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Pointe und Aphorismus als Erkenntnisschöpfer

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8 Mai , 2015  

„Der Witz ist der verkleidete Priester, der jedes Paar kopuliert.“1 Jean Paul

Im folgenden Beitrag geht es um zwei elitäre und widerspenstige Geschwister im Geiste, den Aphorismus und die Pointe, und darum, wie die beiden Kulturtechniken als Gattung und als Stilfigur einen sich gegenseitig befruchtenden Pakt schließen. Ziel dieser kleinen Koalition: Irritieren, Erschüttern, Korrigieren, Provozieren – Einspruch erheben gegen Denkfaulheiten, Vorurteile, Konventionen, Dogmen, Dünkel, Phrasen, Schulweisheiten, vermeintliche Patentrezepte und andere ewige Gewissheiten nach dem Expertenmotto: „Das haben wir schon immer so gedacht“. Beide Spieler plädieren für ein ergebnisoffenes Denken, das neue Perspektiven in einem bestenfalls immerwährenden Interpretieren ermöglicht und das denkerische Konflikte aushält und nicht einseitig auflöst. Mit Partnern wie der Metapher und dem Paradoxon geht es darum, systemkritisch, sprachskeptisch und wahrheitsproblematisierend die Erkenntnisoptionen der Spezies Mensch zu erweitern. Beide stehen dabei für eine kritische, skeptische Tradition, die den mündigen Leser oder Hörer herausfordert und die für eine Rehabilitierung eines durchaus anspruchsvollen Widerspruchs- und Widerstandsdenkens stehen. 2

Dabei läuft unser Traumpärchen in allen Zeiten Gefahr, dass ihm der Rezipient abhanden kommt, der sich erst einmal frei machen muss, frei von all den vermeintlich fortschrittlichen Verwerfungen wie dem ständig wachsenden Informationsmüll oder dem Diktat des homo oeconomicus oder der naiven Faktengläubigkeit.

Vor allem die Pointe wird so in der aktuellen Humorindustrie reduziert zum banalen Stimmungsmacher ohne jegliche Relevanz – Namen müssen an dieser Stelle nicht genannt werden: Dabei will die Pointe doch das genaue Gegenteil – sie will überraschen, nicht einlullen, sie will Perspektiven erweitern und nicht den Horizont rund machen.

Laut Ralph Müller ist so Inkongruenz ein wesentliches Pointenmerkmal, das heißt, „dass ein wahrgenommener Sachverhalt mit dem erfahrungsweltlichen Wissen kollidiert“3, als „Abweichung vom Normalfall“4, als „semantische Anomalie” (Noam Chomsky)5, das Komische kippt ins Wirkliche.

Peter Wenzel sieht eine Pointe nur eingelöst, wenn „zwei inkongruente Elemente in einer Abfolge stehen, die ihre Inkongruenz plötzlich aufdeckt“6, die also einen unvermuteten Zusammenhang darstellen und auf die Spitze treiben (dies ist die eigentliche französische Bedeutung) und nicht etwa „auf den Punkt bringen“.

Interessanterweise hat übrigens Georg Christoph Lichtenberg neben Johann G. Herder den Begriff Pointe erstmals im deutschen Sprachraum bemüht, freilich eher pejorativ: „Heutzutage machen drei Pointen und eine Lüge einen Schriftsteller.“7 Ein Wort, das insofern verwunderlich ist, als dass Lichtenberg die Techniken der Pointe virtuos beherrschte und eine ganze Milchstraße von Pointen erfand, wahrscheinlich meinte Lichtenberg hier aber einen Pointenbegriff, den er als gekünstelte Lüge kritisierte und entlarvte und der wohl seinen Ursprung in der französischen Poetik haben könnte.8

Gottsched stellt fest, „dass nun der gute Geschmack den Spitzfindigkeiten überhaupt zuwider ist“9, Lessing moniert Witz-Pointen als nicht selten „falsche Münzen“10 – so kann man feststellen, dass die Pointe gegen Ende des 18. Jahrhunderts das soziale Prestige eingebüßt hat, das sie noch im Rahmen der höfischen Konversation genossen hatte.

