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Spekulation, Kapital und Zeit (Konings: Capital and Time) (1)

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23 Okt , 2018  

Wir führen die Diskussion um Spekulation, Zeit und Kapital entlang des Buches »Capital and Time« von Martijn Konings. Bis auf das Problem der Chrematistik bei Aristoteles geht die Kritik an der Spekulation zurück. Sie war von Anfang als eine Kritik an den Investments in solcher Versprechen ausgerichtet, die kein Fundament besitzen, und damit eine irrationale Attribution des Werts an Fiktionen, die weit entfernt von jeglicher Substanz sind, vornehmen. Im Zentrum der heterodoxen Ökonomie-Kritik am Kapitalismus steht die von ihr vollzogene Trennung von realen und fiktiven Werten; die Spekulation wird generell als eine finanzielle Form gesehen, der es an Realität, realem Wert und Substanz mangelt und deren Forderung nach Verwertung reiner Fake oder Illusion ist. Dagegen gibt es eine minoritäre Postion, die darauf besteht, dass die Eliminierung der Spekulation keine Option ist, da es heute an den Märkteneine produktive, interaktive Dynamik der Spekulation gibt, wobei der Wert keine Existenz außerhalb der Pragmatik der finanzialisierten Bewertung, die immer antizipatorisch ist, besitzt, ja darüber hinaus sind wir mit der praktischen Unmöglichkeit konfrontiert, zwischen einer Position, die spekulativ ist, und einer, die sich an realen Werten orientiert, überhaupt unterscheiden zu können.

Die postmoderne anti-essentialistische Kritik am Determinismus und Fundamentalismus hat heute enormen Einfluss in den Sozial- und Wirtschaftswissenschaften. Die heterodoxe Perspektive in der Ökonomie sieht genau in diesem Kontext ein elastisches Verhältnis zwischen realen und fiktiven Werten, und das inkludiert, dass man zwar zugesteht, dass das Materielle des Werts durch Spekulation gedehnt oder inflationiert werden kann, aber an einem gewissen Punkt muss man zu seinem ursprünglichen Stadium zurückkommen, ansonsten verschwindet. Man denke etwa an Wagenknechts »gute« Realökonomie, die von den gierigen, parasitären Spekulanten befreit werden muss. In der orthodoxen ökonomischen Theorie gibt es wiederum überhaupt keine Spannung zwischen realen und fiktiven Werten, da das Geld hier nichts weiter als ein arbiträrer Numeraire ist, der den Tausch ermöglicht; es ist ein objektives, neutrales Messinstrument und gilt als eine unwidersprochene staatlich garantierte Autorität. In dieser rudimentären Art und Weise reflektiert die Orthodoxie den selbstreferenziellen Charakter des Geldes, das man als eine paradoxale Kombination von Fiktion und Fakt anzusehen hat; einerseits ist es ein reines Versprechen, andererseits löscht dies in keinster Weise seine Potenz aus als ganz realer Wert zu fungieren, als ein objektiver Standard für eine ganze Reihe von Inter- und Transaktionen an den verschiedenen Märkten. Die orthodoxe Theorie abstrahiert zudem von der zeitlichen Dimension der selbstreferenziellen Logik des Geldes, indem sie eine rein statische Barter-Ökonomie konstruiert.

Um das Geld in seiner Selbstreferenzialität zu erforschen, begreift Konings den Wert nicht als elastisch (als zwischen realen und fiktiven Werten oszillierend), sondern als plastisch. Plastizität bezieht sich allgemein auf den konstitutiven Charakter von kontingenten Assoziationen bzw. auf die Art und Weise, wie Konnexionen in einer Welt ohne externen Beweger zu weiteren Konnexionen führen. Eine plastische Identität (re)produziert sich selbst durch kontinuierliche Veränderungen in relationalen Formen, bis hin zum Verlust von fixierten, essenziellen Eigenschaften – und dies steht im Gegensatz zum aristotelischen Verständnis der Identität in den Termen der Substanz oder der akzidentellen Qualitäten. Das gegenwärtige Geld ist plastisch, es besitzt keine Essenz und bleibt doch eine objektive Entität qua kontinuierlicher Transformation der spekulativen Verbindungen, die es produzieren. In diesem Sinne ist das Geld rein virtuell, obgleich es als eine organisierende Form in Zeiträumen von versprechenden Relationen real operiert. Es ist eine Konfiguration symbolischer Formen und wirkt zugleich als eine nicht-repräsentative unhintergehbare Kraft. Geld ist in sich selbst das Ding, das es repräsentiert. Es geht über sich selbst hinaus, es geht zurück zu sich selbst und verspricht ein Mehr von sich selbst.

