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Status und Stellung des Finanzkapitals und Marx’ Orthodoxie

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30 Okt , 2016  

Zu Status und Stellung des Finanzkapitalismus – Das Anhalten der ursprünglichen Akkumulation in einer Verwertung in zweiter Potenz

Frank Engster, Vortrag in Ff/M. mit Achim Szepanski,

Szepanskis Beitrag hier

Es gibt in Achim Szepanskis beiden Bänden zur Kapitalisierung sowie in Non-Marximus m. E. vier für die Kritik der politischen Ökonomie entscheidende und unhintergehbare Einsichten. Mir sind, wenn ich das so sagen darf, dieselben Einsichten zuteil geworden; ich habe sie u.a. in meinem Buch Das Geld als Maß, Mittel und Methode entwickelt. Ich kreise hier um ähnliche Probleme, die Achim im Anschluss an Laruelle als das „Reale“, die „Determinierung in letzter Instanz“ oder die „Quasi-Transzendentalität des Kapitals“ bezeichnet und die er mit Marx in eine Ökonomiekritik gleichsam zu verschieben versucht.

Mit meinen Worten formuliert, geht es in unseren vier Einsichten zum einen um das Eröffnen einer Art produktiver Differenz, nämlich um die Frage des Ursprungs der Produktivkraft der kapitalistischen Produktionsweise. Und zum anderen geht es darum, wie diese Produktivkraft in Kraft gesetzt und wie sie zugleich bewältigt wird (beides, die Produktivkraft der kapitalistischen Produktionsweise und ihre Bewältigung, sind vielleicht das, was sich mit Laruelle als „das Reale“ und „Determinierung in letzter Instanz“ bezeichnen ließe).

Es gibt vier Verschränkungen, an denen sowohl Achim als auch ich die Produktivkraft der kapitalistischen Ökonomie und ihre Bewältigung mit Marx‘ Ökonomiekritik ausweisen:

  1. Die Differenz im Begriff der Arbeit: Die Differenz von Arbeit und Arbeitskraft, also zwischen dem durch die Arbeitskraft geschaffenen Wert und dem Wert, der zu ihrer eigenen Reproduktion notwendig ist und den sie im Lohn erhält – diese Differenz ist für die Verwertung und ihre produktive Kraft entscheidend. Ihr entspringt diejenige zusätzliche Arbeitszeit, die als Mehrwert ausgebeutet und als Profit realisiert wird und die in die Erweiterung der gesellschaftlichen Reproduktion eingeht. Diese kritische Unterscheidung zwischen Arbeit und Arbeitskraft ist vielleicht Marx’ Einsicht schlechthin und grenzt ihn von der bürgerlichen Ökonomie ab, und Achim und ich folgen ihm hier.

  2. Die spekulative Identität von Wert und Geld: Die In-Wert-Setzung und Realisierung dieser Differenz zwischen Arbeit und Arbeitskraft fällt ins Geld; Wert und Mehrwert sind daher je monetär bestimmt. Diese Notwendigkeit der Einheit von Wert und Geld kann als der kritische Gehalt der Neuen Marx-Lektüre gelten, die sich innerhalb der westdeutschen Marx-Diskussion Mitte der 1960er-Jahre herausgebildet hat und an die Achim und ich hier anschließen.

  3. Die spekulative Identität von Geld und Kapital: Das Geld ist wiederum immer schon durch die kapitalistische Verwertung bestimmt. Für diese Verwertung muss das Geld selbst in die Gestalten von Arbeit und Kapital verwandelt werden, aber dieses Verhältnis von Arbeit und Kapital bildet immer schon ein Gesamtkapital. Diese Ebene des Gesamtkapitals ist, und auch da sind Achim und ich uns wohl einig, vernachlässigt worden, und zwar auch in der angesprochenen Neuen Marx-Lektüre, die in der Bestimmung und Entwicklung des Werts und seiner Verwertung eher einem methodologischen Individualismus folgt. Als Kapital setzt das Geld die Verwertung beständig erneut in Kraft, beutet die Differenz zwischen Arbeit und Arbeitskraft aus und wird darüber Totalität und Transzendental zugleich – darin schließt sich der Kreis zur Differenz von Arbeit und Arbeitskraft, zur Untrennbarkeit von Wert und Mehrwert und zur Notwendigkeit der Einheit von Wert und Geld. Achim bezeichnet das mit Laruelle als „Quasi-Transzendentalität des Kapitals“.

  4. Die spekulative Identität von Kapital und Finanzkapital. Es gibt nicht nur eine Verschränkung von Wert und Mehrwert, des Weiteren von Wert und Geld und schließlich von Geld und (Gesamt-)Kapital, sondern auch von Kapital und Finanzkapital. Arbeit und Wert sind demnach nicht nur immer schon durch das Geld bestimmt, und das Geld ist nicht nur durch seine kapitalistische Verwertung bestimmt, sondern Geld und Kapital sind wiederum, vereinfacht zusammengefasst, durch Techniken des Finanzkapitals bestimmt. Sie sind allein schon darum durch diese Techniken bestimmt, weil die kapitalistische Verwertung auf ihre eigene Zukunft ausgerichtet ist, also auf G’, auf die vermehrte Rückkehr des Geldes, und für diese Ausrichtung auf die vermehrte Rückkehr des Geldes sind Formen des Finanzkapitals entscheidend. Die Techniken des Finanzkapitals sind gleichsam ein reflektierter Umgang mit der kapitalistischen Bestimmung des Geldes sowie mit den Kapitaleigenschaften all dessen, was sich eben kapitalisieren lässt (wie etwa Eigentum, Eigentumstitel und Assets aller Art); zeitlich gesehen entspricht dieser reflektierte Umgang dem Futur II, d.h. die Ausrichtung der Finanzoperationen auf das, was sie wert gewesen sein werden.

Die drei ersten Verschränkungen kulminieren in der letzten, in der Frage des Status und der Stellung des Finanzkapitals. Dieser Status des Finanzkapitals ist nicht nur Gegenstand in Achims aktuellem Buch Non-Marxismus; der Status ist auch Gegenstand in den aktuellen Debatten zur Finanzkapitalismus-Kritik, und zwar nicht nur in den an Marx orientierten Debatten. Die an Marx orientierten Debatten haben hier allerdings eine Eigentümlichkeit zu bieten, nämlich einen unbedingten Materialismus und eine Art Orthodoxie. Diese Orthodoxie will ich zunächst kurz erläutern, und meine Gretchen-Frage wäre, auf welcher Seite Achims steht.

