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Gesamtkapitalreproduktion und keynesianische Interpretationen von Marx

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20 Okt , 2017  

Jannis Milios, Dimitris Sotiropoulos

 

1. Einführung

In diesem Aufsatz werden wir den Versuch keynesianischer Ökonomen diskutieren, die Marxschen Reproduktionsschemata im 2. Band des Kapital so auszunutzen, dass sie die Marxsche Analyse mit dem Keynesschen Prinzip der effektiven Nachfrage in Einklang bringen können – mit anderen Worten: Marx in einem Vorläufer von Keynes zu verwandeln. Zu diesem Zweck knüpfen die Keynesianer an die Argumente von Tugan-Baranowskij und dessen Kritik an den traditionellen marxistischen Unterkonsumtionstheorien an.

2. Tugan-Baranovskij als Theoretiker der ununterbrochenen Akkumulation von Produktionsmitteln

Wie in der Vergangenheit schon diskutiert,1 hat der russische „legale Marxist“ Professor Michhail von Tugan-Baranovskij (1865–1919) seit Anfang der 1890er Jahre eine radikale Kritik an der unter russischen und deutschen Marxisten vorherrschenden Unterkonsumtionstheorie geübt. Die Kritik ging davon aus, dass Marx im zweiten Band des Kapitals die Reproduktionsschemata einer reinen kapitalistischen Gesellschaft formuliert hatte.

Die aus dem Kontext der Reproduktionsschemata entwickelte Krisentheorie bietet die Basis nicht nur für eine Kritik des Unterkonsumtionsansatzes, sondern auch für das bessere Verständnis der theoretischen Signifikanz der Marxschen Analyse über die erweiterte Reproduktion des Gasamtkapitals.

Wir erinnern die Leser, dass gemäß aller Versionen der Unterkonsumtionstheorie, die Produktion im Kapitalismus immer rascher als die Konsumtionskraft der Gesellschaft zunimmt. Als einzige (obwohl nur temporäre) Lösung des immanenten Realisationsproblems bleibt nun die Ausdehnung des Absatzmarktes mittels „dritter Personen“ aus den nicht-kapitalistischen Produktionsweisen.

Tugan-Baranovskijs [fortan: T-B] Kritik an der Unterkonsumtionstheorie2 kann in zwei Thesen zusammengefasst werden:

a) Nach den Marxschen Reproduktionsschemata im zweiten Band des Kapitals sei die erweiterte Reproduktion einer reinen kapitalistischen Gesellschaft möglich, notfalls ohne irgendwelche „dritte Personen“, die den Produktenüberschuss konsumieren würden.

b) Die Entwicklung der Arbeitsproduktivität und der Profitquote (als Resultat des schnelleren Wachstums der Masse kapitalistisch produzierten Waren im Vergleich zu den Reallöhnen) bedeutet nicht, dass die Gesamtproduktion die Konsumkraft der Gesellschaft überschreitet, weil die kapitalistische Entwicklung mit einer Umstrukturierung der Produktion in Richtung eines relativen Zuwachses des Kapitalgütersektors (und des Kapitalgütermarktes) verknüpft wird zuungunsten des Konsumgütersektors (und des Konsumgütermarktes).

Als einzige Voraussetzung für die ununterbrochene erweiterte Reproduktion hat T-B die Beibehaltung der „richtigen“ Relationen zwischen beiden Sektoren der gesamtgesellschaftlichen Produktion betrachtet (Sektor I Produktion der Produktionsmittel und Sektor II Produktion der Konsumtionsmittel). Die Disproportionalität zwischen den beiden Sektoren der Produktion, die die von den Marxschen Reproduktionsschemata festgestellten „richtigen“ Relationen verletzt, wird also als die einzige Ursache der Krisen genannt; die Beschränkung der Konsumkapazität der Massen spielt keine entscheidende Rolle:

Je mehr die Technik fortschreitet, desto mehr treten die Konsumtionsmittel zurück, gegenüber den Produktionsmitteln. Die Menschenkonsumtion spielt eine immer geringere Rolle gegenüber der produktiven Konsumtion der Produktivmittel.“3

