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Marxismus – Material und Problem

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14 Feb , 2019  

»Man erzittert vor der Hypothese, daß, begünstigt durch eine jener Metamorphosen, von denen Marx so oft gesprochen hat […], ein neuer ›Marxismus‹ nicht mehr die Gestalt haben könnte, unter der man ihn zu identifizieren und in die Flucht zu schlagen man sich gewöhnt hatte. Vielleicht hat man nicht mehr Angst vor den Marxisten, wohl aber hat man noch Angst vor gewissen Nicht-Marxisten, die auf das Marxsche Erbe nicht verzichtet haben, Krypto-Marxisten, Pseudo- oder Para-›Marxisten‹, die bereit wären, die Ablösung zu übernehmen, mit Bindestrichen oder in Anführungszeichen, die zu demaskieren die verängstigten Experten desAntikommunismus nicht geübt genug wären.«
(Jacques Derrida, Marx’ Gespenster)

Laruelle schreibt bezüglich der Wissenschaften: »Science is a representation that is non-thetic (of) the real, altogether distinct from that what philosophy imagines as Representation.« (Laruelle 2010: 160) Laruelle fordert hier eine einheitliche Theorie für die Wissenschaften, die nicht wie z. B. bei Deleuze/Guattari durch das strenge Kriterium der Produktion von Funktionen auf der Ebene der Referenzen definiert wird, sondern die als generische Produktion von Nicht-Hypothesen gemäß der radikalen Immanenz des Realen funktioniert, wobei die Wissenschaften für die Nicht-Philosophie kein exklusives Privileg besitzen, sondern ihr Privileg als-prior-in-the-priority im Kontext einer Nicht-Philosophie erhalten, die wiederum sowohl die Wissenschaften als auch die Philosphie als Material bearbeitet. Diese Sichtweise auf die Wissenschaft enthält sich jeder Form der philosophischen oder wissenschaftlichen Konsistenz im Sinne eines unifizierten totalitären Systems, das ein komplettes Verständnis einer Situation umfassen will. Die Radikalisierung des philosophischen Konzepts beinhaltet von der pragmatischen Seite her eine Desorganisation oder Dekomposition der (philosophischen) Systeme, indem man sie auf transzendental-minimales Material reduziert, um neue Konzepte zu extrahieren und sie in ein Verhältnis der Immanenz bzw. zur Determination-in-der-letzten-Instanz zu stellen. Von der empirischen Seite her gilt es die Realität zu beschreiben und rigoros zu erklären, und zwar als ein Prozess, der die Effekte des Realen beobachtet, indem er permanent selektiert, um neue Hypothesen und die entsprechende Syntax zu erfinden, und dies immer in Ankopplung an die Syntax des Realen.

