Polykrise, Bankenkrise und Katatstrophenkapitalismus

Im Jahr 2023 stellt sich nach den ökonomischen Verwerfungen der Corona-Pandemie die Frage einer kommenden Finanzkrise wieder eindringlicher. Man spricht nun sogar von »Polykrisen«, die weit über den Finanzbereich hinausgehen. In der Polykrise sind die diversen Schocks, die die ökonomischen, politischen und sozialen Felder durchziehen, zwar differenziell und von unterschiedlicher Intensität, aber sie wirken zusammen und vermischen sich, sodass das daraus resultierend das (offene) Ganze noch überwältigender in die Krise treibt als wenn die Krise nur ein Resultat einer Summe von Teilkrisen wäre. Heute sprechen Autoren wie etwa Adam Tooze oder Michael Roberts von einer ganz neuen Dynamik einer sich am Horizont abzeichnenden globalen »Polykrise«

Selbst die Eliten sind sich heute bewusst, dass der globale Kapitalismus mit einer Reihe von miteinander verknüpften Krisen konfrontiert ist – ein Phänomen, das nun auch der jährliche Global Risks Report des Weltwirtschaftsforums in Davos für 2023 als »Polykrise« bezeichnet. Die Welt sieht sich demnach mit »Inflation, Lebenshaltungskostenkrisen, Handelskriegen, Kapitalabflüssen aus Schwellenländern, weit verbreiteten sozialen Unruhen, geopolitischen Konfrontationen und dem Schreckgespenst eines Atomkriegs« konfrontiert, warnt der Bericht. Diese Risiken werden »durch vergleichsweise neue Entwicklungen in der globalen Risikolandschaft verstärkt, darunter eine unhaltbare Verschuldung, eine neue Ära niedrigen Wachstums, niedrige globale Investitionen und Deglobalisierung, ein Rückgang der menschlichen Entwicklung nach jahrzehntelangen Fortschritten, eine rasche und uneingeschränkte Entwicklung von Technologien mit doppeltem Verwendungszweck (zivil und militärisch) und der wachsende Druck durch die Auswirkungen des Klimawandels« (ebd.) Zusammengenommen »werden diese Faktoren ein einzigartiges, unsicheres und turbulentes Jahrzehnt prägen«, so die Schlussfolgerung.

Die Gesamtheit dieser krisenhaften Dynamiken, die alle ein hohes Maß an Feedback-Effekten aufweisen, übersteigt die Summe ihrer Teile. Wie in der Quantentheorie ist nun das Ganze mehr als die Summe ihrer Teile, was letztendlich nur mit der Wirkmächtigkeit von Möglichkeiten, die den Verschränkungen von Prozessen innewohnen, erklärt werden kann. Der Begriff der Verschränkung zeigt, dass ein ganzheitlicher Gesamtzustand vorliegt, welcher in Folge von Überlagerungen von Teilen sehr viel mehr Zustände umfasst, als aus einer bloßen Addition und Summe der Teile folgen würde. Dies ist der quantisch-multiplikativen Zusammensetzung des Ganzen geschuldet. So ist auch die gegenwärtige Polykrise wesentlich mehr als eine Ansammlung kleinerer, separater Krisen. Stattdessen inhäriert sie eine Version des »Fujiwhara-Effekts«, ein Begriff, der verwendet wird, um zu beschreiben, wenn zwei oder mehr Wirbelstürme zusammenkommen, sich überlagern, sich morphen und sogar verschmelzen. Allerdings darf das Ganze keineswegs räumlich oder gar als Wesen gedacht werden, noch nicht einmal als ein Umfassen, das von einer Ganzheit ausgeht, sondern muss im Sinne der Quantentheorie als Relationsstruktur erfasst werden. Mathematisch werden in der klassischen Physik die Zustandsmannigfaltigkeiten additiv zusammengesetzt, in der Quantentheorie aber multiplikativ (»Tensorprodukt der Zustandsräume«).

