Documentation, Necropolitics

Pandemie Kriegstagebücher – Tausend Tränen tief

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15 Apr , 2020  

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe

So müd geworden, dass er nichts mehr hält.

Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe

Und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,

Der sich im allerkleinsten Kreise dreht,

Ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,

In der betäubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille

Sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein,

Geht durch der Glieder angespannte Stille –

Und hört im Herzen auf zu sein.

Rainer Maria Rilke

Die Gefangenschaft, in der wir leben, ist noch (auf eine bestimmte Art und Weise) unerbitterlicher als jene der Gefangenschaft in den gewöhnlichen Knästen. In der eindeutigen Knastwelt gibt es eine verkündete Haftzeit und die Möglichkeit für die meisten Gefangenen (ausgenommen politische Gefangene und als schwer resozialisierbar Eingestufte) durch Wohlverhalten und Anpassung eine vorzeitige Haftentlassung zu erwirken. Das Regelwerk ist brutal, aber transparent (was nichts an seiner Verwerflichkeit ändert).

Wir aber im Pandemie Ausnahmezustand haben wochenlang abgenagte Knochen zugeworfen bekommen, nach denen alle geschnappt haben. Zuerst hieß es die Anzahl der Tage in der eine Verdoppelung der Fallzahlen erfolge (wobei die Anzahl der Tage, die verkündet wurden, im Laufe der Zeit immer weiter erhöht wurden) entscheide über eine Lockerung der Haftbedingungen, dann war auf einmal nicht mehr die Rede davon. Als die magische Zahl erreicht war, verschwand sie aus dem medialen Diskurs so plötzlich, wie sie gekommen war. Traten anstelle der Fallzahlen neue, nachvollziehbare Kriterien? Die einzige Studie, die nachweisbar (bei allen möglichen Abweichungen) etwas über die wirkliche Verbreitung des Virus in einer Kontrollgruppe und über die Mortalität aussagen konnte, relativierte alle bisherigen Schätzungen der Bundesregierung und des sie beratenen Robert Koch Instituts.

Inwieweit diese Zahlen Rückschlüsse auf den Verlauf der Pandemie in der BRD hätten geben können, wäre also die nächste spannende Frage gewesen, allein es brach sofort ein Glaubenskrieg aus, der wohl erst mit den Westfälischen Friedensvereinbarungen sein Ende finden wird.

Auch die immer wieder als Notwendigkeit für die Kontaktsperre angeführte drohende Überlastung des Gesundheitssystems, also der so wichtigen Intensivbetten und Beatmungsgeräte, steht im Moment nicht ansatzweise an. Ebenso stellt sich die Frage, auf welcher Grundlage das Strategiepapier “Wie wir COVID-19 unter Kontrolle bekommen” des Bundesinnenministeriums erstellt wurde. Im Papier benannten Worst Case wird von einer Mio Toten als Folge der Corona Pandemie ausgegangen, in der zweiten Fallannahme wird davon ausgegangen, “wenn es gelingt die Verdoppelungsrate bis Mitte April auf 9 Tage zu strecken (dieses Ziel ist schon lange übererfüllt) wird mit über 200.000 Toten infolge der Pandemie gerechnet”. In der günstigsten Berechung wird unter den Bedingungen umfangreicher Tests und Isolierung, sowie einer ziemlich umfassenden zweimonatigen Internierung der Bevölkerung mit etwas 12.000 Toten gerechnet. Wobei die Studie zu dem Schluss kommt, dass nach diesen 2 Monaten erst um die 1 Mio Menschen Träger des Virus sind, “volkswirtschaftlich” aber spätestens dann die Produktion und der Konsum wieder hochgefahren werden muss. Man also im Prinzip wieder vor dem gleichen Dilemma steht.

Nach der Krise ist vor der Krise.

Aber wir wollen nicht weiter abschweifen, die meisten Leser dieser Zeilen dürften schon gedanklich ausgestiegen sein, dem Rest sei die Lektüre des Strategiepapiers anheim gestellt.

Denn wir haben die Welt der Zahlen verlassen, die eh immer eine Welt der Magie und der billigen Zaubertricks war. Deshalb sind auch die “irren Schweden” weitgehend aus der Berichterstattung verschwunden, weil deren Fallzahlen und die Anzahl der Menschen, die an einer Covid 19 Infektion verstorben sind, nicht das von allen prognostizierte apokalyptische Ausmaß erreicht haben.

