Geld gleich Information? Zu den Neuen Büchern von Vogl und Beller (1)

Wie im neuen Buch von Joseph Vogl Kapital und Ressentiment ist auch für Bellers Buch World Computer die Information ein zentraler Begriff. Die drastische Zunahme von Informationen impliziert für Beller die Möglichkeit einen Derivatvertrag auf jedes beliebige Phänomen abzuschließen, was nicht anderes heißt, als dass die Existenz der Information mit dem finanzialisierten Kalkül der Wahrscheinlichkeit und damit des Risikos und der Unsicherheit verbunden ist. Beide Autoren stellen die zentrale Frage, wie Preise und Informationen miteinander verbunden sind, und welcher Faktor die Dominanz gegenüber dem anderen besitzt. Für Beller ist die Information zu einem Derivat der Realität geworden, dessen Bedeutung allerdings die der Realität übersteigt. Darüber hinaus wird der Algorithmus zur Management-Strategie für die soziale Differenzierung, die durch und als Information eingeführt wird, zu einer bürokratischen Heuristik und zum Apparat für die profitable Integration von Differenz.

Ähnlich spricht Vogl von der Finanzialisierung der Information und der Informatisierung der Finanz, ihrer Verkettung, wobei die finanzökonomische Übernahme von Informations- und Kommunikationstechnologien durch massive Investitionen in diese Sektoren seit den 1970er Jahren begleitet war und zu einer ganzen Serie von Börsengängen von IT-Unternehmen führte. Vogl konstatiert einen Informationsdiskurs, der ausgehend von den streng stochastischen, kybernetischen und mathematischen Informationstheorien seit den 1940er Jahren, den Begriff der Information weitestgehend pluralisiert und gleichzeitig verwässert hat, sodass er sozusagen als Metapher in allen möglichen Wissensbereiche diffundieren und sich zum „Substanzbegriff“ mausern konnte. Entscheidend ist dabei die Integration der Informationsökonomie in die Finanzökonomie und deren Wissensrepertoire, sodass Finanztransaktionen ohne Informationsprozesse, der Markt als steuernder und rechnender Computer, der durch kybernetische Rückkopplungsschleifen angereichert wird und dadurch funktioniert, schlichtweg undenkbar werden. Es war natürlich im neoliberalen Diskurs Friedrich Hayek, der den Markt als ein computionales Steuerungsgeschehen begriff, bei dem die Preissignale wesentlich sind und die entscheidenden Informationen enthalten, die zum fluktuierenden Gleichgewicht und zur Reproduktion der Marktökonomie über die andauernde Korrektur durch Feedbackschleifen führen. Auch Beller erwähnt Hayek, der die algorithmische Optimierung der Ökonomie als Exklusion des Semantischen vorwegnimmt und die Marktökonomie ein System von Telekommunikationen nennt, das durch das, was er als effektives Preissignal begreift, in Gang gesetzt wird. Der Preis verdichtet die ökonomische Komplexität zu einer einzigen Zahl und zugleich werden alle sozialen Signale in die „Telekommunikation“ des Preissignals integriert, das selbst „inhaltsindifferent“ ist. Beller behauptet, dass eine solche inhaltliche Gleichgültigkeit nicht nur von der monetären Abstraktion abhängt, sondern von einer Matrix von Abstraktionen, sei es Warenabstraktion, Rassenabstraktion oder Geschlechterabstraktion.