Nicht zu unterschätzen sind in diesem Kontext auch die Schweizer Ästhetiker Johann Jakob Bodmer und Johann Jakob Breitinger, die den Witz im deutschen Sprachraum als oberflächlich diskreditierten.11

Laut Baldassare Castiglione musste dagegen noch der Höfling, der vollkommene Hofmann, fähig sein, mit witzigen Gesprächen seine Umgebung zu unterhalten.12 Aber auch diese teils pejorative Bewertung haben Pointe und Aphorismus in ihrer Forschungsgeschichte gemein, der Aphorismus wird so als „Fehlerquelle menschlichen Denkens“ (Besser)13 oder als „tiefbegründetes Unvermögen“ (Grenzmann)14 verstanden.

Zur Gefahr eines beliebigen Sammelbegriffes Aphorismus schreibt Manfred Knauff: „es muss zweifelhaft erscheinen nach alledem, ob ein Begriff die Spannweite dieser (lichtenbergschen) Niederschriften umfassen kann; Beschreibung unter einheitlicher Perspektive bleibt zweifelhaft.“ 15

Ein statischer Gattungsbegriff wird so dem Problem keineswegs gerecht, denn dass eine sinnstiftende Gattungspoetik außerhalb der Gattungsgeschichte überhaupt nicht existent sein kann, liegt auf der Hand.

Als ein dynamischer Gattungsbegriff ist der Aphorismus noch am besten geeignet, den vielen Anfechtungen stand zu halten, das heißt: keine definitorischen Halbwahrheiten, aber möglich und notwendig sind dennoch Annäherungswerte.

Ulrich Horstmann formuliert treffend: „und doch bewegt sich die ganze Apparatur immer nur im Kreise und begreift die Schwerelosigkeit nicht, mit der ihr die Aphorismen davon stieben.“16

Daran sieht man die Schwierigkeiten der Forschung dem Aphorismus als störrischem Balg beizukommen – und ähnlich widerborstig verhält sich die Pointe zu ihrer Vereinnahmung durch die Wissenschaften.

Nur wenn man einen weiten Pointenbegriff anlegt, taucht man in eine circa 2000 Jahre alte Reflexionshistorie über die Pointe seit Cicero und Aristoteles ein, analog zum Aphorismus seit Hippokrates und Heraklit. Und so gibt es auch bei der sehr hilfreichen Arbeit von Ralph Müller „Theorie der Pointe“ das Problem, die Kulturtechnik der Pointe definitorisch abzuwürgen, indem er zum Beispiel etwas mutwillig und wenig erkenntnisfördernd zwischen Aphorismen mit Pointe und Aphorismen ohne Pointe unterscheidet.17

In diesem Beitrag soll es dagegen darum gehen, Aphorismus und Pointe als aufsprengende und spielerische Denkhaltungen zu profilieren.

In der Forschungsgeschichte der Pointe interessieren uns deshalb auch zuallererst zwei Aphoristiker, die sich zum Thema geäußert haben, nämlich Baltasar Gracián und Arthur Schopenhauer.

Gracián steht dabei in einer traditionellen barocken Pointentraktat-Tradition des 17. Jahrhunderts (neben Maciej Sarbiewski, Emanuele Tesauro und Jacob Masen) und feiert die Pointe als Krönung jedes Gesprächs; ein Reden ohne Pointe bezeichnet er als „Sonne ohne Licht“.18

Gracián bezieht sich dabei durchaus eigenwillig auf den römischen Dichter Martial und schreibt ein Traktat mit dem Titel „Die Pointe und die Kunst des Ingeniums“ (Original: „Agudeza y Arte de Ingenio“, zuerst 1642, dann in einer bekannteren 2. Auflage, 1648).

