Biopolitics

H. Rouse/ S. Arribas: Egocracy. Marx, Freud and Lacan (2)

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1 Sep , 2018  

H. Rouse/ S. Arribas: Egocracy. Marx, Freud and Lacan, Zürich (diaphanes) 2011

II. Von Freud zu Lacan … und zurück zu Marx; oder: wie die Psychoanalyse langsam das Soziale entdeckt.

1.“Der Kern des Ichs ist unbewusst“; das Trauma des Sozialen in Freuds zwei Topologien (123-160)

Die angeblich nahtlose Geschichte der Entwicklung von Freuds Metapsychologie wird von Rouse/Arribas als „Entstellung“ interpretiert, mit der Freud quasi seine Metapsychologie zu retten versucht und sich damit einhergehend in unaufhebbare Widersprüche verstrickt. (124-127)

Die angeblich nahtlose Erzählung der Entwicklung von Freuds Metapsychologie …

Die grundlegenden psychoanalytischen Hypothesen basierten in der ersten Topologie auf einem doppelten oder dualen Gegensatz zwischen dem Bewusstsein des Ichs und den entgegengesetzten Tendenzen eines spezifischen unbewussten Denkens. Diese ursprüngliche Opposition zieht eine ganze Reihe weiterer antithetischer Paare nach sich: Primär- und Sekundärprozess, Lustprinzip und Realitätsprinzip, die Energie freier und gebundener Besetzungen sowie Ding- und Wortvorstellungen und auf einer allgemeineren Ebene die prekären Leistungen der menschlichen Zivilisation und die unaufhörlich störenden Triebe. Die klinische Erfahrung eines offenbar unbewussten Charakters der Widerstände gegen die psychoanalytische Kur und die Ansicht, dass diese Widerstände von der Quelle des Ichs aufstiegen, führte dann um 1920 herum zu der Schlussfolgerung, dass ein Teil dieses Ichs, sein Kern („nucleus“) als grundlegend unbewusst gedacht werden muss. Daraus folgt zwingend, dass der Gegensatz zwischen verdrängendem Ich und Verdrängtem nicht mehr als einer von bewusst vs. unbewusst konzipiert werden kann. Das Ich muss nun paradoxerweise als etwas betrachtet werden, das beides ist: zweifellos unbewusst und – zur gleichen Zeit – ganz sicher nicht verdrängt. (Hier sollte sich die Frage stellen, was eine nicht verdrängte unbewusste Instanz sein könnte?).

Die zweite Topologie soll eine Antwort auf die wesentliche Unbewusstheit des Ich geben: nunmehr wird in der psychoanalytischen Theorie nicht mehr bewusst und unbewusst gegenübergestellt, sondern das kohärente/zusammenhängende Ich und das verdrängte Unbewusste. Dabei werden beide Instanzen als unbewusst begriffen, lediglich letztere wird als verdrängt angesehen, das Ich demgegenüber als verdrängend. Und dieser duale Gegensatz führt dann wiederum zu etwas ganz Neuem, das bekanntlich Freuds späteres topologisches Denken definiert: einer dreifachen oder ternären Opposition: Ich, Über-Ich und Es.

und der versteckte und quälende traumatische Kern

Der angeblich nahtlos glatte Übergang von der ersten zur zweiten Topologie tendiert dazu, sich bei näherer Betrachtung aufzulösen und zu zersetzen, genauer: von innen heraus zu erodieren. Dieses begreifen die Autoren als das Symptom eines Traumas, das durch Freud entstellt wurde. Denn einhergehend mit der Erkenntnis, dass der Kern des Ich unbewusst ist, verdeckt Freud eine absolut revolutionäre faltende/verschränkende und verknotende Logik, die keine seiner beiden Topologien überzeugend zu artikulieren vermögen. (128)