Während Beller von einer Integration der Differenzen spricht, konstatiert Vogl im finanzökonomischen Kontext eine Entdifferenzierung der Differenzen, die darauf zurückzuführen ist, dass an den Finanzmärkten aufgrund der Verkettung von Informationen mit Trends, die Meinungen über Meinungen spiegeln, die Differenzen zwischen Meinung, Glauben und Wissen verwischt worden sind, und Preissignale und Informationsbearbeitung sich in automatisierten Prozessen gegenseitig verstärken. Dabei können diese Prozesse zunehmend stärker von Algorithmen betrieben werden, die determinierte Takte zur Lösung von Problemen implizieren. Andererseits spricht Vogl wieder von der Information als einem Ereignis, das mit Erwartungsparabeln arbeitet und bestimmte Zustände ständig selektiert, um Veränderungen anzuzeigen, die Differenzen, die Differenzen machen (Bateson), perpetuieren. Beller wiederum spricht in diesem Kontext die Boolesche Algebra und Mustererkennung an, die in Folge der algorithmische Ausführung von sozial abgeleiteten Informationen eine Durchdringung der Welt befördern und ältere soziale Narrative und Wissensgebiete erschüttern und damit die Platzierung kontingenter Ansprüche auf eine beliebige finanzökonomisch ausgelegte Tranche ermöglichen. Er fragt rhetorisch: Wie viel kostet es, einen Sklaven zu verschiffen? Wie hoch sind die Versicherungspolicen für Sklavenhändler? Prädiktive Polizeiarbeit? Für den rassistischen Kapitalismus wird Schwarzsein zu einer Junior Tranche. Ja der globale Süden wird zu einer Junior-Tranche, zur niedrigsten Tranche eines Wertpapiers (Subprime), diejenige, die zugleich als am riskantesten gilt. Der brutale „Teile und herrsche“-Ansatz basiert auf einem Kontinuum der Trennung, das die rassistischen kapitalistischen Verfolgungen des Siedlerkolonialismus, der Fabrikbaracken und der Lager, sowie die „Entfremdung“ am Arbeitsplatz und Debords Spektakel begleitet und bewirkt, bestimmte Phänomene zu isolieren und auf den Wert der Ereignisse zu setzen.

Die Unterscheidung zwischen Signal und Rauschen ist für Beller in erster Linie eine Frage der politischen Ökonomie und ihres Rassismus. Das Rauschen, das Vogl vielleicht mit den Meinungsmärkten assoziieren würde, ist eine Quelle der Volatilität und seine Eliminierung aus Sicht der Kommunikationstheorie eine technische Angelegenheit. Beller versteht es hingegen als eine Angelegenheit von Politik und Wirtschaft, wobei die Eliminierung des Rauschens mit der „Unterdrückung von Menschen“ korrespondiert. In finanzieller Hinsicht ist die Volatilität wiederum ein Ausdruck von Entscheidungssequenzen in der Preisfindung unter den Bedingungen von Unsicherheit. Es sei, so Beller, eine Ironie des Schicksals, dass die Volatilität zu einer wichtigen Quelle der Wertschöpfung, der synthetischen Finanzwirtschaft und heute auch für die Staaten geworden ist.

Beller und Vogl sprechen beide von einer Konvergenz von Informatisierung, Kommunikation und Finance. Während Beller diese Konvergenz als Computation begreift, interessiert sich Vogl stärker für die Konvergenz als Möglichkeit, die zur Wucherung von Meinungsmärkten, Referenzillusionen und imaginären Bewertungsorgien führt, wobei sich aber durchaus alle möglichen Ereignisse in algorithmische Berechnungsprozesse übersetzen lassen. Beller spricht an dieser Stelle von einem universelles System des Rechnens, einer virtuellen Maschine, die er „Weltcomputer“ nennt und die als diachroner Fluss (Verarbeitung) von Informationen nichts anderes iumspannt als eine Vielzahl von ökonomischen Medien.

Beller erwähnt in diesem Kontext Nick Dyer-Whitefords Bemerkung, dass das Kapital immer schon ein Computer gewesen sei, und er selbst begreift den Weltcomputer als das Substart einer Geschichte der Kommodifizierung (und der Kapitalisierung müsste man hinzufügen) des Lebens bzw. als einen Prozess der Übersetzung der unzähligen Qualitäten der Welt in Quantitäten. Derzeit ist die Geldähnlichkeit der Affekte – sichtbar als „Likes“, die die Aufmerksamkeit und den Affekt als Währung behandeln – symptomatisch für die Finanzialisierung des täglichen Lebens ( Randy Martin). Die Kolonisierung der Semiotik durch das rassistischeche Kapital hat alle „demokratischen“ Modi des Regierens obsolet gemacht, außer jenen, die dem gewaltsamen Zweck dienen, Profite aus der Mehrarbeit zu extrahieren.