Der Jesuit Gracián schreibt: „Die antiken Denker haben Methoden des Syllogismus und die Kunst der Tropen entdeckt. Die Pointe aber haben sie vernachlässigt, indem sie sie allein der Kraft des Ingeniums zugeschrieben haben.“19

Anders als Cicero glaubt Gracián daran, dass die Pointenkunst erlernbar ist und nicht nur von einem natürlichen Talent abhängt, die Gleichsetzung mit Tropen (umfasst alle Formen uneigentlichen Sprechens) und des Syllogismus (bevorzugtes Beweismittel in Philosophie und Rhetorik) adelt die Pointe als Vermittlerin zwischen Logik und Rhetorik – wobei die Pointe bei Gracián in einem Akte des Verstandes, als Schöpferin von Schönheit, als künstlerischer Scharfsinn, die argumentativen Wahrheitssätze als Scharfsinn der Wahrnehmungen ergänzt. 20 Lichtenberg huldigt dem Pointen-Witz und seiner erhellenden Wirkung, wenn er eine Verquickung von Scharfsinn und Witz herstellt: „wenn Scharfsinn ein Vergrößerungs-Glas ist, so ist der Witz ein Verkleinerungs-Glas. Glaubt ihr denn, dass sich bloß Entdeckungen mit Vergrößerungs-Gläsern machen ließen? Ich glaube mit Verkleinerungsgläsern, oder wenigstens durch ähnliche Instrumente in der Intellektual-Welt sind wohl mehr Entdeckungen gemacht worden.“21 Und an anderer Stelle: „eine gute Bemerkung über das sehr Bekannte ist es eigentlich, was den wahren Witz ausmacht.“22

Man sieht also, dass für unseren Vortrag Lichtenbergs Aussagen über den Witz treffender sind als seine kritischen Ansichten zur Pointe.

Lichtenbergs Einsichten zeugen dabei von einem weiteren semantischen Problem der Begrifflichkeiten Pointe und Witz im Wandel der Zeiten. Bis zum 17. Jahrhundert war der Witz als intellektuelles Vermögen, Wissen oder Klugheit verstanden worden, erst danach veränderte sich der Begriff unter dem Einfluss des französischen „esprit“ und des englischen „wit“ um eine entscheidende geistreiche Nuance. Witz wird jetzt mit Geist, mit Gabe des geistreichen Einfalls assoziiert, er wird zu einer Disposition des Geistes erhoben und nähert sich dem lateinischen Ingenium, also auch als Schöpferkraft.

So versteht man Lichtenbergs Gegenübersetzung von Witz und Scharfsinn, eine Gegenüberstellung, die sich in der wissenschaftlichen Terminologie durchgesetzt zu haben schien. So bedeutete laut Gottfried Gabriel das Wort Witz das intellektuelle Vermögen, Ähnlichkeiten im Verschiedenen, das Vermögen des Scharfsinns Verschiedenheiten im Ähnlichen zu erkennen.23

Außerdem gilt es zu beachten, dass ein Großteil der theoretischen Reflexionen zur Pointe sich konkret am Epigramm als Gattung abgearbeitet hatte, erst seit dem 19. Jahrhundert wird das Epigramm zu einer Untergattung einer Humortheorie relativiert.

Schopenhauers Beiträge zur Pointenforschung wiederum firmieren unter seiner Theorie des Lächerlichen in der Welt als Wille und Vorstellung, wenn er schreibt: „Das Lachen entsteht jedes Mal aus nichts Anderem, als aus der plötzlich wahrgenommenen Inkongruenz zwischen einem Begriff und den realen Objekten, die durch ihn, in irgendeiner Beziehung, gedacht worden waren, und es ist selbst eben nur der Ausdruck dieser Inkongruenz. Sie tritt oft dadurch hervor, dass zwei oder mehrere reale Objekte durch einen Begriff gedacht und seine Identität auf sie übertragen wird; darauf aber eine gänzliche Verschiedenheit derselben im Übrigen auffallend macht, dass der Begriff nur in einer einseitigen Rücksicht auf sie passte. Ebenso oft jedoch ist es ein einziges reales Objekt, dessen Inkongruenz zu dem Begriff, dem es einerseits mit Recht subsumiert worden ist, plötzlich fühlbar wird. Je richtiger nun einerseits die Subsumption solcher Wirklichkeiten unter den Begriff ist und je größer andererseits ihre Unangemessenheit zu ihm, desto stärker ist die aus diesem Gegensatz entspringende Wirkung des Lächerlichen.“ 24