Marx’ Orthodoxie

Die entscheidende Frage scheint zu sein, wie sich die Verwertung von Arbeit und Kapital, mithin die erweiterte Reproduktion der Gesellschaft, durch das Finanzkapital vollzieht. Diese Frage stellt sich für die quantitative Ausweitung des Finanzkapitals und für seine neuen Formen und Gestalten, sie stellt sich aber auch für die Arbeit. Aufseiten der Arbeit halten nicht nur prekäre Beschäftigungsverhältnisse Einzug, auch die Arbeit selbst scheint zunehmend in Bereichen und durch Formen jenseits der klassischen industriellen Warenproduktion stattzufinden. Es scheint mithin, dass sich beide Bestandteile der Verwertung, Kapital wie Arbeit, statt durch die klassische industrielle Warenproduktion durch neue Formen und Gestalten verwerten, aber es ist unklar, wie sich diese Verwertung vollzieht.

Insbesondere ist unklar, wie all die Techniken, die sich als Finanztechniken zusammenfassen lassen, vom Kreditsystem und der Geldschöpfung über Aktien und Eigentumstitel aller Art bis hin zu Derivaten – wie all das zur Erweiterung der Reproduktion des Kapitals und der Gesellschaft insgesamt beiträgt und: ob es überhaupt dazu beiträgt. Wie gehen die Techniken des Finanzkapitals in die Verwertung der Arbeitskraft ein, und wie wird die Akkumulation von Finanzkapital durch Arbeit gedeckt – oder hat sich der Finanzkapitalismus von dem entkoppelt, was mittlerweile, eben aufgrund dieser vermuteten Entkoppelung, „Realökonomie“ genannt wird.

Diese Frage wäre nach Marx indes falsch gestellt. Die Frage darf nicht sein, ob eine solche Entkoppelung und Verselbständigung stattgefunden hat, sondern warum das gerade nicht möglich ist. Denn bei aller Unklarheit gilt eine Art unbedingter Materialismus, den Marx für alle Vermehrungen des Kapitals formuliert hat: Nach Marx muss aller Gewinn, auch der aus Aktien, Krediten, Staatsanleihen, Derivaten und all den Finanzoperationen und -spekulationen – aller Gewinn muss letztlich durch die Verwertung der Ware Arbeitkraft gedeckt werden. Genauer gesagt, muss aller Gewinn der genannten Differenz entspringen, der zusätzlichen Arbeitszeit oder dem Mehrwert. Das Kapital muss laut Marx aufseiten der ökonomischen Reproduktionskreisläufe die Arbeitskraft so in Kraft setzen, dass diese mehr Wert produziert, als sie zur Reproduktion erhält, damit das Kapital diese Differenz ausbeutet und von dieser Differenz profitiert und in eine Erweiterung seiner Reproduktion eintritt. Wenn aber letztlich aller Gewinn durch die Verwertung von Arbeit und Kapital gezeitigt werden muss, welche Gestalt er auch immer annimmt (Profit, Zins, Rente etc.), und wenn sich das Kapital in letzter Instanz nur durch diese Verwertung erweitert reproduzieren kann, dann muss es auch im Finanzbereich weiterhin eine Verbindung zu dieser Notwendigkeit geben, zu diesem unbedingten Materialismus.

Dieser unbedingte Materialismus ist eine Art Orthodoxie, die der Marxismus für sich hat, eine Art Axiom oder eine unhintergehbare Wahrheit, die Marx für die kapitalistische Produktionsweise geltend gemacht hat, und die Frage scheint mir zu sein, ob diese Orthodoxie aufrechterhalten werden kann. Bei Achim zumindest ist das nicht wirklich geklärt. Einerseits wird etwa mit Deleuze und Guattari von „maschinellem Mehrwert“ gesprochen, oder es werden mit Bichler und Nitzan gewaltsame, geradezu sabotagehafte Aneignungen von Gewinnen thematisiert. Diese Aneignungen zu thematisieren ist durchaus sinnvoll; denn offensichtlich werden Gewinne auf die verschiedenste Art und in unterschiedlicher Gestalt (Zins, Rente, Dividende, Arbitrage u. Ä.) angeeignet, gerade im Finanzbereich, und diese Aneignungen scheinen mitunter ohne die Anwendung, Verwertung und Ausbeutung der Arbeitskraft möglich zu sein. Ja, sie scheinen geradezu in einen außerökonomischen Bereich zu führen, einen Bereich, in dem Gewinne durch politische Macht und Kräfteverhältnisse erzielt werden. Und doch müssten der Marx’schen Orthodoxie zufolge gleichwohl alle diese Gewinnen in letzter Instanz aus der Ausbeutung des Vermögens der Ware Arbeitskraft stammen – aber wie dieser unbedingte Materialismus sich geltend macht, bleibt offen. Er wird von Achim mitunter sogar infrage gestellt, und zwar nicht nur dort, wo er sich gegen die positivistischen Vorstellungen einer linksricardianischen Arbeitswertlehre wendet. Diese Kritik an einer objektiven Arbeitswertlehre und an ihrem methodologischen Individualismus und Positivismus teile ich ganz: Die Werte und Profite sind nicht auf geleistete Arbeitszeiten oder sonstige Größen zurückrückführbar; sie können weder linear kausal rekonstruiert werden, noch sind sie quantitativ ausrechenbar (jedenfalls nicht, wenn man sich beim Wert mit Marx auf der Ebene einer kategorialen Bestimmung bewegt, und nicht, wie die VWL, positivistisch einfach mit fertigen Preisen rechnet). Werte und Profite sind nicht als je bestimmte Größen einzelner Arbeiten und einzelner Kapitale mathematisierbar und rekonstruierbar, sie führen auf keine fertigen Arbeitsquanta und auf individuelle Kapitale zurück, sondern sie führen unhintergehbar und von vornherein auf ein gesamtgesellschaftliches Verhältnis, und dieses Verhältnis ist 1. als Verhältnis notwendig unscharf und im Prozessieren begriffen, 2. wird es durch seine Quantifizierung im Geld allererst bestimmt und entschieden und kann gerade dadurch Prozessieren, und 3. ist diese Quantifizierung ein Prozess, in den alle Kapitale und alle Arbeiten eingehen und aus dem die einzelnen Wertgrößen unhintergehbar aus Durchschnittsbildungen und durch Ausgleichsprozesse und Umverteilungen ermittelt werden, einschließlich all der außerökonomischen Aneignungen.

