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Stichworte zu Alexander Galloways “Laruelle. Against The Digital”

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14 Jan , 2016  

14 Thesen von Alexander Galloway gemäß Laruelle:

1) Das mediale Prinzip: Das Reale ist kommunizierbar, und das Kommunizierbare ist real.
2) Für das Standard-Modell der Philosophie ist alles, was gegeben ist, gespalten.
3) In der Non-Standard-Philosophie ist das Eine eine Subtraktion oder eine Virtualisierung.
4) Das Eine hat keine Attribute.
5) Die Attribute des Seins sind gevierteilt: differenzialisiert, dialektisch, kontinuierlich und generisch.
6) Das Digitale bedeutet, dass Eins in Zwei sich teilt.
7) Das Analoge bedeutet, dass Zwei im Einen zusammenkommt.
8) Sein ist ein möglicher Modus; es grenzt an das Ereignis an.
9) Sein ist ein rechnender Modus; es grenzt an die rechnende Entscheidung an.
10) Non-Standard-Philosophie ist unvereinbar mit dem Tausch.
11) Non-Standard-Ästhetik impliziert eine Ästhetik ohne Repräsentation, eine Ästhetik der Immanenz und nicht der Transzendentalität.
12) Das Politische ist Zwei.
13) Das Ethische ist Eins.
14) Es gibt einen tendenziellen Fall der Rate des Digitalen.
Alexander Galloway: Laruelle. Against The Digital.219

Das Eine/Reale

Alexander Galloways im Jahr 2015 erschienenes Buch „Laruelle. Against the Digital“ stellt zweifelsohne den bisher versiertesten Versuch dar, den Leser nicht nur in Laruelles Non-Philosophie einzuführen, sondern diese auch über das Konzept ihres Erfinders hinauszutreiben. Wir wollen hier zunächst nur stichwortartig Galloways Einführung in Laruelle dokumentieren. Wenn Galloway das Digitale als das Eine beschreibt, das sich in Zwei teilt, während das Analoge bedeutet, dass die Zwei als das Eine zusammen-kommt, dann verweist diese Art der Integration auf keine reale Synthese von seperaten Teilen, sondern auf die Nicht-Teilung des Einen oder des Realen, das sich immanent in Zwei spaltet. Für Galloway besteht Laruelles größte Entdeckung in einem neuen Konzept der Relation, das weder dialektich noch differenziell ist, einer Relation, die nicht digital ist. Die Idee des Nicht-Digitalen impliziert keine bloße Negation des Digitalen, sondern die Vorstellung eines Digitalen, das eine Species des Analogen ist. Das Analoge ist das Flache, das Gleiche, und wenn Laruelle gegen das Digitale ist, dann bevorzugt er ein flaches Denken, eine Demokratie des Denkens jenseits der Hierarchien der Philosophie. Jedes Ding ist Eines, und dies ist zuallerest eine performative Geste und eben keine ontologische Geste (die uns erzählt, was Dinge sind): Individuen schaffen Gleichheit, sie prozessieren sie nicht (als eine philosophische Eigenschaft der Differenz, der Multiplizität tec.) Was sich PRÄSENTIERT ist das essentiell Multiple, WAS sich präsentiert ist das essentiell Eine. (Badiou betreibt hingegen die Umkehrung der Position von Parmenides, wenn er sagt, dass nur das Multiple existent sei und das Eine eben nicht. Für Badiou gibt es nur aktuelle Multiplizitäten, deren Grund die Leere ist. Deleuze denkt stattdessen die Einsheit des Seins oder die Gleichheit zwischen dem Sein und seiner Expression. Sein verstanden als ein generisches aliquid.)

