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Pandemie Kriegstagebücher – First of May Edition

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2 Mai , 2020  

“Das Desaster ist ja, dass es wirklich absolut keine Linke gibt….Da ist nur Leere… Da ist nichts, überhaupt nichts mehr.”

Nanni Balestrini

Fangen wir damit an, was als einziges überhaupt noch Sinn macht, weil alles jenseits davon, all die verpufften Affekte, all die ohnmächtige Wut, Trauer, all die überbordende Angst sich wie in einer Versuchsanordnung in der völligen Agonie der Isolation und Vereinzelung auflösen, als hätte es sie nicht gegeben. Fangen wir also mit der Hoffnung an, von der es an anderer Stelle heißt, ein Mensch könne einen Monat ohne Essen, eine Woche ohne Trinken, aber keine vier Sekunden ohne sie überleben. Reden wir also von der Hoffnung.

Reden wir davon, wie sich die trostlosen Straßen Kreuzbergs wieder gefüllt haben, reden wir davon in all die Gesichter zu schauen, in die das Leben zurückgekehrt schien. Reden wir davon, wir wir unser Lächeln wiederfanden, wenn wir alten Genossinnen und Genossen wieder begegneten, reden wir von unserem Zögern, uns wirklich zu umarmen, reden wir von dem Schmerz, den wir verspürten, wenn wir unsere instinktiven Bewegungen aufeinander zu unter Kontrolle brachten und verlegen halbherzig, ja geradezu tollpatschig ungelenke Bewegungen vollzogen. Reden wir von unserer Scham, den Menschen, mit dem wir so viele Gefahren geteilt haben, der uns in vielen Momenten Bruder, Schwester geworden war, nicht von vollem Herzen zu umarmen.

Reden wir von den Bullen, die überall herumlungerten und uns beäugten und uns wie kleine Kinder ansprachen, um uns an Abstandsregelungen zu erinnern, die sie selber einen Scheissdreck interessierten. Reden wir von der Verachtung, die ihnen entgegen schlug. Reden wir also von diesem wunderschönen Abend Anfang Mai, dieser Stunde, wenn die Abendsonne die Oranienstraße in ein ganz eigenartiges Licht taucht. Reden wir von der Luft, die so herrlich frisch war, reden wir von all dem was für ein paar Momente möglich erschien.

Reden wir davon, dass wir unseren eigenen Worten lauschen konnten, weil nicht an jeder Ecke Bässe brummten, dumpfer Partymob sich die Birne zu ballerte, reden wir davon, dass so viele Transparente zu sehen waren wie schon seit vielen Jahren nicht mehr. Reden wir davon, dass wir in der Lage waren, ein Kräfteverhältnis herzustellen, in dem unser Gegner darauf verzichtete, uns auseinander zu jagen. Reden wir davon dass wir Tausende waren, reden wir davon, dass es das erste Mal war, seitdem man uns eingesperrt und unserer Rechte beraubt hatte. Reden wir davon, dass jedem Anfang ein Zauber inne wohnt.

Reden wir davon, dass wir weniger als unsere Gegner waren, aber wir trotzdem klüger und siegreicher sein können. Reden wir davon, dass uns dieser Tag wirklich etwa bedeutet, etwas das in all den letzten Jahren verloren schien, wo wir wie eine Schafherde selbsternannten Anführen und ihren Trucks hinterher getrottet waren. Reden wir davon, dass wir nicht mehr all den dummen Reden, den ewig gleichen Satzbausteinen lauschen mussten. Reden wir davon, das wir hätten Geschichte schreiben können. Reden wir davon, dass wir diese Gelegenheit verpasst haben. Reden wir darüber, warum dies passiert ist.

Bewege dich in schwierigem Gelände ständig weiter“

Die Kunst des Krieges – Sun Tzu

Kein Aufmarsch, keine feste Formation, keine Form die kontrolliert werden kann, keine Menge, die eingeschlossen werden kann. Keine Richtung, die vorgegeben ist, sich jederzeit wenden können, Überraschungsmomente schaffen. So haben wir angefangen, so hätte es weitergehen können. Man spürte die Unsicherheit der Bullen, ihre Schwierigkeiten im Anfangsstadium sich unserer Taktik anzupassen. Dann begann das Zögern, das Warten, wurden im Hintergrund Anweisungen gegeben, denen blind gefolgt wurde. Unser erster Fehler. Unser Gegner wusste nun, wo er uns zu erwarten, uns in Empfang nehmen konnte. Verlegte seine Truppen, blockierte Straßen, fing an uns zu zerstreuen und zu hetzen. Wir hätten nun unsererseits anfangen können, ihn zu blockieren, Baustellen hätte den Weg auf die Straße finden können, wir hätten uns in verschiedene Richtungen zerstreuen können, entgegengesetzten Bewegungen vollziehen können. Aber wir hetzen nur von dem einem vorgegebenen Punkt zum nächsten. Begnügten uns damit, überhaupt da zu sein, anstatt uns selbstbewusst Teile des Terrains anzueignen. Trotzdem war die Sache noch nicht verloren.