Damit definiert Schopenhauer im Grunde genommen die Pointe – hauptsächlich im Bezug zur Anekdote – seine Theorie ist dabei kompatibel zu Bestimmungen in den Poetiken des Barocks, nicht neu also, teilweise etwas unpräzise, aber problembewusster als im Barock.

Interessant hierbei ist, ob Schopenhauer, der Gracián ja schätzte und übersetzte, auch sein Traktat zur Pointe gekannt hat, übersetzt ins Deutsche wurde Graciáns Schrift bis heute übrigens nicht.

Kuno Fischer schreibt wegweisend für unsere Ausführungen: „Was noch nie vereint war, ist mit einem Male verbunden, und in demselben Augenblick, wo uns dieser Widerspruch noch frappiert, überrascht uns schon die sinnvolle Erleuchtung. Es ist ein Punkt, in welchem jene einander fremden und widerstreitenden Vorstellungen unmittelbar zusammentreffen und sich in dem Urteile vereinigen. Hier hat der Witz seine Kraft und Wirkung. Es ist der Augenblick seiner Vollziehung. Dieser Punkt des Zusammentreffens ist der Treffer im Witz, die Spitze desselben, die Pointe.“25

Peter Wenzel gelingt es in seiner Arbeit, die hier gestreift werden soll, die Pointe und seine Beziehung zum Begriffsspiel unter semiotischen Vorzeichen zu entwickeln. Hierbei führt Wenzel die Begriffe der Dissoziation und Konsoziation ein – ersterer meint den Effekt, der aus der Aufspaltung eines Wortes in zwei verschiedene, fast gleichzeitig aktualisierte Bedeutungen resultiert (beispielsweise: das Wahrheits-Gefühl).26

Mit der Konsoziation erklärt Wenzel demgegenüber die plötzliche Herstellung eines Bedeutungszusammenhangs aus Ähnlichkeiten im Verschiedenen, um im „disparaten, heterogenen, inkommensurablen das Ähnliche, das Entsprechende, das Verwandte aufzuspüren, Kontrastwelten zur Deckung zu bringen.“ 27

Bei noch komplexeren Pointengebilden führt Wenzel die Termini Bezugsrahmendurchbrechung und Bezugsrahmenwechsel ein, wiederum spielt die Interaktion zwischen Wahrnehmung und Erwartung die Hauptrolle.

Wenzel redet einem stilistischen Pluralismus und einem komplementären Erkenntnismodell auch aus dieser Perspektive das Wort, wenn er formuliert, „weil sich die genannten Modelle auch für Metaphern und andere rhetorische Mittel verwenden lassen erscheint auch die Umkehrung dieser Tatsache plausibel, nämlich dass letztlich alle Formen semantischer Deviation für die Pointierung in Frage kommt.“28

Die Pointe (der freie Witz) ist so ein „Grenzüberschreiter, der Isotopien (das heißt, erwartete, eindimensionale Bedeutungsebenen) aufsprengt“ 29 und durch seine Sprünge und Wendungen neue Wege eröffnet.

Seine Assoziationen und Neubildungen von Analogiekeimen haben den philosophischen Anspruch, die Alltagspfade der Sprache zu parodieren.