Heute verkündete nun die Bundesregierung die Verlängerung des Ausnahmezustandes, der in Deutschland Kontaktverbot heißt, eine historische Reminiszenz, bis in den Mai. Ganz ohne nachvollziehbare Begründungen oder Zahlen. Die Unterwerfung funktioniert ja bisher weitgehend ohne gesellschaftliche Widerstand. Als Schmankerl gibt es die Möglichkeit erweitert zu konsumieren und wahrscheinlich wird man das eine oder andere Fußballspiel veranstalten, um die Meute weiter zu sedieren.

Man könnte sich an dieser Stelle zurücklehnen, sich einen weiteren Prosecco im Home Office gönnen, sofern man nicht zu den armen Schweinen gehört, die weiter jeden Tag zur Arbeiten fahren müssen (Übrigens immer noch eine Mehrheit in diesem Lande), weil Kranke und Behinderte versorgt ẃerden müssen oder der Müll entsorgt werden muß, oder weil ganz einfach die Produktion von gesellschaftlich überflüssigen Scheiss einfach weiter läuft.

Und dann wäre da noch die Sache mit der Freiheit, die ja immer eine relative ist, mag sie noch so oft besungen sein. Wobei das augenscheinlichste dieser Tage ist, dass Großteilen der Linken der Blick durch die Gitterstäbe, das rastlose Hin-und Hergeschiebe in der Begrenzung des Käfigs mittlerweile so zur zweiten Natur geworden scheint, dass sie sich an den derzeitigen freiheitsberaubenden Maßnahmen nicht weiter zu stören scheint, ja sogar dieser Tage, da es eine Debatte über eine “Exit Strategie” gibt, am lautesten brüllt, dafür sei es noch viel zu früh, man fühle sich in der Sicherheit des Käfigs geborgen. Haben wir es hier mit einem neurotischen Problem zu tun, einer sozialen Agoraphobie oder tritt hier nur die Bequemlichkeit einer Generation von Mittelstandskinder, ihre Anspruchshaltung auf allumfassende Fürsorge, ihre zutiefst regressive Haltung zu Tage. Geschenkt. Die Geschichte, die wahre Geschichte, verläuft schon seit langer Zeit weit jenseits ihrer Diskurse und appellativen Veranstaltungen.

Der kommende Aufstand ist der Aufstand der Eingesperrten. Die Avantgarde des Aufstandes sind Jene, deren Gefangenschaft die Unmittelbarste ist

Von Anbeginn an des Pandemie Ausnahmezustandes brachen in den Knästen der Welt Revolten aus, in einem Umfang, den wir so vielleicht noch nie, auf jeden Fall seit Jahrzehnten nicht erlebt haben. Etlichen Gefangenen gelang die Flucht, etliche verloren bei den Aufständen ihr Leben. Oft wurden die Aufstände unter Einsatz von Militär und scharfen Waffen unterworfen.

Und doch markieren diese Revolten erst den Beginn dessen, was noch infolge der sozialen Verwerfungen infolge der Reaktionen der Staaten und des Kapitals geschehen wird. Als in Süditalien die ersten Menschen “proletarische Einkäufe” tätigten, weil sie kein Geld mehr hatten, um das Essen für ihre Familien zu bezahlen, schickte der Staat nicht nur Bullenwagen vor die Supermärkte, sondern Conte schüttelte mal eben etliche Milliarden aus, die über die Gemeinden an die prekär Beschäftigten ausgezahlt werden sollen. Hintergrund dürften auch Einschätzungen der Geheimdienste sein, dass es im Süden Italiens zu sozialen Unruhen kommen könnte. In Frankreich kursieren derzeit Medienberichte, dass es unmittelbar nach der Beendigung des ’Lock Down’ zu einem spontanen Bündnis von Gilets Jaunes, Antagonisten und den Beschäftigten des Gesundheitswesens kommen könnte (die hatte ja schon vor Corana monatelang gegen die maroden Zustände demonstriert und hatten regelmäßig dafür von den Bullen aufs Maul bekommen), das laut Einschätzung des Inlandsgeheimdienstes zu “schweren Unruhen” führen könnte.

