Geld gleich Information? Zu den Neuen Büchern von Vogl und Beller (3)

Derivate im Kontext von Finanztransaktionen öffnen Räume der Transaktion innerhalb einer Transaktion (Transaktionen, die ihrerseits gebündelt und verkauft werden können, wie beim Preis von Euro in Dollar oder bei der Verbriefung, Tranchierung und dem Weiterverkauf von Hauskrediten). Die Logik des Derivats selbst ist ein Kalkül multipler Transaktionen, das einen komplexen Prozess auf einen Preis reduziert. Das Finanzderivat wird zu einer Art der Organisation und Strukturierung der Information, basierend auf den Wahrscheinlichkeiten eines Satzes von möglichen Variationen in einer strukturell begrenzten informatischen Matrix. Dass der Preis des Risikos bezüglich eines bestimmten finanzielle Ereignisses sich von Moment zu Moment anpasst, zeigt sowohl die Nützlichkeit als auch die Grenzen jedes Vorhersagemodells auf. Ähnlich hat LiPuma in seinem letzten Buch geschrieben, dass der Tauschwert des Derivats keineswegs eine Funktion der abstrakten Arbeit, vielmehr der Ausdruck einer sozialen Abstraktion (des Risikos) ist, das in einem bestimmten Zeitintervall generiert wird. Zudem basiert der Wert des Derivats auf Information und den Bedingungen, die im Vertrag kodifiziert sind, er liegt nicht in einer auf abstrakter Arbeit basierenden Ware, sondern in der Arbeit, die benötigt wird, um die Interkonnektivität des Kapitals, das global zirkuliert, herzustellen. Das Verständnis für die Instrumentalität des Finanzderivats, das als spekulatives Instrument oder als Absicherung/Hedge verwendet werden kann, um eine Rendite zu garantieren, erlaubt es weiter zu denken und mit Beller festzustellen, dass selbst die Werbung noch als ein weiteres Instrument des Risikomanagements betrachtet werden kann. Wie die Finanzindustrie die Mathematik auf die Psychologie anwendet, so wendet die Werbeindustrie die Psychologie auf die Mathematik an, um einerseits den Investoren ihre eigene Legitimität und ihr produktives Potential anzuzeigen, andererseits die Psychen der Konsumenten an die Werbung zu binden. Vogl bemerkt zu diesen Komplexen, dass auf den Plattformen das Spiel dahingehend erweitert wird, dass die user als producer agieren und damit sowohl als Empfänger als auch als Produzenten von Meinungen zu verstehen sind, das heißt, sie schaffen mit ihren Posts die Basis dafür, dass ihnen zielgenau Werbung zugesandt werden kann.

Bei der Werbung hängt die „Wette“ auf die Wirkung der Marktkräfte zudem von der formalisierten (und zunehmend algorithmischen) Organisation der Psyche und der Semiotik durch das programmierbare Bild ab. Diese neuen “Industrien”, die mit verschiedenen Kombinatoriken zwischen der Mathematik und der Psychologie arbeiten, haben im Marxismus nur einige brillante Ausnahmen wie etwa Dallas Smythe, Guy Debord und Jean Baudrillard beunruhigt. Größere Teile des Marxismus blieben an einer rudimentären, quasi-newtonschen Konzeption der Warenform als Objekt und damit von produktiver Arbeit als entlohnter Arbeit hängen. Wahrnehmung, Begehren, Vorstellungskraft und dergleichen, die Fähigkeiten, die Beller als Grundlage der Aufmerksamkeitstheorie zu beschreiben versucht, spielten im Arbeitswertmarxismus kaum eine Rolle. Der Vergleich dieser beiden “Industrien”, der Derivatfinanzierung und der Werbung, die differenzielle Komplexe von G zu G′ verbriefen, zeigt, dass das Risikomanagement und die Risikomanagementtechniken den Unwägbarkeiten der subjektiven Akteure und den intersubjektiven sozialen Dynamiken Rechnung tragen, indem sie einen Spread schaffen. Derivate füllen einen Zeitraum, in dem der Reichtum als eine Konsequenz von Volatilität geschaffen wird, als Dispersion oder Spread dessen, was sie als imaginäres Zentrum der Spreads repräsentieren. Das Design der Derivate gestaltet das Leveraging dieser Volatilität, wobei Konvexität hier bedeutet, dass die Variation des Preises des Underlyings und der des Derivats nicht symmetrisch sein müssen. Eine Variation im Preis des Underlyings kann zu einer disproportionalen Variation im Preis des Derivats führen. Eine geringe Variation des Preises des Underlyings kann also zu einer enormen Preiserhöhung des Derivats führen, man denke daran, dass in der Subprime Krise eine geringe Anzahl an Ausfällen zu hohen Verlusten bei dem CMOs führten.