Beller fasst damit schon die wesentlichen Punkte seiner Studie zusammen:

1. Die Kommodifizierung leitet die globale Transformation von Qualitäten in Quantitäten ein und lässt den Weltcomputer entstehen.

2 „Information“ ist keine natürlich vorkommende Realität, sondern der Ausdruck/Idenität eines Preises und sie ist immer ein Mittel, um den Preis eines möglichen oder tatsächlichen Produktes zu beeinflussen. (Für Vogl hingegen ist es die Information, die heute den Preis bestimmt, was wir für falsch halten, da Informationen wie die Derivate in Geld eingelöst werden müssen und nur so kapitalisiert werden können.)

3 Die allgemeine Formel für Kapital, G-W-G` schreibt Beller um: G-I-G`, wobei I für Information steht.

4 Aufmerksamkeit, Kognition, Metabolismus und Leben konvergieren als „Informatische Arbeit“, wobei deren Zweck für das Kapital darin besteht, Zustandsveränderungen in der universellen Turing-Maschine, die der Weltcomputer ist, zu intensivieren.

5 Semiotik, Repräsentation und Kategorien der sozialen Differenz funktionieren heute wie und als Finanzderivate.

6 Nur eine direkte Auseinandersetzung mit der rechnerischen Kolonisierung der Lebenswelt durch eine Neuprogrammierung der materiellen Prozesse, die bisher die reale Abstraktion konstituieren, kann den Ausweg aus dem Rassenkapitalismus anbieten.

Beller spricht des Weiteren von einem analytischen, rechnerischen Rassenkapital, das mit der rassistischen Abstraktion funktioniert und einen Code formalisiert, der als Betriebssystem für die virtuelle Maschine dient, die als „der Weltcomputer“ bezeichnet wird und sich in die Körper und alles andere einschreibt. „Computational racial capital“, ist ein heuristisches Mittel, um eine Analyse der Konvergenz dessen hervorzubringen, was auf der einen Seite als universell erscheint, nämlich die ökonomischen, abstrakten und maschinellen Betriebssysteme der globalen Produktion und Reproduktion, und was auf der anderen Seite manchmal als partikular oder sogar beiläufig erscheint, nämlich Rassismus, Kolonialismus, Sklaverei, Imperialismus und Rassifizierung.

Der Weltcomputer schreibt das, was Cedric Robinson als „zivilisatorischen Rassismus“ versteht und bei ihm ein zentrale Rolle in der Entwicklung des Kapitals als Axiomatik spielt, tief in die kapitalistische Kalkulation und Maschinerie ein. „Computational racial capitalism“ sei, so Beller als die Verallgemeinerung des Rechnens und als eine Erweiterung von Kapitallogiken und -praktiken zu verstehen. Dabei darf die Computation nicht als bloße technische Erscheinung verstanden werden, sondern als das praktische Ergebnis eines andauernden und blutigen Kampfes zwischen Kapital und Proletariat. (Zweifellos war und ist das Kapital nicht die einzige organisatorische Kraft, die der Ungleichheit Form und Systematik verleiht, auch der Rassismus ist „zivilisatorisch“, wie Cedric Robinson sagt.)

Die rassische Logik der Berechnung muss analysiert werden, sei es bezüglich der Finanzen Überwachung, Bevölkerungsmanagement, Polizeiarbeit, soziale Systeme, soziale Medien, oder in den Protokollen, die die Differenz für das Kapital nutzen. Die Instanz des Rechnens, eine spezifische 1 oder 0 Logik, mag wertneutral erscheinen, als eine Angelegenheit so indifferent wie Blei für eine Kugel oder Uran für eine Bombe, aber es fungiert als die Modalität eines Weltsystems. Die Berechnung entsteht letztlich als das Ergebnis von Kämpfen.