Die Kulturtechnik der Pointe wird so, ähnlich wie die des Aphorismus, zu einem wirklichen Ärgernis, das Gefahr und Schaden mit in sich aufnimmt und ausstrahlt. Diesen revolutionären Ansatz treibt Jacques Lacan dann soweit, dass er jeden Diskurs als eine Aneinanderreihung von Denkfehlern entlarvt und den Witz, besser die Pointe, als Hoffnungsträger gegen die symbolische Ordnung der Lüge als dem vorherrschenden, verengten Wahrheitsbegriff feiert. 30

Das affektive Falschwissen, einschließlich der bewussten Lüge wird hier in einer Umwertung der Werte zur positiven Form des Nichtwissens, eines Nichtwissens, welches das pointiert-aphoristische Denken offen hält, um an dieser Stelle das Leben eintreten zu lassen.

Durch diese Erkenntnisse kommt es zu einer folgenschweren Trennung zwischen Denken und Wissen, einem Auflösen in Bruchstücke, in denen die Ausnahme als archimedischer Punkt die Regel bestimmt, die Ausnahme als eine unbegriffene Wahrheit.

Friedrich Nietzsche schreibt so: „Ich misstraue allen Systematikern und gehe ihnen aus dem Weg – der Wille zum System ist ein Mangel an Rechtschaffenheit.“ 31

Fast deckungsgleich zum Witz/Scharfsinn-Widerspiel kristallisiert sich der Aphorismus heraus als Text mit zwei Richtungen und manifestiert sich als Dualismus zwischen der Tendenz zum Allgemeinen und der Neigung zum Besonderen.

Einen Konflikt, den der Aphorismus allerdings nicht vermittelt, sondern deren Auflösung er sich widersetzt: Stehen und fallen müssen diese Anstrengungen mit der kulturellen Kompetenz des Lesers und deshalb ist der Aphorismus nicht zuletzt auch eine soziale und interaktive Gattung, die auf Kommunikation (wenn auch manchmal erst posthum) setzt: „die Pointe ist nicht im Text, sondern im Kopf.“ 32

Eine wesentliche Grundhaltung des pointierten, aphoristischen Denkens ist so das Differenzieren, das Gegeneinander- und Miteinander- Ausdifferenzieren, das ständige Abwägen und Unterscheiden aus einer kritisch-distanzierten Haltung. Diese Nonkausalität erreichen Pointe und Aphorismus, indem sie vermeintliche Gegensatzpaare wie beispielsweise Topie/Utopie, Philosophie/Literatur, Metaphysik/Physik, Mikrokosmos/Makrokosmos, Wissenschaft/Kunst, Gefühl/Geist, Freiheit/Determinismus gut/böse, Anschaulichkeit/Abstraktion, Analyse/Synthese, Semiotik/Rhetorik, Paradoxon/Metapher, miteinander ernsthaft spielen, sich gegenseitig korrigieren und erneuern lassen.

Jost Andreas Müller formuliert: „diese ausgesparte Problematik des Analogiekernes erklärt, warum das Differenzieren nie in anderer Weise als durch die Relation von bloß zwei Begriffen oder zwei erweiterten Begriffskomplexen erfolgt, sei diese Relation nun bloße Verbindung, Vergleich oder definitionsartige Abhängigkeit.“ 33

Dieses Differenzieren ist denkbar als reine Möglichkeit des menschlichen Seins und Werdens zwischen der Schwere des Bedingten und den ewigen Mächten des Ideals und der Freiheit.

Die aus diesen unlösbar-ungelösten Konflikten resultierenden Individualisierungen sprechen für die Unbestechlichkeit und das denkerische Pathos unserer kleinen Koalition, die die Stärke besitzt ihre eigenen Kräfte zu überschätzen.

Der bewusst auszutragende Gegensatz zwischen Leiden, Denken und Fühlen macht unseren Pakt zum Partisanen, dessen Selbstreflexion den Aufklärer bis zur Tragödie des Erkennenden treibt, der alle Autoritäten und vermeintliche Lebensparadiese hinterfragt. Dabei scheut er nicht davor zurück, die meisten zu zerstören und sich nach neuerlichen kopernikanischen Umstürzen (von der Gen- bis zur Hirnforschung) auf die Ohnmacht der Verlorenheit einzulassen, als Preis der Autonomie und einer realen Aufklärung.