Im Folgenden wird aufgezeigt, dass erstens die Erkenntnis der Unbewusstheit des Ich und die dadurch unvermeidlich bedingte faltende und verknotende Logik in den Texten Freuds beginnend mit der Traumdeutung anwesend ist. Zweitens muss die zweite Topologie als Flucht, als ‚Ermordung‘ und Entstellung der faltenden und verknotenden Logik des Sozialen interpretiert werden. Drittens muss die Flucht als eine Flucht vor, ein „Mord“ oder eine „Entstellung“ der faltenden und verknotenden Logik des Sozialen verstanden werden. Denn nur der Bezug auf das Soziale, die kapitalistische Produktionsweise, vermag einen angemessenen Zugang zur faltenden und verknotenden Logik zu liefern, die tatsächlich den Kern des Ich als unbewusst konstituiert und definiert. „Die Metapsychologie … ist ganz genau … das Soziale.“ (129)

Die Auflösung von Freuds erster Topologie …

Die erste Topologie basiert auf einem dualistischen Gegensatz zwischen dem Bewusstsein des Ich und den angeblich strikt entgegengesetzten Strebungen eines besonderen oder eindeutigen unbewussten Denkens. Ausschließlich dieser primordiale Gegensatz und die offenkundige Entdeckung „des Unbewussten“ (in einem buchstäblich substanziellen Sinn) ermöglichen und begründen all die anderen bekannten Gegensatzpaare. Freuds erste Topologie setzt damit zwei grundlegend unterschiedliche Arten psychischer Prozesse voraus (Primärprozess, Lustprinzip, frei flottierende Besetzungen, Dingvorstellungen charakterisieren die Prozesse des Unbewussten, Sekundärprozess, Realitätsprinzip, gebundene Besetzung und Wortvorstellungen die des Ich). Kurz zusammengefasst kann man die Prozesse des Unbewussten mit Unordnung, oder in Freudscher Terminologie mit Verdichtung, Verschiebung, Abwesenheit von Negation und Abwesenheit von Zeit, die des Ich mit Ordnung oder dem Fehlen von Verdichtung und Verschiebung sowie der Anwesenheit von Negation und Zeit in Verbindung bringen. Dabei besitzt für Freud die Unordnung eine zeitliche Priorität vor der späteren Einsetzung von Ordnung. (131)

im siebten Kapitel der Traumdeutung

Im Einzelnen wird der Gegensatz „bewusst-unbewusst“ von Freud bereits in Die Traumdeutung bei der Diskussion der Bestrafungsträume in Frage gestellt und durch den von „Ich-Verdrängt“ ersetzt. Denn die in diesen Träumen vertretenen Wünsche können im Gegensatz zu anderen aus dem Unbewussten stammenden Wünsche nur vom Ich aufsteigen.132

und im metapsychologischen Text „Das Unbewußte“

In das Das Unbewußte lautet die für diesem Kontext vermutlich weitreichendste Äußerung: „Die Wahrheit ist, daß nicht nur das psychisch Verdrängte dem Bewußtsein fremd bleibt, sondern auch ein Teil der unser Ich beherrschenden Regungen, also der stärkste funktionelle Gegensatz des Verdrängten.“ III:151 Damit wird das Kriterium ‚Bewusstsein‘ letztlich jeglicher metapsychologischer Signifikanz beraubt – und damit auch das Kriterium ‚Unbewusstheit‘.

Die Auflösung von Freuds zweiter Topologie; Jenseits des Lustprinzips…

Im Jenseits des Lustprinzips werden bekanntlich die Träume der traumatischen Neurose sowie bestimmte Phänomene des Spiels von Kindern als Beispiele für die Existenz eines Wiederholungszwangs betrachtet und als im Gegensatz zur ansonsten bestimmenden Rolle des Lustprinzips stehend. Allerdings kann diese anhaltende Wiederholung einer unlustvollen Erfahrung keinesfalls von einem gleichzeitig aufsteigenden substanziellen Lustgewinn getrennt werden. (137) Freud stellt sich diesem Paradoxon nicht, sondern betreibt stattdessen mit der Diskussion von Widerständen und Wiederholungszwängen in der analytischen Behandlung ein Ablenkungsmanöver. Und das mit dem überraschenden Ergebnis, dass er mit einer zweiten Topologie eine neue Trennung postuliert, in der sowohl das Verdrängte als auch das Verdrängende durch das Phänomen „Unbewusstheit“ charakterisiert sind.

