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Gosse

Hungerspiele in Thailand

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11 Apr , 2020  

Italien und Thailand haben viel gemeinsam: die plaerrende Akustik einer auf oberflaechliche Reize ausgelegten Medienlanschaft. Der Schmalz und das Saeuseln weichgespuelter Stimmen, die aus dem Off, als Softpornoversion, den schmerzhaften Liebestod besingen. Die verzueckte Orgastik der Santas und Buddhas monumentaler Kirchenschiffe und Tempelanlagen. Das ‘la dolce Vita’ und das ‘sabei sabei’ – das ‘easy going’ – Made in Italy und Thailand. Die Liebe zur Kulinarik, Mode, Graphik, Design, Ornament. Kurz gesagt: die Ueberbetonung des dekorativen Elements. Die Verschoenerung des Seins durch die Form. Weiter: der Machismo, Sexismus und Schoenheitswahn. Das staendige Umoperieren als zwanghafte Neurose. Die heilige Familie und der infantile Charakter einer Kultur, die Kinder anbetet und missbraucht. Der Klassencharakter einer Gesellschaft, die Armut als gottgegeben ansieht.

Thailand und Italien sind internationale Touristik-Destinationen mit einem ausgepraegten Dienstleistungssektor. Beide Laender sind separiert in arme und reiche Regionen, in urbane Zentren und abgelegene Agrarzonen. Beide Laender verfuegen ueber einen schwachen Staat und ueber schwache Institutionen. Misswirtschaft, Inkompetenz und Korruption sind eine Landplage. Eine Bourgeosie ohne Moral verachtet die Armut und tritt sie mit Fuessen. Die Industriezentren und Produktionsstaetten sind dem touristischen Blick entzogen und liegen abseits der Touristikrouten. Das Leben findet ganzjaehrig auf der Strasse statt, wo die urbane Anarchie des informellen Sektors herrscht. Folgt Thailand dem Beispiel von Italien und endet in der Vorhoelle des Massensterbens auf den Intensivstationen?

In Thailand herrscht der Status Quo. Wer arm ist bleibt arm. Wer reich ist bleibt reich. An den Schulen lernen die Schueler die Liebe zu Nation, Religion und Koenigshaus, die das Banner repraesentieren. Fuer die Bevoelkerung Gehirnwaesche. Fuer die Eliten Elitebildung. Wer das Geld hat, hat die Macht. Wer die Macht hat, hat das Recht. Die Frau dient dem Mann. Die aelteste Tochter opfert sich der Familie. Die Schoenheit und die Unschuld wird verkauft und verdient sich ihr Geld fuer die Familie als Bier-Bar-Go-Go-Girl-Animier-Dame ‘for rent’ im Amuesierbetrieb von Pattaya-Town. Das beruehmte Laecheln der Thais ist eine klassische Unterwerfungsgeste. ‘Der Koenig der niemals laechelt’ lautet der Titel einer in Thailand verbotenen Autobiografie ueber das Leben des vor wenigen Jahren verstorbenen Koenigs Bhumibol. Wer ueber die absolute Macht verfuegt hat es nicht noetig zu laecheln.

Die Zeit des alten Koenigs steht fuer den steilen Aufstieg von Thailand und die Urbanisierung der Regionen, den Ausbau der Touristikrouten, der Produktionsstaetten und der Industrialisierung der Landwirtschaft. Landflucht und Urbanisierung sind zwei Seiten der selben Medaille. In jeder kleinen Provinzhauptstadt steht heute ein klimatisierter Shoppingcenter mit den internationalen Marken urbaner Kultur als Wahrzeichen. Der gemeine Thai ist konsumverliebt und ueberschuldet. Die Strassen in den Staedten gleichen einem motorisierten Laermteppich. Die Luft wird duenn zum atmen in Bangkok in der sog.’cold Season’ von Ende November bis Ende Maerz. Der Smog ist gewichen. Die Atemschutzmasken dienen nun einem anderen Zweck. Statt gegen erhoehte Feinstaubwerte sollen sie jetzt vor dem Corona-Virus schuetzen.

