Necropolitics

The End

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7 Mrz , 2019  

Der funktionelle Psychopath – Der Wahn von der Stange

Mit der Unschuld gegenüber der deutlich zunehmenden Gehirnverdunkelung, wie sie Arthur und Marilouise Kroker am Ende des 20. Jahrhunderts für das neue Jahrtausend kommen sahen, ist es schon im Jahr 2018 vorbei. Aus Unschuld wurde Schuld und je mehr das Gehirn gescannt wird, desto dunkler wird es, bis es bald ganz schwarz wird. Es schlägt nun auch die Stunde der Schundtheorie. Schund, wenn die Körper auf kilometerhohen Haufen liegen, nein, das sind keine himmlischen order virtuellen Körper, sondern Körper, die mit letzter Kraft versuchen mit wenig Lohn oder ganz ohne Lohn mit dem Leben, das in den Dämmerstunden einer kloakisierten Welt dahin kriecht, zurande zu kommen. Schundtheorie ist die Geschichte des menschlichen Rests, den die Sprache des Digitalen, die aus den Laboratorien von Silcon Valley entflohen ist, nach dem Kapital ein weiteres Mal bestraft, indem sie sich als aufdringliches Kraftfeld in den letzten Poren des Alltags ansiedelt: Einkaufen bei Amazon, Las Vegas im Internet besuchen, 24/7 Schund-Metrik, Suicide Drive und suizidaler Faschismus, mit dem das Kapital junge kalifornische Körper sucht, die zu fühlen versuchen, in einer Kultur-Kloake, die empfindungslos und gereinigt ist. Das ist das Resultat der zu Tode gerittenen Technotopie der finanziell-virtuellen Klasse. Der Druck der globalen ökonomischen Rezession trieb die Repräsentanten des liberalen Sozialstaates, die in den Mittelklassen und den Arbeitereliten beheimatet waren, in die Arme des Rechtspopulismus, während die Mitglieder der technologischen Silicon Valley-Klasse in das Sandkastenspiel des Bunker-Individualismus getrieben wurden, den psychologischen Nährboden für funktionelle Psychopathen, die den Designerhamburger zu einem Zeitpunkt genießen, an dem er von McDonalds längst zu Tode ästhetisiert worden ist. Der Designerhamburger muss also gar nicht schmecken, er muss lediglich jene Erlebnisqualität mit sich bringen, die den Konsumenten affiziert, wenn er am besten zudem noch von einem aus dem Fernsehen bekannten Spitzenkoch hergestellt wird. Der Designerhamburger kann auch zum Träger eines bedeutungsvollen Stils werden, etwa von Coolness und Hipstern, kurz er verspricht die Performanz der Arschgeige.

Der im Zeitalter des Posthumanismus lebende letzte Mensch, ein kleines und scheinbar zähes Monster, das in seiner Unersättlichkeit nicht nur alles haben, sondern es auch sofort haben will, lässt sich seinen stets zu organisierenden Lebensprofit aber gerne auch vom großen Anderen als die letzte Lebensweisheit verklären. Der letzte Mensch lebt ganz in der Grießbreizeit oder wahlweise der Kaugummizeit der Gegenwart und deswegen können ihn zukünftige Einkommen, auf die heute zu spekulieren ist, auch nur halbwegs für das dadurch aktuell entgangene Genießen entschädigen, wobei Genießen mit seiner Existenz zusammenfällt. Er muss sich auf die Diskontierung1 verlassen, mit der seine zukünftig erwarteten Einkommen durch Abzinsung auf seinen heutigen Existenz-Wert herunter gerechnet werden können. Dabei verliert der zukünftig zu realisierende Wert des Lebens, oder, um es anders zu bezeichnen, der Performancelebenszeitwert des Lebens, keineswegs an Bedeutung, aber das Leben bleibt immer auch an das Gegenwartswert und an das Genießen gebunden. Es ist nur noch eine Frage der Zeit und es kommt zur Schätzung der auf die Zukunft bezogenen Einkommensströme eines Säuglings, man wird die erwarteten Einkommensströme diskontieren und damit den Ausgangspreis des Säuglings erhalten. Es ist deshalb überhaupt kein Zufall, wenn der französische Unternehmensverband vorschlägt, jedem Franzosen von Geburt an eine Umsatzsteuernummer zuzuteilen. Weiter ist man, was die soziale Kontrolle anbelangt, derzeit schon in China, wo die Bürger einen Ausweis mit Geburtserlaubnis, biometrischen Daten und mit dem berüchtigten Social-Credit-Ranking mit sich herum tragen müssen.

Dabei muss, um die Differenzen im sozialen Feld zu visualisieren, eine mediale Verachtungsmaschinerie in Gang gesetzt werden, die auf die Verarmten, die Prolls, die Migranten und Flüchtlinge abzielt, sie als Ungeziefer und Abgehängte konstruiert. Der funktionelle Psychopath, der von den sozial Abgehängten gar noch bewundert wird, weil er über deren Leichen geht, benötigt die Ausgestoßenen als Opfer, das möglichst keinen Widerstand leistet, sondern sein Unwohlsein allenfalls als eine Art Gekränktsein pflegt. Ein großer Teil der Menschheit, die man als Surplusbevölkerung klassifiziert und die man mit Günther Anders auch »Vegetier-Proletarier« nennen könnte, wird von der Vermehrung des kleinen Kapitals x definitiv ausgeschlossen bleiben. Es gibt hier eine »Ungleichzeitigkeit des Gleichzeitigen«, oder eine »Glokalität« der Globalisierung zu vermelden. Die Surplusbevölkerung ist ganz und gar unfähig, die Beschränkungen des Raums zu annullieren und bleibt damit im verelendeten und durch den Klimawandel zerstörten Raum zurück, wird auf die Müllhalden geworfen oder in Schattenzonen abgestellt, sie ist zeitlich zwangsentschleunigt und hinkt den dynamischen Hipster-Subjekten, welche meistens die Wohlfühloasen des Westens bewohnen, nur noch hinterher, um im stagnierenden »Zeitbrei« der eigenen Überflüssigkeit auf den Tod zu warten. »Einige bewohnen den Globus, andere sind an ihren Platz gefesselt« heißt es entsprechend bei Zygmunt Bauman. Dabei definieren die Ersteren ihre Wohlfühl-Subjektivität durch ihre wuchtige Verfügung über Kaufkraft, während für die Surplus-Bevölkerung schon die Säuglinge von vornherein als Menschenmüll gelten. Durch die größtenteils irreversible Verschmutzung von Oberflächengewässern und Grundwasservorräten ist für die Surplus-Bevölkerung das natürliche Trinkwasserangebot (insbesondere in Afrika und Asien, aber auch in den USA und in Europa) gefährdet. Man wird in Zukunft den armen Produzenten von Säuglingen vorschlagen, diese in Zukunft besser nicht mehr zu produzieren. Das nennt man dann Geburtenkontrolle.

Das 24/7-Kapital

,»Die Rhythmen des Lebens, das Auf und Ab der Natur und des Alltags müssen verschwinden in dieser Welt; für die Schwäche und Unzulänglichkeit menschlicher Zeit, ihre diffusen und verschlungenen Strukturen«, so schreibt Jonathan Cray, sei in dem global-digitalen-24/7-System kein Platz mehr. Der 24/7-Modus hat längst eine entzauberte Welt ohne jedes Geheimnis hervorgebracht, eine unheimlich identische Welt der Indifferenz, eine Welt ohne Gespenster, eine Welt, die einerseits die Dunkelheit zu eliminieren trachtet, andererseits den Tag mit seinen Rhythmen, Perioden und Eigenartigkeiten zur Eindimensionalität hin verflacht und ihn doch zugleich zerrüttet. So ist es wahrlich kein Zufall, dass die Dinge, Objekte und Ereignisse, die im Alltag zirkulieren, auf ihre bloße Funktionalität, Kalkulation und Effizienz, ja schließlich auf ihre Brauchbarkeit für die Kapitalisierung reduziert werden, sodass selbst noch die minimalsten Kontingenzen, Brüche und Eruptionen im Alltagsleben verschwinden, gerade auch indem der Alltag in einer Art und Weise kulturalisiert und »singularisiert« wird, dass eine fieberhafte und wie von unsichtbarer Hand gesteuerte Suche nach dem Originellen, dem Echten und dem Authentischen beginnt, die egal, was da als das Ergebnis der Suche von der Kulturindustrie eingesetzt werden mag, sich vor allem durch den funktionellen Fluss der Suche selbst auszeichnet. Die Welt wird grell-hell, es fließen in ihr ultra-sichtbare Ströme von Bildern, Fotos und Informationen im Endlos-Stream, die selbst noch die Katastrophe, das Verbrechen und das Obszöne ausleuchten und zugleich neu konstruieren. Die visuelle Stimulation kommt aufgrund der Dominanz des Grellen im digitalen Bilderbrei einer weißen Wand gleich, gegen die den Kopf zu stoßen nichts bringt, weil es nicht einmal Beulen hinterlassen würde.

Das 24/7-System des Kapitals generiert wie eine perfekt geölte Tretmaschine unablässig asoziale Modelle des automatisierten Funktionierens des Sozialen – der Mega-Motor des Super-Kapitals, das abstrakte Prinzip der Vermehrung des Geldes um der Vermehrung willens, treibt unaufhörlich die Kalkulation, Quantifizierung und Verwertung des Lebendigen und des Toten mit vielfältigen Prozessen voran, bei denen aber oft genug unerkennbar bleibt, auf wessen Kosten die laufende Betriebsamkeit geht und wer von ihr profitiert. Diese 24/7-Metrik unterscheidet sich stark von einer Zeit, die Marxisten wie Georg Lukács im 20. Jahrhundert als lineare, leere, gleichförmige Zeit des Kapitals bezeichnet haben, insofern die 24/7-Zeit als wirbelnder Strom eine a-lineare und nicht-chronologische Zeit der Spekulation inhäriert, die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft vermischt, aber dennoch unaufhörlich auf Beschleunigung und auf die Eliminierung von unproduktiven Leerstellen in der arbeit und im Alltag setzt. Diesem Prozess zufolge sind es nicht die Terminals als Produktion, Konsumtion, Austausch und Distribution, sondern es sind die Geschwindigkeit und die Größe der Prozesses der Zirkulation selbst, die zählen. Alles wird heute von der Zirkulation aufgesogen und niemand darf sich der Zirkulation verweigern, alles zirkuliert und niemand kann der Macht der Kreisläufe der Zirkulation entkommen. »Die Zirkulation ist die erste Totalität unter den ökonomischen Kategorien.« Marx Grundrisse, um das Kapital seiner beziehungen zu untersuchen. Gesmatarbeit als Totalität117 Circulation, because a totality of the social process, is also the first form in which the social relation appears as something independent of the individuals, but not only as, say, in a coin or in exchange value, but extending to the whole of the social movement itself. The social relation of individuals to one another as a power over the individuals which has become autonomous, whether conceived as a natural force, as chance or in whatever other form, is a necessary result of the fact that the point of departure is not the free social individual. Circulation as the first totality among the economic categories is well suited to bring this to light.” Grundrisse (Penguin Der Begriff der totalität , fata Morgana des hegelianiserenden Marxismus verwandelt sich in ein sytem für Kreisläufe innerhalb des ökonomischen Feldesausch, einfache zirkulation (relation zwischen ware und geld) und erweiterte zirkulation als reproduktionskreislauf des kapitals..

Reine 24/7 Zirkulation als Bedingung und als Produkt des virtuell-finanziellen Modells der Zirkulation von Kreisläufen. Kreisläufe der Produktion, Kreisläufe der Konsumtion, Kreisläufe des Austauschs und Kreisläufe der Distribution, alle miteinander verlinkt und sich überlappend. Die Kreisläufe der Zirkulation verbinden sich im Modus der quantischen Ungewissheit mit der multiplen Zirkulation der Kreisläufe, und das muss so sein, weil die Waren- und Kapitalbestände selbst recodiert, rekombiniert, repliziert und geklont werden können. In der Zirkulation fließt etwas aus und kommt wieder herein, immer und immer wieder, das heißt, sie ist ein Kontinuum, und insofern ist sie zur gleich zeit innen und außen. Sie ist ein vielfach gefaltetes System mit relativen Innen- und Außenzuständen ohne absolute Exklusionen und Inklusionen, vielmehr sind beide Falten desselben kontinuierlichen Prozess. Die Zirkulationen reproduziert nicht nur einen Strom qua eines Netzwerks multipler Falten, sondern lässt sie expandieren, wenn sie zusammenkommen. Sie ist die kontrollierte Reproduktion und Redirektion der Bewegung. In der Zirkulation geht es um Größen, Liquidität, Geschwindigkeit und Vektoren. Selbst die Nicht-Zirkulation – in diesem Falle das Geld, das der Zirkulation kurzfristig entzogen ist (Schatz), um als Kredit zu fungieren – zirkuliert auf immer höherer Stufenleiter. Deshab sind auch die Blockaden von Häfen und logistischen Hubs so effektiv, weil die Macht eben nicht mehr nur in den Institutionen verankert ist, vielmehr in den Infrastrukturen konzentriert ist, womit auch ein Shift von den Plätzen hin zu den Strömen verbunden ist, den Autobahnen, Glasfasernetzen und Stromlinien. Die macht liegt im Verborgenen und ist dennoch banal: Sind die Fabriken und Büros noch Orte oder Knotenpunkte in einem Strom, speziell wenn sie Teile einer vernetzten Infrastruktur sind. Es scheint, dass alle Ströme zu Plätzen werden, weil sie immer nur an partikularen Punkten blockieren kann. Ist ein Verkehrskreisel ein Strom oder ein Platz, oder beides? Haben sie reale oder symbolische Dimensionen, oder beides? Die revolutionären Gelbwesten bestimmen mit ihren Straßensperren den Kurs der Globalisierung. Sie können sie aufhalten oder umlenken, ja sogar umkehren. Die Geschichte wird spontan gemacht, am Kreisverkehr mit seinen Abzweigungen.

Die Jagd nach dem ever zirkulierenden Mehr, die der Kapitalisierung zukünftiger Zahlungsströme und Zahlungsversprechen entspringt, eröffnet Zeitströme, in denen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in keiner determinierten Relation mehr zueinander stehen, sondern sich in einem kontinuierlichen Zustand der Bewegung, der Transformation und des Entfaltens befinden. Entlang dieser nicht-chronologischen spekulativen Zeit6, in der Vergangenheiten, Gegenwarten und Zukünfte für eine ständige Re-Organisation, ein Resetting oader auch die Suspension offen sind, werden die Kanäle für die Kapitalisierung kreiert. Der 24 Stunden Aktienmarkt bezeugt den Triumph des »streamed capital« als den der Ausdehnung und der Beschleunigung über die Dauer. Mit der Zeit ist es jetzt wie mit allen Transit-Orten – siehe Einkaufszentren, Flughäfen, Museen und Sportarenen: So ist auch die Zeit in all ihren Dimensionen (Vergangenheit-Gegenwart-Zukunft) austauschbar geworden, ganz egal, in welchem Jahr, Tag und Sekunde man sich gerade befindet. Indem sie austauschbar geworden ist, ist sie standardisiert und zugleich differenziert. Das Entscheidende der 24/7-Metrik liegt aber gerade nicht in der Standardisierung/Differenzierung, sondern in der Redundanz einer Un-Zeit, in der es keine Gelegenheit mehr gibt, nicht zu shoppen, nicht zu konsumieren, nicht zu arbeiten oder keine Daten abzurufen. Dennoch inhäriert die 24/7-Metrik keine gleichförmige Zeit, sondern eine reduzierte und abgeschliffene Diachronie, in der die Unterschiede auf austauschbare und zirkulierende Differenzen zusammengestrichen sind – Austauschbarkeit ist die Normalität. Es wird eine schale halluzinatorische Präsenz inszeniert – die Abfolge reibungsloser und wie geschmiert ablaufender Operationen als eine besondere Form der Zeitlosigkeit, in der den Unterschied ausmachende Pausen, Unterbrechungen und Rhythmen eliminiert werden. In diesem Kontext muss darauf hingewiesen werden, dass der Kalender und die in ihn eingeschriebenen Zeiten weiter existieren, aber ihre Kenntlichkeit und Bedeutung wird durch die Indifferenz der 24/7 Metrik überlagert. »Disconnection« bedeutet jetzt definitiv den sozialen Tod, während gleichzeitig drahtlose Technologien gerade die Besonderheiten und das Singuläre der Orte, der Landschaften, der Zeiten und der Ereignisse auslöschen. Und es entsteht geradezu ein Sog, der einen dazu zwingt, ununterbrochen den durch das Marketing erzeugten Bedürfnissen und Wünschen im digitalen Netz und auch in der analogen Welt nachzujagen, die aber auch deswegen unerfüllt bleiben müssen, weil ständige neue Produkte, neue Apps, Versionen und Upgrades auf dem Markt erscheinen, welche die Wünsche nicht nur stimulieren und anheizen, sondern sie zugleich ständig transformieren und gerade auch deshalb unerfüllt lassen. Dabei erzeugt die 24/7-Metrik keineswegs manipulierte Konsumenten, sondern über die Inszenierung von Differenzen infolge der ständig wechselnden Warenangebote, die aber letztendlich der radikalen Indifferenz gegenüber den Dingen gleichkommt, werden die wirklich den Unterschied machenden Unterschiede geschliffen und die Konsumenten in ihrem Verhalten nivelliert, das Spektrum ihrer Verhaltensweisen, Erfahrungen und Ereignisse in der Tendenz auf Null reduziert. Nullintensität.

Dieser Zeit des 24/7 ist selbst noch der Schlaf ein Greuel. Jonathan Cray schreibt: »Eine strahlende 24/7-Welt, die keinen Schatten wirft, ist die kapitalistische Endzeitvision eines Posthistoire, einer Austreibung der Alterität als dem Motor geschichtlichen Wandels. 24/7 ist eine Zeit der Gleichgültigkeit, der gegenüber die Fragilität menschlichen Lebens zunehmend inadäquat wird, eine Zeit, in der der Schlaf nicht länger notwendig oder gar unvermeidlich ist. Sie lässt die Vorstellung eines Arbeitens ohne Pause, ohne Ende plausibel, ja normal erscheinen. So verbindet sie sich mit dem Unbelebten, Inerten oder Alterslosen.«

Für Cray ist es nur noch der Schlaf in seiner puren Nutzlosigkeit, der mit den Takten, Metriken und Ansprüchen der 24/7-Welt des Super-Kapitals kollidiert, womit er weitgehend auch von den Angriffen der Unternehmen und den von ihnen generierten Bedürfnissen befreit bleibt; er ist die kompromisslose Unterbrechung der vom Kapital unablässig geraubten Zeit, während hingegen selbst die existenziellen Bedürfnisse und Begehren – Hunger, Durst, Sex und Freundschaft – heute monoton aufgeladen und dermaßen terroristisch kapitalisiert sind, bis schließlich jede Geste des Körpers unerbittlich in eine Verstärkung der kapitalistischen Axiomatik umgewandelt wird. Der Schlaf konterkariert die Kapitalisierung, weil er auf einem Zeitintervall insistiert, das sich durch das Kapital nicht verwerten lässt und er bleibt damit eine sperrige Anomalie, ja sogar ein potenzieller Krisenherd in der globalen Präsenz des Kapitals. Allerdings, und das gilt es gegen Cray ins Feld zu führen, wird mit der Existenz von Schlaflaboren längst auch der Schlaf durch diverse Methoden, die seiner Effektivierung dienen, umgestaltet. Dennoch bleibt er vielleicht zumindest in seiner Traumdimension das, was Blanchot das Unwahrscheinliche nennt. Gleichzeitig bleibt der Schlaf eine transzendentale Bedingung, ein reines Eins-in-Eins, weder Freude noch Trauer, sondern unerbittlicher Schlaf. Er ist das keine obect a des sexuellen Vergnügens, das Andere des 0+ des Träumens und das 0- des Todes.