Für Laruelle geht es ganz um das Eine: Das Eine ist das Reale, i.e im Realen persistiert das Eine unabhängig von der Philosophie und vom Sein. Für Laruelle ist das Eine radikal immanent, es ist mit nichts konvertibel, das heißt es geht nicht aus sich selbst heraus, um eine Relation mit etwas einzugehen. Es kann aber auch nicht mit Existenz gleichgesetzt werden, es ist weder Sein noch Seiendes. In seiner Immanenz versteht Laruelle das Eine als Identität. Es ist gegeben-ohne-Gegebenheit und damit Identität oder Gemeinsamkeit mit sich selbst, ohne jemals vollkommen transzendental konstruiert zu sein. Sämtliche Transzendentalien sind als Klone des Einen bzw. dess immanenten Realen zu verstehen. So ist das Eine auch das Resultat einer schwachen transzendentalen Setzung, es ist gegeben-ohne-Gegebenheit und zugleich als negative Möglichkeit definiert, die für jede »Greifbarkeit« von Objekten und für die Rigorosität des Denkens selbst steht. Laruelle lehnt die metaphysischen philosophischen Modelle, die mit Begriffen wie Repräsentation, Manifestation oder Existenz arbeiten, von vornherein ab. Für Laruelle ist das Eine niemals das, was sich im Sein realisieren kann. Das Eine weigert sich schlichtweg ein Synoynym für das Sein zu sein. Vielmehr ist es als eine apriori Bedingung zu konstruieren, die radikale Immanenz anzeigt, das heißt das Eine als nicht-manifestiert und nicht-reflektiert ausweist. Aus der Perspektive des Objekts ist das Eine kein Ding, aus der Perspektive der Relation bildet es keine Relationen, aus der Perspektive des Ereignisses ereignet es sich nicht und es aktualisiert es sich auch nicht. Laruelles Objekte sind, so Galloway, schwarze Objekte ohne Fenster, und seine bevorzugte Relation ist die unilaterale Determination, die irreversibel und nicht-reflektorisch ist, sie ist weder als klassifikatorisch oder differenziell wie etwa im Empirismus einzustufen, noch ist sie kombinatorisch und synthetisch wie in der Dialektik, weder gilt sie als effizient oder ereignisartig wie in der Metaphysik.

Es gilt bei Laruelle eine Verschiebung vom „Es gibt“ zum „ist“, vom „Sein“ zum „sein“ zu beachten. Das Reale kennt keine Deklination oder Fälle, und das Eine kennt kein davor und danach, es ist einfach real und damit das nächste zu uns. In Absetzung gegen das transzendentale Standardmodell ist das Reale, so wiederum Galloway, eher ein Prevent als ein Ereignis, womit der Operator Virtualisierung betont wird: Das Reale ist die Bedingung der reinen Virtualität. Die Welt ohne uns liegt in einer nebulösen Zone des Unpersonalen und des Horrors.

Der Metaphysik gefällt das Spiel mit Präpositionen, während Laruelle versucht, diejenigen Präpositionen tunlichst zu vermeiden, die einen Link oder eine Zugehörigkeit anzeigen, wie z.b mit, von, gegen, für … Er bevorzugt hingegen nicht-relationale Links, die oft genug Strukturen der Parallelität ausweisen, in denen die Entitäten getrennt bleiben, obwohl sie irgendwie doch zueinander gehören, das heißt, sie tauschen einander nicht aus, oder, um es anders zu sagen, ihr Parallelismus ist so radikal überlagert, dass die Entitäten eine gegenseitige Immanenz erlangen. Die zugehörigen Präpositionen wären hier: sind, in, als, durch, gemäß, ohne … In gewissem Sinne sucht Laruelle beharrlich nach einer Relation ohne Austausch.

Das Eine besitzt keine sprachlichen Attribute. Es stellt sich wie eine Substanz ohne Attribute dar, ja es kümmert sich einfach nicht um sie, und somit ist das Eine unbedingt die Bedingung für alle Attribute. Normalerweise ist das Attribut selbst eine Weise des Erscheinens, es präsentiert multiple Aspekte desselben Seins, es ist immer ein Erscheinen als … i.e. die Entität erscheint als etwas anderes; für Marx gilt bspw. das Epithet als eine Form der Erscheinung oder als Attribut eines Körpers, womit es zu keinen additiven Beschreibungen des Körpers kommen kann. Hingegen besitzt das Eine keine Attribute, gerade weil es für sich selbst nicht hinlänglich genug ist. Demgegenüber ist das Weltliche immer in spezifischen Modi gegeben und es ist hinlänglich genug für sich selbst. Sein inkludiert das Seinende als Materialisation und/oder als Struktur, Arbeit erscheint als Tauschwert.