Wird es in den Kernländern des Empires noch möglich sein, mit umfangreichen Finanzhilfen zumindestens Teile des sozialen Explosionsstoffs zu entschärfen, sieht es in dem Teil der Welt, auf den die Linke zu großen Teilen schon lange nicht mehr schaut noch einmal ganz anders aus. Dort sind schon innerhalb der ersten zwei Wochen Ausnahmezustand die wirtschaftlichen Grundlagen für Millionen von Menschen komplett weggebrochen. Mio von Wanderarbeitern versuchen in Indien derzeit in ihre Heimatorte zu gelangen, weil sie kein Einkommen mehr haben. An den checkpoints, die eingerichtet wurden, um diese Wanderungsbewegungen zu unterbinden, kommt es zu Auseinandersetzungen, aufgebrachte Arbeiter liefern sich Straßenkämpfe mit den Bullen, weil sie trotz Ausgangssperre auf der Straße sind, um ausstehende Löhne einzufordern. In Afrika kommt es täglich, völlig unter dem Radar der hiesigen Medien, zu Revolten und Aufstände, alleine heute gab es in mindestens sechs Vororten in Südafrika Riots, Supermärkte wurden geplündert. Das gleiche Bild in Lateinamerika: In mehreren Staaten Riots und Plünderungen, die Leute sagen” Wir sterben nicht am Virus, sondern an Hunger”.

So oder so, es wird das Ende der Welt sein, wie wir sie kennen. Inwieweit es gelingen wird, die soziale Situation in des reichen Ländern des Nordens halbwegs stabil zu halten, mag derzeit niemand zu sagen. Die Unruhen auf niedrigem Niveau in den letzten Wochen in den französischen Vororten, die jüngsten Ausschreitungen in Belgien nach dem Tod eines jungen Mannes, der von Bullen umgefahren wurde, zeigen die Fragilität der derzeitigen Situation auf. Für wahr. Es wird Geschichte geschrieben dieser Tage. So oder so. Mit oder ohne uns. Dies gilt es ganz ohne Pathos festzuhalten. Es bleibt nur die Frage, ob wir eine kleine Randnotiz sein wollen oder in Angst und Ohnmacht geworfen die Hände in den Schoss legen. Eine weitere Übersetzung aus Frankreich von dem von mir sehr geschätzten Serge Quadruppani, möge er mir die Rohheit der Transkription nachsehen.

EIN ENDE DER WELT IN DEN FARBEN DES FRÜHLINGS

Die symbolische Aussage ist beeindruckend.

Die Geschichte wird sich daran erinnern, dass eine der ersten Demonstrationen kollektiven Ungehorsams in den Straßen des Westens am 11. April in Rom anlässlich der Beerdigung eines alten Kämpfers stattfand, der nacheinander gewerkschaftlicher Eisenbahner, Kämpfer für die Autonomie der Arbeiter und Mitglied der Roten Brigaden gewesen war.

In der letztgenannten Eigenschaft war Salvatore Ricciardi 1980 verhaftet worden und hatte im selben Jahr an der Revolte im Gefängnis von Trani teilgenommen. Er hatte erst vor wenigen Jahren seine völlige Freiheit wiedererlangt, um dann im Alter von 80 Jahren in diesem Italien der Gefangenschaft zu sterben, wo die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung plötzlich einen Einblick in die Lebensbedingungen erhielt, die dreißig Jahre lang die seinen gewesen waren. Er war zum Moderator des historischen Radiosenders Onda Rossa und zum Verteidiger der Rechte der Gefangenen auf seinem Blog geworden. Er blieb für viele ein Orientierungspunkt, und zwar so sehr, dass etwa fünfzig Menschen der “Gesundheits-Belagerung” trotzten, um auf die Straße zu gehen und mit erhobenen Fäusten zu singen. Diese Demonstration löste einen unglaublichen Einsatz von Polizeikräften aus, wobei alle Anwesenden verhaftet wurden. Zugleich warnte die Regierung vor “extremistischen Demonstrationen”. Aber man kann sagen, dass trotz der Repression der Übergang zwischen einem der letzten schönen Momente einer Arbeiterbewegung, die zwei Jahrhunderte lang Trägerin der Hoffnung auf Emanzipation war, und dem Ungehorsam, der überall in einer Gesellschaft präsent ist, bezeugt wurde. Und die Kernfusion der Krisen wird nicht verhindern, dass neue emanzipatorische Bewegungen entstehen. Lassen Sie uns sehen, unter welchen Bedingungen diese geboren werden.

