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Queere Atonalität

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28 Jun , 2015  

Ich habe gerade Jordana Rosenberg`s faszinierenden Essay “The Molecularization of Sexuality”, der kürzlich in „Theory and Event“ veröffentlicht wurde, neu gelesen. Es ist ein langer und herausfordernder Text, der eine hohe Aufmerksamkeit beim Leser verlangt, zur gleichen Zeit ihn aber unter allen möglichen Gesichtspunkten reichlich belohnt. Rosenberg geht es um Grundsätzliches, sie bearbeitet die Kontingenz und Fragilität des Mit-Seins, und fordert provokanterweise einige der Grundprinzipen der zeitgenössischen queeren Theorie und der kritischen Theorie heraus.

Der Essay ist dem gewidmet, was Rosenberg als den “ontological turn” in den gegenwärtigen Diskussionen der Humanwissenschaften bzeichnet. Mit ontologischem Turn meint sie das seltsame Polyglott, das Autorinnen von Jane Bennett bis zu Beatriz/Paul Preciado, von Steven Shaviro bis zu John Protevi umtreibt, und von Eugene Thacker bis hin zu Samuel Delany. Was für ein Haufen! Allgemeiner zitiert sie den spekulativen Realismus, die objekt-orientierte Ontologie (OOO), den neuen Materialismus und den Neo-Vitalismus. Indem sie den ontologischen Turn als eine Form des “Onto-Primitivismus” bezeichnet, forciert Rosenberg eine kraftvolle Polemik: “Der ontologische Turn ist eine Art theoretischer Primitivismus, der sich selbst als eine methodologische Avantgarde präsentiert.”

Wow. Ich gestehe, dass ich hier mit vollem Herzen mit Rosenberg übereinstimme, und um es klar zu sagen, meine eigenen Arbeiten, und im Speziellen meine Kooperation mit Thacker, welche die nichthumanen Aspekte des politischen Widerstands betrifft, bleiben angesichts Rosenbergs minutiöser Untersuchung nicht ganz unversehrt. Nichtsdestotrotz ist Rosenbergs Intervention genau das, was wir heute benötigen, insofern Schüler und Denker aus verschiedenen Richtungen den gegenwärtigen Stand der Humanwissenschaften nach dem Höhenflug der Cultural Studies und des Poststrukturalismus einer neuen Überprüfung unterziehen. Es gibt heute eine profunde Transformation in der Philosophie und Kultur, und wir müssen vorsichtig sein, dass die historischen Erträge der Cultural Studies und des Poststrukturalismus nicht im Namen der Ontologie und der Rückkehr zu ersten Prinzipien zurückgenommen werden.

Rosenberg konzentriert ihre Aufmerksamkeit auf den “subjektlosen Turn” der Queer-Theorie und der Verschiebung hin zu dem, was David Eng, Judith Halberstam und José Muñoz im Jahr 2005 das “weite Feld der Normalisierung“ genannt haben. Jedoch betrifft dies nicht nur die Verschiebung innerhalb der queeren Theorie selbst, sondern es geht um eine sich verstärkende Normalisierung – und vielleicht eine neu in Szene gesetzte Trendyness – im Konzept des Queeren hinsichtlich einer Kultur als Ganzes. Wenn auch einige Leute in strikter Redundanz sich selbst als queer bezeichnen, so gibt es doch einen neuen Trend, von queeren Gesellschaften, queeren Tieren und sogar von queeren Organismen, von queeren Molekülen und queeren Ontologien zu sprechen. Rosenberg nennt als Beispiel Tim Morton’s Essay “Queere Ökologie“, aber der Trend geht noch weiter, als ein einziger Text das überhaupt anzeigen könnte, man nehme weiter Karen Barad’s Arbeit über “Nature’s Queer Performativity,” oder die Promulgationen in anderen Zirkeln, die man vielleicht eine queere-deleuzianische Metaphysik nennen könnte.

