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Prole Wave: Klimawandel, Kämpfe in der Zirkulation und der kommunistische Horizont

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2 Mrz , 2020  

In den letzten Monaten hat die Welt eine Welle des Protests gegen den Klimawandel und Umweltzerstörung im Allgemeinen gesehen. Kurioserweise orientieren sich die offenen Revolten rund um den Globus aber nicht am Klimawandel selbst, sondern vielmehr an Kämpfen in der Zirkulation: also solchen, die jenseits der Produktion stattfinden, bspw. bezüglich der Distribution oder dem Konsum von Waren. Diese Kämpfe drehen sich dabei vor allem um den Preis einer Ware, welche eine direkte Verbindung mit dem Klimawandel hat: Öl.

Mexiko durchlebte 2017 den gasolinazo: einen Anstieg der Benzinpreise um 20%. Aufgrund der Privatisierung der mexikanischen Öl-Industrie unter dem damaligen Präsidenten Peña Nieto, kam es zur Abschaffung von Preiskontrollen. Riots, Plünderungen und Blockaden erschütterten das Land. Die Bewegung der Gilets Jaunes, welche 2018 entstand, produzierte in Frankreich (und seinen Überseegebieten) ähnliche Bilder. Der auslösende Funke: Ein Anstieg der Treibstoffpreise. Der französische Präsident Macron veranlasste zur Eindämmung des Klimawandels eine Erhöhung der CO2-Steuern. Diese ging allerdings klar auf Kosten der ländlichen Arbeiter_innen. Sie sind auf billigen Treibstoff angewiesen, um zu ihren Jobs zu kommen oder die Besorgungen des Alltags zu erledigen, da die öffentliche Nahverkehrsinfrastruktur in den ländlichen und semi-ländlichen Gebieten des Landes nur unzureichend ausgebaut ist. Auch in Haiti haben Treibstoffknappheit und Preisverknappung, in Verbindung mit dem Kampf gegen eine Regierung, die ihre Politik unverblümt an US-Interessen ausrichtet, zu einer offenen Revolte geführt. In jüngerer Zeit wurde Ecuador ebenfalls von einer aufständischen, größtenteils von Indigenen getragenen Protestwelle erfasst, die von einer Erhöhung der Benzinpreise herrührte: Präsident Lenín Moreno hatte geplant Subventionszahlungen auf Treibstoffe einzustellen. Dies war Teil der Auflagen einer Sparverordnung des Internationalen Währungsfonds, welche an die Bereitstellung eines Darlehens zur Bekämpfung des Schulden- und Haushaltsdefizits des Landes geknüpft wurde (Die Kürzung wurde zurückgezogen, was die Revolte fürs erste zum Stillstand brachte). In allen Fällen, außer Haiti, mussten die Preiserhöhungen zurückgenommen werden, nachdem Regierungen und nationale Ökonomien mit der proletarischen Revolte konfrontiert worden sind.

Nun, wenn das Proletariat rund um die Welt so leidenschaftlich billigen Treibstoff zu fordern scheint, wie sollen wir dann aber mit der objektiven Notwendigkeit umgehen, den Klimawandel zu stoppen? Unserer Meinung nach ist das Problem, dass liberale ökologisch bewusst lebende Individuen und Gruppen den Klimawandel typischerweise abstrakt beschreiben (man denke z.b. an all das Gerede von der aussterbenden Menschheit), während das Proletariat darauf durch seine materielle Sichtbarmachung reagiert. Warum? Weil es gar keine andere Wahl hat. In einigen Teilen des Planeten sind Prolet_innen direkt mit steigenden Meeresspiegeln konfrontiert, aber welche Bedeutung hat diese Realität schon für Arbeiter_innen in Forth Worth, Texas?
Aus dem gselben Grund, warum das Proletariat kaum Kommunen oder Kommunismus aus einem Ideal, sondern aus einem realen materiellen Bedürfnis heraus entwickeln wird. (Zur Rolle/Position der Radikalen Linken kommen wir später.)

