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Hongkong, Paris, Marseille – Be water my friend

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9 Sep , 2019  

And if we should die tonight
Then we should all die together
Raise a glass of wine for the last time

Ein milder Spätsommernachmittag am alten Hafen von Marseille. Die kids aus den ‘Quartiers Populaires’ sind gekommen. Haben ihre Mütter mitgebracht. Alte, müde, stolze Gesichter. Hart von der Mühsal der tagtäglichen Arbeit, die mit einem Hungerlohn entlohnt wird. Sind alle tragen ein Banner vor sich her, die Sonne wirft ihnen heute ein Lächeln ins Gesicht. Sie hüpfen, tanzen, singen, lassen immer wieder die Gilets Jaunes hochleben.

Die stehen da an der Mole, wie jeden Sonnabend seit bald einem Jahr, verlegen gerührt. Der eine oder andere alte Gewerkschafter unter ihnen, vielleicht seit Jahrzehnten in der CGT. So viele Kämpfe, so viele Niederlagen, so oft von der Führung verraten und im Stich gelassen. Aber was soll man machen. Man muss sich doch organisieren. Und immer wieder Hoffnung geschöpft. Das sich etwas ändern wird, ändern muss. Die ganz Alten erinnern sich noch an den Mai 68 als sie die CRS durch die Straßen getrieben haben.

Im Sommer trägt der Wind manchmal den Wüstensand aus Afrika herüber, ganz anders ist dann die Luft Abends am alten Hafen. Wenn der Scirocco kommt, flüstern er den Menschen ganz alte, fast vergessende Träume ins Ohr. Dann geht keiner früh schlafen. Dann sitzt man draußen bis tief in die Nacht und keiner denkt an die Maloche des kommenden Tages. Man sitzt bei billigen, aber guten Wein aus der Gegend mit den Nachbarn und der Familie zusammen, erzählt sich Geschichten, hört sich zu, in sich hinein, erkennt im Anderen sich selber. Keiner wird laut, keiner krakelt, wenn der Scirocco weht, es ist, als wenn er eine tiefe Wahrheit mit sich trägt.

Gestern war der ‘Acte 43’. Seit 43 Wochen gehen sie nun schon auf die Straßen. 43 Samstage in Folge. Ob es regnet, schneit oder die Sonne brennt. Sie sind in Paris durch die Luxusviertel gezogen und haben sie verwüstet und geplündert. Bei Dior haben sie Uhren und Schmuck für 2 Millionen raus geschleppt. Mit einem Ladestapler haben sie das Tor eines Ministeriums aufgebrochen und sind in das Gebäude eingedrungen. Der Regierungssprecher musste samt seiner Entourage evakuiert werden. Die Bullen haben sie am Arc de Triomphe ordentlich verprügelt und auf den Champs Élysées das ‘Le Fouquet’s angezündet, wo Sarkorzy, der die Vorstädte und den Pöbel hasst, zu feiern pflegte. In ganz Frankreich hat es geknallt, bis in die tiefste Provinz und keiner weiß woher all das Tränengas kommt, das Woche für Woche durch die Innenstädte zieht. Tausende sind festgenommen worden, viele sitzen im Knast. Dutzende haben ihr Augenlicht verloren durch Gummigeschosse, in Marseille haben sie einer alten Frau eine Tränengasgranate an den Kopf geschossen, als sie die Fenster ihrer Wohnung im vierten Stock schließen wollte. Sie ist im Krankenhaus gestorben. Als es ganz heiß herging in Frankreich, stand im Präsidentenpalast ein jederzeit startbereiter Hubschrauber für Macron bereit, zusätzliche militärische Sondereinheiten waren zu seinem Schutz verlegt worden. Die Angst hatte die Seite gewechselt.