Die Unterkonsumtion der Volksmassen kann insofern die Realisation des gesellschaftlichen Produktes im Wege stehen, als eine proportionelle Einteilung der gesellschaftlichen Produktion dadurch erschwert wird. Der Mangel an Proportionalität bleibt aber auch in diesem Falle die einzige Ursache der mangelnden Nachfrage.“4

Gemäß der Reproduktionsschemata im zweiten Band des Kapitals entstehen keine Probleme der Mehrwertrealisierung, solange das Produkt von Sektor I (Produktionsmittel) und das von Sektor II (Konsumtionsmittel) in den passenden Größenverhältnissen bleiben. Die Nachfrage von Sektor I nach Konsumtionsmitteln realisiert die Nachfrage von Sektor II nach Investitionsgütern (Produktionsmittel) und umgekehrt, die Nachfrage von Sektor II nach Produktionsmittel macht die Realisierung des Mehrwerts möglich, der in Sektor I produziert wird. Wenn wir die Werte des (verbrauchten) konstanten Kapitals, des variablen Kapitals und des Mehrwerts in Sektor i (i=1, 2) als ci, vi, mi entsprechend symbolisieren, dann werden die allgemeinen Bedingungen der sozialen Reproduktion im einfachen Zweisektorenmodell, das von Marx benutzt wird, von den folgenden Formeln beschrieben (ki symbolisiert den Privatkonsum der Kapitalisten):

Sektor Ι: (1)

Sektor II: (2)

Aus den zwei Gleichungen wird klar, dass der neue Wert, der im Sektor I produziert wird, ist:

(3)

T-B scheint zu glauben, dass, auch wenn Sektor II sich beschränkt (Δc2<0) – eine These, die dem absoluten Verelendungsansatz entspricht –, das kapitalistische System nicht von einer Unterkonsumtionskrise gefährdet wird, da immer die Möglichkeit existiert, den Mehrwert des Sektors I durch Investition in Produktionsmitteln in diesem Sektor zu „absorbieren“, gemäß Formel (3):

Δc1 = PMInet.

Das bedeutet, dass ein immer größerer Teil des Gesamtprodukts im Rahmen des Sektors I produziert und getauscht (realisiert) wird, oder, in T-B’s Worten, dass „der Gesamtumfang der gesellschaftlichen Konsumtion zurückgehen kann und zugleich die gesamte gesellschaftliche Nachfrage nach Waren wachsen“.5

T-B’s These über die Unabhängigkeit der Privatkonsumtion von der Kapitalakkumulation hatten nicht nur die Anhänger des Unterkonsumtionsansatzes (Karl Kautsky, Rosa Luxemburg), sondern auch diejenigen Theoretiker kritisiert, die die Marxschen Reproduktionsschemata des gesellschaftlichen Gesamtkapitals zur Kritik der Unterkonsumtionstheorie und zur Formulierung einer alternativen Krisentheorie zu Hilfe genommen haben (W. I. Lenin,6 Otto Bauer, Michail Bucharin u.a.;7). Zu den Zwecken dieses Aufsatzes gehört nicht die Wiedervorstellung bzw. Diskussion dieser Kritik, sondern die Hervorhebung und kritische Analyse einer keynesischen Interpretation der Thesen T-Bs, um die Differenz zwischen der Marxschen und der keynesischen theoretischen Problematik zu erhellen.

Auch wenn man die Annahme einer konstanten Produktionstechnik verlässt, und eine zunehmende technische Zusammensetzung des Kapitals annimmt (Substitution von Arbeit durch Kapital), muss man die These über den abnehmenden Privatkonsum, die einen sich beschränkenden Sektor II voraussetzt, ablehnen: diese Annahme eines sich rasch entwickelnden Sektors I und gleichzeitig eines sich beschränkenden Sektors II ist mit der Existenz einer einheitlichen Durchschnittsprofitrate der Wirtschaft (d.h. in beiden Sektoren) nicht vereinbar.