Aber wahrscheinlich hat selbst Cray nicht mit Unternehmen wie Under Amour gerechnet, deren mobile App Record eine Schalt- und Überwachungszentrale für menschliche Aktivitäten rund um die Uhr ist, um die Fitness, aber eben auch den Schlaf einer Person zu tracken, zu analysieren und dann die ausgewerteten und modifizierten Daten zu verkaufen. Es wundert längst nicht mehr, dass die User diese Daten freiwillig zur Verfügung stellen, worauf sie beispielsweise mittels der KI Plattform Watson analysiert werden, deren Ergebnisse das Unternehmen nutzt, um Feedbacks zu versenden, Nutzerprofile und neue Verhaltensmodifikationsmittel zu erstellen, die wiederum ein quasi-programmiertes Verhalten erzeugen sollen, das heißt, beim User genau das vom Unternehmen vorhergesagte Verhalten auslösen, das zum Beispiel im Kauf der physischen Produkte des Unternehmens besteht. Selbst noch das intimste Wissen über die Qualität des eigenen Schlafs wird als Daten in algorithmische Maschinen eingespeist, um daraus neues Vorhersage-Wissen herzustellen, das angeblich die Effektivität des Schlafs verbessert. Und die Schlaftracker auf dem Smartphone, die am frühen Morgen angeben, ob man gut oder schlecht geschlafen hat, disziplinieren selbst noch den Schlaf, soweit es eben geht, denn der Schlaf bleibt ein umkämpftes Territorium. Wissenschaftliche Erkenntnisse über den Schlaf dienen meistens dazu, die Agenten fit für den Job und ihr monetarisiertes Leben zu machen, sodass eine Art Hochleistungsschlaf durchaus erwünscht ist – manschäft sich schön, schlank, gesund, intelligent und glücklich. Man schäft unter der Bedingung der Leistungsbereitschaft, um den arbeistalltag bewältigen zu können, und dafür benögt es, so die Wissenschaft, möglichst viele Tiefschlafphasen, Kontinuität unter den Bedingungen eines optimalen Raumklimas. Selbst für die Vorbereitung des Schlafes haben die Lebensratgeber einen Kanon von strikten Regeln entwickelt: Keine Bildschirme mehr vor der Nachtruhe. Körperliche Betätigung ist gut, zu meiden sind unbedingt Alkohol und schweres Essen, genauso wie Sorgen. Wer in Altersheimen oder Krankenhäusern 24-Stunden-Schichten schiebt, wer zwischen zwölf und acht Uhr morgens die Bürogebäude großer Firmen putzt oder in Chemieanlagen, in der Nahrungsmittelproduktion oder für Sicherheitsfirmen die Nächte durcharbeitet, der muss sein Schlafbedürfnis minimieren und am Tag oder am Wochenende stillen. Mehr als ein Drittel der Schichtarbeiter, das zeigt eine Studie der Techniker Krankenkasse, schlafen weniger als fünf Stunden-

Cray weist in diesem Kontext darauf hin, dass heute die Zahl der derjenigen Menschen (und das betrifft nicht nur die Daytrader) stark ansteigt, die nachts aufstehen, um Mails, Social Media-Plattformen und Infos im Internet zu checken oder auch mal den Kühlschrank zu besuchen, um etwas zu essen. Solch ein unterbrochener Schlafmodus, man denke an den Lenin-Schlaf der Banker, reduziert den Schlaf auf einen minderwertigen Zustand, weil er ihn letztendlich doch lediglich auf die Wiederherstellung der Funktionsfähigkeit und Verfügbarkeit des Menschen für die Arbeit und das Kapital festlegt. Cray schreibt über den 24/7 Takt: »Er verdrängt das »Ein/Aus«-Prinzip. Nichts ist mehr richtig »aus«. Nie gibt es mehr einen wirklichen Schlafmodus.« Es kommt heute zu einer ständigen Verknappung oder Verkürzung des Schlafs und gleichzeitig kommt es zu notorischen Schlafstörungen, sodass man in diesem Fall gezwungen ist, mit der Einnahme von Schlaftabletten Schlafzeit zu kaufen. Und für den Erfolg des Unternehmens, in dem man gerade arbeitet, hat man immer wieder einmal eine Idee im Kopf, auch in der Nacht, man ist sozusagen rund um die Uhr im Dienst und wenn gerade kein Firmenangestellter zur Kontrolle bereitsteht, dann kontrolliert man sich eben selbst.

In dieser Zeit der endlosen Präsenz verschwimmen nicht nur Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, sondern auch die Produktion, Verteilung und Konsumtion in schnell zirkulierenden Kreisläufen ineinander. Vordergründig scheint es dabei dem Kapital an nichts zu fehlen, weder an der Arbeit noch am Konsum, wenn man unter Arbeit einfach Hilfsarbeit und unter Konsum die zerebrale Wahrnehmung eines Flüssigfernsehers oder eines digitalen Mikroschaltkreises, der vielfältige Wünsche, Zeichen und Energie aufzeichnet, versteht. Einzig und allein am Mehr, am Mehrwert mangelt es nach wie vor auf Dauer. Gerade der ach so reflexive Konsum der Mittelklassen erzeugt heute den toxischen und oft in erschöpfenden Dimensionen stattfindenden Verzehr von Gadgets, Geräten, Apps, Bildern, Chemikalien etc., Waren, die von den großen Silicon Valley Konzernen permanent transformiert und neu angeboten, um dann sofort auf den entsprechenden Medien-Märkten und Plattformen kommentiert zu werden. Man konsumiert dies alles sehr häufig am Smartphone, indem man unentwegt auf das Display schaut, browst, chattet, skippt, deleted, surft und liest und bleibt dabei immer eingetaucht in eine Passivität, die einem das Online-Leben aufbürdet, während man gleichzeitig doch irgendwie aktiv ist, also irgendwie total involviert ist, eine Verrücktheit höchsten Grades. Man lebt in den Geisterwelten hedonistischer digitaler Maschinen und promiskuitiver digitaler Kontakte. Entscheidend für den 24/7-Takt, der in seiner ultraschnellen Schmalspur-Eleganz zur Zerrüttung, Verflüssigung und Flexibilisierung der alltäglichen Tagesabläufe führt, ist nicht mehr die Akkumulation der Dinge durch die Subjekte, sondern der expandierende und paradox differenziell-gleichförmige Strom der Beschäftigung sowie des Konsums von meist digitalen Angeboten, der durch den zunehmenden Verlust von Pausen und Unterbrechungen und gleichzeitig durch eine schrille Kurzfristigkeit der Aktivitäten gekennzeichnet ist. Virilios rasender Stillstand. Die Metrik des 24/7 induziert eine Zeit ohne Zeit, eine Un-Zeit, die ohne jede Dramatik, ohne Ereignisse oder differenzierende Wiederholungen, die einem im Gedächtnis bleiben könnten, dahin schleicht, oder, wenn man in bestimmte Projekte und Jobs eingespannt ist, unter dem Zwang sich kaputt zu arbeiten dahin rast – jedenfalls handelt es sich um eine Art Zeitlosigkeit oder um die endlose Ausdehnung einer flachen, sich dehnenden und fürchterlichen Gegenwart.

Und jedes Produkt ist als ein potenzielles Wegwerfprodukt in den variablen 24/7 Zeit-Sog integriert. So werden die Touchscreens der Smartphone verschwinden und durch Gesten gesteuerten Rechnern Platz machen – als »Revolution« gefeiert werden diese Produkte, darauf kann man sich verlassen, ein möglichst schnell zu entsorgendes Teil der Nonstop-Innovation des Kapitals.7 Die digitalen Geräte erfordern aber nicht nur einen repetitiven Ersetzungsmodus, sondern sie erscheinen als Neuheiten genau dann attraktiv, wenn sie wie am Endlosband Wahlmöglichkeiten, das heißt einen Modus zur Erzeugung von Optionalität anbieten, der adirekt aus der Finanzindustrie herauskopiert ist.

Pierre Klossowski hat in seinem Buch Die lebende Münze die industrielle Produktion als das Prinzip einer Produktion-bis-um-äußersten, die einen Konsum-bis-um-äußersten fordert, bezeichnet, nämlich die Produkte auf kurzfristigen Verschleiß hin in Serie zu produzieren, um folgerichtig den Konsumenten, der diese Kurzfristigkeit aufgreifen muss, daran zu gewöhnen, die Idee eines haltbaren Gegenstandes ganz zu verlieren.8 Die Zerstörung der Haltbarkeit durch die maschinelle Innovation, mittels derer nicht nur die Maschinen, sondern die Konsumprodukte immer schneller durch andere abgelöst werden, ist also schon Teil der industriellen und seriellen Massenproduktion. Diese verstärkt die Flüchtigkeit und den Verlust des Objekts und soll jeden Gedanken an die Haltbarkeit der Objekte eliminieren, womit diese in ihrer Waren-Endlichkeit zu Quasi-Objekten mutieren, das heißt, sie sind kalkulierbar und quantifizierbar und kurzfristig austauschbar geworden und sind damit als Objekte nichtig. Die Objekte mutieren zu Nicht-Dingen. Sie sind nichts, oder, anders gesagt, jedes Objekt ist nun potenziell Müll, ja das Objekt ist Müll. (Nur der Preis hält das Objekt noch am Leben).

Für Klossowski ist damit, so muss man einfach folgern, der Müll keine unvermeidliche Nebenwirkung der industriellen Produktion, sondern ihr Hauptzweck, insofern die fabrizierten Industriewaren dem Wachstumszwang des Kapitals unterliegen, was ihre schnelle Untauglichkeit und Unbrauchbarkeit, ihre umgehende Entsorgung unbedingt einfordert, sodass man eben zu dem Schluss kommen muss, dass der wirkliche Zweck der Waren nur darin bestehen kann, Müll zu sein. Wenn das Marketing heute jedes Produkt mit dem Attribut neu versieht, ja als brandneu oder als eine noch nie dagewesene Sensation propagiert, dann fällt im optimalen Fall der Augenblick des Erscheinens des Produkts mit seinem Verschwinden zusammen, zumindest ist das Produkt einem schnellen Zerfallsprozess ausgesetzt, weil es – in Serie hergestellt – nur die Vorstufe des noch neuen neueren Produkts sein kann. Das Produkt trägt damit per se den Makel oder den Mangel des Überholten und Defizitären bereits in sich, seine Halbwertszeit tendiert gegen Null. Und Müll ist demnach nicht nur das, was auf den Mülldeponien der Welt vergammelt, sondern das riesige Warenangebot in den Regalen der Supermärkte und in den Online-Shops von Amazon, Warenmüll ist das kommende Abjekt, das als solches gar nicht wahrgenommen wird. »Abfall ist das finstere, schändliche Geheimnis jeglicher Produktion. Es soll vorzugsweise ein Geheimnis bleiben.« (Zygmunt Bauman, 2005. 42) Damit drohen selbst noch die alltäglichsten Gewohnheit ob ihrer Kurzfristigkeit dem Verfall ausgesetzt zu sein, obgleich wir weiterhin in den schlechtesten Gewohnheiten gefangen bleiben, beispielsweise auch ohne Zeit für Entscheidungsfindungen zu finden dem Allerneuesten nachzuhecheln. Selbst die Ökoprodukte entgehen dem Gesetz der Vermüllung nicht: Ist es nicht voreilig oder unvernünftig, die Sonnenenergieanlage auf mein Dach zu setzen, die heute die am weitesten entwickelte ist, wenn doch morgen die Entwicklung darüber hingegangen sein wird? Jede ergriffene Chance ist eine Niederlage, jede getroffene Entscheidung ist eine Entscheidung für Müll.9 In diesem sich beschleunigenden Kontinuum der Vermüllung durch die Zirkulation der Quasi-Objekte sollen die Phasen der Unterscheidungsfindung, der Unterbrechung und des Nachdenkens immer weiter reduziert werden, was einer zunehmenden Kontrolle und Vereinnahmung der gelebten Zeit entspricht. Horizontale Kommunikation und vertikale Kontrolle.Auch wenn es keine strenge Trennung geben mag, eine begriffliche Unterscheidung zwischen Überfluss und Überflüssigem wäre sinnvoll. Ist Überfluss noch Reichtum, so evoziert Überflüssiges schon Abfall. Überfluss erlaubt Disposition, Überflüssigkeit verursacht Müll. Wir stellen jedenfalls mehr Produkte her, als wir und unser Planet aushalten. Eine Ökonomie der unbenutzten Dinge wäre durchaus von Interesse. Sachen, die zwar produziert und zirkuliert wurden, aber nie konsumiert worden sind, nehmen zu. Wieviel Energie und Anstrengung sind vonnöten, solche Nichtgüter zu erzeugen und zu verkaufen? Indes wieviele Arbeitsplätze gingen aktuell verloren, würde man diesem ökonomisch forcierten Kult des Überflüssigen nicht huldigen?

„In den reichen Ländern wird heute ein Viertel der genießbaren Lebensmittel weggeworfen“ (S. 873), lesen wir. Nicht der Produktenrest ist dann Müll, sondern das Produkt selbst. „Die Verschwendung von Lebensmitteln ist nichts Neues. Vielmehr ist sie im Kapitalismus völlig normal (…) Neu an der Entwicklung der letzten Jahrzehnte ist, dass selbst dann Lebensmittel vergeudet werden, wenn die Nachfrage hoch ist. Der Grund dafür ist, dass nicht zu wenig, sondern zu viel gekauft wird.“ (S. 873) Nur, wie kommt es zu dieser destruktiven Entwicklung? Aber halt: Eine solche ist bloß gegeben, wenn wir unsere Einwände sinnlich, stofflich und moralisch argumentieren, nicht jedoch ökonomisch. Denn ökonomisch betrachtet ist das durchaus funktional, es ist adäquates, weil marktkonformes Wirtschaften.

Fortan sind zwei Typen vergeudeter Gebrauchswerte zu unterscheiden. Die Frage lautet: Wird ein Produkt vor der Zirkulation liquidiert (Fall Eins) oder erst vor der Konsumtion entsorgt (Fall Zwei)? Das macht schon einen Unterschied: Zwar wird beide Male nicht konsumiert. Beide Male verderben die Produkte, im ersten Fall um den drohenden Abgang zu minimieren, im zweiten Fall ohne den Gewinn auch nur zu schmälern. Hier wird der Tauschwert ja realisiert, lediglich der Gebrauchswert ist obsolet. Ökonomisch ist es nämlich vorerst egal, ob das verkaufte Produkt verzehrt wird.

Mit der Sharing Economy gelingt es den Subalternen, aus einem Gästezimmer oder einem unbenutzten Raum in einer Wohnung eine Einkommensquelle zu machen, während gleichzeitig alle Formen der prekären Arbeit weiter zunehmen. Möglichst alles, selbst noch der recycelbare Müll, soll fortan als Einkommensquelle dienen, und dies bezieht sich gerade auch auf das, was von den Lebenden bisher noch gar nicht produziert worden ist. Und oft genug zeigt sich gerade darin der nekrophile Zug des Kapitals und seiner Kulturindustrie: Erst wenn eine Sache längst tot ist, kommt sie so richtig in Mode und wird dann als eine zukunftsweisende zeitgenössische Singularität verkauft, womit sich anzeigt, dass die Retro-Industrie gerade in einem Zeitalter, das angeblich auf die Vermarktung der Dinge mit Blick auf die Zukunft setzt, längst zum Standard geworden ist. Dabei wird auf der Suche nach dem Originellen und Einzigartigen der Unterschied zwischen Historischem und Zeitgenössischem permanent verwischt, sodass am Ende lediglich die Rekombination der Objekte, Zeichen und Stile übrig bleibt. Wenn in diesem Sinne jedes Produkt Retro ist, ist nichts mehr Retro und die Zeit wird weiß. Und selbst noch gewöhnliche Industrieprodukte wie Jeans werden mit schier nach Lebendigkeit ringenden Gebrauchsspuren, die beispielsweise das Heroische der Arbeit ausstellen sollen, und irgendwelchen sonstigen historischen Details aufpoliert, und noch der industriell hergestellte Kuchen schmeckt angeblich wie der Kuchen zu Omas Zeiten. Die Zirkulation der hybriden Waren läuft heute insofern immer wieder auf dasselbe hinaus, insofern die ihnen hinzugefügte Erzählung, die von ihrer Authentizität oder Singularität labert, gerade das verschleiert, was sie in Wahrheit meistens sind, nämlich seriell gefertigte Wegwerfprodukte, gerade einmal dazu da, nach dem Kauf sofort wieder auf Ebay weiterverkauft oder gleich in den Müll geworfen zu werden. Es kann sich dabei durchaus auch um einzeln hergestellte Objekte und Accesoires handeln, die, werden sie mit einem fiktiven Wert versehen und beispielsweise in der Wohnung gesammelt, den Hauch des Atmosphärischen schaffen, eine leichte Wolke, die vorbeizieht und wieder im Nichts verschwindet.

Das 24/7-Modell eines panisch gewordenen Konsums im Sog einer »Verschwendung« von Gütern, die aber hauptsächlich nur in ihrem Design ständig variiert werden, ohne dass es zur wirklichen Neuheit kommt, ein Modell, das auch die individuelle Verausgabung rein zum Zwecke der Selbststeigerung (des Gleichen) setzt, ist die Karikatur einer Überschreitung und jener Verschwendung, die Bataille noch als ein allgemeines ökonomisches Modell gegen das (re)produktive Recycling-Kapital propagiert hat. Die Überraschung liegt nicht darin, dass die Ungewissheit, was als nächstes kommt, bei dieser Art der Güterproduktion präsent bleibt sondern, dass kaum einer erkennt, dass es sich letzten Endes um die aufdringliche Wiederholung des Gleichen mittels der Differenzierung handelt, sodass von Ausnahmen abgesehen, es immer wieder auch dieselben Unternehmen und Ketten sind, die einen großen Teil der Nachfrage auf sich ziehen. Der Verlust der Haltbarkeit führt heute dazu, dass in der Tendenz auch die symbolischen und kulturellen Distinktionsmerkmale, die die Luxuswaren von den Billigwaren unterscheiden, verfallen. Daran ändert auch die für das Kapital heute konstitutive Spekulation, wie wir das an verschiedenen Stellen schon vorgeführt haben, nichts, sie findet verstärkt zwar auch auf den Kunstmärkten statt, aber auch dort nicht in erster Linie unter dem Gesichtspunkt der Kulturalisierung der Kunstobjekte, sondern ihrer eineindeutigen Monetarisierung, wobei auch die Sichtbarkeit auf der Strecke bleibt, wenn Milliardäre ihre gekauften Kunstobjekte dem Publikum gerade nicht zur Ansicht anbieten, sondern in schwer geschützten Bunkern die Ansicht verwehren.

Die digitalen Geräte sind heute ständige Begleiter des Menschen, sie verlangen im Sinne des Überwachungskapitals geradezu begierig nach der permanenten Mensch-Maschinen-Kommunikation und sie sind deshalb wie das Smartphone am besten direkt am Körper anzubringen oder als digitale Brillen vor die Augen zu kleben. So fordern die Geräte unentwegt danach bedient zu werden, und deswegen müssen sie eine Vielzahl von Optionen und Bedienungsmöglichkeiten besitzen, die das andauernde Navigieren im digitalen Space erforderlich, ja attraktiv und zugleich im positiven Sinne nervenaufreibend machen. Allerdings führt diese Art der Optionalität nicht zur Freiheit des Konsumenten, sondern zu dessen ständigen Versuchen, die Anpassungen und Adaptionen an die funktionalen Erfordernisse und Bedienungsanleitungen der technischen Objekte, die eine Diversifizierung der Abläufe anbieten, mit Furor zu leisten, was die Konsumenten zudem noch aktiv mit ihren Comments im Internet befördern, ohne aber im Geringsten zu spüren, dass sie selbst eine Anwendung des 24/7-Taktes und seiner Kontrollsysteme bleiben. So gesehen verlangt der Gebrauchswert der Geräte die modulare und effiziente Bedienung, die Navigation ihrer Funktionen und Zustände, die ja permanent weiter moduliert werden – der Konsument ist damit selbst so etwas wie die lebendig gewordene Bedienung. Es werden aber nicht nur ständig alte Produkte durch neue ersetzt, sondern der Konsum der neuen Produkte fordert die andauernde Beschäftigung mit ihnen geradezu heraus. Im Konsum treten das Bedürfnis nach dem Produkt und die Affirmation seiner Ersetzbarkeit ständig miteinander in Konflikt, und doch gilt es, die digitalen Anreize schnell zu erkennen, um sich in die Kette beständig heißer vorgegebener Verheißungen einzuklinken, die zumindest eine verbesserte Funktionalität in der Anwendung des Produkts versprechen, auch wenn sich letztendlich für den Nutzer beim Gebrauch kein Nutzen einzustellen vermag. Das verlangt einen Konsumenten, dem die variable Konformität wie ein maßgeschneideter Anzug passt, und der den Verhaltensvorhersagen von künstlichen Maschinen folgt, welche möglichst ein Verhalten des Konsumenten antizipieren, das zuverlässig zu den »gewünschten kommerziellen Ergebnissen führt« (zuboff 235). Der Konsument ist damit definitiv die Ratte in der Skinner-Box, indem er einer Lebens-Konditionierung unterworfen wird, die nicht nur mit den Zyklen der technischen Produkte identisch sein, sondern vor allem Profite für das Überwachungskapital generieren soll. Dabei will man die Entscheidungen der Konsumenten, wenn sie die digitalen Geräte bedienen, nicht nur verkürzen, sondern am besten gleich ganz automatisieren, sodass nicht mehr gewusst werden muss, dass jede eingeführte Neuheit Teil der nackten Wiederholung des 24/7-Taktes selbst ist. Der Dauermodus des Als-ob, den beispielsweise das Smartphone bereitstellt, lässt die Verstandesfunktion mit ihrer regulativen Kapazität auf ein fatales Residuum implodieren und klebt sie als notwendiges Detail an die Daten-, die Bild- und Informationszirkulation. Adorno hatte diesbezüglich schon eine böse Vorahnung: »Ausgegangen wird von der Gedächtnisschwäche der Konsumenten: keinem wird zugetraut, daß er sich an etwas erinnere, auf etwas anderes konzentriere, als was ihm im Augenblick geboten wird. Er wird auf die abstrakte Gegenwart reduziert. Je bornierter aber der Augenblick für sich selber einzustehen hat, um so weniger darf er mit Unglück geladen sein.« Nichts anderes bedeutet das Ende der Geschichte auf der Ebene des Subjekts.

