GameStop und Investorenaktivismus: Die wahre Geschichte ist die Sackgasse des Kapitalismus

Ursprünglich veröffentlicht von Libcom. Übersetzt von Riot Turtle.

„Das hier ist für dich, Papa.
Ich erinnere mich daran, wie der Zusammenbruch der Immobilienmarkt einen Torpedo durch meine Familie schickte. Die Betonfirma meines Vaters brach fast über Nacht zusammen. Mein Vater verlor sein Zuhause. Mein Onkel verlor sein Zuhause. Ich weiß noch, wie mein Bruder meinem Vater half, das Kleingeld auf unserem Küchentisch zu zählen. Das war das einzige Geld, das er noch hatte. Während dies in meinem Zuhause geschah, sah ich, wie Hedge-Fonds Manager buchstäblich Champagner tranken, während sie auf die Occupy-Wall-Street-Demonstranten herabblickten. Das werde ich nie vergessen.
Mein Vater erholte sich nie von diesem Schlag. Er fiel immer tiefer in den Alkoholismus und existiert jetzt als eine Hülse seines früheren Selbst, die auf den Tod wartet.
Das ist das ganze Geld, das ich habe, und ich würde lieber alles verlieren, als ihnen zu geben, was sie brauchen, um mich zu zerstören. Mir das Geld zu nehmen, wird mich nicht verletzen, weil ich es überhaupt nicht wertschätze. Ich werde alles niederbrennen, nur um auf sie zu spucken.
Das hier ist für dich, Papa.“

reddit.com

Nur eine Geschichte aus dem „Wall Street Bets“-Forum von Reddit, das kürzlich ins mediale Rampenlicht katapultiert wurde, weil es Millionen seiner Follower:innen dazu verleitete, in ein sterbendes Unternehmen, GameStop, zu investieren, das von großen Hedgefonds-Akteur:innen stark leerverkauft wurde, was bedeutete, dass sie profitierten, als der Aktienkurs des Unternehmens fiel. Durch das Hochschnellen des Aktienkurses haben jedoch Millionen von Anleger:innen den Hedge-Fonds, die an dieser und anderen derartigen Operationen beteiligt waren, einen schweren Schlag in Höhe von Milliarden von Dollar zugefügt, z. B. bei American Air Lines, Nokia und Blackberry-Aktien, sodass diese gezwungen waren, Positionen in anderen Aktien zu veräußern, um die Verluste zu decken, was sich negativ auf den gesamten Markt auswirkte, der zum Zeitpunkt der Erstellung dieses Artikels einen Abschwung erlebt.

Zweifellos hat diese Geschichte die Phantasie von vielen weiteren Millionen Menschen angeregt und ist zu einem Thema in den Mainstream-Medien geworden, die sich in unterschiedlichem Maße auf die zugrundeliegende Bedeutung dieser „Short Squeezes“ konzentriert haben. Nicht wenige haben sich auf die aufgestaute Frustration, ja sogar Wut, vieler Betroffener konzentriert, die ihre Verbitterung über die Situation, in der sie sich befanden, zum Ausdruck brachten, oft gut ausgebildet und mit viel Zeit (natürlich verschärft durch die aktuelle Erwerbslosigkeit), um in die undurchsichtige Welt der Börsentransaktionen einzutauchen, die in jüngster Zeit durch die Internettechnologie mit beliebten Investment-Apps wie Robinhood, Etoro und vielen anderen erschlossen wurde, die jedem, der ein paar hundert Dollar zur Verfügung hat, den sofortigen Kauf von Aktien und anderen Finanzanlagen ermöglichen. Die großen Hedge-Fonds sind eine Zielscheibe dieses Zorns, aber auch der einfache Wunsch, leichtes Geld zu verdienen, spielt möglicherweise eine dominierende Rolle, ungeachtet all der Rhetorik von David gegen Goliath, der Außenseiterarmee, die es mit den Wölfen der Wall Street auf ihre eigene Terrain aufnimmt und einen kräftigen Schlag versetzt. Weit davon entfernt, ein reines nobles Opfer zu sein, um eine Botschaft an die Elite zu senden, gibt es Beweise, dass Milliardär:innen bei der „get rich quick“-Aktion mitmachen.

