Biopolitics

Reflexionen über die Pest

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7 Apr , 2020  

beginnen wir hier. weil alles andere keinen sinn machen würde. reden wir von hier. unser ohnmacht, unser perspektivlosigkeit. unseren worthülsen, unseren leeren gesten. reden wir von dem lächeln, dass aus unseren gesichtern gewichen ist, reden wir vom grau das sich tief in unsere Seelen gefressen hat. reden wir von der monotonie unserer politischen diskussionen. reden wir davon, dass wir uns unsere eigenen versprechungen nicht mehr glauben. reden wir davon, dass wir nur noch irgendwie durchhalten, ohne aussicht auf veränderung.

winter is coming – 2018

Eigentlich hat sich nicht geändert. Alles und gleichzeitig nichts. Alle sehnen sich danach, dass das Leben wieder erträglich wird, dass der Normalzustand den gegenwärtigen Ausnahmezustand aufhebt. Unabhängig von der Frage, ob dies überhaupt möglich sein wird, und wann, wenn ja, was niemand, wirklich niemand derzeit beantworten kann, bleibt immer noch die Frage offen, warum das Leben etwas zu sein hat, das zu ertragen wäre.

Oder anders gesagt, warum alle es ertragen. Am ersten April – Wochenende haben in Berlin um die 100 Menschen versucht, den Vorgaben des Empires im Ausnahmezustand für demonstrative Meinungsäußerungen gerecht zu werden und einen symbolischen Protest in „sozialer Distanzierung“, also im gegenwärtigen vorgeschriebenen Annäherungsmodus durchzuführen, um auf die Lage der an den Außengrenzen der EU festgehaltenen und internierten Flüchtlinge aufmerksam zu machen. Ihre Aktionen wurde von den Bullen radikal unterbunden, nicht anders als in Hamburg oder Frankfurt, wo ähnliche Aktionen versucht wurden. Journalisten wurden an ihrer Arbeit gehindert und körperlich angegangen.

Das Problem ist, dass jede Empörung über dieses Geschehnisse weder sinnvoll ist, ja sogar auf ein tiefes Missverständnis beruht. Die Regeln des bürgerlichen Staates sind keine Grundrechte, sie sind Ausdruck eines Kräfteverhältnisses. Es ist niemals anders gewesen. Und der derzeitige Ausnahmezustand sollte wirklich die letzten Blauäugigen davon überzeugen, dass sie jederzeit aufgehoben werden können, dass das Vertragsverhältnis zwischen Oben und Unten nur eine Form des Waffenstillstandes darstellt, der jederzeit durch einen Aufstand oder eben wie jetzt, durch einen Ausnahmezustand aufgehoben werden kann.

Die Frage muss sein, warum von unserer Seite in den letzten Jahren so wenig dafür unternommen wurde, in diesem Kräfteverhältnis etwas zu unseren Gunsten zu erreichen. Warum man die gleichen bleichen Gesichter sieht, ob man zur Rush Hour in die S Bahn steigt oder ein Treffen der radikalen Linken in Berlin besucht. Warum die Gelegenheiten, gemeinsam und in großer Anzahl, das Leben zu leben, so selten ergriffen werden, warum so selten die Ohnmacht kollektiv aufgehoben wurde. Warum wir mit dem Rücken zur Wand stehen, schon vor der Pandemie, und warum wir uns so sehr daran gewöhnt haben.

Um es dem Teil recht zu machen, dem die ganzen Diskussionen auf der Metaebene aus berechtigten oder unberechtigten Gründen auf die Nerven geht, hier nun etwas konkretes: Wir erinnern uns, es ist erst wenige Wochen her, die Lage der Flüchtlinge, die auf den griechischen Inseln interniert sind, sowie Derjenigen an der griechisch- türkischen Grenze, hatte sich zugespitzt, bundesweit wurde zu Aktionen aufgerufen. In Berlin versammelten sich um die 4000-5000 Menschen am Bundeskanzleramt und zogen von dort aus durch das Regierungsviertel in Richtung griechisches Konsulat an der Friedrichstraße. Anfänglich nur von einer Einsatzhundertschaft der Berliner Polizei begleitet. Unter den Tausenden war bestimmt mindestens die Hälfte der Berliner „Szene“ anwesend. Man zog also vorbei an den Institutionen, die direkte Verantwortung für das Elend der Flüchtlinge in den Lagern und an der EU Außengrenze haben und weit und breit war kein Bulle in Sicht. Aber kein Farbei fand den Weg an die Mauern der Macht, keine gesprühte Parole verkündete hinterher davon, dass hier etwas stattgefunden hätte. Von ganz anderen Dingen ganz zu schweigen.