Um heute die Effekte, die Potenziale und die Gefahren der digitalen Angebote (Meme) nachzuvollziehen, muss man die gefährliche Macht der Quasi-Objekte verstehen, die einzig und allein da sind, um zu zirkulieren. Es geht hier um die rigorose Transsubstantiation des Seins in die Relation.

Für die schamlos unzufrieden und zugleich infantil-grotesk Genießenden, die sich verstärkt in den einkommensstarken Bevölkerungsteilen befinden, erscheinen die digitalen Geräte inklusive ihrer Gadgets und Apps wie maßgeschneidert, handelt es sich doch um kurz-terminierte Wegwerfprodukte, die dem ständigen Austausch unterliegen, man denke an die heutige Hyper-Präsenz touchscreen-gesteuerter Geräte, die man aber wahrscheinlich bald durch Rechner, welche auf ein Winken, Blinzeln oder Räuspern reagieren, ersetzen wird, um den Nonstop-Betrieb des Konsums auf beschleunigte Weise fortzusetzen. Die Intelligenzmaschinen des Überwachungskapitals passen die unzähligen Apps (über 300 für Googles Android-Plattform) über das Wetter, Dating, Musik, Gesundheit etc. ständig an und infizieren sie zudem noch mit einer großen Anzahl von Trackern, um persönliche Daten zu extrahieren, algorithmisierte Profile zu erstellen und Geld mit zielgerichteter Werbung zu verdienen.

Nehmen sie einem genügend Informationsarbeit ab, sind die digitalen Geräte womöglich sogar freundliche Begleiter, andererseits übernehmen sie gleichzeitig die Funktion einer unerbittlichen Kontrollinstanz, wenn sie beispielsweise alle möglichen Indikatoren eines aktuellen Körperzustands messen, um dann Imperative für das sportliche Verhalten und das Essverhalten des Users auszugeben. Vielmehr noch, sie sind eine Enteignungsinstanz, die, egal ob als Smartphone oder Laptop, in einen ungeschützten privaten Raum eindringt und Daten über menschliches Verhalten extrahiert, und das geschieht nicht nur im digitalen Space, sondern auch durch das Monitoring in der realen Welt, wenn man beispielsweise bei seinen Wegen in der Stadt entlang bestimmter Routen geführt wird, wobei Google leise und unbemerkt seine Rolle als Ratgeber in die eines sanften Kontrolleurs transformiert.10 Und wenn der User zum Beispiel im Internet nach einem Stuhl sucht, so wird er, kaum dass er in ein Auto eingestiegen ist, sanft zum nächsten Möbelgeschäft dirigiert, er wird also mittels sogenannter Push-Technologien zu einem Ziel hingeführt, das er in kein Gerät eingegeben hat. Schon mit dem Download von Apps wird die Software autorisiert, sensible Daten zu erfassen und zu modifizieren, ja zum Teil auch zu löschen; man erfasst den Status des Smartphones, Standortdaten und WLAN-Verbindungen, aktiviert Kameras und loggt sich in die privaten Archive mit Fotos und Videos ein. Der Extraktionsimperativ von Google & Co verlangt geradezu danach, dass alles in Beschlag genommen wird, wobei das Überwachungskapital wiederum bestimmte Produkte und Dienstleistungen natürlich nur innerhalb der eigenen Versorgungsrouten und Infrastrukturen anbietet. Dazu muss man sich unbedingt die Daten über das Verhalten der Nutzer aneignen und Produkte generieren, die im 24/7 Modus vorschreiben, wie der Nutzer mit bestimmten Objekten, zum Beispiel mit seinem Auto zu interagieren hat.

Der postmoderne Konsument der Metropolen ist eine gestaltlose Gestalt, einerseits ein Aktivum, das mit geradezu unternehmerischem Gespür für konsumistische Ressourcen Freizeit betreibt, andererseits ein Passivum, ein statistisch kontrolliertes und auf Vorhersage hin konstruiertes Konglomerat aus Kennziffern, Ratings und Indikatoren, mit denen ständig die Verhaltensweisen, Leistungen bis hin zum Sex bewertet werden (Tauschwert). Singulär und anspruchsvoll, so posaunen die Propagandisten der neuen Mittelklasse, müsse es dabei zugehen, sei es im Flirt mit der digitalen Partnerschaftsagentur, beim Verzehr des Menüs beim Sternekoch, den Übungen im Thai-Chi-Kurs, das aus einer Szene-Galerie erworbene Gemälde ist natürlich der Outperformer und das Gespräch mit Freunden beim Rotwein am Abend, und nicht zu vergessen der Sex, eine Singularitätsperformance sui generis.

So gesehen erscheint es ganz normal, dass Marketing-Agenturen ständig neue semiotische Vibrations für die Angehörigen der Mittelklasse erzeugen, um eine Ästhetik der Unsicherheit zu generieren, die beim Konsumenten einen Impuls des just do it hervorkitzeln soll, man denke hier auch an Extremsportarten, Risikogesellschaften, finanzielle Derivate, kreative Klassen, Pornostars, Spielkulturen.11 Dabei bietet das Internet, in dem der binäre Code in Klänge, Texte und Bilder transformiert wird, auch für die Unterklassen die Möglichkeit, den Konsumenten in den Modus des Dauererlebens zu überführen, eine eigenartige und durch das Smartphone zudem mobile und ständig mobilisierende Sucht, die sich an die Präsenz und Transformation der Angebote hängt; es ist die Zirkulation, die nun auf Dauer gestellt ist, Kreisläufe der Null-Zeit-Zirkulation, die für die Anbieter spiralförmig verläuft, nämlich als die Akkumulation von Kapital, während die Nachfrager über den Modus des Dauererlebens nicht hinauskommen. Es sind also insbesondere die Internetmärkte, welche den kurzfristigen Konsum und die kurzfristige Aufmerksamkeit befördern, beispielsweise den des für Sekunden attraktiven You Tube Clips, der heute auftaucht und morgen schon wieder im Nirwana der Archive verschwunden ist, wobei aber die Langfristigkeit der Attraktivitätszufuhr für die wenigen großen Konzernen gesichert bleibt oder eben einfach im Internet-Protokoll fundiert ist, das die Infrastruktur für die Zirkulation der kurzfristig attraktiven Güter bereitstellt. Der ständige Wechsel in den Produktlinien der großen Digitalkonzerne forciert die Kurzfristigkeit, während die Identifikation mit der Marke aber erhalten bleiben muss. Auf Dauer gestellt sind auch Identitätswaren, die man beispielsweise in den Fanshops der Fußballvereine kaufen kann, um sich mit ihnen dann in den öffentlichen Events in die Reihe der freiwillig Gleichgeschalteten einzureihen.

Letztendlich scheint es unmöglich geworden zu sein, dem Netzwerk-Paradigma, dem die virale, epidemische und produktive Verbreitung von Informationen eigen ist, zu entfliehen, selbst wenn man von der unermüdlichen digitalen Beschäftigung, die die Propaganda des Selbst und der Selbstreplikation erfordert, rein gar nichts zurückerhält. Weniger die Frage, ob die Bedürfnisse in der Anwendung von digitalen Geräten oder im Aufenthalt in den sozialen Netzwerken aufgehen, steht jetzt im Mittelpunkt, sondern es ist der 24/7-Modus der Geschwindigkeiten, der Metriken und der Beschleunigungen, der den Konsum und die Bedürfnisse endlos zirkulieren lässt – er punktiert, kontrolliert und quantifiziert zudem die Wahrnehmung, das Erleben und das Leben jedes Einzelnen. Am Abend begegnet man dann den Grenzen des Tages und allem, was nicht beendet wird, und man ermüdet, wenn man seine to-do Liste anschaut, die sich Tag für Tag wie ein dreckiger Virus reproduziert.

Und die erschöpfende Art und Weise der Kurzlebigkeit will der Konsument paradoxerweise am liebsten auf ewig leben – er oszilliert wie im Taumel dabei zwischen dem heißen Bedürfnis nach dem Konsum des Objekts und der Affirmation des unvermeidlichen schnellen Ersetzens desselben, und so muss er bis zur Erschöpfung den heißen Verheißungen der Werbeindustrie im Fluss des monoton und zugleich differenziell fließenden 24/7-Taktes nach hecheln, ohne dabei aber zu erkennen, dass die attraktiven Anreize und die verbesserten Funktionalitäten der Geräte gerade mit seiner Bestätigung, dass das Ich sich in der technischen Anwendung der Gadgets erfüllt, identisch sind. Dinge, die sich nicht über das Display des Laptops oder des Smartphones und seinen Icons und Links dargestellen und optimieren lassen, verlieren heute unzweifelhaft an Attraktivität.

Darüber hinaus kitzelt der 24/7-Stunden-Betrieb die Sucht der Dividuen nach Wettbewerb, Egoismus, Opportunismus und Ignoranz gegenüber den anderen geradezu hervor, wobei diese Bedürfnisse immer enger an Plattformen, Modelle und Programme geknüpft und von diesen auch dirigiert werden, indem sie vorhandene Zeichen und Objekte permanent rekombinieren und generell in die Form des Remixes und des Mash-Ups (Rekontextualiserung) überführen – Kopien von Kopien, unaufhörlich verlinkt im Rausch von Pseudo-Moden, Hits und Stars. Folgerichtig sind die konsumierten Produkte heute in immer höherem Maß Geräte, die eine große Anzahl an Dienstleistungen, Unterhaltungen und Threads anbieten, wobei die Plattformen diese Geräte beispielsweise auf Daten fressenden Mobilitätsmärkten einsetzen, wie man an Uber sieht, das die städtischen Kommunen auffordert, Daten über den öffentlichen Nahverkehr mit dem Unternehmen zu teilen, sodass Uber seine Fahrzeuge zielgenau und in Echtzeit in Richtung überlasteter Straßen Bahn- und Bushaltestellen lenken kann.

Wenn heutzutage die Leute in diese bis hierhin dargestellten Zeitströme in der Sauna, unter dem Solarium oder im Swinger-Center das Gefühl beschleicht, selbst dies könne sie nicht mehr reizen, und wenn sie im Zeitalter des Online-Datings infolge der Algorithmisierung der Partnerwahl (der nach wie vor klassenspezifischen Liebesbeziehungen) gerade mal für drei Monate glücklich werden – dann kann kein Sexual- oder Lebensratgeber und kein Lifestyle-Konzept mehr helfen, aber die Leute könnten zumindest bei Proust oder Balzac nachlesen, was sie verpasst haben. Weil sie aber auch das nicht tun, hängen sie weiter am Tropf, der ihnen die Insistenz auf das Zeitgenössische, auf den punktgenauen Erlebnis- und Symbolwert der Produkte injiziert, womit trotz des wirren und hysterischen Bestehens auf der Einzigartigkeit der Ereignisse, Dienstleistungen oder Produkte, die man da am laufenden Band und zugleich möglichst kurzfristig konsumiert, die Gegenwart als ewig ausgedehnt erscheint oder sich dehnt wie ganz langsam zerlaufender Käse. Das ist auch nicht weiter verwunderlich, denn die Kreativindustrien, in denen sich Teile der Mittelklassen versammeln – IT-Branche, Medien, Design, Marketing, Games, Wellness, Tourismus und Sport – machen rund um die Uhr Angebote, mit denen man die Selbstverwirklichungsansprüche eines speziellen Teils der Mittelklasse testet. Es sind im speziellen die Mitglieder einer globalen, virtuellen Klasse, die vernetzt, liquide und verbunden in den neuen technischen Labors und Büros leben, eine spezielle Klasse des digital-finanziellen Zentralnervensystems des Kapitals.

Video- und Glücksspiele, Internetpornos und alle Spielarten von Games verflüssigen und intensivieren den 24/7-Konsum, wobei die in ihn eingebauten Gewinn-, Macht- und Besitzillusionen für die meisten andauernd enttäuscht werden, sodass man gerade deshalb den Konsum der elektronischen Reize oft genug mit dem Konsum von Psychopharmaka weiter stimulieren oder wahlweise die von den Anreizsystemen des digitalen Marketings generierte Nervosität zumindest zeitweise ruhig stellen muss, wenn der zugerichtete und sich selbst zurichtende Konsument nicht ganz überschnappen will. Wolfgang Pohrt bezeichnet derlei Konsumenten als verbitterte Hedonisten: »Insofern der Spätkapitalismus den Typus des Infantilen, weil in kindlicher Abhängigkeit und Ohnmacht gehaltenen, zum dominierenden Sozialcharakter macht […] sind für den sofortigen Genuss übrigens nicht einmal die elementaren Voraussetzungen gegeben, weil man erst einen dezidierten Wunsch haben muß, um ihn sich erfüllen zu können. Ganz analog zu verzogenen, mäkligen Kindern, deren Unglück darin besteht, gleichzeitig Schlagsahne mit Pommes essen und spielen und dabei eigentlich nichts von alledem zu wollen, leiden die Erwachsenen heute in der Regel nicht unter unerfüllbarer Sehnsucht – ein Leiden, welches auch seine Vorzüge hat –, sondern sie leiden unter einer Art von wunschlosem Unglücklichsein, welches umschlägt in die unersättliche, weil niemals Erfüllung findende Gier, alles haben und gleich wieder wegschmeißen zu wollen. Während die Propagandisten eines Neuen Hedonismus ungebrochene Genußfreude zu erkennen meinen im Verhalten besonders des bundesdeutschen Mittelstands, den man auffassen könnte als riesige Selbsthilfegruppe, die ebenso verbissen wie vergeblich bemüht ist, sich Gutes zu tun, sei es durch Schöner Wohnen, Vornehmer Trinken oder Gesünder Essen, während die Propagandisten eines Neuen Hedonismus also in all diesen Aktivitäten Indikatoren für ungebrochene Genußfreude zu erkennen meinen, übersehen sie, daß die rastlose, zwanghafte, stressige und fast schon hauptberufliche Suche nach dem Genuß das Verhalten von Leuten ist, die ihn nirgends finden können, von Leuten auch, denen sich die unersättliche Gier und die ewige Frustration irgendwann in die Gesichtszüge gräbt und die daher nicht satt, zufrieden und glücklich wirken, sondern hart, neidisch, lauernd und verbittert.« Diese Entwicklung wird noch dadurch vorangetrieben, dass der imaginäre Wert der Freizeit weiter ansteigt, während man umgekehrt viele Freizeitaktivitäten einfach in Arbeit umdefiniert. Tiqqun schreiben: »Was MAN heute Arbeit nennt, bewertete MAN gestern als Freizeit – ›Videospiel-Tester‹ werden dafür bezahlt, den ganzen Tag lang zu spielen, ›Künstler‹ dafür, die Clowns der Öffentlichkeit zu sein; eine wachsende Masse von Unfähigen, die MAN Psychoanalytiker, Kartenleger, Coaches oder nur Psychologen nennt, werden fett dafür bezahlt sich das Lamento der anderen anzuhören …« Arbeit und Freizeit geben sich die Hände, egal ob die Initiative von der einen oder der anderen Seite ausgeht.

,Das Verfallsdatum einer Nachricht ist eine Sekunde – wenn sie am Bildschirm erscheint, ist sie auch schon wieder verschwunden. In den transparenten Gewässern der 24/7 Metrik geht es Schlag auf Schlag, Fließbandproduktion wäre noch ein Euphemismusherrscht das reine Zirkulation-Nonstop-, im Jemen ein Völkermord, in Lybien fressen Flüchtlinge deutsche Hühnchenteile, Prince zum zweiten Mal tot, linkes komisches Mädchen mit empörten rosaroten Bäckchen empört sich als einer das N-Wort sagt, Matts Hummels ohne Unterhose im Käfer-Zelt, Putin hat in einer Boeing auf dem Weg nach Singapur einen CIA-Agenten mit Koks vergiften lassen, Sahra Wagenknecht koaliert mit Frauke Petry oder umgekehrt, Tannenzapfensaft hilft gegen zerebrale Verwüstung, Wutausbruch bei EU-Gipfel, Trump positiv getestet, Sabia brezelt sich schon mal auf, Top-Ten-Ranking der Hartz-IV-Absahner noch perverser als Forbes-Liste, ganz Paris ist ein FKK-Paradies und so weiter und so fort.

Der Quantifizierungs-Totalitarismus (als die dem finanziellen Kapital adäquate Regierungsform)

Radikale Indifferenz

Die Rezeptionsweisen der Massen bestehen heute zumeist aus repetitiven Gewohnheiten, wobei sie als User aber keineswegs passiv bleiben, sondern sich vor allem über die sozialen Netzwerke andauernd ins pseudo-turbulente Geschehen einbringen und emsig und beschäftigungskonform Daten und Informationen produzieren, welche die großen Medienkonzerne wie Google, Apple oder Facebook extrahieren, quantifizieren, aus- und verwerten. Es entsteht dabei eine neue Akkumulationslogik, innerhalb derer das Überwachungskapital Daten über menschliches Verhalten inklusive scheinbar nutzloser Überschüsse und Ausschüsse von Daten extrahiert, das heißt Daten aufsaugt und sie ständig mit anderen Daten kombiniert, um mit ihnen intelligente Maschinen zu füttern und mittels algorithmischen Prozessen Vorhersagen über das künftige Verhalten der User zu produzieren, die als Quasi-Derivate auf Verhaltensterminkontraktmärkten angeboten und verkauft werden. (Zuboff 2018: 125) Mit den Daten verflüchtigt sich jeglicher Inhalt, ja die Bedeutung der Aussagen tendiert zum austauschbaren und verwertbaren Material, das so determiniert den Konsumenten animieren soll, innerhalb des 24/7-Taktes irgendwie am Ball zu bleiben, indem er möglichlist viele Daten produziert, selbst postet und gepostetes Material kommentiert, liked, tauscht und archiviert, sodass die Überwachungskapitalisten ihn als ein lebende Datengenerierungsmaschine permanent ansaugen und verwerten können. Es herrscht bei Facebook bezüglich der jeweiligen Bedeutungen und Inhalte der Posts eine radikale Indifferenz, die dazu führt, dass »Content ausschließlich nach Volumen, Diversität und Tiefe des anfallenden Überschusses« (Zuboff 2018: 578) beurteilt und gemessen wird, und zwar anhand der anonymen Maße der »Klicks, Likes und Verweildauern – und das trotz der offensichtlichen Tatsache, dass er (Überschuss) seine zutiefst unterschiedlichen Bedeutungen aus zutiefst unterschiedlichen menschlichen Situationen bezieht (ebd.).« Hier nochmal anderes buch zuboff s. 438:«Big Other ist es egal, was wir denken, fühlen oder tun, solange seine Millionen, Milliarden und Billionen wahrnehmungsfähiger, aktuierender rechnergestützter Augen und Ohren das immense Reservoir an Verhaltensüberschuss beobachten, rendern, verdaten und instrumentalisieren, die der ungeheure Tumult von Konnektivität und Kommunikation generiert.« (Und dennoch wird damit weiterhin auch Wissen strukturiert, denn es bleibt nicht ganz egal, wovon man wissen, wovon man nichts weiß oder auch nichts wissen soll.) Das Überwachungskapital extrahiert einen Vorhersagewert nicht aus dem Inhalt, den ein User schreibt, sondern den Ausrufezeichen und Kommas, die er setzt, nicht daraus, wohin jemand geht, sondern wie jemand geht. Die Nutzer mögen die Eigentümer der Daten sein, die sie den Überwachungskapitalisten geben, aber sie bekommen keinen Zugriff auf den Surplus der Vorhersagen, die aus den daten gewonnen werden. These are the imperatives to extract data and predict behavior. Those who do it well—Google and Facebook—leverage the economies of scale (extracting as much data as possible), scope (sourcing it from varied sources), and action (producing desired outcomes, such as getting users to click on an ad or having them nudged by fitness trackers). Much of The Age of Surveillance Capitalism is dedicated to exploring these imperatives and economies in extensive detail. Zuboff elaborates their dynamics with revealing charts and lucid models, showing how they shape the strategies of the firms. oogle pays virtually nothing for indexing the content from other sites. This is how it can make so much money linking search queries to targeted ads; its production costs are minimal, as the indexed content arrives almost for free.