George Steiner folgert aus dieser unvollständigen Unendlichkeit des Denkens eine gewisse Grundtrauer des Denkenden, da letztlich das Denken „mehr verhüllt, als es enthüllt“. 34

Sigmund Freud wies dieses Phänomen als das normale Unglück aus – wobei bei Freud der neurotische Zeitgenosse bevorzugt zur Witz- und Denkarbeit prädestiniert ist – entscheidend ist freilich, dass mit Freud für Pointe und Aphorismus die Tür zur Psychologie geöffnet wird, die auch zum Aphorismus den Haupteingang darstellt, auch wenn Fricke zu Unrecht den Vorwurf des Psychologismus gegen die Forschung erhebt.35

Robert Musil formuliert: „Man führt ja auch den Weltkrieg oder unseren Zusammenbruch bald auf diese bald auf jene Ursachengruppe zurück. Aber das ist Täuschung. Ebensolcher Schwindel wie wenn man ein einzelnes physisches Ereignis auf eine Ursachenkette zurückführt.

In Wirklichkeit zerfließen die Ursachen schon bei den ersten Gliedern der Kette in eine unübersehbare Breite. Im Physischen haben wir uns geholfen (Funktionsbegriff). Im Geistigen sind wir ganz ohnmächtig.“ 36

Allerdings stellt sich unsere Koalition der realen Aufklärung dem Problem ohne alle lebensnotwendigen, versucherischen, zu gewinnenden und realen Lebensparadiese preiszugeben.

Diese Denkkeime ermöglichen die lebendige Fluktuation zwischen der Unmittelbarkeit der Erfahrung und dem sie reflektierenden Gedanken als einem eigentlich offenen Lebensphilosophieren, das darauf verzichtet, sich auf Kausalitäten zu reduzieren.

Die Vereinzelung des Aphorismus zwischen leidenschaftlichem Trotzdem-Erkennen-Wollen und seinem rationalen Bedenken der Grenzen der mentalen Kompetenz und seinen Erkenntnismöglichkeiten eröffnet einen Spielraum, den er spontan-manieristisch besetzt und eben nicht aufgibt. Das moderne, europäische Individuum wird so gerade dadurch wieder mündig, dass es sich den Verlust der Mündigkeit eingesteht und dem Konfliktpotential des Einzelnen, zwischen Elend und kritischer Energie, zwischen Autonomie und Ohnmacht gewahr wird.

Der künftige Denker und Philosoph der Zukunft soll, so Nietzsche, dem offenen, experimentellen Denken verpflichtet sein, das gerade die Fahnen einer realen Aufklärung, eines realen Humanismus hoch hält: „eine neue Gattung von Philosophen kommt herauf; ich wage es, sie auf einen nicht ungefährlichen Namen zu taufen (…) möchten diese Philosophen der Zukunft ein Recht, vielleicht auch ein Unrecht darauf haben, als Versucher bezeichnet zu werden. Dieser Name selbst ist zuletzt nur Versuch und, wenn man will, eine Versuchung.“37

Letztendlich ist dieser Beitrag also nicht zuletzt ein Plädoyer für einen unbequemen Querkopf- und Geist, gerade in einer zementierten Konsensgesellschaft, die sich auf alte Denkmuster versteift hat und deren Eliten sich immer mehr ab- und einschließen und die eine Tyrannei des Mittelmaßes, des Kollektivs und der political correctness predigen.

Pointe und Aphorismus stehen als Erkenntnisformen und -schöpfer jedenfalls zur Behebung dieses groben gesellschaftlichen Phantasiedefektes bereit, um, einem pädagogischen Eros verpflichtet, einen Ausbruch aus der verordneten und verwalteten Enge zu wagen, ohne auf neue, falsche Götzen hereinzufallen.