3. Die keynesische Interpretation der Widersprüche Tugan-Baranowskijs und der Marxschen Reproduktionsschemata

T-B’s Argumentation kann die Basis eines theoretischen „Programms“ bilden, das im Marxschen Werk (und spezifischer in seiner Analyse über die Reproduktion des gesellschaftlichen Gesamtkapitals) das „keynesische Element“8 sucht – ein Versuch, Marx in einen „unreifen Keynes“ zu verwandeln. Gemäß dieser Interpretation kann die fehlende Nachfrage nach Konsumtionsmitteln immer durch eine ständig steigende staatlich motivierte Investitionsnachfrage kompensiert werden. Jedoch ist nach Marx die allerletzte „Ursache“ einer wirtschaftlichen Krise oder einer fehlenden Produktionskapazität nicht der „Mangel an Nachfrage“ sondern der „Mangel an Mehrwert“ in dem Sinne, dass die Produktionsmittel nicht zur „Ausbeutung der Arbeit zu einem gegebenen Exploitationsgrad angewandt werden können“.9

Die Intervention von Keynes kennzeichnete einen Bruch mit der neoklassischen Variante des Gesetzes von Say, das das Vollbeschäftigungsgleichgewicht voraussetzt. In einer sehr allgemeinen Bezeichnung, kann die keynesische Argumentation wie folgt dargestellt werden: Die effektive Nachfrage besitzt die kausale Priorität im Vergleich zur gesamtwirtschaftlichen Produktion. In einer Wirtschaft ohne Außenhandel und Regierungsfinanzen wird die volkswirtschaftliche Gesamtnachfrage aus den Bestandteilen des Privatkonsums und der Investition zusammengesetzt. Infolgedessen gibt es zwei Möglichkeiten zur Ausdehnung der volkswirtschaftlichen Gesamtnachfrage: entweder durch Vergrößerung des Privatkonsums oder durch Aktivierung der privaten Investition. Als Konsequenz hatten, wie Keynes selbst glaubte, die Unterkonsumtionstheorien der klassischen Ära der Politischen Ökonomie (Malthus, Sismondi) in die korrekte Richtung argumentiert, aber unzulänglich:

Practically I only differ from these schools of thought in thinking that they may lay a little too much emphasis on increased consumption at a time when there is still much social advantage to be obtained from increased investment. Theoretically, however, they are open to the criticism of neglecting the fact that there are two ways to expand output.”10

Gemäß der keynesischen Problematik ist der Privatkonsum eine Funktion des Einkommens und kann nicht als unabhängige Variable betrachtet werden. Das Gewicht fällt also ausschließlich auf die Investition. Wie Kregel kommentiert, „it is customary to assume, as did Keynes, that the level of investment is determined exogenously. Keynes himself (…) used the catch phrase ‘animal spirits’ to indicate that decisions to invest were based on a more complex set of factors than just profits or the availability of finance“.11

Das ist, was Kaldor als die „Keynesische Hypothese“ bezeichnet hat.12 Keynes’ gesamte Argumentation scheint mehr oder weniger wie folgt strukturiert zu werden: (1) „Autonome Investition“ bestimmt die effektive Nachfrage durch den Multiplikator; (2) die effektive Nachfrage bestimmt das Niveau des Produkts; (3) das Niveau des Produkts bestimmt die Höhe der realen Löhne, da beim Zustand der Profitmaximierung, reale Löhne gleich dem Grenzprodukt der Arbeit sind (mit anderen Worten haben wir eine interne Ermittlung der realen Löhne, im Gegensatz zu dem, was Smith, Ricardo aber auch Marx angenommen hatten).

In Bezug auf die Analyse T-B’s wird aus keynesischer Sicht argumentiert, dass die ungehinderte Kapitalakkumulation nicht eine Notwendigkeit sondern ein gefährdetes Potential des Systems bilde. Dies ist spezifisch die Ansicht, die Kalecki vorgebracht hat.13 T-B’s Fehler erlauben Kalecki, das Konzept der effektiven Nachfrage in die Analyse der gesamtgesellschaftlichen Reproduktion einzuschmuggeln. Solange das Wirtschaftssystem die geeigneten Anteile von Produktions- und Konsumtionsmitteln produziert, bleibt das Problem der effektiven Nachfrage im Hintergrund verborgen. Auf jedem Niveau der Nachfrage nach Konsumtionsmitteln für die Arbeiter und die Kapitalisten kann das nationale Produkt in toto verkauft werden (und der Mehrwert wird auf diese Art realisiert), unter der Bedingung selbstverständlich, dass der Investitionsaufwand hoch genug ist. Diese These erklärt das Investitionsniveau zu einem kritischen Parameter für die Beibehaltung der Proportionalität zwischen den zwei Produktionssektoren:

Thus the fundamental idea of Tugan rests on an error that what may happen is actually happening, because he does not show at all why capitalists in the longrun are to invest to the extent which is necessary to contribute to full utilization of productive equipment.14

Es ist genau an diesem Punkt, dass Robinson die Wurzel der effektiven Nachfrage im Marxschen Text entdeckt, als sie die Weise, in der Marx sein Argument entwickelt, fehlinterpretiert.15 Im Verlauf der erweiterten Reproduktion des Systems wird der Teil des Mehrwerts m1 + m2, der in Sektor I und beziehungsweise in Sektor II produziert wird, gespeichert, ohne aufgewendet zu werden, um Verbrauchsgüter des Sektors II zu kaufen. Aber das bedeutet, dass der neue Wert (v1+m1) von Sektor I die Nachfrage übersteigt. Damit das System glatt funktioniert, muss dieses Nachfragedefizit durch entsprechende Nettoinvestitionsnachfrage nach Produktionsmitteln abgedeckt werden. Nach Robinson bedeutet „Einsparen […] Verkäufe ohne Käufe und kann glatt fortfahren, nur wenn es durch gleichwertige Investition – Käufe ohne Verkäufe – kompensiert wird“, etwas, das selbstverständlich auf keinen Fall sicher geschieht. So soll „die Ursache der Krisen […] in einem Balancemangel gesucht werden, der eine immer anwesende Drohung zur Stabilität des Systems ist.“16

Nach Kalecki und Robinson eröffnet T-B – vermutlich unbeabsichtigt – ein Forschungsprojekt, auf dessen Grundlage die langfristige Bewegung des kapitalistischen Systems aus der Perspektive einer keynesischen Problematik begriffen werden kann. Der Ursprung der Krisen und die Destabilisierung der Kapitalakkumulation müssen als Effekte der ungleichen Verteilung von Kaufkraft verstanden werden. T-B’s Fehler und seine extrem negative Haltung zu den Anhängern der Unterkonsumtionstheorien kann einem Missverständnis zugeschrieben werden, nämlich dass eine Einschränkung der Nachfrage nach Verbrauchsgütern des Sektors II eine entsprechende Einschränkung der Nachfrage nach Produktionsmitteln des Sektors I bedeutet, da der Investitionsaufwand Δc2 verringert ist. Δc1 kann nicht ohne Δc2 bestehen, einfach, weil „das konstante Kapital der Konsumtionsmittelindustrien nicht schnell (genug) erweitert, um das potentielle Produkt der Kapitalgüterindustrien aufzusaugen“.17

Das Problem der effektiven Nachfrage (und so der Politikmischung, die notwendig ist, um dieses Problem zu behandeln), taucht auf, sobald – aus welchem Grund auch immer – es einen Fall der Investition gibt (z.B. in Sektor II). Das ist der Punkt, an dem eine allgemeine Kontraktion der gesamten Produktion des Wirtschaftssystems auftritt und die Wirtschaft sich weg von der Vollbeschäftigung verschiebt. Nach Kalecki:

Tugan considers the possible use of the national product created by full utilization of the productive forces as the actual fact – in any case if we disregard the business cycles. The following problem arises here: the approach is certainly faulty, from which however does not follow that Tugan’s theory is wrong, but merely completely unfounded.”18

Was „abwesend“ zu sein scheint – wir sind im Abschnitt der Reproduktionsschemata – ist der Faktor, der die nötigen Investitionsanreize sicherstellt (und dadurch die Vollbeschäftigung der produktiven Kräfte). Wenn es eine Neigung gibt, dass die Kapitalisten ihren Mehrwert in Produktionsgütern unabhängig von ihrer Rentabilität investieren, dann verringert sich der Abstand zwischen effektiver Nachfrage und Vollbeschäftigungsprodukt und verringert sich die Wahrscheinlichkeit der Überproduktionskrisen, trotz eines stagnierenden Niveaus des Privatkonsums.19 In diesem Fall ist die Balance zwischen den zwei Gruppen von Industrien selbstregulierend. Aber was bestimmt das langfristige Niveau der Investition?