Derivate sind Instrumente, die bepreist werden, um die Volatilität, Kalküle informatischer Erfassung, die über Bildschirme vernetzt sind und in verschiedene Arten von Verträgen bestehen, zu bewirtschaften. Sie sind nichts weniger als neue Techniken des Kapitals für die „Ernte“ des allgemeinen Reichtums und sind als solche schon in der Plantage, der Fabrik und der deterritorialisierten Fabrik der Massenmedien angelegt. Die Plantage hatte die Sklaverei und die Peitsche institutionalisiert, die Fabrik fügte den imperialen Staat, seine Polizei und die Uhr hinzu, und die sozialen Medien fügten Delirium, Raserei, generalisierte Psychosen, Metadaten und den Bildschirm hinzu. Baumwolle und Zucker erforderten andere Methoden als Waschmaschinen und Automobile, und auch Bilder verlangten eine Neugestaltung der Protokolle von Organisation, Kontrolle und Wertschöpfung – alles geprägt von Skaleneffekten und steigender Marktvolatilität, als Verzweigung der Ungleichheit. Für Beller sind monetäre Medien und die darin enthaltene Entwicklung zur Strukturierung von Krediten/Schulden und soziale Medien mit der Entwicklung neuer Metriken der Aufmerksamkeit und der Aufmerksamkeitsmärkte konvergent, sie funktionieren über Berechnungen und sind damit ökonomische Medien. Ökonomische Medien bedeuten hier die Konvergenz von monetären und semiotischen Medien als Berechnung, orchestriert durch den Weltcomputer des rassistischen Kapitalismus. Die Illiquidität des größten Teils des Planeten sichert heute die Liquidität der Finanzwelt. Was letztlich verwaltet wird und der Macht unterliegt, ist der Zugang zur Liquidität.

Ein Facebook-“Like wurde im Jahr 2013 mit einem einen Dollarwert von bis zu $214,81 angegeben. Facebook hat in der Folge immer mehr Optionen und Algorithmen eingeführt, um die Wünsche der Nutzer für die Werbung sichtbarer und deren Aufmerksamkeit granular monetarisierbar zu machen. Im Allgemeinen führt die bloße Berührung eines Pads oder Bildschirms zu einer Veränderung in der Funktionalität, was neue Zugänge, Verbindungen und Informationen hervorbringt, und zwar in zunehmendem Maße, und so auch beim Geld. Neue Metriken der “Werterfassung” sind überall. Facebook ist heute bestrebt, Libra einzuführen, eine Kryptowährung, die es erlauben wird, einen beispiellosen Zugriff auf die Finanzpraktiken von Milliarden von Nutzern zu ermöglichen. Vogl ist in seinem Buch auf Libra bzw. Diem ausführlich eingegangen, auf mit den nationalen Währungen konkurrierenden digitalen, privaten Währungssystemen, die nicht mehr von Zentralbanken und Geschäftsbanken abhängig sein und zugleich das Potenzial besitzen sollen, global auf digitalen Netzwerken und zwischen unterschiedlichen Währungen zu zirkulieren und eventuell diese gar durch neues Plattformgeld zu ersetzen.