Kurz vor Ausbruch der Corona-Krise kam es an den Universitaeten landesweit zu Protesten. Der Campus wurde politisiert durch den Verbot der Future Forward Party. 20% Prozent der Stimmen der Waehler der post dictatorship aerea landeten im Orkus. Der Zweifinger-Gruss aus den hunger games, als Protestform gegen die alte Elite, ging im ganzen Land wieder in die Hoehe. Die Regierung, deren Fuehrer sich an die Macht geputscht haben, um in 5 langen Jahren eine massgeschneiderte neue Verfassung fuer ihre Zwecke zu schaffen, sozusagen ‘democracy light’, hat nun wieder eine kompfortable Mehrheit. Das Land ist wieder einmal gepalten.

Seit zwei Dekaden nun wird die Politik im Land gelaehmt durch eine Saga, die in ihrer Ausdehnung den daily soaps gleicht, die tagtaeglich auf allen Kanaelen laufen. Alte Klasse gegen neue Klasse. Paternalismus gegen Populismus. Die Thais koennen es nicht mehr hoeren, sehen und riechen. Sie schweigen, verziehen das Gesicht, rollen mit den Augen und halten sich die Nase zu. Die Buehne der Macht ist eine laecherliche Folge niedriger Charaktaere. Das Operettenhafte der Politik, die Masken- und Kostuemparade, mag ein weiteres Indiz sein fuer die Gleichung Thailand und Italien.

Es heisst ein schwaches Volk braucht starken Fuehrer. Der aktuelle Fuehrer sieht sich als Vaterfigur. Streng und gerecht. Hart aber fair. Wenn er gut gelaunt ist zeigt er sich menschenfreundlich. Wenn er missgestimmt ist poltert er laut und verteilt Ruegen wie eine launische Diva. Wer laut ist verliert sein Gesicht. Die aktuelle Regierung verliert ihr Gesicht mehrfach taeglich und gebaert einen Aktionismus ohne Plan, der einem kopflosen Huhn aehnelt. Die Thai-Tourist-Industry uebt Druck aus auf die Regierung fuer den totalen Shutdown. Bis Mai soll das Land virusfrei sein, damit die chinesischen Touristen nach Thailand zurueckkehren koennen.

Was immer auch noch passieren mag in den naechsten Stunden, Tagen und Wochen. Wer am meisten darunter leiden wird, sind die Underdogs von Thailand. Die Migranten aus Burma, Laos und Cambodia haben das Land bereits verlassen, um zu ihren Familien zurueckzukehren. Die Grenzen mussten temporaer geoeffnet werden, um Aufstaende der Fluechtenden zu verhindern. Das Virus streut mit den Fluechtlingsstroemen bis an die Grenzen von China. ‘Warum sollen wir in Bangkok bleiben, wenn wir dort verhungern muessen?’ Das ist die Frage die sich viele Menschen in der Region stellen. Wie ueberleben, wie weiterleben in Zeiten der Viruskrise?

Der Radius der Bewegungen wird Schritt fuer Schritt kleiner bis zum totalen Stillstand. Die Thailaender fuerchten sich vor der Stille der Nacht. Das ist der Augenblick in dem die Geister erscheinen. Gespenstisch anmutende Schreckensgestalten bizarrer Formationen aus deren hohlen Baeuchen entbloesste Eingeweide quellen. Das Gespenst des Kommunismus an der Grenze von Laos wurde vor Dekaden besaenftigt durch den Paternalismus des Koenigshauses. Infrastrukturmassnahmen im Agrarsektor befriedeten die Region. Wo frueher Mohn bluehte, wird heute Kaffee angebaut. Die Hegemonie der Macht, der wiederhergetellte Konsens, wurde in den letzten zwei Dekaden latenter Buergerkrieg systematisch durchloechert.

Gepenstisch real erschreckte das ‘mass shooting’ von Korat die Thais. Was sonst unsichtbar war, wurde kurz sichtbar im Amoklauf eines von seinem Vorgesetzten und seiner Schwiegermutter durch einen Immobilienkauf betrogenen Scharfschuetzen der Thai Army, der blutig Rache nahm und seinen Vorgesetzten und seine Schwiegermutter dafuer erschoss, um danach einen Wachmann zu toeten, das Waffenlager der Kaserne zu pluendern und sich schwer bewaffnet in aller Seelenruhe in einem gestohlenen Pick up ins zentrale Luxus-Shoping-Center von Korat zu bewegen, um dort sein Handwerk auszuueben, das er bei der Thai-Army gelernt hat: Menschen toeten.