Wenn man nun das Konzept des “Atonalen” (atone) aus Badiou’s Theorie des Punkts heranzieht, dann erscheint es möglich, einer spezifischen Form der Queerness einen Namen zu geben, den Rosenberg unbedingt entnervend findet: queere Atonalität. Mit queerer Atonalität meinen wir die Vorstellung, dass Queerness sich als Differenz als solche abtraktifizieren lässt, als Aleatorik als solche, oder als Offenheit als solche, und mit solch extremen Abstraktionen könnte man Queerness nun als den angemessenen Term für biologische und sogar ontologische Systeme annehmen. Mit anderen Worten, wenn Biologie etwas ist, das qua Differenz und radikaler Offenheit operiert, dann ist alles de jure queer. Oder wenn Ontologie ein Szenario der Abweichungen und Kurven ist, dann ist sie de jure queer. Wie Rosenberg es ausdrückt, auf der einen Seite ist “biology [is understood] as a kind of sheer queerness (or, aleatoriness),” und auf der anderen Seite ist sie “ coded as ontologically queer”.

„Aber wollen wir wirklich in die reine Aleatorik entlassen werden?“, fragt sich Rosenberg. Das wäre der Pyrrhussieg einer queeren Atonalität: “If queerness is nothing but the productive force of matter, then why continue to call it queer?” Als Abweichung von der Normalität demonstrierte Queerness bisher eine enorme ethische oder politische Kraft aufgrund ihrer Intervention und ihres Widerstandes. Wir sind hier, wir sind queer, wir Queere verlangen Aufmerksamkeit, und dies ist schon der Bruch mit der bourgeoisen Moral. In diesem Sinne meint queer essenziell “queering.” Wie  Nicholas de Villiers in seinem Buch über queere Opazität schreibt, ist queering eine Taktik, um eine partikulare normative Kategorie zu verdrehen, zu transformieren oder von ihr abzuweichen. In dieser Hinsicht mag queer keine ontologische Dimension per se besitzen, sondern man könnte queer als etwas bezeichnen, das sich nicht in existierende symbolische Ökonomien integrieren lässt, seien es sexuelle oder andere. Aber wenn heute, folgt man der neuen queeren Metaphysik, selbst die Materie und das organische Leben queer sind, dann wird die queere Intervention so atonal wie alles andere: Die Queerness der Quanten-Superposition, die Queerness der zwischenartlichen Konkurrenz der viralen Transfektion, die Queerness eines nicht auf Kohlenstoff basierenden Lebens. Was als der Prozess einer strategischen Intervention begann, ist nun zu einem Stadium der reinen “queerness“ erstarrt.

Die ontologisierende Queerness produziert eine Reihe von sekundären Effekten, die wir hier nicht alle diskutieren können. Ein weiterer wichtiger Punkt, und dies weist einige Parallelen zu meinen Kommentaren zu Catherine Malabou auf – deren Arbeiten ich äußerst nützlich finde –, besteht in dem, was man das “moralische Rätsel” nennen könnte. Kurz: Wenn Ontologie reine Aleatorik ist, und wenn Ontologie keine besondere politische oder moralische Wertigkeit besitzt, dann – ausgenommen die Art eines vollkommenen Nihilismus, der jede Politik verunmöglicht –  ist man gezwungen, eine sekundäre Moraltheorie zu entwerfen, um die primäre ontologische Theorie zu supplementieren. Man nehme Malabou: Wenn alles Plastizität ist, wie können wir dann zwischen guter und schlechter Plastizität unterscheiden? Mit welchen Kriterien können wir uns versichern, dass die kapitalistische Prekarität (eine Form der Plastizität) hassenswert ist, während die neuronale Adaptivität (eine andere Form der Plastizität) es nicht ist? Das ist die kuriose Ironie der queeren Atonalität. Was als eine Bewegung begann, die sich von den pedantischen Vorurteilen des sexuellen Moralismus, der Bigotterie und der Repression, die mit ihm einhergeht, lösen wollte, muss sich nun mit dem eigenen Umgang mit der Moral befassen! Indem man sich auf die Ebene des Seins begeben hat, muss die queere Theorie ihr eigenes Abweichen vom Sein demonstrieren. Nachdem man sich neutralisiert hat, muss man sich nun selbst wieder nicht-neutralisieren.

