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Philosophische Onto-Techno-Logie am Beispiel des Akzelerationismus (1)

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15 Apr , 2015  

1) Einleitung

Wir behandeln hier die in letzter Zeit in gewissen akademischen Zirkeln ins Gespräch gekommene Theorie des Akzelerationismus unter den Gesichtspunkten der Technik- und Zeitkritik. Diese neohumanistische und neorationalistische Theorie geht zunächst davon aus, dass soziale Normen und Relationen durch einen neuen pragmatischen Universalismus ohne weiteres verändert werden könnten, wobei diese Art der Revision die Festigung der Vormachtstellung des Verstandes über sämtliche Wissenskonzepte und sozio-ökonomische Normen benötigt.

Es fällt auf, dass die zeitgenössische kritisch-philosophische Theorie (Badiou, Negri, Butler, Žižek, Rancière, Akzelerationisten etc.) im Zuge ihres Verhaftetseins im hegemonialen linguistischen Diskurs Sachverhalte wie die spezifisch sozio-ökonomischen Operationen der Maschinen, maschinische Indienstnahme und asignifikante Semiotiken in nuce ignoriert hat und weiterhin ignoriert. Die große Spannbreite linker Autoren legt den Schwerpunkt, was Fragen der finanziellen Funktionsweisen des Kapitals, der Technologie und der Subjektivierung betrifft, weiterhin eindeutig auf die Analyse der Semiologien der Signifikation. Und das ist umso erstaunlicher, als heute eine Unzahl von Maschinen, die man durchaus als das konstante soziale Kapital bezeichnen könnte, längst unser alltägliches Leben okkupiert haben, indem sie unseren Perzeptionsweisen und Affekten, unserer Kognition mehr als nur assistieren, ja sie immer stärker auch ansteuern und regulieren. Die oben genannten Autoren ignorieren also hartnäckig die Bedeutung der asignifikanten Semiotiken, obgleich es doch gerade diese im Kontext einer maschinischen Indienstnahme sind, die noch durch die Diskurse, Habiti, Funktionen und Signifikationen, in und mit denen die Individuen sich erkennen und ihre eigene Realität gestalten, hindurch wirken, indem sie ihnen eine Gestalt geben.

Die Praktiken der Kapitalisierung und ihrer Risikoproduktion entfalten heute neue Machttechnologien, die permanent soziale Normen durch Praktiken der statistischen Normalisierung ersetzen, womit jede Organisation einer (uiversalistischen) Determination untergraben wird, außer derjenigen, die das Kapital selbst setzt. Diesem Sachverhalt steht der Akzelerationismus hilflos gegenüber.

Oft genug hört man hier unter Bezugnahme auf Deleuze/Guattari das Argument, dass der Neoliberalismus den technologischen Fortschritt gefesselt oder reterritorialisiert hätte. Zu solcherlei Erwägungen hat Hans-Dieter Bahr schon früh vermerkt:

“Die These von der notwendigen Fesselung von Produktivkräften im Kapitalismus rechtfertigt diesen immerhin bereits darin, dass in ihr eine planende und nicht mehr anarchisch konkurrierende Tätigkeit gedacht wird.” (Bahr; Kritik der politischen “Technologie”: 88)

So intendiert die Verwendung des Begriffs „systemsprengende Produktivkräfte“ stets ein Kapital, das sich in einer Art Selbstverschwörung fesseln muss. Zudem muss dann die zwingende Notwendigkeit des technischen Fortschritts (die sich über den Modus der relativen Mehrwertproduktion vollzieht) im Rahmen der kapitalistischen Produktionsweise in Frage gestellt werden. In diesem Kontext tummeln sich heute eben auch Theorien, die sich Akzelerationismus nennen. Gegen solche Tendenzen esümiert Bahr in seiner frühen Streitschrift zu Marcuse/Habermas:

“Die Ideologie vom technischen Fortschritt ist keine herrschende Erfindung, durch die verschleiert werden soll, dass es ja an sich keinen technischen Fortschritt gebe: Im Gegenteil – es gibt nur noch technischen Fortschritt, stets auf dem Grund des eigenen Erbes.”

Damit ist die Relation von Innovation und Ermüdung nicht in Frage gestellt, man denke daran, dass bspw. kulturelle Innovation heute nur über neue Versionen des iPhone stattfindet – nicht mehr über Transformationen in der Kultur selbst.