Wenn Information weder Materie noch Energie ist, wie eben auch kein Atom von Materie im Wert enthalten ist, wie Marx sagt, dann sind der Wert/Tauschwert wie die Information (anders als in Wieners naturalistischer Definition von Information) ein Index für eine soziale Beziehung, ja ein historisches Ereignis. Der Wert indexiert „abstrakte universelle Arbeitszeit“. Die geläufige Unterscheidung zwischen der sozialen Basis des Tauschwerts und dem universellen Charakter der Information sei, so Beller, zu überdenken. Heute wird Information als ein technologisches, selektives Ereignis verstanden, das sich durch die Verdrängung seiner sozialen Dimension auszeichnet. Beller bezieht sich hier auf Sohn- Rethels Begriff der Realabstraktion, der zeigen soll, dass die Abstraktheit, die im Austausch selbst stattfindet und sich im Wert widerspiegelt, einen identischen Ausdruck findet, nämlich im abstrakten Intellekt oder dem sogenannten reinen Verstehen der wissenschaftlichen Erkenntnis. In Anlehnung an Sohn-Rethel sagt Beller, dass Information in unseren Maschinen und in in unserem Wissen stecke. Nicht ein Atom der Materie gehe in die Information ein, obwohl sie, wie der Wert Materie und Energie zu ihrer Erzeugung benötige. Mit Sohn-Rethels durchaus diskussionswürdigen Begriff der Realabstraktion haben wir uns auf NON schon vielfach auseinandergesetzt. Wir folgen hier der Kritik von Frank Engster, Oliver Schlaudt und John Milios. Zunächst ist die Gneralisierung des Begriffs für verschiedene Produktionsweisen fragwürdig. Die Denkformen aus dem durch Geld vermittelten Warentausch und der in diesem angeblich angelegten Realabstraktion abzuleiten, setzt oraus , was eigentlich abgeleitet werden soll. Die Denkformen resultieren aus dem Geld vermittelten Tausch, womit zwar die Realabstraktion angezeigt ist, aber das Problem der Vermittlung zwischen Tausch und Denkform eben nur benannt ist, sodass Sohn-Rethel, um zur Denkabstraktion zu gelangen, zwischen Warenform und Denkform einen Akt der Identifizierung, der Widerspiegelung und der Verkehrung einschalten muss.

Beller wie Vogl zitieren im Kontext der Information Bateson, der von einer Differenz, die eine Differenz macht, spricht. Während Beller dann hinzufügt, dass es um eine Differenz geht, die einen sozialen Unterschied macht, betont Vogl, dass in den Ansammlungen des Neuen und Unerwarteten im Flow der Informationen vor allem an den Finanzmärkten von semantischen Inhalten abstrahiert wird, und Differenz lediglich als die von bestehenden Erwartungsstrukturen und -kalkülen markiert wird. Anders als Vogl verortet Beller diesen Abstraktionsprozess in der Realabstraktion des Geldes, die gleichgültig gegenüber bestimmten Qualitäten ist und den Schlüssel zu den inhaltsindifferenten Abstraktionen verschiedenster Art liefert. Für Beller fungiert Information als die Erweiterung eines monetären Kalküls, das den zunehmend abstrakten Charakter sozialer Beziehungen und sozialer Erfordernisse anzeigt. Sie ist ein kalkulatorisches Gewebe der Abstraktion, das durch seine koordinierte Kapillarwirkung die soziale Praxis orchestriert und eine Schnittstelle für die Aufnahme der Wertproduktion anbietet.

Wie es für Marx kein einziges Atom der Materie im Wert zu finden gibt, lässt sich für Beller kein einziges Atom der Materie in der Information finden. Wert ist die gesellschaftlich gültige Informierung der Materie. Und als ein diskreter Zustand der Materie, die den Wert als ein Netzwerk von Waren verkörpert, das durch Märkte vermittelt wird und an Arbeit gebunden ist, existiert damit historisch die diskrete Zustandsmaschine Computer, während der Tauschwert/Wert eben erst zu berechenbarer Information und dann zur Berechnung selbst führt, die damit interoperabel wird. Aber schon vor dem Aufkommen der eigentlichen Information operiert der Tauschwert/Wert als Information (und damit notwendigerweise als Informationsverarbeitung) und später als synthetisches Finanzwesen und als zeitgenössische Formen der computervermittelten Buchhaltung. Computation ist die Erweiterung, Entwicklung und Formalisierung des Kalküls des Tauschwerts und wird im Denken und in der Praxis zu einer Kommandokontrollebene oder Steuerungsebene für die Verwaltung des profitablen Wertkalküls. Als solche ist die Information die Rechenleistung des Geldes selbst und ist unweigerlich an die abstrakte Arbeitszeit und damit dem Rassenkapitalismus gebunden. Diesen Kurzschluss zwischen Geld und Information, den Beller hier dann doch vornimmt und an dem wir Zweifel hegen, beschreibt wiederum Vogl als einen Prozess, bei dem das Wissen auf Information und Information auf Preisdifferenzen reduziert wird, die wiederum zur weiteren Differenzierung von Informationen und Preisdifferenzen dienen.

