PhiloFiction

Schnee kaputt!

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5 Feb , 2020  

Ein Text über Iljenkow – mit Zitaten und einer bio-bibliografischen Notiz, die Logos, Ethos und ästhetisch die Sehnsucht nach Kunst im „Zeitalter vollendeter Sündhaftigkeit“ zeigt, die Suizidales an den Tag, besser – allen romantischen Verdunkelungen zum Trotz – an “die Nacht” legt

 Hugo Velarde

1.сознание возникает из опыта, 2. говоря с собой = сознательно действуя, ребенок

ставит себя на место другого, относится к себе, как к другому, подражает другому, говорящему ему, замещает другого по отнош. к себе, научается в отношении своего тела быть другим Bew(usstsein)=Doppelgänger

Lew Wygozki

Ewald Wassiljewitsch Iljenkow (1924-1979), sowjetischer Philosoph und Pädagoge; Autor des vielfach übersetzten Buches Die Dialektik des Abstrakten und Konkreten im „Kapital“ von Karl Marx,2 steht 1945 als Frontsoldat in Berlin vor Hegels Grab. 1979 verübt er Selbstmord. In der Zwischenzeit lehrt er an der Universität, schreibt Aufsätze und Bücher, wendet, wie schon Lew Wygotski, die Theorie in der heilpädagogischen Arbeit mit behinderten Menschen an. Auf Wygotski werden wir noch zurückkommen.

Die Gabe heller zu sehen, der Einfachheit halber von ihrer Vollendung her bezeichnet, >Hellsehen<, will gelernt sein.  Wir werden nicht bequem in eine formvollendete Geometrie sanft hinein gegeben, sondern reingeboren, und auch mehr wie in ein Gestrüpp. An den sensibelsten Stellen sind wir in Banden geschlagen, fest darein verstrickt. Das Gestrüpp ist voller Zwickungen, Lockungen und so voll mit süßer kleiner Beute. Wir lassen sie uns gefallen, diese Mischung aus Zwang und Lust, mit der wir da herum trampeln. Unsere Lage kennt noch kein Bewusstsein. Die bedeutendste grammatikalische Verbform unserer Handlungen in ihr ist das Passiv. Wir erleiden, doch nicht unsüß, handeln zwar, aber trampelnd, wir „stößeln an“.  

Die eigenartige Beschaffenheit der materiellen Wirklichkeit macht, dass wir eines Tages über eine Wurzel stolpern. Wie in der Beleuchtung eines Blitzes, der sich in Wiederholungen zu einem gewohnteren Licht stabilisiert, lernen wir eine Form von der anderen zu unterscheiden. Like „Die Geburt der Unterscheidung aus dem Geist der Materie“.

Irgendwann beginnen wir damit, uns umzudrehen. Die Fetzen von Eindruck, die wir dabei erleiden, locken uns, daß wir uns immer wieder umdrehen. Eine unbewußte Neugierde mischt sich mit einem greisenhaften Vorauswissen. Wir empfinden Reize, unwissend, wie. Wir stehen ruhig da, wissend, ohne zu wissen. Wir wissen ja noch nicht einmal, dass wir nicht wissen. Es hat es uns, wie es eben scheint, und das eben ohne unser Wissen, irgendwie angetan. Unruhig-ruhig, so sprechen wir und wir stolpern. Dann stolpern wir über einen Rückblick. Wir heben ihn auf und schauen hinein. Er verschlingt uns. Wie durch uns hindurch gekrempelt, kommen wir wieder aus ihm hervor, bleiben uns zum Verwechseln ähnlich. Wir trampelten, jetzt stolpern wir. Beides bildet nunmehr rudimentär einen Tanzschritt, der uns noch lange tragen soll, zunächst bis zur ersten Ziererei, bis zu Messer und Gabel. Hier, beim Readymade, ist die Reise vorläufig zu Ende.

 Als Ewald Iljenkow in den Kampfpausen zwischen den Trümmern Berlins spazierte, wird er gestolpert sein über Messer und Gabeln, wird er die einmal sehr sorgfältig gefügten, nun zerschmetterten Früchte eines ausgebombten Lebens mit neugierigen Augen betrachtet haben, alles zusammenfügend zu einem Ganzen, mit dem Knirschen unter den Sohlen vom Zermalmten. Es nichtete im Berlin jener Tage, ein Nichts aus Materie, kaputter Schnee von heute.