Who fills the index with useful content? The usual suspects: bots, hobbyists, academics, teenagers. But, also, plenty of precarious media professionals who are building their online reputations, hoping to produce “viral” content. That last group does sound like a “class,” and one that’s not so “hidden.” Google free-rides on content produced elsewhere, completely indifferent to how—through work or passion, laughter or tears—it is produced. Those with valuable data to index— Twitter, for example—got Google to pay them hefty data licensing fees; it costs Google to index, and profit from, their content. Most content providers, however, were not so lucky, as they lacked the bargaining power or even the awareness of what was going on.

Die radikale Indifferenz des Überwachungskapitals gegenüber den Inhalten der Posts erfordert auch von der subjektiven Seite der User die Erhöhung der organischen Zusammensetzung der Ignoranz (außer Liebe für sich selbst), die aber beileibe kein individuelles Manko, sondern Konsequenz der algorithmischen Governance ist, und diese Ignoranz ist wiederum die Voraussetzung, dass das Überwachungskapital ihr spezifisches Spekulationskapital handeln kann, das im Modus der Gleichzeitigkeit Ungewissheiten in Risiken transformiert und diese dann auch aktualisiert, vermeintliche Neuheiten reproduziert, die man prozessuale Objekte, die performt werden, nennt. Der Modus der Aktualisierung darf hier aber keineswegs als die des Virtuellen, wie dies Deleuze vorführt, verstanden werden, vielmehr ist sie identisch mit der Momenthaftigkeit, die nun auf Dauer gestellt wird, sodass es eben allein drauf ankommt, was im Jetzt der Gegenwart gerade aktuell ist und was zählt.

H.Arendt s.445«Es ist durchaus denkbar, daß die Neuzeit, die mit einer so unerhörten und unerhört vielversprechenden Aktivierung aller menschlichen Vermögen und Tätigkeiten begonnen hat, schließlich in der tödlichsten, sterilsten Passivität enden wird, die die Geschichte je gekannt hat.« Mit den digitalen Medien leben wir in einer zunehmend flachen Ontologie, in der jedes Ereignis mit jedem anderen auf meistens gleicher Intensitätstssufe korreliert, sodass ein Netz von Relationen entsteht, indem kein Ereignis mehr eine spezifische Bedeutung aufweisen soll. In der Welt der Updates, Kommentare, Meinungen und Gerüchte ersetzt der Begriff der Kommunikation die Wahrheit.

Damit hat sich auch das Verhältnis von Differenz und Konsolidierung/Standardisierung in der Produkt- und Medienwelt verschoben. Wir halten uns bei unseren Analysen vielleicht immer noch zu stark an die Versität (Gleichmachung), eine Inversion und Mutation der Diversität, die aber nicht die Eliminierung von Differenz bzw. der sozial-kulturellen Differenzierung inkludiert, ganz im Gegenteil benutzt die Versität die Differenz als ihr reales Substrat, um standardisierte Organisationssysteme zu generieren. Ständig werden damit neue Ordnungssysteme und Machttechnologien geschaffen, welche die Differenzen absorbieren oder zumindest modulieren. Dagegen kommt es bei der Operationalisierung der radikalen Indifferenz zu keiner Modulation und Konsolidierung der Differenzen mehr, vielmehr gelten sämtliche Differenzen, die die unterschiedlichsten Inhalte betreffen, als äquivalent. Und neutralisieren damit den Inhalt bzw. die Bedeutung. Diese Art der Formatierung geht auf ein finanzialisiertes Akkumulationsregime zurück, dessen erster Anspruch nicht mehr Fortschritt oder Entwicklung ist, sondern das in seiner Kurzfristigkeit in jeder Sekunde das erfolgreiche Management von ständig präsenten Risikomöglichkeiten versprechen muss, egal auf welche Baiswerte die Ab- und Versicherungen denn nun beziehen.12 Dabei kann eben alles und jedes, jedes Ereignis, jeder Inhalt und jede Bedeutung, zum Risiko transformiert werden. Analog dazu sind die Inhalte, die sich auf den sozialem Plattformen in Bildern, Videos und Texten materialisieren, der an sich bedeutungslose Rohstoff, den die User schaffen und das Überwachungskapital als Daten extrahiert. Es handelt sich hier um einen Überschuss insofern, als auch Daten extrahiert werden, die weit über das hinausgehen, was als Informationsdienst für den Nutzer eigentlich notwendig wäre, aber eben für das Überwachunsgkapital eine Ressource darstellt, die es zu kapitalisieren gilt. Es gelten nun letztenlichalle Differenzen (der Inhalte) als äquivalent, oder, um es anders zu sagen, jede spezifische Bedeutung löst sich im Datenstrom auf, sodass gegenüber der Bedeutung an sich eine radikale Indifferenz herrscht. Differenz ist gleich Indifferenz, so lautet die Formel. Diese Art der die Inhalte neutralisierenden Äquivalenz macht zumindest den sichtbaren, den fließenden Text bei Facebook generell auch anfällig für alle Arten von Fake News, was von den Überwachungskapitalisten, solange keine Einwände von seiten der Politik kommen, meistens hingenommen wird, da schließlich jeder Inhalt für für den unsichtbaren Schattentext bzw. die Black Box der Algorithmen als Daten-Rohstoff zählt, den die »Maschinenintelligenz«13 operationalisiert, damit das Überwachungskapital an den Verhaltensderivatmärkten den Werbekunden punktgenaue Vorhersageprodukte anzubieten vermag. Diese Art der Extraktion und Produktion von Daten bzw. Verhaltensüberschüssen erfordert ein Projekt, das weit über die Transformation der Unsicherheit in ein kalkulierbares Risiko hinaus auch unbedingt Gewissheiten herstellen muss, das heiß genaue Formen des Verhaltens von Nutzern nicht nur antizipieren , sondern die Nutzer tatsächlich auch zu den gewünschten Verhaltensweisen motivieren und steuern will.

Man muss hier von einer Tendenz sprechen, erwirtschaftet doch Google & Alphabet einen Großteil des Umsatzes er mit Werbung, die auf der Versteigerung und Vermietung von Suchbegriffen, mit Wort- und Begriffsbörsen, sodass sich sagen lässt, dass Daten zwar der Rohstoff der digitalen Ökonomie sind, aber sprachliche Bedeutungen damit nicht verschwinden, sondern dessen Förderung und Verfeinerungen dienen können, sodass es auch zu einer systematische Kapitalisierung und Monetarisierung sprachlicher Bedeutungen kommt. Selbst im Finanzsektor ist man sich darüber einig, dass das Kapital sich nicht in Zahlen, Charts und Modellen erschöpft, die vor allem auf a-signifikanten Semiotiken basieren, sondern dass die Unternehmen semantisch und narrativ aufgeputzt werden müssen. Deshalb gehören die Experten für „Investor Relations“ in vielen Konzernen zur Unternehmenskommunikation statt zur Finanzabteilung. Und für den erfolgreichen Börsengang ist eine überzeugende „Equity Story“, also eine als Aventiure aufbereitete Unternehmensdarstellung für Investoren und Analysten wichtig.

Zwar kann vor allem der Wert von Markenunternehmen nicht unabhängig von den materiellen Aktiva, der Geschäftspraxis, dem Produktportfolio und dem messbaren und dem erwarteten zukünftigen ökonomischen Erfolg eines Unternehmens festgelegt werden, aber gerade bei den Marken spielen Symbolsysteme und Narrative eine Rolle für die Bestimmung selbst des Börsenwerts. Während das Geld als Form des allgemeinen Äquivalents der Waren deren qualitativen Unterschiede nivelliert, versprechen Marken immer das Unvergleichliche und Singuläre, sie verwenden nicht nur Markierungen des Unterschieds, sondern ausdifferenzierte Zeichen- und Symbolsysteme. Hier besitzt Das inkommensurable Bedeuten, das kein Äquivalent kennt, selbst noch Bedeutung. Die Marken haben die Aneignung symbolischen Kapitals institutionalisiert. Die Distinktionsprofite werden nicht nur von Individuen, sondern in großem Stil und systematisch von Unternehmen eingefahren. Dem Einzelnen ist es dabei überlassen, auf die Symbolwelten und das Zeichenrepertoire der Marken zurückzugreifen,Die algorithmische Operationalisierung des lexikalischen Materials im Netz ermöglicht es, den Wert eines Wortes zu objektivieren, zu quantifizieren und zu monetarisieren. Und das ist aber der springende Punkt. Das Unternehmen Google hat sozusagen eine Begriffsbörse eröffnet, die jeder gehandelten Zeichenkombination einen Wert zumisst und sie damit vergleichbar machen, womit eine Gleichgültigkeit etabliert wird, die das auf Distinktion basierende Bedeutungskapital der Marken reduziert oder gar vernichtet. Ist der Preis der Klartext des Geldes, so übertragen umgekehrt die Begriffsbörsen im Netz die Mechanismen der Preisbildung auf die Sprache und ihr lexikalisches Material. Jedes Wort, jeder Begriff hat seinen Preis, der in einer digitalen Auktion ermittelt wird. Und dieser monetäre Wert bleibt insofern nicht ohne Einfluss auf Wortwahl und Sprachgebrauch, als lukrative Begriffe und Begriffskombinationen zumindest unterschwellig bevorzugt werden. Die Konvergenz der theoretischen Perspektiven auf die marktförmigen Mechanismen der Sprachproduktion einerseits und die kommunikative Funktion des Geldes anderseits deutet auf eine Annäherung in der Sache. Das Geld bildet nicht nur ein eigenes Vokabular aus,das als eine Fachsprache unter vielen eingrenzbar und lexikalisierbar wäre. Es spricht nicht nur eine eigene Sprache, sondern hat sich auch die Sprache als Ganzes zu Eigen gemacht. Schleichend und lautlos hat es sich ihrer so bemächtigt, dass Satz- und Kapitalbildung synergetisch verschmelzen-Wenn das Geld spricht, dann nicht in terminologischer Sperrigkeit. Die algorithmische Sprachproduktion erzeugt ein hohes Maß an kommunikativer Liquidität. Das Geld spricht überaus flüssig und geläufig, und zwar lieber über Gott und die Welt als über Derivate und Deflation. Es spricht die Sprache des Alltags, überbietet die ordinary language, an der es sich orientiert, in gewisser Weise sogar an Geläufigkeit. Mit der Sprache bemächtigt es sich gleichzeitig auch der Sprecher. Es spricht mit ihnen und durch sie. Das Kapital lässt sprechen,wie es schon lange arbeiten lässt.

Baudrillard konstatiert eine »trügerische Analogie« zwischen den beiden Begriffen des Universellen und des Globalen. Während Menschenrechte, Freiheit und Demokratie den universellen Werten der westlichen Aufklärung zugerechnet werde, zeichnet sich die Globalisierung durch »Techniken, Markt, Tourismus, Finanz, Information« aus. Allerdings sieht Baudrillard die westliche Universalität im Schwinden begriffen, während für ihn die Globalisierung irreversibel ist. Jede Kultur, die sich bisher in der Geschichte zu universalisieren versuchte, verlor ihre Singularität und musste unweigerlich absterben, so die Diagnose von Baudrillard. Er konstatiert, dass die Universalisierung, die sich in der Aufklärung noch als Fortschrittsdiskurs dargestellt habe, sich heute als endlose Wucherung der westlichen Werte vollziehe, die aber ständig auch abgeschwächt oder neutralisiert würden. Er schreibt: »Dasselbe geschieht unter anderem den Menschenrechten, der Demokratie; ihre Expansion entspricht ihrer schwächsten Definition, ihrer maximalen Entropie.« (ebd.: 51).  So zirkulieren Menschenrechte, Demokratie und Freiheit heute global in einem entropischen Modus. Baudrillard schreibt weiter: «Zunächst globalisiert sich der Markt, die Promiskuität jeglichen Tausches und aller Produkte, der fortgesetzte Fluss des Geldes. Kulturell bedeutet dies die Promiskuität aller Zeichen, aller Werte, das heißt Pornographie … Am Ende diese Prozesses gibt es keine Differenz zwischen dem Globalen und dem Universellen mehr, das Universelle wird selbst globalisiert, die Demokratie und die Menschenrechte zirkulieren genau wie jedes andere globale Produkt, wie Erdöl oder das Kapital« (ebd.: 51). ,

Solange die universellen Werte noch eine gewisse Legitimität besaßen, konnten die Singularitäten als Differenzen in ein System integriert werden. Baudrillard hat das Mantra der Differenzphilosophie, noch bevor Laruelle seinen umfassenden Angriff auf diese gestartet hat, im Konsum entdeckt. Baudrillard schreibt diesbezüglich: «Entscheidend jedoch ist dieser Zwang zur Relativität insofern, als er den Bezugsrahmen für eine nie endende differenzielle Positionierung bildet.« (Baudrillard 2015: 90) Damit sei es nun aber im Zuge der Globalisierung vorbei: »…nun aber gelingt es ihnen (den Werten) nicht mehr, da die triumphierende Gloabalisierung mit allen Differenzen und Werten tabula rasa macht, indem sie eine vollkommen indifferente Kultur oder Unkultur einbringt.« (Baudrillard 2011: 53). Baudrillard bleibt auch hier begrifflich ungenau, erkennt aber durchaus eine Tendenz.

Dem postfaktischen Zeitalter ist die unaufhörliche Generierung und Interpretation von Daten und Informationen (und ihren Bedeutungen) immanent, was allerdings längst nicht dazu führt, dass die Bedeutung an sich verschwindet. Die Verflüssigung der Bedeutung im endlosen Datenbrei in Folge der permanenten Suche nach Mustern und Korrelationen in den produzierten Datenmengen heißt nicht, wie etwa von Baudrillard mit seiner Simulationstheorie angenommen, das die Zeichen indifferent lediglich noch im Als-Ob zirkulieren, sondern dass die Extraktion von »Bedeutung an sich« immer intensiver um sich greift, gerade aufgrund des Faktums, dass nach wie vor be- und gedeutet werden muss, unabhängig davon, was nun im Einzelnen bedeutet wird. Dies liegt in der letzten Instanz in der auf die Zukunft ausgerichteten Kapitalisierung, die sowohl das Geld als auch die Bits in ihrer Austauschbarkeit als auch eine auf die Zukunft kalkulierende Vermehrung des Kapitals umfasst, einzig zu dem Zweck, alles und jedes als Finanzanlage oder Derivat zu inszenieren, das, unabhängig von der jeweiligen Bestimmtheit eines Basiswerts, auf den sich das derivat jeweils bezieht, nichts außer Rendite erwirtschaften soll.

Bezüglich der Austauschbarkeit von Bits erweist sich der Computer als ein Zeichentransformator, der reine Information prozessiert, aber nicht ohne Inhalt, sondern mit beliebigem und austauschbarem Inhalt. So wie Geld gegen Ware austauschbar sein muss, gleichgültig, gegen welche, so müssen Bits etwas bedeuten, gleichgültig, was sie bedeuten. Geld und Bits indizieren Kommunikation eben ausschließlich unter dem Aspekt der Negation einer spezifischen Bedeutung.14 Oder, um es anders zu sagen, unter Ausschluss jeder Bedeutung, außer der, dass unaufhörlich bedeutet werden muss, sodass Dassheit und die durchkreuzte Perspektive des Sinns hier eindeutig in den Vordergrund tritt.15 Es kommt deshalb gerade auch bei der gegenwärtigen Dateninvasion zu keinem generellen Bedeutungsverlust, sondern zu einer Bedeutungsüberproduktion, die der durch das Kapital gesetzten Gleichgültigkeit jeder spezifischen Bedeutung gegenüber komplementär ist, aber es muss ja nach wie vor bedeutet werden, ansonsten fiele das System auseinander.16 Diese Art der Bedeutungsüberproduktion macht den wirklichen Verlust an Bedeutung und der Wahrheit aus. Betancourt fasst diese Zusammenhänge als Agnotologie. Er schreibt. »Das Problem der informationsreichen Gesellschaft besteht nicht im Zugriff auf Information – auf Information zuzugreifen, wird zu einer alltäglichen Angelegenheit durch die ständig aktivierten Computernetzwerke –, sondern ist eine Frage der Kohärenz. Die Agnotologie wirkt in der Erzeugung von Dekohärenz: Sie unterminiert die Fähigkeit, festzustellen, welche Information wahrheitsgemäß und für die Konstruktion von Interpretationen zulässig ist.« (211) »Agnotologie hat die Funktion der Eliminierung des Widerspruchspotenzials.« (234) Als korrekte Bezeichnung für die Konstitution dieses datenimperiums schlägt Betancourt »agnotologischer Kapitalismus« vor: »ein Kapitalismus, der systematisch auf der Produktion und Erhaltung von Unwissenheit basiert.« (233) Unwissenheit ist also weniger die Folge mangelnder Information, sondern im Gegenteil, Resultat des Überflusses und uns in jedem Augenblick neu überfallender Information.

So zeichnet sich heute das kreative Vermögen der Hightech-Paranoia weniger durch einen Mangel an Orientierungswissen als durch die Überproduktion von Bedeutung aus, die aus dem Spiel resultiert, dass es überhaupt Bedeutung gibt und diese entgegen der performativen Akte, Motivationen, Interessenlagen und Wünsche, die in eine spezifische Bedeutungsproduktion eingehen, neutral oder in ihrem an sich betrachtet werden kann. Wenn somit Bedeutungen in vielfach zirkulierenden artifiziellen Deutungsverfahren austauschbar werden, woraus die Kämpfe um die Deutungen erst entstehen, dann folgt quasi zwangsläufig eine wahnwitzige Suche nach der Bedeutung. Während das Kapital durchaus mit dieser Art des Bedeutungsverlusts durch die Überproduktion von Bedeutungen leben kann, so ist das für den Staat nicht ohne Weiteres möglich, denn wie wir gesehen haben, mit ihm ist die Äquivalenz aller Bedeutungen in Frage gestellt, wenn er als der Standpunkt aller Standpunkte ausgewiesen werden soll. Man könnte mit Lacan sagen, dass der ungefilterte Datenstrom der Bereich des Realen ist, während Informationen und Metadaten die Realität wiedergeben, eine durch kognitive Filter und technologische Infrastrukturen intelligibel gemachte Welt, die selbst wiederum aus Registern des Imaginären und Symbolischen zusammengesetzt ist. Unentwegter Anfall von Daten, Informationen und Meinungen, die geradezu hysterisch, insbesondere in den sozialen Netzwerken, aufeinander reagieren, als gleich und als verschieden in jedem Moment, um Wahnaggregate und Illusionsabfälle jedweder Art zu erzeugen. All das ist aber keineswegs offen in dem Sinne, dass ein Beobachter die Differenz von Vorher/Nachher so setzt, dass er weder die eine noch die andere Seite bezeichnet, sondern die Differenz selbst, nämlich die Gegenwart, die wiederum selbst als Differenz ein Nicht-Ort ist und damit offen bleibt.

Quantifizierungsdispositiv

Die dem finanziellen Kapital adäquate Regierungsform umfasst heute unbedingt auch das Quantifizierungs-Dispositiv. Steffen Mau schreibt in seinem Buch Das Metrische Wir: „Die Forderung nach Transparenz bedeutet in ihrer übersteigerten und letztlich totalitären Form, dass jede und jeder von uns legitimerweise in allen Aspekten des Lebens dauerhaft überprüft, beobachtet, klassifiziert und bewertet wird.” (Mau 2017: 231) Die neue totalitäre Massenbewegung wäre demgemäß, wenn man es übersptitzt ausdrücken will, die sich permanent selbst bewertende und umfassend bewertete Bevölkerung. Im Kontext der neoliberalen Gouvernementalität, die Foucault so eindringlich beschrieben hat, haben sich im Zuge der Digitalisierung der kapitalistischen Produktionsprozesse, der Staatsapparate und sämtlicher sozialen Institutionen weitreichende Quantifizierungsdispositive, das heißt Bewertungs-, Kalkulations- und Vergleichs-Dispositive entwickelt, die auf sich ständig modulierende Steigerungs- und Überbietungsverfahren bezüglich der Rentabilität, Effizienz, Leistung und Transparenz von Aktivitäten in allen möglichen sozialen Bereichen setzen und zu einer umfassenden Quantifizierung der ökonomischen, sozialen und politischen Körper führen, die die bisherigen Schichtungen, Klassenspaltungen und ihre Distinktionsverfahren durchdringen und überlagern.

