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Gelb(es) Fieber – Lang lebe der revolutionäre Mob

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11 Dez , 2018  

Am vergangenen Samstag waren in Frankreich landesweit fast an die hunderttausend Bullen aufgeboten worden, um der Bewegung der GiletsJaunes das Genick zu brechen. Allein in Paris waren es 8.000 Bullen, die im Laufe des Tages über 1000 Menschen festnahmen, viele hundert schon an den Vorkontrollen an den Einfallsstraßen und Bahnhöfen. Über den Champs-Élysées rollten erstmalig seit 1944 Räumpanzer, im Vorfeld war in der staatlichen Propaganda von möglichen Toten die Rede, um Leute von der Teilnahme an den Aktionen abzuschrecken. Trotz eines entgrenzten Einsatzes von Tränengas, Gummigeschossen und Offensivgranaten kam es vor allem in den Seitenstraßen der Champs-Élysées zu stundenlangen Straßenkämpfen, an verschiedenen Orten derPariser Innenstadt zogen Demonstrationszüge und mobile Mobs durch die Straßen, errichteten Barrikaden, warfen Schaufenster ein, wurden Geschäfte geplündert.

Dass der Sachschaden noch den Umfang des vorangegangenen Samstags übertraf, führt das Gerede von einem erfolgreichen Polizeieinsatz ad absurdum. Schwere Ausschreitungen gab es auch in anderen französischen Städten, die im Niveau das vorletzte Wochenende deutlich übertrafen. Besonders heftig ging es in Toulouse und Bordeaux zur Sache, wo ganze Straßenzüge für Stunden dem Zugriff der Bullen entzogen waren. Bordeaux dürfte sogar die schwersten Krawalle sei 1968 erlebt haben. In vielen Städten schlossen sich linke Gewerkschaftler, Antagonisten und Menschen aus den Vororten den Aktionen an. In Paris bekamen führende Faschisten ordentlich eingeschenkt und auch wenn esweiterhin eine nicht zu leugnende sichtbare und unsichtbare Präsenz von Faschisten und Reaktionären gibt, ist doch zugleich auch die Präsenz von antifaschistischen und linken Radikalen deutlich wahrnehmbarer.

 AufWinter OAK (1) erschien gestern ein kleines Pamphlet zu den jüngsten Geschehnissen, das ich (2) sinngemäß übersetzt nicht vorenthalten möchte:

Gelb(es) Fieber – Lang lebe der revolutionäre Mob

 Wie würde eineantikapitalistische Revolution eigentlich aussehen, wenn siestattfinden würde?

Das ist die Frage, die vielen Anarchisten durch den Kopf gehen muss, wenn sie die aktuellen Ereignisse in Frankreich betrachten. Die Bewegung der Gilets Jaunes hat an vier aufeinanderfolgenden Samstagen verblüffende und erfolgreiche Massenmobilisierungen gegen das neoliberale Makron-Regime in ganz Frankreich durchgeführt, die aus einem Protest gegen die Lebenshaltungskosten einen Aufstandsversuch machten.

Am Samstag, den 8.Dezember, gab es mehr als tausend Verhaftungen, als die Menge das Zentrum von Paris besetzte und es von Toulouse bis Bordeaux, von Nantes bis Marseille zu umfangreichen Zusammenstößen und Sachbeschädigungen kam, sich die Proteste sogar auf Brüsselaus breiteten.

 Ein weiterer großerAktionstag ist für Samstag, den 15. Dezember, geplant, der Akt V der Show, in der der neoliberale Präsident Macron am Ende zurücktreten wird.

 Und unterdessenbeklagen sich die französischen Unternehmen darüber, dass ihnen die Proteste bereits eine Milliarde Euro an verlorenen Umsätzen im Weihnachtsgeschäft beschert hätten.

 Auf den ersten Blickist dies der Traum eines jeden Radikalen. Tausende von Menschen gehenauf die Straße, blockieren Straßen, errichten brennende Barrikaden, widersetzen sich den Robocops, die ausgerüstet mit Tränengas, Wasserwerfer und Räumpanzern, gegen die Menschen vorgehen.

