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Lust und Begehren – Zu Gilles Deleuze Lektüre von Leopold von Sacher-Masoch, Marquis de Sade und Franz Kafka

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16 Jul , 2020  

Inhaltsverzeichnis

Einleitung 3

Begehren und Lust 4

Masoch-Sade 6

Sadomasochismus 10

Masochismus bei Sade und Sadismus bei Masoch 11

Freuds Sadomasochismus 14

Kafkas Strafkolonie 17

Kafkas Strafkolonie 19

Konklusion 23

Literaturverzeichnis 25

Einleitung

In diesem Essay möchte ich Gilles Deleuze Analyse von Leopold von Sacher-Masoch und die von ihm hervorgehobenen Differenzen zwischen Sacher-Masoch und Marquis de De Sade sowie Unterschiede und Ähnlichkeiten zwischen Masochismus und Sadismus untersuchen. Dabei wird der Begriff des Begehrens eine zentrale Rolle einnehmen. Deleuze verwendet im französischen Original den Begriff „désir“, der sowohl mit „Begehren“ als auch mit „Wunsch“ übersetzt werden kann. Diesen Begriff des Wunsches/Begehrens will ich mit Foucaults Konzeption der Lust vergleichen. Deleuze` Überlegungen diesbezüglich sind unmittelbar mit seiner Analyse des Masochismus bzw. des Werkes Sacher-Masochs verknüpft. Infolgedessen möchte ich in einem nächsten Schritt die von Deleuze herausgearbeiteten Funktions- und Erkennungsmerkmale des Masochismus sowie des Sadismus analysieren. In einem letzten Schritt werde ich schließlich diese Funktions- und Erkennungsmerkmale mit Kafkas Texten, insbesondere mit „In der Strafkolonie“, vergleichen und dabei Unterschiede sowie Gemeinsamkeiten herausarbeiten. Ich bin der Ansicht, dass sowohl die Beschäftigung mit Sacher-Masoch als auch mit Franz Kafka für Deleuze von großer Wichtigkeit sind und dass seine literaturtheoretischen Analysen teilweise die Grundlage für einige wichtige Begrifflichkeiten seiner philosophischen Theorie bergen. Ausgangspunkt für meine Arbeite sind Auszüge aus Deleuzes Text „Lust und Begehren“. Dieser Text besteht aus einer Reihe von Aufzeichnungen, die für Michel Foucault bestimmt waren. Deleuze zieht darin „eine Bilanz seiner Konvergenzen und Divergenzen zu Foucault“1. Der Text ist dabei nicht einfach eine Kritik an Foucault, sondern vielmehr eine Einladung, den unterbrochenen Dialog wieder aufzunehmen. Motivation für meine Arbeit war der Teil des Textes, in welchem Deleuze über die Begriffe „Begehren“ und „Lust“ spricht. Deleuze meint, dass Foucault – den er aus dem Gedächtnis zitiert – ein Problem mit dem Wort „Begehren“ habe und stattdessen das Wort „Lust“ verwende. Doch dem Wort „Lust“, steht Deleuze selbst wiederum kritisch gegenüber. Dieser Differenz bzw. diesen Begriffen möchte ich im folgenden ersten Kapitel nachgehen. Wie bereits angedeutet, ist in Deleuzes Philosophie die Literatur immer präsent. Die Literatur und die Kunst im Allgemeinen begleiten sein gesamtes philosophisches Werk. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass sich Deleuze nicht nur mit Künstlern wie Proust, Kafka und Beckett beschäftigt, die schon breit rezipiert worden sind, sondern eben auch mit De Sade und Sacher-Masoch. Dabei sind für Deleuze De Sade und Sacher-Masoch keine Kranken, bzw. Perverse, sondern Künstler, die es zu analysieren gilt. Deleuze stellt sich damit gegen eine hegemoniale Deutungsrichtung, vor allem der Schriften Sacher-Masochs, denen zufolge Masoch als der ursprüngliche Masochist gilt, der seine eigenen perversen Erfahrungen niederschreibt. Das Gegenteil ist der Fall. Deleuzes Intention ist demnach nicht die Künstler*innen auf Psychosen und Neurosen zu untersuchen, was danach zur „richtigen Interpretation“ ihrer Werke führt. „Es sind keine Kranken, sondern das genaue Gegenteil, es sind Ärzte, und zwar ziemlich spezielle.“2 Masoch beispielsweise ist Deleuze zufolge nicht der Namensgeber der Perversion des Masochismus weil er darunter leidet, sondern „weil er ihre Symptome erneuert, ein ursprüngliches Bild von ihr entwirft […].“3 Genau in dieser Tradition möchte auch Ich verfahren, indem ich nicht die Personen, Sacher-Masoch und De Sade und deren Handlungen und Wandlungen analysieren will, sondern deren literarische Arbeiten und die Überlegungen die Deleuze zu diesen Arbeiten anstellt.

Begehren und Lust

Das Begehren ist für Deleuze eine zentrale Kategorie. Es steht vor jeder Struktur, ist nicht zwangsläufig menschlich, aber trotzdem keine natürliche Gegebenheit. Das Begehren beinhaltet keinen Mangel, „es ist Prozeß, im Gegensatz zu Struktur oder Genese; es ist Affekt, im Gegensatz zu Gefühl; […].“4 Deleuze spricht, wie einleitend angemerkt, im französischen Original von „desir“, was sowohl mit „Begehren“ als auch „Wunsch“ übersetzt werden kann. Diese doppelte Bedeutung kann zwar zu theoretischen Ungenauigkeiten führen, gleichzeitig kann sie aber auch als Möglichkeit verstanden werden, die einen alltäglicheren Zugang schafft.5

„Wisst ihr nicht, wie einfach Begehren ist? Schlafen ist Begehren. Spazierengehen ist Begehren. Musik hören, Musik machen ist Begehren; auch Schreiben. […] Das Begehren ist nicht zu interpretieren, es selbst experimentiert.“6

Deleuze möchte den Wunsch bzw. das Begehren von dem Mangel und damit seiner rein negativen Konnotation befreien und ihm mit dem Begriff der Möglichkeiten verbinden.

„Den Wunsch oder das Begehren als etwas zu verorten, was Subjekten fehlt, etwas, das sie entbehren und deshalb begehren oder sich wünschen oder auch als das, was Subjekte aus verschiedenen Gründen unterdrücken bzw. was von der Gesellschaft unterdrückt wird, verkennt die Möglichkeiten, die im Ereignis Wunsch liegen.“7

Wünsche bzw. Begehren entstehen Deleuze zufolge nicht nur dadurch, dass uns irgendetwas fehlt. Auch nicht, weil wir etwas wollen, dass wir noch nicht haben, was uns wiederum von der Gesellschaft, oder unserer Psyche verwehrt wird. Der Wunsch ist nicht „an-sich gut“, sondern vielmehr vielfältig und prozesshaft. Selbst die Gräuel der Geschichte und der Gegenwart sind von Wunsch und Begehren durchdrungen und werden durchaus davon produziert. Wenn die Gesellschaft eine repressive ist, so kann auch der Wunsch repressiv werden. Auch Repression selbst kann begehrt oder gewünscht werden. Genauso wie die Unterdrückung und Verdrängung mancher Wünsche als begehrenswert erscheinen kann. Trotzdem formulieren Deleuze gemeinsam mit Felix Guattari: „Der Wunsch ‚will‘ nicht die Revolution, er ist revolutionär an sich […]“8. Wunsch und Begehren sind Deleuze und Guattari zu Folge prozesshaft und ständig in Bewegung, genau diese Eigenschaft vermisst Deleuze wenn Foucault von Lust spricht.

„Ich [Deleuze] kann der Lust keinen positiven Wert beimessen, denn die Lust scheint mir den Prozeß, der dem Begehren immanent ist, zu unterbrechen […] und aus derselben Haltung heraus wird  das  Begehren  vorgestellt  als  von  Innen  her  dem  Gesetz  unterworfen  und von  außen  her  durch die  Lüste  skandiert […]“9

Für Deleuze ist es folglich kein Zufall, dass Foucault Marquis de Sade eine gewisse Bedeutung beimisst, während sein eigenes Interesse eher Sacher-Masoch gilt.

