NonMusic

Ultrablack of Music / Vorwort – Technokulturen, unmenschliche Rhythmusmächte und das Ultra-Schwarz der Nicht- Musik

By

16 Mrz , 2020  

“Blitze explodieren zwischen verschiedenen Intensitäten, aber ihnen geht ein unsichtbarer, nicht wahrnehmbarer, dunkler Vorbote voraus, der ihren Weg im Voraus determiniert, aber (wie eine Gravur) in umgekehrter Richtung. Ebenso enthält jedes System seinen dunklen Vorboten,
der die Kommunikation der peripheren Serien gewährleistet. Wie wir sehen werden, wird diese Rolle, angesichts der Vielfalt der Systeme, durch recht unterschiedliche Bestimmungen erfüllt. Die Frage ist, wie der Vorläufer diese Rolle erfüllt.” (Deleuze 2004, 145-46)

Die Macht war immer da. Wenn Mille Plateaux sagt: “Wenn wir zurückblicken, scheint es, dass MP immer dunkel war. Wir haben nie bloß Techno-Utopismus, Akzelerationismus oder Eshuns Afrofuturismus affirmiert”, klingt es wie ein dunkel dröhnender Traum, der sich durcharbeitet, der sich der Verständlichkeit stellt, ohne sich vollständig zu zeigen, abgezogen von der einfachen Erkennbarkeit. Die Macht war immer da.

Ein eindringlicher Rhythmus – vibrierend, pulsierend, dröhnend unter der Immanenzroute – den Beton durchschneidend, wenn du genau hinhörst.

Das Unterfangen der Non-Musik bewaffnete sich bereits vor einiger Zeit mit der gedankensynthetisierenden Erfindungskraft und der Werkzeugkastenexperimentalität, die Deleuze und Guattari als neue generische Denkweise mit ihren zehn tausend Millionen Fluchtlinien und Milliarden de/terretorialisierender Wunschvektoren so wild vorführten – ein konzeptuelles Bestiarium, das die (geo-)politischen, wirtschaftlichen, ästhetischen, kosmologischen und sozialen Probleme ihrer Zeit aufgreifte. In gewissem Sinne hatten Deleuze & Guattari einen nicht abgeschnittenen, sondern vom Realen tief durchbohrten, chaotisch geprägten Gedanken eingeführt, der im Realen, gegen ihn, inmitten von ihm und durch ihn hindurch operiert und dadurch ein anderer wird.

Auf der anderen Seite: Die Non-Musik erlebt auch, wie die ‘schönen Seelen’ oder ‘Schweine’ (Châtelet) unserer heutigen Zeit in ihren philisterhaften Ambitionen einem den Hals zuschnüren, wenn sie freudig flüstern: Wir sind anders, aber nicht dagegen… Das Zelebrieren der Differenz, die Suche nach Immanenz (die Produktion von Differenz) bastardisiert zum Kult
der neuen, unzähligen Lebensstile, -weisen und Individuen, die in narzisstischen Fieberträumen gefangen sind und im frenetischen Stillstand umherwirbeln.

Giftige phantasievolle Rückflüsse der Neigung des Kapitals, alles in seine schreckliche Musik der Harmonien-der-Harmonien-in-letzter-Instanz zu stürzen: “Das monströse Fleisch des Kapitals ist der Horizont oder die Matrix oder der zugrunde liegende Ort und Behälter unserer Erfahrung als Produzenten und Konsumenten.” (Steven Shaviro)

Gesellschaft, gefangen im chronoskranken Käfig der ewigen kapitalistischen Malaise – begleitet von den woken, betäubenden Klängen der standardisierten Techno-Kulturen und ihrer Proxies (Clubkultur, Klangproduktionsmechanismen etc.), eingelullt in einen Zustand
endloser Retro-Nekrophilie. Die Zeit ist folglich ausgeweißt, die Welt schwarz geworden.


Vor diesem Hintergrund spekuliert Ultra-Black of Music, auf welch vielfältige Weisen die objektiven, unmenschlichen Klangwelten, die unterhalb des menschlichen Sinnesapparats tosen, unsere humanoid-’außerirdischen’, affektiven und kognitiven Fähigkeiten durchdringen und reibungslos kolonisieren – und wie man Wege aus dem Schlamassel der Meisterrhythmen des Sonisch Thanatizistischen Kapitals und seiner Stratageme der Vernichtung und Verbreiung konstruieren kann.