Mit seiner Reorganisation der Topologie lokalisiert er den Wiederholungszwang innerhalb des unbewussten Verdrängten und absolut getrennt von den Widerständen des ‚kohärenten‘ und verdrängenden Ich. Andererseits aber spricht er davon, dass der Wiederholungszwang auf die Seite des Ich hinüberzogen wird und/oder auf Seiten des Lustprinzips operiert. Wie kann man dann noch von einem „Jenseits“ sprechen, wenn doch der Wiederholungszwang das einzige offensichtliche Kennzeichen dieses Jenseits darstellt?

Zusammengefasst betreibt Freud erstens eine inkonsequente Rückkehr zu seinen alten Gegensatzpaaren, die gemeinsam mit dem Gegensatz von bewusstem Ich und den angeblich ganz entgegengesetzten Tendenzen des Unbewussten hätten überwunden sein sollen. Auf diesem Hintergrund gelangt er zur Definition einer psychischen Aktivität, die dem Lustprinzip vorausgehen und zugleich in seinem Dienst stehen/ in seinem Namen handeln soll. Letztlich kann Freud die generellen Charakteristiken eines „Jenseits“ nur dadurch konzipieren, dass er gleichzeitig auf Schritt und Tritt seine eigenen Gegensätze dekonstruiert. Entscheidend sei aber, dass sich all die Freudschen Gegensätze um die Kategorie des Ichs herum auflösen, denn dieses Ich erscheint auf vierfache Weise, einmal in den Lebenstrieben, einmal in den Todestrieben, dann im Lustprinzip selbst und schließlich im Realitätsprinzip, und jedes Mal an einem ganz unterschiedlichen Platz. Man muss folglich von einer gleichzeitigen Erkenntnis und Fehlwahrnehmung der Unbewusstheit des Ich durch Freud sprechen: einer Erkenntnis, insofern diese Unbewusstheit richtig registriert wurde; ein Irrtum in dem Ausmaß, in dem sie unangemessen und fehlerhaft platziert wurde und der Wiederholungszwang fälschlicherweise entfernt von ihr im unbewusst Verdrängten abgetrennt wurde. (143)

und Das Ich und das Es

Auch in Das Ich und das Es erörtert Freud das Unbewusste im Kontext des Widerstands, der während der analytischen Behandlung auftritt. Er sagt, dass es keine Frage ist, dass „dieser Widerstand sicherlich vom Ich ausgeht und diesem angehört, so stehen wir vor einer unvorhergesehenen Situation.“ III:287 Und: „Wir haben im Ich selbst etwas gefunden, was auch unbewußt ist, sich geradeso benimmt wie das Verdrängte“ (obwohl es unbestreitbar nicht verdrängt ist, sondern verdrängend). Folglich können die Instanzen des Unbewussten und des Verdrängten nicht mehr gleichgesetzt werden. Die Frage stellt sich, wie ein Unbewusstes zu konzipieren ist, das nicht verdrängt ist? Freud bleibt dem Gegensatz Unbewusst-Bewusst verhaftet. Dabei bestünde für ihn die Möglichkeit, den Akt der Verdrängung – und die begleitende, aber nicht länger lokalisierbare Existenz des Unbewussten – als die stets bereits ausgebildete Kombination und Artikulation von zwei nicht-gegensätzlichen Termen zu konzipieren. Mit dieser Beschreibung würde das Ich (die angenommene verdrängende Instanz) sich nicht länger „wie das Verdrängte verhalten“, denn das was verdrängt würde (und gleichzeitig verdrängend wäre), wäre seine tatsächlich von vornherein unbewusste Konstitution als ein Ich. Lediglich diese Konstitution vermag gleichzeitig Anlass zu geben für „das Unbewusste“ als eine absolut nicht lokalisierbare Region. (145f.)

