Groschenroman

Intime Einsichten in Deutschlands Büro- und Chefetagen (Szenen; 1)

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17 Dez , 2018  

Der Aufsichtsratsvorsitzende erhebt sich plötzlich aus dem schwarzen Ledersessel, kommt erstmal mit ein paar  hervorgezauberten mythopoetischen Ritornellen, sum gali gali sum gali gali an, hebt danach mit seismischen Schüben an: »Nun ja, auch wenn wir wissen, dass der Wert unseres wirklich besorgniserregenden Derivats davon abhängt, wie sich der Marktwert eines bestimmten realen Underlying entwickelt, dann … Nun ja, und nun ging das Equity-Put-Portfolio am Ende dieser Laufzeit eben baden, um es einmal ganz leger auszudrücken.« Gekauft wird also von der Holding nicht irgendeine Art von Substanz oder Asset, sondern nur das Recht, ein Geschäft in der Zukunft zu einem vorbestimmten Preis durchzuführen, wobei natürlich die zukünftigen Geldstromverläufe den gegenwärtigen Erwartungen bzw. der statistischen Streuung von Möglichkeiten enstprechen möge, wobei durchaus Fristen einzuhalten sind und Zahlungen fällig werden, so dass die künftigen Gegenwarten niemals mit gegenwärtigen Zukünften übereinstimmen und kontinuierlich Anpassungsentscheidungen fällig sind. Was für ein absurdes Spiel mit den Zeitserien von Zukünften, denkt Mansfeld, dem seit langem erstmals wieder Fachbegriffe und Formeln der mathematischen Finanzwissenschaften wild durcheinander durch den Kopf schießen, Cross-Border-Leasing, collateralized debt obligations, Liar Loans, AAA-Ratings, CDOs und CMOs und Pipapo, sogar die Formel Vswap = BD – S0 BF fällt ihm plötzlich wieder ein, mit der er aber im Augenblick nicht viel anfangen kann, denn sie scheint aus einer völlig anderen Dimension zu sein als das, was ihn die letzten beiden Wochen über hauptsächlich beschäftigt hat, denn um Implementierungen von Formeln in Kalkulationssoftware und die Verwendung der computergestützten Kakulationstools im Derivathandel braucht er sich persönlich schon lange nicht mehr zu kümmern.

Bei Mansfeld läuft es zumindest im neurologisch-sexuellen Konzept seit Tagen wieder einigermaßen rund, sieht man einmal vom Luxuscallgirl Anny ab, deren Telefonnummer er gestern spontan aus dem Kurzwahlspeicher seiner privaten Telefonanlage gelöscht hat, weil sie ihn einfach viel zu eintönig hinsichtlich Janine befragt, die es angeblich mit ihm getrieben hat, wobei er nicht im Geringsten einsieht, sich gegenüber Anny in irgendeiner vertretbaren Weise rechtfertigen zu müssen, wobei er sich nur einen kleinen Ruck geben müsste, um per Email ein von langer Hand geplantes Harddate mit Anny zu bestätigen, aber Mansfeld hat Annys leidenschaftliche und doch effizientorientierte Verbalverrenkungen einfach satt, die natürlich sowieso ein zweischneidiges Schwert sind, denn Anny ist ja eine durch und durch professionelle Sexworkerin und zwar zugegebenermaßen eine im Luxusformat und -design, was Dessousauswahl, Tischmanieren und Oraltechniken angeht, ein Callgirl, das zudem noch die Aura moralischer Überlegenheit und Feinheit mit manchmal steinernem Squawgesicht mit sich spazieren trägt, und bislang hat Mansfeld nur nicht die Zeit gehabt, Anny endgültig das Ressentiment auszutreiben, das geschickt mit vielfältigen Geständnis- und Beichtprozeduren gegenüber den Kunden kohäriert, wobei, wie er ja weiß, die Aktivierung seines alten Samsung Handys genügt, um sich mit Anny spontan auf einen Cocktail zu verabreden und darüber hinaus zum sexuell magischen Quälen in der Unmöglichkeitszone eines Hotelzimmers und vielleicht wird er dann im Badezimmer verschwinden, um die Spezialsalbe aufzutragen und um im metallblau beleuchteten Hotelzimmer Anny barbarisch flachzulegen, so dass ihr Hören und Sehen vergeht, um dann erst die Date-Beziehung endgültig zu beenden.


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