Doch weil gerade das so ist, gerade weil die Bildung wie die Realisierung von Werten und Gewinnen von vornherein ein gesamtgesellschaftlicher Prozess sind und Werte und Gewinne nicht mathematisch oder kausal rekonstruierbar sind, gerade darum bleibt die entscheidende Frage, wie sich zurzeit diese Verbindung zwischen dem Finanzkapital und der Verwertung der Arbeitskraft herstellt – und in Achims drei Bänden wird diese Frage nicht eindeutig beantwortet.

Ich will versuchen zu ordnen, was auf marxistischer Seite dazu in der Diskussion ist.

Es gibt, so weit ich sehe, vier Varianten:

  1. Variante: Die verschiedenen Gestalten des Finanzkapitals gehen, wie immer auch indirekt und vermittelt, letztlich doch in die Verbesserung der Verwertungsbedingungen der Ware Arbeitskraft ein und werden darüber gedeckt. Es gibt dann zwar eine Entkopplung, aber gerade diese Entkopplung bewirkt, dass das Kapital in die produktivsten Verwertungsbedingungen fließen und sich dort produktiv anlegen kann (oder zumindest unproduktive Bereiche erkennt und vermeidet).

  2. Variante: Das Finanzkapital wird über Techniken verschärfter Ausbeutung sowie durch Umverteilungen und indirekte Aneignungen vermehrt und gedeckt, vor allem durch die Produktion absoluten Mehrwerts und durch all die viel diskutierten Finanzialisierungen, Privatisierungen, Landnahmen, sekundären Ausbeutungen, „accumulation by dispossession“ (Harvey), die Verstaatlichung und Vergesellschaftung von Verlusten, Schulden und Risiken usw. Überall hier beherrscht das Finanzkapital die Arbeitsverhältnisse gerade durch seine Entkoppelung, aber eben durch Techniken der indirekten Aneignung und Umverteilung sowie durch die absolute Mehrwertproduktion und durch sekundäre Ausbeutung; und alle diese Techniken wirken sich in der Regel gerade nicht produktiv aus, also sie verbessern gerade nicht die Verwertungsbedingungen der Ware Arbeitskraft.

  3. Oder, 3. Variante, es gibt tatsächlich eine Entkoppelung und Verselbständigung, sodass das Kapital fiktiv vermehrt wird. Wo diese These einer Entkoppelung diskutiert wird, wird sie an dem Umbruch festgemacht, der mit der Erschöpfung des Fordismus Ende der 1960er-Jahre eingesetzt hat und an dem der Übergang vom Industrie- in den Finanzkapitalismus festgemacht wird: von der Entkoppelung des Geldes vom Goldstandard und einem System fester Wechselkurse über die Ausweitung der Geldmenge und des Kreditsystems, die Emission von Eigentumstiteln aller Art, die Niedrigzinspolitik und das ständige Nachschießen billigen Geldes bis zur Entkoppelung der Zinsrate von der Profitrate und der Verlagerung der Kapitalströme in einen zunehmend dominierenden Finanzbereich. Das liefe auf eine Defizitär- oder Verschuldungskonjunktur und eine Blasenökonomie hinaus, aber ebenso stünde über kurz oder lang eine Entwertung oder gar Vernichtung nicht-verwertbaren, fiktiv gebliebenen Kapitals an, so wie das in den vielen begrenzten Krisen seit Ende der 1990er-Jahre und dann in der großen Finanzkrise 2007/2008 passiert ist, mit all den Verlagerungen und Verschiebungen, die im Zuge der „Lösungen“ dieser Krisen erfolgt sind. Die Finanzkrise wäre dann nicht endgültig bewältigt, ihre Lösung bestünde vielmehr in eben diesen räumlichen und sektoralen Verlagerungen und im zeitlichen Hinausschieben und Hinauszögern; und folgerichtig ist eine ständige Wiederkehr und verschärfte Rückkehr krisenhafter Entwertungsschübe und Kapitalvernichtungen zu erwarten. Jedenfalls muss das im Finanzbereich zirkulierende Kapital in diesem Bereich verbleiben und darf, wenn inflationäre Effekte vermieden werden sollen, nicht als Tausch- und Zirkulationsmittel in die sog. Realökonomie eintreten und hier durchschlagen – auch wenn sich sowohl die einzelnen Geldfunktionen als auch die Finanz- und die sog. „Realökonomie“ insgesamt stets überlagern. Die inflationären Effekte finden sogar bereits statt, aber eben nicht in der Warenzirkulation, sodass die Butter eine Millionen Euro kostet. Sie verbleiben eben im Finanzbereich und machen sich hier geltend, etwa im Steigen der Aktienkurse, in steigenden Immobilienpreisen und überhaupt in steigenden Vermögenswerten sowie im Bilden bestimmter Blasen.

  4. Variante: Innerhalb der Kapitalform G-W-G’ wechselt das G’ die Seite. Die Vermehrung von Geld ist nicht mehr nur Zweck der Entäußerung des Geldes in die Mittel der Warenproduktion und liegt ihr zugleich transzendental zugrunde; stattdessen ist das G’, also das Resultat der Kapitalbewegung des Geldes, bereits durch die Ausweitung der (Kredit-)Geldmenge und des fiktiven Kapitals quantitativ realisiert und insofern praktisch vorweggenommen worden. Diese Vorwegnahme macht sich dadurch aber als Verschuldung bei zukünftiger Verwertung geltend und muss genau diese beliehene Zukunft noch „zeitigen“. Diese Zukunft wird wiederum genau darum nicht nur unsicher und risikoreich, vielmehr wird diese risikoreiche Zukunft selbst Gegenstand der Kommodifizierung, vor allem durch Derivate. Derivate sollen dasjenige Risiko bewerten und absichern, versichern und bewirtschaften, das durch diesen Vorgriff, das durch diese „Kolonialisierung der Zukunft“ ins Spiel gekommen ist. Derivate gehen zwar nicht direkt in die Mittel der Produktion ein, sie werden nicht in Arbeitskraft und Produktionsmittel investiert. Aber sie wirken indirekt, d.h. sie gehen in die Bewertung und Kommodifizierung der Verwertungs- und Reproduktionsbedingungen ein, sie tragen zur Bewertung und Steuerung der Kapitalströme in die profitabelsten Bereiche bei, sie sorgen für den beschleunigten Ausgleich der Profitraten, sie sichern Risiken ab u.Ä. Im Grunde handelt es sich bei Derivaten um eine Vergesellschaftung von Kapitalrisiken, so wie die Aktien eine private Vergesellschaftung von Kapitaleigentum sind oder die Inflation eine Vergesellschaftung von Verschuldungen.