Die Konstitution des Geldes als ein Prozess in sich selbst, wodurch Wert gestaltet und gemessen wird, wird von den traditionellen Marxisten immer noch als relationalistisch und subjektivistisch denunziert, weil angeblich die Unterscheidung von Fiktion und Fakten aufgehoben werde. Die Konstitution der Form wird weiterhin als ein Prozess begriffen, der passiv und repräsentational ist, während Konings ihn als spekulativ und performativ begreift. Der ökonomische Wert lässt sich eben nicht als ein Metermaß/Lineal begreifen, das Einheiten besitzt und an ein externes Objekt angelegt wird, sondern er wird nicht unabhängig vom Objekt definiert, das gemessen wird. Er emergiert aus dem Objekt und konstituiert das Objekt. Die Reduktion des Wertes auf Repräsentation unterdrückt das spekulative Moment und seine Kapazität eine Realität zu erzeugen, auf deren Dynamik spekuliert wird. Die traditionelle Formtheorie hat sich nie um ein Verständnis der fiktiven Formen im Hinblick auf ihre Kapazität in der Realität konstitutive Assoziationen, Relationen und praktische Investitionen zu generieren, bemüht, um die Produktion von Kontingenz.

Andererseits gibt es gegenüber dem Traditionalismus, der seinen Materialismus hervorzukehren versucht, eine konstruktivistische, idealistische Position, die behauptet, dass ökonomische Identitäten und Strukturen nicht vorgegeben, sondern davon abhängig seien, wie die Akteure konzeptionell die Welt konstruieren. Und so schwankt man zwischen Materialismus, dem Fetisch der materiellen Arbeit, und dem Idealismus, dem Fetisch des Wissens, hin und her. Negris Konzept der immateriellen Arbeit schließt sich dieser Oszillation an. Dahingegen zeigt schon die Marx`sche Kritik am Substantialismus von Ricardos Arbeitswerttheorie, dass die kapitalistischen Praktiken der Verwertung keine zeitlosen und externen Standards beinhalten, vielmehr sind sie bezüglich der Kalkulationen und Messungen auf performative Instrumente angewiesen, wobei gerade heute immer wieder neue Formen der spekulativen Bewertung entstehen, sodass man von einer fortwährenden Krise der Messung und der Repräsentation sprechen kann. Die permanente Insuffizienz der Messungen motiviert potenzielle endlose Erneuerungen der Messungen; gerade das Fehlen der ontologischen Autonomie des Werts erzeugt die Dynamik der fortwährenden Messungen.

Der Wert ist nicht gegeben, bevor er nicht signifiziert wird; diese Signifikation ist nicht passiv und repräsentational, sondern sie ist performativ – sie wird getrieben von der Projektion des Möglichen. Wenn die Kreation von fiktiven Formen eine temporale Dynamik erzeugt, mit der virtuelle Forderungen aktualisiert werden, so funktioniert die Aussicht auf Aktualisierung als ein immer wieder zurücktretender (virtueller) Horizont, der per se nicht eingeholt werden kann (Lacans object a).