Der monetäre Quantifizierungsprozess benötigt stets einen ausreichenden Return auf das Investment. Eine solche Rationalität wird heute rigoros sowohl auf menschliche als auch auf Mensch-Maschine-Prozesse angewandt, und dies im Kontext einer intensiven Entwicklung von Metriken und Abrechnungssystemen. Diese Entwicklung der vertikalen und horizontalen systemischen Integration muss als „rechnerische Produktionsweise“ verstanden werden. Sie optionalisiert und optimiert die Kapitalakkumulation und übersetzt gesellschaftliche Prozesse in zu investierende Derivate bzw. Finanzpositionen, die das Risiko in Bezug auf die Volatilität der Bewertung strukturieren. Vor allem LiPuma hat in seinem letzten Buch dazu eindrückliche Ergebnisse geliefert. Damit ist eine direkte Beziehung zwischen kybernetisch-sozialen Prozessen zum Finanzwesen vollzogen. In Anlehnung an Randy Martins Verständnis der Finanzialisierung des alltäglichen Lebens und des sozialen Derivats bezeichnet Beller diese Prozesse als die derivative Bedingung. Die Verzweigungen des Preissystems und seine Komplexität in und als synthetische Finanzen impliziert die Ergänzung des Bank-, Kredit- und Finanzsystems durch Informatik, welche es erlaubt, alles Mögliche monetarisieren (das heißt, alles, was zählt oder vom Kapital gezählt werden kann) und in die Risikobewertung als ein Modi der Rechnungslegung in Form von Kreditscores, Zinssätzen und Liquiditätsprämien zu integrieren. Für Beller transformiert die Information selbst zu einer Kapitalanlage, ja Information ist eine Form des Geldes. Dessen Operationen mittels der Quantifizierung, die durch die Sozialität und durch das, was man als Berechnung (ubiquitäres Computing) versteht prozessiert, verästeln alle nennenswerten sozialen Erscheinungen mit immer größerer Auflösung und Granularität bis zum heutigen Tag.

In Folge dieser programmatischen Abstraktion besitzen die Berechnung als Monetarisierung und die Monetarisierung als Berechnung eine totalisierende und universalisierende Tendenzen auf den globalen und lokalen Märkten aller Art. Aber der gesamte Prozess und seine Bearbeitung bleiben nichtsdestotrotz materiell gebunden an die qualitative, konkrete Spezifität, die rund um die Uhr verarbeitet wird. Die Skalierung der realen Abstraktion im Kapitalismus, seine Formalisierung im materiellen Prozess, welcher die Institutionen und Computermaschinen einschließt, erschöpft für Beller niemals die Differenz oder vernichtet den Konflikt, selbst wenn sie das Rauschen abschneidet, die Varianz reduziert und Objekte, Geld, Waren und Menschen kommensurabel und fungibel macht. Für Beller ist Information in Wirklichkeit gleich der Finanzialisierung, i.e. eine Antwort auf die systemische Notwendigkeit des rassistischen Kapitals, auf Dauer gestellt neue Vermögenswerte zu konfigurieren und Risiken zu bewerten, um Wissen, Semiotik und Sozialität zu quantifizieren und informatisieren, um diese Komponenten für die Zwecke der Produktion zu erfassen.