Wir haben es sicher mit einer Verschränkung aller vier Fälle zu tun. Am interessantesten sind aber die letzten beiden Fälle, also zum einen die Ausweitung von Kapital durch Kredit, fiktives Kapital und die verschiedenen Finanztechniken, und zum anderen die Vorwergnahme zukünftiger Gewinne, und zwar darum, weil hier eine echte Entkoppelung des Kapitals von der Arbeit und von ihrer kapitalistischen Verwertung stattzufinden scheint. Anscheinend kann sich sowohl das einzelne Kapital als auch die kapitalistische Produktionsweise insgesamt durch Formen des fiktiven Kapitals und des Finanzkapitals von der Verwertung entkoppeln und sich sogar gegen sie verselbständigen, und diese vieldiskutierte Entkopplung und den fiktiven Status gilt es als nächstes genauer zu bestimmen.

Um zu klären, ob und wie die Entkopplung produktiv ist, müssen wir zum Ursprung der Produktivkraft schlechthin zurückkehren.

Die Negativität des Trennens als Ursprung und Freisetzen der Produktivkraft

Nach Marx hat die produktive Kraft der kapitalistischen Produktionsweise ihren Ursprung in der Trennung der Produzenten von ihren Produktionsmitteln und -bedingungen, vollzogen in der berühmt-berüchtigten ursprünglichen Akkumulation. Diesem Ursprung zufolge wird die produktive Kraft der kapitalistischen Produktionsweise freigesetzt, indem die Produzenten und Produktionsmittel selbst freigesetzt werden, nämlich indem sie einerseits radikal voneinander geschieden werden und dadurch andererseits einen völlig neuen Status erhalten, den Status rein quantitativer Werte, und dadurch ihrer Verwertung ausgesetzt sind. Produzenten und Produktionsmittel treten fortan als konstanter und variabler Kapitalbestandteil ins Verhältnis einer rein quantitativen Verwertung, und darüber produzieren sie nicht nur Waren, sondern sie reproduzieren darüber auch sich selbst. Arbeit und Kapital reproduzieren mithin ihre eigene Trennung und setzen ihr Freisetzung fort: Ihre Trennung ist das eigentliche Resultat der Verwertung, und mit der Trennung reproduzieren sie den Ursprung und das Freisetzen der Produktivkraft selbst, aber auch die Notwendigkeit ihrer gegenseitigen Verwertung, die durch die fortgesetzte Trennung eintritt.

Es gibt drei Gründe, warum diese Trennung von Produzenten und Produktionsmitteln und ihr neuer Status als Arbeit und Kapital produktiv sind.

Die Trennung ist erstens produktiv, weil Arbeit und Kapital mit dem rein quantitativen Status jeweils einen doppelten Charakter erhalten, denjenigen Doppelcharakter, der die ökonomischen Kategorien und die Ökonomie insgesamt auszeichnet. Arbeit und Kapital haben in ihrem doppelten Charakter ihre Trennung, und mit ihr die Notwendigkeit ihrer gegenseitigen Verwertung, jeweils an-sich aufgehoben, sie sind gleichsam innerlich gespalten und bilden einerseits den materiellen Arbeits- und Reproduktionsprozess der Gesellschaft, andererseits sind sie ein Verwertungs- und Akkumulationsprozess rein quantitativer Werte. Auf dieser kritischen Unterscheidung beruht Marx’ gesamte Ökonomiekritik und die „Kritik durch Darstellung et vice versa:“ Die Quantifizierung gesellschaftlicher Verhältnisse stellt sich, so zeigt Marx im Zuge der Entwicklung der kapitalistischen Produktionsweise, einerseits als spekulative Identität von vergangener, im Kapital akkumulierter Arbeitszeit und lebendiger, gegenwärtiger Arbeitszeit dar, und andererseits nimmt sie die Gestalten von Arbeit und Kapital an, erscheint entfremdet und verdinglicht und stellt sich als gesellschaftlicher Gegensatz und Klassenwiderspruch dar.

Der zweite Grund ist, dass Arbeit und Kapital durch ihre Trennung in die Selbständigkeit entlassen sind, sodass sie sich geschieden voneinander frei entwickeln können. Ja sie müssen sich sogar selbständig und frei entwickeln können, um der Verwertung und ihrer Produktivkraft nicht nur angemessene Gestalten geben zu können, sondern um durch beständige neue Gestalten die Produktivkraft ebenso beständig entwickeln und steigern zu können. Im Kapitalismus bildet das Produktionsmittel keine organische Einheit in der Hand des Produzenten, es ist kein Werkzeug oder Instrument in der Hand eines Bauern oder eines Handwerkers; sondern das Produktionsmittel gibt dem konstanten Kapital Gestalt und sorgt dafür, dass sein eigener Wert auf Waren übertragen wird und dabei neuer Wert produziert wird. Auf der anderen Seite subjektiviert und verkörpert die Arbeitskraft dieses Übertragen vorhandenen und das Zusetzen neuen Werts und gibt diesem Übertragen und Zusetzen buchstäblich durch die Arbeitskraft Gestalt. Beide, Arbeit und Kapital, müssen dieser Notwendigkeit der gegenseitigen Verwertung adäquat werden und können dafür jede Gestalt annehmen. Das Kapital ist also nicht produktiv durch seine besonderen qualitativen Gestalten und deren Eigenschaften, sondern diese Gestalten sind produktiv, wenn sie Werte verwerten, und insofern ist das Kapital seinen eigenen Gestalten und Formen gegenüber gleichgültig und kann jede beliebige Gestalt und jede Form annehmen, ob Arbeitsmittel oder Werkzeug, Maschine oder Fabrik, Algorithmus oder Programm oder Derivat – solange nur akkumulierter Wert übertragen, bewahrt und vermehrt wird. Und die Arbeitskraft ist nicht produktiv durch bestimmte Fähigkeiten und Tätigkeiten oder gar durch ihre geistige oder körperliche Kraft, sondern sie ist produktiv, weil ihre Arbeitszeit die Form der Arbeitskraft annimmt und in dieser Form, was immer sie auch konkrete arbeitet, vorhandenen Wert überträgt und neuen Wert zusetzt. Insofern ist auch die Arbeitskraft gegenüber ihrer konkreten Arbeit gleichgültig und kann jede konkrete Tätigkeit ausüben, ob Fabrikarbeit oder Security, Dienstleistungen oder Programmieren, Kunst oder Sexarbeit – sie ist produktiv, solange sie nur Werte reproduziert oder in die Bedingungen dafür eingeht.