Analog-Digital

Das Digitale ist die am meisten emblematische Form des Transzendentalen. Galloway denkt das Digitale nicht wie gewöhnlich von der Binarität, nicht von der Unterscheidung Null und Eins her, sondern er denkt es als die Repräsentation einer grundlegenden Unterscheidung (Eins teilt sich in Zwei), die es zuallererst ermöglicht, immer weitere Unterscheidungen vorzunehmen. Digitalisierung, das ist für Galloway die Aufteilung in Eins in Zwei, und diese setzt je schon auf die Relation (zwei Terme, egal welche, werden hier in Relation gesetzt): bezüglich der In-formation erfolgt die Aufteilung in zwei Formen, bezüglich der Sprache erfolgt die Aufteilung in die Repräsentation und das Repräsentierte, bezüglich des Denkens erfolgt die Aufteilung zwischen dem Denker und dem, was er denkt. Das Digitale enthält also in sich das Potenzial, alle Dinge zu trennen und Unterschiede zwischen ihnen zu ziehen. Damit ist das Digitale definiert als das Eine, das in Zwei geteilt ist und das je schon teilt, das heißt Entscheidungen trifft. Das Digitale beschreibt Prozesse der Unterscheidung und der Entscheidung. Innerhalb des Gegebenen sind alle Kategorie je schon geteilt, egal ob es sich um Konzepte, Objekte oder Ereignisse handelt, oder anders gesagt, die primordiale Unterscheidung erfordert, dass es eine Unterscheidung geben muss. Es geht um das Diskret-Machen oder die Trennung des bisher Fluiden, des Ganzen und des Integralen. Und zwar durch Operationen wie Teilung, Individualisierung, Deterritorialisierung, Extension oder Entfremdung. Jeder Prozess, der Differenzen zwischen zwei oder mehreren Elementen herstellt, kann als digital bezeichnet werden. Die Vektoren der Unterscheidung und der Integration. Wenn man einen Vektor von der Immanenz zur Transzendenz zieht, dann ist es einer der Digitalisierung, der Spaltung der Eins in Zwei. Essenz erscheint in Instanzen entfremdet, die Sprache in Grammatik, die Erde erscheint ausgeweitet in die Materie, das Gedächtnis wird in Medien externalisiert, authentisches Leben vom inauthentischen Leben unterschieden.

Umgekehrt gibt es Analogizität, bei der es um Integration der Superposition in Einem geht. Das Analoge löst die Relation in Richtung einer superpositionalen Immanenz auf, was nichts anderes heißt, als dass die Relation, insofern man sie als eine zwischen zwei diskreten Entitäten auffasst, abgelehnt wird, stattdessen ist eine viel elementarere Relation angezeigt, nämlich die Relation vom Selben, die Laruelle „Uni-lation“ nennt. Diese Art der Auto-Relation kann nur eine Pseudorelation sein und dies ist erfordert zwingend die theoretische Konstruktion eines neuen Parallelismus. Dieser wiederum stellt eine Bedingung der Zweiheit dar, in der die Zwei vom Einen her determiniert wird. Während der immanente Parallelismus die Frage der Form als Eindimensionalität – Dualität des Einen – akzentuiert, entwirft die Digitalität eine Logik als endlose Reduplikation der Parallele. Die beiden Seiten sind für Laruelle Klone voneinander, als Klone konstituieren sie eine Dualität, eine Zweiheit, aber sie sind aneinander gekoppelt durch die Beziehung der Identität, der Gleichheit. Digitalität hingegen dient einer transzendentalen Parallelität.