Die Bewegung hat bisher all die üblichen Organisationsstrukturen von Gewerkschaften und politischen Parteien umgangen, was zweifellos der Grund dafür ist, dass sie ihre Dynamik beibehalten konnte. Alle möglichen Menschen jeglichen Alters haben sich angeschlossen, und obwohl sie sich nicht unbedingt einer ausgefeilten ideologischen Sprache bedienen, herrscht ohne Zweifel eine antikapitalistische und anti-hierarchische Stimmung vor. Dies ist allerdings ein Antikapitalismus, der sich aus dem wirklichen Leben speist, aus der konkreten Erfahrung der Ausbeutung und nicht aus der Lektüre eines linken Kursbuchs.

In dem Versuch diesen Umsturzversuch zu stoppen, manifestiert sichselbstverständlich die ganze Potenz des Systems selber. Dies zeigt sich ganz konkret an der enormen Anzahl der Polizisten auf den Straßen und an der Gewalt, die sie offensichtlich gegen Demonstranten ausüben. Die französische”Demokratie” ist genauso eine Augenwischerei wie die britische oder US-amerikanische “Demokratie” und diejenigen, die die Macht innehaben, werden wirklich alles dafür Notwendige tun, um sie nicht aus den Händen zu geben. Die französischen Behörden haben bereits damit gedroht, bei Bedarf mit  scharfer Munition auf Demonstranten zu schießen, und man müsste sehr naiv sein, um zu glauben, dass sie es nicht ernst meinen.

Allerdings weiß das System, dass es nicht in der Lage ist, die gesamte Bevölkerung im Land niederzuhalten, wenn diese sich gleichzeitig mit aller Macht erhebt. Das System verfügt über eine enorme Macht der Propaganda, über die Kontrolle der Erzählung, des Narrativs. Der französischen Öffentlichkeit wird ständig erzählt, dass die Rebellion sich erschöpfen wird, dass sie von Extremisten übernommen wurde (rechtsextrem oder linksextrem, je nach Zielgruppe), dass sie in puren Vandalismus umgeschlagen ist. Der internationalen Öffentlichkeit wird gesagt, dass es bei der Bewegung nur um Kraftstoffpreise gehe, dass sie gefährlich “populistisch” sei oder dass sie, absurderweise, von den Russen inszeniert würde! Glücklicherweise durchschauen immer mehr Menschen in Frankreich all dies und verstehen ihre Fünfte Republik als das, was sie ist – eine weitere finstere kapitalistische Tyrannei, die sich hinter einer lächelnden Maske der “Demokratie” versteckt.

Es gab auch ermutigende Reaktionen von Radikalen in Frankreich und darüber hinaus. Nach anfänglicher Skepsis gegenüber der Natur der Gilets Jaunes (die wir teilten), hat die überwiegende Mehrheit der revolutionären Linken beschlossen, die Protestbewegung aktiv zu unterstützen  und ihre reaktionären Elemente von innen heraus zu bekämpfen. Dies bedeutet eine erfrischende Abkehr von der Praxis, Kübel voller ideologischer Häme über Jenen auszuleeren, deren Revolte nicht in völligem Einklang mit einer ganz genau definierten Sprache und klar definierten Prinzipien steht und die nicht über die notwendige Reife und Standhaftigkeit verfügen, die für die Zukunft des antikapitalistischen Kämpfe nur Gutes verheißen.

Es wird, so nehmen wir an, immer noch diejenigen Linken und Anarchisten geben, die den gegenwärtigen Aufstand in Frankreich mit Verachtung behandeln. Vielleicht ist es an der Zeit, dass diese Pseudo-Linken die Wahrheit sagen und zugeben, dass sie eigentlich gar nicht für eine Revolution sind, sondern einfach die Rhetorik des Widerstands nutzen, um einige kleine Liberalisierungsfortschritte im Status quo zu erringen? Vielleicht ist es an der Zeit, dass sie sich leise in die seelenlose Sterilität ihrer politisch reinen “safer spaces” zurückziehen und den schmutzigen, rauen, unkontrollierbaren Mob auf die Straßen stürmen und die korrupten Zitadellen der Macht niederbrennen lassen?

Der übersetzte  Originalbeitrag (1) vom 9. Dezember 2018 auf Winter OAK„Yellow fever: long live the revolutionary mob!“https://winteroak.org.uk/2018/12/09/yellow-fever-long-live-the-revolutionary-mob/

 Vom Übersetzerdieser Zeilen (2) erschien im Frühjahr 2018 beim Wiener Verlag bahoebooks

‘Winter Is Coming- Soziale Kämpfe in Frankreich’ über die Bewegung gegen die „Reform“ der Arbeitsgesetzgebung (loi travil) und über die Kämpfe und Revolten in den französischen Vorstädten 2016/2017

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