Geld gleich Information? Zu den Neuen Büchern von Vogl und Beller (4)

Selbst das Nicht-Berechenbare und das Unmögliche sollen berechenbar werden, indem man es in den Bereich der mathematischen Berechnung hineinzieht, während das Unverständliche rational und damit sozial gemacht wird, wobei dies letztendlich ökonomisch ist – das betrifft nicht nur der Wissenschaft, sondern kennzeichnet den Weg des rassistischen Kapitalismus hin zum rechnerischen rassistischen Kapitalismus. Das Leben als ein berechenbares Programm zu behandeln, das Sein als Zahl, diese Überführung der Qualität in die quantitative Vernunft wird genau dann erreicht, wenn man qualitative Formen als Information behandelt. Eine solche Behandlung erfordert, dass verschiedene und vielfältige Phänomene, selbst noch die Mannigfaltigkeiten als heterogene, disjunktive und differenzielle Komplexe von Singularitäten als Information wiedergegeben werden sollen. Gleichzeitig gibt es viele Strategien des Risikomanagements, um das Rauschen zu externalisieren und Eventualitäten und unerwünschte Ereignisse natürlich unter Verwendung eines Kostenkalküls mittels Strategien auszuschließen, die die Kosten der Polizei und der präemptiven Polizeiarbeit einbeziehen.

Beller nennt den Preis ein Kalkül. Die Auferlegung der inhaltlichen Indifferenz ist eine Bedingung für seine Funktion, die Umwandlung von Qualitäten in Quantitäten, damit die Welt berechenbar wird. Selbst die moderne Soziologie, die heute eigentlich eine ökonomische Theorie zu sein hat, ist in ein ökonomisches System eingebettet, oder, um es anders zu sagen, die soziologische Theorie ist ein ökonomisches Modell, das von der Ökonomie modelliert wurde, weit entfernt davon, Antisoziologie oder Differenzierungsintervention zu sein. Die herrschende Theorie ist eine Karte, die für ein Territorium steht, und sie inkludiert Berechnung, die produktiv für das Kapital sein muss, auch als Diskurs. Umso mehr, wenn Computerwisssenschaft und sozialkybernetische Praktiken, die in Echtzeit prozessieren, im Spiel sind. Die ökonomische Theorie, vom Spektrum der disziplinären Ökonomie bis hin zur Unternehmenspolitik, wird zum Teil einer Strategie der groß angelegten Wertextraktion, die aus dem sozialen Körper vorgenommen wird. Die Theorie selbst wurde von der Logik der finanziellen Optimierung kolonisiert, was bedeutet, dass das ständig aktualisierte Ergebnis einer Reihe von Experimenten, die am sozialen Körper vorgenommen werden, monetarisiert wird. Theorien, seien es akademische, staatliche oder unternehmerische Projektionen, fungieren sowohl als Motor als auch als Kamera, das heißt, sie sind nicht nur Repräsentationen, die interpretative Skripte in Form von abstrakten Begriffen liefern,, sondern sie sind oft auch Datenvisualisierungen, Index und damit ein programmierbares Bild. Theorie ist gewissermaßen eine Kamera, sie ist eine Maschine, die durch Praktiken der Abstraktion funktioniert und Praktiken der Abstraktion hervorbringt. Der Diskurs wird zu einer Subroutine des Bildes, die eine Unterroutine der Berechnung ist, die wiederum eine Unterroutine des rassistischen Kapitals ist.

Die Kamera ist wiederum auch ein Motor, denn eine unbestreitbare Tatsache der gegenwärtigen Epoche ist, dass, in Flussers Worten, “Kameras die Welt zum Nutzen der Kameras organisieren”, oder, in den Begriffen von Bellmers Welt Computer, die gesamte Matrix der Repräsentation instrumentalisiert wird, um die Produktion von Mehrwert durch die Vernetzung der extraktiven Schnittstellen der Medieninfrastrukturen zu sichern. Die Maschinen der Abstraktion schaffen Schnitte und Bündel, Bilder und Algorithmen, die gleichzeitig Programme für die Arbeit und Derivate auf die Arbeit sind, sie vernetzen die Warenproduktion und ermöglichen die Extraktion des Mehrwerts an der Schnittstelle. Auf den höchsten Ebenen sind es die Finanziers und Staatsführer, die Derivatverträge über die Zukunft von ganzen Völkern schreiben.