„Was mich [Deleuze] bei Masoch interessiert, sind nicht die Schmerzen, sondern die Vorstellung, daß die Lust die Positivität des Begehrens und die Konstitution seines Immanenzfeldes unterbricht.“10

Während die Lust, wie in De Sades Schriften, ständig auf einen Kulminationspunkt zusteuert und daran gebunden ist, erschafft die Sexualität bei Masoch eine Intensivitätszone, ein Plateau, das von längerer Dauer wie die Lust ist.

„Die Lust scheint mir für eine Person oder ein Subjekt das einzige Mittel zu sein, ‘sich darin wiederzufinden’: in einem Prozeß, der sie überwältigt. Sie ist eine Reterritorialisierung. Und aus meiner [Deleuzes] Sicht ist das Begehren auf dieselbe Weise auf das Gesetz des Mangels und auf die Norm der Lust bezogen.“11

Das Verhältnis zwischen Lust und Begehren bzw. Wunsch wird in diesem Essay immer wieder behandelt werden, vor allem in den Kapiteln, in denen ich Sade und Masoch miteinander vergleiche.

Masoch-Sade


Gilles Deleuze hat mit seinem Text „Sacher-Masoch und der Masochismus“ eine neue Rezeptionswelle von Sacher-Masochs Texten in Frankreich in den 1960er Jahren ausgelöst. Im Gegensatz zu De Sade wurden Sacher-Masochs Texte bis zu diesem Zeitpunkt kaum diskutiert und vermutlich auch kaum gelesen. In seiner Studie konzentriert sich Deleuze neben der Erotik auf das Naturmotiv, das Frauenbild Sacher-Masochs, das Leiden und die Grausamkeit. Formell ist Deleuze Text in drei Teile unterteilt: Zuerst stellt er einen Vergleich zwischen Masoch und De Sade an. Als zweites geht er auf das Werk Sacher-Masochs mit einem Fokus auf dessen Frauenbild sowie die Funktion von Vater und Mutter in seinen Texten ein. Im dritten Teil beschäftigt sich Deleuze mit der psychoanalytischen Rezeption von Sacher-Masoch und Theorien über den Masochismus. Dieser ritte Teil beschäftigt sich darüber hinaus mit dem Thema des Todes und dem Zusammenhang zwischen Tod und Lust. Innerhalb dieses Kapitels werde ich mich vor allem mit dem ersten Teil von Deleuzes Studie über Sacher-Masoch beschäftigen, da das Verhältnis Masoch-Sade als Basis das darauffolgende ergibt. Bereits in der Vorbemerkung zu seiner Studie betont Deleuze:

„[…] sobald man Masoch liest, spürt man, daß sein Universum mit dem Sades nichts gemein hat. Es handelt sich dabei nicht nur um die Techniken, sondern ebenso um die ganz andersartigen Probleme, Beschreibungen und Entwürfe.“12

Deleuze hinterfragt damit die Einheit des Sado-Masochismus. „Zu oft hat man gesagt, daß ein und derselbe Mensch Sadist und Masochist sei; zuletzt hat man es geglaubt.“13 Deleuze fordert eine Re-Lektüre von Masoch und De Sade und plädiert für ein literarisches, statt für ein klinisches Urteil, welches seiner Meinung nach voll von Vorurteilen ist. Deleuze ist der Ansicht, dass die klinischen Merkmale des Sadismus sowie des Masochismus nicht zu trennen sind von ihren literarischen Namensgebern. Deleuze bezieht sich auf den Psychiater Krafft-Ebing der vom Masochismus spricht, da „[…] er [Krafft-Ebing] Masoch die Leistung zuerkennt, ein in sich geschlossenes klinisches Bild erneuert zu haben, indem er ihm eine Definition gab, die das Augenmerk weniger auf die Verbindung Schmerz-Lust als auf die tiefer liegende Verhaltensweisen von Versklavung und Erniedrigung richtete […].“14

Das erste Unterscheidungsmerkmal zwischen Sacher-Masoch und De Sade ist deren Sprache. George Bataille beschreibt De Sades Sprache als paradox, „weil sie wesentlich die Sprache der Opfer ist“.15 Eigentlich, so Deleuze, können nur die Opfer die Tortur beschreiben, denn die Sprache der Peiniger*innen16 ist die heuchlerische Sprache der bestehenden Ordnung, der herrschenden Macht. Da in Sades Texten dennoch die Henker*innen und Foltermeister*innen sprechen, die doch in Wirklichkeit nur schweigen können, nennt Bataille diese Sprache paradox. Deleuze würde weder De Sades noch Sacher-Masochs Texte als pornographisch bezeichnen. Pornographisch ist Literatur, wenn sie auf einige Befehlswörter reduziert ist, denen obszöne, explizite Handlungen folgen. Sowohl viele Befehlswörter als auch obszöne Beschreibungen kommen in beiden Werken vor, doch lassen sie sich nicht darauf reduzieren. Ein wichtiger Unterschied zwischen De Sades Sprache und der von Sacher-Masoch ist die Frage der Überredung und der Erziehung. Auch wenn es in manchen Szenen Sades so wirkt als wolle der Libertin bzw. die Despotin überzeugen oder überreden, kann von wirklicher Überzeugungsabsicht keine Rede sein. Den sadschen Peiniger*innen geht es nicht darum zu überreden, auszubilden, oder gar Angst durch die exakte Beschreibung der kommenden Folter zu erzeugen, sondern „um das bloße Erbringen des Beweises kraft einer logischen Demonstration, in der sich nur die totale Einsamkeit und die Allgewalt des Beweisführenden immer wieder selbst beweisen. Es geht um den Nachweis, daß die Ausübung von Gewalt und die logische Beweisführung identisch sind.“17 Oder wie es De Sade einen seiner Libertine einfacher formulieren lässt: „Ich habe es theoretisch bewiesen, sagt Noirceuil, überzeugen wir uns nun durch die Praxis […].“18 Die Ausführungen müssen vom Opfer auch nicht nachverfolgt, oder gar verstanden werden. Ganz anders verhält es sich bei Sacher-Masoch, deswegen ist Deleuze zufolge „der sadistische ‘Schulmeister’ dem masochistischen ‘Erzieher’ in jedem Betracht entgegengesetzt.“19 Bei Masoch ist alles Überredung und Erziehung. Somit haben wir einen grundlegenden Unterschied, der uns zu weiteren gegensätzlichen Bestimmungen führt.

„Da ist kein Henker mehr, der sich seines Opfers bemächtigt und an ihm um so mehr seine Lust hat, je weniger es einwilligt und überzeugt ist. Statt dessen ist da ein Opfer, das seinen Henker sucht, das ihn zu diesem Zweck erst bilden und überzeugen muß, um einen Bund für das allersonderbarste Unterfangen mit ihm eingehen zu können. […] Deshalb auch schließt der Masochist Verträge, während der Sadist jeden Vertrag verabscheut und zerreißt. Der Sadist braucht Institutionen, der Masochist vertragliche Beziehungen. […] Der Sadist denkt in Begriffen systematisierter Besessenheit, der Masochist in solchen vertraglichen Bindungen. Die Besessenheit ist der dem Sadisten, der Pakt der dem Masochisten eigene Wahn. Der Masochist muß sich seine Despotin heranbilden, er muß sie in überreden, sie muß „unterzeichnen“. Er ist wesentlich Erzieher.“20

In meiner Arbeit möchte ich mich vor allem auf Masochs wohl bekanntestes Werk Venus im Pelz konzentrieren. In diesem ist nicht eindeutig zu erkennen, ob man wirklich von Severin bzw. Gregor als „Opfer“, und seinem „Henker“, also Wanda, sprechen kann, da es doch Gregor/Severin war der Wanda überhaupt erst zur Henkerin „erzogen“ hat und ihre Quälerei doch so sehr begehrt und genießt. Ein Hauptelement in Sacher-Masochs Texten ist der Vertrag. Damit erschaffen Masochs Figuren eine rechtliche Bestimmung wer Täter und wer Opfer ist. Der wahre „Täter“ bei Masoch ist demnach eigentlich immer das „Opfer“. im Fall von Venus im Pelz beispielsweise ist es Gregor/Severin, da dieser seine „Henker*in“ erzieht, einführt und schließlich in ihre Rolle und den damit verbundenen Grausamkeiten zwingt. In Venus im Pelz spricht Severin, das angebliche Opfer, durch seine Henkerin, und dies tut er ohne sich selbst dabei zu schonen. Diese Beziehung zwischen Täter*in und Opfer kann durchaus als dialektisch bezeichnet werden. Es erscheint nachvollziehbar, dass Deleuze Masoch einen wahren Dialektiker nennt. Dies ist er nicht nur, weil Venus im Pelz mit einem Traum beginnt, welcher sich dem Schläfer während einer pausierten Hegel-Lektüre ereignet21, sondern vielmehr, weil es immer wieder zu Übertragungen und Verschiebungen kommt. Darüber hinaus ist Masoch für Deleuze auch Platoniker, während Sade für ihn Rationalist und Spinozianer ist.