Die Sonnenstrahlen bei Ende des Krieges müssen sehr angenehm gewesen sein, ein Wetter wie geschaffen zum Spazierengehen. Und um Hegels Grab dürfte es gezwitschert haben beim Anblick von Moos und Strauch im rieselnd warmen Dünn-Dünn der berlinischen Durchlässigkeit unter dem sanften Brüten des besagten Sonnenscheins, als der junge Mann aus Rußland den Friedhof betritt: 

 “Это чувство свидетельствует, что человек, индивидуум оказался как бы зажатым в тиски между двумя фактами, столкнувшимися в остром противоречии. Будучи зажат между двумя фактами, индивидуум и испытывает их давление на свою психику, и тем болезненнее, чем более чуткой оказывается организация его «чувственности».”

 “Dieses Gefühl bezeugt, dass der Mensch, das Individuum in den Schraubstock zwischen zwei Tatsachen geraten ist, die miteinander in einem scharfen Wiederspruch kollidieren. Eingequetscht zwischen zwei Tatsachen, empfindet das Individuum ihren Druck auf seine Psyche, und der ist desto schmerzhafter, je empfindlicher seine >sinnlichen Wahrnehmung< organisiert ist.” (Iljenkow “Über die ästhetische Natur der Fantasie” (nicht auf dt. erschienen))

  Iljenkow schrieb Aufsätze und Bücher, insbesondere zur Materialistischen Dialektik, Ästhetik, Logik, dort taucht immer wieder ein Motiv auf: „творческое воображение“/“schöpferische Einbildungskraft“ (Intuition). Das Erblicken des „целое раньше частей“ /“Ganzen vor seinen Einzelteilen“ , der speziellen Gabe der Kunst. Woher die Kunst diese Gabe habe und was jene Tatsachen genau seien, könne die Kunst nicht sagen. Dafür sei die Wissenschaft mit ihrer Gabe zuständig, „ihrer strengen Analyse ohne Sentiment”. Iljenkow besteht darauf, dass es sich nicht um nurangeborene Gaben, eine, wenn man will, genetische Üppigkeit handle, sondern durch die Umstände vermittelt, das heißt, gehemmt oder gefördert sei. Längst nicht am Ende der Möglichkeiten angelangt, stünden uns nur Produkte, mehr oder weniger von Zufall und hier und da willkürlichen Auswüchsen der einen oder der anderen der beiden, seltener einem glücklichen Zusammentreffen beider Gaben, zu Gebrauch und Besichtigung bereit.  

 Mit der Sensibilität kann es einem ergehen wie bei Lew Schestow, in seinem feinen Büchlein „Die Philosophie der Tragödie“: „Есть область человеческого духа, которая не видела еще добровольцев: туда люди идут лишь поневоле.“

Es gibt einen Bereich des menschlichen Geistes, der noch keine Freiwilligen gesehen hat: dort gehen Menschen nur ungewollt hin. …“ (aus: Lew Schestow “Dostojewski und Nietzsche – Philosophie der Tragödie)

 Dieser menschliche Gang, von dem die Rede ist, macht natürlich unaufhörlich seine Schritte, manchmal jedoch hat er die Eigenart, erst viel später hinterher zu zeigen, was da außerdem gewesen ist. Und ist da nicht immer ein Außerdem? Was, wenn Iljenkow kein neunzehnjähriger Frontsoldat, sondern ein Eingeborener gewesen wäre, unter dessen Schritten der kaputte Schnee knirschte? Für ihn wären Messer und Gabel nicht zu Staub zerbröselnde, von der Ferne her, auf wunderliche Weise um Hegels Grab schimmernde Kleinigkeiten gewesen, obendrein mit prickelnden Euphorie-Stubsern für die Einbildungskraft des angehenden Philosophen, der Iljenkow in den Pausen nach den überlebten Fronteinsätzen, auch war; eher “gebeugt über die eigene Substanz” (G. Benn) würde er vermutlich seine Schritte gemacht haben. In diesen Trümmern lag ein aufgerissener Rachen, titellos und ungeschminkt. Dieselben Verrichtungen, die früher Ordnung machten, fegen, werkeln, hämmern, stopfen, köcheln auch jetzt, da sich alles aufgerissen, nackt, preisgegeben, im Sonnenschein wie in Stille vor sich hin klirrend, klappernd, den Blicken des spazieren gehenden Iljenkow darbietet. Der Rachen ist ein kaputtes Auto, eine verbogene Straßenlaterne, ein aufgesprengtes Resthaus mit gottseidank halbwegs erhaltener guter Stube, ein Stück, Fetzen, Blut im Hemd, noch ein brauchbares Geschirr. Im Panoptikum purer Körperbewegungen verlangt die Forderung des Tages Sorgfalt. Vor der analytischen Strenge der Kleinarbeit wird der Rachen schwadig, verliert seine Umrisse, wird zur Schattenformation, unnütz, während das Starren in die eigenen Hände über alles geht. Was hätte man aber in dem Rachen sehen können?