Folgt man den Argumenten  mittels der Quanten- und Komplexitätstheorie, so würde der Begriff »Polykrise« im strengen Sinne nicht einfach für die Addition verschiedener Krise stehen, sondern für ein globalisiertes System, das durch vielfältige Vernetzungen, Interaktionen und Wechselbeziehungen charakterisiert ist – für eine komplexifizierte Krise, die viel wirksamer ist als eine Krise, die sich lediglich aus der Addition von verschiedenen Krisen zusammensetzt. Ein ökonomisches Weltsystem, das mit einer Polykrise zu kämpfen hat, mutiert zu einer Art alptraumhaftem »emergenten« System, dessen Kausalitäten und Wirkungen in alle Richtungen wuchern. Tooze sieht diese Krise zunächst als eine Abweichung von der Normalität eines durchaus funktionalen Weltmarkts. Dennoch sei die Polykrise eine Situation eskalierender Komplexität, Neuartigkeit und Radikalität. Wir befanden uns schon seit einiger Zeit mitten in der Eskalation.

Die Frage, die sich hier stellt, ist die, ob man dann überhaupt noch von getrennten Krisen sprechen kann, die sich verbinden und verzweigen, oder ob man eher von vernähten oder sich überlagernden Prozessen finanzieller, geopolitischer und anderer Ekstasen sprechen sollte, die zu einem zunehmenden öko-ökonomischen, systemischen Chaos im kapitalistischen Weltsystem führen. Mittels einer Wirkungs-Matrix gälte es dann unterschiedliche krisenhafte Prozesse miteinander in Verbindung zu bringen, wie etwa die Hegemonie des Finanzsystems mit seinen Blasenbildungen, die Ungleichgewichte in den Handelsbilanzen großer industriellen Exporteure wie China oder Deutschland, die Unterbrechungen der globalen Lieferketten, die Zunahme der globalen Erwärmung und Pandemien, die durch zoonotische Coronaviren verursacht werden, die Staatsfaschisierung und die Stärke kapitalistischer Blöcke, die auf dem Extraktivismus von Bodenschätzen, Land und fossilen Brennstoffen basieren. Es wäre dann mit Alex Callinicos vom »Zeitalter der Katastrophe« zu sprechen, einer »multidimensionalen Krise«, die, wie schon erwähnt unter anderem auf Faktoren wie die globale Erwärmung, Probleme der industriellen Stagnation, soziale Ungleichheit und finanzielle Instabilität zurückgeht. Unter dem geopolitischen Aspekt wäre der Kampf um die globale Hegemonie zwischen den USA und der EU auf der einen Seite, und China und Russland auf der anderen Seite zu erwähnen, unter politischen Gesichtspunkten die Erosion der Mitte des globalisierten Neoliberalismus in Folge rechtspopulistischer Eruptionen. Der Krieg in der Ukraine ist ein komprimierter Ausdruck dieser sich überschneidenden Krisen der Ökonomie, Ökologie und des Imperialismus. Er ergibt Sinn nur vor dem Hintergrund der wachsenden Konkurrenz zwischen den USA und China. Die USA als hegemonialer imperialistischer Staat versuchen derzeit, den westlichen Kapitalismus aus den Beziehungen herauszulösen, die für die Aufrechterhaltung der wirtschaftlichen Globalisierung seit den 1970er Jahren wichtig waren, indem die Abhängigkeit Europas und Nordamerikas von China als Lieferant von Industriegütern sowie von Russland als Quelle billiger Energie verringert werden soll.