Schusswaffengebrauch ist in Thailand alltaeglich. Das Land steht auf den oberen Raengen der Schusswaffenopfer weltweit. Thailaender sind wie Elefanten. Solange sie niemand reizt sind sie friedliche Wesen. Wenn sie aber lange genug provoziert werden und sie fuerchten muessen ihr Gesicht zu verlieren besteht Lebensgefahr. Was an dem Tag des Massakers von Korat kurz sichtbar wurde wie ein Blitzschlag in tiefer Nacht, der die unbelebte Landschaft erhellt, ist das Amalgan der Machthaber, die sich im Namen des Volks selbst bereichern und dafuer ueber Leichen gehen. Die Thai-Army als Selbstbedienungsladen der oberen Raenge auf Kosten der unteren Raenge.

Der Kommandeur der Streitkraefte benutzte in seiner Rede an die Nation, in der er sich unter Traenen fuer die Tat entschuldigte und Besserung versprach, das thailaendische Wort fuer heilig. Die Armee ist also heilig und unantastbar. Das sagt sehr viel aus ueber das Denken der konserativen Eite von Thailand. Erst um die Jahreswende bemuehte der selbe Kommandeur in einer oeffentlichen Stellungnahme das Schreckgespenst des Kommunismus, um vor jeder Form von Opposition zu warnen. Im Namen der heiligen Werte rueckte die Armee ueber Dekaden so oft aus, um die Demokratie wegzuputschen, das die Thailaender aufgehoert haben mitzuzaehlen.

Ungezaehlt sind auch die Opfer der Massaker gegen die Demokratiebewegungen in den 7oern und 90ern, die zu einer neuen Verfassung fuehrte, die nun wieder durch ein manipuliertes Referendum ausser Kraft gesetzt wurde. Das Rad der Geschichte wurde zum wiederholten mal zurueckgedreht. Thai Politics, das ist eine Wissenschaft fuer sich. Aussenstehende scheitern bereits an der Aussprache der Vor und Zunamen. Selbstzensur ist ein selbstverstaendlicher Teil des Denkens. Denn viele Thais mussten bereits bezahlen fuer ihren Mangel an Vorsicht mit ihrer Freiheit, mit ihrem Leben und ihrer Gesundheit. Gefaengnise in Thailand sind gefaehrliche Orte. Der Zivilisationsgrad einer Gesellschaft laesst sich am Strafvollzug erkennen. Schau dir die Gefaengnisse an – dann kennst du den Ort. Knast in Thailand – das kann die Hoelle oder das Paradies auf Erden sein – je nachdem ueber wieviel Geld und Einfluss man verfuegt.

Reden ist Silber. Schweigen ist Gold. Thais bevorzugen Gold. Gold soll Gueck bringen. Neugeborene erhalten als Gluecksbringer kleine Goldketten. Neugeboren aus der Krise. Das entspricht dem Wunsch der herrschenden Klasse. Laut Bangkok Post akzeptieren 70% der Bevoelkerung das Konzept der sozialen Distanzierung. 80% sind noetig um die Zahl der Neuinfektionen zu verringern. Fuer ein Volk, das sich normalerweise freiwillig selber gleichschaltet sind das geringe Zustimmungswerte und sagt sehr viel aus ueber die Vertrauenskrise in der Thai-Society.

Waehrend das Volk von Thailand leidet, sitzt der neue Koenig, der Sohn des Gott-Koenigs, in seiner Alpenfestung in einem eigens angemieteten Luxusresort und geniesst mit seiner Entourage das milde Klima und die frische Luft in der bayrischen Hochregion. Das erinnert an den Roman von Thomas Mann ‘Der Zauberberg’. Der Protagonist kam zur Auffrischung fuer drei Wochen. Er blieb 7 Jahre auf dem Zauberberg. Die letzte Szene im Roman spielt auf den Schlachtfeldern des ersten Weltkriegs im Hagel der Geschosse. Die Geschichte, das Vergehen der Zeit und damit auch der Menschen, in die Zeit geboren, hat sich aufgeloest in der ploetzlichen Bewegung und Beschleunigung der Zeit. Die Zeit dehnt sich. Die Zeit beschleunigt sich. Fuer die einen ist die Zeit ein warten und ausharren. Fuer die anderen ein leiden und vergehen. Wie lange noch?

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