Samstag ist Regenschirm Tag

taken from Sūnzǐ Bīngfǎ

Wenn es den Schwarzen Block nicht gäbe, müssten wir ihn erfinden.

Olivier Lang

(Eine Hommage an Marius Jacob)

Für diejenigen unter Ihnen, die es noch nicht wissen: Sie haben den „Kopf des schwarzen Blocks“ erwischt. Und, oh Überraschung! Es handelt sich um eine Dame in respektablen Alter, in den Fünfzigern, die an die Samstagsdemonstrationen gewöhnlich teilnimmt und die es wagte, während der Demonstration am vergangenen Samstag einen regenbogenfarbenen Schirm zu öffnen. Denn an diesem Tag regnete es…

Im Moment fantasiert der Staat auf seinem Zenit und unter leerem Himmel über Regenschirme und die Tatsache, dass offene oder geschlossene Regenschirme ein mysteriöser Geheimcode der Kommunikation zwischen Aufklärern und Aufrührern seien. Denn Schirme bedeuten so viele geheime Hieroglyphen, seltsame Semaphoren, die eine clevere Vorrichtung verbergen, die auf magische Weise Störungen auf den Demonstrationen auslösen würde. Diese überraschende Tatsache wurde von Le Canard Enchaîné (a) am Mittwoch, den 9. Dezember 2020, auf eine sehr ernste Art und Weise hervorgehoben. Le Canard ganz formell:

Nach Angaben der Polizeipräfektur (…) ist der Modus Operandi gut etabliert. Auf das Signal eines sich öffnenden Regenschirms zieht jeder seine Kampfausrüstung an – ganz in Schwarz. (…) und die Gruppe tritt in Aktion.

Drei Tage später wurde eine gewisse Moun verhaftet, weil ihr Verhalten mit dem von Le Canard drei Tage zuvor aufgedeckten modus operandi nach den Angaben der Polizeipräfektur übereinstimmte. Le Canard ist immer sehr gut darüber informiert, was an der Spitze des Staates gedacht (oder eher nicht gedacht) wird, denn er geht direkt dorthin, um sich zu informieren. Hier verstehen wir, dass man sich an der Spitze des Staates Geschichten erzählt und dass man die Medialisierung diese Lügen dann in die Realität umsetzt.

Wir befinden uns also gerade in einem zirkulären Delirium. Das präsidiale Über-Ich erlaubt keine Widersprüche mehr. Jedes Mal, wenn ihm die Realität der Straße widerspricht, ist es ein bisschen wie bei einem Paranoiker in der Krise, dem man verkündet, dass er nicht der Napoleon ist, für den er sich hält. Deshalb kann es die fünfte Weltmacht eine Woche lang in Atem halten, wenn man den Präsidenten verspottet, indem man ein paar Autos auf einem Boulevard in Brand setzt. Wenn wiederum 1.500 Autos brennen, um das neue Jahr freudig zu feiern, ist ein Nicht-Ereignis (2) aus der Sicht der präsidialen Irrealität.

Die Anti-Terror Einheiten wurden daher umgehend mobilisiert, um sich mit diesem dringenden psycho-politischen Problem zu befassen (normalerweise befassen sie sich stattdessen mit Terrorismus, aber im Moment gibt es nicht viele Kunden). Sie bemühen daher auf Kosten der Steuerzahler umständliche und teure Ermittlungsmethoden, um einen neuen „ultralinken“ Terrorismus im Stil von Tarnac zu erfinden. Es scheint, dass Menschen mit Küchenmessern in ihren Wohnungen aufgespürt wurden, die ebenfalls über schwarze Ideen gegen den Staatsapparat brüteten. Es liegt also eine Verschwörung in der Luft, das ist offensichtlich.

Natürlich murrt niemand, denn was die Leute in dieser Urlaubszeit beschäftigt, ist dieser Wunderimpfstoff gegen… Delirium. Die Epidemie schwappt über das Land, halluziniert Tag und Nacht über den schwarzen Block.

Zu Ihrer Information: Wer bei einer Demonstration ein bisschen laut schreit, wird sofort angesprungen und wie ein Honk verprügelt (weil man unbedingt ein Anführer sein muss, um wie ein Ferkel zu schreien, das man in eine Wurst verwandeln will), das Trommeln ist die Garantie, dass innerhalb von zehn Minuten Blut fließt, das Ankleiden eines schwarzen Garderobenstücks ist das Indiz, das Tragen eines Halstuchs (eine Waffe letztendlich) ist gleichbedeutend mit dem Weg zum Galgen hier in Paris.. Eine Rolle Klebeband in einer Malertasche ist… –Sie kommen mit Malerband zu einer Vorführung? —Ja, Monsieur, ich bin ein Maler… . Ein Regenschirm für den Fall, dass es regnet? Sie sollten nicht einmal mehr darüber nachdenken, denn jetzt ist es eine große Sache.