Ultra-Black of Music ist daher radikale Fiktion im Laruelle’schen Sinne: Es ist eine nichtstandardmäßige Praxis, die Artefakt, Performativität und Konstruktion umfasst, aber in einem nicht-expressiven, nicht repräsentativen und ultra-schwarzen Sinne. Spekulative Rhythmusproduktionen treiben die mathematische Op-rationalität und ihre entscheidenden Selbstamputationen an die Grenze und schaffen die fehlende Körperlichkeit, die unsere affektiven Fähigkeiten und Hemmungen neu verdrahtet, indem sie unsere Beziehungen zu den
tödlichen Abstraktionen (reduktiver Binarismus, Identitismus, Autismus), der technognostischen Denkweise und ihren Mystifikationen entkoppelt, entfremdet und entrealisiert.
Die Non-Frequency-Politics rüstet sich für die Gegen-Zählung. Kann durch all dies eine andere Relationalität (klanglich, theoretisch, kosmotechnisch)
wirksam werden, die die Art und Weise verändert, wie “wir” uns zu dem verhalten, was letztlichaußerhalb “unseres” Horizonts liegt? Trifft man in den immensen, unkontrollierbaren Klanggeologien bzw. Ökologien des Ultrablacks nicht auf eine klangliche Vision des Kosmos als radikale Fremdheit? Hört man nicht in der Schwere des Ultrablacks die Unermesslichkeitdes Realen?

Die seltsamen, nichtmenschlichen Soundströme, die in Field Recordings gehört werden, berühren die Mimikry des Chaos, sie “erzählen auf hörbare Weise von Kräften, die nicht hörbarsind. Sie machen die Musik der Erde hörbar, die von Natur aus roh, seltsam und intensiv ist.” Das konfrontiert und drängt uns zum Experimentieren mit einem namenlosen Dazwischen, indem neue Zeitlichkeiten entstehen können, deren windende Pfade und Resultate weder vorhergesagt noch garantiert werden können.

Die grausame Liebe von Ultrablackness wird durch den Hass auf das Ende dieser Welt, wiewir sie kennen und sonisch erleben, energisch informiert und geschürt.

Du weißt auch nie im Voraus, wenn dich Ultrablackness wie zehn tausend Millionen explodierende Donnerschläge trifft.


“Thunderbolts explode between different intensities, but they are preceded by an invisible, imperceptible dark precursor, which determines their path in advance but in reverse, as though intagliated. Likewise, every system contains its dark precursor which ensures the communication of peripheral series. As we shall see, given the variety among systems, this role is fulfilled by quite diverse determinations. The question is to know in any given case how the precursor fulfils this role.” – Deleuze Difference and Repetition

The Force was always-there. When Mille Plateaux says, »when we look back it seems that MP was always dark. We never confirmed techno-utopism, accelerationism or Eshun’s afrofuturism.«, it sounds like a dark precursive dream working itself through, confronting intelligibility, without fully showing itself, subtracted from plain recognizability.1

A haunting rhythm – vibrating, pulsing, humming under the route of immanence, cutting through the concrete, when you listen close enough. The endeavour of Non-Music weaponized itself some time ago2 with the thought-synthesizing inventiveness3 and toolkit experimentality, so wildly performed by Deleuze and Guattari as a new generic mode of thinking and its ten thousand millions lines of flight, billion de/terretorialising wish-vectors – a conceptual bestiary sicced on the (geo)political, economic, aesthetic, cosmological and social problematics of their time. In a sense, D&G inaugurated a thought not cut off but deeply pierced, chaosmotically informed by the real, operating in, against, through, amidst it and becoming-other thereby.

On the other side:Non-Music experiences also how the ‘beautiful souls’ or pigs4 of our contemporary age, in their philistine ambitions, lace up one’s neck when they joyously whisper: we are different, but not opposed5The celebration of difference, the search of immanence (the production of difference) bastardized into the cult of the new, myriad of lifestyles, ways of life and individuations locked up into narcisstic fever dreams whirling around in frenetic standstill.6

Toxic imaginative refluxes of Capital’s tendency to plunge everything into its horrible music of a harmonies-of-harmonies-in-the-last-instance: »The monstrous flesh of capital is the horizon, or the matrix, or the underlying location and container of our experience, as producers and consumers.«7 Society trapped in the chronosick cage of eternal capitalist malaise – accompagnied by the woke, numbing sound/procedures (standardized, well-calculated, dosed) of today’s automated, globalized techno-cultures and its proxies (club culture, sound production mechanisms etc.), stuck in a state of endless retro-necrophilia. Time is consequently whitened out, the world turned black.8

Against this backdrop Ultra-Black of Music speculates on the manifold ways in which the objective, inhuman soundworlds, which roar underneath humans’ sensological apparatus, pervade and smoothly colonize our humanoid-alien, affective and cognitive capacities – and how to construct ways out of the mess of the Master Rhythms of Sonic Thanaticist Capital and its stratagems of annihilation and pulpification.

