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Pandemie Kriegstagebücher – Themroc (2)

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5 Jun , 2020  

Heute bin ich das erste Mal seit langer Zeit quer durch die Stadt mit den öffentlichen Verkehrsmitteln gefahren. Ich musste zu einem meiner Patienten in den armen Außenbezirken, da wo das Leben noch grauer ist als im Rest dieser Stadt, deren Seele man vor Jahren an den Meistbietenden versteigert hat. Gewöhnlicherweise absolviere ich alle meine Hausbesuche mit dem Fahrrad, aber es gab eine Unwetterwarnung (letztendlich hat es dann nur ein bisschen genieselt, die Meteorologen scheinen mit den Virologen in einen geheimen Wettstreit über völlig unzutreffende Prognosen getreten zu sein).

Je weiter ich die Innenstadt hinter mir ließ und je länger dieses weiße Lätzchen, dass wir gezwungen werden zu tragen, wenn wir uns dem Massenverschub der öffentlichen Verkehrsmittel anzuvertrauen gezwungen sind, vor meinem Gesicht herum lungerte, umso wütender wurde ich. Ich begann mich umzuschauen und meine Mitfahrer näher zu betrachten, um zu erkunden wie es ihnen denn ginge, die wahrscheinlich jeden Tag diese schreckliche Prozedur absolvieren müssen (und ich verabscheue die Benutzung des ÖPNV, wie das Ding ja seit gewisser Zeit heisst, zur Rush Hour schon unter ganz anderen Umständen). Ich suchte also in den Gesichtern, besser den Augen, denn die Gesichter waren ja alle bedeckt, nach Wut, nach unterdrückter Rebellion, ja vielleicht auch nach Traurigkeit oder sogar einer einsamen, ohnmächtigen Träne.

Aber ich fand nur Ausdruckslosigkeit und Leere, mir erinnerte Rilkes Panther: “Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe so müd geworden, dass er nichts mehr hält. Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe und hinter tausend Stäben keine Welt.” So war ich dann nur heilfroh, als ich diese Quälerei hinter mich gebracht hatte und dem Bus entsteigen, den sinnlosen, durchfeuchteten Fetzen vom Gesicht reißen, tief frische Luft einatmen durfte.

Teil zwei der ganzen Angelegenheit, also die Rückfahrt, ging ich dann etwas entspannter an, ich wußte ja schon, was mich erwartete und war gewappnet, weitere Beobachtungen anzustellen. Zuallererst wurde mir bewusst, wie unglaublich leer sowohl die Busse als auch die Züge waren. Ich hatte dies schon in den letzten Wochen als sozusagen Außenstehender beobachtet und da ich nicht davon ausgehe, dass in dieser Stadt Zwei Drittel der Bevölkerung urplötzlich verschwunden sind, nehme ich stark an, dass all diese eigentlich überflüssigen Fahrten, die die Straßen verstopfen und die nur dazu dienen, zu 90% überflüssigen Krimskrams anzuschaffen, derzeit einfach ausbleiben. Und ich glaube, daran wird auch kein Konjunkturprogramm etwas ändern, wer will denn schon stundenlang mit so einem Teil vor dem Mund bummeln und shoppen gehen… Aber kommen wir zurück zu unseren öffentlichen Verkehrsmitteln, die ja auch einen öffentlichen Raum darstellen, einen Raum, in dem man sich zwangsweise begegnet.

Ich glaube, um die Verwerfungen in den Beziehungen zwischen den Menschen, den dieser Pandemie Ausnahmezustand ausgelöst hat, bemessen zu können, muss man nur eine Weile mit Bus und Bahn durch die Stadt streifen. Wie jeder, der ein Abteil betritt, sofort von allen Anwesenden genau ins Visier genommen wird. Hält er sich an die Vorschriften und wo will er sich platzieren, oh nein bitte nicht bei mir, da hinten in der Ecke ist doch noch Platz. Man sieht es förmlich in all den Köpfen rattern und am liebsten möchte man all die verängstigten Menschen in den Arm nehmen und trösten: Dass wir doch alle sterben werden und das es doch vor allem darauf ankomme, vorher gelebt zu haben. Aber ich befürchte, Trost, der Nähe bedeutet, steht heutzutage nicht hoch im Kurs, und vielleicht wird eine ganze Generation aufwachsen mit dem völligen Verlust der Fähigkeit dem anderen Schwester oder Bruder zu sein. Und ich muss an Giorgio Agambens wütende Traurigkeit denken, mit der uns an seinen Überlegungen zu den derzeitigen Veränderungen teilhaben lässt.