Wovon Darmanin (c) träumt, sind schweigende Prozessionen, mit gesenktem Kopf, gefalteten Händen, zerknirschtem Gesicht und geschlossenen Mündern. Es ist nicht klar, ob wir sich für die Demonstration entschuldigen sollen, ob wir uns dafür bedanken sollen, dass wir auf die Straße gehen dürfen, oder ob sie wollen, dass die Demonstration wie ein Leichenzug aussieht. Es geht darum, den Zerfall eines ganzen Landes, das sie an die Wand fahren, gebührend zu begrüßen oder sich darauf vorzubereiten, all das zu betrauern, was sie nun zerstören werden.

Die Ladenbesitzer beschweren sich: Es ist niemand in den Läden, die Kunden kommen nicht wieder…. Wenn die Leute nicht in die Läden kommen, liegt das nicht daran, dass die Enge als Infektionsgarantie für alle Arten von zwanghaften Einkaufspathologien betrachtet wird. Von Marseille bis Lille, wenn all die Geschäfte für Kleidung und Charme leer sind: All das ist die Schuld des schwarzen Blocks. Sie machen den Leuten Angst…. Zumindest haben mir das mehrere Ladenbesitzer gesagt. Aber dieser Spuk ist nicht neu, dieses Symptom ist von einer Epoche zur anderen wiederkehrend. Es ist eine Epidemie, die in Wellen verläuft.

Nach einem Jahr gelber Westen sagte mir ein Galerist in Saint-Germain-des-Prés sehr ernst: In Saint-Germain haben wir in den Galerien seit einem Jahr nichts mehr verkauft, das liegt an den gelben Westen…. Seine Erklärung: Samstags kommen die Sammler mit dem Bus, um Bilder zu kaufen, aber seit die Gelbwesten die Busse blockieren, verkaufen wir nichts mehr… Drohend wandte er sich dann an einen bärtigen Gewerkschaftsfreund von mir. Sie sind nicht zufällig der Chef der Gelbwesten, oder…?

Es braucht jeden Samstag 150 Verhaftungen, um pünktlich um 20 Uhr in den Präsentationen aufzutauchen und die Ladenbesitzer zu beruhigen, die ängstlich auf die Geisterkunden in ihrem Geschäft warten. Das ist es, was es braucht, um die Leute glauben zu machen, dass der Schwarze Block schuld ist. Wir müssen verstehen, …sie sind die Zerstörer!

Aber warum bestehen Sie so sehr darauf, dies zu behaupten? 1940 hieß es, es gäbe eine Weltwirtschaftskrise wegen einer jüdischen Verschwörung, und wenn die Juden ausgerottet würden, würde die Wirtschaft wieder anziehen. Viele Menschen waren bereit, dies zu glauben, weil es eine einfache Art zu denken schien.

„Macht, was ihr wollt“, sagte Macron vor 14 Tagen zu seiner Polizei. Jetzt gibt es also keine Hemmungen mehr. Die Polizei macht, was sie will. „Wie immer“, werden sie sagen, aber diesmal fügt der Präsident diesem Segen noch 1,5 Milliarden Euro an Boni und Geschenken für die Polizei zu Weihnachten hinzu (siehe Le Canard, Mittwoch, 16. Dezember, S. 3). Als Belohnung für die Verhaftung des Chefs des Schwarzen Blocks? Oder dafür, dass jener es gewagt hat, einige offensichtliche Tatsachen zu benennen: nämlich, dass es letztlich ein Problem mit Polizeigewalt in unserem Land geben könnte und auch, dass bestimmte Bevölkerungsgruppen durch mehr als häufige Polizeikontrollen schikaniert würden.

Zeitzeugen von Franco erzählten mir, wie es in Spanien war: Die Nicht-Gegner waren glücklich, denn dank Franco hatte jede Hausfrau eine Waschmaschine! Das einzige Problem war, dass es keine Poesie mehr gab, die Literatur brauchte Jahrzehnte, um sich zu erholen und die sonstigen Künste auch, es war dieser Moment der Wiedergeburt, den man die movida nannte. Aber das war kein Problem, denn die offensichtlichen Zeichen der schlichten Präsenz von Menschlichkeit gibt es in Zeiten des Faschismus nicht mehr.

Zeitzeugen des Nationalsozialismus in Deutschland erzählten mir auch, dass viele Menschen nicht unzufrieden mit Hitler waren,“dessen Andenken immer beschmutzt wird“, sagten sie. Denn Hitler hatte ihnen ein Auto gegeben, Autobahnen, auf denen man fahren konnte, und wenn man einen schnellen Einkauf zu tätigen hatte, war es praktisch, weil man die Waren der Juden auf den Bürgersteigen von Berlin, am Fuße ihrer Häuser, kaufen konnte. Man konnte alles, was man brauchte, umsonst kaufen. Es gab in Deutschland unter Hitler Menschen, die gut gelebt haben, die einen praktischen Sinn hatten, die ruhig konsumiert haben und die sich noch lange daran erinnert haben, weswegen die Entnazifizierung so lange gedauert hat.