Es geht Laruelle nicht darum, eine neue Abwesenheit zu produzieren, da dies immer noch im Rahmen der Relation „Präsenz und Absenz“ bleiben würde, sondern es geht um ein positive Replikation des Einen. Das Analoge meint, dass die Zwei im Einem zusammenkommt, es erzeugt eine Relation ohne Unterscheidung, und zwar durch den Prozess der Differentation (nicht der Differenz). Es bringt heterogene Elemente in den Stand der Identität zurück, es produziert eine Relation der Nicht-Unterscheidung.

Im Analogen, dem Vergleich oder der Proportionierung von zwei Dingen, ist keine Differenz vorhanden, sondern nur Gemeinsamkeit. Es geht Laruelle um die Immanenz, die so immanent zu sich selbst ist, dass sie generisch wird oder gemeinsam wird. Das immanent Eine nennt Laruelle auch das Unteilbare, Ohne-Teilbarkeit oder das Nicht-Interpretierbare. Diese Identität verweist aber nicht auf das Individuelle, sondern auf das Heterogene, das allein die Bedingungen für eine Relation des Gemeinsamen herstellen kann. Das Heterogene ist nicht als eine Ansammlung von differenten Dingen zu verstehen, sondern als pure Differentation. Laruelle sagt zwar nicht, dass das Reale virtuell ist, es befindet sich ja stets in der Superposition, aber nichtsdestotrotz präsentiert sich das Reale, während es immanent in sich selbst bleibt, an jedem Punkt, und ist daher virtuell zu jedem Punkt.

Das Analoge besitzt zwei Modi oder zwei Pole der Immanenz, i.e. es gibt zwei Arten der Immanenz zu denken: Die Endlichkeit in Person (Laruelle) und die Unendlichkeit als Ebene (Deleuze), letztere als Immanenz von allem, in der heterogene Entitäten materielle Existenz erhalten und sich in strömender Attraktion zusammensetzen. Es gibt bei Deleuze keine komplexen Aggegate, sondern nur Assemblagen; es gibt zwar Geteiltheit, aber in einer Multiplizität von Zeiten, sodass es zu einem einheitlichen Modus des immanenten Seins kommt, und zwar für jede Entität. Die Einsheit besteht hier in der Kraft der sublimen Totalität der Vielfalt. Es gibt so viel reine Multiplizitäten und sie sind singulär, sie sind so absolut immanent zu sich selbst, dass sie Eins sind. Univozität im reinen Sinne. Eines-als-Multiples heißt kommt Eines, kommt Alles.

Das Standard-Modell der Philosophie

Galloway unterscheidet in der Philosophie zum ersten Transzendentalität als Negation und Affirmation, und zum zweiten Immanenz als Negation und Affirmation.

Affirmation und Negation werden hier rein als Operatoren gedacht. Die Affirmation besitzt einen positiven Operator, dessen Schritte x+1 sind, oder sagen wir es anders, es geht hier um den absoluten Operator /1/, der die Negation entfernt. Das Affirmative verlangt sui generis nach der positiven Präsenz der Dinge, oder um es anders zu sagen, Eins-Zwei perpetuiert die Getrenntheit in den Termen einer nie endenden Zweiheit.

Die Negation hingegen ist nicht positiv, sondern kritisch. Sie operiert mit dem negativen Operator x-1; man spricht auch von einer multiplikativen Inversion der Wertigkeit (XX -1). Das Kräftefeld, das sich von der Affirmation zur Negation hin bewegt, ist das der Profanierung, indem assoziierte Entitäten simultan getrennt und wieder zusammengefügt werden. Von der Negation zur Affirmation zieht hingegen der Vektor des Wechsels, der Verbindung und der Assoziation, die nichts mit einem kontinuierlichen Mixen und dem Interfacing im Sinn hat, stattdessen eine Bewegung hin zum Gemeinsamen einfordert.

