen Barrel nachgewiesener Ölreserven auf dem Planeten, mit einem Wert von etwa 50 Billionen Dollar, wenn man von sehr niedrigen durchschnittlichen Kosten pro Barrel von 35 Dollar ausgeht. Das ist ein Wert, den die Ölgesellschaften bereits in ihren mathematischen Berechnungen berücksichtigt haben. Wenn CO2 Steuern oder -verbote diese Zahl verzehnfachen, werden die fossilen Kapitalisten alles tun, um die Steuer zu vermeiden, zu untergraben und aufzuheben. Zum Vergleich: Es gibt etwa 300 Billionen Dollar an Gesamtvermögen auf dem Planeten, das meiste davon in den Händen der kapitalistischen Eigentümerklasse. Das globale Bruttoinlandsprodukt, der Wert aller in einem Jahr produzierten Waren und Dienstleistungen, liegt bei rund 80 Billionen Dollar. Wenn jemand vorschlägt, 50 Billionen Dollar, ein Sechstel des Reichtums auf dem Planeten, was zwei Dritteln des globalen BIP entspricht,zu eliminieren, sollte man erwarten, dass die Eigentümer dieses Reichtums diese Kraft mit allem bekämpfen, was sie haben. Während beispielsweise der New Deal nur zur Wiederherstellung des Wachstums diente, muss der Green New Deal Wachstum generieren und Emissionen reduzieren. Das Problem ist, dass Wachstum und Emissionen in fast allen Bereichen stark korreliert sind. Der Green New Deal droht also zu einer Art Sisyphusreform zu werden, indem er jeden Tag den Stein der Emissionsreduzierung den Hügel hinaufrollt, nur um von einer wachsenden, energiehungrigen Wirtschaft jede Nacht wieder auf den Boden der Tatsachen gebracht zu werden.

Ein anderer Forderungskatalog könnte das Fossile Kapital entscheidend schwächen:

  1. Die Durchsetzung eines Moratoriums für alle neuen Einrichtungen, die Kohle, Erdgas oder Öl extrahieren.
  2. Die Schließung aller Kraftwerke, die auf der Basis von fossilen Brennstoffe produzieren.
  3. Die Erzeugung dder Elektrizität durch nicht-fossile Quellen, vor allem Wind- und Solarenergie.
  4. Die Einschränkung des Flug-, See- und Straßenverkehrs. Der Umbau des Straßen- und Seeverkehrs auf Elektrizität und Wind. Die faire Verteilung des bleibenden Luftverkehrs, solange bis er durch andere Verkehrsformen ersetzt werden kann.
  5. Der Ausbau von öffentlichen Transitsystemen auf allen Ebenen, von den U-Bahnen bis hin zu den interkontinentalen High-Speed Zügen.
  6. Die Einschränkung des Transports von Nahrungsmitteln durch Schiffe und Flugzeuge und die Förderung des regionalen Anbaus.
  7. Die Beendigung des Abbrennens von tropischen Wäldern und die Initiierung eines umfangreichen Programms zur Wiederaufforstung.
  8. Die Renovierung alter Gebäude mit Wärmedämmung und die Ausstattung aller neuen Gebäude mit Materialien,die den Kohlenstoffaustoß auf Null reduzieren.
  9. Die Einschränkung der Fleischindustrie und die Ersetzung des menschlichen Protein Verbrauchs durch pflanzliche Quellen.
  10. Der Einsatz öffentlicher Investitionen für die Entwicklung und Diffusion der nachhaltigsten und effizientesten Technologien für den Verbrauch erneuerbarer Energien als auch für die Beseitigung von CO2.
  11. erster Teil here Foto: Stefan Paulus
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