Die Information ist für Beller immer auch der Wertextraktion unterworfen, während sie für Vogl zur Wertform selbst gerinnt, das heißt aber auch, dass nicht alle Dinge zu Preisen ohne Repression und Unterdrückung, ohne Patriarchat und Rassifizierung, ohne Klassengewalt, Imperialismus und die großflächige Organisation von Enteignung werden. Vor allem Beller spricht dies an. Der evolutionäre Weg der Information, ihre inhaltliche Gleichgültigkeit, ihre Quantitäten, ihre Berechenbarkeit sind für Beller eins mit dem rassistischen Kapital. Beller fasst zusammen: 1) Information entsteht als Ausdruck der Wertform. 2) Die Informationstheorie verfolgt das “inhaltlich-indifferente” Imaginäre des Kapitals. 3) Information ist ein Mittel zum Preis, der selbst ein Derivat von Wissen ist. 4) Information ist die vierte Bestimmung des Geldes (zusätzlich zu Maß, Tauschmittel und Wertaufbewahrungsmittel).

Sie ist ein fortlaufendes Kalkül des finanziellen Risikos, das einen Preis hat, ja ein Preis ist und alle Preise zu Derivaten auf Wissen transformiert: Selbst Externalitäten, die verschiedenen Formen der Verstümmelung und des sozialen Todes (Wilderson) sind Teil des Berechnungseffekts, Teil des Kalküls dessen, das immer als soziales Rechnen gilt. Die Kodifizierung von Rasse, Geschlecht, Nation und allen Formen der Differenz ist heute nicht mehr nur die Angelegenheit von Vermarktern oder Algorithmen, sondern sie ist Teil eines totalisierenden Systems der Überkodierung, das eine Verteilung der Wahrscheinlichkeit und ein allgemeines Kalkül für die Kosten-Nutzen-Analyse aller möglichen Formen von Gewalt in Szene setzt.

Von daher ist es nicht zu weit hergeholt sich vorzustellen, dass die relative soziale Macht eines jeden Individuums auf der Erde in einer einzigen Zahl (ihrem Preis) ausgedrückt werden kann, und wenn es denn einen Markt für einen solchen Index gäbe, so würde er eingesetzt werden. In Wirklichkeit wäre ein solcher Preis eine Spanne, ein Bereich von Werten (ein gleitender Index).

Für Beller ist die Bewegung der Information nicht vom Preis getrennt: Sie ist selbst eine Preisbewegung, sie ist das Ergebnis von finanziellen Transaktionen und wird in Übereinstimmung mit einem preislichen Kalkül zukünftige Transaktionen formieren. In der Tat ist die Information als eine Reihe von rechnerischen Zustandsänderungen innerhalb eine Reihe von diskreten Transaktionen zu verstehen, aufgeteilt in Einsen und Nullen (diskrete Zustände), die nicht nur etwas vermitteln, sondern tatsächlich finanzielle Transaktionen sind. In diesem Sinne ist Information buchstäblich ein Derivat von Wissen – ihre Kosten sind eine Prämie, die zur Erhaltung der Liquidität gezahlt wird.

Auch Vogl spricht von einem Komplex bestehend aus Finanzökonomie, Informationstheorie und Technik, der dazu dient, hohe Liquidität, optimale Preisfindung und reibungslosen Datenverkehr zu erzeugen. Preise seien an den Finanzmärkten als Verdichtung von Informationen über Finanztransaktionen zu verstehen und würden Informationen über die Zukunft von Preisen produzieren, und damit seien Informationen über Geld wichtiger als dieses selbst geworden. Das halten wir für falsch. Informationen müssen wie Derivate nach wie vor in Geld realisiert werden; ohne diese Realisierung sind sie an den Finanzmärkten wertlos. Der Preis verdichtet auch nicht die Information, vielmehr akualisiert die Preisform die Verteilbarkeit von Produktionen und Information in Geldform. Erst der Kauf-Verkauf von Waren und Informationen schaltet Verteilbarkeit in die Quantität Preisform, anders gesagt, Preise aktualisieren die virtuelle Verteilbarkeit von Produkten/Informationen als Geld.