Ultra-Black of Music is therefore also radical fictioning in a Laruellian sense: it is non-standard practice that encompasses artifact, performativity and construction, but in a non-expressive, non-representational and ultrablack sense.9 Speculative rhythm productions drive the mathematical ope-rationality and its decisional self-amputations to the edge and create the missing corporeality that rewires our affective capacities and inhibitions by un-mooring, alienating/de-realizing our relations to the killing abstractions (reductive Binarism, identitism/autism), the techgnostical mindset and its mystifications.10

Non-Frequency-Politics gears up for the Counter-Count.

Through all this, can there be a different relationality effactuated (sonically, theoretically, cosmotechnically) which alter the ways in which ‘we’ relate to that which ultimately lies outside of ‘our’ horizon? Does one not en-counter in the immense, uncontrollable sonic geologies/ecologies of Ultra-black a sonic vision of cosmos as radical alienness? Does one not hear in the gravity of Ultrablackness the immeasurableness of the real?

The strange nonhuman sonic fluxes listened to in Field Recordings touch the mimicry of Chaos,11 they »tell in an audible way about forces that are not audible. They make the music of the earth audible, which by its nature is raw, strange, intense.« This confronts and pushes us also into the experimentation with this nameless in-between, in which new temporalities can emerge whose winding paths and outcomes can neither be predicted nor guaranteed.

Ultra-blackness’ love is vigorously informed and fueled by the hate in ending this World, as we know, and sonically experience it.12

You never know in advance when Ultra-blackness strikes you like exploding thunderbolts.

1It is a blackness (in slight modification), »which no eye sees.«, s. Deleuze/Parnet (2009): L’Abécédaire (Letter Z).

2On the deep affinities between Deleuze and Mille Plateaux write Shores and Yalçın in their contribution. See also: Szepanski, Achim/ Reynolds, Simon/ Diefenbach, Katja (2017): Technodeleuze and Mille Plateaux. Achim Szepanski’s Interviews (1994-1996).

3»[Philosophy] is like a thought synthesizer functioning to make thought travel, make it mobile, make it a force of the Cosmos (in the same way as one makes sound travel).«, s. Deleuze, Gilles/ Guattari, Félix (2004): A Thousand Plateaus: Capitalism and Schizophrenia (translated by Brian Massumi). London/New York, p. 379.

4s. Châtelet, Gilles (2014): To Thinks and Live like Pigs. The Incitement of Envy and Boredom in Market Democracies. Falmouth.

5s. Deleuze, Gilles (1994): Difference and Repetition (transl. by Paul Patton). New York, p. xx.

6s. Berger, Edmund (2020): Frenetic Standstill. https://reciprocalcontradiction.home.blog/2020/01/10/frenetic-standstill/

7s. Shaviro, Steven (2008): The Body of Capital. http://www.shaviro.com/Blog/?p=641

8s. Mbembe, Achille (2017):Critique of Black Reason. Durham.

9s. p. 58.

10s. Pasquinelli, Matteo (Ed.) (2015): Alley of your Mind. Augmented Intelligence and its Traumas. Lüneburg.

11Szepanski writes in his NON-Essay Deleuze/Guattari und der Schizo-Attraktor: »Where music would no longer even [need to] be organized sound, but the diagrammatic constitution of a counterfactual space-time, which in addition enables a transformation of hearing within the possibilities offered by such a sound-music.«, s. Szepanski, Achim (2018): Deleuze/Guattari und der Schizo-Attraktor. https://non.copyriot.com/deleuze-guattari-und-der-schizo-attraktor-ultrablack-of-music-1/

12Galloway/Andrew Culp (2016): Ending the World as We Know It: Alexander R. Galloway in Conversation with Andrew Culp, https://www.boundary2.org/2016/06/ending-the-world-as-we-know-it-an-interview-with-andrew-culp/

more to read here

you can order here and here

, , ,

By