Es müsste sogar umgekehrt formuliert werden: Es ist die Produktivkraft der Verwertung, die, obwohl oder gerade weil sie ein rein negatives Wesen ist, das bloße Verhältnis quantitativer Werte darstellt: Es ist diese Produktivkraft, die in Arbeit und Kapital positive Gestalt annehmen und sich in ihren Gestalten beständig adäquat werden muss. Es ist jedenfalls grundsätzlich ein positivistisches Missverständnis, wenn die Produktivkraft, statt sie als Quantifizierung, Verwertung und Messung gesellschaftlicher Verhältnisse zu begreifen, auf die individuellen Eigenschaften der Arbeiten und des Kapitals zurückgeführt wird, ob nun auf körperliche oder geistige Fähigkeiten und Tätigkeiten der Arbeit, und ob das Kapital nun industrielles Kapital oder Finanzkapital ist, und ob Arbeit und Kapital nun materielle oder immaterielle Waren produzieren.

Es gibt nach dem Doppelcharakter der Arbeit und des Kapitals und nach der Eigenständigkeit ihrer Entwicklung noch einen dritten Grund, warum die Trennung von Arbeit und Kapital produktiv ist. Arbeit und Kapital sind als quantitative Wertgrößen nicht nur von ihren besonderen qualitativen Gestalten geschieden und ebenso innerlich gespalten wie doppelt bestimmt, und sie können sich nicht nur getrennt voneinander entwickeln, sondern Arbeit und Kapital sind auch von der vergangenen Verwertung geschieden. Sowohl das individuelle Kapital als auch das Gesamtkapital kann über die Begrenzungen, die sich aus der bisherigen Verwertung ergeben, hinausgehen durch die Freisetzung von neuem Kapital, vor allem durch das Kreditsystem und die Geldschöpfung, aber auch durch die Emission von Eigentumstiteln wie Aktien sowie durch finanzkapitalistische Umverteilung zwischen den Kapitalen. Das Kapital kann dadurch die eigenen Grenzen nicht nur ausweiten und seine Verwertung erweitern, sondern es kann diese Grenzen auch gleichsam zeitlich überspringen. Es kann selbständig werden gegenüber der eigenen Vergangenheit und sich auch von der gegenwärtigen Akkumulation emanzipieren, und es kann, noch über die Entkopplung von seiner Vergangenheit und Gegenwart hinaus, durch die Formen des Finanzkapitals vollkommen eigenständige Formen und Kreisläufe eingehen, getrennt von der Arbeit und von der Warenproduktion, und Gewinne aus dieser Selbstbezüglichkeit heraus generieren.

Diese zeitweilige, temporäre Entkoppelung hat den Kapitalismus von Anfang an begleitet. Sie ist produktiv, weil Zeit von derjenigen zukünftigen Verwertung und von denjenigen zukünftigen Gewinnen erkauft oder besser: geliehen wird, die dadurch allererst eintreten. Das führt zu einer Art vorgezogener Ausweitung des Kapitals und zu seiner vorgezogenen erweiterten Reproduktion, aber so, dass die Gegenwart der kapitalistischen Verwertung gleichsam bei ihrer eigenen Zukunft verschuldet ist. Dass die Gegenwart bei „ihrer Zukunft“ verschuldetet ist, heißt, die gegenwärtige Verwertung ist bei genau derjenigen Zukunft verschuldet, die durch Formen des Finanzkapitals und des fiktiven Kapitals eben spekulativ vorweggenommen worden ist. Darum muss dann folgerichtig diejenige produktive Verwertung noch aktiviert werden, die diese verschuldete Gegenwart einholen und abzugelten vermag – eine Zukunft, die indes durch die Verschuldung überhaupt erst möglich geworden sein wird.

Das Kapital muss sich also nicht chronologisch-linear aus der eigenen bereits akkumulierten Vergangenheit und aus eigener Kraft heraus reproduzieren; sondern durch die Techniken des Finanzkapitals kann das Kapital der eigenen Erweiterung gleichsam so zuvorkommen und in seine erweiterte Reproduktion so eintreten, dass es sie erst nach sich zieht. Das Kapital ist dann gleichsam unzeitgemäß sich selbst gegenüber; es muss nicht erst seinen Kapitalkreislauf durchlaufen und auf die Rückkehr des investierten Kapitals und auf die Realisierung der Gewinne warten, bevor es wieder reinvestieren kann, sondern es kann diesen Kreislauf gleichsam abkürzen und ihm in einer Art Zeitsprung zuvorkommen.

Und doch müssen gemäß der Marx’schen Orthodoxie auch diese Formen einerseits aus der Verwertung von Arbeit und Kapital gespeist werden, und andererseits müssen sie auch in irgendeiner Weise in diese Verwertung eingehen. Die Entkopplung von der Vergangenheit hält nur zeitweise an, und der Gewinn aus zukünftiger Verwertung kann nur vorweggenommen und vorgezogen werden, wenn er in die Gestalten der Verwertung eingeht. So sehr daher das Kapital jede Gestalt und jede Form annehmen kann, so sehr müssen die Techniken des Finanzkapitals und des fiktiven Kapitals diesem Einholen der eigenen Zukunft Form und Gestalt geben.