Infolge dieses plötzlichen Tumults sind mehrere rechtliche Fragen aufgetaucht. Die oben erwähnten beliebten Investment-Apps wurden heftig dafür kritisiert, dass sie den Handel mit den anvisierten Aktien eingestellt haben, und große politische Akteur:innen haben sich zu diesem Aspekt geäußert. Aber gibt es jenseits des unmittelbaren Medienspektakels, das jeder frei erforschen kann, etwas für Marxist:innen hinzuzufügen?

Die Geschichte hat die Aufmerksamkeit eines Massenpublikums auf wichtige Themen gelenkt. Sie beleuchtet die Notlage vieler, die seit Generationen nichts anderes kennen als einen scheinbar ewigen wirtschaftlichen Abschwung, dessen Beginn wir ungefähr in den frühen Siebzigern mit dem Ende des Nachkriegsbooms ausmachen können. Seitdem hat die herrschende Klasse das System globalisiert, finanziert und allgemein gestützt, um die Profitabilität auf Kosten der Arbeiter:innenklasse aufrechtzuerhalten. In den alten „kapitalistischen Kernländern“ – zusammen immer noch die reichsten Länder der Welt – ist prekäre Beschäftigung der Normalzustand, und eine beträchtliche Anzahl von Menschen kennt kaum etwas anderes als den Alptraum von Erwerbslosigkeit und Armut und dessen unauslöschliche Narben. Trotz der Erosion der Bedingungen für die Arbeiter:innenklasse und der Beseitigung von Beschränkungen für das Kapital, die das Wesen der Globalisierung ausmacht, haben die Kapitalerträge in der realen Welt der Produktion nie ausgereicht, um eine Flucht in die Fantasie der Spekulation zu verhindern. Das brachte den Crash von 2007-2008 und eine weitere Verschlechterung der Bedingungen der Massen.

Die Zentralbanken griffen mit Quantitative Easing (QE) ein: die Schaffung von fiktivem Kapital, um es an börsennotierte Unternehmen zu verteilen und deren Pleiten zu verschleiern. Es war der Beginn einer beispiellosen Aktienmarktrallye, die bis heute anhält. Kein Wunder, dass ein wiederkehrendes Thema in der sich derzeit entfaltenden Short-Squeeze-Saga die Klage ist, dass die Mehrheit gelitten hat, während es die Finanzelite noch nie so gut hatte. Dies wurde ungeschickt als „Sozialismus für die Reichen, Kapitalismus für den Rest von uns“ umschrieben, was darauf hinweist, wie die Regierungen so viele einer sich verschlimmernden Spirale überlassen haben, während sie sich um die Interessen der obersten Elite kümmern.

Jenseits der Ablenkung durch die Short-Squeeze-Story zieht ein größeres Problem herauf. Angetrieben von der massiven Geldschöpfung, die während der aktuellen Pandemie auf Hochtouren gelaufen ist, hat der Aktienmarkt ein noch größeres Blasengebiet betreten und droht zunehmend mit einem Crash. Kürzlich haben große Namen wie Apple und Facebook großartige Gewinnberichte veröffentlicht, die ihre Aktien früher in größere Höhen geschickt hätten, aber stattdessen zu Stürzen führten. Der Short-Squeeze hat die Zweifel an der Zukunft einer jahrzehntelangen Rallye nur noch verstärkt.

Der wichtigste Punkt, den dies hervorhebt, ist, dass es keine kapitalistischen Lösungen für die überwältigende Mehrheit, die Mehrheit der Arbeiter:innenklasse, gibt. Einige wenige mögen es durch Glück und Urteilsvermögen schaffen, zur richtigen Zeit die richtigen Knöpfe zu drücken und etwas Geld an den Märkten zu verdienen, aber wir können das Gleiche über Glücksspiele im Allgemeinen sagen. Die Mehrheit verfügt weder über die Mittel noch über die Informationen, die es ihr ermöglichen, mit Investitionen ein Vermögen zu machen. Kommen die Abschwünge, die unweigerlich auftreten, sind die kleinen Spieler:innen gezwungen zu verkaufen, und die großen Spieler:innen tauchen auf. Das Gesetz des Kapitalismus ist Konzentration, jeder Crash ist eine Gelegenheit für die Elite, ein Vermögen zu machen. Die aktuelle Pandemie ist da keine Ausnahme.