Selbst der indische Bauer, der der Volatilität der Preisschwankungen auf dem Weltmarkt unterliegt, wird hinsichtlich seiner Ernten zum Portfoliomanager. Anstatt für den lokalen Müller anzubauen, stellt jede Ernte für diesen Landwirt eine Position in Bezug auf den Weltmarkt dar, das heißt jede Ernte ist eine Exposition gegenüber der Volatilität, und das Wachstum mehrerer verschiedenen Ernten ist eine Möglichkeit, die Volatilität abzusichern. So kann das, was scheinbar als die traditionellste aller Tätigkeiten zu sein scheint, als gleichzeitig finanzialisiert und informatisiert verstanden werden. Der Anbau eines bestimmten Lebensmittels ist für Beller nichts anderes als das Starten eines Programms in einer Welt der Programme.

Für Beller setzt der Semiokapitalismus ähnlich wie für Bifo Berardi die Generierung von Bedeutung/Sprache und Finanzialisierung in-eins, er “bewaffnet” die Bedeutung und bringt sie auf den Markt. Wir haben in Kapitalisierung2 dagegen darauf hingewiesen, dass es problematisch ist, Finanzderivate an die Sprache zu koppeln, werden sich doch durch eine Reihe a-signifikanter Semiotiken (Guattari) qua Charts, Zahl und anderer mathematischer Instrumente strukturiert.

Information als “Bild” und “Bedeutung” öffnet ontologisch vorgängige Momente für neue und vernetzte Prozesse und Verarbeitung im Welt Computer. Azoulays Auffassung von der Bedeutung eines fotografischen Ereignisses als “unendlich” stützt sich paradigmatisch auf den verteilten Austausch, der heute in den sozialen Medien stattfindet: Azoulay bietet eine Theorie an, die die komplexe Beziehung zwischen Bild, Zeichen und Zahl voraussetzt, eine, die uns hilft zu erkennen, dass die Anatomie der sozialen Medien tatsächlich der Schlüssel zur Anatomie der Fotografie ist. Und auch die Fotografie ist heute ein Derivat, dessen Underlying die flüchtige Realität ist, die wiederum die Grundlage für die Exposition kontingenter Ansprüche ist. Die Änderung ihrer Regeln der Zusammensetzung verändert die Exposition gegenüber dem Risiko, das in einem solchen Fall endemisch ist. Das will heißen, dass die Fotografie in einem Netzwerk existiert. Beller verweist an dieser Stelle wieder auf Randy Martin und dessen Verständnis eines soziales Derivats, das es ermöglicht, eine Art Volatilität zu navigieren und gemeinsam etwas zu riskieren, um mehr von dem zu bekommen, was man will, eine „Wette“ auf Volatilität, die aber von den Subalternen kommen kann. Die Fotograf war immer schon ein Knoten in einem Netzwerk unbestimmter Spezifikationen. Aber das Netzwerk neu zu gestalten, die Ontologie des fotografischen Bildes und der Fotografie als Praxis neu zu überdenken, so Beller, könne auch bedeuten, die daraus resultierenden Praktiken zu überarbeiten und damit auch die realen Abstraktionen, die durch technische Bilder geschaffen werden, abzuschaffen. Mit der Fotografie, also einem Eingriff in die vektorielle Bewegung von I-C-I′ (Bild-Code-Image′), der die Produktion von I′ innerhalb eines bestimmten Bereichs von statistisch vorhersagbaren Parametern vornimmt, Parameter, die zum Beispiel durch Zionismus, Siedlerkolonialismus, militärisch-industrielle Macht, vertikale finanzielle Integration und die Kunstwelt bestimmt werden, ist auch eine Unterbrechung des Stromkreises G-G′ möglich. Es ist eine Unterbrechung des nahtlosen Datenflusses, eine Krise der Inwertsetzung, ein “Hack”.