Und selbst noch die privatesten Bereiche der Bevölkerung sind heute in diese Quantifizierungsprozesse integriert, in denen man deren Akteure als Daten, die wiederum in Zahlen transformiert werden, konstruiert und anschreibt. Diese Überwachungs- und Quantifizierungsprozesse treffen heute auf seltsam passiv-aktive Dividuen, passiv insofern, da sie durch Raking- und Ratingverfahren ständig geteilt und damit als Dividuen, die konstitutiv für Tests und Stichproben sind, erzeugt werden, aktiv insofern, als sie vom Wunsch motiviert, unermüdlich Individualität simulieren und in diesem Kontext ihre aktive Bereitschaft zur freiwilligen Vergabe von Daten, zur Teilnahme an Rating- und Rankingverfahren und zum Casting tagtäglich demonstrieren. Derartige Teilnahmen sind dem Quantifizierungsdispositiv nicht nur einfach eigen, sondern sie intensivieren andauernd dessen Wirkungen, die nicht lediglich in den durch die Verfahren erzeugten Quantifizierungen und im numerischen Vergleich liegen, sondern zugleich die Konkurrenz zwischen den Bewerteten und Wertenden verstärken.

Im Rahmen der Implementierung des Quantifizierungsdispositivs und innerhalb dessen selbst kommt es zu ständigen Kämpfen der Akteure um ihre Positionen, es kommt zu andauernden Aktionen der Verbesserung und der Übersteigerung im Ranking, die durch die kontinuierliche Messung in scheinbar objektivierten Ordnungen, Hierarchien und Komplexen der Wertigkeit eingeschrieben sind. (Mau 2017: 49ff.) Diese objektivierten Quantifizierungsverfahren inkludieren vielfältige Verfahren der Klassifizierung, der Bewertung und der Integration, wobei der Status der Objekte, der Phänomene, der Sachverhalte und der Akteure mit Hilfe von Messungen, Skalierungen und Tabellen in die abstrakte Sprache der Zahlen übersetzt wird. In diesem mathematisierten Universum herrschen exakte, das heißt eineindeutige Ordnungsverhältnisse, innerhalb derer komparative Methoden, Differenzierungen und Skalierungen eine wichtige Rolle spielen. Und gerade deswegen umgibt das Quantifizierungdispositiv in der Öffentlichkeit eine Aura der Neutralität, der korrekten Nachprüfbarkeit und der Exaktheit und bietet damit eine brauchbare und angeblich ideologiefreie Repräsentation der sozio-ökonomischen Verhältnisse an, die, wenn sie von Maschinenintelligenzen prozessiert wird, von menschlichen Entscheidungen und Praktiken, ja selbst von den Machtverhältnissen entkoppelt zu sein scheint, man denke hier etwa an scheinbar objektive Kennziffern wie das Bruttoinlandsprodukt, Arbeitslosenquoten, Kennziffern zur staatlichen Verschuldung und viele weitere Parameter, die auf statistische Verfahren zurückgehen, und wenn sie ins öffentliche Licht rücken, dennoch zu nicht unerheblichen Verwerfungen in den verschiedenen sozialen Bereichen führen können.

Mittels der kontinuierlichen Einschreibung verschiedener Indikatoren, Daten und Zahlen in entfaltet sich mit rasanter Geschwindigkeit das Quantifizierungsdispositiv; dessen Metriken, Bewertungen und Kalkulationen tief in die politischen, ökonomischen und sozialen Felder eindringen und diese durchdringen, strukturieren und regulieren, bis hin zu den verschiedenen Verfahren der Selbstoptimierung der Akteure. Es entsteht eine normalisierende und zugleich performative Ritualisierung all dieser Felder, das heißt eine sozial konstruierte Vermessung mittels der Syntax von Zahlen.

Die Wucherungsprozesse der allgegenwärtigen Quantifizierung lassen sich an den Zahlen ablesen, so wird geschätzt, dass die Datenmengen im digitalen Raum in der Zeitperiode von 2005 bis 2020 um den Faktor 300 wachsen (Mau 2017: 41), wobei nicht nur die Produktion der Daten und ihrer Speicherkapazitäten ansteigt, sondern auch das Potenzial zur Herstellung von Verknüpfungen und Clusterbildungen der Daten der Maschinenintelligenzen bei ständiger Verbesserung der algorithmischen Verfahren sowie der Strategien und Prozesse des Big Data (Datenminining und -analyse). Es lässt sich leicht nachweisen, dass das Quantifizierungsdispostiv Teil einer expansiven Kapitalisierung von bisher der Profitlogik noch weitgehend entzogenen Bereichen ist, man denke an Bereiche wie Bildung, Verwaltung, Gesundheitswesen und kulturelle Einrichtungen wie Museen, die alle heute einer effizienten Allokation von Ressourcen unterstellt werden, indem man permanent Evaluationen, Tests und Prüfungsverfahren der in diese Einrichtungen integrierten Akteure installiert, die nun selbst einerseits in den Rankings ultravisualisiert und andererseits in einen weitgehend Wettbewerb hineingezwängt werden, der ständige Adaptionen verlangt, wobei die Akteure selbst auf lebende Daten reduziert sind, die vor den flimmernden Bildschirmen sitzend ihr Verhalten in die Computer tippen, wodurch man sie scheinbar nichtsahnend umfassend vermessen kann, während sie sich diesen Prozessen aber doch ganz bewusst aussetzen, um Vorteile im Ranking und Rating gegenüber der Masse der Mitstreiter zu erzielen. Bis ins Feinste tritt die Problematik der Credit Points, der verschiedenen Programme der Evaluierung und der Optimierung ihr sanftes Regime an, wuchert bis in die letzten Ritzen der Büros und in die Unternehmenssituation hinein, Macht wird fluidal, sie wird „gasförmig“, wie Deleuze sagt, sie organisiert sich in Netzwerken, in denen jeder Knotenpunkt potentiell die Information des Gesamtsystems enthält, sie wird mikrologisch oder gar nanotechnisch, sie gerät „inter-aktiv“, indem sie ein unausgesetztes Spiel von Aktion und Reaktion in Gang setzt, in dem am ende die Akteure die Lücken und Poren der Kontrolle durch Techniken der Selbstkontrolle stopfen. Dabei generieren der Staat und vor allem die privaten Vermessungsunternehmen permanent in Zahlen transformierte Anreizsysteme, um die Leistungs- und Aussagebereitschaft der Akteure weiter zu verstärken, indem ganz geschmeidig mittels algorithmischer Schattentexte, die für die Nutzer nicht einsehbar sind, die Anpassungsprozesse begleitet.

Algorithmische Governance

Sachverhalte wie Satellitenüberwachung, enorme Rechnerkapazitäten auf Silizium Chips, Sensoren, Netzwerke und Predictive-Analytics sind die Bestandteile von digitalen Systemen (des Überwachungskapitals), die das Leben und Verhalten der Bevölkerungen gegenwärtig umfassend tracken, analysieren und kapitalisieren. Dabei sieht sich beispielsweise Google unter dem Druck der Finanzmärkte gezwungen, die Effektivität seines Data-Trackings und seiner durch Maschinenintelligenz erzeugten Analysen ständig zu erhöhen und gerade deswegen jeden Anspruch der Nutzer auf den Schutz der eigenen Privatsphäre mit den vielfältigsten Mitteln zu bekämpfen. Dank einer Reihe von Geräten wie Laptops und Smartphones, Kameras und Sensoren sind heute Computer im kapitalisierten Alltag allgegenwärtig, es sind zeichenlesende Maschinen, die Algorithmen (unbedingt berechenbare, formal-eindeutige Verfahrensanweisungen) ausführen und ihre volle Kraft erst im Kontext digitaler Medien der Vernetzung entfalten, wofür die programmgesteuerte Gestaltung, Transformation und Reproduktion sämtlicher Medienformate Voraussetzung ist. Insbesondere die sozialen Netzwerke ermöglichen in diesem Spiel eine Art von Ökonomie, die aufgrund die Extraktion von persönlichen Daten, die zur Konstruktion von Metadaten, Cookies, Tags und anderen Tracking-Technologien führt, eine eigenartig neue algorithmische Governance etabliert hat. Diese Entwicklung ist vor allem als »Big Data« bekannt geworden, ein System, das auf Vernetzung, Datenbanken und hohen Computerleistungen und -kapazitäten aufbaut. Die darin involvierten Prozesse sind laut Stiegler solche der »Grammatization«. Im digitalen Stadium führen diese dazu, dass die Individuen durch eine Welt geführt werden, in der ihr Verhalten grammatikalisiert ist, indem sie mit Computersystemen interagieren, die in Real Time operieren. Die Grammatization beginnt für Stiegler allerdings schon mit den Höhlenmalereien und führt über die Medien Keilschrift, Fotografie, Film und Fernsehen schließlich zum Computer, zum Internet und zum Smartphone. Ergebnis all dessen ist, dass die Datenpfade und -spuren, die mit den heutigen Technologien der Computerisierung erzeugt werden, ternäre, aufmerksamkeitsreduzierende Retentionen bzw. Mnemotechniken konstituieren, die spezifische Zeitverfahren und Individuationsprozesse inkludieren, das heißt «Industrialisierungsprozesse des Gedächtnisses» bzw. eine »politische und industrielle Ökonomie, die auf der industriellen Ausbeutung von Bewusstseinszeiten beruht«. Mit der Digitalisierung der Datenwege und -prozesse, die heute mittels Sensoren, Interfaces und anderen Mitteln aufdringlich dringlich funktionieren und grundsätzlich als binäre Zahlen und kalkulierbare Daten generiert werden, wird Stiegler zufolge ein automatisierter Gesellschaftskörper geschaffen, in dem selbst noch das Leben in einen Agenten der hyper-industriellen Ökonomie des Kapitals transformiert wird. Deleuze hat diese Entwicklung in seinem berühmten Essay zu den Kontrollgesellschaften schon vorausgesehen, aber zur vollen Tragkraft kommen die Kontrollformen erst, wenn die digitale Kalkulation die von Deleuze festgestellten Modulationen der Kontrolltechniken in eine algorithmische Governance integriert, die zudem die Automatisierung sämtlicher Existenzen, Lebensweisen und Kognitionen inkludiert.

Die dem Internet zugrunde liegenden Machttechnologien der Protokolle sind a-normativ, da sie selten breit in der Öffentlichkeit debattiert werden, vielmehr scheinen sie der algorithmischen Governance immanent zu sein. Zur Debatte steht nun: Erzeugen Daten digitale Protokolle oder digitale Protokolle Daten? Oder noch enger: Sind Daten digitale Protokolle? Auf jeden Fall haben schon deren Setzungen strukturierenden Charakter, nicht erst die Resultate. Wie jede Governance, wenn wir sie im Sinne von Foucault denken, implementiert auch die algorithmische Governance spezifische Technologien der Macht, die heute aber auf keiner Statistik mehr basieren, die sich auf den Durchschnitt und die Norm bezieht, stattdessen haben wir es mit einer automatisierten, einer atomaren und auf Wahrscheinlichkeit beruhenden Maschinenintelligenz zu tun, die die Spurensicherung und das Datamining unabhängig vom Medium betreibt – ein automatisches Computing sammelt, erfasst und mobilisiert mit den Methoden der künstlichen Maschinenintelligenz Daten über das Verhalten der Marktteilnehmer, die mittels der Extraktion ihrer Daten durch Überwachungskonzerne kontrolliert werden und deren Verhalten kapitalisiert wird.17 Die kontinuierlich Daten sammelnden und Datenspuren lesenden und auswertenden digitalen Maschinen mobilisieren also eine a-normative und eine a-politische Rationalität, die auf der automatischen Analyse und der monetären Valorisierung von enormen Datenmengen besteht, indem die Verhaltensweisen der Agenten modelliert, antizipiert und beeinflusst werden. Man nennt dies heute verharmlosend ubiquitäres Computing, bei dem, und darauf ist immer wieder hinzuweisen, das Überwachungskapital die Extraktion des Verhaltens der Nutzer und die darauf aufbauenden Vorhersageprodukte, die durch die Algorithmen des Überwachungskapitals entstehen, längst nicht mehr nur im Internet, sondern in der realen Welt betreibt, um dann die Vorhersageprodukte durch spezielle Verfahren ständig zu diversifizieren und tiefer zu legen. Alles, ob belebt oder unbelebt, lässt sich verdaten, verbinden, kommunizieren und berechnen. Und aus den Automobilen, Kühlschränken, Häusern und Körpern usw. fließen durch die Vermittlung von Sensoren ständig Signale, beruhend auf Aktivitäten, die in der realen Welt stattfinden, als Daten in die digitalen Netze, die der Umwandlung in Vorhersageprodukte dienen, die an solche Werbekunden verkauft werden, die zielgenaue Werbung betreiben. (Zuboff 2018: 225).

Um es genauer zu sagen: Das Überwachungskapital der Unternehmen Google oder Facebook automatisiert damit das Kaufverhalten der Konsumenten, kanalisiert es mittels der berühmten Feedback-Loops ihrer KI-Maschinen und bindet es zielgerichtet an Unternehmen, die wiederum Werbekunden des Überwachungskapitals sind. Die verkaufsfördernden Verhaltensmodifikationen, die bei den Nutzern erzielt werden sollen, beruhen auf maschinellen Prozessen und Techniken wie dem tuning (Adaption an ein System), herding (Zurichtung der Masse) und der Konditionierung (das Trainieren von Reiz-Reaktionsmustern), die das Verhalten der Nutzer derart lenken, dass die maschinell konstruierten Vorhersageprodukte das Verhalten der Nutzer tatsächlich in Richtung der von Google garantierten Intentionen treiben. (Ebd.) Die maximale Vorhersagbarkeit des Verhaltens der Nutzer ist nun eine genuine Profitquelle: Der Konsument, der eine Fitness-App benutzt, soll am besten im Augenblick maximaler Empfänglichkeit, beispielsweise nach dem Jogging, ein gesundes Getränkeprodukt kaufen, das ihm vorher durch zielgerichtete Werbung schmackhaft gemacht wurde. Der Sportartikelhersteller Nike hat die Datenanalyse-Firma Zodiac gekauft und nutzt sie in seinen Filialen in New York. Betritt ein Kunde mit Nike-App auf dem Smartphone eine Filiale, so wird er sofort von der Geofencing-Software erkannt und kategorisiert. Sofort verändert sich auch die Startseite der App und anstelle von Online-Angeboten erscheinen auf dem Bildschirm Neuheiten, das heißt natürlich auf den Kunden zugeschnittene Sonderangebote und Empfehlungen, die in der Filiale gerade angeboten werden. Besonders treue Kunden erhalten gleich im Laden kleine Geschenke und können sich sämtliche Waren per Smartphone in die Umkleidekabine liefern lassen.

Das Überwachungskapital ist längst nicht mehr nur auf die Werbung bezogen, es bekam sejhr schnelle ein Modell für die Kapitalakkumulation in Silicon Valley, das von nahezu jedem startup übernommen wurde. Aber heute ist es nicht nur auf einzelne Unternehmen oder den Internetsektor beschränkt, sondern hat sich auf eine große Anzahl von Produkten, Serviceleistungen und den ökonomischen Sektor verteilt, eingeschlossen Versicherungen, Gesundheitsvorsorge, Finanzen, Kulturindustrie, Transportwesen etc. Nahezu jedes Produkt oder jede Dienstleistung, die mit dem Wort »smart« oder »personalisiert« beginnt, jedes internetanschlussfähige Gerät, jeder »digitale Assistent« ist in der Angebotskette der Unternehmen ein Interface für den unsichtbaren Fluss von Verhaltensdaten auf dem Weg zur Vorhersage der Zukunft der Bevölkerung in einer Überwachungsökonomie. Als Investor gab Google schnell die erklärte Antipathie gegen die Werbung auf, stattdessen entschieden sie die Revenuen zu erhöhen, indem sie ihren exklusiven Zugang zu dem Datenabfall der User data logs (once known as “data exhaust”) in Kombination mit ihren substantial analytischen Kapazitäten und ihrer Computerpower nutzten, um Vorhersagen der Klickraten der User, die als Signal für die Relevanz einer Werbung gesehen wurden, zu generieren. Operational bedeutet dies, dass Goole seinen wachsenden Datenbestand umfunktionierte, um in als Verhaltensdatenüberschuss »arbeiten« zu lassen, und gleichzeitige neue Methoden zu entwickeln, um aggressiv nach Quellen der Surplusproduktion zu suchen. Das Unternehmen entwickelte neue Methoden zur Vereinnahmung des geheimen Surplus, indem man Daten, welche die User für privat hielten, aufdeckte und extensiv persönlich Informationen der User kapitalisierte. Und dieser Datensurplus wurde insgeheim auf die Bedeutung hin analysiert, die er für die Vorhersage des Klickverhaltens der User hatte. Dieser Datenüberschuss wurde die Basis für neue Vorhersagen, die »targeted advertising« genant wurden. Hier war der Ursprung des Übrewachungskapitals, Verhaltensüberschuss, materielle Infrastrukturen, Computerpower, algorithmische Systeme und automatisierte Plattformen. Als die Klickraten durch die Decke schossen wurde die Werbung für Google so wichtig wie die Suchmaschine, vielleicht war sie der Einstiegspunkt einer neuen Art des E-Commerce, der von einer breiten Online-Überwachung abhängig war. Der Erfolg dieser neuen Mechanismen wurde sichtbar als Google damit 2004 in die Öffentlichkeit ging.

Die ersten Überwachungskapitalisten setzten sich zuerst durch Deklarationen in Szene, indem sie ganz einfach die privaten Erfahrungen der Nutzer als etwas betrachteten, dass man nehmen kann, um sie in Daten zu übersetzen und diese als Privateigentum anzueignen und für den privaten Wissensgewinn auszunutzen. Überspielt wurde dies mit einer rhetorischen Camouflage und geheimen Erklärungen, von denen niemand als sie selbst Bescheid wussten.Google begann einseitig zu postulieren, dass das Internet lediglich eine Ressource für ihre Suchmaschine war. Mit einer zweiten Deklaration behaupteten sie, dass die private Erfahrung der User ihren Revenuen diente, indem man die persönlichen Schicksale anderen Unternehmen verkaufte. Der nächste Schritt sah vor, dass die Surplusoperationen über das Online-Milieu hinaus in die reale Welt vordringen sollten, wo Daten über das persönliche Verhalten als frei gelten, um einfach von Google gestohlen zu werden. Dies war ein normale Geschichte im Kapitalismus, Dinge, die außerhalb der Marktsphäre liegen aufzuspüren und sie als waren zu generieren. Einmal suchten wir nach Google, nun sucht Google nach uns. Einmal dachten wir, die digitalen Serviceleistungen seinen frei, nun denken die Überwachungskapitalisten wir seien Freiwild.

Das Überwachungskapital bedarf der Bevölkerung nicht mehr in ihrer Funktion als Konsumenten, sondern das Angebot und die Nachfrage orientieren die Überwachungsfirmen an Geschäften, die auf die Antizipation des Verhaltens der Bevölkerungen, Gruppen und Individuen ausgerichtet sind. Die Überwachungsfirmen haben in Relation zu ihrer Computerpower (und im Gegensatz zu den frühen industriellen Unternehmen) wenig Mitarbeiter. Das Überwachungskapital ist von der Aushöhlung der individuellen Selbstbestimmung und der Autonomie sowie dem Recht zur freien Entscheidung abhängig, um einen unbeobachteten Strom von Verhaltensdaten zu generieren und die Märkte, die nicht für, sondern gegen die Bevölkerung sind, damit zu füttern. Es genügt nicht länger, die Informationsströme, welche die Bevölkerung ausleuchten, zu automatisieren, vielmehr besteht das Ziel nun darin, die das verhalten der Bevölkerung selbst zu automatisieren. Dies Prozesse werden ständig neu designt, um die Ignoranz, welche die individuelle Beobachtungsfähigkeit betrifft, zu erhöhen und jede Möglichkeit zur Selbstbestimmung zu eliminieren. Das Überwachungskapital legt den Fokus weg von den individuellen Nutzern hin zu Bevölkerungen wie etwa Städten oder eben auf die Ökonomie eines Landes, nicht unerheblich für die Kapitalmärkte, wenn die Vorhersagen über das Verhalten von Bevölkerungen sich der Gewissheit annähern. Im Konkurrenzkampf um die effizientesten Vorhersageprodukte haben die Überwachungskapitalisten gelernt, dass je mehr Verhaltenssurplus sie sich aneignen, desto besser die Vorhersagen sind, was die economies of scale zu immer neuen Anstrengungen ermunterte. Und je mehr der Überschuss variiert werden kann, desto höher ist der Vorhersagewert. Dieser neue Drive der Ökonomie führt von den Desktops über die Smartphones in die reale Welt – man fährt, läuft, shoppt, sucht einen Parkplatz, das Blut zirkuliert und zeigt ein Gesicht. Alles soll aufgezeichnet , lokalisiert und vermarktet werden. Die effizientesten Vorhersagedaten werden mittels der Ökonomie der Aktion gewonnen, wenn es denn gelingt, Systeme zu designen, um in den Status des Verhaltens und der Modifizierung des Verhaltens einzugreifen, um es in Richtung des gewünschten kommerziellen Outputs zu treiben.

