Lexicon, Mashines, Necropolitics

Nationalsozialismus und KZ-System

By

9 Nov , 2015  

Die Verdrängung selbst der Geschichte des deutschen Faschismus aus dem allgemeinen Bewußtsein behindert nachhaltig die Möglichkeit, einen Begriff davon zu erarbeiten. Denn jede Diskussion setzt voraus, daß die Beteiligten viel mehr über den Gegenstand wissen, als jeweils zur Sprache kommt. Die Diskussion verschiedener Faschismustheorien setzt z.B. immer die Kenntnis nicht nur dieser Theorien, sondern auch der von diesen Theorien noch einmal verschiedene Realität voraus. Nur im Verhältnis von Sache und Begriff läßt sich dessen Wahrheit vernünftig beurteilen.

Auch die Sache aber stellt sich für das Bewußtsein stets nur in Begriffen dar. Wo die Sache an sich selbst unbegreiflich ist, weil ihre eigene Struktur die Voraussetzung aller Erkenntnis; die “adaequatio rei et intellectus”, die Übereinstimmung von Gegenstand und Einsicht prinzipiell ausschließt, dort tendiert sie dahin, sich der Darstellung und dem Bewußtsein überhaupt zu entziehen. Das Unbegreifliche ist am deutschen Faschismus aber gerade das Wesentliche. Ihn zeichnet aus, daß er von keiner Theorie mehr wirklich erreicht werden kann. Nicht einmal die Konstruktion eines strafenden Gottes – das erste Tasten wie der letzte Ausweg der Vernunft – vermag die planmäßige, fabrikmäßige Vernichtung von mindestens 6 Millionen Menschen in jenen sinnvollen Zusammenhang zu stellen, in dem der Gegenstand allein erkannt werden kann. Die Theorie setzt einerseits stets ein die Sache unter seinen eigenen, subjektiven Bestimmungen setzendes Subjekt voraus. Sie beginnt also erst jenseits der Konzentrationslager, in denen das Subjekt planmäßig vernichtet wird. Die Theorie setzt andererseits eine Sache voraus, die von den Denkbestimmungen eines auf sie reflektierenden menschlichen Subjekts nicht völlig verschieden ist: was real keiner menschlichen Logik gehorcht, kann auch kein Mensch begreifen. Vor einer Institution, in welcher die Unmenschlichkeit zum Prinzip erhoben ist, muß die Theorie daher kapitulieren.

Das Zurückweichen der Theorie vor dem deutschen Faschismus ist auch Darstellungen anzumerken, die nicht vorrangig theoretische Ambitionen haben. Z.B. Kogon, dessen Thema Beschreibung systematischer Menschenvernichtung ist, spricht eigentlich immer von etwas anderem: von der Organisation des Lagers, von der komplizierten Hierarchie unter den Henkern, von der ähnlich komplizierten Hierarchie unter den Opfern, von Kompetenzstreitigkeiten, Kommunikationsproblemen usw. Die Beschreibung erreicht gewissermaßen nicht den Gegenstand selbst, sondern sie hält bei der minutiösen Protokollierung der Organisation und Technik inne, die ihn hervorgebracht haben. Weil aber Organisation und Technik der Menschenvernichtung von der allgemein herrschenden kaum verschieden sind, erscheint das Lagerleben selbst bestürzend alltäglich und gewöhnlich. Die Probleme der Opfer und Henker ähndeln einander und den Schwierigkeiten, die das gewöhnliche Leben so mit sich bringt. Fast könnte man vergessen, daß es sich bei dem geschilderten organisatorischen Gebilde um ein Vernichtungslager handelt, und die Schilderung selbst erzeugt auf die Dauer jene Mischung von Faszination und Langeweile, die Handbüchern und Gebrauchsanleitungen eigen ist: Man liest begierig weiter, um zu erfahren, wie das Unbegreifliche zustandegekommen ist, aber was man dabei erfährt, ist eigentlich immer trivial und als Trivialität unerschöpflich. Am Ende weiß man über die KZ vor allem eins: wie man sie macht. Der deutsche Faschismus zwingt offenbar das Denken zur funktionalistischen Regression: statt zu fragen, was er ist und wie er zu beurteilen sei, fragt man, wie er funktioniert. Die Anpassung der Theorie an ihren unbegreiflichen Gegenstand und damit ihre Kapitulation ist vermittelt durch einen besonderen Mechanismus der Angstbewältigung: zum organisatorischen und technischen Problem neutralisiert und reduziert, verliert die planmäßige Menschenvernichtung ihre Schrecken. Das Unbegreifliche wird scheinbar nicht begreiflich, es wird sogar gewöhnlich, und das beruhigt.

