Ohne Spiegel Leben!

„Hellenisten, Gelehrte, Scharlatane, hartnäckige Forscher, große Geister und Halbwissende haben das Märchen vom Spiegel kultiviert.“ Jurgis Baltrusaitis

„Der Spiegel im Kopf verstellt den Blick darauf, dass Erkenntnis nichts wiederspiegelt, sondern immaterielle Welten erzeugt, generiert.“ Manfred Faßler

„Das Sehen zeigt sich am Spiegel also zugleich als bloße Spekulation, aus der wir nicht nur durch eine Experimentieren mit den Dingen, sondern zugleich mit unserem eigenem Leib heraustreten können.“ Hans-Dieter Bahr

Wenn Michel Foucault schreibt, dass ich mich im Spiegel da sehe, wo ich nicht bin, in einem unwirklichen Raum, der sich virtuell hinter der Oberfläche öffnet, aber der Spiegel mich auch in einem Raum hält, der ganz wirklich ist, während ich mich im Spiegel erblicke, und der mich mich sogar mit meiner Umgebung verbindet, die aber zugleich wieder unwirklich ist, weil ich sie nur durch den Spiegel wahrnehme, dann erweist sich heute (im Foucault-Speech) der Computer als eine Art (unsichtbarer) elektronischer Spiegel (zwischen mindestens zwei Computern), wo die Utopie des virtuellen Raums – ich sehe mich dort, wo ich nicht bin, nämlich als Text oder als Videobild – und die Heterotopie des realen Raums – der Computer und meine Umgebung existieren real, während ich mit Kopfschmerzen irgendeinen Quatsch tippe – eine zuweilen zwang- und schmerzhafte Verbindung eingehen. Nun ja, das Spiegelbild ist ein Kunstprodukt, eine Generierung, sein Gebrauch eine narzisstische, manchmal sogar eine schmerzhafte Selbstinszenierung, wenn z.B. John Cocteau im Film »Das Blut des Dichters» durch den Spiegel geht, ohne ihn zu zerstören, oder man denke da an die Zerr- oder Brennspiegel -, jedenfalls gibt es unzählige Montage- bzw. Fotomontagetechniken, 3D-Simulationen, wissenschaftliche Debatten und Diskurse um den Beobachterstatus à la Einstein oder John von Neumann, die den Status der Selbst- und Welterkenntnis durch (Spiegel-)Reflexion in Frage stellen. Andererseits verlangen die Konsumenten bzw. Medienbenutzer, dass das Medium, egal was kommuniziert wird, als ein nicht verzerrender Spiegel fungiert, der einen Rahmen bietet und keine Nachrichten verfälschen soll, einen Spiegel, der allerdings unsichtbar bzw. hinter seiner eigenen Spiegelung verborgen bleibt. Bild und Stimme werden durch invers gesetzte Spiegelbilder hervorgebracht, etwas Nähe trotz der Ferne erzeugt, optische und akustische Wirkungen werden in elektrische und elektromagnetische Wirkungen verwandelt und wieder zurückverwandelt, Spiegelung verschwindet ins Unsichtbare. Es geht um den Kampf mit dem Code. Spiegelbilder können zeigen, wie in einem Spiegelkabinett eine Person sich durch die Menge von virtuellen Bildern auflöst. Das reale Objekt reflektiert sich im Spiegelbild wie im virtuellen Objekt, das seinerseits das reale Objekt umgibt und reflektiert. Das Bild, das entsteht, ist ein aktuelles und zugleich ein virtuelles Bild. Das wollte Foucault mit Deleuze sagen: Erscheinung des Bespiegelten zu sein und diese Erscheinung ist doppelt. Das Spiegelbild ist in bezug auf das aktuelle Ding, das es einfängt, virtuell, aber zugleich ist das Ding im Spiegel aktuell, der von dem Ding eine einfache Virtualität zurücklässt und es aus dem Bild verdrängt.  