Wir sind nun die Zukunftsaussichten zu bewerten, wenn man, wie Nouriel Roubini, eine langanhaltende Periode der Stagnation prophezeit? Roubini führt dafür einige wesentliche Punkte an: Das schrumpfende Angebot an jungen Arbeitskräften im Westen führt zur Erhöhung der Löhne und damit zu steigenden Kosten, was die Akkumulationsrate des Kapitals senkt. Die Deglobalisierung infolge der Einschränkung des globalen Handels mit Waren, Dienstleistungen, Technologien, Daten und Investitionen führt zu höheren Importpreisen, steigenden Produktionskosten und auch das schwächt das Wachstum. Die Verlagerung der Produktion von immer noch kostengünstigen Ländern wie China in teurere Industrieländer wird zu weiteren Kosten- und Preissteigerungen führen. In diesem Kontext droht der Wettbewerb zwischen den USA und China zu einem kalten Krieg einzufrieren, sodass unter anderem intensive Technologiekriege (Halbleiter) ausbrechen könnten. Wenn China eine führende Rolle in den Technologien und Branchen der Zukunft wie etwa KI übernimmt, dann könnte es vielen Schwellenländer in den Bereichen E-Commerce, Plattformen für digitale Zahlungssysteme und 5G-Netzwerke lukrative Angebote unterbreiten. Die russische Invasion in der Ukraine hat die Preise von Energie, Lebensmitteln und anderen Rohstoffen, die für die globalen Versorgungsketten und die Konsum- und Produktionsprozesse wichtig sind, erhöht.  Der globale Klimawandel wird den stagflationären Druck in Folge von Wassermangel in bestimmten Erdteilen, einem zu geringen Angebot an grüner Energie, Pandemien und Naturkatastrophen weiter ansteigen lassen. Immer häufigere Cyberangriffe stören die Lieferketten, Stromnetze und Finanzinfrastrukturen. Die Macht des Dollars könnte schwinden, wenn China eine wettbewerbsfähige Wirtschafts-, Handels-, Investitions-, Technologie-, Währungs- und Finanzpolitik betreibt. Die Rolle des US-Dollars als wichtige Reservewährung sinkt und die daraus resultierende Abwertung kann zu einer starken Inflation und Stagflation führen, da die meisten Rohstoffe in Dollar ausgepreist werden und die Abwertung zu einem Preisanstieg führt. Die Nachfrage nach Dollars, die sich aus ihrem Status als globale Reservewährung ergibt, bedeutet, dass die USA billigere Kredite aufnehmen können, um ihre hohen Haushalts- und Handelsdefizite zu finanzieren. Wenn aber das Haushalts- und Leistungsbilanzdefizit der USA immer größer wird, während der Dollar mittels der Sanktionen zunehmend als Waffe für außenpolitische und nationale Sicherheitsziele eingesetzt wird, dann könnte das sehr bald zu einem Machtverlust des Dollars führen. Handels- und Finanzsanktionen können die globalen Lieferketten, die von der Finanzierung und dem Zahlungsverkehr in Dollar abhängen, sowie das reibungslose Funktionieren der globalen Finanzmärkte, man denke an die Funktionsweise von SWIFT, weiter stören. Schließlich führen Finanzkriege zu weiteren stagflationären finanziellen Verwerfungen.

Zudem zeigt sich, wenn man das System allein schon vor dem Hintergrund der Logik des finanziellen Kapitals im Rahmen der amerikanischen Boom-Bust-Bailout-Wirtschaft betrachtet, dass es für seinen Fortbestand ständig der Ad-hoc-Interventionen des Staates und der Zentralbank bedarf, wobei sich dieses Moment der staatlichen Souveränität auch immer wieder als enttäuschend in seinen Erfolgen erweist. Das finanzielle Kapital zeigt weiterhin eine so extrem starke hegemoniale Dynamik, dass die kurzfristigen Regulierungen in ihrer Wirkung verpuffen oder die Interventionen der Staaten und Zentralbanken gar die nächste Runde der erweiterten Akkumulation einleiten, die ab einen gewissen Punkt wiederum der Ad-hoc-Interventionen bedarf. Eine derlei perpetuierte Unsicherheit könnte sich damit tatsächlich ins Katastrophische steigern.

Die Verhinderung von Finanzkrisen wurde von den Zentralbanken mit Senkung der Zinssätze auf null beantwortet, sie verstärkten die quantitative und kreditbezogene Lockerung durch den Ankauf von langfristigen Anleihen und hypothekarisch gesicherte Wertpapiere. So wurde die Ekstatik der Kreditierung in Szene gesetzt und die Rede von der »QEinfinity« kam auf. Haushalte, Unternehmen und Regierungen begannen aufgrund der niedrigen Zinsen die Verschuldung in noch größere Höhen zu treiben, bis ab dem Jahr 2014 die Unternehmensverschuldung explodierte, insbesondere bei risikoreichen und fremdfinanzierten Unternehmen. Die Collateralized Loan Obligations (CLOs), die Bündel von Unternehmenskrediten verbrieften, ähnelten den berüchtigten verbrieften Collateralized Debt Obligations (CDOs) aus der Subprime-Krise. Diese Unternehmensschulden wurden nicht von Banken finanziert, sondern von Schattenbanken, Hedgefonds und Private-Equity-Fonds. Mitte 2017 hatte die Fed damit begonnen, die Zinssätze langsam anzuheben, doch private und öffentliche Kreditnehmer waren so hoch verschuldet, dass kleine Zinserhöhungen für Furor an den Märkten sorgten. Der Aktienmarkt fiel im vierten Quartal 2018 um 20 Prozent, was die Fed veranlasste, die quantitative Lockerung wieder zu verstärken. Fast ein Jahr vor der Covid-19-Krise konnte die Fed nicht einmal eine bescheidene Straffung ihrer Politik durchführen. Im März 2020 stürzte der Aktienmarkt ab, jeder Kreditgeber hortete Bargeld hortete und es war wenig Geld im Umlauf, um die Wirtschaft in Gang zu halten. Banken, Schattenbanken, Hedgefonds, kleine und mittlere Unternehmen und Hypothekengläubiger konnten angesichts ihrer hohen Schuldenlast die Kreditgeber nicht bezahlen. Die Anleihemärkte gerieten in den freien Fall.  Die Antwort der Fed bestand darin, das Geld weiterhin schnell und heftig fließen zu lassen, mit einer Geschwindigkeit, einem Tempo und einem Ausmaß, das viel größer war als je zuvor, sogar größer als 2008. Quantitative und kreditpolitische Lockerungen verringerten die Kreditkosten für öffentliche und private Kreditnehmer massiv, während zugleich durch fiskalische Maßnahmen die Aktien von Technologieunternehmen, Immobilienpreise, Private Equity, SPACs, Kryptowährungen, Staatsanleihen und exotischen Kreditinstrumente wie Collaterized Loan Obligations (LOs) gestützt wurden. Die Rettungsaktionen der Fed ab März 2020 trieben die Preise für alle Arten von Vermögenswerten in die Höhe.