Die Pointe dabei ist nun, daß diese lähmende, abstumpfende Alltäglichkeit des unbegreiflichen Verbrechens tatsächlich nationalsozialistische Realität ist, und gerade dies macht die Differenz der planmäßigen Menschenvernichtung zu all den Untaten aus, die in der Geschichte immer wieder begangen worden sind. Der nationalsozialistische Henker war gerade nicht der mittelalterliche, der zur Strafe für sein entsetzliches Handwerk außerhalb der Stadtmauern leben mußte und von jedem gemieden wurde. Die Menschenvernichtung der Nationalsozialisten war kein Blutbad, kein grausamer Racheakt, kein sadistischer Exzeß: an den Händen eines Himmler klebt nicht einmal Blut. Vielleicht das Erschreckenste an den KZ ist die geradezu aufopfernde organisatorische Fürsorge, mit der die Henker ihre Opfer bedachten. Bevor man sie umbrachte, wurden sie immerhin ordnungsgemäß verbucht.

Es ist die planmäßige technische und organisatorische Rationalität dessen, was jeglicher Vernunft spottet und prinzipiell unbegreiflich ist, wodurch sich der deutsche Faschismus von allen vorausgegangenen, auch grausamen und terroristischen Gesellschaftsformationen unterscheidet: Das Fortdauern der Zivilisation in der Barbarei, das Fortdauern der Rationalität im Wahn. Die barbarische und wahnhafte Regression bezieht genau aus dem Fortschritt der Produktivkräfte – Inbegriff von Zivilisation – ihre apokalyptische Macht. Die Regression ist stets unausdenkbar viel schlimmer als der ursprüngliche Zustand, zu dem sie zurückführt. Die Wahngebilde und die Barbarei der Primitiven waren verhältnismäßig harmlos. Den Untaten der Kannibalen waren durch die Reichweite der Füße, ihrer Waffen und durch die Kapazität ihrer Mägen enge Grenzen gesetzt. Erst der Wahn, auf den eine hochkapitalistische Gesellschaft regrediert, kann 6 Millionen Menschen planmäßig und weitere 44 Millionen außerplanmäßig vernichten. Ein paranoischer amerikanischer Präsident schließlich, der neben dem roten Telefon sitzt und sich vom Rest der Welt angefeindet fühlt, könnte sich leicht dieses Rests und seiner selbst entledigen. Wie ernst diese Gefahr in den letzten Tagen von Nixons Amtsperiode genommen wurde, beweist der Befehl des damaligen US-Verteidigungsministers Schlesinger an alle Truppenteile, keine ungewöhnlichen militärischen Kommandos ohne seine Konsultation auszuführen. (Vgl. FR vom 11.1.76, S.2: Was tun, wenn ein Präsident “durchdreht”)

Die nationalsozialistische Barbarei, die gerade aus dem Fortschritt ihre vernichtende Kraft bezieht, bringt keine Realität hervor, die ebenso unbegreiflich wie kein Mythos ist. Die vorfaschistischen Untaten standen unter dem unmittelbar nicht aufzulösenden Bann der Hilflosigkeit, mit der die noch ganz in Natur befangenen Menschen ihre Geschichte machten. Man kann diese Untaten daher erklären, wenn man die ihrerseits unbegreifliche, schlicht vorgegebene Prämisse akzeptiert, daß die fortschreitende Emanzipation schleppend und stolpernd durch ein Meer von Blut, Schweiß und Tränen waten muß. Die NS-Verbrechen hingegen beginnen an dem Punkt der Geschichte, wo die Befangenheit der Menschen in Natur materiell aufgehört hat: wo die Produktivkräfte so weit entwickelt sind, daß alle glücklich leben könnten, ohne daß einer den anderen zu diesem Zweck erniedrigen, unterdrücken, ausbeuten oder gar abschlachten muß. So ist der Faschismus gerade kein auf der Menschheit lastendes Verhängnis, kein unabwendbares Schicksal wie die historische Arbeit, die stets ihre Opfer gefordert hat. Die Opfer des Nationalsozialismus zählen nicht zu denen in der Geschichte, die ebenso notwendig, wie nicht zu rechtfertigen sind. Trauervolles Eingedenken allein ist ihnen gegenüber fehl am Platz. Sie sind nicht der furchtbare, aber offenbar unvermeidlich gewesene Preis des Fortschritts, nicht vergleichbar den maltraitierten Sklaven, die man beim Betrachten der großartigen Dinge, die sie schufen, nie ganz vergessen sollte. Die Opfer des deutschen Faschismus sind gleich auf doppelte Weise erledigt: sie sind nicht einmal Opfer.