Warum sollte ein Mensch Kultur, Musik, Liebeslieder oder einfach nur Liebe brauchen? Könnten wir nicht auch auf Vogelgezwitscher oder Kindergeschrei verzichten? Ist all die Zeit, die Kinder mit Zeichnen, Spielen, Tanzen oder Tagträumen verbringen, nicht definitiv verschwendete Zeit? Ich habe festgestellt, dass Nicht-Gegner normalerweise keine Gedichte lesen. Sie empfinden das nicht als Mangel, weil sie sich gerne etwas gönnen, indem sie samstags einkaufen. Ein „CS++“ (der sich selbst als solchen definierte), der zwanzig Jahre lang in New York in der Immobilienbranche gearbeitet hatte, gestand mir eines Tages sogar, dass es verboten sei, sich woanders umzusehen,“weil man dadurch Zeit im Rennen verliert, und am Ende haben deine Freunde mehr als du“. Diese Leute bringen also all die Sachen mit nach Hause, die sie samstags in Pop-up-Stores kaufen. Aber sie sind nicht beruhigt, weil es zwangsläufig jemanden geben muss, der das Zeug noch mehr will als sie selbst. Und es macht sie verrückt, sich diese Eifersucht nur vorzustellen. So schützen sie sich selbst.

All dies erinnert uns an das Ende des neunzehnten Jahrhunderts, eine Zeit, die uns in Bezug auf die Grausamkeit der sozialen Beziehungen in nichts nachsteht. In den 1890er Jahren begann die gleiche Art von Menschen, das Design der Zeit zu kaufen. Nicht Regale, Telefone, Flachbildschirme, sondern Gemälde, signierte Möbel vom Schreiner, Designervorhänge, Kleidung in der Mode der Zeit, Nippes, mit dem sie ihre Wohnungen füllten. Sofort ließen sie Tresore einbauen und versiegelten sie in den Wänden dieser Wohnungen. Der Trick war, diese Tresore hinter Gemälden zu verstecken, und so begann eine ganze Ära, Tresore hinter Gemälden zu verstecken. Dieser kollektive Wahnsinn ist in jedem Roman über Arsène Lupin dokumentiert. Letzterer, der den Kaufzwang der Bourgeoisie seiner Zeit verdoppelt, verbringt seine Zeit damit, diese Wohnungen zur Freude der Leser dieser Art von Romanen leer zu räumen.

Weniger bekannt ist, dass der bürgerliche Einbrecher Arsène Lupin nur eine blasse Imitation eines anderen Einbrechers ist, der weniger berühmt ist, weil er ein Anarchist ist: Alexandre Marius Jacob. „Das Recht zu leben bettelt nicht, es nimmt. Diebstahl ist Rückerstattung, Inbesitznahme. (…) Ich zog es vor, mich aufzulehnen, indem ich Krieg gegen die Reichen führte, indem ich ihren Besitz direkt angriff„, erklärt Marius Jacob [1]..

Was Marius Jacob erfunden hatte, genauer gesagt erschaffen hat, ist „der Schirmschlag„.

„Am 5. Oktober 1901 raubten die „Nachtarbeiter, angeführt von Marius Jacob, den Juwelier Bourdin in der darüber liegenden Mietwohnung aus. Der Juwelier und seine Familie fuhren aufs Land, wie sie es jedes Wochenende tun. Die drei Männer bohren ein Loch in den Boden, schieben einen Regenschirm hinein und öffnen ihn. Die Öffnung kann dann vergrößert werden, ohne dass der herabfallende Schutt sie verrät. Gegen Mittag rutscht das Trio mit Hilfe einer Strickleiter in den Raum, in dem sich der Safe befindet, den Jacob in einer halben Stunde öffnet. (…) Die Truhe liefert 7 Kilo Gold, Schmuck, handelbare Wertpapiere und 8.000 Francs in bar.” [2]