Durch das Kreditwesen und das Finanzkapital kommt daher zur Notwendigkeit der Verwertung des bereits akkumulierten Kapitals der vergangenen Verwertung die weitere Notwendigkeit dazu, auch die antizipierte zukünftige Verwertung noch einholen und abgelten zu müssen und dafür die passenden ökonomischen Gestalten für eine entsprechend produktive Verwertung zu finden – oder es steht eine Entwertung und Vernichtung nicht verwertbaren, mithin fiktiv gebliebenen Kapitals an. Jedenfalls darf das im Finanzbereich zirkulierende Kapital nicht gleichsam abgezogen werden und als bloßes Tausch- und Zirkulationsmittel eintreten, denn das käme dem Einbruch einer ebenso antizipierten und vorweggenommenen wie hinausgezögerten und verdrängten Zukunft gleich und würde zu einer schlagartigen Entwertung der gegenwärtigen Bestandteile der Verwertung führen; das stellt sich dann als das Platzen von Blasen und das Auslösen von Kettenreaktionen der Entwertung dar.

So muss der durch Kreditgeld und fiktives Kapital enorm ausgeweitete Finanzbereich einerseits als noch unabgegoltene, unsichere und risikoreiche Zukunft wie ein Damoklesschwert dauerhaft über der gegenwärtigen Verwertung schweben bleiben, andererseits ist dem Finanzbereich genau diese unsichere, risikoreiche Zukunft ein Gegensand der Bewertung, Berechnung und Bereicherung geworden. Die Realökonomie wird dadurch nicht einfach, wie gemeinhin angenommen wird, vom fiktiven Kapital und Finanzkapital überholt und überwältigt. Sondern es ist umgekehrt: Die Realökonomie wird im Finanzbereich zum Derivat der Spekulation auf ihre eigene Zukunft.

Die Verwertung der neuen Gestalten von Arbeit und Kapital: Das Anhalten der ursprünglichen Akkumulation in der Verwertung zweiter Potenz

Wie verhält sich nun das Finanzkapital zu der Notwendigkeit seiner Verwertung durch die Ware Arbeitskraft?

Die Ausgangssituation war ja, dass sich das Finanzkapital von der Arbeit zu entkoppeln scheint und dass beide zunehmend auseinanderzufallen scheinen; jedenfalls ist unklar, ob und wie sich Arbeit und Kapital auf der Höhe des gegenwärtigen Finanzkapitalismus noch durch die klassische industrielle Warenproduktion verwerten. Das Finanzkapital einerseits und die neuen Formen der Arbeit und die Arbeitsverhältnisse andererseits scheinen einander jenseits der klassischen Warenproduktion gegenüberzustehen, ohne dass ihre gegenseitige Verwertung klar wäre.

Meine These ist nun, dass genau diese neuen Gestalten und Formen, die Kapital und Arbeit zurzeit annehmen, der produktiven Kraft ihrer Trennung adäquat werden, indem sie, erstens, durch Techniken der Trennung erneut überhaupt als solche akkumuliert werden und, zweitens, die eigenen Reproduktions- und Verwertungsbedingungen kommodifizieren, finanzialisieren und kapitalisieren.

Ich will das anhand zweier Thesen entwickeln, zum einen anhand der These, dass die Ökonomie des Finanzkapitalismus und die Politik des Neoliberalismus erneut große Mengen Kapital und Arbeit freisetzt, und zum anderen anhand der These, dass die Verwertung von Arbeit und Kapital sich entkoppelt, indem sich beide zunehmend um die Kommodifizierung und Kapitalisierung ihrer jeweiligen Reproduktions- und Verwertungsbedingungen drehen und dadurch deren Erweiterung bewirken.

Was zunächst die These von der erneuten Freisetzung und Akkumulation großer Mengen von Arbeit und Kapital angeht, so sind Arbeit und Finanzkapital in der Tat voneinander entkoppelt. Aber gerade dadurch hält ihre ursprüngliche Akkumulation an, denn beide werden durch Scheidungsprozesse erneut massenhaft freigesetzt und akkumuliert: Die Ökonomie des Finanzkapitalismus und die Politik des Neoliberalismus setzen erneut große Mengen von Kapital frei durch 1. die Deregulierung und Flexibilisierung im Banken- und Finanzbereich und die Befreiung des Kapitals von bestimmten Regulierungen, Auflagen und Steuern, 2. durch die Lenkung und Steuerung der Finanzströme in bestimmte Bereiche, 3. durch die Privatisierung der gesellschaftlichen Infrastruktur und der staatlichen Sicherungssysteme, 4. durch die Ausweitung des Kreditsystems und des Kreditgelds, der Staatsanleihen und Aktien, der Emission von Eigentumstiteln und Rechten aller Art sowie durch das Ansammeln großer Geldmengen in Investmentbanken, und 5. durch Techniken der Kapitalisierung, Finanzialisierung und Kommodifizierung, vor allem durch die Kreation und Emission von Eigentumstiteln aller Art und durch Derivate. Die Techniken, neues Kapital freizusetzen, fallen ganz unterschiedlich aus, ebenso wie die Bezeichnungen dafür; in der Regel wird von Kommodifizierung oder Finanzialisierung oder Kapitalisierung oder auch von Waren zweiter Ordnung gesprochen. Entscheidend bleibt aber, dass jeweils überhaupt neues Kapital freigesetzt wird und dass darin die ursprüngliche Akkumulation anhält, aber auch neue Techniken der Freisetzung und Akkumulation von (vor allem Finanz-)Kapital hinzugekommen sind.

Derselbe Ursprung findet aufseiten der Arbeit statt, wo neue Arbeitskräfte freigesetzt werden durch die Aktivierung und Mobilisierung von Arbeitskräften aus Bevölkerungsteilen, die vordem noch gar nicht unmittelbar Erwerbsarbeiter_innen waren; das betrifft in den Industrienationen vor allem den Eintritt von Frauen in Erwerbsarbeitsverhältnisse, aber auch die (Zwangs-)Aktivierung von Arbeitslosen oder Migrant_innen. (Diese Freisetzung und Mobilisierung ging bekanntlich einher mit einer Entwertung der Ware Arbeitskraft, vor allem durch die Entwertung des fordistischen männlichen Familienlohns, sodass heute beide Teile einer Familie arbeiten müssen). Dazu kommt eine gewaltige Kommodifizierung von Tätigkeiten, die 1. vordem unbezahlt geleistet wurden (vor allem innerfamiliäre Reproduktions- und Care-Arbeit), die 2. ganz neu geschaffen wurden (vor allem im Bereich der sog. immateriellen Arbeit und bestimmter Dienstleistungen), und die 3. weiterhin arbeitsintensiv sind und in denen anderswo überflüssig gewordene Arbeitskräfte, vor allem aus Landwirtschaft und Industrie, aufgefangen wurden; das sind vor allem die Bereiche Wissensproduktion und Bildung, Kunst und Kultur, Erziehung und Care-Arbeit und eine Reihe von Dienstleistungen. Gemeinsam ist diesen Kommodifizierungen, dass sie nicht mehr die Bereiche und Tätigkeiten der klassischen landwirtschaftlichen und industriellen Massenproduktion betreffen (auch hier werden massenhaft Arbeitskräfte freigesetzt, aber Arbeitskräfte, die überflüssig geworden sind), sondern die Kommodifizierung betrifft den gesamten Bereich der gesellschaftlichen und individuellen Reproduktion wie Wissen und Bildung, Care-Arbeit, Sicherheit, Sexarbeit oder (einfache) Dienstleistungen aller Art. Arbeitskräfte, die in der Landwirtschaft und in der Industrie nicht mehr gebraucht werden und hier freigesetzt werden, werden in diese neuen Bereiche mobilisiert und hier aufgefangen, sodass sie weiterhin als Ware Arbeitskraft in die ökonomischen Reproduktionskreisläufe eingehen können.