Eine Wurzel, die aus dem Gehweg ragt, du stolperst darüber. Das Domino der gesamten Welt setzt sich in Bewegung, die Zusammenhänge schnurren vor dir ab, in entsetzlicher Werdenot packst du einen Gedanken und hälst dich daran fest. So kommst du nicht aus dem Bett, weißt, sobald du es auf die Straße geschafft hast, nicht, wohin du gehen sollst: “Это и есть область трагедии. Человек, побывавший там, начинает иначе думать, иначе чувствовать, иначе желать.”

“…Das ist der Bereich der Tragödie. Ein Mensch, der dort gewesen ist, beginnt anders zu denken, anders zu fühlen, anders zu wünschen”, so Schestow weiter

Knigge: Wenn Messer und Gabel runtergefallen sind, hebst du sie wieder auf! Der Rachen sperrt sich wieder zu. So endet Iljenkows Aufenthalt in Berlin. Zurück in Moskau, beginnt er das Philosophiestudium. Er fängt damit an, György Lukács >Der junge Hegel< zu übersetzen. Hat er in den Krieg gemusst, weil die Deutschen Messer und Gabel runterfallen ließen? Er nimmt es ihnen nicht übel. Er kam zu Hegel, zu Marx, zu Lukacs. Im Schraubstock der Tatsache, wie die Deutschen in sorgfältiger Kleinarbeit der Kriegskunst nachgingen und der, wie sie mit derselben Sorgfalt die Trümmer beseitigen, die ihnen die Kriegskunst eingebracht hat, könnte ihm der Respekt für die Wissenschaft gekommen sein. In die materielle Welt sind Brosamen gestreut: Hinweise, Eingebungen. Wir kennen eine junge Frau, die ihre Mutter verlor. Danach kam sie zu den Großeltern, um die Kälte und die Starrheit kennen zu lernen. Sie verfügt heute über ein feinfühliges Gespür für diese Zusammenhänge, zwischen deren Bemäntelungen sie den Schmerz erfuhr. Sie nennt es Bremen. Die Sensibilität schaltet sich ein und aus. Das ist ihre Freiwilligkeit. Büßt sie die ein, liegt sie herum. Ein Herumliegendes, Irreduzibles, dem Körper unaustrennbar Eingespeistes, wenn wir so Erfahrung auch bezeichnen dürfen, ließe sich unter gewissen Umständen noch so umschreiben: du wachst eines Tages auf und befindest dich – поневоле – ungewollt irgendwo drin.

(Geschrei im Debattierklub der Universität:)

Für einen Absatz von Berdjajew allein gäbe ich Ihren ganzen Marxismus-Leninismus hin!“ (Erinnerungen eines Kollegen)

1978. Auf dem Heimweg schimpft Iljenkow mit seinen beiden Begleitern: „Wir haben den Nachwuchs endgültig verloren, haben versäumt, ihm und seiner mystischen Schwärmerei, gründlich genug die philosophische Tiefe der Ideen von Hegel, Marx, Wygotzki entgegenzusetzen!“ (Ebda)

Was Iljenkow und jeder, der da sonst wandelt, auf ihrem, wenn man so will, unfreiwilligen Weg zu Schestows дух-Zone gemeinsam haben, ist eine Sensibilität, die sie so allmählich nicht mehr loswerden, sie geht nicht aus, nicht ab, sie anhaftet ihnen unabschüttelbar. Sie bestimmt ihre Schritte, stellt sie verquer in den Fluss der Dinge, der sich auf unwiderstehlich machtvolle Weise mithilfe des viel effektiveren, weil selektiveren Einsatzes einer Sensbilität, die sich ausschalten, abnehmen läßt, immerfort und in einem unaufhaltsamen Weitergehen hemmungslos durchsetzt. In den Räumen, worin auch sie sind; hingegen wie drin und ohne Ausweg, stolpern sie immerfort über irgendein Außerdem, etwas, das mal von ihnen übergangen, jetzt unerbittlich vor ihnen steht und sie zu Einsicht und Innehalten zwingt. Ohne Titel-und-Schminke-Prunk bosseln sie an ihrer Frage, schubsen das Material zu dieser Frage vor sich her, hin; oder, wie Iljenkow es ausdrückt, als das Gestrüpp über ihm noch nicht zusammengeschlagen, er nicht abgeschnitten, völlig drin war, also noch hoffend: „Тонкая, обостренно-эстетическая чувственность художника, развитая сила его воображения отреагируют на такое положение гораздо быстрее, острее и точнее. Она зафиксирует наличие объективно конфликтной ситуации, так сказать, «по собственному самочувствию», по разладу своей организации с совокупной картиной действительности.“

