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Frankreich am Abgrund: “Entweder stürzen wir das System oder das System wird uns vernichten”

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5 Dez , 2018  

Im Gegensatz zu allem, was wir gehört haben, ist das Mysterium nicht, dass wir uns erheben, sondern dass wir es vorher nicht getan haben. Die Anomalie liegt nicht in dem, was wir jetzt tun, sondern in dem, was wir bisher ertragen haben. Wer kann leugnen, dass das System in allen Bereichen gescheitert ist? Wer will noch immer geschröpft, ausgeraubt oder in das Nichts der Prekarität verdammt vor sich hin leben? Wer will ernsthaft wgen der Tatsache Tränen vergießen, dass nun die Armen die schicken Viertel von Paris plündern oder dass die Bourgeoisie zusehen muss, wie ihre glänzenden neuen SUVs in Flammen aufgehen? Was Macron betrifft, so sollte er aufhören, sich zu beschweren, da er es doch war, der uns vorschlug, ihn aufsuchen, wenn es Probleme gäbe. Ein Staat kann nicht behaupten, seine Legitimität aus der Leiche einer “glorreichen Revolution” zu ziehen, nur um dann über den Vandalismus zu stöhnen, wenn eine Revolution anfängt…

Die Situation ist einfach: Die Menschen wollen den Sturz des Systems. Das System beabsichtigt, weiterzumachen. Damit wird die jetzige Situation als aufständisch definiert, was jetzt selbst die Polizei bestätigt. Die Menschen sind viele, sie haben Mut, Freude, Intelligenz und die notwendige Unbedarftheit, die eine solche Situation erfordert. Der Staat hat die Armee, die Bullen, die Medien, die List und die Angst der Bourgeoisie. Seit dem 17. November benutzen die Menschen zwei komplementäre Hebel: Die Blockade der Wirtschaft und den Angriff, der jeden Samstag gegen das Verwaltungszentrum von Paris durchgeführt wird. Diese Hebel ergänzen sich, weil die Wirtschaft die Realität des Systems, während die Regierung die symbolische Repräsentanz darstellt. Um dieses System wirklich zu Fall zu bringen, müssen beide Elemente angegriffen werden. Dies gilt für Paris wie für den Rest des Landes: Eine lokale Präfektur anzünden und auf das Zentrum der Macht marschieren sind im Prinzip die gleiche Geste.

Seit dem 17. November werden die Menschen jeden Samstag in Paris von demselben Ziel geradezu magisch angetrieben: Einem Marsch auf innersten ‘Heiligtümer’ der Regierung. Von Samstag zu Samstag besteht der Unterschied zum vorhergehenden Samstag darin, das einerseits die Kräfte der Polizei, die zur Verhinderung des Marsches eingesetzt werden, enorm aufgestockt werden und zum anderen die Aufständischem versuchen, mit der Umsetzung der Erfahrungen aus dem Scheitern des vergangenen Samstags an Ziel des Marsches zu gelangen. Wenn es an diesem Samstag viel mehr Leute mit Gasbrillen und Gasmasken gab, dann lag das nicht daran, dass “Gruppen von organisierten Schlägern” die Demo “infiltriert” hätten, sondern einfach daran, dass die Leute in der vergangenen Woche so massiv mit Tränengas angegriffen worden waren, dass sie daraus die Schlussfolgerungen gezogen hatten, die jeder mit Verstand daraus gezogen hätte: Beim nächste Mal besser ausgerüstet zu sein. Es geht jedenfalls schon lange nicht mehr um eine Demonstration, sondern um einen aufständischen Prozess.

Wenn Zehntausende von Menschen in die Pariser Region Tuileries-Saint Lazare-Étoile-Trocadéro einfielen, dann nicht wegen einer von bestimmten Gruppen beschlossenen Strategie der Einschüchterung, sondern wegen der kollektiven taktischen Intelligenz der Menschen angesichts des Polizeieinsatzes, der sie am Erreichen ihres Ziels hinderte. Die “Ultra-Linken”, die für diesen versuchten Aufstand verantwortlich gemacht werden, täuscht niemanden: Wenn die “Ultra-Linken ” in der Lage gewesen wären, Baumaschinen aufzutreiben, um die Polizeilinien zu durchbrechen oder Autobahnmautstellen zu zerstören, wüssten wir davon. Wenn sie so zahlreich, so sympathisch, so mutig gewesen wären, hätten wir davon gehört. Mit ihrem im Wesentlichen identitätsfixierten Politikverständnis wird diese “Ultra-Linke” durch die Diffusität der Bewegung der Gilets Jaunes zutiefst in Verlegenheit gebracht. Die Wahrheit ist, dass sie nicht weiß, wie sie sich verhalten soll, dass sie eine kleinbürgerliche Angst in sich trägt, sich selbst zu kompromittieren, indem sie sich mit Leuten einlässt, die sich ihrer Kategorisierung entziehen.