Über das warum ist alles gesagt worden in den letzten Jahren, es gibt dem nichts mehr hinzufügen. Jeder und jede weiß, wie ganz anders sich ein Abend anfühlen kann, wie das Lächeln zurückkehren kann auf die Gesichter unseres traurigen Haufens. Um den Bogen zu schlagen zu der heutigen Übersetzung könnte man sagen, dass der Pandemie Ausnahmezustand nur etwas sichtbar macht, an die Oberfläche bringt, was eh schon die ganze Zeit dagewesen ist. Darin unterscheidet sich die Situation der radikalen Linken nicht von derjenigen der Gesellschaft, die grundsätzlich zu verändern sie vorgibt. Die Lust, mit der sie sich zu großen Teilen dem Diktat der Staates und seiner Experten (genau jene, die noch vor Wochen ganz andere Einschätzungen als jetzt vertraten) unterwirft, zum glühesten Anhänger der umfassenden Quarantäne wird, lässt sich nur auf einer metaphysischen Ebene erklären, jenseits aller materialistischen Bedingungen.

Reflexionen über die Pest – Giorgio Agamben

Die folgenden Überlegungen betreffen nicht diese Seuche, sondern das, was wir über die Reaktionen verstehen sollten, die sie bei den Menschen auslöst. Es geht also darum, über die Leichtigkeit nachzudenken, mit der sich eine ganze Gesellschaft damit abgefunden hat, die Pestilenz zu erleben, sich zu Hause zu isolieren und ihre normalen Lebensbedingungen, ihre Arbeitsbeziehungen, ihre Freundschaft, ihre Liebe und sogar ihre religiösen und politischen Überzeugungen zu suspendieren. Warum gab es nicht, wie es vorstellbar war und wie es in solchen Fällen üblich ist, Proteste und Widerstände? Die Hypothese, die ich vorschlagen möchte, ist, dass die Pest in gewisser Weise, und doch unbewusst, bereits vorhanden war, dass die Lebensbedingungen der Menschen offensichtlich so geworden waren, dass es ausreichte, dass ein improvisiertes Zeichen sie als das erscheinen ließ, was sie waren, nämlich unerträglich, wie eine Pest. Und dies ist gewissermaßen die einzige positive Tatsache, die sich aus der gegenwärtigen Situation ableiten lässt: Es ist möglich, dass die Menschen später anfangen, sich zu fragen, ob ihre Lebensweise die richtige war.

Und was nicht weniger wert ist, darüber nachzudenken, ist die Tatsache, dass die Situation die Bedürfnisse nach Religiosität deutlich macht. Ein Hinweis darauf findet sich im hämmernden Diskurs der Medien: die dem endzeitlichen Vokabular entlehnte Terminologie, die vor allem in der amerikanischen Presse zwanghaft das Wort “Apokalypse” zur Beschreibung des Phänomens verwendet und oft explizit das Ende der Welt heraufbeschwört. Es ist, als ob das religiöse Bedürfnis, das die Kirche nicht mehr zu befriedigen vermag, nach einem anderen Ort zum Leben sucht und ihn in dem findet, was zur Religion unserer Zeit geworden ist: der Wissenschaft.

Das kann, wie jede Religion, Aberglaube und Furcht hervorrufen oder zumindest dazu benutzt werden, sie zu verbreiten. Noch nie haben wir das typische Spektakel der Religionen in Krisenmomenten so deutlich beobachten können: unterschiedliche und widersprüchliche Meinungen und Vorschriften, die von der ketzerischen Minderheitsposition (obwohl sie von angesehenen Wissenschaftlern vertreten wird), die die Schwere des Phänomens leugnet, bis hin zum dominierenden orthodoxen Diskurs reichen, der das Phänomen bejaht und dennoch radikal von der Art und Weise abweicht, wie ihm begegnet wird. Und wie immer in solchen Fällen gelingt es einigen Experten oder so genannten Experten, sich die Gunst des Monarchen zu sichern, der, wie in Zeiten der religiösen Streitigkeiten, die das Christentum spalten, nach seinen eigenen Interessen für die eine oder andere Strömung Partei ergreift und seine Maßnahmen durchsetzt.

Eine weitere Sache, die zum Nachdenken anregt, ist der offensichtliche Zusammenbruch aller gemeinsamen Überzeugungen und des Glaubens. Es scheint, als ob die Menschen an nichts mehr glauben – außer an die nackte biologische Existenz, die unbedingt gerettet werden muss. Aber auf die Angst, sein Leben zu verlieren, kann man nur eine Tyrannei, einen monströsen Leviathan mit gezücktem Schwert stützen.

Deshalb glaube ich nicht, dass es – wenn der Notstand, die Pest, für beendet erklärt wird, wenn sie vorbei ist – für diejenigen, die sich ein Minimum an Klarheit bewahrt haben, möglich sein wird, zum früheren Leben zurückzukehren. Und das ist zweifellos das Verzweifelndste, auch wenn, wie bereits gesagt wurde, “nur dem, der die Hoffnung verloren hat, Hoffnung gegeben wurde”.

Anmerkungen

Dieser Text von Giorgio Agamben erschien auf Quodlibet, die Übersetzung erfolgte aus der französischsprachigen Version, die auf Lundi Matinerschien. Seit seiner Stellungnahme auf il manifesto zu den gesellschaftlichen Verwerfungen infolge der Corona Pandemie (englische Übersetzung hier) sind seine Thesen ein wichtiger Referenzpunkt in den Diskussion der italienischen und französischen Linken. In einem ‘Le Monde’ Interview Ende März 2020 erläuterte er erneut seine grundsätzlichen Überlegungen (englische Version hier)

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