Der Traum vom „populären“ Kapitalismus zerschellt an der materiellen Realität, die keine gleichen Spielregeln bietet. Vermögenswerte und Ressourcen, seien es Aktien, Häuser, Gold, Bitcoin, was auch immer, werden unweigerlich den kleinen Spieler:innen aus den Händen gerissen, die gezwungen sind zu verkaufen, um zu überleben, jedes Mal, wenn der Kapitalismus abstürzt; Abstürze, die im Durchschnitt im Abstand von weniger als einem Jahrzehnt auftreten und die Mehrheit ruinieren, während die Reichsten den Sturm immer wieder überstehen, billig kaufen und immer reicher werden können. Das ist das Gesetz der Konzentration des Kapitals. Das jüngste Kapitel des Katastrophenkapitalismus hat dies perfekt illustriert:

„Mehr als zwei Millionen Menschen sind gestorben, und Hunderte von Millionen Menschen werden in die Armut gezwungen, während viele der Reichsten – Einzelpersonen und Konzerne – florieren. Die Vermögen der Milliardäre erreichten in nur neun Monaten wieder ihren Höchststand von vor der Pandemie, während die Erholung für die ärmsten Menschen dieser Welt über ein Jahrzehnt dauern könnte… Die Coronavirus-Krise hat eine Welt erfasst, die bereits extrem ungleich war. Eine Welt, in der eine winzige Gruppe von über 2.000 Milliardären mehr Reichtum besaß, als sie in tausend Leben ausgeben konnte. Eine Welt, in der fast die Hälfte der Menschheit gezwungen war, mit weniger als 5,50 Dollar pro Tag auszukommen. Eine Welt, in der die reichsten 1% seit 40 Jahren mehr als das Doppelte des Einkommens der unteren Hälfte der Weltbevölkerung verdient haben. Eine Welt, in der die reichsten 1 % im letzten Vierteljahrhundert doppelt so viel CO2 verbraucht haben wie die unteren 50 % und damit die Zerstörung des Klimas vorantreiben. Eine Welt, in der die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich uralte Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern und Ethnien sowohl aufbaut als auch verschärft.“

oxfam.org

Du kannst die kapitalistische Elite nicht mit ihrem eigenen Spiel schlagen. Die Antwort auf die Wut, die wirtschaftliche Zerstörung, die die Massen erleiden, die Ungleichheit, die jetzt jenseits von grotesk ist und sich im Kapitalismus nur noch beschleunigen wird, ist nicht „Investorenaktivismus“. Es gibt keine Version des Kapitalismus, die irgendetwas anderes als wirtschaftliche Zerstörung auf kurze Sicht und überhaupt keine Zukunft auf lange Sicht bietet. Wir müssen die Fantasien von individuellen Auswegen aus der sich verschlechternden Lage der Arbeiter:innenklasse zurückweisen und den einzigen Weg aus der Zerstörungsspirale einschlagen, die vor uns liegt, wenn wir auf dem gegenwärtigen Kurs bleiben. Wie wir kürzlich feststellten:

„Die übergreifende Forderung muss heute eine revolutionäre soziale Alternative zum Kapitalismus sein. Dies ist die wesentliche Voraussetzung, um mit dem Aufbau jener neuen Gesellschaft zu beginnen, in der es, frei von den Gesetzen des Kapitals, möglich sein wird, für den gesellschaftlichen Bedarf zu produzieren und den gesellschaftlich produzierten Reichtum umzuverteilen, um die gesellschaftlichen und individuellen Bedürfnisse zu befriedigen.“

leftcom.org

Es gibt keine Alternative.

taken from enough is enough

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