Die Systeme inklusive ihrer Attraktoren, Trajektoren und Vektoren, die die pulsierenden Symptomatiken des Realen (Realität des Kapitals) permanent (re)produzieren, gilt es mit Axiomen, Hypothesen und Begriffen zu beschreiben, deren Konstellation, Verordnung und Zuspitzung im theoretischen Experiment anzeigt, inwieweit sie für eine kritische Analyse des Kapitals tauglich sind. In dieser Hinsicht wird die theoretische Praxis von einer kinetischen Artistik erfasst, die jedes Abbremsen verhindert und ein tastendes Experimentieren perpetuiert. In diesem Sinne ist das konstellative Experiment als nicht-historisch zu verstehen, wobei die Konstellationen, die man um die Begriffe schafft, eine Verdichtung in sich selbst erfahren. Und um überhaupt Konstellationen bilden zu können, bedarf es der Komposition einzelner Begriffe und ihrer Komponenten und dabei gilt es das Paradox auszuhalten, dass Texte durch ihre Existenz Wahrheit behaupten müssen und gleichzeitig nicht wahr sein können. Sie sind und bleiben quasi-hypothetische Segmente, und dies im Rahmen einer immanenten generischen Matrix, einer Objektivität ohne jede Repräsentation. Jedenfalls sollte man davon ausgehen, dass die Experimente der Nicht-Philosophie/Nicht-Ökonomie weder die Wissenschaften noch den Marxismus verifizieren oder falsifizieren wollen, sondern die Identität der Hypothesis-Form beibehalten, um sie u. a. vom philosophischen Tauschhandel mit dem Realen fernzuhalten, der durch Verifikation (logischer Empirismus) oder durch Falsifikation (kritische Epistemologie) funktioniert, oder eben als die absolute Identifikation eines Hegel – stattdessen geht es um die relative Autonomie des Experimentellen gegenüber den Funktionen, Material, Symptome etc. Laruelle schreibt.: »When transcendental thought is ordered in the Real, it demands more than ever an experimentation relative to its conditions of existence (against Platonism and its ›digression‹, Kant), but more than ever resists it and does not progressively fall into it.« (Laruelle 2013 e: 17) In diesem Zusammenhang wären die Texte zur Kritik der politischen Ökonomie selbst als Material und Symptomatiken zu verstehen, die begriffliche Problematiken innerhalb der Textformationen anzeigen, d. h., als Interferenz verschiedener Diskurse und Argumentationslinien, von Axiomatiken und Hypothesenbildungen, Methoden und Apparaten – Faktoren, mit deren experimenteller Montage ein neues theoretisches Feld geschaffen wird, sodass man keineswegs naiv zu den Texten selbst zurückkehren muss, um eventuell sogar eine neue Hermeneutik zu installieren. Generell legt die Hermeneutik ja großen Wert auf die Projektion des Imaginären, mit der sie dem Realen neue Werte hinzufügt. Demgegenüber wäre die den Marx’schen Texten nachträglich zugeschriebene unbedingte Autorität, die ja gerade durch die Filter einer endlosen Interpretationsgeschichte des Marxismus hindurch zustande gekommen ist, erneut zu relativieren. Auf die Frage, wie man denn heute mit dem Marxismus umzugehen habe, gibt Laruelle folgende Antwort: »If it [non-Marxism] would seem to go back there [to Marxism], it would be more to its problems rather than to its texts, and to problems whose solution implies treating the texts as symptoms, by way of suspension of the philosophical authority […]. It is impossible, even in Freud and in Marx, and even more so within a philosophy, to find radical concepts of the Real and the uni-versal — solely the unconscious and the productive forces, desire and labor. As soon as one arrives to this discovery, psychoanalysis and Marxism gain one utterly new sense — a transformation of their theories into simple material […]. These sorts of disciplines require more than just a simple theoretical transformation — a discovery from within a ›non-‹ that would be the effect (of) the Real or its action.« (Laruelle 2000: 61. Übersetzung Kolozova) Es geht an dieser Stelle bestimmt nicht um die einem Autor zugeschriebene »naive Ernsthaftigkeit« hinsichtlich der Rezeption anderer Autoren, wie dies bspw. Žižek öfter mit Deleuze veranstaltet, weil Deleuze sich Philosophen wie Kant, Descartes oder Platon nähere, um sie auf ihrem eigenen Gebiet zunächst mit einer masochistischen Geste zu affirmieren, solange bis endlich der Verrat möglich würde, es geht auch nicht darum, etwa in voller Zärtlichkeit Philosophen wie Nietzsche, Spinoza oder Bergson (oder Marx) für sich selbst sprechen zu lassen, um in »freier indirekter Rede« (Deleuze) ihre Obsessionen zu analysieren, womit es erst möglich würde durch den analysierten Philosophen hindurch selbst zu sprechen. (Vgl. Žižek 2005: 77) Nein, gerade im Falle von Marx, der durch die spezifische Rezeptionsgeschichte und vor allem durch die Geschichte des Sowjetmarxismus schwerer »belastet« ist als jeder andere Autor, insofern er ganz in den Dienst praktisch-politischer Interessen gestellt wurde, erscheint es tatsächlich angebracht eine sorgfältige Aufräumarbeit zu leisten, insofern man in den Texten Problematiken eruiert, deren »Lösungen« zuallererst darin bestehen, das Material selbst als ein Symptom zu behandeln, um damit die Texte in experimenteller Weise neu zu entdecken und im Sinne eines »Nicht«, i. e. der Unversöhnlichkeit gegenüber der kapitalistischen Realität, zugleich als Effekte des Realen zu begreifen. Das Material selbst wirft Problematiken auf, die wiederum bestimmten Symptomatiken geschuldet sind, wie sie die Realität des Kapitals in Redundanz und Resonanz produziert. Und nach Laruelles Auffassung hatten Konzepte wie das der Arbeitskraft bei Marx und/oder des Unbewussten bei Freud längst noch keine befriedigenden Antworten bezüglich der (begrifflichen) Problematiken einer (libidinalen) Ökonomie anzubieten. Laruelle zufolge hat als eines der wichtigsten Konzepte innerhalb der marxistischen Textkorpusse das der Produktivkraft oder der Arbeitskraft zu gelten; man würde dagegen einwenden wollen, es wäre im Marx’schen Sinne eher die kritische Analyse des Werts, des Mehrwerts und des Kapitals als Gesamtzusammenhang, der Kapitalisierung mit den entsprechenden Verschaltungen der Aktualisierung und Virtualisierung.

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