Zurück zur Frage des Kommunismus. Erinnern wir uns an den italienischen aufständischen Anarchisten Maria Bonanno:

Der Befriedigung der Bedürfnisse nach Spektakel, die uns die Gesellschaft des Marktes auferlegt hat, müssen wir die Befriedigung der natürlichen Bedürfnisse des Menschen entgegengesetzten. Diese müssen angesichts des primären und essentiellen Bedürfnisses bewertet werden:
Dem Bedürfnis nach Kommunismus.

Die quantitative Bewertung des Druckes, den die Bedürfnisse auf den Menschen ausüben, wird damit auf den Kopf gestellt. Das Bedürfnis nach Kommunismus verändert andere Bedürfnisse
und ihren Druck auf den Menschen.

Die bewaffnete Freude(1977)

Wie treten wir aber den spektakulären Bedürfnissen, welche uns diese Gesellschaft aufzwingt, entgegen?

Zuerst sollten wir klarstellen, dass die Prolet_innen im großen und ganzen keine fossilen Brennstoffe benötigen. Es handelt sich hierbei um ein aufgezwungenes falsches Bedürfnis, so wie Lohnarbeit (oder irgendein anderer Weg an Geld zu kommen) auch eines ist. Denn bedürften die Prolet_innen beständigen Zugang zu billigem Benzins, wenn sie in einer Welt leben würden, in der die Lohnarbeit abgeschafft worden ist?

Der oben schon von uns benannte Anstieg von Kämpfen in der Zirkulation, eröffnet eine Möglichkeit aufzuzeigen, dass das wahre Bedürfnis der Arbeiter_innen also nicht gratis oder billiger Zugang zu Ware X, Y, Z ist, sondern viel mehr eine Welt, in der unsere Leben nicht länger von der Warenproduktion selbst abhängig sind.

Aufhebung also ausgehend von Notwendigkeit, nicht von bloßen Idealen. In Chile, wo Prolet_innen mit hohen Lebenserhaltungskosten umgehen müssen, hat eine Fahrpreiserhöhung eine umfassende Revolte gegen den Staat, seinen brutalen Ausnahmezustand und den Kapitalismus im Generellen angezettelt. Schüler_innen organisierten massenhaftes Schwarzfahren, dem sich schnell viel weitere Menschen anschlossen. So war es nur eine Frage der Zeit, bis das ganze Land zum Stillstand kam. Der Kampf in Chile ist ebenso einer um die Zirkulation, wobei die betreffende Ware hier der Fahrpreis ist. Wie chilenische Genoss_innen jedoch bemerkten, ist nicht bloß der Fakt, dass Bewegungsfreiheit an einen Preis geknüpft ist, Teil ihres Kampfes. Vielmehr geht es darum, dass das menschliche Leben als solches sich ausgehend von der Klassengesellschaft immer weiter kommodifiziert.

Dies ist ein Zusammenhang, welchen Extinction Rebellion und andere idealistische, die Klassengesellschaft ignorierende Öko-Bewegungen, übersehen. Die Klimakrise ist ein Produkt des Zwangscharakters bestimmter kapitalistischer sozialer Beziehungen und nicht nur Missmanagement unserer sogenannten Repräsentant_innen in den Regierungen (Wir kommen auf Extinction Rebellion später nochmal zurück).

Diese Kämpfe in der Zirkulation müssen als Teil des Anfangs einer Bewegung, nicht nur um das Kapital, sondern auch gegen den Klimawandel verstanden werden. Aber wie? Während Zirkulationskämpfe teilweise zu offener Revolte führen, werden Prolet_innen in ihrem Kampf beginnen zu verstehen, dass unser Problem nicht bloß der Preis von (oder der Mangel an) Benzin ist, sondern vielmehr der Umstand, dass fossile Treibstoffe eine Ware sind. Als solche ist sie auch nur wichtig für uns, solange wir in einer Welt leben, die sich in der Geschwindigkeit des Kapitals dreht. All diese Autos auf den Straßen, besetzt mit Prolet_innen, auf dem Weg zu Jobs, die sie hassen; all die fossilen Brennstoffe die verbrannt werden, um Strom für Informationsnetzwerke zu generieren, die die heißesten Nicht-Nachrichten auf Smartphones transportieren und all das für den globalen Handel im Himmel verbrannte Kerosin… alles nur nötig in einer Welt, in der das Kapital herrscht.