Auch Beller bleibt in der Bestimmung des Verhältnisses von Information und Preis reichlich ungenau. Mal spricht er von beidem als Kalkül, dann integriert er die Information in die Bewegung G-I-G, dann spricht er von der Dominanz der Information, dann vom Preis als Derivat. Wenn in der Formel G-I-G` die Information die Ware ersetzt, dann handelt es sich eben nach wie vor um ein Äquivalent der Ware, die in Geld realisiert werden muss, und nicht um Geld selbst.

Kommen wir zu unserer Auffassung vom Derivat: Beim Derivat, das keine Ware ist und keinen transparenten Wert im Hier und Jetzt hat (für uns ist das Derivat auch nicht Geld, sondern spekulatives Kapital), liegt das einzige Maß, das die Transaktion motiviert, in der Kalkulation seines zukünftigen Werts. Das Derivat zielt auf eine Zukunft, es kann nur ausgepreist werden, weil die Markteilnehmer einen bid-asked Spread annehmen, insofern sie bezüglich des Nettowerts des Derivats Übereinkunft erzielen, aber bezüglich des zukünftigen Werts des Derivats in ihren Erwartungen und spekulativen Kalkulationen differieren. omit das Risiko nur noch quantitativ zählt, als Kalkulation eines Preises, der mit einer Zahl versehen ist. Dabei werden die Risiken von den Bedingungen ihrer Realisierung getrennt und dies hat bestimmte Implikationen: Das Risiko kann nun in den Kategorien der Volatilität definiert und als die Wahrscheinlichkeit der relativen Varianz des Derivatpreises gemessen werden. Die Volatilität wird selbst in eine Logik der Produktion eingemessen. Die Derivate kapitalisieren jetzt die Volatilität, die sie aktiv kreieren. Wenn eine Ware schon verkauft wird, bevor sie ein weltliches Ding ist, dann infiltrieren die Derivate die Zirkulation in die Produktion, gerade indem der Ware flottierende und kontingente Werte zugeschrieben werden. Die Spekulation auf eine durch das Derivat getriebene Ware (Immobilien) heißt auf den Spread zwischen der Direktionalität der Preise und den Spread, den die Derivatmärkte hervorbringen, zu spekulieren.

Somit ist der Tauschwert des Derivats keineswegs eine Funktion der abstrakten Arbeit, vielmehr der Ausdruck einer sozialen Abstraktion (des Risikos), das in einem bestimmten Zeitintervall generiert wird. Zudem benötigt der Wert des Derivats Information und den Bedingungen, die im Vertrag kodifiziert sind, er liegt nicht in einer auf abstrakter Arbeit basierenden Ware, sondern in der Arbeit, die benötigt wird, um die Interkonnektivität des Kapitals, das global zirkuliert, herzustellen. Im Gegensatz zu den durch die Finanztheorie hypostatisierten Märkten, rekalibrieren die aktuellen Märkte konstant die Preise. In der Tat gibt es keinen Preis als den Spread zwischen ask und bid. Dieser Spread muss kontinuierlich abgeglichen werden, falls die Märkte überhaupt existieren und liquide bleiben wollen: Der Marktpreis ist in jedem erdenklichen Preismodell der Input und nicht der Output. Die Trader überschreiben den Markt kontinuierlich in einer Art und Weise, welche die Modelle nicht zu erfassen vermögen.

Die Objektivierungen sind in sozio-ökonomischen Strukturen anwesend, die wiederum durch die Finanzmärkte gestaltet werden: Das Derivat, der Markt, die Logik des spekulativen Kapitals, die Finanzialisierung der Haushalte durch Verschuldung, das Auftreten der Risiken als eine soziale Mediation, die Existenz neuer Formen der Zeitlichkeit, eine zunehmend abstrakte Form der strukturellen Gewalt, die Dominanz der Zirkulation gegenüber der Produktion. Die Finanzmärkte benutzen all diese Strukturen, um Bilder, Informationen, Währungen und Assets aller Art zu monetarisieren. Konstitutiv für diese Ökonomie ist heute also die Zirkulation des spekulativen Kapitals, zudem der Gebrauch der neuen Informationstechnologien, um die Kapitalströme zu gestalten und zu beschleunigen und schließlich die technologisch unterstützte Produktion des Wissens voranzubringen, welche die Marktteilnehmer bei ihren Entscheidungen spekulativ und global zu handeln, rund um die Uhr informieren. Die Liquidität wird häufig als ein Synonym für die sozialen Relationen gebraucht, die es den Agenten erlauben, das kollektive Unternehmen zu konstruieren.