Regenschirme sind also schon seit einiger Zeit eine Fantasie des Polizeipräsidiums. Es ist nicht erst seit gestern so, dass die Reichen ihren Anteil an den Schatten haben, ihr verfluchtes Double, das in ihnen die Wiederkehr eines Schreckens, eines Alptraums hervorruft, der für den Drang zur Akkumulation charakteristisch ist.Die schwarzen Silhouetten des schwarzen Blocks waren schon immer ein Gespenst, das wie sein Schatten an diesem Kaufmannsbürgertum haftet, denn es ist die delirierende Kehrseite seines Raubtiertriebes, die er repräsentiert. Jagen Sie das Delirium zur Tür hinaus, es kommt durch das Fenster herein (oder bei Marius Jacob sogar durch die Decke). Der schwarze Block bringt dieses spezifische Verhältnis der Bourgeoisie zu ihren eigenen Phantasien, zu ihrer Fetischisierung der Ware ans Licht, das heißt zu dem Teil der Unwirklichkeit und des Wahns, der dem verrückten Wunsch nach Erlösung durch Geld und Objekte innewohnt. Der Wunsch, ein Objekt zu sein, befreit von der Qual des Subjektseins, aber er ist auch wahnhaft substituiert. Was der Epoche hier begegnet, ist dieser Spuk, der ihr sagt, dass es unmöglich ist, in einem werdenden Objekt man selbst zu sein. Im Konsum dessen, was zum Konsum angeboten wird, ist der schwarze Block die andere Seite der möglichen Verdinglichung des Begehrens durch den Akt des Kaufs. Die wenigen Luxusautos, die auf dem Boulevard abbrennen, stehen für den verfluchten Teil einer Wirtschaft, die gerne auf Konsum verzichten würde. So sehr, dass der schwarze Block, wenn es ihn nicht gäbe, erfunden werden müsste, denn schließlich ist es die Geldausgabe, die garantiert, dass eine ganze Gesellschaft das Kapital delirieren kann, ohne endgültig zusammenzubrechen. Und deshalb spuken ein paar schwarze Männer in schwarzer Kleidung durch eine ganze Epoche, die so sehr an das Ende des neunzehnten Jahrhunderts erinnert.

Wenn der schwarze Block der Schatten der Kaufmanns-Bourgeoisie ist, bleibt die schwierige Frage: Wie kann man seinen Anteil am Schatten endgültig aufgeben? Indem er ihn an den Teufel verkauft, schlägt Chamisso in “Peter Schlemihl oder der Mann, der seinen Schatten verkaufte”, einem alten deutschen Märchen, vor. Doch auch dies erweist sich in der Erzählung als unmögliche Lösung, denn es isoliert laut Chamisso Peter Schlemihl von der menschlichen Gemeinschaft. Wer hat jemals seinen Schatten oder seinen Anteil daran aufgeben können? Es bleibt nur der Rausch des Kabelfernsehens und des Verdrängungswahns, aber Marius Jacob prophezeit:

„Das Gefängnis… das Zuchthaus… das Schafott!“, könnte man sagen. Aber was sind diese Aussichten im Vergleich zu dem Leben eines Idioten, das aus all dem Leid besteht (…) Festgefahren in ihrer engen Selbstsucht, bleiben Sie doch skeptisch gegenüber dieser Vision, nicht wahr? Die Menschen haben Angst, scheinen sie zu sagen. Wir regieren sie mit der Angst vor Repressionen; wenn sie aufschreien, werfen wir sie ins Gefängnis; wenn sie straucheln, deportieren wir sie ins Gefängnis; wenn sie handeln, guillotinieren wir sie! Eine Fehlkalkulation, meine Herren, glauben Sie mir! Die von Ihnen verhängten Strafen sind kein Heilmittel für Taten der Auflehnung. Repression, weit davon entfernt, ein Heilmittel oder sogar ein Linderungsmittel zu sein, ist nur eine Verschlimmerung des Übels. (…) Außerdem, seit ihr die Köpfe abgeschlagen habt, seit ihr die Gefängnisse und die Gefangenen bevölkert habt, habt ihr da verhindert, dass sich der Hass manifestiert? Sagen Sie! Antworten Sie mir!”

Deshalb heißt es seit Anbeginn der Zeit: „Fric fou, flics flous“ oder „Fric flou, flics fous „, Samstag ist Schirmsamstag. Zudem jetzt ganz demokratisch, für 7,12 Euro, jeder im Internet weiß nun, wie man ein Schwarzer Block Anführer wird.

1] siehe Jacques Colombat, Alexandre Marius Jacob, Le forçat intraitable, Paris, Riveneuve éditions, 2012, S. 48.

2] siehe Alexandra Delrue, Ballades parisiennes, troisième arrondissement, Paris, éditions BoD, 2019, S. 483.

Fussnoten des Übersetzers:

  1. Eine in Frankreich legendäre wöchentlich erscheinende Satirezeitschrift.
  2. Seit mehreren Jahren wird die Anzahl der Fahrzeuge, die in der Neujahrsnacht von wütenden Jugendlichen in Brand gesetzt werden, einfach nicht mehr von den staatlichen Stellen veröffentlicht. Was nicht berichtet wird, hört auf zu existieren.
  3. Französischer Innenminister

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