Letztlich kann man die Ausführungen in Das Ich und das Es als einen Rückzug Freuds auf seine ursprünglichen Gegensatzpaare verstehen – die Erkenntnis der Unbewusstheit des Ichs wird eher als Randphänomen begriffen – vielmehr „(ist) nur das System W-Bw als Kern des Ich anzuerkennen“. (W-Bw = Wahrnehmung-Bewusstsein; III 296 Fn.2 – hier 150)

Die soziale Ergänzung des Über-Ichs

In Ergänzung zu den von Rouse & Arribas herausgearbeiteten Problematiken der Freudschen Topologien scheinen auch die beiden Piktogramme, die Freud selbst zur Veranschaulichung seiner jeweiligen theoretischen Formulierungen angefertigt hat, die Ungereimtheiten und unauflösbaren Widersprüche der unterschiedlichen Konzeptionen gut zu illustrieren:

Das Ich und das Es (1923)                        Neue Folge der Vorlesungen… (1932/33)

Mit der Einführung des Über-Ich scheint die Qualität der Unbewusstheit vom Ich abgezogen und auf ersteres übergangen. Allerdings ist erstens schon die Zuordnung des unbewussten Schuldgefühls zu ersterem und des unbewussten Widerstands zu letzterem fragwürdig, da das Ich und der unbewusste Widerstand ‚völlig unplausiblerweise‘ von ihrem impliziten sozialen Träger des unbewussten Schuldgefühls abgetrennt sind.

Auch wenn es einen Fortschritt darstellt, dass mit dem dritten Term das überpersönliche Soziale eingeführt wird, so bleibt es zweitens doch äußerst problematisch, dass Freud das Über-Ich lediglich als eine Ergänzung eines bereits bestehenden, und damit gänzlich naturalisierten Verhältnisses zwischen dem Ich und dem Es behandelt. (151)

Das Über-Ich ist konzipiert als etwas, das einem bereits bestehenden Ich hinzugefügt wird oder letzteres überlagert. Dabei verdrängt das prä-existente kindliche Ich den Ödipus-Komplex, indem es das Ich-Ideal errichtet. Paradoxerweise wird die Prä-Existenz des Ich seiner eigenen Bestimmung/Entwicklung vorausgesetzt. (152) Drittens repräsentiert das Es laut Freud den Einfluss der Vererbung und das Ich sei durch die dem Individuum eigenen Erfahrungen bestimmt. Dabei sind das Ich und das Es stets bereits vorhanden, das menschliche und zugleich nicht menschliche Produkt von Natur und Biologie. Das Über-Ich steigt gegenüber diesem naturalisierten Hintergrund als privilegierter Träger eines besonderen sozialen Surplus auf. (153) Es wird als dritter Term einem bereits bestehenden und weiterhin dualistischen Gegensatzpaar von Ich und Es aufgesetzt. Damit versagt Freud, eine überzeugende Artikulation der sich (teilweise) überlagernden Wechselbeziehung zwischen den drei Registern des Imaginären, Symbolischen und Realen vorzulegen. Denn eine solche Darstellung erforderte, dass die beiden Register des Imaginären und des Realen ausschließlich in ihrem gemeinsamen/vereinten Verhältnis zum dritten Register des Sozialen oder Symbolischen lokalisiert werden. Dieses erfordert eine vollständige Sozialisation/gründliche Vergesellschaftung aller drei Terme (wohingegen Freud diese Vergesellschaftung nur auf das Über-Ich bezieht).