„Wenn Sade die allgemeine analytische Vernunft geltend macht, um das irreduzibel Besondere in der Lust zu erklären, erweist er sich damit nicht bloß als Kind des 18.Jahrhunderts. Vielmehr muß das Besondere und der ihm zugehörige Wahn auch eine Idee der reinen Vernunft sein. Und Masochs Verhältnis zur Dialektik, einer Dialektik, welche Mephisto und Plato zusammennimmt, ist nicht bloß Kennzeichen seiner Zugehörigkeit zur Romantik. Auch hier gilt, daß sich das Besondere in einem unpersönlichen Ideal des dialektischen Geistes reflektieren muß.“22

Bei beiden kommt es schließlich zu einer Aufhebung. Bei Sade hebt sich die befehlende und beschreibende Funktion der Sprache auf eine rein demonstrative und setzende Funktion. Bei Masoch hingegen hebt sich die Sprache auf eine dialektische, mystische und persuasive, also überredende, Funktion hin, auf. Für Deleuze handelt es sich bei Sade und Masoch um zwei völlig verschiedene Erzähltechniken; „verschieden wie zwei Sprachen“23. Die eben beschriebenen verschiedenen Aufhebungen führen zu zwei unterschiedlichen Funktionen. Bei Sade führt die Aufhebung der Befehls- und Beschreibungswörter zur Beweisführung, die zum einen als aktiver Prozess auf der Gesamtheit der Negation und zum anderen als Idee der „Reinen Vernunft“ auf der Negation beruht. Sades Erzähltechnik arbeitet mit der ihr unentbehrlichen Beschreibung, die sie antreibt und mit Obszönität auflädt. Bei Masoch kommt es ebenfalls zu einer Aufhebung der Befehls- und Beschreibungswörter, die jedoch zu einem reaktiven Prozess führt, der zum einen auf der Gesamtheit der Verneinung beruht und zum anderen auf einem Ideal der reinen Einbildungskraft, einem Zustand des Schwebens. Die Beschreibungen verschwinden bei Masoch zwar nicht, aber sie bleiben dezent.24

„Der grundlegende Unterschied zwischen Sadismus und Masochismus wird deutlich im Vergleich der beiden Prozesse von Negativem und Negation einerseits und von Verneinung und Suspendierung andererseits. Der erste repräsentiert das spekulative und analytische Vorgehen, den Todestrieb als Erfahrung niemals Gegebenes zu fassen; der zweite ein völlig anderes: das mythisch-dialektische der Imagination.“25

Diese Unterschiede werde ich im kommenden Kapitel noch weiter vertiefen, indem ich die deleuzsche Kritik an der psychoanalytischen Vorstellung vom Sadomasochismus analysieren werde.

Sadomasochismus

Eine Motivation für Deleuze Sacher-Masochs Schriften zu lesen und zu rezipieren, war die „Befreiung der in der psychoanalytischen Theoriebildung ‘erniedrigten’ Position des Masochismus selbst.“26 Freud bestimmt den Masochismus als „Reaktionsbildung“ und „als Rückwendung des Sadismus gegen das eigene Ich“27. Deleuze hingegen versucht durch die Analyse der Schriften Masochs zu beweisen, dass es sich beim Masochismus um eine „vom sadistischen Komplex gänzlich unabhängiges Phantasmabildung“28 handelt. Was Deleuze an Freud kritisiert, ist der von ihm behauptete komplementäre Charakter zwischen Sadismus und Masochismus, sowie deren Verbundenheit, in der von Freud behaupteten „Schmerz-lust“. Deleuze Ziel ist es, durch das Zerlegen des „perversen Syndrom des Sadomasochismus“ in seine einzelnen Komponenten, den Masochismus als „spezifische Wunschorganisation“ und eigenständiges Phänomen herauszulösen.29 Im vorherigen Kapitel habe ich einen Unterschied zwischen Sadismus und Masochismus herausgearbeitet, indem ich betont habe, dass der Sadismus stark mit Negationen, der Masochismus dagegen mit Verneinungen arbeitet. Diese zwei Vorgänge scheinen zwar sehr ähnlich, die Verneinung könnte missverständlicher Weise als eine oberflächliche Form der Negation verstanden werden, doch eigentlich handelt es sich um zwei völlig unterschiedliche Funktionen und Vorgehensweisen. Die Verneinung muss Deleuze zufolge als Ausgangspunkt eines Vorganges verstanden werden „der nicht darin besteht, zu negieren oder zu zerstören, sondern vielmehr den Rechtsgrund dessen, was ist, anzufechten und dieses gleichsam in einen Zustand der Schwebe oder der Neutralisierung zu versetzten, in dem jenseits des Gegebenen neue Horizonte des Gegebenen aufscheinen.“30 In Zusammenhang mit dieser Unterscheidung bezieht sich Deleuze positiv auf Freud und meint, dieser habe dies anhand des Beispiels des Fetischismus geltend gemacht. Der Fetischismus ist für Deleuze ein notwendiger Bestandteil des Masochismus, kein „Masochismus ohne Fetischismus im ursprünglichen Sinn“.31 Anhand der Rolle des Fetischismus kritisiert Deleuze eine Fehldiagnose der psychoanalytischen Deutung vom „Sadomasochismus“. Obwohl Deleuze zugesteht, dass auch einige sadistische Morde von rituellen Handlungen begleitet sind, spreche man „zu Unrecht von einer sado-masochistischen Ambivalenz des Fetischisten gegenüber seinem Fetisch, und zu billig heißt man dadurch die These von der sado-masochistischen Einheit bestätigt.“32 Es kommt dabei zur Gleichsetzung von zwei unterschiedlichen Typen von Gewalttätigkeit. Während es beim Sadismus zur Zerstörung des Fetisches kommt, wird im Masochismus die „Wahl und die Herstellung des Fetisches“33 durchgesetzt. Der Fetisch gehört nur in einer sekundären und entstellten Weise zum Sadismus, während er für den Masochismus unbedingt notwendig ist. Im Masochismus geht es im Unterschied zum Sadismus nicht um die Negation, oder Zerstörung der Welt, es geht auch nicht um eine Idealisierung, sondern um einen Akt der Verneinung, der die Welt in einen Zustand des Schwebens versetzt. Dies führt im Masochismus notwendig zum Fetischismus, egal ob in Form von Pelzen, Schuhen, Peitschen, oder seltsamen Kosakenmützen und Verkleidungen. Die masochschen Figuren wissen zum einen Teil um die Wirklichkeit, suspendieren dieses Wissen jedoch, lassen es in der Schwebe, während der andere Teil im Ideal suspendiert ist.34 Die erzählerische Technik des „suspense“, also der stillstehenden Bewegung, in der alles immer wieder hinausgezögert, oder gleich Photographien eingefroren wird (die starren Posen Wandas, gleich einer Statue, die niederfallende Peitsche, der sich öffnende Pelz, die sich nie erfüllende sexuelle Lust Severins, usw.) stehen der „mechanisch akkumulierenden Wiederholung Sades“35 entgegen. Die masochsche Technik des „suspense“ veranlasst die Leser*innen somit zur Identifizierung mit dem „Opfer“, während „die in der Wiederholung stattfindende Häufung und Überstürzung eher zur Identifizierung mit dem sadistischen Henker anhält.“36 Die Wiederholung wiederum, kommt zwar sowohl bei De Sade, als auch bei Masoch vor, jedoch in zwei unterschiedlichen Formen. Bei Sade in Form einer Beschleunigung und Verdichtung, bei Masoch hingegen als Erstarrung und „Suspension“.