Zurück zu Beller. Überall dort, wo Informationen eine Schnittstelle zum Markt haben, findet eine Monetarisierung statt; es ist die Marktanalytik, die die Kosten der Information und damit spezifische Instanzen der Information selbst zu Derivaten auf zugrunde liegendes Wissen macht. Egal ob ein Instagram-Post oder ein YouTube-Video, Information ist das Derivat auf einen beliebigen Prozess. Information setzt einen Preis auf alles und die Kosten jedes Indexes können in Relation zur Gesamtheit der Informationen und der sozialen Totalität berechnet werden. Information zu protokollieren heißt also, Geld zu programmieren. Information auf Plattformen zu setzen heißt, Geld so zu programmieren, dass es innerhalb bestimmter Bedingungen bestimmte Dinge tun kann. Programmieren: die Organisation von Ressourcen, um kybernetische Maschinen Aktionen ausführen zu lassen, die vorhersehbar auf andere kybernetische Maschinen regieren, um eine Risikoposition auf dem Markt zu strukturieren. Wir investieren in die Datenerfassung von Sonnenflecken oder Gesichtern. Die Digitalisierung kann nun verstanden werden als Finanzialisierung durch die Transduktion der wahrnehmbaren Welt in Information, unter Ausnutzung informatischer Kapazitäten für die Quantifizierung von Qualitäten und die Ernte des menschlichen Ausdrucks in all seinen Formen.

Neben der Potenz des Geldes zur Kolonisierung der Semiotik und aller bedeutenden sozialen Aktivitäten zeigt Beller, dass digitale Instanziierungen von Information auch als Orte der Arbeit dienen, als Orte der Extraktion – als programmierte und programmierbare Bilder. Geld als Maß, als Tauschmittel, als Kapital und als programmierbare Form – mit anderen Worten: Geld als informatisch qualifizierte Instanz von Wert. Der Aufstieg des Digitalen entwickelt und enthüllt für Beller die vierte Bestimmung des Geldes als Information.Unsere Kritik siehe oben.

Die Informationsverarbeitung ist die Erweiterung des Kalküls, das hinter unserem Rücken” (Sohn-Rethel) abläuft, die reale Abstraktion, die sich aus der praktischen Aktivität, die unser Austausch ist, und unseren frenetischen Transaktionen ergibt. Dieser Austausch wurde früher rein als Finanztransaktion gedacht, aber die Kolonisierung der Repräsentation durch die Information erweitert die finanzielle Transaktion sich in das Semiotische und Metabolische hinein und verpfropft alle Aktivitäten des sozialen Lebens mit Geld. Die großen Fortschritte, die einigen Sektoren zugute kommen, sind gleichzeitig Praktiken der Barbarei, die für ihre akquisitorische Expansion die tiefere Trennung von Menschen von ihrem Produkt, das letztlich die Welt ist, die sie machen, durchsetzen. Die Quantifizierung jedes qualitativen Ausdrucks, was auch immer sie in Echtzeit auspreist, beinhaltet Optionen auf ein zugrunde liegendes Wissen: Optionen für den Verkauf auf den Kapitalmärkten. Die Optionalität des Geldes induziert seine Volatilität, die seine Informationsverarbeitung ist, wobei diese an Prozessoren gebunden bleibt: soziale Agenten, die Optionen ausüben, sind die realen Substrate des rechnenden rassistischen Kapitals. Es ist für Beller aber auch diese vierte Bestimmung der bereits mediengebundenen Qualifikation und der vorgeblich reinen Quantifizierung des Wertes, in der eine ungedachtes revolutionäres Potenzial liegt. Denn Information, auch wenn sie rein quantitativ erscheint, bedarf der Plattformen. Die posthumane Sichtweise privilegiert informationelle Muster gegenüber der materiellen Instanziierung, sodass die Verkörperung in einem biologischen Substrateher als ein Unfall der Geschichte denn als eine Unvermeidlichkeit des Lebens angesehen wird (Hayles).