Für den Großteil von dem was wir Menschheitsgeschichte nennen können, lief das menschliche Leben hingegen mit wesentlich geringerer Geschwindigkeit ab. Und eine Rückkehr zu einem langsameren Ablauf wäre nicht nur förderlich, um die Ursachen für den sich vertiefenden Klimawandel zu stoppen, sie würde auch für unsere mentale und physische Gesundheit Wunder bedeuten. Lohnarbeit tötet uns und diese Welt buchstäblich. Anti-Work jedoch bedeutet De-Growth, um mal einen hippen neuen Begriff zu nutzen.

Den Klimawandel als globales, abstraktes Ding (z.b. durch Begriffe wie das Aussterben der Menschheit) zu adressieren, wird sehr wahrscheinlich nicht die Basis der Bewegung sein, die den aktuellen Stand der Dinge aufhebt. Damit meinen wir den Kommunismus.
Ihr seht wohin dies führt: Zu politischen Sekten wie Extinction Rebellion UK, welche offen mit der Polizei zusammenarbeiten und selbige gar auf diejenigen hetzen, die ihre Vorstellungen von Protest und Widerstand überschreiten. Im Gegensatz dazu wissen die meisten rassialisierten Prolet_innen, dass die Polizei schon immer unser verdammter Feind und niemals eine edle, beschützende Kraft war. Prolet_innen bekämpfen den Kapitalismus nicht auf einer globalen, abstrakten Ebene; sie kämpfen lokal, aber mit einem Verständnis der globalen Bedeutung

[ihres Kampfes]

.

Sozialdemokraten und andere staatsvergessene Linke, erwägen nun, dass uns staatliche Maßnahmen vor der Klimakatastrophe retten könnten: Der Green New Deal. Wenn das [U.S.-]Militär jedoch selbst der größte Konsument fossiler Brennstoffe ist, sehen wir, wie der Staat maßgeblich an der Klimakatastrophe beteiligt ist.

In London hat Extinction Rebellion vor kurzem Aktionen durchgeführt, die das Metronetz zum Stillstand bringen sollten. Dazu haben sie bspw. eine Bahn an der Station Canning Town (ein Arbeiter_innenbezirk im Osten der englischen Hauptstadt) blockiert, indem sie auf sie drauf kletterten. Von der Unterbrechung angepisste Pendler_innen holten sie wieder runter.

Erinnern wir uns an die Autobahnblockaden in den Vereinigten Staaten, welche während der Hochzeit der Schwarzen proletarischen Revolte (#BLM) [Black Lives Matter], zwischen 2013 und 2015, gegen Schwarzenfeindliche Polizeipraxis (und diese Schwarzenfeindliche Welt) stattfanden. Auch dort konnten wir wütende Pendler_innen sehen. Diese Wut wurde zudem öfter rassialisiert: Der Gesetzgeber verabschiedete sogar ein Gesetz, welches verärgerten Pendler_innen Absolution erteilte, wenn sie die (mehrheitlich Schwarzen) Protestierenden, die ihren Weg blockierten, töteten. Wütende weiße Amerikaner_innen, welche aufmüpfige Schwarze Demonstrant_innen niedermähen wollten, hatten nun also den Segen des US-amerikanischen Rechtsstaates dafür.

Wo ist der Unterschied?

Einige werden sagen, dass Prolet_innen nicht für die ökologische Zerstörung verantwortlich sind. Das sei der Fehler der Kapitalistenklasse. Leider stimmt das nur zum Teil. Die Pendler_innen in Canning Town mussten tatsächlich zu ihrer Lohnarbeit fahren, denn sie sind wie alle Arbeiter_innen dazu gezwungen, irgendwie ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Die Welt der Lohnarbeit hat eine Schlüsselbedeutung für die ökologische Zerstörung.

Wir sollten uns daher klarmachen, dass diese Zerstörung, an der alle Arbeiter_innen beteiligt sind, Teil der Zwangsbeziehung ist, welche unsere eigenen Leben vernichtet.

Aber wo ist nun der Unterschied?