Ich folgte diesem Faden, weder um die Sinnlosigkeit eines solchen Vorgehens abzufeiern, noch um die queere Theorie dem Spott anheimzugeben, der nun eher von der Linken als von der Rechten kommt. Lasst uns lieber fragen, was uns diese ontologisierende Queerness gibt. Und was wir möglicherweise verlieren.

Oder um die Frage anders zu stellen: Wenn es ein „queering“ der Ontologie gibt, wie sollte es dann aussehen? Ich könnte mir vorstellen, die Frage in zwei Richtungen zu adressieren, eine eher negative und eine eher affirmative. Aber es gibt hier sicherliche noch viele andere Annäherungen.

Antwort A: Wenn man es skeptisch sieht, dann erscheint die queere Ontologie als ein Widerspruch in den Termen, einfach weil Ontologie zugleich offen und repressiv zum queeren Leben und seiner Identität steht. Ontologie reproduziert die queere Struktur der queeren Alterität, wie die Ontologie zugleich dahin tendiert, transzendental, abstraktifizierend, totalisierend zu sein, und historisch an Konzepte der Hierarchie und Moral angebunden ist, etc. “Ontologie,” schreibt Frantz Fanon in „Black Skin, White Masks“, “erlaubt es uns nicht, das Sein des schwarzen Menschen zu verstehen.” Und analog, Ontologie erlaubt es uns nicht, das Sein des Queeren zu verstehen.

Diese Antwort scheint absolut stichhaltig, und doch manchmal irgendwie limitierend. Absolut stichhaltig – in dem Sinne, wie die Metaphysik oft als eine Waffe gegen die Armen, Frauen, farbigen Leute, oder gegen irgendjemanden benuzt wurde, der am Rand der Moral oder der metaphysischen Modelle der Alterität stand. Aber auch limitierend in dem Sinne, dass, falls man solche Fragen ignoriert, sie nicht qua Magie verschwinden; jedes theoretische Anliegen, wenn man es nur lange genug verfolgt, muss sich irgendwann mit den Begriffen des Seines, der Erscheinung und der Existenz auseinandersetzen.

Die Ontologie erlaubt es nicht, wie Fanon richtigerweise sagt, aber nur, wenn man Ontologie als Repräsentation oder Metaphysik versteht. Was aber, wenn es eine Nicht-Standard Ontologie gäbe? Könnte eine Nicht-Standard Ontologie doch erlauben, uns von den Strukturen der Unterdrückung abzutrennen? Und könnte sie eine Trennung ermöglichen, während man gleichzeitig das Problem der Atonalität vermeidet und zugleich die vielen Spezifitäten der realen Kultur und der Geschichter der Leute beibehält?

Antwort B: Dies führt uns zu einer zweiten Antwort, eine, die ich als nützlicher ansehe: eine queere Theorie der Ontologie ist in der Tat möglich. Aber wie würde sie ausehen? Sie mag gar nicht queer im Sinne einer queeren Atonalität aussehen, wie Rosenberg sie zu recht in Frage stellt, eine Ontologie, die auf rein auf Aleatorik, Abweichung, Nicht-Normativität usw. beruht. Eine solche neue queere Theorie der Ontologie wäre nicht queer per se, sondern wäre “weitläufig” für Queerness genug, und zwar entlang anderer Formen des Lebens und anderen Formen des Seins in dieser Welt.

Nehmen wir zwei verschiedene Methoden an: Die erste eine Art hypertrophischer Instanz dessen, was in verschiedene theoretischen Zirkeln als „Intersektionalismus“ bezeichnet wird. Wir können solch einen hypertrophischen Intersektionalismus als eine maximal heterogene Menge aller Formen der Differenz bezeichnen, die in eine Gemeinschaft hinein getragen wird, ohne die Spezifizität und die Differenz der einzelnen Mitglieder der Menge zu opfern. Sie ist nicht unähnlich dem, was Hardt & Negri als “Multitude” bezeichnet haben – die Multitude als umfassende Heterogenität, die nicht durch homogenisierende Abstraktionen wie die Massen oder die Leute markiert wird. (Es würde einen weiteren Beitrag benötigen, um zu demonstrieren, dass die Multitude nicht einfach nur eine neue Form queerer Atonalität ist.)