In T-B’s Werk gibt es keine Antwort in Sinne der keynesischen Problematik des „Prinzips der effektiven Nachfrage“ und der Autonomie der Investition. Nach den Keynesianern scheint die letzte von einer breiten Reihe von sozialen und psychologischen Faktoren abzuhängen. Ihre Schlüsselidee basiert sich auf einer Umkehrung des neoklassischen Schemas: die vom Produkt unabhängige Investition verursacht das entsprechende Sparen. In Übereinstimmung mit einer Entdeckung Kaldors20 gibt es zwei Möglichkeiten dafür. Die Investition kann das entsprechende Sparen generieren entweder durch passende Umstrukturierung der Verteilung bei einem gegebenen Niveau des Produktes (1. Variante: Neo-Keynesianer) oder durch eine Veränderung des Produktniveaus, bei einer gegebenen Sozialverteilung (Variante 2: Neo-Ricardianische Keynesianer).

4. Zu einer marxistischen Kritik der bürgerlichen (keynesischen) Kapitalakkumulationstheorie

Die keynesische Problematik hat aber nur wenig mit der Marxschen Analyse gemeinsam, wie man auch aus der Argumentation T-B’s und der marxistischen Diskussion darüber begreifen kann.

Wir haben schon festgestellt, dass die Abbildung eines Prozesses der erweiterten Produktionsmittelproduktion mittels Produktionsmittelproduktion und unabhängig von der Konsumtionsmittelproduktion, wie sie von T-B veranschaulicht wurde, sehr weit von einer zusammenhängenden Interpretation der kapitalistischen Realität entfernt ist. Sie enthält dennoch eine grundlegende Idee, die mit der keynesischen Theorie vereinbart werden kann und die so eine keynesischen Interpretation der Marxschen Theorie der gesamtgesellschaftlichen Reproduktion erlaubt: Die „Autonomie“ der Investition, die den Gewinn und die Ersparnisse für ihre eigene Finanzierung erzeugt, und daher in der Position ist, die kapitalistische Entwicklung sicherzustellen. Natürlich führt diese Idee im T-B’s Text nicht notwendigerweise zum wesentlich „psychologischen“ Begriff der keynesischen effektiven Nachfrage. T-B’s Analyse löst sich nicht völlig von der Marxschen Problematik.

Im Gegensatz zu den Keynesianern (und auch zu den neoklassischen Wirtschaftswissenschaftlern) schlägt Marx etwas Verschiedenes vor: „die wahre Schranke der kapitalistischen Produktion ist das Kapital selbst“.21 Im Prozess der Kapitalakkumulation kann das Kapital momentan nicht imstande sein, „die Arbeit in einem Exploitationsgrad auszubeuten, der durch die ‚gesunde’ […] Entwicklung des kapitalistischen Produktionsprocesses bedingt ist“.22 Nettoinvestition ergibt dann eine ständig sich verringernde Profitmasse, so dass das Fortsetzen der Akkumulation „unproduktiv“ fürs Kapital wird, d.h. die Profitrate ständig fällt (ΚÞ↓r). Es handelt sich um „die Verringerung des potentiellen Ausbeutungsgrades der Arbeit im Vergleich zu den Profitanforderungen einer fortschreitenden Kapitalakkumulation“.23

Wir können den Prozess der Kapitalakkumulation folgendermaßen begrifflich erfassen: Jede langfristige Entwicklungsphase der Kapitals wird von gewissen Grenzen begleitet und zur Krise geraten, wenn sie überquert werden. Der „Gesamtkapitalist“ wird dann gezwungen, die Gesamtstrukturen der Produktion umzugestalten. Wie Mattick argumentiert:

His [Marx’s] theory does not depend on any particular periodicity of crises. It only maintains that crises are bound to arise as an expression of a temporary overproduction of capital and as the medium for the resumption of the accumulation process.”24

Wenn man der Marxschen Theorie entsprechend annimmt, dass die „Marktfrage“ nicht die Vorbedingung der Kapitalakkumulation sondern eher ihr Resultat ist, ist die allerletzte „Ursache“ jeder Unterbrechung der kapitalistischen Entwicklung nicht das Fehlen von Nachfrage sondern das Fehlen von Mehrwert.