Masochismus bei Sade und Sadismus bei Masoch

Deleuze gesteht trotz seines Vorhabens Masochismus und Sadismus als zwei eigenständige, voneinander unabhängige Phänomene, oder Perversionen darzustellen, ein, dass sich sowohl bei Sade masochistische Figuren als auch bei Masoch Sadist*innen, finden lassen. Die Sadist*innen lieben das Gepeitscht und Misshandelt werden oft genauso wie das Peitschen selbst. Der urtypische Masochist Gregor bzw. Severin, wird am Ende der Geschichte zum Sadisten, der es liebt Frauen zu peitschen und zu quälen. Die Lektion die Severin am Ende der Geschichte lernt, ist das er von nun an „Hammer“ anstatt „Amboß“ sein will. Severins Antwort auf die Frage was die Moral der Geschichte nun sei, ist das solange die Frauen, wie sie von Natur aus geschaffen und vom Mann gegenwärtig herangezogen werden, diesem nicht ebenbürtig sind. Solange sie nicht die gleichen Rechte haben, können die Frauen, Severins Meinung nach, nur Sklavinnen oder Despotinnen sein, aber keine Gefährtinnen. Also erst wenn Frauen rechtlich den Männern gleichgestellt sind können sie Gefährt*innen sein. Erst wenn die Frau „ihm ebenbürtig ist durch Bildung und Arbeit“37. Deshalb kommt Severin zu dem Schluss:

„Jetzt haben wir nur die Wahl, Hammer oder Amboß zu sein, und ich war der Esel, aus mir den Sklaven eines Weibes zu machen […] Daher die Moral der Geschichte: Wer sich peitschen läßt, verdient, gepeitscht zu werden.“38

Deleuze hebt jedoch hervor, dass diese Wandlungen oder Umkehrungen bei Sade sowie bei Masoch, immer erst am Ende auftreten. Sowohl im Sadismus Severins also auch im Masochismus der sadistischen Peiniger*innen, spielen andere Motivationen eine Rolle.

„Der Sadismus Severins ist ein Abschluß; es ist, als ob nach langer Sühne und endlicher Befriedigung des Strafbedürfnisses der masochistische Held sich nun gestattet, was die Strafen ihm hatten verbieten sollen. Sofern sie nur weit genug getrieben werden, ermöglichen Pein und Züchtigung schließlich das Tun eben des Bösen das sie verhindern sollten.“39

Ähnlich verhält es sich bei den masochistischen Tendenzen der sadistischen Peiniger*innen. Auch hier kommt es erst am Ende ihrer Ausschleifungen zur Umkehrung, quasi als die letztmögliche Steigerung.

„Der Libertin fürchtet nicht, daß man ihm tue, was er anderen tut. Die Qualen, die ihm bereitet werden, sind für ihn letzte Lust, aber nicht, weil sie ein Sühnebedürfnis oder Schuldgefühle befriedigen, sondern weil sie ihn im Gegenteil in seiner unantastbaren Macht bestätigen und ihm höchste Gewißheit verleihen. In Hohn und Erniedrigung, in seinen tiefsten Qualen sucht der Libertin nicht Sühne, sondern „genießt innerlich, es weit genug gebracht zu haben, um eine solche Behandlung zu verdienen“.“40

Deleuze folgert somit, dass nicht von einem allgemein umkehrbaren Verhältnis zwischen Sadismus und Masochismus gesprochen werden kann. Vielmehr kommt es zu einer humoristischen Erzeugung eines gewissen Sadismus am Ende des Masochismus und zu einer ironischen Erzeugung eines gewissen Masochismus am Ende des Sadismus. Ein wichtiges Distinktionsmerkmal, warum der Masochismus in Sades Werken nicht der Masochismus Sacher-Masochs ist, ist das völlige Fehlen der Sühne. Genau durch die Sühne wiederum kommt es zum Sadismus bei Sacher-Masoch. 41 Deleuze geht in seiner Kritik vom Glauben an eine sado-masochistische Einheit von einem, seiner Meinung nach „sehr dummen Witz“ aus. Der Witz geht so: „ein Masochist und Sadist treffen sich. Der Masochist sagt: „Schlag mich“. Antwortet der Sadist: „Nein“.“42 Die kurze Szene die in dem Witz erzählt wird, ist Deleuze zufolge einerseits; „eine alberne Überheblichkeit in der Einschätzung der Perversion“, andererseits ist sie „unmöglich“.43 Unmöglich ist dieses Szenario deshalb, da ein wirklicher Sadist niemals ein masochistisches Opfer akzeptieren würde (das Leid und die Tränen, sind notwendig für die Erfüllung der sadistischen Lust, ein freiwilliges Opfer wollen die Sadist*innen nicht haben). Außerdem würde sich ein Masochist niemals einen wirklich sadistischen Peiniger suchen. Die Henker*innen in den masochschen Geschichten müssen zwar über gewisse Veranlagungen verfügen, aber hauptsächlich müssen sie erst ausgebildet und herangezogen werden. Deleuze geht daraufhin noch etwas genauer auf die Rolle der Henker*innen im masochistischen Kosmos, die keine wirklichen Sadist*innen und die Opfer im sadistischen System, die keine Masochist*innen sind, ein.

„[…] der weibliche Henker im Masochismus kann gar nicht sadistisch sein, weil sie im Masochismus ist, weil sie integrierender Bestandteil der masochistischen Situation ist, verwirklichtes Element des masochistischen Phantasmas; sie gehört dem Masochismus wesentlich an, wenngleich nicht in dem Sinn von Neigungen, die sie mit ihrem Opfer teilte. Sondern weil sie einen „Sadismus“ hat, den man beim Sadisten niemals findet, und der wie das Doppel oder die Brechung des Masochismus ist.“44

Die masochistischen Henker*innen können also nicht wirklich sadistisch sein. Genau gleich verhält es sich mit den Opfern im Sadismus, auch diese können gar nicht masochistisch sein. Einerseits, weil dies die sadistischen Peiniger*innen verdrießen würde, andererseits, weil gleich wie die Henker*innen der Masochist*innen dem Masochismus angehören, die Opfer der Sadist*innen dem Sadismus angehören. Auch die sadistischen Opfer sind ein „integrierender Bestandteil der Situation“45. Die masochistische Henkerin beispielsweise gehört ganz und gar zum Masochismus. Sie ist zwar keine masochistische Persönlichkeit, aber wohl ein „reines Element des Masochismus“46. Deleuze ist der Ansicht, dass es ein Irrtum sei, dass die masochistischen Henker*innen Sadist*innen spielen. Es ist Deleuze zufolge auch nicht der Fall, dass eine masochistische Person, eine sadistische finden muss, um ihr Begehren zu stillen.

„Jede Person in einer Perversion braucht das substantielle Element dieser Perversion, und nicht eine Person der anderen Perversion.“47

Deleuze unterstreicht damit noch einmal seine Kritik am „dummen Witz“, aber auch an der Vorstellung eines Sado-masochismus überhaupt. Wirkliche Masochist*innen suchen also nie nach wirklichen Sadist*innen um ihre Lust zu befriedigen, genauso wenig wie wirkliche Sadist*innen ihre Lust an masochistischen Opfern befriedigen könnten.

Freuds Sadomasochismus

Freud entwickelt Deleuze zufolge zwar die alte Vorstellung des Sado-masochismus weiter und erneuert diese, aber seine Argumentation bleibt dennoch problematisch. Freud versucht mittels drei Argumenten die Sado-masochistische Einheit zu beweisen. Sein erstes Argument ist das „innere Zusammentreffen von Trieben und Strebungen in der nämlichen Person“48. Mit diesem Argument meint Freud, dass, wenn jemand Schmerz als sexuelle Lust empfinden kann, funktioniert dies immer in beide Richtungen. Entweder indem die Person Schmerz zufügt, oder indem die Person, Schmerz, der ihr zugefügt wird, als Lust genießt. „Ein Sadist ist immer gleichzeitig ein Masochist, wenngleich die aktive oder die passive Seite der Perversion bei ihm stärker ausgebildet sein und seine vorwiegende sexuelle Bestätigung darstellen kann.“49 Freuds zweites Argument bezieht sich auf die „Gleichheit von Erfahrungen“. Demnach können Sadist*innen nur Lust am Verursachen von Schmerzen empfinden, da sie die Lust am Schmerz aus eigenen Erfahrungen kennen. Des Weiteren unterscheidet Freud zwischen einem rein aggressiven Sadismus, der nur Zerstörung will und einem hedonistischen Sadismus, der den Schmerz einer anderen Person will. Die von Freud proklamierte Schmerz-Lust Relation gehe dabei immer auf einem Masochismus zurück, denn nur auf masochistische Weise lernen die Sadist*innen „die Verbindung zwischen seinem Schmerz und seiner Lust“50. Das dritte Argument schließlich ist das „transformistische“. Diesem Argument zufolge können die Sexualtriebe ihre Ziele und Objekte verändern, ins Gegenteil umkehren, oder gegen die eigene Person rückwirken. Das sind die drei Argumente Freuds, die Deleuze selbst anführt, um sie anschließend zu kritisieren. Wichtig ist prinzipiell Freuds Festhalten an der Vorstellung: Sadismus und Masochismus sind zwei Seiten der gleichen Perversion. Deleuze wirft Freud Inkonsistenz vor, da er im Hinblick auf die Perversionen „einen regelrechten Polymorphismus sowie die Möglichkeit von Entwicklungen und direkten Transformationen einräumt, die er auf dem Gebiet der Neurosen und Sublimierungen ablehnt.“51 Auf einer zweiten Ebene der Kritik fragt Deleuze, ob die von Freud angeführten Tatsachen nicht bloße Abstraktionen sind. Also die Tatsachen, dass eine Person sowohl Lust bei der Schmerzufügung als auch bei der Scherzerfahrung findet und das eine Person die gerne Schmerzen verursacht, im tiefsten Inneren eine Verbindung zwischen Lust und eigenem Schmerz empfindet.

