Gosse, PhiloFiction

Notiz zur Langeweile

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20 Sep , 2020  

Nietzsche erfindet eine Typologie der Langeweile, in der die Langeweile zunächst ein positives Zeichen für das Leben des Gelehrten ist, während der gewöhnliche Denker vor der Langweile flieht und Zerstreuung mit seiner Teilhabe in den Unterhaltungsmaschinerien sucht, Mode, Musik und Kunst, im Reisen oder im Sportbetrieb, all den Codierungen bzw. symbolisch-kommunikativen Sinnstiftungen, die der Integration der Masse dienen. Die »gute« Langeweile gleicht dagegen einem Schwebezustand, der zwischen formloser Wahrnehmung und dem Bedürfnis nach Gestaltung pendelt. Man sieht da gerade seinen Philosophieprofessor vor sich, denjenigen mit leiser Stimme und wohltemperiertem Klang, der erklärt, dass Heidegger wohl ahnte, dass die ontologisch-existentiale Stimmung des Man als ein Ängstlich-Sein-zum-Tode in den modernen synkretischen Differenzkulturen in das umkippt, was der Professor ein Gelangtweilt-Sein-zum-Tode nennt. Die Konsumenten unserer Metropolen, erscheinen ihm keinesfalls von Angst zerfressen, sondern trotz des 24-Stunden-Entertainments oder womöglich des Konsums von Extremsportarten, zu denen er übrigens auch seine Car-Races zählt, eher gelangweilt oder abgebrüht zu sein, ausgelaugt durch die versicherten Wiederholungsstrukturen  der täglichen Routine, aber phasenweise auch wieder köstlich amüsiert, vom internetgestützten Ballermann-Sex bis zum Boxenstopp-Sex an der Reichtumsspitze, etwa in der Flavio-Briatore-Klasse; alles in allem leiden diese Konsumenten unter dem Vergnügen und den viel zu vielen Möglichkeiten – die Möglichkeit als die härteste Droge? Die Todesdroge? -; simultan gehen die Konsumenten zu abgrundtief schlechter Langeweile durch Shopping-Malls spazieren und oft gerinnt die »gute« Langeweile selbst bei Leuten zur trivialen Frustration und taut hier und da in Gewaltexzessen wieder auf, oder man lässt Cloning, plastische Chirugie und Doping zu attraktiven Spitzentechnologien avancieren, nicht zuletzt Telematik, Informatik und Netzwerkindustrie, die nebst globalisierter Partnersuche, Avatarkram sowie Dirty-Chatting die Eigenkonstruktion eines Second Life ermöglicht, etwa die Einrichtung imaginärer Bordelle, wo die Sexuser, ganz »man« geworden, beliebig modellierte Partnerinnen oder Partner zu Sexparties einladen, badend in komplexen Stimmungen eines implizit Unbewussten, den Stimmungslagen des Gelangweiltwerdens von etwas und des Sichlangweilens bei etwas. Die radikale Mediokrität hat uns allen diese Schichten implementiert. Fraglich bleibt, ob die gelangweilten und zugleich stark amüsierten Subjekte in der Lage sind, jene dritte, tiefe und fundamentale Schicht, die Heidegger zumindest angenommen hat, zu registrieren, die Leere im Herzen einer “Risikogesellschft”, die permanent versucht sich abzusichern oder zu versichern. Und wird die Langeweile von einer Person nicht mehr ausgehalten, so wendet sie sich gegen sich selbst oder schlägt in den Aktionismus von hyperaktiven, sich selbst disziplierenden, lehrenden und lernenden, also übenden Subjekten um. Man denkt an das Paradox eines weinenden oder lachenden Roboters. Die übermäßige Erregbarkeit ist der Gegenpol zur Langeweile, wobei die Pendelbewegungen das einigende Band sind, eine ubiquitäre Form des Bemühens, mit der Leere der “Risikogesellschaft”, die zugleich ihrer Fülle entspricht, auszukommen. Die Erregbarkeit manifestiert sich in allen möglichen Spielarten von Süchten oder mündet in Netzwerk-Abhängigkeiten, in der Klammer, der Relation von Wiederholungsmustern pseudorituellen Verhaltens und der Kontrolle. Aber leben wir damit schon in einer Welt jenseits des Sinns? Nein, eher der Überfülle von Sinn. Die Zukunft unserer technologischen Selbstmanipulation qua Digitalisierung, Biogenetik und Prothesenherstellung erscheint uns nur sinnlos, wenn wir sie innerhalb des Horizonts unserer Vorstellungen dessen, was ein sinnvolles Universum ist, messen wollen. Zugleich hat der Kapitalismus als erstes sozioökonomisches System die Bedeutung enttotalisiert; Kapitalismus kann sich im Zuge eines erschlaffenden Nihilismus jeder Kultur anpassen, jeder Religion, denn allein das Reale der profitmaximierenden Märkte & Netzwerke im Sinn von Sinnproduktion zählt. In Zeiten von Junk News, Junk Food, Junk Money und Junk Selfishness folgt die universelle Kamera jedem Prominenten und dessen Abklatsch nicht nur bis in das Schlafzimmer, sondern auch bis in das Badezimmer und die Toilette. Wir schauen nicht Fernsehen, wir leben mit dem Fernsehen. Ökonomisch ist der Kapitalismus mit Staatsverschuldung und Konsumentenkredit ans Ende der Zahlungsketten, kulturell in der Erschlaffungsphase des Nihilismus angelangt und politisch gleicht er einem Irrenhaus. Seine Machtimplosionen lassen allerdings angesichts des geistig-affektiven Zustands seiner Bewohner gar nichts Gutes erwarten.

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