Der Nationalsozialismus ist nicht wie etwa der Zwang zur Arbeit, wie die Kriege naturwüchsiger Gemeinwesen ein Produkt der Natur, welche die Menschen nicht selbst gemacht haben, sondern er ist Produkt einer Geschichte, welche die Menschen sehr wohl selbst gemacht haben. Es fehlt gewissermaßen der Rest objektiver Unvernunft, jener Rest unmittelbar nicht aufhebbarer Abhängigkeit vom Naturzwang, der in allen vorfaschistischen Gesellschaftsformationen die unbegreiflichen Untaten gleichzeitig als mythisches Verhängnis und als sinnvoll und notwendig erscheinen ließ. Die Unvernunft ist hier nicht eine Bestimmung der Sache, mit der das Subjekt sich abfinden muß, sondern eine Bestimmung des Subjekts selbst. Für den deutschen Faschismus tragen die Menschen, die ihn gemacht, und diejenigen, die ihn geduldet haben, allein die Verantwortung; sie können sich auf kein Schicksal herausreden. Es ist zwar nicht zu rechtfertigen, aber es ist einsichtig, wenn der eine, um sich nicht selber schinden zu müssen, den anderen dazu zwingt. Es ist hingegen völlig absurd, wenn ein Staat, in dessen Autarkiepolitik gehorchenden Entwicklungslaboratorien das Plastic-Zeitalter schon begonnen hat, für die Isolation der U-Boote das Haar der KZ-Opfer verwendet und mir ihrer Asche die Felder düngt.

Gerade daran, daß der deutsche Faschismus grundlos verbrochen wurde, daß er nicht unter der Herrschaft eines der Vernunft allein unzugänglichen Zwangs entstand, beißt sich die Theorie die Zähne aus. Theorie setzt immer den Gegenstand unter die Denkbestimmungen der Vernunft. Sie kann ihn nur erreichen, wenn er selbst diese Vernunft, zumindestens partielle und gebrochen, real verkörpert. Indem beispielsweise Marx das Kapitalverhältnis als Ausbeutungsverhältnis kritisiert, rechtfertigt er es zugleich als Produktionsverhältnis, welches für die Entwicklung der Produktivkräfte, auf welcher sich die Abschaffung von Ausbeutung und Unterdrückung allein gründen kann, notwendig gewesen war. Das falsche gesellschaftliche Verhältnis der Menschen, wofür diese selbst verantwortlich sind, findet hier seine Erklärung und seinen Grund im falschen Verhältnis des Menschen zur Natur, wofür jene nicht verantwortlich sind: sie haben weder die Natur so eingerichtet, daß man sich an ihr abplagen muß, um sie essen zu können, noch haben sie sich selbst als hilflose Naturwesen in die Welt gesetzt. Ratio und Rationalisierung hängen offenbar unauflöslich zusammen, und jede Kritik setzt die Rechtfertigung des kritisierten Gegenstands schon voraus.

Der Umstand, daß man die Vernunft in der Geschichte stets unterstellen muß, wenn man die unterstellte Vernunft mit der Realität verwechselt. So kommt es, daß ausgerechnet Vulgärmarxisten, welche die Unterscheidung von Begriff und Sache und also den Unterschied zwischen der wirklichen Idiotie der wirklichen Geschichte und der Vernunft, mit der Marx diese idiotische wirkliche Geschichte begreift, nicht gelernt haben – daß ausgerechnet Marxisten dem deutschen Faschismus die weltgeschichtliche Absolution erteilen, und zwar gerade dort, wo sie ihn als besonders ausgekochten, besonders teuflischen Trick des Kapitals verdammen.

Der Faschismus war nichts als Menschenwerk, dies offenbar sich noch in der jeglicher Dämonie spottenden “Banalität des Bösen”. Er kann sich real auf keine höhere Gewalt berufen. Damit aber schlägt jede gesellschaftstheoretische Kritik des Faschismus, die, wie gezeigt wurde, ohne die Konstruktion einer höheren Gewalt nicht existieren kann, in Affirmation um, in reine Rechtfertigung dessen, was um keinen Preis zu rechtfertigen ist. Die Theorie sucht nach Gründen. Für die planmäßige Vernichtung von 6 Millionen Menschen, die noch nicht einmal zum Vorteil irgendeines anderen ausgebeutet, sondern einfach nur vernichtet werden, gibt es aber keine Gründe. Und jeder Versuch, sie dennoch zu konstruieren, muß zurückgewiesen werden.

 

Aus: Wolfgang Pohrt: Ausverkauf. Von der Endlösung zu ihrer Alternative. 1980.

Bücher von Wolfgang Pohrt bei der Edition Tiamat

print

, ,

By