Wie eine unsichtbare Hand mit unendlichen Ziffern, die die Information selbst ist, kündigt die universelle Verallgemeinerung des Weltcomputers einer immer granularere Buchhaltung an, womit in Folge dieser Soziokybernetik nun ein Kalkül von Risiko und Belohnung alles Wissen und alles Unwissende begleitet. Die Information dient dabei als als ein instrumenteller Vorschlag für die Universalität der Rechnung und für die Rechenschaftslegung; sie dient als Medium des rechnenden rassischen Kapitals – das Mittel zur Erzeugung und Diskontierung eines zukünftigen Einkommensstroms mittels einer kybernetischen Schnittstelle, die mit jedem beliebigen Phänomen kommuniziert. Der Rest ist Technologie,oder, genauer gesagt, die Abstraktion und Verdinglichung sozialer Beziehungen und deren Sedimentierung und Automatisierung in Maschinen. Trotz dem etwas schockierenden Eingeständnis, dass „Information Information ist, nicht Materie oder Energie“ (Wiener) wurde Information fälschlicherweise doch alsein Effekt der bloßen oder schieren Existenz der Dinge, als ein ontologische Komponente der Dinge gedeutet. Beller geht hingegen davon aus, dass Information eine reale Abstraktion ist, eine Folge dessen, was Menschen getan haben und tun, wenn sie Waren produzieren und tauschen, wenn sie historisch gesehen Materie zusammenstellen, um die fallende Profitrate zu bekämpfen. Information ist also nicht, wie lange behauptet wurde, eine natürliche Eigenschaft von Dingen, sondern eine Erweiterung der Logik des Eigentums, ein soziales Ereignis, eine kapitalisierende Art des Wissens und des Handelns, die heute als ein derivatives Instrument fungiert, das an einen Basiswert gebunden ist – ein verallgemeinertes Mittel für die Preisbildung, das die Bearbeitung eines Risikos in einem Feld von Eventualitäten inhäriert. Information erscheint erneut eine reale Abstraktion, eine wesentliche Praxis der kapitalistischen Produktion (und Zirkulation müsste man zumindest hinzufügen); sie ist ein Mittel zum Preis.

Die Verzweigungen der rechnerischen Kodifizierung, die durch soziologische Metriken, Finanzbuchhaltung und rassistiscche Abstraktion entstehen und zum „computational mode of production“ führen, haben den Gesellschaftskörper und mit ihm fast die gesamte semiotische Aktivität in eine verteilte, rechnerische Fabrik verwandelt. Innerhalb dieser planetarischen Fabrikhalle, die in Folge des Weltcomputers und seiner Bildschirme zum immer gleichen Alltag geworden ist, begegnen wir einer noch nie dagewesenen Ausdehnung der Kolonisierung von Raum, Zeit, Diskurs und der Vorstellungskraft mittels des Flusses der Algorithmen. Alle Bewohner des Weltcomputers sind heute für Beller kybernetisch in einen durch Maschinen vermittelten Wettbewerb um Liquidität integriert. Der Weltcomputer hypostasiert die Operationen des rechnerischen rassistischen Kapitals, der die maschinelle Effizienz gegen den Sozius setzt und wirft die integrierten Operationen als eine riesige maschinische Assemblage aus, die durch reale Abstraktion (Information) vermittelt wird. Der Weltcomputer lebt dennoch gerade von der Produktion von Differenz und Differenzierung, um immer mehr vom Gleichen zu produzieren: Reichtum und Enteignung, das heißt, mehr Reichtum und mehr Enteignung. Im Namen der Effizienz greifen seine Algorithmen und algorithmischen Effekte alle Formen historisch aufgearbeiteter sozialer Differenz zum Zweck der Arbitrage auf Arbeitskraft und Macht auf, indem sie Technologien und Maschinen besetzen, konfigurieren und formatieren.