Doch wenn die Not des Menschen groß ist, steht auch die Hoffnung auf, denn das Herz will hoffen, denn es kennt nur zwei Sprachen, die der Hoffnung und die der Trauer. Wobei die Trauer eigentlich auch nur enttäuschte Hoffnung ist, aber das würde an dieser Stelle zu weit führen. Und auf der anderen Seite des großen Teichs haben ein paar Leute, naja eigentlich waren es wesentlich mehr als nur ein paar Leute, ein ziemlich großes Bullenrevier unter ihre Kontrolle gebracht, und dies ist historisch gesehen eine ziemlich einmalige Geschichte. Und davon handelt der folgende Text, der mich sofort an den 1. Mai 1987 in Westberlin denken lässt, so ähnlich sind sich die Beschreibungen (oder in meinem Fall auch Erinnerungen) der entfesselten Leidenschaften. Der Text erschien am 2. Juni 2020 auf Lundi Matin, hier meine (sinngemäße) Übersetzung:

MINNEAPOLIS: BERICHT ÜBER DIE EINNAHME DER POLIZEISTATION

“Wir sind gekommen, um uns zu rächen, und es bleibt noch viel zu tun.”

Am Nachmittag, als ich in der Nähe der Polizeidienststelle des 3. Bezirks ankomme, ist die Stimmung fröhlich. Tausende von Menschen sind vor dem vollständig mit Tags versehenen Mini-Einkaufszentrum Target um ein brennendes Auto herum versammelt.

Eingebettet in das verkohlte Skelett eines riesigen ausgebrannten Wohnhauses sprudelt ein Springbrunnen vor sich hin. Direkt daneben feiern die Menschen diesen Sieg und seine surrealistische Seite. Autos schieben sich mit Lil Boosies “Fuck the police” mit Vollgas auf den Parkplatz von Target, dem neuen Grundnahrungsmittel der Aufstandskultur des mittleren Westen. Menschen, die an den Fenstern hängen, schreien “Fuck 12”, ein Slogan, der sich auf das Drogendezernat der Bullen bezieht.

Als die Sonne untergeht, ändert sich die Stimmung und die Wut steigt, der Kampf um das Hauptquartier der Polizei des 3. Bezirks von Minneapolis beginnt. Die Menschen sind in der Lage, die Türen aufzubrechen und in das Gebäude einzudringen. In einem letzten Versuch, ihr Territorium zu verteidigen, verschanzen sich die Schweine an der Rückseite ihres Gebäudes und werfen Tränengas in die wütende Menge. Müde, aber entschlossen bombardierten die “freien Menschen des Nordens” unter dem Schutz von behelfsmäßigen Schilden aus Sperrholz den schlecht ausgerüsteten Feind mit Geschossen. Die Polizisten sind überwältigt. Da der Polizei wahrscheinlich die Munition knapp wurde, blieb ihr keine andere Wahl, als einen erbärmlichen, aber strategischen Rückzug anzutreten, da es nicht mehr möglich war, die Einnahme des Gebäudes zu verhindern. Und so wurde die Polizeiwache besetzt.

Während einen Block entfernt die Flammen eines zweistöckigen Gebäudes den Himmel erhellten, verwandelte sich die Polizeistation des dritten Bezirks von Minneapolis in eine Pinata. Die Zäune werden niedergerissen, die Eingänge aufgebrochen, die Fassade des Gebäudes steht in gerät in Brand. Die sechs Meter hohen Flammen signalisieren einen unaufhaltsamen Sieg. Genau in diesem Moment geraten die Randalierer angesichts der vollständigen Vernichtung dieser jahrzehntealten Geißel und der damit verbundenen Erleichterung in eine Art Ekstase. Während Tausende von Menschen zusehen, wie dieser Dreck verbrennt, kann ich nicht umhin, an all die Generationen zu denken, die von denjenigen gemartert, gefoltert und sogar ermordet wurden, die noch vor nicht allzu langer Zeit durch die Hallen dieser Polizeistation gingen. Die Präzision dieser Geste der Vendetta Gerechtigkeit fasst die Wut und den Wunsch nach Rache der Vorfahren zusammen.