An der Kottbusser Brücke plötzliche Dynamik, die Bullen konnten nur noch hinterher hecheln. Am Wassertorplatz die Wanne der Einsatzleitung (die steht das jedes Jahr) ohne Schutz, ein, zwei Flaschen, dann konnten die Anführer unserer Gegner schon wieder durchatmen. Von nun an wurde es mit jeder Querstraße schwieriger für uns. Aus den Bereitstellungsräumen fluteten die Hundertschaften den Kiez, die Bullen von der PMS bekamen neuen Mut, zogen sich ihre Westen über und liefen einfach zu dritt am Rande mit. Ein weiterer Bullenwagen, nur mit einem Fahrer besetzt, stand quer, wurde umflossen, kein Kratzer war hinterher zu sehen. Jetzt wurde unserem Gegner klar, dass wir uns selbst beschränkten, dass wir nur gekommen waren, um überhaupt da zu sein. Der Rest ist schnell erzählt und allseits bekannt. Alles strömte zum schon abgeriegelten Mariannenplatz, dort dann wieder Statik, Ohnmacht, Prügel und Festnahmen. Ein paar Steine und Farbbeutel in der Manteuffel und dann hatten wir schon unseren anvertrauten Ersten Mai wieder. Jede weitere offensive Option war Geschichte.

Die größte Verwundbarkeit ist die Unwissenheit”

Die Kunst des Krieges – Sun Tzu

Wir leben ohne Zweifel in schwierigen Zeiten. Wir leben in Zeiten des erhöhten Risikos, aber auch der erhöhten Chancen. Alles ist brüchig und durchlässig, jede Erzählung kann morgen schon der Vergangenheit angehören. Wir werden eingesperrt und entrechtet, die Alten, die Behinderten, die psychisch Kranken, die Obdachlosen, die Flüchtlinge, die Frauen die Zuhause geschlagen werden, die Proleten Familie, die jetzt jeden Abend zu fünft in der zu kleinen Bude hockt, sind noch beschissener dran. Jenseits unserer Welt des Wohlstandes verlieren gerade Hunderte von Millionen Menschen ihre Lebensgrundlagen. Seit den ersten Tagen der weltweiten Ausgangssperren gibt es Widerstand, weil es für viele um Alles geht. In Afrika, in Südamerika plündern sie Supermärkte, an vielen Orten beleben sich trotz der realen Gesundheitsgefahren die Straßen und Plätze mit Menschen die bereit sind zu kämpfen, weil weiteres Abwarten unerträglich ist, wenn man nichts zu fressen hat und nur noch in den Abgrund der Armut schaut. Im Libanon brennen Tag für Tag die Banken und alle Welt schaut genau hin.

Ein Großteil der Linken hat sich der Erpressung der Eliten gebeugt, stellt das Narrativ der Alternativlosigkeit nicht in Frage. Als wenn wir jemanden bräuchten, der uns erzählt, was wir zu tun haben, um uns und unsere Nachbarn, Freunde, die Menschen um uns herum zu schützen. Wir handeln aus der Liebe zu den Menschen, das unterscheidet uns von unseren Todfeinden, die vorgeben sich auf einmal um die Alten und Schwachen zu kümmern, die sie sonst vor sich hin vegetieren und krepieren lassen. Wenn wir am Ersten Mai in Kreuzberg waren, “um demokratischen Protest auszuüben” (Stellungnahme 1.Mai Bündnis), dann waren wir umsonst da. Es geht nicht darum, zu protestieren, es geht auch nicht darum, “sich Gehör zu verschaffen in den kommenden Verteilungskämpfen” (Taz), in dieser Sackgasse hat sich ein Großteil der Linken schon vor langer Zeit verlaufen.

Sehr viele Menschen auf der Welt haben am Ersten Mai genau nach Kreuzberg geschaut. Das erste Mal seit vielen Jahren. Die Aktionen in SO 36 waren mit die ersten Massenaktionen in Europa seit der Verhängung des Ausnahmezustandes auf fast dem gesamten Kontinent. Für viele wäre ein Tag, der mit einem (temporären) Kontrollverlust des Empires zu Ende gegangen wäre, ein Zeichen der Ermutigung gewesen. Es gab in den letzten Wochen viele Aufrufe aus Italien, Spanien, Frankreich, sich aus der Schockstarre heraus zu kämpfen, sich vertraut zu machen mit dem neuen Terrain, auf dem wir uns jetzt zwangsweise bewegen müssen. Wir werden wieder grundsätzlich zu atmen, laufen, zu reden, uns zu lieben lernen müssen. Zu vieles ist in den letzten Wochen unter den Menschen kaputt gegangen. Wird in den nächsten Monaten kaputt gehen. Es steht zu befürchten, dass wir in den kommenden Wochen nicht wieder so zahlreich sein werden wie am Ersten Mai. Dass wir auf einen gut aufgestellten Gegner treffen werden.

Ich habe bereits versucht, die Form des Despotismus zu beschreiben, mit der wir rechnen müssen und vor der wir uns unermüdlich schützen müssen”

Giorgio Agamben

Wenn der Widerstand in Europa gegen das neue Regime, das dabei ist, sich zu entfalten, nicht auf die Revolten der abgehängten Jugendlichen in Frankreich, Belgien,… beschränkt bleiben soll, werden wir uns taktische Fehler wie am Ersten Mai nicht mehr leisten können, weil dies bereits jegliche Option zu einer strategischen Suchbewegung hierzulande unterbindet. Es gibt ein grundsätzliches Bedürfnis nach einer Welt jenseits der Angst und Reglementierung. Dies hat auch die rege Beteiligung an der antiautoritären Demonstration zum 1. Mai in Athen gezeigt, an der trotz einer bis zum 4. Mai geltenden Ausgangssperre um die 5.000 Menschen teilgenommen haben. Das Notstandsregime wähnt sich auf dem Höhepunkt seiner Macht, scheinbar so widerstandslos hat es sich durchsetzen können. Aber genau darin liegt auch seine Brüchigkeit, weil es nichts anderes anzubieten hat als eine langanhaltende Trostlosigkeit, die sich nur aus dem Versprechen von Fürsorge und Paternalismus nährt. Auf den Strassen schreiben wir Geschichte. Dystopie oder Freiheit.

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