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11 Dez , 2017  

Weniges unterscheidet die Lebensweise, die dem Intellektuellen anstünde, so tief von der des Bürgers, wie daß jener die Alternative von Arbeit und Vergnügen nicht anerkennt. Arbeit, die nicht, um der Realität gerecht werden zu können, erst ihrem Subjekt all das Böse antun muß, das sie nachher den andern antun soll, ist Lust noch in der verzweifelten Anstrengung. Die Freiheit, die sie meint, ist dieselbe, welche die bürgerliche Gesellschaft einzig der Erholung vorbehält und durch solche Reglementierung zugleich zurücknimmt. Umgekehrt ist dem, der von Freiheit weiß, alles von dieser Gesellschaft tolerierte Vergnügen unerträglich, und außerhalb seiner Arbeit, die freilich einschließt, was die Bürger als »Kultur« auf den Feierabend verlegen, mag er auf keine Ersatzlust sich einlassen. Work while you work, play while you play – das zählt zu den Grundregeln der repressiven Selbstdisziplin. Eltern, denen es Prestigesache war, daß ihr Kind gute Zeugnisse nach Hause brachte, konnten es am wenigsten leiden, wenn es abends zu lange las oder überhaupt, nach ihren Begriffen, geistig sich überanstrengte. Aus ihrer Torheit aber sprach das Ingenium ihrer Klasse. Die seit Aristoteles eingeschliffene Lehre vom Maßhalten als der vernunftgemäßen Tugend ist neben anderm ein Versuch, die gesellschaftlich notwendige Aufteilung des Menschen in voneinander unabhängige Funktionen so fest zu begründen, daß es keiner von diesen mehr beikommt, in die andere überzugehen und an den Menschen zu erinnern. Man könnte aber Nietzsche so wenig in einem Büro, in dessen Vorraum die Sekretärin das Telefon betreut, bis fünf Uhr am Schreibtisch sich vorstellen, wie nach vollbrachtem Tagewerk Golf spielend. Einzig listige Verschränkung von Glück und Arbeit läßt unterm Druck der Gesellschaft eigentliche Erfahrung noch offen. Sie wird stets weniger geduldet. Auch die sogenannten geistigen Berufe werden durch Anähnelung ans Geschäft der Lust vollends entäußert. Die Atomisierung schreitet nicht nur zwischen den Menschen, sondern auch im einzelnen Individuum, zwischen seinen Lebenssphären, fort. Keine Erfüllung darf an die Arbeit sich heften, die sonst ihre funktionelle Bescheidenheit in der Totalität der Zwecke verlöre, kein Funke der Besinnung darf in die Freizeit fallen, weil er sonst auf die Arbeitswelt überspringen und sie in Brand setzen könnte. Während der Struktur nach Arbeit und Vergnügen einander immer ähnlicher werden, trennt man sie zugleich durch unsichtbare Demarkationslinien immer strenger. Aus beiden wurden Lust und Geist gleichermaßen ausgetrieben. Hier wie dort waltet tierischer Ernst und Pseudoaktivität.

Aus: Minima Moralia

Foto: Bernhard Weber

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