„Abstrahiert man zunächst die Schmerzlust von den formalen konkreten Bedingungen, unter denen sie auftritt. Man betrachtet das Gemisch Lust-Schmerz als eine Art neutralen Stoff, den Sadismus und Masochismus miteinander gemein hätten. Man isoliert sogar die spezifische Verbindung „Lust-eigener Schmerz“, deren Erfahrbarkeit man annimmt, wobei diese Erfahrung für den Sadisten und den Masochisten eine identische sein soll, unabhängig von den konkreten Formen, deren Resultat sie im jeweiligen Fall ist. Hat man sich nicht so, durch bloße Abstraktion, die bequeme Ausgangsbasis eines gemeinsamen „Stoffs“ verschafft, an dem alle Evolutionen und Umbildungen von vornherein gerechtfertigt sind?“52

Für Deleuze sind Masochismus und Sadismus zwei unterschiedliche Formen des Begehrens, deswegen ist der Kern des Problems für Deleuze, dass Lust und Schmerz und deren Verhältnis zueinander keine geeigneten Analysekriterien sind.53 Masoch bildet für Deleuze einen so wichtigen Bezugspunkt, da er als Ausgangspunkt, einerseits eine Kritik an Freud bietet54, andererseits auch eine Kritik am Stellenwert der Lust im Verhältnis zum Begehren aufzeigt. Der Masochismus ist für Deleuze eine Organisation von Symptomen, die den Begriff der Lust prüfen.55 Die Masochist*innen versuchen nicht durch Schmerzen und phantasmatische Erniedrigung Lust zu gewinnen, sondern sie versuchen „die Pseudo-Bindung des Begehrens an die Lust als äußeren Maßstab zu lösen.“56 Im Sadismus wird die Empfindung durch die Lust aktiv negiert, welche in Beweismaterial für die sadistischen Peiniger*innen umgewandelt wird. Im Masochismus hingegen wird die Sinnlichkeit suspendiert, um eine übersinnliche Empfindsamkeit zu erzeugen. Deleuze weist auf die Vorsicht hin, die ihn die Biologie gelernt hat und nötig ist, bevor man eine Entwicklungslinie als gesichert annehmen kann. Freud sieht, Deleuze zufolge, in der Schmerzlust, das dem Sadismus und dem Masochismus gemeinsame Organ. Ausgehend von diesem, angeblichen, gemeinsamen Organ, folgert Freud, die für Deleuze so problematische Entwicklungslinie:

„Eine Analogie zwischen Organen impliziert nicht notwendigerweise einen entwicklungsgeschichtlichen Zusammenhang, und ein „Evolutionismus“, der annähernd kontinuierliche Gegebenheiten auf einer einzigen Linie gruppiert, obwohl ihnen heterogene irreduzible Ausbildungsprozesse zugrunde liegen, kann nur Schaden anrichten.“57

Deleuze sieht in Freuds Analyse somit eine Verwechslung zwischen Analogie und Genealogie. Freud reduziert Lust und Schmerz durch eine Abstraktion auf einen gemeinsamen Stoff: die Schmerzlust. Auf diesen Stoff wird sowohl im Schmerzzufügen als auch im Schmerzfühlen zurückgegriffen. Eine Sadist*in, die ihren aggressiven Sadismus auslebt, macht durch die Rückwendung dieses Triebes auf sich selbst, Freud zufolge, eine masochistische Erfahrung. Diese Erfahrung als Opfer verursacht bei der Sadist*in ein gesteigertes Lustempfinden bei weiteren sadistischen Folterungen, was Freud schließlich als hedonistischen Sadismus bezeichnet. Für Deleuze sind der Sadismus und der Masochismus jedoch qualitativ unterschiedlich, was eine einfache Transformierbarkeit des „Luststoffes“ verunmöglicht.

Ich möchte nun die Ausführungen von Deleuze zur freudschen Analyse des Sado-masochismus beenden, obwohl es noch einige weiteren Facetten gibt, die ich hier noch nicht angeführt habe. Dennoch bin ich der Meinung die grundlegende Kritik an Freud verdeutlicht zu haben. Deleuze selbst fasst in seinem Text Sacher-Masoch und der Masochismus auf der letzten Seite in elf Punkten, die Unterschiede zwischen Masochismus und Sadismus prägnant zusammen.

„1.spekulativ-beweißführendes Vermögen im Sadismus, dialektisch-einbildendes Vermögen im Masochismus; 2. Das Negative und die Negation im Sadismus, Verneinung und Suspension im Masochismus; 3. Quantitative Wiederholung, qualitative ruhende Bewegung; 4. sadistischer Masochismus und masochistischer Sadismus, die je besondere Form sind und sich nie miteinander verbinden; 5. Vernichtung der Mutter und Überwertigwerden des Vaters im Sadismus, „Verneinung“ der Mutter und Zunichterwerden des Vaters im Masochismus; 6. Gegensätzlichkeit von Funktion und Sinn des Fetisches im einen und im anderen Fall; ebenso des Phantasmas; 7. Anti-Ästhetizismus im Sadismus; Ästhetizismus im Masochismus; 8. „institutioneller“ Charakter des einen, Vertragcharakter des anderen; 9. Über-Ich und Identifizierung im Sadismus, Ich und Idealisierung im Masochismus; 10. Die beiden entgegengesetzten Formen von Desexualisierung und Resexualisierung; 11. Und, als Zusammenfassung des Ganzen, die radikale Differenz zwischen der sadistischen Apathie und der masochistischen Kälte.“58

Anhand dieser elf Punkte wird der kategorische Unterschied zwischen Masochismus und Sadismus noch einmal deutlich. Nun werde ich noch einige Ausführungen bezüglich der Gemeinsamkeiten zwischen Sade, Masoch und Kafka darstellen, wobei ich noch einmal auf Deleuzes intensives Interesse an Literatur überhaupt und im Speziellen an diesen Autoren eingehen werde.

Kafkas Strafkolonie

Wie bereits gezeigt, werden De Sade und Sacher-Masoch von Deleuze nicht als Perverse oder gar Kranke behandelt, sondern vielmehr als Kliniker, Ärzte, oder subversive Künstler, in deren Werken sich ein Widerstand, gegen den in der modernen Welt vorherrschenden Gesetzesbegriff ausdrückt. Es gibt einen weiteren Autor auf den diese Beschreibung zutrifft und dem Deleuze womöglich noch mehr Aufmerksamkeit beimisst. 1975 veröffentlicht Deleuze gemeinsam mit Fèlix Guattari Kafka – Für eine kleine Literatur. In dieser Studie über Franz Kafka wird sein Schreiben als ein subversiver, widerständiger Akt gegen die als repressiv, unterdrückend wahrgenommene Umwelt beschrieben. Kafka ist für Deleuze, wie auch schon Masoch und De Sade ein politischer Schriftsteller, der auf eine Form politisch ist, abseits der klassischen Institutionen, wie Parteien und Gewerkschaften.

„Der Böhme Masoch war ebenso wie der tschechische Jude Kafka eng mit den Minderheiten im Habsburger-Reich verbunden. […]Auch Masoch schrieb eine kleine Literatur, die sein Leben selber war, eine politische Literatur der Minderheiten.“59

In diesem Kapitel soll es aber nicht um einen Vergleich zwischen Masoch und Kafka gehen, viel eher interessieren mich die masochistischen sowie sadistischen Elemente in Kafkas Literatur.