Doch gehen wir schrittweise vor: Die Kapitalbildung rein aus dem Mechanismus der Zeitersparnis zu erklären, reicht bis in das 19. Jahrhundert zurück. (Slogan Zeit ist Geld; hingegen bei Derrida Geld ist Zeit, i.e. das Kapital konstituiert die Zeit.) Grundsätzlich ist jedoch davon auszugehen, dass die Geldfunktionen des Kapitals, auch die des Zirkulationsmittels, nicht allein durch eine sich beschleunigende Zeitökonomie erklärbar sind. Selbst die Beschleunigung des digitalen Geldes, die durch elektronische Informationsträger ermöglicht wird, erleichtert zwar den Tausch und die Zirkulation, ist aber nicht konstitutiv für beide. Es ist die strukturelle monetäre Kapitalisierung der Zirkulation/Produktion, die den temporalen Transport (physischer Umlauf des Geldes) konstituiert, und keinesfalls läuft es umgekehrt. Dem Tausch selbst haftet nichts Materielles an, weswegen er mit dem Transport nicht identisch sein kann, man denke heute nur an die Derivate, die zirkulieren, ohne dass überhaupt eine Ware physisch noch bewegt werde muss. Auch Immobilien werden getauscht, ohne dass man sie bewegen muss, und was bewegt wird, das ist in erster Linie die Information, welche die Derivate inhärieren (Eintragungen und Übertragungen als Code und Schrift, siehe dazu Vief; Digitales Geld: 133) Auch Virilo betrachtet das Phänomen der Akzeleration leider oft rein physisch, wobei doch die Beschleunigungen in der Zirkulation zuallerst durch die Formen der Codierung oder dem ökonomische Mathem des Geldes bestimmt werden.

Das Entscheidende, was das Geld charakterisiert und es eindeutig von den Waren unterscheidet, das ist sein Verwandlungsvermögen sui generis. Und Geltung verschafft sich das kapitalistische Geld als eine symbolische Markierung, die Kaufkraft darstellt, das heißt durch den Verweis auf die unterschiedlichsten Waren/Ding (Konvertabilität/Tauschbarkeit), die ihm als sämtliche Inhalte gegenüberstehen, und damit sind diese Dinge zunächst eben nicht Geld und Geld nicht sie. Marx hat auch den immateriellen Status der Kapitalbewegung klar erkannt, wenn er davon spricht, dass das Kapital kein Ding, sondern ein soziales Verhältnis sei, welches das kapitalistische Geld und alle Kapitalformen bis hin zum fiktiven und spekulativen Kapital durchquert. Die beständige Umwandlung von Geld in Waren und Waren in Geld mit dem Ziel der Selbstverwertung des Geldes als Kapital ist nicht in erster Linie eine Bewegung im temporalen physischen Sinne, vielmehr geht sie dem Transport und der Beschleunigung voraus, obgleich sie doch ohne Temporalität und Räumlichkeit nicht auskommt. Wenn das Geldkapital in Realtime prozessiert, dann kommt es aber auch wieder darauf an, an welchen Orten der Händler sitzt. Eine Transaktion wird zwischen NY und London schneller abgewickelt als zwischen NY und Frankfurt. Oder um es anders zu sagen: Wer schnell ist, kann zwar potenziell den Markt beherrschen, aber Geschwindigkeit macht nur mehr Sinn als Differential.

(Der Begriff der Geschwindigkeit in der Physik: Man kann die Bewegung von Körpern denken, die man nicht mehr im aristotelischen Sinne qualitativ-teleologisch auffasst, sondern die sich im Rahmen einer Funktionsgleichung, dem Differenzialquotienten zwischen abstraktem Raum und abstrakter Zeit, darstellen lässt. Die Kräfte, welche die Veränderung der Bewegung bestimmen, sind relational definiert: Produkt der Masse qualifizierter Materie und zeitlicher Veränderung der Geschwindigkeit, d.h. Beschleunigung. Wird das Zeitintervall t, in dem sich der Zustand der Körper verändert, infintesimal klein, so erhält man das Zeitdifferenzial dt, wie bei einer entsprechenden Veränderung des Zustandes x das Zustandsdifferenzial dx entsteht. Daraus ergibt sich der seit Leibniz bekannte Differentialquozient x=dx/dt. Ist x die Geschwindigkeit eines Körpers, so wird die Veränderung der Geschwindigkeit in der Zeit als Beschleunigung definiert.)

wird fortgesetzt.

 2) Zwei Zeitmodi

3) Im Zentrum des Akzelerationismus: Nick Land

4) Der prometheische Wahn

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