Kassel / Szenen einer (Her)(Ab)Setzung*

Für das Beleidigende braucht es : a/ den Beleidiger, im Falle und als Ausgangspunkt ein „art collective“ namens Taring Padi, das seine „mission“ u.a. in der Wiederbelebung der Volkskultur sieht und gleich mal 5 evils of culture raushaut und dort ein lack of understanding hinsichtlich der Funktion von Kunst in der Gesellschaft behauptet. May be.

Dabei versuchten die b/ so Beleidigten (und beleidigt Fühlenden) schnell das Widerfahrnis „völkischer Gerechtigkeit“  (People’s Justice ist der Titel des Bildes) ins aktivische zu wenden und den Blick gleich auf die gesamte Documenta auszuweiten – schon vorher kritisch betrachtet, nun endlich in der Skandalisierung möglich. 

Win/win also, denn steht nicht jeder Documenta der Skandal besonders gut und haftet er nicht hernach bestens im kollektiven Gedächtnis, wie z.B. Schlingensiefs nicht getöteter Helmut Kohl (D10) ? 

c/ Bedarf es dann vor allem des (Kunst oder Kultur ?) Publikums, das entsprechende Invektiven – Werkzeuge sozialer Positionierung – als Empfänger/in in den unterschiedlichsten Rollen zwischen Betroffenheit und Komplizenschaft goutiert. 

Diesem Publikum musste man zwar etwas auf die Sprünge helfen, aber irgendwann erkannte es neben MI5, Intel und den alten Audio Stream Input Output-Treibern unter einem Nuklearschirm die Schweinemaske des Instituts für Aufklärung und besondere Aufgaben, kurz Mossad. Verunglimpfung und Antisemitismus ausgehend von deutschem Boden geht nicht, no go!

Ging aber doch. Machte auch Sinn, so man den Sinn aus dem Sanskrit von sinan ableitet, was „das Gehen“ meint und uns sinnigerweise noch im Uhrzeiger(sinn) begegnet. Jede Zeichenkette hat nun einmal unendlich viele Interpretationen. So sagt es die Automatentheorie, eine Theorie des sich selbst bewegendem (was dann alle bewegt). 

Wer sich da also beleidigt oder herabgewürdigt fühlt, ruft ein gesellschaftshistorisches Gefüge auf, das über den gegebenen Anlass weit hinaus weist.° 

Im Falle auf eine Geschichte, die vielleicht schon im 13. Jhd v. Chr. ihren Anfang nahm.

Dabei liegt bereits in der Abkürzung v.Chr. ein Problem, bzw. im zweiten Gebot, das dem alttestamentarischen dieser Religion zu Grunde liegt, sich aber in christlichen Kulturen als weitgehend unbeachtet erwiesen hat und auch für andere Propheten gilt, bzw. gelten sollte.** 

Diese Geschichte ist ihrerseits Wimmelbild, so wie man im gestürmten Bild ein Wimmelbild sah, das auf den entstehenden Druck der beleidigten Gruppe recht schnell entfernt wurde, mit dem Unterschied, dass die Gegeninvektive als Bild, da kein Bild, nicht entfernt werden kann und mit allem was dazu gesagt, geschrieben oder berichtet wird, bläht und wimmeliger wird.

Dabei geht man zu Gegenbeleidigungen über und schmäht das ganze z.B. als Antisemita 15 (Lobo), oder stellt Randständigkeit (Sloterdijk) usw. fest, die sich ungebührlicher Weise anschickt im Zentrum Macht zu übernehmen. Woher wusste Sloterdijk was da gut oder schlecht gemalt war, war es im Falle doch der Bubblejet aus dem Copyshop, der die Farbe auftrug ?

Darüber hinaus gab es gut gemeinte Ratschläge für den Umgang mit dieser misslichen Angelegenheit, frei nach dem offiziellen Motto des Mossad : Wo nicht weiser Rat ist, da geht das Volk unter; wo aber viele Ratgeber sind, da findet sich Hilfe. 

Das benötigt den öffentlich – theatralen Rahmen von sehen und gesehen werden, bzw. von Ruf und Blick von und zur gekaperten Bühne, bzw. Ausstellung, deren Existenz das Publikum erst behauptet. It`s Showtime und die Frage lautet, wer nun die Show macht und sein Publikum begeistert.

Vor diesem Hintergrund verschwindet die Aufführung der „weltweit bedeutendsten Reihe von Ausstellungen für zeitgenössische Kunst“/ Wiki, zu Gunsten einer Aufführung der Kultur, diesem anderen Widerfahrnis, das ins aktivische gewendet manchmal zu Kunst, wenn auch nicht allerorts zu Begeisterung führt. 

Dabei geht es auch um die Auseinandersetzung Subjekt versus Gesellschaft/Kultur, statt vergesellschaftetes (kultiviertes) Subjekt in subjektivierter Gesellschaft.

„Art is what we do, culture is what is done to us“ stellte bereits der Plattenleger Carl Andre*** fest. Er widerspricht damit der Kulturstaatsministerin. Diese meint, dass es sich bei Kunst und Kultur um das gleiche handelt : Kit der Gesellschaft. 

Damit liesse sich der Durchblick jedenfalls im Rahmen halten. 

Anna Häusler / Szenen der Herabsetzung / August Akademie / Denn Beleidigungen, Beschimpfungen oder andere Weisen der Demütigung wirken erst herabsetzend, wenn die jeweilige – kulturelle, gesellschaftliche, diskursive, politische, ökonomische – Ordnung die Lizenz dazu erteilt. 

**  Das zweite Gebot: Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf Erden, noch von dem, was im Wasser unter der Erde ist …

*** Interfunktionen Heft 5 

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