Die feine, geschärft-ästhetische sinnliche Wahrnehmung des Künstlers, seine entwickelte Einbildungskraft reagiert auf so eine Lage viel rascher, schärfer und genauer. Sie fixiert das Vorhandensein einer objektiv konfligierenden Situation, sozusagen, >nach dem eigenen Befinden<, nach dem Riss zwischen der eigenen inneren Organisation und einem Gesamtbild der Wirklichkeit.“(aus: E. Iljenkow “Über die ästhetische Natur der Fantasie”)

Kommen wir aber auf den Rachen zurück, der in den Trümmern von 1945 bei schönstem Sonnenschein klaffte, so ungeschminkt und titellos.

C.G. Jung sagt irgendwo über die ach so wundersam anmutenden Vorbedingungen von „45“, es habe auch damit zu tun, dass es in Deutschland keine Frauen gäbe, „eine Frau ohne Titel sei nichts“, so C.G. Jung. Er meinte es schon etwas erotisch, wir nicht; jedenfalls nicht so. Was er Frau nennt, kann man genauso gut in Eigenschaften aufdröseln, die jeder haben könnte, denen aber Hindernisse im Weg stehen, die C.G. Jung mit Titel (Dr. und so weiter) andeutet. Eigenschaften, die es beispielsweise nicht so weit kommen ließen, dass straff durchorganisiert eine Armee hemmungslos bis zur eigenen Totalaufreibung mit der Zerstörungswut durchmarschiert. Der Durchmarsch sowie das Kalkül, selben, zu organisieren während des Krieges, das legt uns C.G. Jung auf dem Wege mitschwingender Assoziationen nahe an das Verhalten bei dem Bemühen um einen solchen Titel während des Friedens. Es ist zu begreiflich, dass bei einer Begegnung zwischen Menschen, einer Unbehagen empfindet, wenn ihm nur die ehrgeizige Seite hingehalten wird, die um einen Titel strebt, bezw. ihn schon hat und die Begegnung so befangen macht. Wenn sich in der Beziehung von einem zum anderen Verhältnisse widerspiegeln, die einen vom anderen und jeden von sich selbst >entfremden<, dergestalt, dass sie sich und einander nur (сквозь призму: durch ein Prisma) verformt und in der Beleuchtung gesellschaftlicher Fertigformen ansehen, also nicht sonderlich beachten und wenn, dann nicht ohne unser gewohntes Kalkül, muss sich Iljenkow gedacht haben, dann haben wir jene Starre und Kälte. Wenn wir dann noch das Pech haben, eine „geschärft-ästhetische Sinnlichkeit“ wie ein Künstler zu besitzen, dann könnte es geschehen, dass uns etwas packt, dass wir bald in den Klauen von etwas stecken, das unsere Fantasien mit einer Färbung, mit Ahnungen, gar mit Regressionen befangen hält, bis wir mehr und mehr nicht mehr können, schwächeln, in einen Strudel geraten, bis wir in einem unentrinnbaren Abwärts(!) schließlich auf einen Stand herunter gekommen sind, auf dem Schestow die Helden seiner „tragischen Philosophie“ auftreten lässt: „Они зовут к себе читателя, как свидетеля, они от него хотят получить право думать по-своему, надеяться — право существовать“

Sie rufen den Leser zu sich als Zeugen, sie wünschen, von ihm eine Berechtigung zu bekommen, so zu denken, wie sie denken, zu hoffen – eine Existenzberechtigung.“ (aus: Schestow “Philosophie der Tragödie”)

Wer weiß schon, wer in den Rachen sah und was er gesehen hat? Messer und Gabel, Knigge, die Bibel, Mein Kampf, alles ein knirschender kaputter Schnee unter den Sohlen. Der angenehme Sonnenschein, die wehmütige Indolenz allerseits, aber auch erster zarter knospend neuer guter Mut. Wir kennen die überlieferten Bilder von „45“, kennen >Wiederaufbau – und arbeitung<. Niemand geht freiwillig in jenen Bereich, sagt Schestow. Und so liegen Messer und Gabel auch wieder ordentlich neben der Aufarbeitung und dem Wiederaufbau in ihren Kästen. Unterdessen trennt Ewald Wasiljewitsch Iljenkow sich die Kehle durch.