Kommen wir zur Unterscheidung von Immanenz und Transzendentalität. Immanenz bedeutet zunächst, dass man von einer Entität etwas subtrahieren oder abziehen kann, ohne seine Immanenz zu verändern. Laruelles Immanenz ist eine der Logik und keine der Natur (Deleuze, Spinoza) oder des Selbst (Fichte, Henry). Transzendentalität hingegen inkludiert, dass man durch die Methode der Subtraktion oder Addition die komplette Umarbeitung dessen erzwingt, was getrennt oder ungetrennt von der Entität ist. (Laruelle verändert seine nicht-philosophische Definition des Transzendentalen dahingehend, dass es sich stets auf das beziehen sollte, was unverändert bleibt.) Bei Laruelle ist die Immanenz nicht-essenziell, und das Transzendentale bleibt essenziell, wobei bei Letzerem die Essenz nicht befragt werden kann, ohne sich zu ändern, während das Generische oder das Immanente bis ins Unendliche umgestaltet werden kann, ohne sich je zu ändern. Das Eine ist tendenziell nichts, während es zugleich immer etwas bleibt (irgendetwas, was auch immer). Wenn das Generische essenziell ist, dann aber nur als Leere, i.e es inkludiert die Essenz der Leere. Das Transzendentale gibt uns hingegen die Bedingungen der Möglichkeit für die Teilung als solche und für die Relation als solche, insofern etwas in sich selbst durch alle Metamorphosen hindurch sich teilt und damit aber auch fortdauert: Das Tranzendentale bestellt die Frage des Emergierens, nicht die der Immanenz. Es stellt Relationen her, aber nur um immer wieder zu sich selbst zurückzukehren, sich erneut zu ergänzen und in sich selbst zu persistieren.

Die transzendentale Affirmation impliziert das Eins-Zwei des differenziellen Seins, während die transzendentale Negation sich auf das Nicht-Eine des dialektischen Seins bezieht. Immanente Affirmation inkludiert das Eine-als-Multiples im Kontext eines kontinuierlichen Seins (Deleuze), während sich die immanente Negation auf das Eine-und-Dasselbe des generischen Seins bezieht (Laruelle).

Metaphysik bedeutet, dass das Eine immer im Kontext der Zweiheit re-organisiert wird, und das qua Differenz. Es ergibt sich hier eine spezifische Form des Stakkato, die des Binarismus, oder um es anders zu sagen, die generische Form des Staccato heißt hier Digitalisierung. Sie beschreibt die Bedingungen der Möglichkeit, um bis ins Unendliche Distinktionen zu treffen, die solche der Differenz sind. Auf Differenz und Repräsentation basierend ist das Eine je schon auf die Zwei des differenziellen Seins bezogen, i.e. Transzendentalität. Laruelle sieht in der transzendentalen Philosophie aber letztendlich immer die 2/3 Matrix am Werk, in der zwei Terme sich treffen, um einen dritten synthetischen Term zu bilden. Oder wir finden umgekehrt die 3/2 Matrix vor: Hier beginnt die Philosophie mit dem Exzess, ist sich selbst die 3, um dann Beziehungen der Repräsentation (2) mit allem und jedem herzustellen.

Dialektisches Sein funktioniert in und mit der direkten und kontinuierlichen Negation, deren Form die Opposition oder Kritik ist. Hier wird die Zweiheit nicht mehr wie bei der Tranzendentalität als reine Affirmation der Positivität von zwei Entitäten verstanden, sondern als die Negativtät des Nicht-Einen konzipiert. Das Eine und das nicht-Eine formen andauernd einen neuen Zwilling. Im dialektischen Denken finden wir den ewigen Antagonismus oder das Emergieren und Verschwinden der Entitäten durch Strukturen der Kontingenz oder der Metamorphosen vor; die entscheidenden Passwörter sind hier Punkt, Position, Opposition, Kampf, Kritik… Dialektische Entitäten sind keine Partikel, sondern Punkte. Dialektische Prozesse können aber auch zur Harmonie führen, denn in den Prozessen der Übersetzung und der Transformation kommt es permanent zu Resonanzen zwischen den verschiedenen tonalen Entitäten.