„Um so interessanter wäre ein Vergleich zwischen Masochisten und „Kafkaisten“ – unter Berücksichtigung ihrer Verschiedenheiten, unter Berücksichtigung ihrer Verschiedenheiten, unter Berücksichtigung der ungleichen Namensverwendungen, aber auch unter Berücksichtigung der Gemeinsamkeiten beider Projekte.“60

Genau diesen Vergleich möchte ich, wenn auch in sehr komprimierter Form, in diesem Kapitel vornehmen. Dabei ist wichtig zu sehen, dass Kafka keine masochistischen Texte oder Figuren im verkürzten von der Psychoanalyse entfremdeten Sinn schafft, sondern im wahren, masochschen Sinn:

„Kafka hat nicht mit jenem Masochismus zu tun, der in den heutigen psychoanalytischen Lehrbüchern beschrieben wird. Ein klinisch genaues Bild des Masochismus geben die Beobachtungen der Psychiatrie des 19. und des beginnenden 20. Jahrhunderts. Mithin hat Kafka vielleicht eher ein paar Gemeinsamkeiten mit der wirklichen Kartographie des Masochismus und mit Sacher-Masoch selbst, dessen Themen sich ja bei vielen Masochisten wiederfinden lassen und nur in den modernen Interpretationen verhunzt worden sind.“61

Es lassen sich etliche Parallelen zwischen Masoch und Kafka analysieren.62 Beispielsweise die Themenkomplexe Schuld, Strafe, Gesetz und Vertrag genauso wie die inzestuösen Konstellationen und die Aufschiebung der ödipalen Ordnung in beiden Werken.63

„Die Komplementarität von Vertrag und Schwebe spielt bei Sacher-Masoch eine ähnliche Rolle wie das Gericht und die endlose „Verschleppung“ bei Kafka: eine aufgeschobene Bestimmung, eine Rechtlichkeit, eine extreme Rechtlichkeit, eine Gerechtigkeit, die keineswegs mit dem Gesetz zusammengeht.“64

Verträge und Gesetzlichkeiten abseits des bürgerlichen Rechts, ewiges Warten ohne die befriedigende Erlösung des Begehrens jemals zu erfahren, diese und viele andere Ähnlichkeiten lassen sich zwischen Kafka und Masoch finden. Ich möchte nun einen Schritt weiter gehen anhand eines konkreten Texts Kafkas die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen ihm und Masoch untersuchen. Dabei gehe ich auch auf Kafkas Verhältnis zu Lust und Begehren ein. Der für dieses Vorhaben wohl am besten geeignetste Text Kafkas ist die im Oktober 1914 entstandene und 1919 veröffentlichte Erzählung In der Strafkolonie65.

Kafkas Strafkolonie

Kafkas Text handelt von einem Forschungsreisenden, der in einer Strafkolonie einem Exekutionsverfahren beiwohnen und dieses anschließend beurteilen soll. Der Offizier, der die Exekutionsmaschine vorführt und bedient, ist ein großer Befürworter des dort herrschenden Systems und der Maschine selbst. Die Foltermaschine besteht aus drei Teilen: Dem Bett, auf das die Opfer nackt gelegt werden, der Egge, die mit Nadeln bestückt das Urteil in die Körper einschreibt und dem Schreiber, in dem in Form einer Zeichnung das Urteil eingegeben wird und der die Egge schließlich steuert. Zwölf Stunden dauert die Tortur, bis schließlich die Egge die Verurteilten aufspießt und die Leiche anschließend in die Grube unter der Maschine wirft. Nachdem bei der Vorführung einiges schief läuft und der Reisende darüber hinaus auch noch gesteht, dass er das Verfahren ablehnt und dies auch dem Kommandanten sagen werde, befreit der Offizier den Verurteilten und legt sich selbst unter die Egge. Die Foltermaschine arbeitet jedoch erneut nicht wie geplant, sondern ermordet den Offizier innerhalb einiger Minuten.66

Meiner Ansicht nach finden sich in Kafkas In der Strafkolonie sadistische, sowie masochistische Tendenzen, dennoch geht der Text insgesamt über Masoch und Sade hinaus. Der erste Teil des Textes könnte als sadistisch bezeichnet werden. Der Offizier erklärt dem Reisenden im Detail und mit großer Begeisterung, wie die Foltermaschine arbeitet und was den Verurteilten erwartet. Der Offizier handelt genau wie die sadistischen Henker*innen, vor allem die logische Beweisführung und die Demonstration seiner Ausführungen erfüllen ihn mit großer Lust. Der Theorie folgt dann erst die mörderische Praxis. Man kann in Kafkas Erzählung nicht wirklich von einem Rechtssystem sprechen, denn der Offizier entscheidet alleine, wer unter die Egge gelegt wird, es gibt keine Möglichkeit auf Verteidigung, da die Schuld in der Strafkolonie „immer zweifellos“ ist. Es ist auch völlig egal welches Urteil die Egge dem Verurteilten einritzt, denn das Resultat ist immer der Tod. Den Sadist*innen ist es, wie bereits erwähnt, egal, ob ihre Opfer ihnen zustimmen bzw. ihren Ausführungen folgen können. Hier können wir den Übergang vom sadistischen Teil der kafkaschen Erzählung zum masochistischen erkennen. Eigentlich könnte es dem Offizier egal sein, ob die Opfer ihr Urteil verstehen, oder nicht, da das Resultat doch immer gleich ist. Dennoch vollzieht sich, genau nachdem die halbe Tortur überstanden ist, ein Wandel:

„Wie still wird dann aber der Mann um die sechste Stunde! Verstand geht dem Blödesten auf. Um die Augen beginnt es. Von hier aus verbreitet es sich. Ein Anblick, der einen verführen könnte, sich mit unter die Egge zu legen. Es geschieht ja nichts weiter, der Mann fängt bloß an, die Schrift zu entziffern, er spitzt den Mund, als horche er. Sie haben gesehen, es ist nicht leicht, die Schrift mit den Augen zu entziffern; unser Mann entziffert sie aber mit seinen Wunden.“67

Hier beginnt der masochistische Teil der Erzählung. Erstens fällt auf, dass es doch nicht so egal ist, ob der Verurteilte versteht oder nicht und zweitens spricht der Offizier von der „Verführung“ sich selbst unter die Egge zu legen, was er schließlich auch umsetzten wird. Während der erste Teil der Geschichte noch von einer sadistischen Logik bestimmt war, werden im zweiten Teil die Einbildungskraft und das Traumhafte hervorgehoben. Die Bildschrift, die den Opfern eingraviert wird, ähnelt den masochistischen Verträgen. Doch erneut funktioniert die Maschine nicht, wie es sich der Offizier so sehr wünschte. Anstatt der 12-stündiger Prozedur, die die Wörter „Sei gerecht!“ in seinen Körper einzuschreiben soll, zersticht die Egge den Körper des Offiziers innerhalb von wenigen Minuten.

„[…] das war ja keine Folter, wie sie der Offizier erreichen wollte, das war unmittelbarer Mord.“68

Der Offizier wollte sein masochistisches Begehren befriedigen und glaubte, darin Erlösung zu finden, doch:

„[…] kein Zeichen der versprochenen Erlösung war zu entdecken; was alle anderen in der Maschine gefunden hatten, der Offizier fand es nicht […]“

Es kommt innerhalb der Erzählung nicht zum klassisch masochschen „suspense“, kein Warten und Stillstehen, sondern es kommt sofort zum Tod. Es kommt aber auch nicht zur Kulmination, wie bei Sade. Der Tod, die Selbsthinrichtung ist hier nicht begleitet von Lust, wie etwa bei De Sade, wenn die Borghese ruft:

„Das Schafott selbst wäre für mich der Thron der Wollust, dort würde ich dem Tode trotzen glücklich vor Lust, als Opfer meiner Frevel den Geist aufgeben.“69

Möglicherweise wären die Gedanken des Offiziers ähnliche gewesen, hätte die Maschine zum Schluss ordentlich gearbeitet. Für Deleuze ist bei Kafka alles Wunsch. Er bezieht sich hierbei zwar auf Kafkas Romanfragment Das Schloß, aber meiner Meinung nach treffen diese Zeilen auch auf In der Strafkolonie zu:

„Alles ist Wunsch, die ganze Linie ist nichts als Verlangen, bei den Inhabern einer repressiven Macht nicht weniger als bei den Angeklagten, die Macht und Repression erleiden. Und es wäre sicher ganz falsch, wollte man dieses Verlangen als Wunsch nach Macht, als Wunsch nach aktiver oder erlittener Repression verstehen, d.h. als sadistisches oder masochistisches Verlangen.“70

Bei Kafka gibt es Deleuze zu folge kein Verlangen nach Macht. „Die Macht ist selber Verlangen“71. Hier kommen wir wieder zum Ausgangspunkt der deleuzschen Philosophie. Deleuze, wie auch Kafka, verstehen Verlangen, Begehren oder den Wunsch nicht „als Mangelgefühl, sondern als Fülle, als Erfüllung und Vollzug, als richtiges Funktionieren […].“72

„Gerade weil das Verlangen maschinelle Verkettung ist, fällt es ganz mit den Rädern und Teilen der Maschine, mit der Macht der Maschinerie zusammen. Und der Wunsch nach Macht ist nur die Faszination vor diesem Räderwerk, die Lust, ein paar dieser Räder in Gang zu setzten, selber eins dieser Räder zu sein – oder zumindest das Material, das diese Räder traktieren, also ein Rohstoff, er auf seine Weise selber Teil der Maschine ist.“73

Kafkas Texte sprechen für Deleuze von einem Verlangen bzw. Begehren, das über ein sadistisches oder masochistisches Begehren hinausgeht. Obwohl In der Strafkolonie als sadistisches Szenario beginnt und auch einige masochistische Tendenzen beinhaltet, geht Kafka in seiner Darstellung von Macht und Begehren über Sade und Masoch in gewisser Hinsicht hinaus, indem er die Abstraktheit der Macht, wie sie auch heute noch herrscht, durch seine Kunst darstellen kann.

„Kann ich schon nicht der Schreibende sein, der mit der Maschine schreibt, so will ich wenigstens das Papier sein, das von der Maschine beschrieben wird. Kann ich schon nicht der Maschinist sein, so will ich zumindest der lebendige Rohstoff sein, den die Maschine erfaßt und verarbeitet. Vielleicht ist mein Platz dann sogar noch wichtiger und näher am Räderwerk als der des Maschinisten (genau dies ist die Haltung des Offiziers in der Strafkolonie und der Angeklagten im Prozeß).“

Deleuze bezieht sich an dieser Stelle positiv auf Foucault und meint, dessen Analyse der Macht, als abstrakt und subjektlos, gleiche, wenn auch in anderer Form, sehr der Analyse Kafkas. Was Kafka durch seine Literatur zeigen kann, erklärt auch, inwiefern Deleuze sein intensives Interesse an Literatur in seine Philosophie miteinfließen lässt. Kafka geht in diesem Sinne über Sade und Masoch hinaus, indem er die Frage nach Begehren auf eine komplexere Art und Weise stellt:

Mithin ist die Frage sehr viel komplexer als die jener beider abstrakter Wünsche nach aktiver und passiver Repression, die sich abstrakt als sadistisches und masochistisches Verlangen darstellen. Die beiden Modi der Repression, die ausgeübte und erlittene, kommen aus der einen oder anderen Verkettung des Verlangens-als-Macht, aus dem einen oder anderen Zustand derselben Maschinerie, die ja den Maschinisten ebenso wie den Rohstoff braucht, in stillschweigendem Einverständnis beider in einem Zusammenhang, der eher Konnexion als Hierarchie ist. Die Repression hängt von der Maschine ab, nicht umgekehrt. Es gibt also nicht „die“ Macht als unendliche Transzendenz über den Sklaven oder Angeklagten. Die Macht ist nicht pyramidal, wie das Gesetz es uns weismachen will, sondern segmentär und linear; sie funktioniert durch Kontiguität, nicht durch Höhe und Ferne […]. Jedes Segment ist Macht, eine Macht und zugleich eine Figur des Verlangens. Jedes Segment ist eine Maschine oder zumindest ein Maschinenteil, aber die Maschinerie wird nicht demontiert, ohne daß jeder einzelne dieser aneinandergereihten Teile nicht seinerseits zur Maschine würde, die immer mehr Platz einnimmt.“74

In Kafkas Darstellung von Macht und Begehren oder Verlangen braucht es keinen Maschinist*innen mehr. Das Subjekt verschwindet wie es in der modernen Analyse der Macht bei Michel Foucault verschwindet. Es bleibt nur noch die Maschinerie und alles wird Teil davon. Deleuze und Guattari sprechen in diesem Zusammenhang auch vom organlosen Körper, der sich immer weiter alles einverleibt.

Konklusion

Meiner Ansicht nach ist Deleuzes Analyse der Unterschiede zwischen Sacher-Masoch und De Sade und die damit einhergehende Kritik der psychoanalytischen Auffassung des Sadomasochismus und der Schmerzlust äußerst zutreffend. Die intensive Beschäftigung mit Sacher-Masoch verdeutlicht, was Deleuze unter Wunsch bzw. Begehren versteht und unterstreicht die Differenzen zu Foucaults Bevorzugung des Begriffs der Lust, der sich wohl besser im Werke De Sades beschrieben findet. Dennoch gilt festzuhalten, dass:

„Deleuze de Sade nicht als die ‘schlechte’, transzendente und Sacher-Masoch als die ‘gute’, immanente Variante von ‘Perversion’ [behandelt]. Beide schaffen sich einen ‘organlosen Körper’. So entspricht de Sades Denken dem organlosen Körper des Paranoikers und Masochs Denken dem des Schizophrenen.“75

Anhand dieser Arbeit war es mein Ziel zu zeigen, inwiefern es für Philosoph*innen förderlich sein kann, sich intensiv mit Literatur zu beschäftigen und die philosophischen Theorien sowie Begriffe mit literarischen Arbeiten zu vergleichen. In meiner Arbeit habe ich die Unterschiede zwischen Sade und Masoch, und somit die zwei getrennt voneinander zu betrachtenden Perversionen Sadismus und Masochismus, beschrieben und analysiert. Darüber hinaus wollte ich zeigen, was die Lektüre der Werke de Sades und Sacher-Masoch bei Deleuze auslöst. Deleuze zeigt durch seine Beschäftigung mit Masoch und Sade nicht nur Fehler der Psychoanalyse auf, sondern gibt uns auch Einblick in seine eigenen Theorien. Deleuzes Abarbeiten am Begriff des Wunsches bzw. des Begehrens zieht sich durch nahezu alle seine Schriften. Ich konnte hier nur auf einige Aspekte dieser Analyse des Wunsches und des Begehrens eingehen. In diesem Sinne gelten meine letzten Kapitel zu Kafka lediglich als möglicher Fluchtpunkt, inwiefern eine weitere Beschäftigung mit diesem Themenkomplex aussehen könnte. Eine intensive Analyse der Texte Kafkas, einerseits in Bezug auf Foucaults Theorie der Macht, andererseits bezüglich Deleuzes und Guattaris Überlegungen zum „Organlosen Körper“ wäre fruchtbar. Was die Ausführungen von Deleuze zu Sacher-Masoch, De Sade und Kafka für mich so interessant machen, ist das revolutionäre Potential, welches Deleuze dieser Literatur und der darin enthaltenen Konzeption des Begehrens bzw. Wunsches ohne Mangel zuspricht. Der Wunsch bzw. das Begehren, ist nach Deleuze „vielfältig, kreativ, möchte immer Neues, Anderes und ist damit ständig in Bewegung“76.