 

1 Jean Paul, Vorschule der Ästhetik, S.173.

2 Vgl. Egert, Vom Werden und Wesen des Aphorismus,
der Essay rekurriert immer wieder auf dieses Buch, vor allem
das Kapitel Konfliktdenken, S.71-78 und das Kapitel Pointe und
Witz, S. 103-112.

3 Ralph Müller, Theorie der Pointe, S. 105

4 Ebd., S. 107.

5 Vgl. Chomsky, Strukturen der Syntax, S. 17.

6 Wenzel, Von der Struktur des Witzes zum Witz der Struktur – Untersuchungen zur Pointierung in Witz und Kurzgeschichte, S.21 f..

7 Lichtenberg, D139.

8 Vgl. Ralph Müller, S. 224-225.

9 Gottsched, Versuch einer Critischen Dichtkunst, S.688.

10 Lessing, Zerstreute Anmerkungen über das
Epigramm, S.451.

11 Vgl. Best, Der Witz als Erkenntniskraft und Formprinzip,
S.31 f.

12 Vgl. Ralph Müller, S. 38-39, Castigliones Werk Der Höfling
erschien 1528, übersetzt auch 1684 als Der vollkommene
Hoffmann.

13 Besser, S. 135.

14 Grenzmann, S. 208.

15 Knauff, S. 10.

16 Hortsmann, English Aphorism, S. 17

17 Vgl. Ralph Müller, S. 230 f..

18 Ebenda., S. 37.

19 Ebenda., S. 39.

20 Ebenda, S. 40.

21 Lichtenberg, D 469.

22 Lichtenberg, K (2), 200.

23 Vgl. Gabriel, Logik und Rhetorik der Erkenntnis,
S. 99- 115.

24 Schopenhauer, Die Welt als Wille und Vorstellung 1, S.
102 .

25 Fischer, Über die Entstehung und die Entwicklungsformen
des Witzes, S. 107.

26 Lichtenberg, J 439.

27 Wenzel, S. 109 f..

28 Ebenda.

29 Vgl. Jacobson, Der Doppelcharakter der Sprache und die
Polarität zwischen Metapher und Metonymik, in : Theorie der
Metapher, S.163 f..

30 Vgl. Best, S. 137 f..

31 Nietzsche, Götzendämmerung , Sprüche und
Pfeile, Aphorismus 26, KSA 6.

32 Ralph Müller, S. 103.

33 Jost A. Müller, S. 96 f..

34 Steiner, Warum Denken traurig macht., S.77. Steiner
schreibt ebenda (Deutsch im Original) vom „Schleier der
Schwermut“.

35 Fricke, Aphorismus, S. 2 f. , der Psychologismus-
Verdacht, der auch ein Irrationalismus-Vorbehalt ist, wie ihn Fricke
gegen die Aphorismusforschung formuliert, ist unangebracht – die
Psychologie ist, das haben fast alle Forschungsbeiträge
unterstrichen, das Epizentrum des aphoristischen Denkens.
Nietzsche ( Ecce Homo, Aphorismus 5, KSA 6) schreibt: „Dass aus
meinen Schriften ein Psychologe redet, der nicht seines Gleichen
hat, das ist vielleicht die erste Einsicht, zu der ein guter Leser gelangt“. Hiermit wurde die erste Hälfte der Schlüssel-Fußnote 12 als notwendige Fricke-Kritik am Ende noch einmal wiederholt, auch um eine Klammer um den Fußnotenapparat zu setzen. 

36 Musil, Tagebücher, Aphorismen, Essays und Reden, S. 664.

37 Nietzsche, Jenseits von Gut und Böse, Aphorismus 42, KSA 5.

 

Entnommen aus dem Buch:

Andreas Egert

Der Fall Aphorismus. Zur Genese und Aktualität einer Gattung

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