Deleuze-Laruelle

Kommen wir zu den Philosophen der Immanenz. Wenn die kontinuierliche, unendliche Immanenz (so artikuliert Laruelle seine Perspektive auf Deleuze) auf der Ebene der Natur stattfindet, so konzentriert sich seine eigene generische Immanenz auf die Ebene der Person, der gemeinsamen gelebten Erfahrung und der Existenz. Immanenz ist für Laruelle immer endlich. Und sie arbeitet als generisches Sein unter anderem mit den Figuren der Subtraktion, mit der Negation als einem puren „Bunker“ des Denkens. Die Negativität des Einen-und-Dasselben ist nicht die des Widerspruchs, sondern doch eher der Absenz, der Einsamkeit: Passwörter sind hier Subtraktion, Rückzug, Nichtsheit, Gemeinsamkeit, Etwas, was auch immer, Exodus, Verschwinden … Es geht um einen statischen Parallelismus, der aus dem Einen und der Person besteht und der in der Superposition parallelisiert wird. Man muss also auch die Zwei radikalisieren. Laruelle bemüht sich im Gegensatz zu Deleuze nicht um die Immanenz des Jeglichen und Alles, sondern um die Immanenz des Etwas (was auch immer). Während Deleuze den Raum der endlosen Multplizitäten präferiert, beschäftigt sich Laruelle stärker mit dem Raum der Entität, sei es die Person oder das Eine selbst. Wir finden in Laruelles Nicht-Philosophie keine generische Totalität, sondern das Geschlossene des Partikularen vor, mit der die Unendlichkeit vermieden und die Endlichkeit befürwortet werden soll. Während die Gespaltenheit des Seins durch die Proliferation von endlosen Wiederholungen oder Differenzen „gelöst“ wird, tut Laruelle einfach so, als ob sie nie existiert hätte. Es gibt für ihn keine Multiplizierung oder Reduplizierung, vielmehr verweist das generische Event auf eine ethische Praxis, die allerdings keine Subjektposition mehr herstellt – Proletariat, Gender, Neger etc – , sondern nur n=1 oder das Multiple-ohne-Alles bestätigt; es gibt keine Synthesis zwischen Identität und Multiplizität.

Deleuzes Univozität ist nicht vollkommen vom Sein differenziert, im Gegenteil ist die Einsheit des Einen für Deleuze in allen multiblen Permutationen des Seins ausgedrückt. Deleuzes univokes Sein ist von unendlich werdenden Multiplizitäten bevölkert. Oder um es anders zu sagen, jedes determinierte und endliche Ereignis wird relativiert, und selbst das relative Werden wird noch relativiert. Die relativen Permutationen oder Deterritorialisierungen gründen in einer absoluten Deteritorialisierung, der virtuell-realen Ewigkeit der Zeitlosigkeit. Dies ist die Univozität und jede Aktualisierung ist ihr Ausdruck. Die Relativierung des Werdens besteht in seiner Entegegensetzung zum Sein, wobei das Werden als eine transzendentale Entscheidung die Rolle des Seins besetzt, eines immanenten und differenziellen Seins. Das Eine bleibt auf die univokale Art des Seins bezogen, einer Proliferation von realen Multiplizitäten, die unabhängig von ihren realen Differenzen alle unifiziert in Bezug auf ihre Einsheit sind. Deleuzes Immanenz des Jeglichen oder der Natur finden wir in der glatten Aggregation von heterogenen Multiplizitäten oder Entitäten, die alle dasselbe materiell-maschinelle Phylum bewohnen. Und jede einzelne Entität ist wiederum eine heterogene Singularität, zusammen mit den Multplizitäten kreiert sie eine Ebene der Immanenz, die flach ist; es gibt hier keinerlei Dualität, sondern nur Variationen und Differenzen der univoken Intensität; Natur ist immanent in sich selbst, sie muss nicht nach außen emergieren, um sich zu realisieren. Das Generische wird bei Deleuze auf der Ebene der (offenen) Totalität angesiedelt und gleichzeitig ist das kontinuierliche Sein eine Immanenz des Jeglichen, i.e. das Eine erscheint nicht endlich, sondern bewegt sich in den unendlichen Undulationen der Erde. Deleuzes Eine bedeutet immer Eins-Alles. Der Vorwurf, den Laruelle hier an Deleuze adressiert besteht darin, dass dieser im Anschluss an Nietzsche eine transzendentale Entscheidung für die Immanenz getroffen hätte, die nicht nur die Möglichkiet der Transzendenz für endliche, empirische Obkekte, sondern jede reale Transzendenz verunmöglicht hätte, welche die kreativ-destruktive Macht der Differenz limitieren könnte. Die Diferenz ist hier reine Differenz, insofern sie in einem Milieu der immerwährenden Differentation angesiedelt wird und keine Unterscheidung zwischen Denken und Sein und zwischen diversen Entitäten mehr erlaubt. Insofern das Reale immer Ereignisse von immanenaten und differentiellen Produktionen sind, behält die Syntax gegenüber der Realität immer die Oberhand, wobei letztere nur innerhalb des Problems der philosophischen Syntax situiert wird. Kollektivität impliziert für Deleuze die Frage nach der Totalität der Materie und der physikalischen Prozesse. Deleuze ist kein Metaphysiker, sondern er ist Physiker. Seine wichtigen Begriffe sind Integration, Multiplizität, Analog, Univozität, Prozess, Modulation, Autopoiesis etc. Bei Deleuze bilden die Sets der Singularitäten stets reine Ereignisse.