Ende 2021 hatten wir die Pandemie hinter uns gelassen, mit Tonnen von Schulden, steigenden Haushaltsdefiziten und einer lockereren Geldpolitik als je zuvor in der Geschichte. Die Monetarisierung der Schulden befördert Blasen, die überall zu platzen drohen, seien es Kryptowährungen, risikofreudige Hedgefonds oder Immobilien. Mit dem Aufkommen der Inflation und der Straffung der Geldpolitik der Zentralbanken wurde ein neuer Krisenprozess eingeleitet.

Die Fed befindet sich in einem Dilemma: Wenn sie die Geldpolitik zu sehr strafft und die Zinssätze zu schnell anhebt, könnte dies dazu führen, dass die Kosten für die Aufnahme von Krediten ansteigen, sodass die Neuinvestitionen in Technologien zurückgehen, die kreditierte Nachfrage der Konsumenten nach Produkten ins Stocken gerät und es zu einem allgemeinen Konjunktureinbruch kommt. Wenn die Zentralbank jedoch nicht handelt, das heißt, ihre Geldspritzen nicht reduziert und die Zinssätze nicht erhöht, dann ist die hohe Inflation möglicherweise gar nicht vorübergehend. Obgleich allein mit einer Erhöhung der Zinssätze die Inflation auch nicht bekämpft werden kann. Es sollte inzwischen hinreichend klar sein, dass jedes Geldschöpfungsprogramm, das zur Stützung des Finanzsektors dringend erforderlich ist, in Verbindung mit der Inflation zu einer weiteren Erosion der Kaufkraft führen kann, sodass neue kreative Methoden zur Kontrolle der verarmten Massen erforderlich werden. Die Alternative zum Szenario des billigen Geldes wäre, dass die Zentralbanken die Zinsen so lange erhöhen, bis die Marktblasen platzen. Das Ergebnis des Delirierens im Dilemma ist, dass die Fed nach einem Mittelweg sucht.  Das Gleiche gilt für die Bank of England und die Europäische Zentralbank.

Es ist notwendig, dass der ständig wachsende Schuldendruck an den Finanzmärkten regelmäßig etwas gemildert wird, und dabei hilft die Preisinflation, indem die Überhitzung am Anleihenmarkt abgebaut wird, da die Inflation den realen Wert der Schulden verringert. Es besteht aber weiterhin die Gefahr, dass sich die inflationäre Dynamik verselbständigt (Hyperinflation). Ein weiterer wichtiger Punkt ist jedoch, dass die Zentralbanken mit ihrer Straffungspolitik, die der Inflationsbekämpfung dienen soll, die Realwirtschaft der Stagnation zuführen und gleichzeitig versuchen müssen, die Stabilität des volatilen Finanzsektors zu gewährleisten. Was um jeden Preis vermieden werden muss, ist ein durch den Anstieg der Schulden ausgelöstes Ereignis an den Märkten. In der gegenwärtigen Situation braucht das Wachstum der Schuldenblase ein gewisses Maß an Erleichterung, und zwar in einer Situation, die durch Krieg, fallende Vermögenpreise und steigende Verbraucherpreisindizes gekennzeichnet ist. Diese Logik wird deutlich, wenn man sich beispielsweise die US-Margin Debt ansieht, also das Fremdkapital, mit dem an der Börse operiert wird. Seit Oktober 2021 sind die Margin Debt um 14,5 % gefallen, während der Nasdaq 17,6 % verloren hat.