Lazzarato hat darauf hingewiesen, dass die kybernetischen Maschinen im Gegensatz zu den automatisierten Maschinen, die Marx vorfand, ein neuer Modus der Existenz sind, eine Relation und die Multiplizität von Relationen, eine Relation zu seinen eigenen Komponenten, zum Kapital, zu anderen Maschinen, zur Welt und zu den Menschen. Dabei sind Menschen und Maschinen keine definierten Entitäten, sondern in Maschinenkomplexe eingebunden, sei es in ihrer aktualisierten oder virtualisierten Komponente, und sie stehen stets in bezug zu Kriegsmaschinen. Wenn Maschinen relational sind, dann besitzen sie immer auch ein Moment der Indetermination, sie sind nicht, wie Marx noch annahm, nichts weiter als tote Arbeit, sondern zu differenzierten Prozessen der Individuation (Simondon) fähig (eben heute vor allem zum Anschluss an die Kriegsmaschinen des Kapitals). Selbst die kybernetischen Maschinen benötigen ständig soziale Komponeneten wie Entscheidungen, Bürokratie, Einschreibungen und Technokraten, die wiederum von politischen Ambitionen der Kriegsmaschinen des Kapitals nicht losgelöst sein können. Lazzarato schreibt in seinem neuen Buch Capital Hates Everyone: “ The politicians, technocrats, journalists, military men, experts, fascists, etc., constitute the subjectifications of the megamachine; they intervene as regulators, guardians, servants, restorers of the great flow of money, capital, technology, and war, but also as “governors” of the divisions of sex, race, and class, guarantors of the enslavements and subjugations implied by these divisions.“

Der Automat ist in sich selbst nicht automatisch, weder als Kapital noch als Maschine. Oder, um es genauer zu sagen, wenn die Maschine automatisch funktioniert, dann wurde sie vom Kapital darauf reduziert.

Ein solches unerbittliches, global integriertes Kalkül erfordert beständige Datenvisualisierungen. Und viele ehemals außerökonomische Aktivitäten wie die Oberaufsicht als das Beobachten von Maschinen und das Einstellen von Protokollen, die die Maschinen hervorbringen, damit ihre Operationen valorisiert werden können, sind jetzt wert-produktiv für das Kapital. Die Aufsichtspflicht ist komplexer geworden, seit das Kapital gezwungen ist, Maschinen rund um die Uhr zu beaufsichtigen, und dies umfasst gerade auch das, was man heute als „visuelle Kultur“ bezeichnet. Seit der Einführung dessen, was Beller die kinematische Produktionsweise nennt, werden wir eben jenen Maschinen, die wir beobachten, und von einigen, die wir weder beobachten noch sehen können, selbst beobachtet Es werden sozialen Codes geschrieben, die Rechte und Zugänge zuteilen, die Formen von Eigentum und Staatsbürgerschaft beinhalten und die auch Gewalt lizenzieren, die Straflosigkeit sichern und den Völkermord mit Hilfe von Netzwerken erzwingen. Auf zehntausend oder eine Million Weise überwachen wir und werden wir überwacht. Das Kapital ist, unter anderem, der Prozessor unserer Zeit und Zeiten, unseres Denkens, unserer metabolischen Entfaltung in Bezug auf Information – es produziert unser Cyborg-Werden, das unser „Sein“ zur Folge hat, so wie es eben ist.

Das Kapital, so Beller, ist der Metabolismus des Werts, während die Berechnung des Metabolismus die Information ist. Der Wert vermittelt den gesellschaftlichen Reichtum, während die Information das Kosmische vermittelt, wobei das Kosmische durch den Raum des Sozialen bekannt und in die Sozialität des Reichtums eingebunden bleibt.

Die Einheit von Wert und Information erscheint für Beller mit dem Konzept und den Fähigkeiten des Rechnens und kann mit dem Begriff des rechnerischen Kapital belegt werden. Dieses Konzept liefert dann Erklärungen für die Kapazität von Prozessen, indem sie diese identifiziert. Information ist ein Mittel zur Kapitalisierung ist, oder, um es zuzuspitzen, Kapital und Rechnen sind für Beller nicht zwei Dinge, sondern sie sind eins, da sie in der Praxis nicht mehr getrennt voneinander betrachtet werden können. Wenn Beller infolgedessen von Apparaten spricht, die Informationen aufzeichnen, verweist er auf die Totalität ihrer Infrastruktur, ihrer Geschichte und ihre kybernetischen Integration in die menschliche Praxis.