Und was die “Ultrarechten” betrifft, so werden sie zwischen ihren vermeintlichen Mitteln und Zielen aufgerieben. Sie fördern die Unordnung, während sie gleichzeitig behaupten, die Ordnung aufrecht erhalten zu wollen. Sie werfen Steine auf die französischen Bullen, während sie gleichzeitig ihre Liebe zur Polizei und zur Nation bekunden. Sie möchten das Haupt des republikanischen Monarchen aus Liebe zu einem nicht existierenden König fällen. In all diesen Fragen werden wir den Innenminister seinem lächerlichen Geschwätz überlassen. Es sind nicht die Radikalen, die die Bewegung gestalten, es ist die Bewegung, die die Menschen radikalisiert. Wer könnte ersthaft glauben, dass sie darüber nachdenken, den Ausnahmezustand gegen eine Handvoll Hooligans zu verhängen?

Diejenigen, die nur halbherzig Aufstände machen, graben damit nur ihre eigenen Gräber. An dem Punkt, an dem wir uns heute befinden, stürzen wir angesichts des Levels an Repression entweder das System oder es wird uns zermalmen. Es wäre ein schwerwiegender Irrtum, die Bereitschaft dieser Regierung zur Radikalisierung zu unterschätzen. Jeder, der sich in den nächsten Tagen als Vermittler zwischen den Leuten und Regierung präsentiert, wird in Stücke gerissen werden: Niemand will mehr vertreten sein, wir sind alle reif genug, um für uns selbst zu sprechen, um zu bemerken, wer lediglich versucht, uns zu beschwichtigen, um sich selbst zu erholen. Und selbst wenn die Regierung von ihren Vorhaben abweicht, wird dies nur beweisen, dass wir das, was wir getan han, richtig gemacht haben und dass unsere Methoden die Richtigen waren und sind.

Die nächste Woche wird daher entscheidend sein: Entweder schaffen es noch mehr von uns, die Wirtschaftsmaschine zu stoppen, indem wir Häfen, Raffinerien, Bahnhöfe, Verteilungszentren usw. blockieren, indem wir wirklich die inneren ‘Heiligtümer’ der Regierung und auch ihre Regionalbüros am nächsten Samstag übernehmen, oder wir sind verloren. Am kommenden Samstag haben die möglichen Teilnehmer der geplanten Klimamärsche, die von dem Grundsatz ausgehen, dass diejenigen, die uns in diese Katastrophe geführt haben, uns nicht aus ihr wieder rausholen können, keinen Grund, nicht auf die Straße zu gehen. Wir sind eine Haaresbreite vom Zusammenbruch der Regierungsmaschinerie entfernt. Entweder gelingt es uns in den kommenden Monaten, den notwendigen Kurswechsel herbeizuführen, oder die kommende Apokalypse wird umso schwerwiegender treffen, in einer Intensität, die in den sozialen Medien bisher nur vage angedeutet wurde.

Die Frage ist daher: Was bedeutet es eigentlich, das System zu stürzen? Es ist klar, dass dies nicht die Wahl neuer Abgeordneter bedeuten kann, da das Scheitern des derzeitigen Regimes auch das Scheitern des repräsentativen Systems ist. Das System zu stürzen bedeutet, nach und nach auf allen lokalen Ebenen den materiellen und immateriellen Ausdruck dessen, was wir Leben nennen, in die eigenen Hände zu nehmen, denn die gegenwärtige Organisation unseres Lebens ist die eigentliche Katastrophe.

Wir dürfen keine Angst vor dem Unbekannten haben. Noch niemals haben Millionen von Menschen einfach zugeschaut, wie andere verhungert sind. So wie wir alle in der Lage sind, uns horizontal zu organisieren, um Straßen zu blockieren, sind wir auch in der Lage, uns für eine vernünftigere Lebensweise zu organisieren. So wie der Aufstand lokal organisiert ist, werden auch lokal die Lösungen gefunden werden. Die „nationale“ Ebene ist nur das Echo der lokaler Initiativen.

Wir haben es satt, jeden Cent zählen zu müssen. Die Regeln der Wirtschaft sind die Regel des Elends, weil sie die Regeln der Kalkulation sind. Was an den Straßensperren, auf den Straßen und in allem, was wir in den letzten drei Wochen getan haben, so schön ist, ist die Art und Weise, wie wir es getan haben. Und das wir bereits gewonnen haben, da wir nicht mehr zählen, weil wir aufeinander zählen. Wenn die Sache um die es geht, die der lokalen Lösung ist, wird die Frage des rechtlichen Besitzes der Infrastruktur des Lebens lediglich zu einem Detail. Der Unterschied zwischen den Leuten und denen, die sie regieren, ist, dass die Leute keine Wichser sind.

Anmerkungen: Dies ist eine sinngemäße Übersetzung eines Artikels der nach den letzten Aktionen und Unruhen in Frankreich am 3. Dezember auf Lundi Matin (1) erschien. Die Übersetzung erfolgte aus der englischen Übersetzung, die auf Winter OAK (2) veröffentlicht wurde.

Sebastian Lotzer, 4. Dezember 2018

(1) https://lundi.am/Prochaine-station-destitution

(2) https://winteroak.org.uk/2018/12/03/france-on-the-brink-either-we-topple-the-system-or-it-will-crush-us/

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