Die Technokraten der Zentralbanken heben derzeit die Zinssätze trotz Rezessionsängsten weiter an und führen den Verkauf von Anleihen (quantitative Straffung) fort, was als »Nachfragezerstörung« bezeichnet wird. Auch die EZB hat die monetären Bedingungen »gestrafft«, indem sie im Jahr 2022 die Leitzinsen um 75 Basispunkte auf 1,25 % anhob. Im Moment, so Ann Pettifor, trampeln die Elefanten der Zentralbanken auf den Lebensgrundlagen der Bevölkerungen auf der ganzen Welt herum, indem sie in die Märkte eingreifen, die Zinsen erhöhen und das ökonomische System destabilisieren.

Am Anfang des Jahres 2023 sieht man bereits die Auswirkungen jeder Zinserhöhung der Fed um 0,5 % auf den US-Immobilienmarkt. Die Zinserhöhungen haben die Hypothekenzinsen in die Höhe getrieben, was den Immobilienmarkt unter Druck setzt. Die Zinssätze für Immobilienfinanzierungen haben sich bis April 2023 mehr als verdoppelt. Zudem sind die Gewerbeimmobilien nur noch zu 60 bis 70 Prozent belegt. In den nächsten fünf Jahren sollen in den USA mehr als 2,5 Billionen US-Dollar an gewerblichen Immobilienschulden fällig werden, so viel wie noch nie in einem Fünfjahreszeitraum. Dabei sind 70 Prozent der gewerblichen Immobilienkredite im Besitz kleinerer Banken, was die Lage verschärft.

Doch während die Stimmung der Hauskäufer auf einem historischen Tiefstand ist, bleibt die Stimmung der Hausbauer relativ hoch – was bestätigt, dass es keine komplementäre Korrelation mehr zwischen den realen wirtschaftlichen Bedingungen und der Spekulation mit Vermögenspreisen gibt; schließlich war es die Fed, die durch den Kauf von hypothekarisch gesicherten Wertpapieren die Immobilienblase weiter ansteigen ließ, auch wenn nun die Nachfrage sinkt.

Im März 2023 ging die Silicon Valley Bank, das sechzehnt größte Bankinstitut mit intensiven Verbindungen zu Tech-Unternehmen in den USA in die Insolvenz und wurde von den US-Aufsichtsbehörden geschlossen. Die Inflation treibt die Zinsen in die Höhe, was wiederum den Marktwert von Bankaktiva wie Anleihen, darunter vor allem Staatsanleihen, verringert. Da Staatsanleihen weder zum Nennwert noch zu ihrem Anschaffungspreis bilanziert werden, sondern zum aktuellen Marktpreis, wobei Anleihen über ein Viertel der US-Bankaktiva ausmachen, schlug sich der Preisverfall der Anleihen bei einigen Banken in Bilanzierungsproblemen nieder, sodass das Eigenkapital in rote Zahlen zu rutschen drohte. Das Problem ist also, dass die Marktbewertung von Assets und Hypotheken aufgrund der gestiegenen Zinssätze gesunken ist. Die Zinsen für die vor einigen Jahren gekaufte Anleihen und Hypotheken sind nun niedriger als für die neuen Hypotheken und neuen Schatzanweisungen und Anleihen. Wenn die Zinssätze steigen, fallen die Preise der »alten Wertpapiere«. Wenn die Banken ihre Anleihen oder Hypothekenpakete jedoch einfach behalten, müssen sie den Marktpreis ihrer Vermögenswerte nicht entsprechend abwerten. Sie müssen den Marktwertverlust nur dann offenlegen, wenn die Einleger ihr Geld abziehen und die Bank diese Vermögenswerte tatsächlich verkaufen muss, um das Geld für die Auszahlung ihrer Einleger aufzubringen. Da die vielen Firmenkunden der SVB nicht durch die Einlagensicherung abgesichert waren und ein Eingreifen der Aufsichtsbehörden befürchteten, wurde Geld von dieser solventen Bank abgezogen und umgeschichtet. Die wachsende Kluft zwischen dem, was Anleger durch den Kauf von risikofreien Schatzpapieren verdienen können, und dem geringen Geld, den die Banken ihren Einlegern zahlten, veranlasste die wohlhabenderen Einleger, ihr Geld abzuziehen, um anderswo eine höhere Marktrendite zu erzielen. Den meisten Anlegern war klar, dass höhere Zinssätze den Kurs von Anleihen senken würden – am stärksten bei Anleihen mit langer Laufzeit. Die Vermögensverwalter vermieden solche Kursrückgänge, indem sie ihr Geld in kurzfristige Schatzanweisungen oder Geldmarktfonds umschichteten, während die Preise für Immobilien, Anleihen und Aktien fielen.