Historisch und aktuell markiert die Kamera eine dreifache Abstraktion von der Realität: Vom hand-gerenderten Bild (Höhlenmalerei macht aus vier zwei Dimensionen) zur geschriebenen Linie (Hieroglyphen, die das zweidimensionale Bild zerreißen und es eindimensional machen, also linear, in die geschriebenen Zeile) bis zum materialisierten Kalkül des fotografischen Apparates (lineare alphanumerische Schrift, einschließlich der Mathematik, der Optik und der Chemie – erweitert in die Materie als Programm zur Erzeugung von Fotografien). Durch die Produktion von “technischen Bildern” mittels dieser dreifachen Abstraktion, verändert die Fotografie das lineare Denken grundlegend, ebenso wie die Struktur der Zeit und damit das Verhältnis von Geschichte und Wirklichkeit, sodass der Mensch in die Domäne des programmierten Bildes, “das Universum der technischen Bilder”,einprogrammiert wird. Technische Bilder sind selbst das Produkt des automatisierten Denkens von Programmen, die die Welt via des Denkens in Zahlen abstrahieren. Das Fotografische ist nicht ein Fenster auf die Welt, es ist programmatische Information. Milliarden von kybernetisch vernetzten Kamera-Automaten treiben heute das Programm der Kamera voran und erzeugen die Auflösung des linearen Denkens, der sprachlichen Beherrschung und der Subjektform, indem wir an der Autonomisierung der Fotografie teilnehmen. Das fotografische Programm ist Fotokapital, eine Emergenz des Weltcomputers.

Mit der Konsolidierung von Bild-, Code-, Finanz- und Staatsmacht, wird heute die Priorität von Bild und Benutzer vollständig umgedreht, denn das menschliche Sensorium wird zum Eingabegerät für die Befehlssteuerungs-Funktion der Berechnung, während der menschliche Körper zum Avatar des Algorithmus wird. In der Zukunft, werden einige Menschen den “Job” haben, Roboter-Attentäter vor ethische Dilemmas für Roboter-Attentäter zu stellen.

Für Beller zeigen die kybernetischen Verästelungen der Datenverarbeitung neue produktive Schnittstellen sowohl für den “Beobachter” als auch für den “Beobachteten” auf verschiedenen Skalen an. Das meiste, was wir sehen, was wir verarbeiten und was wir tun, ist heute informatische Arbeit für das Computerkapital: Wir sind eingeschrieben in und durch die rechnerische Produktionsweise. Diese Logik, obwohl sie schwer zu erkennen, ist in der Tat ziemlich rigoros. Sie erscheint den meisten aber als Chaos, das nur teilweise organisiert etwa durch atavistische Triebe zu erkennen ist. Der Funktionalismus des Sozialen und das Scheitern einer anderen Sozialität gehören zu den Ergebnissen dessen, was Stiegler als eine Proletarisierung der Sinne und des damit verbundenen kurzfristigen Denkens nennt, und ist die Ursache dessen, was Berardi als Burnout, Depression und die Psychopathologien der Gegenwart diagnostiziert.

Die frei fließende Souveränität der neoliberalen Kapitalsubjekte als Modularität, Containerisierung und Sequenzierung ist für Beller einerseits aus den Praktiken der Sklaverei, der Kolonialisierung und Ghettoisierung hervorgegangen, andererseits verfeinert sie solche Formen der Herrschaft. Für Beller ist der Rassismus des Neoliberalismus immer nur einen kleinen Schritt vom Faschismus entfernt.

