(Spanien) Eine Welt, die nicht mehr

Von der Grupo Barbaria, die Übersetzung ist von Soligruppe für Gefangene

Eine Welt, die nicht mehr

Es gibt Zeiten, in denen man innehält, um sich dieses System anzuschauen, und man bekommt ein seltsames Gefühl. Das Gefühl ist ähnlich wie in einem Traum, wenn die Abfolge der Dinge mit einer Absurdität geschieht, die sowohl beunruhigend als auch natürlich ist. In einem Moment der Klarheit sagt man sich, dass es keinen Sinn hat, dass die Dinge so geschehen, und man zögert, aber die Ereignisse laufen auf Hochtouren, und man kann sich nur anpassen, sich sagen, dass es so sein muss, dass, wenn der Rest sich normal verhält, es normal sein muss, und dass man die Verwirrung, die in den Magen gelangt, überwinden wird.Es ist kein Zufall, dass während der revolutionären Welle, die 1917 begann, der Mechanismus der Entfremdung in der künstlerischen Avantgarde auftaucht. Es ist auch nicht so, dass viele derer, die sie in Gang gesetzt haben, wie Maiakovski, Einsenstein oder Brecht, ihre Tätigkeit direkt mit den Hoffnungen auf die Weltrevolution verknüpft hätten. Dieser Mechanismus, der darin besteht, die Trägheit zu durchbrechen, mit der der Empfänger die Informationen annimmt, die auf ihn zukommen, ihn zu verrücken und in ihm ein Gefühl der Fremdheit angesichts dessen, was er beobachtet, zu erzeugen, wurde in dem Versuch eingesetzt, ihn aus der Passivität herauszuholen und seinen Blick zu verändern: um ihn darauf vorzubereiten, so könnte man sagen, die neue Welt zu sehen, die geboren wurde.

Etwas Ähnliches geschieht in Krisenmomenten. Die absurde Normalität des Kapitals bricht zusammen, und manchmal werden wir von der Idee überrascht, dass etwas nicht stimmt. Dass sie an der Wurzel, in der Tiefe ihrer Logik, nicht richtig ist. Die Krise, die die Pandemie ausgelöst hat, ist ein klares Beispiel, denn sie konfrontiert unsere körperliche Unversehrtheit radikal mit den Interessen der Wirtschaft: einer Wirtschaft, die, während sie bröckelt, immer brutaler und perverser wird.

Als sich bereits abzeichnete, dass der COVID in Europa gelandet war, und als die Nachrichten aus China wenig Zweifel an der exponentiellen Entwicklung der Seuche und ihrer katastrophalen Macht ließen, startete die industrielle Bourgeoise Norditaliens mit der Parole #YesWeWork eine Kampagne gegen die Einsperrung. Einige Wochen später zeigte ein Video die endlose Parade von Militärlastwagen, die Leichen aus Bergamo heraustransportierten. Es gab keinen Platz mehr auf dem Stadtfriedhof.

#YesWeWork ist ein guter Slogan, um die menschenverachtende Absurdität des Kapitals zu beschreiben. Es ist nicht nur eine Geste des Zynismus, obwohl es eine ist. Es drückt nicht nur die tiefe Verachtung der Bourgeoisie für das Leben derer aus, die sie ausbeutet. Das wussten wir bereits. Es ist ein passender Slogan, denn mit der Rückforderung von Obamas Yes We Can gibt er dem Delirium einer desorientierten herrschenden Klasse eine Stimme, die sich bewusst ist, dass die Nähte des Kapitalismus springen, und die dennoch keine andere Antwort geben kann als die Flucht nach vorn, wer fällt, wird fallen (A.d.Ü., egal wie hoch der Preis ist). #YesWeWork ist ihre besondere Coachingübung: Wenn der Kapitalismus zusammenbricht, muss man gute Miene machen und geben sich viel Mühe machen. Alles ist eine Frage der Einstellung.