Die zweite Methode kommt aus einer anderen Ecke. Während der Intersektionalismus maximal heterogen ist, gibt es aber auch die minimal heterogene Annäherung. Hier wird die Gemeinschaft der Alterität nicht in den Termen der radikalen Differenz definiert, sondern der radikalen Gemeinsamkeit. Ähnlich dem Konzept des Generischen bei Laruelle oder Badiou, sehe ich hier das Potenzial für eine queere Ontologie, die in den Begriffen einer radikalen Gleichheit qua einer axiomatischen Untersuchung der Insuffizienz der Identität besteht.

In der Tat, Rosenberg verlinkt Queerness mit dem Konzept der Kollektivität. Das ist in meinen Augen der entscheidende Schritt. Um den allegorischen Stil von Fredric Jameson zu zitieren, Rosenberg lenkt unsere Aufmerksamkeit nicht auf “das Subjekt per se“ oder auf „das Menschliche“, sondern auf das Kollektiv. Ist es nicht das, wonach der Materialismus immer gesucht hatte? Rosenberg: “Surely the collective is that aleatory togetherness of which the ontological turn dreams.”

Anstatt Queerness als die produktive Kraft einer aletorischen Materie zu verstehen, folgen wir stattdessen dem Konzept eines “queeren Ereignis” oder dem “Ereignis einer queeren Kollektivität.” Ich nehme an, dass solch ein Ereignis nicht den bekannten Modellen aus der Vergangenheit folgen würde: Ereignis als Abweichung, Differenz oder Alterität. Wenn queere Atonalität einfach die Makroform kleinerer Abweichungen ist – das Modell der Turbulenz, das so gut im queeren Deleuzianismus beschrieben wurde – so haben diese Theorien der Abweichung nur einen limitierten Nutzen. In Ergänzung würde das queere Ereignis nicht unbedingt einem produktiven oder reproduktiven Auftrag folgen; es ist einer der wichtigsten Entdeckungen der queeren Theorie, dass der queere Körper nicht verpflichtet ist, etwas zu tun. Stattdessen entdecken wir das Konzept eines queeren Kommunismus, oder was Rosenberg einfach „Kollektivität“ nennt. Die scheint mir heute dringlich und wichtig zu sein.

Mit anderen Worten, Rosenberg’s Essay zeigt, dass der gegenwärtige Onto-Primitivismus in einen  Marsch in Richtung einer Proletarisierung transformiert werden muss, die wir einfach als Einklammerung einer sozialen Kollektivität definieren, und dies im Namen einer materiellen Notwendigkeit. Die Proletarisierung muss als solche identifiziert werden, so robust und sorgfältig wie möglich. Wie Rosenberg schreibt: “Let it never be said of us that our consciousness was sheerly molecular, that we truly believed that all the baleful historical foreclosures of capitalism were ontologically true.”

Glaube niemals, dass der Kapitalismus ontologisch wahr ist … Dies ist in der Tat der erste Schritt, um eine neue Form der Kollektivität zu entdecken. Queere Atonalität blockiert eine solche Bewegung, nicht weil Queerness heute in Gänze kooperiert und daher nichts mehr anzubieten hat. Im Gegenteil, das Problem mit der queeren Ontologie liegt in der Ontologie und nicht in der Queerness, weil das Standardmodell der Ontologie eines ist, das in sich selbst suffizient ist (sich selbst genügt), und damit die Struktur einer transzendentalen Macht, der rationalen Autonomie und der Suffizienz für alle zementiert. Queerer Kommunismus hingegen besteht auf dem Insuffizient-Machen solcher philosophischen Strukturen. Queerer Kommunismus führt die Queerness von der Abweichung und der Alterität weg und hin zu einer schwachen Insuffizienz der Kollektivität, einem Leben, das gemeinsam mit anderen gelebt wird, wer immer das auch sein mag.

Übersetzung: Achim Szepanski

Originalbeitrag: hier

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