Computerisierung ist für das Finanzkapital das, was für Sohn-Rethel die Realabstraktion (Geld) für den sozialen Akt des Austauschs ist. Die vernünftig kalkulierende Berechnung schreibt hier ständig neue Optionen auf die Realität. Derivate sind, wie sich herausstellt, aufwändige und strukturierte Schematisierungen des Liquiditätsrisikos, das in den meisten Fällen für finanzielle Unwägbarkeiten steht, die für Beller im eigentlichen Prozess der Warenbildung (Produktion und Konsumtion) entstehen. Warum müsste man Beller fragen, nicht an den Finanzmärkten als Selbstreferenzialitäten selbst? Das Finanzderivat ermöglicht die Aufspaltung eines Vermögenswerts oder eines Bündels von Vermögenswerten, um seine verschiedenen Komponenten stückweise zu verkaufen, sodass es möglich wird, das Risiko zu strukturieren und zu handeln, ohne den Basiswert selbst zu besitzen. Siehe hier unsere ausführlichen Untersuchungen auf Non und in unseren Büchern. Das Risikomanagement, kann nun durch ein spezialisierten Kartell von Market Makern, die spezialisierte Produkte anbieten – ausführbare Verträge neuer Art – betrieben werden. Die Derivate formalisieren, quantifizieren und bewirtschaften Kontingenzen, die als Liquidität bestehen, und, sie sind heute überall wirksam, sowohl auf formale Weise als Finanzinstrumente als auch auf informelle Weise als Werbe- und Social-Media-Währungen der Affekte wie Likes und Votes. Dennoch wären gerade auch hier die Unterschiede zu untersuchen.

Durch ein Verfahren, das Robert Meister als Collateralization definiert, können Risikopakete rigoros gehandelt werden und als „Wetten“ auf die kontingenten Ergebnisse von Ereignissen stattfinden. Am Begriff der Wette hegen wir Zweifel, siehe unsere Ausführungen in den Büchern zur Kapitalisierung. Derivate sind also Liquiditätsprämien, die im Prinzip eine profitable Exposition gegenüber dem Aufwärtstrend eines beliebigen Vermögenswerts ermöglichen, während das Risiko durch eine klare Strukturierung des Risikos nach unten zu begrenzen ist. Für uns sind Derivate eine Form des spekulativen kapitals selbst. Für Beller ist das Finanzderivat nur die offensichtlichste Form, was kulturell gesehen als ein allgemeiner Fall in Bezug auf die Beschleunigung des rechnerischen Kalküls gilt, das rekursiv iteriert und folglich Volatilität induziert,

Beller erwähnt in diesem Zusammenhang Jean Baudrillard und seine Theorie der Simulation, die damals intonierte, dass die Abstraktion nicht mehr die der Karte, des Doppelgängers, des Spiegels oder des Konzepts sei, nicht mehr die eines Territoriums oder eines referenziellen Wesens oder einer Substanz, sondern die Erzeugung durch Modelle eines Hyperrealen ohne Ursprung oder Realität involviere. Für Beller hätte Baudrillard bei der Theoretisierung der Hyperrealität, auch schreiben könne, dass alles, was fest war, flüssig wird und zur Information schmilzt. Gerade die Berechenbarkeit verflüssigt den Festkörper in Übereinstimmung mit den Erfordernissen des Kapitals in einen ubiquitären informatischen Strom, der noch die Verflüssigung des Territoriums betreibt und seine gleichzeitige Partnerschaft mit dem kolonialen Projekt, dem industriellen Projekt, der Globalisierung und De-Realisierung der traditionellen Formen von Raum und Zeit anzeigt. Es explodiert die Fähigkeit des Kapitals, alles Mögliche zu infiltrieren, zu organisieren und vorherzusagen, ein Modell zu simulieren und durchzusetzen, zu abstrahieren und die Differenz in Übereinstimmung mit dem Code zu setzen. Das Rechnen selbst ist als eine Strategie des effizienten Risikomanagements und der Kosten-Nutzen-Analyse zu begreifen, die neue Wege der Ressourcenaufteilung aufzeigt und die potenzielle Rentabilität neuer Standorte in Erwägung zieht.

Aktuell hat Lazzarato gegen die Simulationsthese von Baudrillard eingewandt, dass das Reale, das selbst von einem unendlichen Netzwerk von Computern nicht antizipiert oder stillgelegt werden könne, keineswegs verschwinde, sondern in einer Reihe von Eruptionen, neuen Faschismen und Revolten ständig neu aufbreche.

Foto: Sylvia John

Scroll to Top