Aber die Einstellung der Bourgeoisie ist notwendigerweise am Sinne des Kapital selbst orientiert. Und das Kapital hat einen Sinn für einen einzigen Weg, der darin besteht, seine Krisen zu überwinden, indem es die Bedingungen verschärft, unter denen die nächsten ausbrechen werden. Was die gesundheitliche, wirtschaftliche und soziale Situation, die wir durchleben, im Hintergrund zeigt, ist, dass das Kapital in einer Sackgasse steckt, in einer Betriebsweise gefangen ist, die im Sterben liegt und dennoch nicht aufgeben kann.

Denn was letztlich auseinanderfällt, ist die Ware selbst. Die Tatsache, dass die sozialen Beziehungen um Geld herum organisiert sind und die Menge an Arbeit messen, die jeder Produzent aufgewendet hat, um ein Äquivalent zu verlangen, genau diese Logik, die Logik von Wert und Kapital, bricht im Inneren zusammen. Die Produktion materieller Güter, die konzentrierte Anhäufung menschlichen Wissens, die Produktivkraft unserer Gesellschaft ist heute so groß, dass diese Form der Organisation sozialer Arbeit einfach ihren Sinn verliert.

Ausdruck dafür ist die strukturelle Arbeitslosigkeit, die ständig wächst, und die enorme Menge an wertlosem Geld, an fiktivem Kapital, an der allgemeinen Verschuldung der Gesellschaft. In Europa wird geschätzt, dass bis 2030 mehr als 20% der Arbeitsplätze durch die Automatisierung verloren gehen werden, was die Krise, die die Pandemie ausgelöst hat, nur noch beschleunigt. Viele der Arbeitsplätze, die in dieser Wirtschaftskrise verloren gehen, werden nicht zurückkommen. Angesichts dieser Tatsache forciert die Europäische Union ihre Hilfen für die Digitalisierung, und sie tut dies mit aller Vernunft. Im Herzen der kapitalistischen Dynamik ist die Automatisierung der Produktion unbestreitbar. Die einzige Möglichkeit, nicht von ihr überwältigt zu werden, ist, in ihre Richtung zu laufen.

Aber diese Richtung ist katastrophal. Wenn es keine Arbeit gibt, die man ausbeuten kann, kann man auch keinen Profit machen. Nur der Kredit erlaubt ein wenig Luft, und genau das ist es, was dem Kapitalismus seit den 1970er Jahren Sauerstoff gibt. Die Bourgeoisie selbst reagiert darauf verwirrend. So standen dem französischen Premierminister 1976 die Haare zu Berge, als er die Staatsverschuldung auf 16% des BIP ansteigen sah. Einer seiner Nachfolger, François Fillon, behauptete 1998, Frankreich sei zu 68% bankrott. Im April 2020, als sie 120% anstrebte, erklärte ein Abgeordneter derselben Partei, dass die einzige Lösung für einen Bankrott darin bestehe, dass Frankreich sich verschuldet. Und nicht nur in Frankreich. Um der ausbrechenden tiefen Krise zu begegnen, haben die Fed, die Bank of England und die EZB der staatlichen und privaten Verschuldung freien Lauf gelassen. Die Botschaft ist klar: Das einzige wirtschaftliche Rezept für dieses kranke System, sowohl auf der linken als auch auf der rechten Seite, besteht darin, den Ball nach vorne zu tretten.

Dies ist zwangsläufig mit einem Wertverlust des Geldes verbunden. Aber die Wirtschaftskrise ist so tiefgreifend, dass die Fed jegliche Politik der Inflationskontrolle aufgegeben hat und den unaufhaltsamen Geldfluss aufrechterhalten wird – obwohl welches Geld den schon, wenn nicht eine kreative buchhalterische Übung – um die Risiken einer Deflation zu vermeiden.