Insbesondere kleinere US-Banken verzeichneten auch Verluste, die in die Milliarden gehen und sich auf Anleihen in ihren Portfolios beziehen. Nach der Finanzkrise von 2008 hatten die US-Aufsichtsbehörden den Banken auferlegt, mehr Staatsanleihen, das heißt liquide Vermögensgegenstände, in ihren Portfolios zu halten, deren Kurse nun infolge der Erhöhungen Leit-Zinsen durch Fed fielen und für (bisher nicht realisierte) Verluste in den Bilanzen der Banken mit verantwortlich waren. Folgerichtig griffen US-Banken massiv auf die Krisenkreditprogramme der US-Notenbank zurück. Die Fed pumpte über ihr Diskontfenster in einer Woche 152 Milliarden Dollar in den Finanzsektor, womit der bisherige wöchentliche Rekordwert von 111 Milliarden, der kurz nach der Pleite der Investmentbank Lehman Brothers 2008 erreicht wurde, klar überboten wurde.

Auch in China sind die kleinen Banken in Gefahr und einige stehen bereits am Rande des Zusammenbruchs. In China liegt das wiederum an der Finanzierungsknappheit im Wettbewerb um Einlagen mit größeren Banken und an hohen Zahlungsausfällen bei lokalen Kreditnehmern aufgrund der wirtschaftlichen Abschwächung Chinas in den letzten Jahren.

Die Aktienkurse der krisengeplagten Credit Suisse brachen im Marz 2023 zweistellig ein. In ihrem Sog rauschen Bank-Aktien europaweit in die Tiefe. Fünfjährige Kreditausfallversicherungen für Schuldpapiere, Credit Default Swaps (CDS), schnellten folgerichtig auf 574 Basispunkte hoch. Die Credit Suisse erhielt von der Zentralbank eine Liquiditätslinie in Höhe von mehr als 50 Milliarden Dollar, und die Aufsichtsbehörden erklärten, sie erfülle die Schweizer Kapital- und Liquiditätsanforderungen. Die Kunden der Credit Suisse zogen am Donnerstag weiterhin Einlagen ab. Die Behörden stellten der Bank zusätzliche Liquidität in Höhe von mehr als 150 Milliarden Dollar zur Verfügung. Schließlich wurde die Credit Suisse von der UBS übernommen.

Die Frage, die die Märkte zu Beginn des Jahres 2023 beschäftigt, ist, was passiert, wenn die Zentralbanken die Zinsen als Reaktion auf den Inflationsanstieg weiter erhöhen und Staatsanleihen weiterhin verkaufen. Das Risiko besteht nicht darin, dass Staatsanleihen plötzlich wertlos werden, weil die US-Regierung zahlungsunfähig wird oder eine Hyperinflation entsteht, sondern vor allem darin, dass die Finanzmärkte nicht mehr funktionieren, da die Preise und Renditen anormal werden und Billionen von Dollars in den Portfolios umgewälzt werden, was eine Krise auslösen kann, da Hedge-Fonds, Banken und andere Anleger nun auch um Bargeld konkurrieren. Wenn die Märkte für Staatsschulden allerdings fragil werden, dann ist das nicht zu unterschätzen, da die Staatsanleihen die verlässlichsten Sicherheiten darstellen. Staatsanleihen spielen eine wichtige Rolle im Finanzsystem und für die Staaten, die sich in den vergangenen Krisen immer weiter verschulden mussten, um mittels Konjunkturprogrammen und sonstiger Krisenmaßnahmen die Wirtschaft anzukurbeln. Der Markt für US-Treasuries leidet im März 2023 unter einem latentem Liquiditätsentzug und umfasst Papiere im Nennwert von rund 23,5 Billionen US-Dollar.

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