Bilder sind abgeleitete Formen, sie sind Formen der Währung. Und wir arbeiten für sie und mit ihnen. Wir sind Market Maker und Market Taker. Strukturell erfordern sie Einsätze an Aufmerksamkeit im Austausch gegen eine Rendite auf das Soziale. Sie sind Instrumente der Liquidität und des Risikos. Man vergisst (oder wusste es nicht), dass auch nationale Währungen in Wirklichkeit Derivate auf ganze Volkswirtschaften sind; in unseren Köpfen nehmen wir die Nation als gegeben an und sehen nicht den Wert des Dollars, der an eine Reihe von möglichen Futures gebunden ist. Nichtsdestotrotz wetten wir, ob wir wollen oder nicht, auf eine nationale Wirtschaft, wenn wir ihre Währung halten.

Bildschirme transformieren zu deterritorialisierten Fabriken, zu Schnittstellen der Wertschöpfung und Wertgewinnung, und sie sind vermittelt durch die maschinelle Umwandlung von Ausdruck in Information. Dadurch werden diejenigen von uns, die eine Version der Welt oder von uns selbst ausdrücken würden wollen, zusammen mit denen, die dazu gezwungen sind, zu Arbeitern in den deterritorialisierten Fabriken der Medien. Ohne die These vom Interface als Arbeitsplatz können wir die weltgeschichtliche Bedeutung des Aufstieg von Bildschirmen und Bildschirmkulturen nicht denken..

Das Bild ist ein Derivat und auch eine Arbeitsstätte. Das Derivat ist hier ein Attraktor, der eine bestimmte Form der Aufmerksamkeit auf sich zieht. Als Risikoinstrument bindet es die Aufmerksamkeit und andere Ressourcen an eine Erzählung oder ein Bild oder ein anderes strukturiertes Ereignis, das ein Risiko einfordert. Dabei wird die informatische Arbeit mit den Maschinen der computergestützten Medien oft zu unserem Nachteil entlohnt oder ihre Resultate werden schlichtweg gestohlen. Wir alle sind informatorische Derivate, die Wetten auf das Soziale abschließen. Einige von uns kooperieren, indem sie pflichtbewusst Bilder konsumieren und Posts auf sozialen Medien verfassen, einige von uns singen ihre Klagen in Büchern, Filmen, Gedichten und Musik, andere beherrschen Performances und Klatsch, und einige von uns versuchen, abzuschalten, sich abzumelden, zu verschwinden oder werden krank, während diejenigen, die die Netzwerke kontrollieren, entweder durch Finanz, Waffen, Staaten, Banken, Überwachung oder Kommunikations-Infrastrukturen (die ohnehin alle miteinander verbunden sind) eine obszöne Macht ausüben, während sie gleichzeitig gewinnbringend auf den Wellen der sozialen Volatilität mit kalter Gleichgültigkeit surfen und mit ihren potenziell kriminellen Handlungen, die darin bestehen, jede Qualität, egal ob sie ein Yoghurt, eine Waffe oder ein Porno ist, der Quantifizierung und dem rechnerischen Kalkül zu unterwerfen, der völligen Straflosigkeit unterliegen. Mit jedem unserer Aufrufe zu Befreiung werden die Reichen nur noch reicher. Aber eines verstehen die Holzköpfe des neuen Kapitalo-Finanzo-Faschismus nicht und sie werden es nie verstehen: „Der Andere der Anderen ist immer anders.“ (Eduardo Viveiros de Castro) Zumindest eine Singularität, und die ist das revolutionäre Kollektiv, wird immer entwischen und der neoliberalen Pest widerstehen.

Unterdrückt von den Regimen der Repräsentation und der Wahrheit, die durch das finanzielle Kalkül auferlegt werden, durchstreifen wir von unseren Tranchen aus den informatischen Raum der gerasterten Bilder und verarbeiteten Welten auf der Suche nach einem grünen New Deal und oder einer roten und grünen Revolution für unsere Aufmerksamkeit, unser Streben, unsere Träume – unsere Kreativität, unsere Arbeit. Jeder, der behauptet, Technologie sei neutral, kann heute leicht als Faschist erkannt werden.