In diesem Moment öffneten die Unruhestifter die Hintertüren der Polizeiwache, jenem Teil des Gebäudes, das noch nicht in Brand gesteckt worden war – es handelt sich um ein sehr langgestrecktes Gebäude – und plünderten Waffen, kugelsichere Westen, Munition und alles andere, was ihnen nützlich erschien. Es gibt Gerüchte, dass Demonstranten versuchten, die Rückseite des Gebäudes in Brand zu stecken, aber ich denke, der Grund dafür, dass sie dies nicht getan haben, ist, dass sie zu sehr damit beschäftigt waren, sich alles zu schnappen, was sie konnten. Auf dem Parkplatz zündet eine kleine Gruppe von Menschen unter den faszinierten Blicken der Anwesenden ein schönes Feuer aus Müll an. Zur gleichen Zeit brennt weiter unten in der Straße ein weiteres Gebäude ab. Von meinem Standort aus kann ich es nicht genau lokalisieren, aber ich kann die Flammen in der Ferne sehen.

Die ersten Schüsse des Abends erklingen, als ein Patriot beschließt, mit seiner halbautomatischen Waffe in die Luft zu schießen, während er Mist über 1776, den Ungehorsam gegenüber der Neuen Weltordnung usw. erzählt. Zuerst überraschen die Schüsse alle, aber sehr schnell kommen alle wieder auf die Beine, denn wir verstehen, dass diese Schwachköpfe nur ein paar schockierende Bilder des Sieges in ihren sozialen Netzwerken posten wollten. Sie verlassen den Ort nach einigen Minuten Fahrt im Kreis.

Ein Gerücht geht um: Die Nationalgarde könnte zur Unterstützung der Polizeiwache eingesetzt werden. Die Ankündigung wirkte sich auf vielleicht 10% der Anwesenden aus (vor allem bei den Schüssen, die in der Nachbarschaft zu hören waren), aber die meisten von ihnen blieben unerschütterlich. Einige setzen weiterhin Barrikaden in Brand, andere plündern einen Arby’s (und setzen ihn schließlich in Brand), während wieder andere weiter tanzen, auf Autos thronend zum Klang von Meek Mill, umgeben von Motorradfahrern, die auf Redbull reiten und in jeder Ecke Burns und Tricks vorführen. Wenn ich die Atmosphäre beschreiben müsste, würde ich sagen, wir befanden uns am Scheideweg zwischen Fast & Furious (abgesehen von diesem Tokio-Driftmist) und dem Geist von Ferguson.

Ich kann Ihnen nur genau sagen, was im dritten Distrikt passiert ist, aber überall in den Zwillingsstädten wurde geplündert. Es gab Gerüchte, dass ein H&M geplündert wurde, dass Menschen in der Innenstadt von Minneapolis und an vielen anderen Orte in Saint Paul plünderten. Wenn die Polizei nicht in der Lage gewesen war, ihr verrottetes altes Polizeirevier zu verteidigen, ohne die Nationalgarde hinzuzuziehen, so war sie auch insgesamt eindeutig überfordert gewesen und hatte nicht überall sein können.

Als ich nach Hause kam, ging die Zerstörung weiter und breitete sich mit voller Geschwindigkeit aus. Es gab Berichte über Brände in der ganzen Stadt, und einige Leute sprachen davon, die Polizeistationen des 1. und 4. Bezirks aufzusuchen, Gerüchten zufolge auch die Polizeistation des 5. Es ist schwierig, die Intensität des Kampfes im dritten Distrikt mit denen im 1. und 4. zu vergleichen. Ich nehme an, Sie mussten dabei gewesen sein. Die Landschaft von Lake Street erinnerte an den postapokalyptischen Film “Los Angeles 2013”. Fünf bis zehn Blöcke brennender und geplünderter Häuser… Keine Polizisten in Sicht und nicht mehr als eine Pause von dem unersättlichen Kriegstanz.

Wenn wir an dem Geist festhalten, der in jener Nacht durch die Stadt strömte, um uns die kommenden Tage vorzustellen, dann ist es wahrscheinlich, dass die Verhaftung der Mörder von George Floyd den Zorn der Menschen ebenso wenig besänftigen kann wie eine Intervention der Nationalgarde. Wir sind gekommen, um uns zu rächen, und es bleibt noch viel zu tun.

Die Eroberung und Plünderung der Polizeistation des 3. Distrikts stellt einen großen strategischen und moralischen Sieg dar. Die symbolische Kraft, die in dieser Nacht entfesselt wurde, beleuchtet die unermesslichen Möglichkeiten, die den kommenden Aufständen offen stehen.

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