Beller kennt keine klare Unterscheidung zwischen technischem Bild und Code mehr und will zeigen, dass die Komplikation in der Geschichte der Computermaschinen und des Denkens endemisch ist. Software ist letztlich untrennbar von der Medienumgebung, in der sie funktioniert und hat daher keine starre Grenze oder ein diskretes Wesen. Die Instanzen der Datenvisualisierung der kybernetischen Berechnung sind “Momente” in der Ausdehnung des Universums der Information. Friedrich Kittler, der diese Logik der Einbettung und Einbettungslogik auf die Spitze treibt, hat infamerweise erklärt, dass es keine Software gibt, denn alles reduziert sich am Ende auf Spannungsdifferenzen. Genauer gesagt, behauptet er, würde es keine Software geben, wenn Computersysteme nich von einer Umgebung von Alltagssprachen umgeben wären, i.e. Computer sind, wie andere Medien auch, immer auch Metapher-Maschinen. Und so ist Image-Code-Image′ (geschrieben als I-C-I′ in der Formel G-I-C-I′-G′) wie die Ware”W” davor in G-W-G′ auch eine Art Hypostasierung – ein diskretes Moment im instrumentalisierten Fluss der Welt. Bei den Variablen I und C, die stets durch weitere Variablen markiert sind, handelt es sich um vernetzte Momente im Informationsfluss, die durch Quantenhypostase vermittelt sind, i.e. Punkte vernetzter Schnittstellen. Diese Vermittlungen, die man mit G-I- abkürzen kann, wobei “I” Information ist, können heute entweder von Maschinen oder von Menschen mittels sinnlicher, affektiver, aufmerksamkeitsbezogener, kognitiver oder metabolischer Arbeit durchgeführt werden, und sie können stets vernetzt werden. Für Beller kann der Fluss G-I-G′ von einer diskreten Zustandsmaschine erfasst werden und stellt die prägnanteste und allgemeinste Form der vernetzten Produktion und Reproduktion des computergestützten rassistischen Kapitals dar.

Das Bildschirm-Bild ist also nicht endgültig vom Code, der es wiedergibt, zu trennen, noch ist die aktuelle Organisation der Visualität vom Code/Bild zu trennen. Die Mona Lisa, entweder im Louvre oder auf dem Bildschirm, ist nicht mehr nur ein Gemälde, sie ist vielmehr ein Knoten und eine Schnittstelle in einem riesigen informatorischen Netzwerk, genau wie jedes Subjekt selbst. Die Umgebung der Alltagssprache, die die Software “umgibt”, ist Teil der Software. Diese Kolonisierung von Sprache und Bild zeigt die Umwandlung von “menschlichen” Interessen in G′ an. Das ist für Beller die wirkliche Subsumtion.

Angesichts der Dominanz von Bildern in allen sozialen Bereichen und der vollständigen Digitalisierung von Bildern und ihrer Subsumtion unter das Regime der kapitalistischen Informatik wird deutlich, dass die rechnergestützte Produktion auf den verschiedenen digitalen Tretmühlen zur allgemeinen Form der produktiven Aktivität im Intervall zwischen G und G′ wird. Wie Ratten (die sich aber im Gegensatz zu diesen auf den Plattformen ständig narzisstisch Meinungsblüten zuschreiben) drehen wir die digitalen Zahnräder und mahlen diskrete Zustände aus. Durch unsere Verhandlung von Bildern (aufmerksam, abgelenkt, psycho- oder neurologisch, semiotisch, metabolisch, unbewusst, usw.) und des Abgebildeten pflegen wir ohne es zu wissen den Code. Auf der Suche nach Bildschirm-vermittelter Souveränität, der Macht des Programmierers, sind wir in das Netzwerk der Computer eingebettet und führen ständig ohne es zu wissen Berechnungen durch, um die Programmierung weiter zu füttern. Wir sind Informationssubstrate, die versuchen, den algorithmischen Satz zu verwalten.

Wie Flusser bemerkt, sind heute alle Aktivitäten danach ausgerichtet, fotografiert zu werden. Alles ist ein Mittel der Fotografie und die Bedeutung wird durch die Kamera gegeben. Der Mensch wird also vom fotografischen Apparat subsumiert, und wir bewegen uns in dem, was Flusser das “Universum des technischen Bildes” nennt und was Beller die “Medien-Umwelt” oder das “Welt-Medien-System” nennt. Anders als Flusser versteht Beller das Programm des technischen Bildes als extrem räuberisch in einem rassenkapitalistischen Modus fungierend, als eine Erweiterung des kapitalistischen Programms, der kapitalistischen Vermittlung und damit der Logistik der Kommodifizierung und Entlohnung. Mit anderen Worten, die Programme, die das Visuelle verzweigen, richten nicht nur eine Logistik der Vereinnahmung ein, sie etablieren Verwertung, die ständig damit droht und aktiv danach strebt, den gesamten Reichtum an das Kapital zu übertragen, indem eine radikale Überdeterminierung in Bezug auf unsere Praktiken und Potentiale stattfindet.