Zugespitzt gesagt, findet seit Anfang der 1970er-Jahre, seit der Erschöpfung der fordistischen Produktionsweise und der industriellen Verwertung einerseits und dem Aufstieg des Finanzkapitalismus und des Neoliberalismus andererseits, eine Art zweite ursprüngliche Akkumulation statt. Sie findet vor allem in den fortgeschrittenen Industrienationen statt und setzt hier nicht mehr an den Bedingungen einer vorkapitalistischen, agraisch, feudal und religiös verfassten Gesellschaft an, sondern auf der Höhe einer ebenso entwickelten wie erschöpften Industriegesellschaft, um durch die Techniken des Finanzkapitalismus und des Neoliberalismus erneut enorme Mengen von Kapital und Arbeit freizusetzen. (Dasselbe gilt für die Länder Afrikas, die sog. Schwellenländer und die ehemals realsozialistischen Staaten, nur dass hier auch noch die „klassischen“, von Marx beschriebenen Formen der ursprünglichen Akkumulation zum Zuge kommen.)

Wenn wir es in der Akkumulation von Finanzkapital einerseits und von neuen Arbeitskräften und kommodifizierten Tätigkeiten andererseits um ein Anhalten der ursprünglichen Akkumulation handelt, aber auch um einen quantitativ neuen Schub mit qualitativ neuen Formen und Techniken der Freisetzung von Arbeit und Kapital (und nur das soll der „zweite“ Ursprung der Akkumulation markieren), so funktioniert die Verwertung dieser neuen Formen von Arbeit und Kapital – und das ist meine zweite These – wie eine Art „Verwertung in zweiter Potenz“.

Verwertung in „zweiter Potenz“ heißt, Arbeit und Kapital werden zunehmend weniger verwertet und reproduziert durch die Produktion klassischer materieller Waren in Landwirtschaft und Industrie, also Lebensmittel, Kleidung, Nahrung und die Waren industrieller Massenproduktion einschließlich der Produktionsmittel selbst. Stattdessen findet in der Tat eine zunehmende Entkopplung der Verwertung von Arbeit und Kapital statt, und zwar nicht nur eine Entkopplung von der Produktion der klassischen materiellen Waren, sondern auch die Verwertung des Finanzkapitals verläuft getrennt von der Verwertung eines großen Teils der Arbeitskräfte in den genannten Bereichen. Dafür werden nun aufseiten des Kapitals zunehmend, gleichsam in zweiter Ordnung oder Potenz, dessen eigene Verwertungs- und Reproduktionsbedingungen kommodifiziert, finanzialisiert und kapitalisiert, vor allem durch die Emission und den Handel von Eigentumstiteln aller Art, durch Kreditgeld und Staatsanleihen und durch Derivate. Die gewaltigen Summen, die hier zirkulieren, insbesondere im Derivatenhandel, verbleiben in der Finanzsphäre und gehen nicht unmittelbar in die Verwertung von Arbeitskräften ein; sie erzeugen ihre Gewinne durch die Kreisläufe des Finanzbereichs und in Gestalt von Zinsen, Dividenden, Renten u.Ä. – so sehr diese Gewinne auch in letzter Instanz aus der Verwertung von Arbeitskräften stammen müssen, und so sehr die Kreisläufe des Finanzbereichs ihrerseits Auswirkungen auf diese Verwertung haben.

Und auf der anderen Seite werden neue Arbeitskräfte freigesetzt und neue Bereiche und Tätigkeiten kommodifiziert, und in diesen Bereichen wird, statt klassischer materieller Waren wie Autos und Kühlschränke, nichts anderes produziert als – die Ware Arbeitskraft selbst. Die Ware Arbeitskraft, die einzig und eigentlich produktive Ware, wird also nicht mehr nur reproduziert durch die Kommodifizerung ihrer „primären“ Bedürfnisse wie Wohnen, Essen, Kleidung, und ihre Reproduktion wird auch nicht mehr nur erweitert durch die Waren des industriellen Massenkonsums; sondern nun gehören zur Produktion der Ware Arbeitskraft und zur Erweiterung ihrer Reproduktion auch lebenslanges Lernen, Kitas und Ausbildung, verschiedene Formen der Kommunikation, Kunst und Kultur, Care-Arbeit, alle Arten von Security usw. Alle diese Bereiche kommodifizieren unmittelbar die allgemeinen Verwertungs- und Reproduktionsbedingungen der Ware Arbeitskraft selbst, gehen in ihre Reproduktionskosten ein und werden Bestandteil ihrer individuellen wie ihrer allgemeinen Verwertungsbedingungen.