Iljenkow liebte den Richard Wagner. Verglich ihn mit Marx: jeder auf seine Weise habe die Notwendigkeit bewiesen, mit der eine Zivilisation unter der Macht des Goldes, ein Kapitalismus in die Sackgasse rasselt und dort hoffnungslos liegen bleibt.

Wagner habe intuitiv nach einem Ausweg gesucht, aber er kam nicht raus. Treuherzig wandte er sich an (fast) jede bedeutsame Philosophie seiner Zeit, an die Linkshegelianer, an Feuerbach, an Bakunin, Stirner, Nietzsche, Schopenhauer etc. bis – und „als Finale und Sackgasse dieses Entwicklungsstranges – zur Vermählung von Buddhismus und Christentum. Das fände sich alles in seiner Musik wieder. Nur Marx nicht. Und so zittern sie, schwellen, schwirren, wälzen, strotzen und wirbeln, was das Zeug hält, die berühmten Spannungen seiner Musik, bis zum schmetternden Schluß, aber finden doch nie ein anderes Ziel, keine andere Lösung, als das Explodieren und die anschließende Trübsal: „…и всегда в конце концов разрешается в смерть, как в некое единственно блаженное состояние, как в идеал состояния духа, где царит абсолютное молчание, абсолютный покой и мрак — Мировая Ночь в «Тристане».“

…und am Ende immer die eine Lösung, der Tod, als der gewissermaßen alleinseligmachende Zustand, als der ideale Geisteszustand, wo absolutes Schweigen, absolute Stille herrscht und Finsternis – die Nacht der Welt im >Tristan<.“ (Notizen über R. Wagner aus dem Nachlass Iljenkows)

Die Erfahrung, Sensibilität bleibt eingesperrt, niederliegender Pessimismus, like a Schopenhauer.

Derweil macht sie weiterhin Schritte, die Sensibilität, verwandelt sich im Käfig ihrer Ziellosigkeit, dieser J. Assange von einem Zustand. Auf der Stelle harrend mit Skateboardfahren, spielt sie den Umdeuter, indem sie Stücken aufliest und nach Gutdünken zusammenfügt, immerhin das übertäubt ja auch. Ihre Freiheit ist eine andere geworden. Sie sucht Licht, sehr sacht. Über das Dunkel redet die eingesperrte Sensibilität nicht, während sie den Ball gegen die Wand prallen lässt. Ein wenig stückelnd, täubend, so sucht sie irrend, sich kirrend, und immer noch handelnd und aus ihren Handlungen spricht nur immer wieder eine Frage und die stellt der Kai Pohl nicht so viel anders, als irgendein Held bei Schestow: „¥≤∆@œµñn∆π-…?“ (Kai Pohl “Mein Tastament“)Incipit философия трагедии (Philosophie der Tragödie).

In Wirklichkeit gibt es immer etwas auszugraben. Immer ist da etwas in ihr, der Wirklichkeit, das befreit werden will. Der, um das zu übernehmen, erfundene >Dialektische Materialismus< drückt es so aus: sie ist uns nicht unmittelbar gegeben.

Die materielle Welt steckt voller Hinweise, auf jeden Fehltritt kann Erkenntnis folgen. Dafür streut sie uns beispielsweise aus dem Bürgersteig ragende Wurzeln in den Weg.

Die Arbeiten Lew Wygozkis enthüllen Verbindungen zwischen materieller Welt und unseren inneren Konfigurationen, zwischen Stolpern und Einsicht, dem Eingreifen in die eingespeiste in unseren Leib Erfahrung, irreduzibel unsere Sensibilität, durch sich selbst, mithilfe äußerer Anstöße. So stolperte K. Marx ein Leben lang über das Geldverdienen-Müssen und sein innerer J. Assange schrieb das Kommunistische Manifest.

Es kann der säuberlichste Bürgersteig sich als ein Dschungel erweisen und dann strauchelst du unversehens über eine Machete. All das lehrt uns ein bisschen heller sehen.