Flusser ist sich darüber im Klaren, dass Kameras die Welt als Information repräsentieren. Für das Auge sind die Informationsprozessierungen meist nicht mehr sichtbar. Selbst wenn die Zeit bei einer Börsentranskation auf einer Graphik in realtime um einen Faktor von 40.000 verlangsamt wird, sind die Transaktionen schwer für das Auge zu verfolgen, geschweige denn zu erklären. Und das ist der Handel mit nur einer Aktie. Die Anzahl der Transaktionen, die mit Lichtgeschwindigkeit stattfinden, zeigt, dass Berechnung, Kommunikation und Finanzspekulation ein und dieselbe Bewegung geworden sind. Diese integrierten Funktionen arbeiten algorithmisch und eignen sich nicht für handlungsfähige Repräsentationen; sie scheinen also effektiv den visuellen Bereich kurzzuschließen und vielleicht sogar darüber hinaus die menschliche Kognition. Information ist ein Derivat des Bildes, das wiederum selbst ein Derivat der Sprache ist. Beller spricht von Maschinenerkenntnis, die die visuelle und sprachliche Kognition für Milliarden von aufeinanderfolgenden Maschinenzyklen orchestriert. Wie zur Bestätigung von Virilios These in Speed and Politics versteht man, dass die Überschreitung konventioneller Beschränkungen der Raum-Zeit durch Regime der Abstraktion ein Mittel ist, um innerhalb der konventionellen Raumzeit Macht auszuüben.

Im Industriezeitalter hat ein Unternehmen die Spanne zwischen Ertrag und den Kosten für eine technische Aufrüstung zur Effizienzsteigerung monetarisiert, ging also ein Risiko zu einem geeigneten Zeitpunkt ein und investierte dann in neue Technologie. Nach einer Investition in eine neue und effizientere Technologie, kostet es weniger, eine Einheit von x zu produzieren und das Unternehmen kann profitieren. Diesen Vorteil kann das Unternehmen nutzen, indem es zu einem Preis nahe an dem alten Preis verkauft, zumindest bis die Technologie verallgemeinert wird und der Marktpreis von x auf seine tatsächlichen Durchschnittskosten sinkt. Aber heute sind die Spreads komplexer. Die Grundstruktur, die die Innovation motiviert, bleibt Arbitrage: Durch Innovation in der Produktionseffizienz “kauft” der Hersteller die Produktion der Ware für weniger Geld pro Einheit und verkauft sie auf einem Weltmarkt, wo das Wissen, das in der innovativen neuen Maschinerie materialisiert ist, noch nicht global zu allen Produzenten durchgesickert ist. Daraus erkennen wir, dass der Preis aus der Perspektive des Käufers ein Derivat auf das Wissen ist, das eine Einschätzung des Risikos, die Ausübung einer Option, inkludiert. Wenn das innovative Wissen im ganzen System durchgesickert ist, dann tendieren die Dinge zum Gleichgewicht und es gilt das “Gesetz des einen Preises” ohne Arbitrage. Das Kapital wird sich stets dorthin bewegen, wo die Profitrate und damit der Grad der vertikal integrierten Ausbeutung am höchsten ist.