Literaturverzeichnis

Schriften von Gilles Deleuze:

  • Mit Claire Parnet, „Dialoge“, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1980
  • „Kritik und Klinik – Aesthetica“ hrsg. von Karl Heinz Bohrer, Suhrkamp, Frankfurt am Main 2000
  • „Unterhandlungen 1972 – 1990“, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1993
  • „Lust und Begehren“, Merve, Berlin 1996
  • „Sacher-Masoch und der Masochismus“, in Sacher Masoch, „Venus im Pelz“ Insel Taschenbuch, Frankfurt am Main 1980
  • Mit Fèlix Guattari, „Kafka – für eine kleine Literatur“, Suhrkamp, Frankfurt am Main 2014
  • Mit Fèlix Guattari, „Anti Ödipus“, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1977

Weitere Literatur:

  • David-Mènard Monique, “Deleuze und die Psychoanalyse – Ein Streit“ in „Subjektile“ hrsg. von Markus Coelen und Felix Ensslin, Diaphanes, Zürich-Berlin 2009
  • Freud Sigmund „Jenseits des Lustprinzips“, in „Psychologie des Unbewußten“, Studienausgabe Bd.3, Fischer, Frankfurt am Main 1975
  • Kafka Franz „Die Verwandlung“, Fischer, Frankfurt am Main 1988
  • Kafka Franz „Die Erzählungen“, Fischer, Frankfurt am Main 1998
  • Ott Michaela, „Gilles Deleuze – zur Einführung“, Junius, Hamburg 2005
  • Rudloff Holger, „Gregor Samsa und seine Brüder- Kafka – Sacher-Masoch – Thomas Mann“, Königshausen und Neumann, Würzburg 1997
  • Sacher Masoch Leopold von, „Venus im Pelz“ Insel Taschenbuch, Frankfurt am Main 1980

Online Texte:

1 Francois Ewald, Vorwort zu Gilles Deleuze „Lust und Begehren“, S.10

2 Gilles Deleuze, „Unterhandlungen – 1972 – 1990“, S. 207.

3 Ebd.

4 Gilles Deleuze „Lust und Begehren“, S. 31.

5 Vgl. : https://www.krass-mag.net/wp-content/uploads/Einleitung.pdf

6 Gilles Deleuze, Claire Parnet, „Dialoge“, S. 103.

7 https://www.krass-mag.net/wp-content/uploads/Einleitung.pdf

8 Gilles Deleuze, Fèlix Guattari, „Anti Ödipus“, S.150

9 Gilles Deleuze „Lust und Begehren“, S.32

10 Ebd. S. 33.

11 Ebd. S.33

12 Gilles Deleuze, „Sacher-Masoch und der Masochismus“, in Sacher-Masoch, Venus im Pelz“, S. 169.

13 Ebd.

14 Ebd. S. 172.

15 Vgl., Ebd. S. 173.

16 Das Gendern an dieser Stelle ist meiner Meinung nach von besonderer Relevanz, da in vielen von Sades Texten auch Frauen die Rolle der Peiniger*innen und andere Macht-Positionen einnehmen. Beispielsweise Juliette, ihre Freundin Lady Clairwil, oder auch die Giftmischerin Durand. Dasselbe gilt für Masochs Texte, vor allem für Wanda in Venus im Pelz.

17 Gilles Deleuze, „Sacher-Masoch und der Masochismus“, in Sacher-Masoch, Venus im Pelz“, S. 175.

18 Ebd., S. 175.

19 Ebd., S. 175.

20 Ebd., S. 177.

21 Vgl., Sacher-Masoch, „Venus im Pelz“, S. 13.

22 Gilles Deleuze, „Sacher-Masoch und der Masochismus“, in Sacher Masoch, Venus im Pelz“, S. 179.

23 Ebd., S. 189.

24 Vgl., Ebd., S. 189.

25 Ebd. S.189-190

26 Michaela Ott, „Gilles Deleuze zur Einführung“, S.84

27 Sigmund Freud, „Jenseits des Lustprinzips“ in Psychologie des Unbewußten S.264

28 Michaela Ott, „Gilles Deleuze zur Einführung“, S.85

29 Vgl. Ebd. S.85

30 Gilles Deleuze, „Sacher-Masoch und der Masochismus“, in Sacher Masoch, Venus im Pelz“, S.185

31 Ebd. S. 187.

32 Ebd. S. 186.

33 Ebd.

34 Ebd. S. 187.

35 Ebd. S. 188.

36 Ebd. S. 188.

37 Sacher Masoch, „Venus im Pelz“, S. 138.

38 Ebd.

39 Gilles Deleuze, „Sacher-Masoch und der Masochismus“, in Sacher Masoch, „Venus im Pelz“, S. 192.

40 Ebd.

41 Vgl., Ebd., S. 192 – 193.

42 Ebd., S. 193.

43 Ebd.

44 Ebd., S. 194.

45 Ebd., S. 195.

46 Ebd.

47 Ebd.

48 Ebd., S. 196.

49 Deleuze zitiert Freud in: Gilles Deleuze, „Sacher-Masoch und der Masochismus“, in Sacher Masoch, Venus im Pelz“, S. 196.

50 Deleuze zitiert Freud ebd., S. 197.

51 Gilles Deleuze, „Sacher-Masoch und der Masochismus“, in Sacher Masoch, Venus im Pelz“, S.198

52 Ebd., S. 198 – 199.

53 Monique David-Mènard, “Deleuze und die Psychoanalyse – Ein Streit“ in „Subjektile“ hrsg. von Markus Coelen und Felix Ensslin, S. 42.

54 Diese Kritik hat Deleuze gemeinsam mit Felix Guattari im Anti-Ödipus und andern Texten vertieft.

55 Monique David-Mènard, “Deleuze und die Psychoanalyse – Ein Streit“ in „Subjektile“ hrsg. von Markus Coelen und Felix Ensslin, S. 42.

56 Gilles Deleuze, „Tausend Plateaus“, S. 213.

57 Gilles Deleuze, „Sacher-Masoch und der Masochismus“, in Sacher Masoch, Venus im Pelz“, S. 199.

58 Ebd., S. 278.

59 Gilles Deleuze,Fèlix Guattari, „Kafka – Für eine kleine Literatur“, S. 91.

60 Ebd., S. 92.

61 Ebd., S. 91.

62 Es ist durchaus vorstellbar, dass Kafka Masoch gelesen hat. Eine interessante Anekdote diesbezüglich: „In seiner Biographie „Sacher-Masochs“ […] zeigt Bernhard Michel, dass der Name des Helden in der Verwandlung, Gregor Samsa, wahrscheinlich eine Hommage an Sacher-Masoch darstellt: Gregor ist das Pseudonym, das der Held aus der Venus im Pelz annimmt, und Samsa scheint durchaus ein Diminutiv oder ein partielles Anagramm von Sacher-Masoch zu sein. Es gibt nicht allein eine Reihe „masochistischer“ Themen bei Kafka, vielmehr ist das Werk beider vom Problem der Minderheiten in der österreichisch-ungarischen Monarchie erfüllt.“ Gilles Deleuze, „Kritik und Klinik“, S.76 Besonders in Bezug auf Kafkas Verwandlung und Sacher-Masochs Venus im Pelz gibt es noch etliche weitere Gemeinsamkeiten. Beide Geschichten beginnen mit einem Traum, Masochs Held Severin fühlt sich unter der Peitsche wie ein Tier, wie ein Hund oder ein Wurm, während Kafkas Protagonist Gregor in einem Käfer verwandelt. Eine letzter Parallele auf die Ich hinweisen will ist ein Bild das für Gregors in Kafkas Erzählung von großer Bedeutung ist, und dieses Bild zeigt eine „in lauter Pelzwerk gekleidete Dame“ (Kafka, die Verwandlung S .38) Diese und weitere Parallelen zwischen Kafka und Sacher-Masoch untersucht Holger Rudloff in seinem Werk „Gregor Samsa und seine Brüder – Kafka – Sacher-Masoch – Thomas Mann“ S. 15 – 29.

63 Vergleiche hierzu Michael Ott, „Gilles Deleuze – Zur Einführung“, S.84 – 93.

64 Gilles Deleuze, „Kritik und Klinik“, S.75

65 Vgl. Franz Kafka, „In der Strafkolonie“, in Franz Kafka „die Erzählungen“, S. 164 – 199.

66 Vgl. Ebd.

67 Ebd. S.176

68 Ebd., S. 195.

69 Hartmut Böhme zitiert Marquis de Sade in: „Natur und Subjekt“, II. Subjektgeschichte

https://www.hartmutboehme.de/static/archiv/volltexte/texte/natsub/sade.html

70 Gilles Deleuze, Fèlix Guattari, „Kafka – für eine kleine Literatur“, S. 77.

71 Ebd.

72 Ebd.

73 Ebd. S.78

74 Ebd. S.78

75 HYPERLINK \l ” http://www.forschungsnetzwerk.at/downloadpub/st_Guenzel_Immanenz.pdf” http://www.forschungsnetzwerk.at/downloadpub/st_Guenzel_Immanenz.pdf S.45

76 https://www.krass-mag.net/wp-content/uploads/Einleitung.pdf

Foto: Bernhard Weber

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