Nun mit einer Machete in der Hand, machen wir doch ein kleines Gedankenexperiment. Denken wir uns den Rachen von „45“, mutatis mutandis selbstverständlich, übertragen, sozusagen als Revivalchen, jetzt.

Und so kommt es, einer ist in den Strudel geraten, weiß nicht weiter, aber er lebt. Er könnte ja Iljenkow lesen oder Wygotski. Der gute Lew Semjonowitsch Wygotski, der es aufnahm mit der Starre und der Kälte, der die tragischen Bereiche zu beleuchten das Licht in die Hand nahm! Übrigens, er war ein Experimentator.

Der da im Strudel herum strauchelt kennt naturgemäß das Jobcenter. …

Nur so in Gedanken, ohne die alles sonst detschenden Hemm-призмen (-Prismen) unserer Fertigformen-Apperzeption, wie von hier und jetzt abgetrennt, wie in ein anderes wo und wann versetzt, von dort, wo Aufhellung herrscht, wo Entwürfe blühen, wie mitten aus einer ungedetschten творческое воображение/ schöpferischen Einbildungskraft (Intuition), wie aus der Fremde, so säen wir ihm, der nicht weiter weiß, aber lebt und ins Jobcenter geht, den Samen Wygozki in die durchschnittlichen Rahmenhandlungen; also eine Form, wie wir sie zu kennen, gewohnt sind, mit Wygozki drin. Vorhang auf für eine Etüde:

Ich wußte ja immer, daß man kein Deutscher bleiben darf. Man darf es erst gar nicht soweit kommen lassen, daß der zarte, weich ins Fleisch eingelassene Seelenkörper bei hiesiger Witterung den Grad der Festigkeit erreichen wird, wo er unaufweichbar ist. Dann bist du verloren.

Am Ende eines Spazierganges, auf dem er einen Becher Filterkaffe trank, erstürmt er in einer angenehm euphorischen, dem Mitfühlen nicht so abgeneigten Stimmung die Türen des Jobcenters.

An den sieben Stirnen der sieben kleinwüchsigen Mitarbeiter des Wachpersonals schimmert in unsicheren Zügen, neben den aufdringlich grelleren Merkmalen so rührend blass, und von den schon viel entschlossener ruckhaft mitsprechenden Gesten ihrer kleinen Leiber begleitet: >Arbeit macht frei!<. Man bittet ihn um die Einladung.

Mit Gedanken an einen Neuanfang kommt er durch die Türen zurück: Du mußt heller werden, ein Säugling bleiben, ein Säugling werden, ein hellerer Säugling! Ein richtiger Wygotski-Säugling! Und mit einem ermunterten Gefühl wie nach erfrischenden Wangenschlägen: hör auf mit dem Geldverdienen!

Aber ich verdiene kein Geld!“

Kämpf dich wieder hinter die unaufhaltsamen Verkrustungen zurück, dring durch zu dir, stemm dich von innen dagegen, mach dich weich! „Aber ich verdiene doch kein Geld!“ Laß es deine Religion sein, hinter allem vertrau auf eine unsichtbare Kraft, die anders und netter webt. „Aber ich verdiene kein Geld!“ Laß nur ihn nicht fest werden, deinen >Made in Germany<-Charakterpanzer! Man kann ihn nicht mehr von sich reißen. Er ist dann da. Unverwundbar, um zu verwunden. „Ich verdiene kein Geld!“ Er wird rollen, platt wälzen und du wirst dazu nur lächeln, grinsen oder ernst sein. Du wirst deiner Unverwundbarkeit durch deinen steifen Nacken Ausdruck verleihen. Und deinem steifen Nacken durch deine Sprache. Du wirst nicht tanzen, – oh Διόνυσος!- sondern sprechen. Du wirst nicht sprechen, sondern deutsch reden. „Aber ich verdiene doch gar kein Geld!“ Dann wirst du dich einen Europäer nennen, und immer noch lächeln, grinsen oder ernst sein. Du wirst lächeln, grinsen, nicht lachen und wenn du lachst, dann lachst du, ohne zu lachen. Also wirst du lieber ernst sein. „Ich verdiene kein Geld!“

Und diese ewigen Gegenstände, mit denen du groß wurdest. Sie sind überall, sie fesseln deine Aufmerksamkeit. Du bist fasziniert. Du wirst dieses Rätsel behutsam behandeln. Du wirst dich streicheln. Doch dann ist es zu spät. Du streichelst ihn.

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