Aber die Tatsache, dass Geld und Lohnarbeit keinen Sinn mehr haben, bedeutet weder, dass diese Gesellschaft von selbst zusammenbricht, noch dass wir allmählich zu einer anderen Art von System übergehen werden. Im Gegenteil, die Vorwärtsflucht des Kapitals ähnelt der jener Oberbefehlshaber der deutschen Marine, die 1918 in der Überzeugung der Niederlage und in dem Wunsch, ihre Ehre zu retten, die Kieler Matrosen zu einem Selbstmordangriff gegen die englische Flotte schickten. Yes, we work. Inmitten einer Pandemie, die nach offiziellen Angaben längst eine Million Tote gefordert hat, ist die Arbeitsmaschine noch immer in Betrieb. Und es ist eine Tötungsmaschine.

In Spanien wurde die Aufhebung der Einsperrung mit einer orchestrierten Werbekampagne in allen Medien des Landes mit einem einzigen Ziel erreicht: Wir haben gewonnen, alles läuft gut, öffent die Terrassen, konsumiert und vor allem serviert die Getränke, die Deutschen kommen. Kaum eineinhalb Monate nach dem Ende der Einsperrung stieg die Ansteckungskurve wieder mit voller Geschwindigkeit an. Um den Tourismus zu retten, wird jede wirkliche Präventionsmaßnahme abgelehnt und stattdessen einige Schminkmassnahmen ergriffen: obligatorische Maske, Rauchverbot auf der Strasse, maximal zehnköpfige Versammlungsgruppen. Ab September findet, wie an so vielen anderen Orten auf der Nordhalbkugel, die Rückkehr in den Unterricht persönlich und inmitten des Chaos statt. Die Politiker selbst, links und rechts, erklären es: Alle Schüler werden infiziert werden, deswegen die Lehrer auch, und – es liegt an ihnen – einige werden sterben. Aber ohne die Kinder in der Schule zu parken, können die Eltern die Lohnarbeitsmaschine nicht weiter betreiben. Nach dem Gesundheitspersonal und den für das Kapital unentbehrlichen Arbeitskräften mit der ersten Einsperrung sind die Lehrer die nächste Ladung im Verkauf von Kanonenfutter.

Das wird nicht aufhören. Erstens, weil das Auftreten des Coronavirus die Chronik eines vorhergesagten Schlachtens war. Als charakteristisches Produkt des Verhältnisses zwischen Kapital und Natur können die Bedingungen, die zur Entstehung dieser Pandemie geführt haben, nur noch schlimmer werden: Je stärker die Wertkrise, je brutaler ihr Verbrauch an Energie und natürlichen Ressourcen, je weniger Aufmerksamkeit die Produktion durch die Zerstörung der natürlichen Lebensräume erfährt, je mehr soziales Elend entsteht, je mehr das Immunsystem unserer Spezies geschwächt wird, je mehr die Megastädte wachsen, desto mehr sind die Staaten gezwungen, die Gesundheitsausgaben zu senken, um sie für Schulden und Repression zu verwenden. Wie ein Krebs im Endstadium gerät das Kapital außer Kontrolle und erreicht alle Organe eines kranken sozialen Körpers.

In diesem Zusammenhang sollte man sich nicht wundern, dass sich der bourgeoise Staat wie ein bourgeoiser Staat verhält. Es unterdrückt: natürlich. Seine Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass der Waren- und Arbeiterstrom so normal wie möglich weiterläuft. Wenn das in jedem Land 200 Tote pro Tag bedeutet – das entspricht einem Flugzeug voller Passagiere, das jeden Tag abstürzt – ist das ein Preis, den es mehr als bereit ist zu zahlen. Wenn es bedeutet, den privaten Raum, in dem Solidarität und gegenseitige Hilfe miteinander verwoben werden, zu bestrafen, wird es dies tun. Wenn er Geldstrafen und Prozesse erhöht, wenn er die Polizei zur Niederschlagung der Proteste gegen Hunger schicken muss, muss er nur unterschreiben. Das ist es, wofür ihm die Kapitalisten Tribut zollen. Die Linke und die Rechte, ihre parlamentarischen Tänze, ihre Sündenböcke, ihr Jonglieren, damit der Zusammenbruch der Gesundheit nicht zu einem sanitären Kollaps mit brennenden Leichen in den Straßen wird, all dies ist nur der Hintergrund eines makabren Schauspiels.

