„Schule muss anders“ und „Villen für Alle“

Während sich manche über satirische Kurzvideos über den Corona-Lockdown aufregen, könnte deren Kritik Aufhänger für soziale Proteste sein

Wer einen Beweis für die Renaissance autoritärer Staatlichkeit suchte, kann ihn in der Aufregung finden, die die Kurzvideos von über 50 Filmschaffenden finden, die sich unter dem Motto „Alles dicht machen“ eigene Gedanken über die Corona-Politik gemacht haben. Da ist Lustiges und Originelles dabei.

Die autoritären Gesten nicht nur der Regierenden, sondern auch eines Teil der Bevölkerung werden auf die Schippe genommen. Manche scheinen in Zeiten von Corona Satire wohl als besonders ansteckend zu empfinden. Der Druck aus diesen Kreisen war so stark, dass einige Künstler ihre Videos wieder aus dem Netz nahmen. Dabei hätten zumindest einige der Videos eine gute Chance bieten können, darüber zu diskutieren, dass in der Pandemie die Klassengegensätze noch deutlicher sichtbarer wurden.

Da sinniert eine Künstlerin über die Mittelstandsfamilien, die betonen, dass sie sich vor Corona schützen und nicht ihr Haus verlassen, weil sie ja die Beschäftigten aus Liefer- und Paketdienstbranche haben, die ihnen bloß nicht zu nahekommen dürfen. Wenn diese prekär Beschäftigten sich dann in ihrer Freizeit noch in Parks treffen, dann holen die so gesundheitssensiblen Mittelständler ihre Handykameras heraus und posten Fotos über die so rücksichtslosen Menschen, die es wagen, ihre kleinen Wohnungen zu verlassen.

Allein dieses Video bringt in kürzerer Zeit so viel Gesellschaftskritik auf den Punkt, dass die hier Gemeinten bellen wie getroffene Hunde. Genau so eindringlich wurde in einem anderen Video thematisiert, dass die Bevölkerungsschicht leicht in Homeoffice und freiwilliger Quarantäne leben kann, wenn sie in großen Häusern wohnen.

„Alle sollen in Villen wohnen“

Dieses Video endet sehr politisch mit der Forderung, „alle sollen in Villen leben“. Das ist die etwas abgewandelte linke Parole, die Luxus oder allgemeiner ein schönes Leben für alle fordert. Das ist ganz in dem Sinne der Organisatoren der Demonstration „Solidarische Zukunft statt Kapitalismus“, die am Samstag in Potsdam auf die Straße gegangen sind.

Während die Supermarktverkäuferin nun nach Feierabend aus Infektionsschutzgründen keinen Spaziergang mehr machen darf, kontrolliert niemand, was ihr Betrieb tut, um sie während ihres Neu-Stunden-Tages zu schützen. In der Industrie arbeiten täglich Massen von Menschen ohne ausreichenden Arbeitsschutz – Arbeitgeber werden zu nichts verpflichtet, denn wo das Kapital Schaden nehmen könnte, wird nicht reguliert. Dabei ist es wissenschaftlich erwiesen, dass sich die meisten zwischen 09:00 Uhr und 16:00 Uhr anstecken – also auf der Arbeit und auf dem Arbeitsweg. Da läuft mächtig was schief.

Aufruf „Solidarische Zukunft statt Kapitalismus“

Der Aufruf schließt also genau an die Themen an, die auch in den Kurzvideos verhandelt werden. In einer ungleichen Gesellschaft werden die Zumutungen der Corona-Maßnahmen auch völlig unterschiedlich als Belastung nicht nur empfunden, sondern sie sind völlig unterschiedlich.

„Schule muss anders“

Die Folgen des Corona-Lockdowns in einer gespaltenen Gesellschaft waren auch der rotschwarze Faden einer Demonstration für gerechte Bildung in Berlin. Etwa 80 junge Menschen haben sich am Freitagabend in Berlin-Kreuzberg mit Schildern, auf denen es heißt „Schule muss anders“, am Oranienplatz getroffen und sind von dort durch den Stadtteil gezogen.

Es ist ein ehrgeiziges Programm, das hier linke Jugend- und Schülergruppen sowie die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft vorgeschlagen haben.

Berlins Schulen sind seit Jahren überlastet. Das war vor der Corona-Pandemie so und das hat sich in der Pandemie nur noch einmal verschärft und das wollen wir ändern, war der Tenor der Reden, die verschiedene Rednerinnen und Redner, alle unter 18 Jahre alt, gehalten haben. Es waren sehr konkrete Forderungen, die die jungen Leute haben.

Dazu gehören mehr Personal und mehr Ausbildungsplätze sowie mehr Mitbestimmung und Selbstverwaltung in den Schulen. Es zeigte sich aber auch, dass die Mobilisierung zu solchen Protesten schwieriger ist, wenn der Präsenzunterricht weitgehend ausfällt und die Medien die Aktionen ignorieren. Es waren vor allem die engagierten Jugendlichen auf der Straße – nicht nur in Berlin.

Das Bündnis für eine gerechte Bildung hat am 23. April in zahlreichen Städten Proteste organisiert. Die Jugendlichen verstehen den Aktionstag als Auftakt für einen längeren Kampf um eine soziale Umstrukturierung des Bildungssystems. Dabei suchen sie Bündnispartner unter anderem bei Gewerkschaften, Beschäftigten im Gesundheitssektor, die auch in der Corona-Pandemie eine materielle Aufwertung ihrer Berufe fordern und es nicht bei etwas Applaus bewenden lassen.

Sie wollen in Berlin am 1. Mai unter dem Motto „Gewerkschaften und Lohnabhängige in die Offensive“ ab 11 Uhr auf die Straße gehen.

Würden Aktivitäten wie dieser Aufruf, das Bündnis für eine gerechte Bildung oder die sozialpolitische Demonstration in Potsdam medial stärker wahrgenommen, wäre das natürlich für sie eine große Unterstützung. Stattdessen werden in den Medien ausgiebig die autoritären Reflexe ausgelebt, die 50 Künstlerinnen und Künstler mit ihren Videos ausgelöst haben. Ein Bruchteil dieser Aufmerksamkeit hätten die sozialen Proteste wohl verdient.

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