Systemisch gesehen ist das Ergebnis dieser Arbitrage die allgemeine Rendite – der Zinssatz auf G. Was auf den Finanzmärkten verkauft wird, sind unter anderem also Optionen auf das Kommando über Arbeit und Zeit, über Stoffwechselzeit. Von G zu G′ zu gehen, ein monetäres Interesse zu realisieren, bedeutet mehr und mehr Stoffwechselzeit für das gleiche Geld kaufen zu können. Dabei muss der Preis der Stoffwechselzeit muss immer tiefer getrieben werden, damit die notwendige Arbeit (die Arbeit, die notwendig ist, um die Kosten für das Überleben des Arbeiters zu decken) einen immer kleineren Anteil an der gesamten Arbeitszeit annimmt. Die verschiedenen Industrien und Plattformen konkurrieren derart, dass sie die zukünftige Stoffwechselzeit zum niedrigsten Preis auf den Markt bringen. Beller spitzt zu: Das Leben von Bildschirmbenutzern stehlen, das Leben von Zielen stehlen, das Signieren von Bevölkerungen betreiben, um die Staatsverschuldung oder den Verkauf von waffen zu steigern. Strategien zur allgemeinen Senkung der Lebenskosten zur Verbilligung des Lebens. Die “Nutzer”, die Bewohner des Weltcomputers, werden mehr und mehr die Last der realen Abstraktion tragen und haben allgemein immer weniger zu erwarten.

Der Wettbewerb zwischen den verschiedenen Kapital-Innovationen der vernetzten Extraktion und Valorisierung und spezifische Anwendungen von Code senken den durchschnittlichen Preis des Lebens noch weiter. Carceral societies, Besetzungen, Siedlerkolonialismus, Lager, Enteignung – das sind keine strukturellen Anomalien des digitalen Kapitalismus, vielmehr sie die tragenden Resultate des Finanzkapitals und sind als solche nicht nur das Backend von Finanzderivaten, sondern Requisiten des rechnergestützten Rassenkapitalismus.

Beller führte erstmals im Jahr 1993 den Begriff der “filmischen Produktionsweise” und kam zu vier Folgerungen: 1) Das Kino bringt die industrielle Revolution ins Auge; 2) schauen heißt arbeiten; 3) die Aufmerksamkeitstheorie des Werts aktualisiert die Werttheorie; 4) der aymmetrische (ausbeuterische) Austausch findet vis-à-vis gegenüber dem Bildschirm statt. Das Internet als Produktionsmittel ist heute sowohl Voraussetzung als auch Paradigma für die Bildschirm-vermittelte soziale Fabrik. Aufmerksamkeitsarbeit oder metabolische Zeit kann als informatische Arbeit aufgefasst werden. Es sollte nicht überraschen, dass der Eingriff in die Privatsphäre und die Phantasie Teile der neuen Bedingungen der gesellschaftlichen Produktion und Reproduktion sind.

Was wir heute sehen, ist das Vordringen einer zunehmend granularen Grammatisierung von Aufmerksamkeit und von nervösen Prozessen, die das, was zu notwendiger Arbeit wird, in einer Weise extrahieren, die nicht mehr im traditionellen Sinne entlohnt wird. Menschen werden mit Likes, Endorphinen, sozialem Know-how und anderen Affekten abgespeist, wobei sie allenfalls mit Berühmtheit, Zugehörigkeit, Macht und Intimität entlohnt werden. Es scheint, dass auch die Geldform und soziale Anerkennung konvergent werden; Berühmtheit und die Marke beginnen zu sich gegenseitig zu artikulieren, insofern das eine sich in das andere übersetzt, beides sind zunehmend liquide Vermögenswerte. Plattformbasierte und netzwerkbasierte Währungskäufe sind heute auch Formen der Befriedigung. Hier sieht Beller auch den Prototyp im sozialen Bereich für das, was das Aufkommen von Kryptowährungen ausmacht. Kryptowährungen sind ein neues Medium, sowohl eine Form von Geld als auch ein soziales Netzwerk. Wie auch beim Verhältnis von Geld und Information, scheint uns hier die Konvergenzthese nicht belegt zu sein und wäre eher auszudifferenzieren und es sollte auf die Verschränkung der Begriffe verwiesen werden.