Der metapsychologische „Mord“ des Sozialen

Freud vermag seine zweite Topologie nur deshalb aufzustellen, weil er seine eigene durchaus radikale Erkenntnis der Unbewusstheit des Ich verleugnet. Im Jenseits… gelangt Freud an einen Punkt, an dem er zugesteht, dass im unbewussten Widerstand des Ich der Wiederholungszwang auf Seiten des Ich tätig ist (und nicht wie er zuvor sagte auf der entgegengesetzten Seite des verdrängten Unbewussten). Er fährt dann allerdings fort, indem er diese Einsicht unbekümmert ignoriert. In Das Ich und das Es, wo das Ich beides ist, unbewusst und nicht verdrängt (aber verdrängend), geht er sogar so weit zu behaupten, dass die Eigenschaft unbewusst zu sein grundsätzlich unbedeutend ist. (155) Er hält am Gegensatz von Ich und Es fest, so als entsprächen sie dem Verdrängenden und dem Verdrängten, seien Träger von Bewusstsein und Unbewusstem, wobei schließlich die soziale Ergänzung des Über-Ich lediglich dazu zu dienen scheint, die Zentralität gerade dieser Opposition zu bekräftigen. Und hatte sich nicht schon in Jenseits … mit dem Wiederholungszwang und beim Todestrieb eine Tendenz zur Biologisierung der Triebe (an instinctual transcendence) abgezeichnet? Das wird in Unbehagen … noch deutlicher, wo Freud in den anti-zivilisatorischen Kräften von Thanatos und in den Aggressions- und Destruktionstrieben ein Stück unüberwindbare Natur in unserer psychischen Konstitution behauptet. 156 (Robert Pfaller fragt, ob diese Phänomene, „die Freud zur Annahme des Todestriebs veranlaßt hatte“, nicht auch anders erklärbar gewesen wären … ? vgl. Die Illusionen der anderen S. 241f.)

Im Folgenden werden zwei Stränge herausgearbeitet und einander gegenübergestellt, um zu verdeutlichen, wie konträr Freud die Logik des Sozialen auf den Begriff zu bringen versucht. So siedelt er diese in Die Zukunft einer Illusion und in Unbehagen … im Feld des Unbewussten an, wenn er die bindende und zivilisatorische Kraft des Eros als in einem permanenten Kampf befindlich mit den ungebundenen anti-zivilisatorischen Kräften von Thanatos versteht. Andererseits beschreibt er diese Logik des Sozialen in Massenpsychologie und Ich-Analyse in Begriffen des Über-Ich in Beziehung zu einem bereits bestehenden Verhältnis zwischen dem Ich und dem Es. Freuds Formel für die Konstitution einer Masse (mit einem Führer): „Eine solche primäre Masse ist eine Anzahl von Individuen, die ein und dasselbe Objekt an die Stelle ihres Ichideals gesetzt und sich infolgedessen in ihrem Ich miteinander identifiziert haben.“ X:108 Es stelle sich die Frage, wer diese prä-existenten Individuen und prä-existenten Ich sind? Müssen diese nicht zunächst gesellschaftlich und subjektiv als ein Ich konstituiert werden?

Letztlich läuft Freuds Beibehaltung der Dichotomie hier stets auf einen unlösbaren Konflikt zwischen den vor-sozialen Ansprüchen des Individuums und den entgegengesetzten und überlagerten Ansprüchen der Gesellschaft hinaus. (158) Generell ist er aufgrund seiner dualen Begrifflichkeit stets genötigt, das Phänomen des Sozialen einer dieser beiden Seiten zuzuordnen.

Wenn Freud wirklich die irreduzible spezifische Problematik des Sozialen hätten erfassen wollen, dann hätte er seiner eigenen absolut revolutionären Einsicht von der faltendenden und verknotenden Logik der wesentlichen Unbewusstheit des Ich treu bleiben müssen. Denn dann hätte er – wie Marx implizit und Lacan ab Seminar XVII mit seiner Rückkehr zu Marx teilweise auch explizit – erkennen können, dass die Unbewusstheit des Ich durch irgendetwas produziert werden muss, und dass dieses Etwas letztlich nur einen sozialen Charakter haben kann. Genauer: er hätte erkannt, dass das imaginäre Ich und das Reale des Unbewussten, genauer: das Reale der Arbeit (womit das Unbewusste nicht mehr eigenständig/ getrennt lokalisierbar ist) nur durch das Eingreifen und die Aktivität eines Dritten, eines unvermeidlich sozialen oder symbolischen Terms, miteinander verbunden werden können. 159

Damit hätten sich Freuds Spekulationen über ein Jenseits ebenso erübrigt wie seine vergeblichen Versuche, das Phänomen des Unbewussten zu lokalisieren. Die unbewusste Konstitution des Ich deckt auf, dass das Phänomen des Unbewussten nicht lokalisiert werden muss, denn dieses Phänomen ist nichts anderes als das Produkt einer – ganz bestimmten – sozialen Form: der kapitalistischen Produktionsweise (das Unbewusste ist ganz genau, zumindest in seiner erfahrbaren Form, ein unvermeidlicher Effekt der kapitalistischen (wechselseitigen) Überlagerung des Imaginären, des Realen und des Symbolischen.