Während die Dialektik durch die Kette der Negationen hindurch fortwährend prozessiert, indem sie dynamische Oppositionen in Serien formuliert, prozessiert das kontinuierliche Sein immanent durch die induktive, emergente Affirmation. Entitäten verlieren im Vergleich zum Prozess ihre Wichtigkeit; das Universum ist hier nicht länger in Objekte aufgeteilt, vielmehr haben wir es in erster Linie mit einem Nexus von Relationen zu tun, die ansteigen und abflauen und damit permanent aus dem Gleichgewicht geraten. Deleuze denkt Wiederholung und Differenz im Sinne einer additiven und differenziellen Expression, i.e. das Eine ist das Produkt der puren Multiplizität. Und er schlägt gegen die Dialektik die Verschränkung von Virtualisierung und Aktualisierung vor. Akualisierung ist hier insofern ein Prozess der Digitalisierung, als das Eine eine Eins wird, diese Eine, das in Differenz zu anderen Einsen besteht. Badiou hingegen ist Subtraktivist, das Ereignis wird hier nie als Teil der Situation begriffen, sondern es wird subtrahiert. Der Term Sein ist der der Leere, das Eine ist absent. Laruelle wiederum denkt in diesem Kontext weder additiv noch subtraktiv, sondern fordert die radikale Gleichheit oder die Identität, das Gleiche. Dieses ist radikal immanent.

Hegel. Was gegeben ist, das ist geteilt, das ist Hegels wahres Prinzip. Hegel benutzt in gewisser Weise sowohl das Digitale (Das Eine, geteilt in Zwei) als auch das Analoge (Zwei, die sich im Einen synthetisieren) als die Elemente seiner Dialektik: Das Moment der Analyse, bei der das Eine in Zwei geteilt wird, und das Moment der Synthese, bei der die Zwei als Eines kombiniert wird. Mit der Synthesis will Hegel die Entfremdung überwinden. Es gibt zwar Widersprüche, aber sie müssen soch in das große Ganze, den absoluten Geist reintegriert werden. Im Marxismus wird hingegen oft via der Figur des Kampfes die Analyse überbetont. Die marxistische Dialektik ist ein unerschöpflicher Prozess der Negation via Reflexion oder Opposition; auf die ursprüngliche Geteilheit eines Terms wird mit der Reiteration von neu erfundenen Negationen geantwortet, im Selbst und in allen folgenden Produkten der Geteiltheit des Einen einer differenziellen Digitalität werden das Andere und das Selbst gerade nicht synthetisiert – der Arbeiter und der Kapitalist bleiben auf ewig unversöhnlich getrennt.