Wir begeben uns heute permanent in eine technopsychische Landschaft und suchen dort das Risiko und die Belohnung für unsere investierten Kapazitäten. Wir sind inzwischen zunehmend vertraut mit den verschiedenen kognitiven Substarten, die mit unterschiedlichen Schwerpunkten versuchen, die kapitalistischen Konvergenzen von Arbeit und Spiel, immaterielle Arbeit, Aufmerksamkeit, Prosumer, kognitiver Kapitalismus, Semiokapitalismus, Virtuosität, Neuropower etc. zu verkoppeln. Diese Begriffe stehen für die Arbeit, die wir riskieren, die Ware, die wir auf den dem volatilen Markt der Beschäftigung anbieten. Weniger bekannt ist die Konvergenz von Lohn als Geld und als Anerkennung, in der beide zu Iterationen des allgemeinen Äquivalents und damit austauschbar für menschliche Zeit werden, quantifiziert und qualifizierte Zeichen, die uns im Austausch als Ausgleich für unsere Anstrengungen angeboten werden. Hier beginnen wir die finanzielle Vereinnahmung der Expressivität zu sehen und auch die Möglichkeit einer radikalen Form des Finanzwesens als Ausdrucksmedium.

Stieglers Arbeit über politische Ökonomie und Enteignung verweist auf die “Grammatisierung der Geste” durch die Industrie sowie der audiovisuellen Wahrnehmung und Kognition durch das, was er “Retentionssysteme” nennt, also Medientechnologien. Diese Grammatisierung von Wahrnehmung und Kognition durch Medien und Plattformen macht die Libido nutzbar und bewirkt die “Proletarisierung des Nervensystems“.

Die Formel G-I-G′ impliziert die Konvergenz von Information und Werbung, eine Angleichung der Interessen. Angesichts der postmodernen Intensivierung des Verschwindens des Referenten des Zeichens lässt sich sagen, dass alles für etwas anderes wirb und damit auch für sich selbst. Diese prägnante Formel ließe sich weiter auf eine präzise Deduktion dessen reduzieren, was nichts weniger als der herrschende Imperativ der postfordistischen Gesellschaften ist.

Vom Standpunkt des Kapitals aus gesehen wird die Rolle der Surplus-Bevölkerung darauf reduziert, als Substrat für die Bild-Produktion und Semiose zu dienen; nicht nur in Fabriken, Hüttenindustrien, Subsistenzlandwirtschaft und informellen Ökonomien, sondern auch als hungernde Horden; “irrationale”, kriminalisierte oder überflüssige Bevölkerungen; Subjekt-Objekte für Bombardierung; verzweifelte Flüchtlinge; und sogar Leerstellen in der Idee der Welt – Orte des sozialen Todes. Die Menschen werden (via Diskurs und Bildschirm) zur Organisation von militärischer Produktion, nationaler Politik, Internierungslager und Gefängnis, bürgerlichen Imaginationen, Museumsausstellungen, Unternehmensstrategien und Marktprognosen genötigt. Diese Auslöschung und Wegwerfbarkeit, die durch Einschreibesysteme auferlegt wird, die jede Sinnproduktion absorbieren, ist auch eine Errungenschaft der Werbung, die für den rassistischen Computerkapitalismus endemisch sind. Das Argument ist, dass im Kontext von Virtuosität und der Enteignung des kognitiv-linguistischen Moments durch das rassische Computerkapital die Sozialität selbst zur Werbung geworden ist. Diese Situation repräsentiert – ja erzwingt – eine abgeleitete Logik, eine Logik, in der jede Aktion eine Absicherung ist, eine Art von Risikomanagement, das der Maximierung einer Rendite dient. Zusätzlich zur Fraktalisierung des Faschismus, in der sich das Handeln als ein Profil manifestiert, das die Aufmerksamkeit anderer aggregiert hat, ist die Werbung längst in das Bild und in die Datenvisualisierung eingedrungen. Alle Zeichen werden zu Punkten potentieller Kathexis, zu derivativen Positionen auf einen Basiswert, der die soziale Währung und letztlich den Wert ist. Wir arbeiten an den Worten und Bildern, aber als Zahlen gehören sie jemand anderem. Die Medien selbst sind zu Formen des Kapitals geworden und unser Gebrauch dieser Medien bedeutet, dass wir an der Wertschöpfung arbeiten, die das Kapital aufwertet.

Teil 1 hier und Teil 2 hier

Foto: Sylvia John

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