Die Ueberproduction von Capital meint nie etwas andres als Ueberproduction von Productionsmitteln die […] zur Ausbeutung der Arbeit zu einem gegebnen Exploitationsgrad angewandt werden können, […] indem das Fallen dieses Exploitationsgrads unter einem gegebnen Punkt Stockungen und Störungen des capitalistischen Productionsprocesses, Crisen, Zerstörung von Capital hervorruft.“25

Es gibt viele Faktoren, die Einfluss auf die allgemeine Profitrate haben können. In einer ersten Annäherung zum Thema könnten sie in der folgenden Formel zusammengefasst werden (wo Y das Nettoprodukt darstellt):

(4)

Das Verhältnis C/Y stellt die Quantität von konstantem Kapital dar, das nötig ist, um eine Einheit des Nettoprodukts herzustellen, d.h. die Fähigkeit der Kapitalisten, Ökonomie in der Anwendung des konstanten Kapitals durchzusetzen. M/V ist die Rate des Mehrwerts oder der Exploitationsgrad der Arbeit. Marx unterscheidet drei Kategorien von Faktoren, die diese Verhältnisse und dadurch die Profitrate beeinflussen: (A) Faktoren, die mit der Zeit und der Intensität der Produktionsmittelanwendung, bei einem gegebenen Niveau der Produktionstechnologie und der technischen Zusammensetzung des Kapitals zusammenhängen, (B) jene Faktoren, die mit den Fähigkeiten und der Konzentration des Kollektivarbeiters oder mit der Möglichkeit der Erhöhung der Arbeitsproduktivität ohne irgendeine Änderung in der technischen Zusammensetzung des Kapitals – oder im technologischen Status des Produktionsprozesses – zusammenhängen, (C) Faktoren, die mit einer Zunahme der Arbeitsproduktivität wegen technischer Innovation verknüpft werden und die auch die technische Zusammensetzung des Kapitals erhöhen, (D) Faktoren, die die Preise der Bestandteile des konstanten Kapitals beeinflussen.26 Es ist offensichtlich im Rahmen der Marxschen Analyse, dass alle diese Faktoren, im Endeffekt von den Bedingungen des Klassenkampfs abhängen.

Um Mattick zu zitieren (, von uns hervorgehoben):

At any given time the actual boarders of capital expansion are determined by general social conditions, which include the level of technology, the size of the already accumulated capital, the availability of wage-labor, the possible degree of exploitation, the extent of the market, political relations, recognized natural resources, and so forth. It is not the market alone but the whole social situation in all its ramifications which allows for, or sets limits to, the accumulation of capital.”27

Hinter dem Prozess der Kapitalakkumulation und der Krisen, die ihn regelmäßig begleiten, gibt es folglich keine „einfache“ systematisch wirkende Ursache (Disproportionalität, Mangel an effektiver Nachfrage usw.), aber die sich entwickelnde Balance der Klassenkräfte, die Gesamtheit der Widersprüche und inneren kausalen Verhältnisse, die die kapitalistische Produktion regulieren.

Es wird offensichtlich, dass die marxistische Problematik sich vom Dilemma der bürgerlichen Wirtschaftstheorie zwischen Priorität der Investition (Keynesianer) oder des Sparens (Neoklassiker) loslöst und einen alternativen theoretischen Rahmen für die Interpretation der kapitalistischen Entwicklung bietet.

1 Jannis Milios, Georg Economakis: Zur Entwicklung der Krisentheorie aus dem Kontext der Reproduktionsschemata: von Tugan-Baranowskij zu Bucharin. In: Beiträge zur Marx-Engels-Forschung. Neue Folge 2002, S. 160–184.