Damit diese Arbeiten kommodifiziert werden können und damit sie als günstige Massenwaren, analog den Waren der industriellen Massenproduktion, produziert werden können, müssen diese Arbeiten zum einen wie vordem Landwirtschaft und Industrie einer Art tayloristischer und fordistischer Formierung unterzogen werden; darum hat ein regelrechter Neo-Taylorismus Einzug gehalten, vor allem im Bereich bestimmter Dienstleistungen, im Verwaltungswesen, im Universitätsbetrieb, im Gesundheitswesen usw. Zum anderen muss die Massenproduktion kostengünstig sein, und dafür muss der Preis der Ware Arbeitskraft beständig entwertet oder zumindest niedrig gehalten werden. Diese Entwertung und Prekarisierung wurde durch den Neoliberalismus und den Finanzkapitalismus bewirkt, aber mit der Entwertung aufseiten der Ware Arbeitskraft sinken eben auch die von ihr produzierten Waren und Dienstleistungen, sodass diese wiederum von den Einkommen nachgefragt werden und in die Reproduktion der Ware Arbeitskraft eingehen können. (Natürlich findet hier eine Umverteilung zwischen Klassen, Regionen und Ländern statt. In den sog. Schwellenländern, aber auch in den USA, geht ein Heer prekärer Dienstleister_innen und Arbeiter_innen im informellen Sektor vor allem in die Reproduktionskosten der einkommensstarken Schichten ein: Oma/Opa pflegen, Wohnung putzen, Haus bewachen, Hund ausführen, Kind betreuen, Essen liefern usw.)

Entscheidend für das Verständnis des anhaltenden Ursprungs der Akkumulation von Arbeit und Kapital in ihrer gegenseitigen Verwertung ist es zu begreifen, warum die Trennungs- und Scheidungsprozesse des Finanzkapitalismus und Neoliberalismus produktiv sind. Sie sind produktiv, weil die Trennung und Scheidungen gesellschaftliche Bereiche eröffnen, die zugleich Gegenstand der Kommodifizierung und Kapitalisierung sind. So wie in der „ersten“ ursprünglichen Akkumulation ehemalige Bauern nach der Vertreibung von ihrem Grund und Boden zu Arbeitskräften wurden, um in den Manufakturen nun die Schafwolle zu verarbeiten, die auf diesem Grund und Boden erzeugt wird, und um mit dem Lohn nun diejenigen Nahrungsmittel als Waren zu kaufen, die sie vordem gemeinschaftlich und in Subsistenz angebaut hatten, so sind auch die aktuellen finanzkapitalistischen und neoliberalen Techniken der Privatisierung und Deregulierung, der Flexibilisierung und Individualisierung ebenfalls Prozesse der Scheidung wie der Aneignung, durch die neue Bereiche für die Erweiterung der Reproduktion von Arbeit und Kapital ebenso eröffnet und erschlossen wie kommodifiziert und kapitalisiert werden.

Überhaupt zielen die beiden Thesen auf die Verschränkung, dass dieselben Techniken, die durch Scheidungen und Trennungen der Ursprung von Kapital und Arbeit sind und diese als Bestandteile der Verwertung freisetzen, auch bereits die Techniken ihrer Kapitalisierung und Kommodifizierung sind. Die neuen Techniken des Finanzkapitalismus und des Neoliberalismus setzen erneut große Mengen von (Finanz-)Kapital und Arbeit frei, indem sie gesellschaftliche Bereich eröffnen, die sie zugleich kommodifizieren, kapitalisieren und finanzialisieren, und weil diese Räume die bestehenden Kapitalverhältnisse, die bestehende staatliche und gesellschaftliche Infrastruktur und die bestehenden Arbeitskräfte und -verhältnisse betreffen, lässt sich von einem „zweiten“ Ursprung und von einer Verwertung in „zweiter“ Potenz sprechen. Die Techniken des Finanzkapitalismus und des Neoliberalismus setzen Arbeit und Kapital zwar nicht, wie im Zuge der von Marx beschriebenen ursprünglichen Akkumulation, allererst frei, und sie setzen ihre Verwertung nicht allererst in Kraft; aber die Techniken eröffnen der Kommodifizierung und Kapitalisierung neue Räume und Bereiche und führen zur Erweiterung der Reproduktion von Arbeit und Kapital. Sie trennen in den fortgeschrittenen (Post-)Industrienationen nicht mehr die Produzenten von ihren Produktionsmitteln durch die Vertreibung der Bevölkerung von Grund und Boden, und die Kommodifizierung und Kapitalisierung betrifft nicht mehr diesen Grund und Boden sowie die unmittelbaren Reproduktionsmittel und -bedingen der Arbeitskraft, sodass diese Reproduktionsmittel und -bedingungen als Waren in ihre Reproduktionskreisläufe eingehen. Vielmehr setzen die Prozesse der Landnahme, der Ent- und Aneignung und der Kapitalisierung und Kommodifizierung an bereits etablierten Reproduktions- und Verwertungsbedingungen an und setzen hier neues Kapital und neue Arbeitskräfte frei: durch die Deregulierung und Flexiblisierung im Banken- und Finanzwesen und in den Arbeitsverhältnissen, durch die Privatisierung staatlicher und öffentlicher Infrastruktur und der sozialen Sicherungssysteme, durch Privatkredit und Finanzialisierung von Einkommen usw. Dazu kommt die Eröffnung ganz neuer Bereiche, vor allem durch die mikroelektronische Revolution: Internet, Computer, Big Data, Logistik und Kommunikation usw.

Entscheidend für das Verständnis dieses Anhaltens der ursprünglichen Akkumulation von Arbeit und Kapital in deren gegenseitiger Verwertung sowie in der Erweiterung ihrer Reproduktion ist, dass Arbeit und Kapital, wie oben beschrieben, ihren Gestalten gegenüber gleichgültig sind, weil bereits ihre Trennung produktiv ist und es die Negativität dieser Trennung ist, die in ihnen Gestalt annimmt. Diese Trennung macht sich geltend, indem sie im Doppelcharakter der ökonomischen Kategorien aufgehoben ist, sodass die Gesellschaft materiell reproduziert wird, indem die Gestalten von Arbeit und Kapital rein quantitativ ins Verhältnis gesetzt werden und sich im Übertragen und Zusetzen von Werten gegenseitig verwerten.

Was also eigentlich produziert wird, das ist das Produktionsverhältnis selbst, und dieses produktive Verhältnis wird produziert durch die fortgesetzte Trennung von Arbeit und Kapital. Es ist diese Trennung von Arbeit und Kapital, dem die Notwendigkeit ihrer Verwertung entspringt, und so setzt die Trennung mit dieser Notwendigkeit eine ebenso negative wie produktive Kraft frei, und es ist diese ebenso negative wie produktive Kraft, der Arbeit und Kapital, um sich selbst zu reproduzieren, Gestalt geben und der sie durch ihre Gestalten beständig adäquat werden müssen.

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