Während der Schwarzen Revolte der letzten Jahre haben Schwarze Prolet_innen und ihre Gefährt_innen zusammen und grundlegend gegen diese Schwarzenfeindliche kapitalistische Welt gekämpft. Mit XR hingegen haben wir eine mehrheitlich liberale und – soweit überschaubar – ziemlich weiße Mittelklasse-Bewegung, die mit ihren direkten Aktionen immer noch auf die Ebene des Spektaktels abzielen. Wie ein Genosse bereits bemerkte:

Extinction Rebellion ist zum Aussterben verurteilt, denn sie haben keinerlei taktische Begabung, kämpfen auf dem Terrain des Feindes, dem Spektakel, und verlassen sich dabei auf die moralische Empfindsamkeit im Herzen des Schaulustigen. (Twitter @anarchyisme)

Wir müssen diesen Moralismus des Spektakels überwinden um einen Ausweg aus dem Kapitalismus und seiner Klimakrise, die er mit dem Streben nach unendlichem Wachstum verursacht hat, zu finden.

Damit soll nicht gesagt werden, dass sich der Erfolg einer Aktion in der Anzahl der Prolet_innen misst, die ihr zustimmen. Nicht alle Prolet_innen werden die Maßnahmen willkommen heißen, die nötig sind um freie kommunale Lebensentwürfe zu entwickeln. Wir werden uns gegen offene Reaktionäre verteidigen müssen. Aber es werden proletarische Aktionen gegen den Kapitalismus sein und nicht solche, die sich direkt gegen Prolet_innen richten, die uns helfen werden, zu gewinnen.

Als Beispiel: Würde XR das tun, was in Chile durch das massenhafte Schwarzfahren getan wurde; ihre Mühen würden zu Solidarität mit ihrer Bewegung führen. Stattdessen haben sie sich dazu entschieden, diejenigen anzugreifen, die eh schon am wenigsten von dieser Welt profitieren.

In Chile hingegen existiert nun eine breite und wachsende antikapitalistische Bewegung.

Wie wir schon vor ein paar Tagen sagten, als manche Leute zu Bildern von chilenischen Prolet_innen, die Flatscreen Fernseher in Feuer schmissen, nur anmerkten wie „verschwenderisch“ und „giftig“ diese Taten seien:

Wenn du mehr von der „Verschwendung“ durch die Zerstörung eines Fernsehers, oder die Giftigkeit dessen, bewegt bist, als durch den Fakt, dass das Proletariat einer Nation offensiven Klassenkampf führt, dann wissen wir, dass du nicht in unserem Team bist. Was da heraufsteigt, ist der kommunistisch-anarchistische Horizont und der ist „grünste“ Scheiss überhaupt.

An die Freunde

Die naheliegende Aufgabe für die radikale Linke ist, unserer Meinung nach nicht in erster Linie für mehr Klimabewusstsein einzutreten (wir werden von den Massenmedien ja schon mit endlosem click-baiting zum Thema terrorisiert). Stattdessen müssen wir uns für die Ausbreitung der proletarischen Revolten rund um den Globus einsetzen, damit so der kommunistische Horizont näher rückt. Wir werden immer in der Minderheit sein, aber wir müssen begreifen, dass die kommunistische Revolution (so wie wir sie verstehen) nicht aus konzentrierten Aktionen derer, die sich selbst als Kommunist_innen identifizieren folgen wird, sondern daraus, dass das Proletariat seiner immanenten Fähigkeit Ausdruck verleiht, seinen eigenen Zustand als Proletariat abzuschaffen. Das bedeutet lediglich, dass wir als Prolet_innen diejenigen sind, die uns aus der Scheiße ziehen werden. Dadurch das wir diese Welt, die uns erst zu solchen macht, zerstören.

Wir mögen Strategien hin und her planen können und uns so gut es geht auf die Klimakatastrophe vorbereiten. Doch das Klima wird wahrscheinlich nicht für uns den Kapitalismus abschaffen. Deshalb müssen wir einsehen, dass wir uns unseren globalen Feinden immer noch auf den Straßen, in den Bergen, den Tälern und den Häfen entgegenstellen müssen.

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