Am 11. Februar, als die Epidemie noch auf China beschränkt zu sein schien, als die ganze Welt die totalitäre Verwaltung durch das chinesische Systems beobachtete und die Leichtigkeit, mit der die Verfügungen des Systems angewandt und manchmal von den Bürgern selbst verschärft wurden, schrieben wir: “Es wäre absolut illusorisch zu glauben, dass diese Fähigkeit zur massiven Unterwerfung, diese Bereitschaft, den Anweisungen des Systems vorzugreifen, einem Volk vorbehalten bleibt. Es ist nicht ausgeschlossen, dass wir mit dieser Epidemie, die offenbar weder schlimmer noch ein bisschen weniger schlimm ist als andere zuvor, Zeuge einer Generalprobe eines neuen globalen Systems der Politik der Angst sind. Ein Mechanismus, neben dem der Kampf gegen den Terrorismus als eine grobe Kontrolltechnik erscheinen wird.”

Im nächsten Absatz wurde hinzugefügt: “Glücklicherweise hat uns die Geschichte der letzten Jahre gezeigt, dass die Bereitschaft zum Ungehorsam unter den Völkern mindestens ebenso präsent ist wie die Tendenz, sich ihr zu unterwerfen. »

Niemand, und schon gar nicht der Autor dieser Zeilen, konnte sich vorstellen, in welchem Maße sich der erste Teil dessen, was jetzt wie eine Vorhersage erscheint, erfüllen würde: Man ist beeindruckt von der Leichtigkeit, mit der sich drei Milliarden Erdlinge in etwas weniger als einem Monat eingesperrt fanden. Wäre diese in der Weltgeschichte beispiellose Operation zwanzig Jahre früher möglich gewesen? Sicherlich nicht mit solcher Geschwindigkeit. Was sich geändert hat, was diese ziemlich verwirrende Übung der Selbstdomestizierung eines guten Teils der Menschheit ermöglicht hat, das wissen wir, das spüren wir, in dem Moment, in dem wir darüber nachdenken. Denn am Ursprung dieses Kunststücks stehen genau die Instrumente, ohne die es heute immer schwieriger wird, zu denken: die digitalen Netze und ihre Bildschirme. Ohne den Virus der Angst, der durch die Bildschirme strömt, hätte der Coronavirus nicht die Hälfte der Menschheit so schnell ins Haus befördert. Dass Verhaltensweisen angenommen werden sollten, um die Ausbreitung des Virus zu verhindern, steht nicht zur Debatte, aber dass diese Verhaltensweisen die Form, das Tempo und die Normen annehmen sollten, die die verschiedenen Regierungen ihren Territorien auferlegten, war diskussionswürdig, da es so sichtbar war, dass Form, Tempo und Normen von Interessen abhingen, die nicht die des Volkes waren.

Zwanzig Jahre früher hätte eine solche Diskussion vielleicht noch Zeit gehabt, dort Substanz zu gewinnen, wo die Statthalter noch nicht alles beherrschten, denn dort gibt es Realitäten, die wahrscheinlich nie ganz beherrscht werden: die Körperschaft. Wenn Maßnahmen der Regierung in Versammlungen hätten diskutiert werden können, seien sie nun institutionell oder selbst einberufen, wenn sie auf der Straße und an echten öffentlichen Orten, in Anwesenheit von Menschen diskutiert worden wären, wo sie ihre Emotionen und Ideen anders als per SMS oder ähnlichem austauschen können, ist nicht sicher, dass die besagten Maßnahmen so einfach hätten durchgesetzt werden können. Wenn wir die Zeit gehabt hätten… aber die digitale Geschwindigkeit hat uns die Zeit geraubt.