Warum ist das so? Die physikalische Theorie der Erscheinung sagt folgendes: Zunächst sind alle nicht selbst strahlenden Körper Spiegel, wobei der vollendeste Körper jener ist, der keine Srahlung absorbiert, sondern diese zurückweist. Der Spiegel ist »unsichtbar« wegen seiner Intransparenz. Anscheinend scheint der Spiegel nur in der Verdopplung des Erscheinungsbildes anderer Körper. Daran macht Lukrez die Unterscheidung von Imago und Simulakrum fest, diese Verdopplung ist jedoch für die Physik nur eine Veränderung der Richtung der Stahlung. Im Spiegel sieht man die Erscheinungen nur in einer anderen Richtung. Was ist Erscheinung, Bild? Differenzierung der Dinge, die in zwei Weisen vorgestellt werden, Reflexion, die die Oberfläche der Körper ausmacht, und Absorption, die aus der Tiefe kommt. Begegnung von Strahlung und Kraft sind die Projektion eines Blicks. Das Wissen von den Erscheinungen soll diese getreu wiederspiegeln, als Anstrengung des Körpers, seine Absorptionskraft zu verneinen, d.h. um gleich dem Spiegel zu werden, d.h. die Dinge so klar wiederzugeben, wie sie seien. Rein reflektierende Oberfläche. Zugleich ist der im Spiegel eröffnete Sichtraum Spiegelbild, das von Täuschungen durchzogen ist, zumindest in bezug auf den Körper. Eine sinliche Einheit wird im Blick vorgestellt, allerdings vom Spiegelbild vereitelt, nämlich die sukzessive und simultane Einheit des Körpers. der Spiegel provoziert somit die tranzendentale Einheit als Problem, das ich denke, weil er die sinnliche Einheit vereitelt, womit sich allerdings Raum für objektive illusionen öffnet, der faktischen Ununterscheidbarkeit von virtuellem und aktuellem Bild im Spiegelbild, wobei sie de jure unterschieden sind. Die Spiegelung der Kuh im Wasser ist eine Wirkung der Erscheinung der Kuh auf der Wiese. Enerseits kann ich die Kuh auf der Wiese als Erscheinungsbild betrachten, andererseits deren Spiegelung im Wasser als Spiegelbild derselben, deren Darstellung im Medium in meiner Vorstellung wiederum sich in alles Mögliche verwandeln kann, Abbild, Trugbild etc. Das Spiegelbild hebt sich ab von der Spiegelung, d.h., das, was vor dem Bild lag, wird im Bild zum Vorbild, d.h. die Anschauung als Spiegelung verschwimmt. Wir sind im Medium, Medium fungiert hier (scheinbar) als nicht verzerrender Spiegel, der durch seinen Rahmen eine irgendwie bedeutsame Auswahl bezüglich des Gespiegelten inszeniert. Damit optische Erscheinungen als Spiegelungen kenntlich werden, muss der Spiegelkörper in den Blick geraten, damit man annehmen kann, dass die gespiegelte Erscheinung die Wirkung einer optischen Ursache sei, die man in eine andere Erscheinung, etwa  Lichtreflexion der Dinge versetzen kann. Spiegelungen und Echos vermehren den Anblick und Schall von Erscheinungen, erweitern Reichweiten und Streuungen der Botschaften, die ständig das Neue suggerieren müssen, ökonomisch müssen sie es herstellen, um die Unsicherheit und die Angst wachzuhalten. Neugier will das Neue gar nicht erreichen, nach dem sie giert. Ungewissheit soll im Spannungsgefälle gehalten und gelöst werden. Digitale Schnittbilder, Computer-(CT) oder Kernspinresonanz-Tomographie schneiden schmerzlos die Körper, wobei der Computer synthetische Bilder hochrechnet, die auf einer Menge von Daten basieren, in die der Körper technologisch übersetzt wird.

Foto: Stephan Paulus

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