Man hat der ganzen Angelegenheit Herr zu werden versucht. Bürgerdialoge inszeniert, selbsternannte Anführer eingeladen und sie ermuntert mit eigenen Listen zur Europawahl anzutreten. Keiner hat sie gewählt und auf den Demos wurden sie beschimpft und bedroht und können sich dort nicht mehr blicken lassen. Die Faschos haben auch anfänglich versucht Fuß zu fassen in der Diffusität der Bewegung. Sie haben so lange auf die Fresse bekommen, bis sie sich verpisst haben. Stattdessen sind die organisierten Leute aus den Vorstädten dazu gestoßen, die unabhängigen Gewerkschaftler und in vielen Städten auch die Basis der CGT, was der Führung sauer aufgestoßen ist, die versucht hat ihr eigenes Süppchen zu kochen. Und nun kommt der Herbst und die Bewegung ist immer noch da. Keiner weiß, wie sie das geschafft hat, tausend Mal haben die Medien sie für tot erklärt, sie kann keine Erfolge vorweisen und ihr Ansammlung von Forderungen ist so umfangreich wie ein Möbelkatalog. Vielleicht ist das ja auch Teil ihres Geheimnisses. Keiner weiß, was genau gefordert wird und so bleibt es schwierig, sie zu spalten und zu integrieren. Nicht das von den Schattenseiten geschwiegen werden soll. Es gab und gibt Spinner unter ihnen, harmlose und gefährliche, Verschwörungstheoretiker und Antisemiten. Aber sie sind eine klare Minderheit und bekommen immer wieder die Quittung verpasst für ihre Ansichten. Man hat sich auch landesweit getroffen und organisiert. Die Versammlung der Versammlungen. Ein bisschen Chiapas in der französischen Provinz. Sind ein paar schöne, aufrichtige Erklärungen bei raus gekommen. Keine Partei, keine Organisation, keine Blaupause für die Machtübernahme. Man sagt, es wären wenige Linke dort gewesen.

In Hongkong brennt seit Wochen die Luft. ‘Be water my friend’. Keine Anführer, kein Protestcamp wie bei der Umbrella Revolution. ‘Be water my friend’. Mobile flashmobs ziehen durch die Straßen, tauchen auf dem Flughafen oder vor dem Bullen HQ auf. Schleppen mobiles Barrikadenmaterial mit sich und tauchen in die Metro ab, wenn die Bullen Überhand gewinnen. Anwohner legen dort Wechselklamotten und anonymisierte Fahrausweise für die Demonstranten ab. Überwachungskameras werden sachgerecht zerlegt, abschirmt vor neugierigen Blicken durch dutzende Demonstranten mit Regenschirmen wird das subversive Tagewerk verrichtet. ‘Be water my friend’. Die Leute in Hongkong sagen, sie hätten von den Gilets Jaunes gelernt. Auf den Mauern von Hongkong finden sich Graffiti mit Grüßen an die Gilets Jaunes. In Frankreich schleppen sie auf den Demos mitten im Hochsommer aufgespannte Regenschirme mit sich herum. Die Grüße aus Hongkong sind angekommen.

Der soziale Krieg war schon immer asymmetrisch. Die Linke hat das nur nicht begriffen. Wer den Aufstand in Hongkong auf die Frage des umstrittenen Auslieferungsgesetzes nach China oder auf die Forderungen nach Partizipation reduziert, weiß nicht um die Wohnungsnot und das soziale Elend in der Stadt, dem Alptraum eines chinesischen Kapitalismus unter der Führung einer „kommunistischen Partei“, den in den Massenmedien nicht berichteten wilden Streiks und sozialen Revolten im chinesischen Kernland. Wer in Frankreich der ‘Convergence des luttes’ das Wort redet, begreift nicht, dass die Kämpfe sich schon aufeinander beziehen, weil sich die Träger der Revolten in den Ausschreitungen und Riots der Anderen schon lange wieder erkennen. In Frankreich gab es in diesem Jahr schon um die achtzig Suizide unter den Angehörigen von Polizei und Gendarmerie. Bullen prügeln auf Kinder und Behinderte ein.

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Die Perspektivlosigkeit eines Empires in seinen letzten Zügen strahlt bis in seine ausführenden Organe aus. Wenn es nichts mehr zu verteidigen gibt, gibt es nur Untergang oder alles zu gewinnen. Am 21. September gibt es eine weitere landesweite Demo der Gilets Jaunes in Paris. ‘Be water my friend’.

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