Wir kennen das Ergebnis. In Frankreich haben wir die ewige Wiederkehr des verklemmten Anhängers Pétain mit der explosionsartigen Zunahme der Denunziation und diesem Schwarm kleinlicher Korporale erlebt, Figuren, die untrennbar mit allen autoritären Regimes verbunden sind und die immer zu ihrer Erbärmlichkeit beitragen – wie zum Beispiel der Präfekt der Haute-Marne, der offiziell zur Denunziation von “Straftätern im Hausarrest” mobilisiert. Polizeiliche Verfolgungen aus den absurdesten Gründen haben sich um den schlechten Witz der abwertenden Freizügigkeitsbescheinigung herum ausgebreitet: In Italien wird bürokratischer Blödsinn leiser, aber weniger prätentiös zur Schau gestellt, indem man es einfach “Selbstzertifizierung” nennt.

Die polizeiliche Willkür, die so viele Gelegenheiten gefunden hatte, ihren Reichtum und Erfindungsreichtum bei der Bewältigung sozialer Krisen unter Beweis zu stellen, wurde plötzlich für ungeheure neue Horizonte geöffnet. Wie mir ein römischer Freund sagte: “Die Polizisten sind nicht mehr glücklich, wenn sie sehen, dass die ganze Stadt ihnen gehört”. Wir wissen, dass die Bullen in vielen Ländern, in Indien, auf den Philippinen, in Ecuador und in den Vereinigten Staaten, bereits gezeigt haben, welchen Grad an Gräueltaten sie ungestraft auf Kosten der schwächsten Bevölkerungsgruppen begehen können. Denn, wie die unterschiedliche Behandlung des Spaziergängers je nachdem, ob er in Seine Saint Denis oder im Westen von Paris unterwegs ist, zeigt, führt jede soziale Krise zur brutalen Bekräftigung einer Klassenspaltung, die nie aufhört, die Lächerlichkeit des Diskurses der nationalen Einheit zu zeigen.

Und wir werden bald eine allgemeine Nachverfolgung der Bevölkerung im Namen des “chinesischen Modells” des Gesundheitsrisikomanagements haben: in Wirklichkeit ist es ein reines Produkt Chinamerikas. Denn die exponentielle Verbreitung amerikanischer planetarer Überwachungssysteme unter dem Banner der Terrorismusbekämpfung ließ die Entwicklung von Anwendungen, die bald benötigt werden, um aus dem Haus zu heraus zu dürfen, weitgehend erahnen. Der einzige Unterschied wird darin bestehen, dass die Überwachung bei der Terrorismusbekämpfung ohne das Wissen von irgendjemandem erfolgte, während der Krieg gegen Viren die bewusste Beteiligung aller an der eigenen Polizeiarbeit erfordert. Beim Übergang von der Sicherheit zur Gesundheit werden wir Fortschritte bei der Ausweitung des Anwendungsbereichs der freiwilligen Leibeigenschaft machen.

Doch nicht nur die “Unterwerfungstendenz” setzt sich heute durch. In der immensen Geschwätzigkeitswolke, die jetzt aus den Netzwerken aufsteigt (und zu der dieser Text mit so vielen anderen beiträgt), sind wir den Bemerkungen nicht entgangen, dass die Krise eine “Neuorientierung auf das Wesentliche” erzwingen würde. Auch wenn diese Art von Kommentaren, die oft von angenehmen, von Bäumen gesäumten Behausungen aus gemacht werden, schwer zu ertragen sein können, wenn man nur eine beengte Behausung mit Topfpflanzen für die einzigartige Natur hat, so enthalten sie doch die für jeden wahrnehmbare Wahrheit, dass es viele Dinge gibt, auf die man verzichten kann. Selbst diejenigen, die mit materieller und finanzieller Not oder Krankheit oder beidem zu kämpfen haben, können feststellen, dass ihr Leben sehr überladen war: dass dieses Durcheinander eher wie der Kopf eines Vorarbeiters aussah, der bei der Ausführung von Aufgaben völlig nutzlos war, dass der Anschein einer kostspieligen Sinnlosigkeit, die sie sich nie leisten konnten, nicht von der offensichtlichen Dringlichkeit ablenkt, es loszuwerden. Diese weltweite Distanzierung von einer Lebensweise wird nicht ohne Folgen bleiben. Eine der ersten ist die endgültige Diskreditierung des Management-Diskurses, von dem die Führungspersönlichkeiten nach wie vor schwärmen. Wenn man hört, wie das Ministerium oder ein Abgeordneter erklärt, dass nach der Krise “der Werbesektor Unterstützung braucht”, stellt man fest, dass diese Leute trotz all ihrer Proklamationen definitiv unverbesserlich und unerbittlich programmiert sind, da sie eine Welt verwalten sollen, die es bereits nicht mehr gibt.