Laruelle. Schließlich gibt es die Immanenz des Etwas (was auch immer), das generische Sein. Da das Etwas (was auch immer) in sich selbst ruht, besteht für es kein Grund aus sich selbst heraus zu gehen; es formt weder Relationen (transzendentale Beziehungen zu sich selbst) noch Prehensionen mit Objekten außerhalb seiner selbst. Es ist etwas, weil gerade nichts Spezifisches ihm attributiert werden kann. Wenn etwas in sich selbst bleibt, dann gibt es auch keine Prädikation, mit der Subjekten spezifische Prädikate beigefügt werden, etwa a ist b: Das Subjekt a ist mit dem Attribut b ausgestattet – nein, das generische Sein negiert seine Attribute. Generisches Sein ist dann insofern gleichbedeutend mit dem Begriff der Virtualisierung zu setzen, als aktuelle Entitäten de-individuiert (nicht dividiert) werden (in eine Ungetrenntheit mit sich selbst und mit anderen Dingen gebracht werden), um gerade im Zuge der Differentation in einen neuen Strom der Nicht-Geteiltheit entlassen zu werden. Das Spezifische wird nun generisch, insofern die Zwei Eins wird. Das Individuelle wird ganz unpersönlich.

Für Deleuze indiziert das Analoge eine Zweiheit bzw. Multiplizität von Entitäten, insofern sie zur Grundlinie der kontinuierlichen Einsheit des univokalen Seins in seiner Totalität zurückkehren. Für Laruelle indiziert das Analoge einen Bruch mit den beiden Seiten der Attributierung (a ist b, dies ist das), um zur generischen Einsheit des ungetrennten Seins zurückzufinden. A ist a, a ist es selbst, was immer es auch ist. Wir finden hier die pure analytische Immanenz des Apriori vor. Die Tautologie ratifiziert das Gesetz der Identität, um den Schritt zur radikalen Immanenz (Eins-in-Einem) zu wagen. Das Reale ist ein apriorisches Reales, es regiert für Laruelle der radikale Anti-Emprismus. Ereignisse hingegen sind digital.

Das Verfahren der unilateralen Dualität lässt sich bei Deleuze folgendermaßen formulieren: Das Eine-Multiple als eine ereignishafte und kausale Relation erzeugt den Bruch in analoger und digitaler Hinsicht. Wenn man die Univozität in den Begriffen der Gleichheit und Zweiwertigkeit denkt, ist sie digital. Umgekehrt ist die Bewegung analog. Das Reale bedingt dann das Multiple, unilateral und irreversibel. Aber das Reale bedingt das Multiple transzendental und so muss es digital sein. Aber das Multiple – gleichwertige Dinge auf der Welt – stehen immer auch schon in einer Beziehung der Analogizität, bezogen auf das Eine.

Für Laruelle ist die Kreation digital, aber die gelebte Erfahrung bleibt analog. Unilateral meint, dass das Eine gegenüber der Zwei vergesslich ist und somit in seiner Einsheit insistiert, während Dualität zwei Verbindungen in einer Identität mit dem Einen anzeigt. Auf unilateral folgt es die digitale Unterscheidung, während auf die Dualität die analoge Integration folgt. Das Eine erfordert die Unilateralisation des Prozesses, es ist das Ereignis der Indifferenz, der Subtraktion von der Entscheidung und der Relation. Unilateralisation beinhaltet eine starke Theorie der Kausalität. Eine irreversible und rigorise Kausalität, die durch das Klonen funktioniert; eine Logik, die die Dualität nur durch eine identische Kopie produziert. Während des Aktes des Klonens wird nichts synthetisiert. Und der Klon ist als Kopie abhängig vom Einen, während das Eine gegenüber dem Klon abgeschlossen bleibt und ihn zugleich in der letzten Instanz determiniert. Das Eine befindet sich zum Klon in einem Verhältnis der Nicht-Relation. Es gibt als keine Low-level-Konvertabilität zwischen dem Einen und dem Sein. Das Eine ist das Nicht-Konvertible.

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