Selbst noch die Spannung zwischen Austerität und Spekulation zeigt für Konings eine affektive Struktur der plastischen Logik des Werts an, den Geist in der finanziellen Maschine bzw. das Kräftefeld, das die kontingenten Assemblagen der spekulativen Relationen zusammenhält. Die Austerität wird meistens lediglich im Kontext einer Politik gesehen, die die kurzfristigen Gewinninteressen der Rentiers auf Kosten der Realökonomie favorisiert. Austeritätspolitik (anstatt keynesianischer Nachfragestimulation) führe damit zur Vertiefung der Rezession und unterminiere die Bedingungen für ökonomisches Wachstum und Profitabilität. Wenn es auch klar ist, dass die Austeritätspolitik entgegen einer Vollbeschäftigungspolitik das Entstehen eines Prekariats begünstigst hat, so ist doch weit weniger klar, ob nicht gerade das Prekariat die Kapitalverwertung befördert hat. Unsicherheit, Instabilität und Prekariat sind nämlich Teil einer produktiven und spekulativen ökonomischen Governance.

Wenn in der selbstreferenziellen Bewegung des Geldes eine doppelte Bewegung am Werk ist, dann nicht die zwischen fundamentalen Werten und und spekulativen Impulsen, vielmehr insistiert in ihr die konstante Notwendigkeit, produktiv auf spekulative Provokationen zu antworten, um die Realität mittels neuer Relationen zu rekonstruieren. In diesem Zusammenhang ist dann auch das Leverage zu sehen, das Akteure, die in höheren sozialen Positionen angesiedelt sind, verpflichtet, ihre Aktivitäten zu hebeln, das heißt, sie richten ihr Beziehungen zu anderen so ein, dass sie den höchsten Gewinn, den größten Output für einen gegebenen Input ziehen können. Das Konzept des Leverage funktioniert auf der individuellen Ebene immanent, relational und performativ, und zwar durch die rekursive Aktivierung von Konnektionen und Operationen, die es komponieren. Es zeigt, dass die relationalen Formen immanent und konstitutiv zugleich sind, um neue Normen zu schaffen. Leverage ist die Art und Weise, wie man seinen fiktiven Projektionen eine sich selbst erfüllende, performative Qualität x gibt, indem man erzwingt, dass die Welt affirmativ auf die eigenen spekulativen Forderungen antwortet.

Insofern die Spekulation mehr als nur »Wetten« bedeutet, involviert sie das Leveraging. Das Leveraging beinhaltet nicht einfach nur die Verbesserung der ökonomischen Position des Spekulanten, sondern gestaltet seine Konfiguration der Realität. Die Mainstream- Wirtschaftswissenschaften begreifen die Spekulation lediglich als ein nicht-performatives Risikomanagement, das die Unsicherheit eliminiert und darauf besteht, dass die Zukunft kalkulierbar ist, wenn nur die richtigen Daten und Methoden zur Verfügung stehen. Da davon ausgegangen wird, dass keine signifikanten Unterschiede zwischen der Vergangenheit und der Zukunft bestehen, kann letztere aufgrund der Kenntnis der ersteren mittels eines perfekten wahrscheinlichkeitstheoretischen Wissens kalkuliert werden. Es geht hier dann tatsächlich zu wie in einer Lotterie: Da die Randomness systemisch produziert und der Einfluss des Subjekts isoliert werden kann, erhalten wir vollständiges Wissen. Aber die Unsicherheit ist vom kalkulierbaren Risiko so einfach gar nicht zu trennen, sondern es stellt sich die Frage, wie man die Unsicherheit der Zukunft benutzt, um sie auszubeuten ohne von ihr paralysiert zu werden. Das Leverage im Rahmen der Spekulation besitzt hier dann eine präemptive Qualität, es antwortet auf das Fakt, dass wir niemals die Zukunft vollkommen wissen können und deshalb Strategien benötigen, die permanent das Moment der Unsicherheit bearbeiten. Leverage bedeutet dann, sich selbst als einen nodalen Punkt innerhalb einer interaktiven Logik der Spekulation zu begreifen, als ein Attraktor im sozialen Feld. Die Art, wie man die Unsicherheit der anderen hebelt, besteht dann darin, dass man sie dazu bringt, in die meinigen Versprechungen (als eine Art, die Unsicherheit zu hedgen, der sie ausgesetzt sind) zu investieren. Das Leveraging verschiebt die Emphase, die auf die Möglichkeit, die Risiken korrekt zu kalkulieren, bezogen ist, hin zur Art und Weise, wie Akteure ihre Versprechen als relevante Einheiten der Kalkulation zu institutionalisieren versuchen. Die ökonomische Macht besteht nicht nur im Wissen, sondern darin, dass man selbst im Kontext einer grassierenden Unsicherheit (an)erkannt wird. Damit lässt sich das Leveraging als ein säkulare Form der Souveränität verstehen, mit der man das Feld der Risiken zwar nicht transzendiert, aber die Möglichkeit besitzt, die eigenen Risiken in Gefahren für andere zu transformieren.