2 Vgl. M. Tugan-Baranovskij: Studien zur Theorie und Geschichte der Handelskrisen in England, Jena 1901. Neudruck: Aalen: Scientia Verlag, 1969.

3 Ebenda, S. 58.

4 Ebenda, S. 203.

5 Ebenda, S. 25. T-B bringt diese extreme Position an ihre logischen Grenzen, wie Howard & King betonen, (A History of Marxian Economics, 1989, S. 170, von uns hervorgehoben): “Tugan-Baranowsky pushed this conclusion to its logical extreme (or almost so) by imagining a (virtually) automated economy in which the production of ever more machines is used to produce even more machines. Similarly, the process of reaching this end-point will involve the realization of surplus value with declining consumption – possibly with the immiseration of the mass of the population. Consumption demand, therefore, has no privileged role in the operation of capitalism.

6 Lenin diskutierte schon 1893 in seinem Aufsatz „Zur sog. Frage der Märkte“ einen Vortrag von G. B. Krasin, der unter dem Titel „Die Frage der Märkte“ die Thesen Tugan-Baranowskijs reproduzierte. Siehe Lenin Werke, Bd. 1, S. 65–117. Lenin kommentiert wie folgt die These, dass die Akkumulation von der Produktion von Konsumtionsmitteln „unabhängig“ ist: „Der Autor wollte mit diesem Ausdruck wahrscheinlich nur jene Besonderheit des Schemas hervorheben, dass die Reproduktion von Ic – des konstanten Kapitals in Abteilung I – ohne Austausch mit Abteilung II erfolgt, d.h., dass in der Gesellschaft Jahr für Jahr ein bestimmter Teil – sagen wir – Kohle produziert wird, um wiederum Kohle zu produzieren“ (ebenda, S. 75).

7 Siehe Milios, Economakis, a.a.O.

8 “Piero Sraffa teased me, saying that I treated Marx as a little-known forerunner of Kalecki. There is a certain sense in which this is not a joke. There are many pointers in Capital to a theory of effective demand. Marx’s disciples could have worked it out before Keynes and Kalecki learned it from the brutal teachings of the great slump; but they did not do so. […] The ‘Keynesian’ element in Marx was little-known” (J. Robinson: An Essay on Marxian Economics, London 1966).

9  Karl Marx: Ökonomische Manuskripte 1863–1867. In: MEGA² II/4.2., S. 330.

10 J. M. Keynes: The General Theory of Employment, Interest and Money, 1973, S. 325. („Praktisch unterscheide ich mich von diesen Gedankenschulen nur, indem ich denke, dass sie ein wenig zu viel Gewicht auf erhöhtem Konsum legen, zu einer Zeit wo es noch viel Sozialvorteil von erhöhter Investition erreicht werden kann. Theoretisch können sie für die Vernachlässigung der Tatsache kritisiert werden, dass es zwei Möglichkeiten das Produkt zu erweitern gibt.“)

11 J.A. Kregel: Income Distibution. In: A Guide to Post-Keynesian Economics, 1979, S. 54. („Es ist üblich anzunehmen, dass, nach Keynes, das Niveau der Investition exogen festgestellt wird. Keynes selbst […] verwendete die Formulierung ‚Tiergeist’, um anzuzeigen, dass die Entscheidungen über Investitionen auf einer komplizierteren Menge von Faktoren als gerade Profite oder das Vorhandensein von Finanzen basieren.“) Dazu siehe auch J. Robinson: Essays in the Theory of Economic Growth, London 1962, S. 36–38 u. 48–51. In Keynes’ eigenen Worten: “Most, probably, of our decisions to do something positive, the full consequences of which will be drawn out over many days to come, can only be taken as a result of animal spirits – of a spontaneous urge to action rather than inaction, and not as the outcome of a weighted average of quantitative benefits multiplied by quantitative probabilities. Enterprise only pretends to itself to be mainly actuated by the statements on its own prospectus, however candid and sincere. Only a little more than an expedition to the South Pole, is it based on an exact calculation of benefits to come. Thus if the animal spirits are dimmed and the spontaneous optimism falters, leaving us to depend on nothing but a mathematical expectation, enterprise will fade and die, – though fears of loss may have a basis no more reasonable than hopes of profit had before.” (Keynes, a.a.O., S. 161.)