Ein weiterer offensichtlich positiver Trend des Augenblicks, den wir erleben, ist die Entwicklung der Solidarität – insbesondere der lokalen Solidarität – und ganz allgemein die Bekräftigung der Bedeutung der lokalen Ebene. Von der Organisation der Verteilung von Nahrungsmitteln durch lokale Produzenten bis hin zur Hilfe für gefährdete Personen (Migranten, Obdachlose, Prostituierte…), von Selbsthilfe- und gegenseitigen Hilfsnetzwerken von “Covids” bis hin zu “Schaufensterdemonstrationen” und Masken-Werkstätten sind Tausende von Experimenten im ganzen Gebiet im Gange, und sie werden umso mehr Spuren hinterlassen, als sie in der Kontinuität jahrelanger Agitation und der Erfindung neuer Aktionsformen von der ZAD bis zu den gelben Westen liegen. All dies geht einher mit Überlegungen über das, was mit uns geschieht, und über die Zeit nach der Gefangenschaft. Was tun mit der angestauten Wut? Welche andere Lebensform werden wir gegenüber Managern durchsetzen müssen, die bereits davon träumen, die Krise ihrer Wirtschaft zu nutzen, um neue Rückschritte im Arbeitsrecht durchzusetzen und die Telearbeit, d.h. die Kolonisierung der gesamten menschlichen Zeit durch die Arbeit, zu verallgemeinern? Diese Diskussionen werden um so wichtiger sein, als sie auf den bereits gemachten Erfahrungen basieren werden. Und zwar insbesondere in dem Sektor, der im Zentrum der Krise steht, dem des Krankenhauses. Dort wird nun durch Treffen des Pflegepersonals das Verwaltungspersonal und seine unwiederbringliche Verwaltungssoftware sorgfältig aus dem Weg geräumt. Wir können uns sehr gut ohne sie organisieren: Diese Beobachtung sollte nicht ohne Folgen bleiben, und noch weniger sollte sie sich auf das Krankenhaus beschränken.

Alle Demonstrationen des Dissens, die wir durchführen können, werden den Moment vorbereiten, in dem die Leiber wieder Raum einnehmen werden – auch wenn sie noch immer maskierte Körper sein werden, die in einem Abstand zueinander stehen. Die Absetzung der Manager wird ein unverzichtbarer erster Schritt sein, und es wird nur von diesen Personen abhängen, ob ihre Absetzung schmerzlos sein wird. Dann wird die Zeit kommen, eine andere Beziehung zu den Lebewesen aufzubauen, eine Welt, in der Tiere nicht auf den Zustand von Fleisch-Erz, Teddybären oder pestbringenden Kanalratten reduziert werden.

P.S.: Scoop: Die Chancen stehen gut, dass die Aufhebung der Abriegelung noch in weiter Ferne liegt und dass sie so organisiert wird, dass sie einen Ausbruch von Unzufriedenheit verhindern soll, insbesondere mit der Begründung, dass die Wirtschaft gerettet werden soll. Dies wird Macron am Montag, dem 13. April, um 20.00 Uhr bekannt geben. Aus seinem Fenster hat “eine gelbe Weste” aus Nantes, die mit einem Lautsprecher ausgestattet ist, vorgeschlagen, diese Ankündigung etwas zu stören. Das ist eine sehr gute Idee. Wenn das Ritual der präsidialen Rezepte, um das sich die ganze Nation vor ihren Bildschirmen versammeln soll, Sie genauso wütend macht wie uns, dann gehen Sie an diesem Montag um 20.00 Uhr auf Ihre Balkone, zu Ihren Fenstern oder in Ihren Garten, um an Töpfe zu klopfen, Musik zu machen (wir unsererseits werden das Goldene Zeitalter, gesungen von Léo Ferré, aufführen) oder auf irgendeine andere laute Art und Weise zu zeigen, dass wir nicht auf Befehl handeln. In jedem Fall werden die Ankündigungen des Präsidenten früh genug bekannt sein, von den Medien und Netzwerken kommentiert und ad infinitum weitergegeben werden. Ein erster Versuch, sich der gegenwärtigen Diktatur zu entledigen, wird nicht zu viel erwartet sein.

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