Hätte Freud dieses alles erkannt, so hätte er damit einhergehend einen wesentlich radikaleren Schritt gehen müssen als er es zu tun vermochte. Denn anstatt einfach eine unangemessene Metapsychologie zu benutzen, um auf inadäquate Weise die angenommene Logik des Sozialen zu erläutern, hätte er eine angemessene Konzeption dieser Logik erarbeiten müssen, um die Sphäre der Metapsychologie selbst zu erklären und diese damit sicherlich aufzulösen und zum Einsturz zu bringen. Er hätte ganz genau auf den zweifelhaften Nutzen des ganzen „Mords“ und der „Entstellung“ des hier beschriebenen Sozialen verzichten müssen.

Coda: Fetischistische Verleugnung und die soziale Konstitution des (unbewussten) Ich (159-160)

Im letzten Abschnitt kommen Rouse&Arribas anhand von zwei kleinen Artikeln von Freud (Fetischismus von 1927 und Die Ichspaltung im Abwehrvorgang von 1938/40) auf das Thema von Marx zurück. Wenn das Ich selbst (wie beim Fetischismus) gespalten oder geteilt sein kann oder ist, warum nicht einen Schritt weitergehen und die ganze soziale Produktion dieses Ich, den sozialen Kern seines Unbewussten, als gespalten und geteilt konzipieren? Das gelingt Lacan, indem er auf die Marx‘sche Analyse der fetischistischen Konstitution des proletarischen Subjekts des Kapitals zurückgreift. Ist das Ich nicht der inhärente und nicht leicht überwindbare Fetisch genau dieses proletarischen Subjekts? „Fetisch?“

Hier lohnt sich ein Blick in die kleinen Texte. Freud spricht dort (III:387) sogar in Bezug auf einen Fall von Zwangsneurose von Spaltung: zwei völlig konträre und sich gegenseitig ausschließende Auffassungen (den Tod des Vaters anerkennen vs. nicht anerkennen) bestanden nebeneinander, “die wunschgerechte wie die realitätsgerechte Einstellung” – wie bei den Fetischisten, sagt Freud, die auch damit leben, “daß das Weib kastriert sei, als auch, daß es nicht kastriert sei”. Ob man nun die Perversion als Negativ der Neurose (Freud) versteht oder nicht (Wilhelm Stekel) – auf jeden Fall ist das eine das Pendant zum anderen, und daher haben beide mit “sowohl als auch” keine (psycho)logischen Probleme. Ganz anders als “im Fall der Psychose”, was Freud ausdrücklich “festhalten” kann, wo “die eine, die realitätsgerechte Strömung, wirklich vermißt werden würde”, wo also nur die andere, die nicht-realitätsgerechte oder wunschgerechte existiert. Womit die Frage, um was für eine psychische Struktur es sich bei der Subjektspaltung im Kapitalismus handelt, eine neue Richtung bekommt: Hier, wo in Sachen Ausbeutung von gleichzeitiger Anerkennung und Nicht-Anerkennung der Kastration keine Rede sein kann, hätten wir es folglich psychoanalytisch gesehen auch nicht mit Verleugnung (disavowal) zu tun (wie Rouse&Arribas meinen), sondern mit Verwerfung (Psychose), d.h. mit einer psychotischen bzw. schizoiden Struktur: Weder der Arbeiter noch der Wirtschaftswissenschaftler geht davon aus, dass der Proletarier kastriert nach Hause geht. Obwohl das Kapital sich das Mehrprodukt der Arbeit aneignet, wähnen sich alle glücklich und zufrieden mit dem Preis der Arbeit. Für “schizoid” (obwohl einem vieles im Kapitalismus “pervers” erscheinen mag) sprechen auch die vielerorts diagnostizierten und beschriebenen multiplen Persönlichkeiten (o.ä.).

 

erster Teil hier

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