12 N. Kaldor: Essays on Value and Distribution, London 1980, S. 229.

13 M. Kalexki: Selected Essays on the Dynamics of the Capitalist Economy, Cambridge 1980, S. 146.

14 Kalecki, a.a.O. („Folglich steht Tugans grundlegende Idee auf einem Fehler, nämlich dass, was geschehen kann, wirklich geschieht, weil er kaum zeigt, warum Kapitalisten langfristig in jenem Umfang investieren sollen, welcher notwendig ist, um zur Vollbeschäftigung der produktiven Ausrüstung beizutragen.“)

15 j. Robinson: An Essay on Marxian Economics, Philadelphia 1991, S. 43–51. Nach der Marxschen Analyse stellt der Übergang von der einfachen zur erweiterten Reproduktion eine qualitative Umwandlung dar, etwas, das Robinson fehlinterpretiert (siehe MEW 24, S. 496ff., vgl. MEGA² II/12, S. 462ff.).

16 Robinson, 1991, a.a.O. („Saving represents sales without purchases, and can proceed smoothly only if it is offset by equivalent investment – purchase without sales”; „the cause of crises is to be sought in a lack of balance, which is an ever-present threat to the stability of the system.”)

17 Ebenda, S. 49. („The constant capital of the consumption-good industries will not expand fast (enough) to absorb the potential output of the capital-good industries.”) Hier bestreitet Robinson die Gültigkeit der Hypothese T-B’s, dass Wachstum in einem Sektor vom anderen absolut unabhängig geschehen kann.

18 Kalecki, a.a.O., S. 148. („Tugan betrachtet den möglichen Gebrauch des nationalen Produktes, das durch Vollbeschäftigung der produktiven Kräfte hergestellt wird, als die tatsächliche Situation – in jedem möglichem Fall wenn man die Konjunkturzyklen missachtet. Das folgende Problem entsteht hier: die Analyse ist zweifellos fehlerhaft, was jedoch nicht bedeutet dass Tugans Theorie falsch ist; sie ist bloß vollständig unbegründet.“)

19 Robinson, 1991, a.a.O., S. 50.

20 N. Kaldor: Essays on Value and Distribution, London 1980, S. 227/228.

21 Karl Marx: Das Kapital. Dritter Band. In: MEGA² II/15., S. 246.

22 Ebenda, S. 252.

23 P. Mattick: Marx and Keynes, Boston 1969, S 79. („The decrease of the exploitability of labor in comparison with the profit requirements of a progressive capital accumulation.“)

24 Ebenda, S. 73. („Seine Theorie hängt von keiner besonderen Periodizität der Krisen ab. Sie zeigt nur, dass Krisen notwendigerweise entstehen, als Ausdruck einer vorläufigen Überproduktion von Kapital und als das Medium für die Wiederaufnahme des Akkumulationsprozesses.“)

25  Karl Marx: Ökonomische Manuskripte 1863–1867. In: MEGA² II/4.2., S. 330.

26 Vgl. Jannis Milios: Zur Darstellung von Marx’ Krisentheorie im dritten Band des Kapital. In: Beitrage zur Marx-Engels-Forschung. Neue Folge 1998, S. 47–60.

27 Mattick, a.a.O., S. 74. („An jedem gegebenen Zeitpunkt werden die eigentlichen Grenzen der Kapitalexpansion von den allgemeinen sozialen Bedingungen bestimmt, die das Niveau der Technologie, die Größe des schon akkumulierten Kapitals, die Verfügbarkeit von Lohnarbeit, die mögliche Höhe der Ausbeutung, den Umfang des Marktes, politische Verhältnisse, erkannte Naturschätzen, und so weiter einschließen. Es ist nicht der Markt allein sondern die ganze soziale Lage in allen ihren Auswirkungen, die die Kapitalakkumulation möglich macht, oder Grenzen dazu setzt.“)

aus: Beitrage zur Marx-Engels-Forschung 2007

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