Die großen Autoren, Makler, Aufmerksamkeits-Broker, Handelsplattformen aller Art, profitieren von unseren Investitionen, von unseren Bemühungen (ästhetisch oder finanziell), um noch ein wenig mehr aus der prekären globalen Wirtschaft herauszuholen. So wie Finanzderivate die Marktrichtung absichern und mit monetärer Volatilität handeln können, können Social-Media-Derivate die politische Richtung absichern und mit sozialer Volatilität handeln. Aus diesem Grund macht Mark Zuckerburgs vorgetäuschte “Neutralität” ihn zu einem Unterstützer der weißen Vorherrschaft und des Faschismus.

Wir stellen dem Kapital Zinsen zur Verfügung, wir sorgen für seine Liquidität, während wir uns gegen Enteignung wehren und unser Los verbessern wollen. Die Qualitäten unserer Interessen werden auf Aufmerksamkeitsmärkten monetarisiet,. Das ist das Ergebnis unseres Begehrens. Die algorithmische Überdeterminierung und Funktionalisierung all der Formen von Aufmerksamkeit nimmt zu. Die Konvergenz der Medienformationen mit der Computation, sodass heute fast alle Medien effektiv Computermedien sind, markiert auch eine tiefe und granulare Konvergenz mit dem Finanzkalkül – eine immer präzisere Mobilisierung der Maschinen und der Metriken der Erfassung. Es ist eine maschinelle Konvergenz von Berechnung, Finanzen und Werterfassung, die wiederum die Effizienz von Maschinen und deren Wissen erhöht: das Wissen und die Kapazität, die in und als fixes Kapital sedimentiert sind. Mit dem Algorithmus, mit KI, bedeutet “Rechenkapital”, dass fast alle sozialen Aktivitäten letztlich in Bezug auf ein umgebendes Wertkalkül gesetzt werden, wobei die meisten, wenn nicht alle Bewohner des Planeten von ihren statistisch überdeterminierten, algorithmisch und informatisch kodierten Orten aus das Spiel zu spielen gezwungen sind. Der Weltcomputer.

“Computational racial capital” bedeutet, dass die Kodifizierung sozialer Differenz zu einem immer zentraleren Bestandteil der kapitalmedialen Strategien der Wertaneignung geworden ist. Auch die Rassifizierung ist ein fortwährender Prozess der Kodierung und Umkodierung. Jedes Signal ist für Gewinnmitnahmen optimiert. Der Ausdruck ist zu einer Absicherung geworden, zu einer Wette, zu einem Spiel mit dem Spread, der durch die Volatilität des Sozialen organisiert wird; er ist ein Derivat geworden – ein Mittel zur Einführung von Liquidität (eine gewisse Konvertierbarkeit von Lebenszeit in soziale Zugehörigkeit). Es geht um die Bewirtschaftung von Menschen und Völkern als Schreibflächen, als Waren, als Quantitäten und damit, heute, als berechenbare Information. Die Polizei tut es, die Gläubiger tun es, die Politiker tun es, die Schulen tun es, die Augen, Ohren, Nase und Rachen tun es.

Wie die Verbriefung von Hauskrediten durch die Hypothekenindustrie, die ihre eigene rassistische Logik hat, Kredite bündelt und Tranchen und Schnittstellen konstruiert, schneidet und bündelt das Mediensystem Menschen, komponiert und rekombiniert soziale Körper und schreibt Terminkontrakte auf ihre verschiedenen Teilungen, die wiederum auf den Finanzmärkten verkauft werden.