Wir kommen nicht in eine neue Normalität. Es wird die gleiche Normalität des Kapitals bleiben, zunehmend katastrophaler und wilder. Aber genau wie die Krise selbst stammen die Kampfbewegungen von früher, und die Pandemie kann nur als Katalysator wirken. Ende 2018 werden die gelben Westen in Frankreich eine Welle von Kämpfen auf internationaler Ebene auslösen, die sich über das gesamte folgende Jahr erstrecken wird. Es folgen Revolten im Sudan und in Haiti. Kurz darauf trifft Hongkong ein, lähmt das Land für Wochen und gefährdet die Regierbarkeit dieser Bastion der Hungerspiele, in der die verschiedenen imperialistischen Mächte miteinander konkurrieren. Im Herbst 2019 werden sich die gewalttätigen Auseinandersetzungen auf den Libanon, den Irak und Ecuador konzentrieren. Im Libanon und im Irak werden die Proteste den Premierminister stürzen, in Ecuador werden sie einen Wechsel des Regierungssitzes erzwingen. Wenn Sebastián Piñera Anfang Oktober vor den Medien mit der Stabilität Chiles in einem von Klassenkonfrontationen erschütterten Lateinamerika prahlte, wird sich nur wenige Wochen später, wenn die Straßen des Landes brennen, der Ton ändern: „Wir befinden uns im Krieg mit einem mächtigen, unerbittlichen Feind“, den seine eigene Frau als „fremde Invasion“ beschreiben wird, die sie übertrifft.

Selbst als ein Drittel der Weltbevölkerung eingesperrt ist, bricht im Mai 2020 in den USA Wut über die Ermordung von George Floyd aus. Wenige Tage später hat sich der Aufstand im ganzen Land ausgebreitet, und kein Maß an Einsperrung oder Alarmzustand kann ihn aufhalten. Die Demonstranten kommen im Weißen Haus an und Trump rennt zum Bunker, um dort Zuflucht zu suchen, wie es Macron nur ein Jahr zuvor auf dem Höhepunkt der Gelbe-Westen-Bewegung getan hatte. Im August kehrt der Libanon zurück und bald darauf Weißrussland, wo sich eine Welle von Fabrikstreiks zu den größten Mobilisierungen seit dem Sturz der UdSSR gesellt. Zum Zeitpunkt der Erstellung dieses Artikels steht Nigeria in Flammen.

Wir leben die Rasselgeräusche einer absurden Welt. Als Beute seiner eigenen Qualen fordert das Kapital von uns, unser Leben und das unserer Lieben zu opfern, um eine Maschine weiter zu ernähren, die nicht einmal aufrecht erhalten werden kann. Arbeitslosigkeit, Verschuldung, Brände, Pandemien, Depressionen: das ist der Horizont eines sinnlosen Lebens, eines sinnlosen Sozialsystems, für das wir bis zum letzten Blutstropfen aufkommen müssen. Moral des Sieges, nennen sie es, und nicht einmal die Bourgeoisie selbst kann überzeugt werden.

In jedem Traum gibt es einen Kampf zwischen Normalität und Verwirrung. Irgendwann öffnet sich die Wunde, und wir haben nur noch eine Alternative: in ihr zu bleiben oder aufzuwachen. Jede Krise ist ein Anfang. Als also das deutsche Oberkommando die Kieler Seeleute in den sicheren Tod schicken wollte, provozierten sie am Ende eine Revolution. Damals war die Logik dieser Welt zusammengebrochen

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