Es gibt eine Dualität in der Informationstechnologie zu vermelden, ihre Kapazität zu automatisieren, aber auch zu informatisieren, das heißt Dinge, Prozesse und Verhalten in Information zu übersetzen, i.e. es werden neue Territorien des Wissens aufgrund der informatorischen Kapazität produziert, die auch zum Gegenstand politischer Konflikte werden können; dies betrifft die Verteilung des Wissens, die Entscheidung über das Wissens und die Macht des Wissens. Zuboff schreibt, dass die Überwachungskapitalisten das Recht zu wissen, zu entscheiden, wer weiß und zu entscheiden, wer entscheidet, ganz allein für sich einfordern. Sie dominieren die Automatisierung des Wissens und seine spezifische Arbeitsteilung. Zuboff schreibt weiter, dass man das Überwachungskapital nicht ohne das Digitale begreifen könne, wobei das Digitale aber auch auch ohne das Überwachungskapital bestehen könne: Das Überwachungskapital sei, keine reine Technologie, vielmehr könnten digitale Technologien vielfältige Formen annehmen Das Überwachungskapital basiere zwar auf Algorithmen und Sensoren, künstlichen Maschinen und Plattformen, aber es sei eben nicht dasselbe wie diese diese Komponenten.

Ein Unternehmen wie Google muss schon bei der Sammlung von Daten, die das Verhalten der Nutzer spiegeln und die zudem dem Tracken von Verhaltensüberschüssen (die Datenabgase bei Google) dienen, bestimmte Dimensionen von Größen- und Diversifikationsressourcen erreichen, um die Daten dann mittels seiner Maschinenintelligenzen in Vorhersageprodukte des Nutzerverhaltens umwandeln und zielgerichtet an Werbekunden verkaufen zu können, Produkte, die wie Wärmesuchraketen auf den Nutzer losgehen, um ihm beispielsweise bei einem Puls von 78 genau das richtige Fitnessprodukt via eingeblendeter Werbung vorzuschlagen. So muss mit der Diversifikation, die dazu dient, die Qualität der Vorhersageprodukte zu steigern, zum einen eine breite Auffächerung von überwachbaren Themen in der virtuellen Welt erzielt, zum anderen müssen die Extraktionsoperationen aus dem Netz in die reale Welt verlagert werden. Darüber hinaus müssen die algorithmischen Operationen an Tiefe gewinnen, das heißt, sie müssen auf die Intimität der Nutzer zielen, um aktuierend und steuernd, ja formierend in deren Verhalten einzugreifen, indem die Unternehmen beispielsweise zeit- und zielgerecht Pay-Buttons auf dem Smartphone einblenden oder einen Wagen automatisch sperren, wenn der Betroffene Versicherungsbeträge nicht rechtzeitig bezahlt hat.

Der Daten-Fundus, aus dem die Analytiker mittlerweile schöpfen können, ist beinahe unendlich groß. Sie wissen genau, wer wie oft Waren reklamiert, bei Hotlines anruft oder in Online-Portalen über ein Unternehmen herzieht. Sie kennen die Lieblingsgeschäfte, die Lieblingsrestaurants und -kneipen vieler Verbraucher, die Zahl ihrer »Freunde« bei Facebook, den Urheber von Anzeigen, die Social-Media-Nutzer angeklickt haben. Sie wissen, wer in den vergangenen Tagen die Webseite eines Konkurrenten des Auftraggebers einer Anzeige besucht oder bestimmte Waren gegoogelt hat. Sie kennen die Hautfarbe, das Geschlecht, die finanzielle Lage eines Menschen, seine körperlichen Erkrankungen und seelischen Beschwerden. Sie wissen das Alter, den Beruf, die Zahl der Kinder, die Wohngegend, die Größe der Wohnung – schließlich ist es etwa für ein Unternehmen, das Matratzen herstellt,durchaus interessant zu erfahren, ob ein Kunde Single ist oder im Fall der Fälle wohl gleich fünf Schaumstoffmatten für die gesamte Familie ordert.

Heute ist die Gruppe in Facebook materialisiert, in ihren unsichtbare Algorithmen und hat eine weitgehend imaginäre Gruppensucht unvorstellbaren Ausmaßes hervorgerufen. Und hier liegt die Theorie der Simulation falsch, denn es ist nichts Falsches an den digitalen Netzwerken, sie sind ganz real und erzeugen für diejenigen, die an die Netzwerke angeschlossen sind, eine Stabilität, indem die Dinge einfach expandieren, mehr Anfragen, mehr Freunde and so on. Mit der Schließung der Fabriken kam die Öffnung der Daten-Minen. Und die damit einhergehende Verletzung der Privatsphäre ist das systematische Ergebnis einer pathologischen Wissensteilung, bei der der Überwachungskapital weiß, entscheidet und entscheidet, wer entscheidet. (zuboff) Marcuse hat geschrieben, dass es eines der kühnsten Vorhaben des Nationalsozialismus gewesen sei, den Kampf gegen die Tabuisierung des Privaten zu führen.
Und gerade Privatheit ist heute so befreit von jedweder Kuriosität oder jedwedem Geheimnis, dass man ohne jede Bedenken oder geradezu begierig alles auf seine Timewall schreibt, sodass jeder es lesen kann. Wir sind so froh, wenn ein Freund irgendetwas kommentiert. Und man ist andauernd damit beschäftigt, all Daten-Feeds und Updates zu managen, zumindest muss man ein bisschen Zeit von seinen täglichen Routinen abzweigen. Der Geschmack, die Präferenzen und die Meinungen sind der Marktpreis, den man zahlt. Aber das Business-Modell der sozialen Medien wird an seine Grenze stoßen und beendet werden, obgleich es immer noch vom Wachstum des Konsumismus gepusht wird. Diese Businessmodell wiederholt immer nach des Dotcom Booms der 1990er Jahre. Wenn das Wachstum stagniert, dann muss das Projekt abgeschlossen werden. Übergangsloses Wachstum des auf den Kunden bezogenen dezentralisierten Marketings ist der Treibstoff, begleitet von mental Verschmutzung der digitalen Umgebungen, die derjenigen der natürlichen Umgebungen entspricht. Aber die Welt ist begrenzt,

Bei einer Suchanfrage wiederum zählen Faktoren wie Suchbegriffe, Verweildauer, die Formulierung der Anfrage, Buchstaben und Interpunktion zu den Anhaltspunkten, mit denen man das Verhalten der Nutzer ausspioniert, und so sind selbst noch diese sogenannten Datenabgase einsammelnswert, alum auch diesen Verhaltensüberschuss des Users für zielgerichtete Werbung zu nutzen, wobei Google den durch algorithmische Wahrscheinlichkeit eruierten meist bezahlenden Werbekunden auch die besten Werbeplätze zuweist, deren Preise sich aus dem Preis pro Klick multipliziert mit der Wahrscheinlichkeit, mit der die Werbung tatsächlich dann auch angeklickt wird, errechnen. In diesen Verfahren findet man letztendlich auch heraus, was ein bestimmte Individuum an einem bestimmten Ort und zu einem bestimmten Zeitpunkt denkt. Singularität indeed. Jeder Klick auf ein bei Google geschaltetes Werbebanner ist ein Signal für dessen Relevanz und gilt damit als ein Maß für erfolgreiches Targeting. (zuboff) Dabei ist derzeit bei Google ein Anstieg der bezahlten Klicks und zugleich ein Fall der durchschnittlichen Kosten per Click zu registrieren, was einer Steigerung der Produktivität gleich kommt, da eben das Volumen des Outputs bei gleichzeitigem Fall der Kosten gestiegen ist.

Neu sind nicht nur die technologischen Machtstrukturen (Protokolle und Algorithmen, das Netzwerk ist die Message), sondern ein Akkumulationsmodell, das sich digitaler Mittel bedient, um alle möglichen Daten, die das Verhalten der Nutzer spiegeln, einzusammeln und daraus deren Verhaltensüberschuss zu extrahieren, sodass künftiges Verhalten möglichst exakt vorhergesagt und zielgerichteter Werbung zugeführt werden kann, wobei Verbesserungen in der Vorhersage wie auf Abruf die Klickraten auf den Werbebannern steigern. Die Verhaltensüberschüsse entstehen daraus, dass mehr Verhaltensdaten als notwendig gerendert werden, um diese in künstlichen Maschinen (Ranking, statistische Modellierung, Vorhersage, Spracherkennung und visuelle Transformation) einzuspeisen, die dann Vorhersagen über Nutzerverhalten produzieren, Quasi-Derivate, welche das Überwachungskapital auf den Verhaltensterminkontraktmärkten an meistbietende Unternehmen verkauft. Google führt an diesen Märkten Auktionen durch, bei denen in enormer Anzahl »Derivate von Verhaltensüberschuss« (Zuboff 105) versteigert werden. Es lässt sich folgern, dass die algorithmischen Operationen mit Daten profitable Produkte, die alle auf die Vorhersage und Monetarisierung des zukünftigen Verhaltens der Nutzer abzielen, für ganz bestimmte Unternehmen generieren: Die wichtigen Kunden von Google sind diejenigen, die Werbung benötigen und bei Google dafür für zahlen, dass sie ein effektives Angebot von Vorhersageprodukten erhalten, die wiederum auf der umfassenden Überwachung der User beruhen. Diese Produkte beruhen also darauf, dass Google genauestens zu prognostizieren versucht, was die User im Jetzt und in der nahen Zukunft tun, denken und fühlen (Zuboff 2018: 119), womit auch das Risiko für die Werbekunden eingeschränkt werden soll, sodass relativ sichere Wetten auf zukünftiges Verhalten abgeschlossen werden können. Allerdings sind die Adressaten an den Märkten, an denen Google Vorhersageprodukte verkauft, nicht ausschließlich Werbekunden, sondern es sind im Endeffekt alle, die ein Interesse am Ankauf »probabilistischer Informationen« ( ebd.: 120) haben, also zum Beispiel auch Staaten, vor allem ihre Nachrichtendienste, die deshalb ein enges Verhältnis zu den Unternehmen im Silicon Valley pflegen.

Dabei sind die Vorhersagemaschinen eine Art Black Box, deren innere Abläufe wahrzunehmen, die menschlichen Kapazitäten der Perzeption weit übersteigt. Zuboff spricht an dieser Stelle von einem zweiten Schattentext, in dem nicht nur die extrahierten Daten erscheinen, sondern die Maschinen die relevanten Handlungsanweisungen vorgeben, die meisten auf die Beeinflussung des Konsums der Nutzer abzielen; es soll generell ein Verhalten mittels Verhaltensmodifikationsmaschinen erzeugt werden, das zu den gewünschten Ergebnissen führt, welche die Maschinen als Verhaltensanforderungen, die angeblich alleine dem Nutzer nutzen, vorgeben. So gehen beispielsweise in die algorithmisierte Auswahl der Bilder, die Instagram einem Nutzer zeigt, Ströme der Verhaltensdaten dieses Nutzers, die Daten seiner Freunde, Daten von Leuten, die demselben Account wie der Nutzer folgen, sowie Daten und Links seiner Aktivitäten auf Facebook ein. (Zuboff 2018: 555) Es gibt eine Vielzahl von Daten und Operationen, welche selbst die Programmierer der Maschinen nicht mehr durchblicken. Facebook kann mit der Abfrage der Likes eines Users ein umfassendes Spektrum von dessen persönlichen Verhalten erfassen, das den Sex, die politischen Ansichten, das Konsumverhalten, Intelligenzleistungen etc. betrifft. So gesehen setzt das Like-Belohnungssystem im richtigen Timing die notwendigen Dopamin-Spritzen, um die Aktivitäten der User andauernd anzuspornen weitere Datenströme zu produzieren. Ein Post, der keine Likes erhält, bedeutet für den User den sozialen Tod. Das muss auch so sein, seit das Überwachungskapital jeden Click und Like trackt und monetarisiert, sodass jeder einzelne Überwachungsakt eine Investition in Profit bedeutet.

Die neuen automatischen Systeme modellieren das Soziale in Realtime, kontextualisieren und personalisieren die sozialen Interaktionen mit automatischen Produktionen, sei es nun im Gesundheitswesen, im Business oder in der Administration. Wir sollten mit den Autoren französischen Autoren Rouvray und Berns hinzufügen, dass die neu algorithmische Governance zudem Technologien mit territorialen und räumlichen Dimensionen umfasst, welche in den Programmen der »Smart und Sensored Cities« Anwendung finden; sie basieren auf »automatic computing« und »ambient computing, auf Technologien, deren Unsichtbarkeit die Dividuen noch aktiver und effizienter macht, weil sich diese Technologien unbemerkt und zugleich doch anspornend und das Verhalten verstärkend in die Fabrik des Lebens einweben, bis sie von dieser ununterscheidbar sind. Die algorithmische Governance fokussiert ganz auf Relationen, auf Relationen von Relationen, die wiederum auf Korrelationen reduziert werden, denn die Modelle der Künstlichen Neuronalen Netze ermitteln insbesondere Korrelationen, und Muster, niemals aber Ursachen oder die Erklärung von Kausalitäten; sie dienen der Klassifizierung, der Bündelung und der Optimierung des Verhaltens, sind aber vom Verstehen weit entfernt.

Es geht also um die aktive Intervention und Ausformung von Verhalten in der Zukunft. Und je mehr Datenspuren der Kunde hinterlässt, oder, um es anders zu sagen, je mehr Daten durch die Methoden der Diversifikation, und zudem durch eine Tiefe, die weit ins Innere des Nutzers reicht, extrahiert werden, desto präziser können die selbstlernenden algorithmische Maschinen (Stimmsuche, neurale Netzwerke, Feedback etc.) prozessieren, um nicht nur die richtigen Kaufentscheidungen für den Kunden im Voraus zu treffen, sondern auch seine Retentionen und Protentionen sanft zu massieren, sie letztendlich aber knallhart zu determinieren, und das heißt, dass die optimierte Autonomie, die das Überwachungskapital dem Kunden verspricht, eine Pseudo-Autonomie ist, denn sie dient nur als ein mageres Versprechen, weil letztendlich unwidersprochen die gewinnbringenden Vorhersageprodukte automatisiert hergestellt und vertrieben werden. Das Überwachungskapital durchkämmt pausenlos mit beispielloser maschineller Systematik den Content und dessen Kontext, und insgesamt das Verhalten der Nutzer (Emails, Suche, Terminkalender, Telefon, Kamera etc.), um Informationen über das Verhalten zu antizipieren, die eine Person bei ihrer Durchquerung der realen Welt angeblich benötigt, sodass die aus Daten gestanzten zielgerichteten Werbeangebote auch verkauft werden können. Dabei erweisen sich sowohl die Metadaten, etwa die Verbindungen und Links, die der Nutzer wählt, als auch Informationen über das Ausmaß seiner preisgegebenen Informationen als weitaus gewinnbringender als seine ursprünglichen Rohdaten. Zudem will die von Google und Co konstruierte Extraktionsarchitektur ständig Wettbewerbs- und Größenvorteile gegenüber vermeintlichen Konkurrenten erzielen, gerade indem auch die Implementierung maschinenbasierter Architekturen in der realen Welt vorangetrieben wird, das heißt die Verdatung, Vernetzung, Kommunikation und Berechnung von Aktivitäten in der realen Welt forcieren, um diese dann ins Netz einzuspeisen, wo sie als Daten, die der Umwandlung in Vorhersagen dienen, zirkulieren.

Antoinette Rouvroy und Thomas Bern zeigen in ihrem Essay zur algorithmischen Governance, dass die Größe, die Geschwindigkeit und die Performativität der Algorithmen, die sich auf die relationale Datenbearbeitung bezieht, die Kapazitäten humaner Entscheidung weit übersteigt. Sie beschreiben diese Governance als »a certain type of (a)normative or (a)political rationality founded on the automated collection, aggregation and analysis of big data so as to model, anticipate and pre-emptively affect possible behaviours.« Es herrscht eine Topologie der Relationen, die sich nicht um die Individuen und Subjekte sorgt, ja diese sogar in ihrer Eigenart vernichtet, weil man lediglich darauf aus ist, sie in jeder Sekunde und an jedem Ort zu orten und zu überwachen, um Verhaltensdaten zu extrahieren und diese als Vorhersageprodukte zu verkaufen. Mit Googles Street View macht das Personal von Google aus dem öffentlichen Raum einen unpersönlichen Raum des Spektakels, verwandelt ihn in eine lebende Tourismusbroschüre einzig und allein mit dem Ziel der Überwachung und der Extraktion der Daten von Nutzern, (zuboff169), sodass letztendlich sogar von einer Enteignung der Wege und des Raums gesprochen werden kann (die in der flegelhaft einschmeichelnden Sprache des »Smart« zudem noch daher kommt), gerade indem es Google über die Exploitation der Online-Datenquellen hinaus gelingt, das Monitoring der realen Welt immer umfassender flächendeckend vorzunehmen, wenn die Leute eben entlang bestimmter Wege permanent getrackt und über Verhaltensmódifikationsmaschinen gleichzeitig noch zu bestimmten Zielorten gesteuert werden. Google kann mühelos voraussagen, dass jemand vermutlich in Kürze einen Anzug kaufen will, und wenn dieser jemand sich in der Nähe eines Schaufensters befindet, hinter dem Anzüge ausgestellt sind, dann ploppt auf dem Handy sofort und pflegegerecht eine Werbeanzeige auf, die den Kauf eines ausgestellten Anzugs anempfehlt. Das Leben selbst wird immersiv in die Datenproduktion eingebunden, in eine Glut von Informationen, aber darüber hinaus sind wir selbst Daten geworden, die in Relation zu Maschinen stehen, die unser Leben einfangen, vereinnahmen und prozessieren, als ob wir selbst Teile seien, die moduliert und für Maschinenintelligenzen bereitgehalten werden. All dies man muss nicht mehr ausdrücklich betonen, denn es ist Teil des Habitus, durch den die Subjekte selbst maschinisiert werden, wenn sie streamen, updaten, einfangen, teilen, verlinken, verifizieren, mappen, sichern, trollen und Trash produzieren, selbst wenn es die höchste Langeweile hervorbringt.

Die algorithmische Governance generiert sowohl ein neues polit-ökonomisches Feld und Regime der Datenbewirtschaftung, das sich durch eine spezifische technologische Performativität auszeichnet, deren wichtigste Punkte wir hier bestimmen wollen:

1) Das permanente Einfangen von Daten, siehe Googles Versuch der Digitalisierung von Büchern, die Erfassung persönlicher Daten durch Google Street-View, die Umgehung des Datenschutzes, die Speicherung von Suchdaten, die Übermittlung des Standortes durch das Smartphone, Gesichtserkennung, Körpersensoren, Drohnen, die mit Sensoren ausgestattet sind, und die Generierung von Daten Doubles und Big Data. Es geht um Enteignungsoperationen, denen der Nutzer Tag und Nacht unterworfen und damit noch seiner Erfahrungen, Emotionen und seines Gesichts beraubt ist. Mittels virtueller Kapazitäten und maschineller Prozesse extrahieren die Überwachungskapitalisten noch aus den banalsten Dingen des Alltags ständig Verhaltensüberschüsse, um diese zu monetarisieren bzw. an Werbekunden zu verkaufen.