Die Plattformen quantifizieren Informationen, deren Substrate über Vernetzung mit bestimmten Kapazitäten und Grenzen für Interaktivität und Konvertierbarkeit verbunden sind. Sie entstehen, hier konzeptualisiert als ein soziales, symbolisches, finanzielles und vernetztes Konstrukt, mit dem Aufkommen des Computing. Das Aufkommen von sicherem, verteiltem und dezentralem Computing, das vielleicht bald kollektiv gehalten wird und von unten programmierbar ist, bietet für Beller auch neue Möglichkeiten für die subalterne Autorschaft von Zukünften. Heute werden aber mit Ausnahme der sozialen Derivate (Sprach-,Bild- und leistungsbezogene Wetten auf soziale Volatilität), die Derivate “von oben” geschrieben und dienen als eine Art Kommando-Kontrolle und Vorhersagemarkt für die Berechtigten, indem sie die Anpassung des Risikos und das Ernten der Volatilität selbst ermöglichen. Diese Bedingungen der Derivate abstreifend könnten aber für Beller kommunistische Futures und Derivate entstehen. Die Antwort der Massen auf die Globalisierung der Information als kapitalistische Finanzialisierung war und wird die Forderung sein, die eigene Zukunft zu gestalten.

Derzeit läuft fast die gesamte Kommunikation über finanzialisierte Medien, oder sie ist so nah an den Finanzmedien, dass sie direkt im Einfluss- und Extraktionsfeld der Finanzwelt stattfindet. Das Derivat ist nicht nur eine ökonomische Form, sondern eine Art der Risikobewältigung, die sich aus einer Welt ergibt, die überall quantifiziert und und von der Volatilität der kapitalistischen Märkte beherrscht wird. Es ist ein Dispositiv, das das technisch, psychologisch und semiotisch funktioniert. Für Beller muss man die Subtilität des cyberrassistischen Kapitalismus und die Sozialität des Derivats begreifen, wenn man die kapitalistische Gewalt überwinden will. Wir extrapolieren dann, dass der organisatorische Maßstab der Weltfinanzialisierung erfordert, dass revolutionäre Politik mindestens so nuanciert und subtil wie der Weltmarkt und die globale Integration der Produktion über Raum und Zeit hinweg sein muss. Lebensstil-Entscheidungen, selbst scheinbar radikale, sind der Aufgabe nicht gewachsen, denn diese sind bereits vom Markt geschrieben und sie sind leicht zu vermarkten. Hingegen ist auf der Ebene der Wertschöpfung, Aggregation und Verteilung einzugreifen, und wir müssen dies mit den weltbildenden Fähigkeiten der Expressivität, der Inspiration und der Imagination tun. Es ist das Betriebssystem des Soziosemiotischen, das verändert werden muss, die Verquickung von Meinung, Expressivität und Finanzen durch die gegenwärtige Konfiguration der Medien. Wir können nicht weiter zulassen, dass die Reichen die Volatilität ernten, wobei unsere Prekarität und die Billionen-Dollar-Rettungspakete, die den Reichen angeboten werden, es erlauben, ihr Risiko auf uns abzuladen. Die meisten der vorherrschenden Modi des Aufmerksamkeitsregimes – Hollywood, Politik, “Nachrichten”, Instagram und Bildschirmtechnologien – sind Verkehrsformen eines fraktalen Faschismus, der Konsolidierung der Berühmtheit auf Kosten der Zuschauer betreibt, die auf der Suche nach ihren eigenen Formen sozialer Liquidität in der Identität ihrer Stars und Microcelebrities, Filmstudios und Medienplattformen aufgehen.

Wenn Vogl in einem Recht hat, dann darin, dass die Transformation von Äußerungen, Bildern und Statements in verrechenbare Informationen auf finanzökonomisch strukturierten Plattformen, Inhalte aller Art auf bloße Meinungen reduziert. In den Berechnungsmaschinen von Daten und Metadaten zirkulieren unzählige Meinungen, Standpunkte, Ansichten, Fake News und Fakten zugleich, aber es kommt zu keinem Begründungsverzicht, wie Vogl annimmt, vielmehr werden selbst noch die Begründung und das Wissenschaftliche als Meinung auf- und abgerufen und unterliegen der Trendproduktion und der Valorisierung von Daten, wobei Likes Likes produzieren und sharring das sharing forciert. In diesen Rückkopplungsprozessen von Meinungsorgien auf Plattformen steigt die Leiche Pop ein letztes Mal auf und hat in dem Faschisten Trump sein populistisches Sprachrohr und Substrat gefunden.

Foto: Sylvia John

Teil1 hier, Teil 2 hier, Teil 3 hier

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