Die Zahlungsversprechen einer Bank funktionieren als ein Standard gegen den Wert anderer Versprechen. Sie werden in Geld gemessen. Ohne Unsicherheit benötigten wir weder Banken noch Zahlungsversprechen. Die Banken machen das Nicht-Wissen von der Zukunft operabel. Der Mangel an suffizientem Wissen wird hier aber nach wie vor in wahrscheinlichkeitstheoretisches Denken übersetzt. Die Zahlungsversprechen, die eine Bank ausgibt, generieren eine ökonomische Norm bzw. einen Standard des Werts. So fungiert das Geld der Bank als eine Art zeit-speichender Aggregator, als ein Mittel, Optionen und Möglichkeiten offen zu halten.

Geld ist für Konigs des spekulativste Objekt in unserem Leben, aber auch die höchst objektive Form der Navigation des Risikos, die wir besitzen. Geld zu halten ist die am wenigsten unsichere Wette. Obgleich wir heute das Geld weniger als eine Obligation der Bank denn als ein legales Tauschmittel, das durch den Staat garantiert wird, begreifen, bleibt das Geld der Bank in einem grundlegenden Sinne Geld. Die Kreation einer nationalen Währung bedarf schließlich der Unifizierung des Bankensystems durch die Zentralbank.

Die Banken können der Logik der Unsicherheit nicht entfliehen und ihr Geld funktioniert nicht als ein Standard des Werts, der die Emergenz alternativer Prozesse der Bewertung verhindert. Bei einem Bankrun wird der kontingente Charakter einer Bank deutlich, wobei heute an dieser Stelle eine big to fail-Logik greift. Wenn große und hoch-gehebelte Finanzinstitutionen unter Druck geraten, dann kommt bei der Bewertung unweigerlich die Logik der Austerität und des Bailouts ins Spiel. Meistens wird das nur als eine irrationale oder korrupte Politik des Staates abgetan aber das Re-Arrangement der Schulden und die Neuverteilung der Zahlungen war schon immer ein Teil der Governance der Banken.

Selbst der keynesianische Welfare-Staat nach dem zweiten Weltkrieg war nicht als extern zum Markt zu begreifen, sondern er war zentral für die Etablierung der Risiko-Logik. Er repräsentierte weniger den Klassenkompromiss zwischen Kapital und Sozialdemokratie, sondern beförderte die Integration der Bevölkerung in die Kapitalmechanismen. Der Klassenkompromiss stellte sich gerade durch die den Staat geförderte Expansion der Banken her. Man denke an die durch den Staat geförderten Unternehmen, die das Potenzial des finanziellen Systems, verschiedene Formen der Hypothekenkredite zu erzeugen, unterstützen. Die Einlagesicherung durch den Staat verhinderte die Möglichkeit des Bankruns und normalisierte die Rolle der Banken im alltäglichen Leben. Das fordistische Regime der Vollbeschäftigung und der sicheren Löhne begründete kein nicht-verschuldetes Leben, wie man heute oft annimmt, vielmehr legte es die Basis, von der aus die Haushalte Konsumentenkredite und Hypotheken aufnehmen konnten.

Foto: Bernhard Weber

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