2) Digitale Operationen, die diese Daten verarbeiten. Die maschinelle Bearbeitung dieser Daten beinhaltet die Extraktion und Modifizierung von Verhaltensmerkmalen der Dividuen, die man qua Muster, Clouds und Relationen sortiert und in Rankings integriert, um zudem noch die Korrelationen, die zwischen den Daten der Dividuen bestehen, auszuwerten. Dieses Datamining erscheint als absolut, insofern die Subjekte keine Möglichkeit haben zu intervenieren, sodass von einer total automatisierten Produktion von automatisierten Protentionen (Erwartungen) gesprochen werden muss, welche die Differenz zwischen performativen und konstativen Verhaltensweisen liquidieren. Die automatisch produzierten Protentionen prozessieren heute in automatisierten maschinellen und vernetzten Systemen. In diesen Netzwerken gilt keineswegs, dass das Ganze größer als die Summe seiner Teile ist, vielmehr gibt es gar keine Teile mehr, denn das Ganze ist omnipräsent und manifestiert sich »in jedem der in allen Maschinen eingebauten Geräte« (Zuboff 2018: 472) Es handelt sich hier um ein modulares System, innerhalb dessen prinzipiell jede Maschine dieselbe Maschine ist und wie alle anderen Maschinen in derselben Logik operiert, wenn es auch zu Modulationen und Transformationen kommt. Diese künstliche lernenden Maschinen bedürfen wiederum der materiellen Infrastrukturen, oder, um es noch genauer zu sagen, bedürfen der Konfigurationen, die sich aus den Komponenten Hardware, Software, Algorithmen, Sensoren und Konnektivität zusammensetzen – Konfigurationen, die heute alle möglichen Objekte ausstatten und gestalten – Kameras, Chips Nanobots, Fernseher, Drohnen etc. (Ebd.: 156).

Die digitalen Maschinen integrieren die Dividuen in das algorithmisierte Feld, wo sie als autoperformative Effekte der Korrelationen von Daten erscheinen. Und das Feld, in das die automatisierten Aktionen der Dividuen integriert sind, ist nicht in der Gegenwart, sondern in der Zukunft situiert. Gleichzeitig reintegriert die algorithmische Governance durch Methoden der perfekten Adaption, Viralität und Plastizität noch jede Störung und jeden Fehler in das System, um die Modelle und Profile des Verhaltens sogar zu redefinieren. Es scheint, als könne man die Macht des algorithmischen Systems strukturell niemals beunruhigen oder das Unwahrscheinliche nicht stören. Wenn das auch nicht möglich sein wird, zerstört das Überwachungskapital mit dem Einsatz algorithmischer Performativität zumindest die Essenz der Politik.

3) Digitale Doubles (Profile), die ganz das ergreifende Resultat der maschinellen Operationen sind. Um mit diesen Operationen eine Aktion des Users hervorzukitzeln, müssen dessen digitalem Double lediglich Signale gesendet werden, die beim User wiederum gewünschtes Verhalten, Stimuli und Reflexe provozieren. Das Tragische des Profil-Subjekts besteht darin, dass es, je mehr es durch Einträge die Unverwechselbarkeit seines »Ich selbst« sichtbar machen will, es desto eindringlicher von den algorithmischen Maschinen modelliert wird. Es findet jetzt der K(rampf) um das Permanent- und Performanz-Singularisieren seines Profils statt, eine Daueraufgabe, an der das Subjekt letztendlich sang- und klanglos scheitert, weil das modulare Tableau, in das sein Profil eingeschrieben ist, die Vorgaben gibt, wobei die Aktualität, dies so instantan ausstellt, dass es einem eigentlich den Atem nehmen müsste. Es könnte noch zehntausend Jahre so weiter gehen. Zudem ist Glamour des Profils nur einer für diejenigen, die es auf der ökonomischen Stufenleiter nach oben nicht geschafft haben, denn die Privilegierten bleiben nämlich offline.

Als digitales Double wird nicht nur die Subjektivität, sondern das Subjekt selbst wird durch die Kollektion infra-individueller Daten, die auf supra-individueller Ebene als Profil zusammengesetzt werden, eliminiert. Das Subjekt erscheinst nicht länger. Es kommt immer schon zu spät und kann sich kein Zeugnis über das ablegen, was es ist oder was es in Zukunft tun will, stattdessen verschmelzt es als User mit seinem eigenen Daten-Profil, das in erster Linie eben nicht von ihm, sondern von den Algorithmen automatisch und in Realtime designt wird. Dennoch stellen die User ihre Doubles bzw. ihre Profile irgendwie auch ohne Unterlass aktiv her, als wären sie durch eine unsichtbare Macht getrieben und bleiben alles in allem doch die tiefgefrorenen Produkte algorithmisierter Kontrollsysteme, einerseits als Individuen, die eine höchst effektive Nachfrage verkörpern, andererseits als Dividuen, die funktionell in das Generieren der Parameter der eigenen Kontrolle involviert sind, um ständig weiter assoziierte Milieus der Kontrolle zu erzeugen. In ihrem FB-Newsfeed bekommen sie dann vor allem jene Posts ihrer »Freunde«´angezeigt, die schon eine hohe Aufmerksamkeit durch die große Anzahl von Aufrufen und Likes auf sich ziehen konnten. Darüber hinaus trackt Google über Mobil-Apps den User auf seiner Reise durch das Internet und in der realen Welt in jeder Millisekunde, um persönliche Daten zu sammeln, ein Profil von ihm anzufertigen und Profit mit zielgerichteter Werbung zu erzielen. (Ebd.: 164). Und der User wird dabei scheinbar ganz individuell adressiert, als Singularität, die sich aber als modular erweist, das heißt sich aus diskreten Bestandteilen im Sinne eines Pfad-Trackings zusammensetzt. Googles Netzwerkprotokolle und Auswertungsmodule verfolgen sämtliche Spuren im Netz und in der realen Welt, um das multiple Selbst zu generieren, das bestimmte Muster von Verhaltensweisen aufweist, um zukünftiges Verhalten vorhersagen und monetarisieren zu können. Konstitutiv für das Überwachungskapital ist das algorithmische Erzeugen von Profilen hinter dem Rücken (die Codes, Algorithmen und Datenbanken, durch die er zusammengesetzt wird, bleiben für den Nutzer unsichtbar und unerreichbar) derer, denen ein für sie singuläres, maßgeschneidertes Profil zugewiesen wird und du dennoch weiterhin glauben, sie würden das alles aus eigenen und freien Stücken tun, ja die sogar vom Wahn besessen sind, mit den Profilen ihre eigenen Singularitätsansprüche zum Ausdruck zu bringen und sich dabei in narzisstische Erregung versetzen, ohne im geringsten zu ahnen, dass die Art der algorithmischen Behandlung sie schon im voraus definiert und im Remote-Verfahren kontrolliert, wobei die automatisierte Wissensproduktion, die durch lernende digitale Maschinen operationalisiert wird, entgegen aller subjektiven Singularitätsansprüche der in Erregung Versetzten eine nicht zu unterschätzende Objektivität erzeugt. Für den User bleibt es aber bei dem für ihn konstruierten und auf ihn zugeschnittenen Weltausschnitt, der allein für ihn zugänglich ist. Die digitalen Operationen, die das Verhalten betreffen, antizipieren so gerade die individuellen Wünsche und ordnen sie dem Profil zu.

Digitale Transparenzsysteme verschärfen nicht nur die Kontrolle, sondern sie verändern das Verhalten von Dividuen bis zu einem Tipping Point, an dem Kommunikationstechnologien, automatische Computersysteme, das Wachstum der Speicherkapazitäten und umfassende Datenanalysen eine neue Qualität generieren, mit der die Dividuen zu Multi-Dividuen, die in Virtual Clouds schweben, transformiert werden. Gleichzeitig will man die Wahrscheinlichkeit einer subjektiven Aktion ganz auf Sicherheit trimmen und auf garantiertes Verhalten modulieren, um zahlende Käufer für diese Art der Information zu finden. Es geht dabei also nicht nur um das Monitoring oder andere Formen der Kontrolle der Aktionen der Subjekte, sondern auch um die Antizipation ihrer Verhaltensweisen. Was die intelligenten Maschinen damit einzufangen und zu identifizieren versuchen, das ist nichts weniger als die Intentionen der Nutzer, als ob ein zukünftiger Akt schon mit der Beeinflussung der Intention modifiziert werden müsse. Diese Präformation, welche schließlich auch noch die Teilung von Intention und Aktion zerstört, um sie durch simple behavioristische Reiz-Reaktionsmuster zu ersetzen, tötet die Zukunft als etwas Unvorhersehbares ab. Die Zukunft kollabiert nun in eine Gegenwart hinein, in die Präsenz, die sich immer weiter dehnt. Und was damit unbedingt verhindert werden soll, das ist das Ereignis des Außen und das Fremde, das sind nicht-standardisierte Singularitäten oder radikale politische Ereignisse, gegen die man sich schon im Voraus immunisiert.

Wunschökonomie und Kontrolle

Nach dem Verlust des Arbeiter-Wissens im 19. Jahrhundert und dem Verlust des Wissens vom Leben im 20. Jahrhundert haben wir es nun, wenn wir an dieser Stelle Bernard Stiegler folgen, im 21. Jahrhundert mit dem Verlust des theoretischen Wissens zu tun, oder, um es genauer zu sagen, es findet eine umfassende Proletarisierung des theoretischen Wissens statt, die eben darauf aufbauen kann, dass die Einschreibung des Arbeiterkörpers in die Maschinerie, wie sie Karl Marx beschrieben hat, zu einer Proletarisierung des Wissens der Arbeiter und damit ihrer Lebensbedingungen und später das Radio und das Fernsehen zu einer Proletarisierung des Wissens vom Leben (der Affekte und der sozialen Relationen,) geführt haben.18 Auch die Ausbeutung des »seelischen Werts« der Dividuen erreicht nun seinen Peak-Point: Sie betrifft das Denken, ja sie betrifft das Denken als solches, seine Konsistenz und damit auch sämtliche Wissenschaften und ihre Modelle und Methoden und darüber hinaus eben auch die Intuition und das Fühlen. Weber, Horkheimer und Adorno haben diese Prozesse der Rationalisierung ausführlich beschrieben, Prozesse, die für sie eindeutig zum Nihilismus führen.

Die Aufmerksamkeit wird heute ganz von der algorithmischen Governance eingefangen, die Stiegler entweder als eine lesende Industrie oder als eine entropische Ökonomie der Expression beschreibt, welche die Proletarisierung der Konsumenten intensiviert, während die Lohnarbeit längst Beschäftigung geworden ist und das mit der Arbeit eigentlich verbundene Interesse aufgelöst hat. Parallel zur Organisation der Konsumtion und der Konstitution der Massenmärkte durch die Kulturindustrie gerinnt die Proletarisierung der Arbeit zur Jobindustrie und definiert die skills nur noch in Bezug auf die Beschäftigung, die jetzt mit Adaption an volatile Jobs zusammenfällt. Die Proletarisierung bezeichnet aber heute nicht nur die ökonomische Verarmung und das Prekarität, sondern auch den Verlust der Kontrolle über Wissen, Savoir-faire und Produktion. Das Arbeitswissen und das Wissen vom Leben wurden durch Maschinen und die Kommunikation der Informationssysteme ersetzt, um jegliches Wissen in Automation zu transformieren, wobei die Proletarisierung allen Wissens längst auch die Formen der Planung und der Entscheidungsfindung betrifft.19

Die Jobs sind heute sehr oft von jedem Inhalt entleert und geben den Beschäftigten keine Befriedigung mehr, womit als ihr Zweck nur noch die Steigerung der kaufkräftigen Nachfrage übrig bleibt, die nun zum Anliegen sowohl der Arbeitsorganisationen als auch des Kapitals wird, obwohl das durchaus verschiedene Formen annimmt. Das Kapital benötigt die Nachfrage, um Waren zu verkaufen, und die Gewerkschaften verhandeln die Lohnhöhen, um die entsprechenden Kompensationen zu erreichen. Man hätte es oft mit Bullshit-Jobs zu tun, die Graeber eher von der subjektiven Seite fasst, wenn Jobs von den Arbeitenden hauptsächlich als entfremdet und nutzlos wahrgenommen werden, indem sie die Arbeitenden von der Kapazität entfremden etwas zu produzieren oder etwas zu tun, das noch irgendeinen Effekt haben könnte, während andere argumentieren, dass die Arbeitenden für entfremdete Arbeit ja bezahlt werden und man sollte deshalb weiter der Devise folgen sollte, doch hart zu arbeiten, um zu konsumieren. Dann wäre eben zu fragen, warum die Leute ihre Bullshit-Jobs gerade als solche gar nicht begreifen. Grundsätzlich gilt es zu sagen, das Marx das subjektiv orientierte Konzept der Entfremdung später Im Kapital durch das Konzept der Extraktion von Mehrwert ersetzt hat, die subjektiv so ohne weiteres erfahren werden kann, denn die Trennung von notwendiger und Mehrarbeit ist nicht sichtbar. Der Mehrwert wird notwendig durch das Kapitalverhältnis evoziert.

Es ist heute mehr und mehr die unbezahlte Arbeit der Konsumenten, die eigentlich keine Arbeit, sondern Dividuation oder Beschäftigung in unbezahlter Zeit ist, die die Parameter der automatischen und performativen kollektiven Protentionen und Retentionen, die durch den computerisierten Kapitalismus produziert werden, speisen, setzen und verstärken. Dem ging eine Periode voraus, in der sich die Konsumenten einer Massen-Dividuation ausgesetzt sahen, der Proletarisierung des Wissens vom Leben. Die Marketing-Unternehmen produzierten die kollektiven sekundären Retentionen, die das ausführten, was bestimmte Forschungsabteilungen von ihnen forderten. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts wurde die analoge durch die digitale- Kulturindustrie ersetzt, welche die proletarisierten Konsumenten durch die tausend Fäden der Vernetzung in das digital-technische System integriert und sie gleichzeitig psychisch und sozial des-integriert, das heißt, eine aus der Vernetzung resultierende Dividuation erzeugt, die die proletarisierten Konsumenten und Produzenten in dem Sinne neu zusammensetzt, dass sie zu nichts weiter als ausführenden Organen der Informationssysteme werden, der Kapitalisierung. Im Jahr 1993 wurde mit dem Internet eine weltweite digitale Infrastruktur etabliert, die die Telekommunikationstechnologien grundlegend veränderte und zur totalen Vernetzung fast aller Territorien führte, die zu digitalen Territorien transformierten, wobei man deren Bewohner mit mobilen oder fixen Geräten ausstattete, die wiederum kompatibel mit den Netzwerken waren.

Die Entwicklung des Kapitalismus in den Metropolen hat seit Anfang der 1970er Jahre im Zuge der Globalisierung auch zu einem globalen Konsumismus geführt (von dem allerdings die Surplus-Bevölkerung im globalen Süden weiterhin ausgeschlossen bleibt), der die durchaus positiven Prozesse der Anbindung der Triebe an alle Arten von Objekten, die Teil einer befreienden Sublimierung sind, weitgehend zerstört hat. Der anti-ödipale Wunsch, der das Objekt ökonomisiert, indem er es idealisiert und transindividuiert, geht stets mit der Artifizialisierung des Lebens einher, die auch das Technische umfasst, und diese verstärkt und intensiviert normalerweise auch die Macht der Sublimierung, wenn das Individuum mit einem transindividuellen Gedächtnis ausgestattet ist, das Simondon die psychische und kollektive Individuation nennt. Dabei bleibt die vitale Individuation zunächst an eine Ökonomie der Instinkte gebunden, die das animalische Verhalten mit der Rigorosität eines Automatismus kontrolliert, während mit der Herankunft des noetischen Lebens, das durch die libidinale Ökonomie (Fetisch, Kult, Ritual etc.) geformt wird, die Instinkte und Triebe relativ de-automatisiert werden, sodass die gewünschten Objekte ersetzt, verschoben und umgestaltet werden können. Selbst die Instinkte sind damit als artifizielle Organe der Fetischisierung zugänglich und gestalten sich zu Trieben um. Und auf diesem Weg führt die vitale Individuation zu einer kollektiven Individuation, in der die Triebe konstant aufbewahrt und zugleich verändert werden, insofern sie selbst die Objekte der Begierde verändern und damit der Perversion zugänglich sind. Perverse Triebe sind strukturell fluid und heften sich an artifizielle Organe, sie sind fetischistisch und an Objekten orientiert.

Diese spezifische Ökonomie der Libido, wie sie Stiegler darstellt, hat das Kapital vollständig zerstört. Die gegenwärtig ins Panische und exzessiv ins Pornographische freigelassenen Triebe werde von einer Industrie der Spurensicherung und -verfolgung mittels der Automatismen und der Automation in den sozialen Netzwerken kontrolliert und gleichzeitig verstärkt, indem die Triebe einerseits funktionalisiert, das heißt durch mimetische Mechanismen in niemals zu befriedigende konsumistische Triebe transformiert werden, was andererseits die derart ungebundenen Triebe noch destruktiver, unkontrollierbarer und ansteckender macht. Die Kanalisíerung und Verstärkung der Triebe durch die Applikation mathematischer Algorithmen impliziert automatisch eine automatisierte soziale Kontrolle, während gleichzeitig die Triebe auf ein höchst gefährliches Niveau getrieben und durch die Kontrollmechanismen aber auch de-integriert werden. An dieser Stelle spricht Stiegler von einer modernen kapitalistischen Ökonomie der Seele, die auf dem Kommerz und industriellen Technologien aufbaue, wobei wir uns inzwischen aber schon in einer hyper-industriellen Epoche befänden, in der ein total (be)rechnendes und quantifizierendes Kapital herrsche. In libidinöser Hinsicht handele es sich hier aber um eine Dis-Ökonomie, die sich überhaupt nicht mehr um das Verhältnis von Libido und Objekte kümmere. Die absolut berechnende libidinale Dis-Ökonomie ist für Stiegler der komplette Nihilismus, oder, um es anders zu sagen, der strukturelle Effekt der Automation der Libido und des Wissens, der Formalisierungen innerhalb eines kybernetisch-technologischen Systems besteht in einem berechnenden und zählenden Nihilismus. Dieser nihilistische Triebkapitalismus, so schreibt Stiegler, zerstöre das Sublimierungsvermögen der Dividuen, die nun in einen gefährlichen Entsublimierungsprozess hinein getrieben würden, während die automatisierten digitalen Industrien der Wunschökonomie zugleich jedes reale Begehren ausgetrieben hätten. Davon zeugen neben den gestreamten Hardcore-Bilderfluten der US-Pornoindustrie Gruppenvergewaltigungen, serielle Morde während der Sexspiele, der Kindesmissbrauch in Kirchen, olympischen Sportverbänden und UNO-Camps, Genderwhansinn.

Stiegler schreibt: »Die Libido ist das, was die Triebe bändigt – sobald sie zerstört ist, entfesseln sich die Triebe.« (93) Ist aber nun aber beispielsweise der Bereicherungstrieb wirklich das Resultat einer Libido-Zerstörung, oder handelt es sich doch eher um eine Umbesetzung im Sinne des Abzugs der Energie vom Äquivalenzprinzip oder der Warenästhetik und einer neuen Besetzung des Gewinn- und Profitstrebens mit Energie? Die von Stiegler beschriebenen technischen Objekte wären dann zum Teil hervorragend als Übergangs- und Ersatzobjekte geeignet. Und wenn die digitalen Puppen und Teddies von heute, die mit ihren Iphones und Smartphones auch noch die Daten liefern, eine kostbare Ressource der Kapitalisierung – was will das Überwachungskapital dann mehr? Die Libido der User richtet sich auf die begehrten Objekte, für die Überwachungskapitalisten wiederum sind die Daten der User die Objekte der Begierde, auf die ihre »Libido« sich konzentriert. Dass hier nebenbei auch der Todestrieb am Werk ist, der Verbrauch von Naturressourcen und die Zerstörung der Umwelt (via Produktion der technischen Geräte) auf der einen und die Anbindung und Ausbeutung der Konsumenten (zwecks Mehrwertproduktion) auf der anderen Seite – das wird in Kauf genommen einerseits und ist beabsichtigt andrerseits.

Wir alle werden mehr oder wenig dumm (gemacht), ja wir werden sogar zu plagenden und geplagten Biestern. Die verdummenden Mechanismen der industriellen Epoche, die der Integration der Arbeiter in das System der Maschinerie geschuldet waren, warfen ihre Schatten schon voraus, bis später Deleuze, als die dazugehörigen disziplinarischen Maßnahmen und Normen ihre Wirkungskraft nach und nach verloren und das Fernsehen in eine Maschine der totalen sensorischen Regulation umgewandelt wurde, von den Kontrollgesellschaften sprach, die zu neuen Formen der Subjektivierung und der Unterwerfung führten. Vor allem Guattari hat mit der Einführung des Begriffs »Dividuum« in den 1980er Jahren kurz vor dem langen Winter schon geahnt, dass die ultraliberalen Kontrollmechanismen, die mit dem Computer verbunden sind, die mechanische Liquidation des menschlichen Entscheidungs- und Urteilsvermögens nach sich ziehen werden. Sowohl das Verhalten als auch der Verstand werden bis heute nachhaltig automatisiert und immer stärker der analytischen Macht den künstlichen Maschinen und den Algorithmen überlassen. Smarte vernetzte Sensoren registrieren heute längst auch in der realen Welt jede Art von Kognition und Verhalten, um beides zu analysieren und um daraus zu schließen, wie beides zu antizipieren und sicher und zielgenau zu verändern ist, sodass bei den ins Visier genommenen Akteuren genau diejenigen Echtzeit-Aktionen hervorgerufen werden, die es den Betreibern von Überwachungsunternehmen erlauben, ihre Verhaltens- und Verstandesmodifikationsprodukte weiter zu perfektionieren. Die Automatisierung von Verhaltensdaten erzeugt innerhalb der Ökonomie der Spurensicherung geradezu eine artifizielle, maschinelle Kunst der Hyper-Kontrolle, die durch die Auslagerung des Denkens in die digitalisierten Netzwerke entfaltet und dort auch monetarisiert wird. Alles läuft auf die Exploitation der ternären Retentionen hinaus, und fast alle Aspekte des Verhaltens der Dividuen generieren nun digitale Spuren, die wiederum zu Objekten der Kalkulation und der Kapitalisierung werden.

Das transdividuelle (nicht transindividuelle) tracking der Daten muss noch genauer beschrieben werden. Man muss sich hier auf die jeweiligen Marktsegmentationen des Marketings beziehen, wobei die viel beschworene Individualisierung der Kunden, die man mit bedarfsgerechter Werbung anspricht, eher einer Dividualisierung gleichkommt, einer infra-individuellen Teilung und einer Dekomposition der Individuation und dies trotzdessen es einen individuellen digitalen Fußabdruck gibt. Die Determination des Wunsches durch die Automatisierung, welche die schlechten Triebe freisetzt und triggert, wobei sie mit Netzwerk-Effekten verstärkt werden, wird heute mit den Modellen des Neuro-Marketing, der Neuro-Ökonomie und den mathematischen Modellen der Künstlichen Neuronalen Netze vorangetrieben. Das Neuromarketing versucht beim Konsumenten Aktionen zu generieren, die ganz ohne die Formierung eines autonomen Wunsches auskommen. Und dies basiert unter anderem auf der Eliminierung von konstruktiven Unterbrechungen, die erst zu Entscheidungen führen, indem man einen sensomotorischen Loop in das Verhalten einzubauen versucht, sodass es zu keinerlei Verzögerungen zwischen Rezeption und Entscheidung und damit auch zu keiner sozialen differance mehr kommt und somit von einem rein funktionellen Kreislauf oder einem sekundengenauen Feedback-Loop gesprochen werden kann, ja eben im Sinne Skinners von einem reinen Reiz-Reaktion-Muster, das mit deskriptiven und präskriptiven Methoden operiert – beispielsweise ist das Zeitinterval (Verzögerung), das die Rezeption eines Produkts vom Effekt (Kauf) trennt, nicht länger vorhanden. Die Ökonomie der Algorithmisierung der persönlichen Daten reduziert immer weiter die Zeit, die für menschliche Entscheidungsprozesse notwendig ist, und eliminiert damit auch die »nutzlose« Zeit des Denkens und der Kontemplation. Gerade die funktionale Integration der psychischen Individuation durch ein automatisch assoziiertes Milieu, das in Lichtgeschwindigkeit prozessiert, konstituiert für die Individuen eine faktische Naturalisierung des technischen Milieus und zugleich eine artifizielle Naturalisierung, womit die individuellen und kollektiven Individuationen zu kollektiven und psychischen Dividuationen mutieren, die wie eine 24/7 Insekten-Gesellschaft funktionieren.

Die algorithmische Krankheit – für Stiegler ist sie ein Begleiteffekt der Epoche der Hyper-Kontrolle – erzwingt eine fatale Desorientierung: All die großartigen Versprechen der Aufklärung sind heute toxisch geworden, ja sie wurden in Prozesse der generalisierten Hyper-Kontrolle des Denkens überführt. Dies geht über die von Deleuze konstatierte Kontrolle-durch-Modulation weit hinaus, insofern heute selbst noch die noetischen Fakultäten der Theorie mit den aktuellen Operatoren der Proletarisierung, die die ternären Retentionen durchziehen, kurzgeschlossen werden. Wiederum bleiben die ternären Retentionen, egal was ihre Materie und Form sein mag, auf die primäre und sekundäre Retention angewiesen, auf die Wahrnehmung, Imagination, die Erwartung und das Gedächtnis, Faktoren, die in die Prozesse der je schon verschiedenen kollektiven Transindividuation integriert sind.

Schließlich erfordert die Behandlung der Daten in Form der ternären digitalen Retention und in Realtime und auf globaler Ebene – ausgeführt von intelligenten Maschinen mit der Rechenkapazität von Billionen von Gigabytes – lernende und vernetzte Systeme, die die Daten absorbieren, modifizieren und kapitalisieren. Wenn aber die psychische und die kollektive Individuation mit den digitalisierten Prozessen einer automatisierten Transindividuation kurzgeschlossen werden, dann können sich auch unberechenbare Individuationen ergeben, aber die automatisierten Triebe bleiben den automatisierten retentionalen Systemen unterstellt, um mittels der Mathematik formalisiert und durch Algorithmen konkretisiert zu werden, das heißt, dass die Datenspuren, die man durch die Überwachung des individuellen und kollektiven Verhalten erzeugt, gesammelt, modifiziert und kapitalisiert werden müssen. Dabei behält Stiegler allerdings seinen Begriff des »pharmakon« immer bei, das heißt er sucht immer auch nach Spuren im Internet, die eine neue Form der kollektiven Individuation anzeigen.

Versicherung und Risikosubjekte

Die Kontrolle der zeitgemäßen Risikosubjekte erfordert heute gewinnorientierte Versicherungen, die ihre Kunden am laufenden Band klassifizieren, differenzieren und bewerten, indem sie ihnen Zahlen zuordnen, die sich auf Faktoren wie Konsumeigenschaften, Interaktionen, Gesundheit, Bildung und Kreditfähigkeit beziehen, was die somit zu Stichproben degradierten Kunden, wie wir schon gesehen haben, auch zu geteilten Entitäten, ja zu Dividuen macht. Weil die Versicherungen dem Imperativ, der darin besteht, Unsicherheit soweit wie möglich nicht nur durch Risikokalkulation, sondern durch Gewissheit zu ersetzen, folgen, scannen ihre mobilen Apps in Zukunft beispielsweilse permanent das Verhalten von Autofahrern, sodass die Versicherungsbeiträge von Sekunde zu Sekunde fallen oder steigen können, und dies auf der Basis von Informationen, wie schnell man gerade fährt oder ob man beim Fahren telefoniert, wobei Maschinenprozesse die Verstöße gegen fixierte Parameter herausfinden und diese dann auch ahnden. Konsequenterweise gliedert man die Kunden in verhaltensorientierte Tarife ein, wobei die Maschinenprozesse das Verhalten der Versicherten in Richtung maximaler Profitabilität der Versicherer drängen, indem abweichendes Verhalten mit Bußgeldern geahndet oder Versicherungsbeiträge erhöht werden. (zuboff 249) So haben beispielsweise Krankenversicherungen nicht nur die Gesundheit, sondern längst auch die Fitness zu einem moralischen Imperativ gemacht, sie haben die Risiken unter die Bevölkerung so verteilt, dass die Kranken und Übergewichtigen oder einfach nur solche Personen, die zu wenig auf ihre Gesundheit achten, mit Rückstufungen, Sanktionen, Restriktionen oder gar Ausschluss aus der Versicherung zu rechnen haben.

Die Versicherungen, die heute über ein breites Repertoire an Modellen und Methoden des Risikomanagements und auch die entsprechenden Finanzinstrumente verfügen, fassen quantitative Elemente, die das Verhalten der Versicherten definieren, in Tabellen zusammen und setzen sie in höherskalige Kategorien um, wobei die Elemente ständig zu ihrem Vorteil neu kombiniert, neue ausgeklügelte Anreiz- und Allokationssysteme geschaffen und somit höhere Profite mittels der Steigerung der Performanz, die die durch Risikoprofile dokumentierten Subjekte selbst zu leisten haben, erzielt werden. (Lee, Martin 2016:539) Aufgrund von standardisierten Risikodefinitionen erheben also die Versicherungen Daten, indem sie die Risikosubjekte nach ganz gewöhnlichen Kriterien wie Einkommen, familiäre Herkunft, Beruf, Wohnort, Geschlecht und Bildung sortieren und gliedern, um sie schließlich auszupreisen. Es gibt Unternehmen, die einen Risiko-Score für Personen auf der Basis der Verlaufsgeschichte ihrer Beschäftigung, ihrer angemieteten Wohnungen, ihrere Beziehungen zu Familienmitgliedern und Freunden etc. entwerfen, wobei man sozial prekäre Personen aufgrund der Klassifizierungen und der Auswertung maschineller Verfahren als hoch-risikoreich identifiziert und damit die ökonomische und soziale Ungleichheit algorithmisch re-inskribiert. So sind die Versicherungen fest entschlossen, die Macht über die Versicherten permanent auszuweiten, was sie auch tun, wenn sie mit deren Geldern an den Finanzmärkten als Big Player auftauchen.

Die Erstellung von bestimmten Risikoprofilen ist heute eine Quantifizierungsarbeit sui generis, um sich zum einen ein Bild über das jeweilige Dividuum zu machen und zum anderen es beständig dazu aufzufordern, seine ökonomische Positionen zu verbessern und zu effektivieren. Bezüglich der Körpereffektivierungsarbeit kommt es in diesem Kontext zu einer immer stärkeren Verschmelzung von medizinischen Diagnosen mit Wellness-, Fitness- und Lifestyleangeboten, wobei eine ganze Reihe von Geräte den Körper erweitern, indem sie Körperzustände messen, Informationen zur Bewegung, zum Schlaf- und Stressverhalten, zum Alkohol- und Nikotinkonsum aufzeichnen, um die Kontrolle zu perfektionieren und Anleitungen zur weiteren Selbstoptimierung des Körpers geben.20 Diese Arbeit am eigenen Körper resultiert in einem persönlichen Aktienkurs der Gesundheit und des Wohlbefindens in Echtzeit (ebd.: 116), der für die Akteure wiederum neue Anreize vermittelt, den Versicherungen und Krankenkassen Informationen für die Ausarbeitung von neuen Tarifmodellen bereitzustellen, was die Versicherungen in personalisierte Kostenberechnungen umwandeln. Diese Art der Selbstvermessung wird von den Versicherungen so strukturiert, dass man technische Applikationen entwickelt, die ein bestimmtes Verhalten messen, um es in Relation zu den bestehenden Tarifsystemen zu setzen. Es entwickelt sich hier ein fein gesponnenes Netzwerk aus Versicherungen, Kunden und App-Produzenten, innerhalb dessen permanent die Differenzierung und Personalisierung von auf die Gesundheit bezogenen Daten vorangetrieben wird, um weitere monetäre Anreizsysteme zu schaffen und die Mitmachtätigkeit der Dividuen anzustacheln, und dies alles unter dem Aspekt des spielerischen Umgangs mit Daten.

Während die verantwortungsbewussten Risikosubjekte in den einschlägigen Wellnesscentern Tag für Tag hartnäckig mit ihrer individuellen Fitness beschäftigt sind, um sich in infantil-singularisierten Freiheitsritualen kreativ neu zu erfinden (und sich damit meistens nur dem Sachverhalt anpassen, dass sie nicht im geringsten in der Lage sind, etwas verändern zu können, oder es vielleicht auch gar nicht wollen), werden sie von den Versicherungen doch als ziemlich stereotype und einfache Protagonisten betrachtet, die ein ganz gewöhnliches Leben leben, unter Umstände das des »lebendig gewordenen Stelleninserats, eine gelungene Synthese aller Charaktereigenschaften, die sich Personalchefs und Volksschullehrer bei einem Menschen wünschen.« (Pohrt) Und um es noch einmal zu wiederholen: Während die erfolgreichen und besonders risikoaffinen Subjekte, insbesondere die der Eliten und aus der oberen Mittelschicht, permanent die Befreiung von den Fesseln verkrusteter alter Identitäten und ein neues Singularitätsregime beschwören, ihre durch und durch algorithmisierten Leidenschaften auf alle möglichen analogen Events, auf Live-Konzerte und Musikfestivals in ihrer angeblichen Außeralltäglichkeit richten, auf Sport- und Kunstereignisse, auf all das, was die Event-Industrie Tag für Tag an gewöhnlichen Verbrechen inszeniert, und zudem noch auf alles, was die Kulturindustrie als singularisierte Imagination verkauft, werden sie auch weiterhin äußerst effizient durch Versicherungen und andere private Kontrollfirmen gescannt, klassifiziert und motiviert und damit verdurchschnittlicht. Eine gelungene Identität zu besitzen heißt dann, sich als Risikosubjekt zu generieren und als solches zu gewinnen und darin grundsätzlich dasselbe zu bleiben: handlungsfähig, opportunistisch und risikobereit, alles in allem eine neue Form der Stupidität, weil der große Andere im Schatten weiterhin unbemerkt waltet und das vom Kapital konstituierte Risikosubjekt sich dem unbewusst zumindest verpflichtet fühlt. Die aufstiegswillige Mittelschicht – ökonomisch nach oben, kulturell nach unten orientiert – findet diesen Oberflächentext extrem chic, und einige ihrer Repräsentanten, die vielleicht sogar auch höhere Funktionen bei den Versicherungen selbst einnehmen, gelingt es im High-Sein des Hedgens ihres Lebens sich gegenseitig zu übertrumpfen, und dies im Zuge eines schnellmachersüchtigen Ausspuckens von Funktionen, Formeln und Slogans, die den eigenen Lebensstil gnadenlos und zugleich doch ziemlich trübselig ornamentieren. Gleichzeitig untersteht die Existenz risikobereiter Subjekte einer von den Versicherungen selbst operationalisierten Kontrollstruktur (Statistiken, Tabellen und Taxonomien), die ihre Kunden strikt nach Risikokategorien eingliedert, klassifiziert und sortiert – zum Zweck der Erstellung eines ordnungsgemäßen und gewinnträchtigen Risikoprofils. Selbstoptimierungsprozesse und Kontrollstrukturen bedingen und verstärken sich also gegenseitig.

Es ist einschlägig, dass Unternehmen, Staaten und private Personen heute weniger durch die Analyse des konkreten Einzelfalls auf ihre Kreditwürdigkeit geprüft werden, sondern anhand einheitlicher quantitativer Indizes, das heißt die Kreditkontrolle durch Prüfung des Einzelfalls wird durch die Erstellung von standardisierten algorithmisierten Risikoprofilen ersetzt. So wurde zur Evaluation der Verbraucher der Fico Score eingeführt, ein Algorithmus, der generell als ein wichtiges statistisches Instrument zur Kontrolle des neoliberalen Subjekts gelten kann. Zunächst bedeutet Scoring ganz allgemein, dass man bestimmten Entitäten/Subjekten Eigenschaften wie Performanz, Leistungsfähigkeit, Rentabilität oder Zahlungsfähigkeit zugeschreibt,, worauf man sie nach der Skalierung dieser Kriterien in Gruppen einteilt, sie also klassifiziert und mit Punkten bewertet, die man wiederum gewichtet und zu einer Bonitätsnote zusammenfasst, um dann mit dem Gesamtscore schließlich auch die Kreditvergaben festzulegen. Versicherungen konstruieren mit dem Fico Score die Kreditgeschichten der Kunden, Unternehmen prüfen mit ihm die Stellenbewerbungen und suchen nach optimalen Standortbestimmungen, Krankenversicherungen erheben Prognosen, ob die Patienten die Medikamente ordnungsgemäß einnehmen, Spielcasinos eruieren die gewinnträchtigsten Gäste. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass heute ein dichtes Netz von Rankings, Ratings und anderen Evaluationsmechanismen die gesellschaftlichen Felder durchzieht und sich auf fast alle Tätigkeiten und Bereiche bezieht. Dabei gehen bestimmte Kreditscorings sogar so weit, über den Einsatz geheimer Algorithmen nicht nur Informationen über den Gesundheitszustand, die Mobilität, den Jobwechsel und die persönliche Risikobearbeitung einzuholen und zu bewerten, sondern man zieht sogar Daten aus dem Freundeskreis heran, was je nach deren ökonomischen Status Vorteile oder Nachteile für den Kreditnachfrager bringen kann.

Statistisch-maschinelle Verfahren dienen dazu, die Wahrscheinlichkeit, dass jemand einen Kredit bedient, oder Kreditausfälle zu modellieren, in dem man den Kunden Bonitätsnoten vergibt, womit nicht nur generell über die Vergabe von Krediten, sondern auch über die genauen Konditionen der Kredite (Laufzeiten, Zinssätze etc.) entschieden wird. Über die Geschichte der Verschuldungen, der Marktaktivitäten und generell die ökonomische Situation der Subjekte liegt heute ein breit zugängliches Datenmaterial vor, das ständig erweitert wird und in die aktuellen Risikokalkulationen und Bewertungen einfließt, wobei der Trend dahin geht, immer weitere Bevölkerungsteile über die sog. credit risk coloniziation in die Kreditierung integrieren und und damit zur Generierung eines Surplus für das finanzielle Kapitals verfügbar zu machen .(Mau 2017: 109)
Bei der Kreditvergabe kommen auch wieder die berüchtigten Apps zum Einsatz, die aus den Anwendungen des Smartphones eines Antragsstellers, aus seinen Postings in den sozialen Medien, aus GPS-Koordinaten, aus E-Mails und Profilen Daten herauslesen und modulieren, indem daraufhin Algorithmen Muster konstruieren, die auf die Wahrscheinlichkeit schließen lassen, ob der Antragssteller in Zukunft Kredite auch bedienen kann. (zuboff 202) Und als ob das nicht genug wäre, dienen diese Informationen wiederum zur Verfeinerung des Fico-Algorithmus und eben auch anderer Algorithmen, ein Nebeneffekt, um noch exaktere und umfassendere Persönlichkeitsprofile zu erstellen, die nicht nur den finanziellen Stresspegel eines Nutzers umfassen, sondern vielleicht auch noch dessen Fürze riechen.

Rating und Ranking

Ein weit aufgespanntes und zugleich dichtes Netz von Rankings, Ratings und anderen Evaluationsmechanismen, die ständig zahlenmäßig angeschrieben und daraufhin in Charts auch visualisiert werden, überzieht heute alle gesellschaftlichen Felder und bezieht sich auf fast alle Tätigkeiten, Stimmungen und Affekte der Subjekte, womit wir es hinsichtlich der letzteren mit dem Design einer Aggregation und Rekombination von normalisierten Verhaltensweisen und Attributen zu tun bekommen, das heißt einer explizit derivativen und transformierenden Logik, insofern die Subjekte durch die Mechanismen des Rankings, des Screenings und des Scorings, der Quantifizierung und der Monetarisierung ihrer Risikoprofile selbst zu dividuierten Produkten transformieren, die wiederum von Manager, Analysten und Wissenschaftler, die sich paradoxerweise selbst als ziemlich einzigartige Individuen wahrnehmen, evaluiert werden. Es wird hier ein neues Objektivitätsregime generiert, das nicht nur Unterschiede und Vergleiche sichtbar macht, sondern neue Klassifikationen zur Kontrolle des Systems und der Subjekte einsetzt. Während das Rating dazu dient, bestimmte Objekte, Sachverhalte und Subjekte mittels bestimmter Techniken nach bestimmten Mustern zu beurteilen und zu bewerten, werden die Objekte beim Ranking in eine Rangfolge gebracht. Die Monetarisierung und Ökonomisierung der Ratings und des Rankings führt heute in allen möglichen Bereichen zur permanenten Restrukturierung der Methoden der Effizienz, der leistungsorientierten Mittelvergaben und der Budgetierungen unter den Gesichtspunkten der quantifizierenden Rentabilitätssteigerung mittels der in Zahlen übersetzten Input-Output Matrizen, wobei Bereiche wie Bildung, Gesundheit, Gefängnisse und selbst noch Kriege davon betroffen sind.

Die Subjekte sind zur weiteren Anfeuerung dieser Quantifizierungsprozesse ständig selbst aktiv und präsentieren sich anhand von fabrizierten Daten (man denke an Einkommen, Körper und Gewicht, Laufstrecken, die man zurücklegt, und an die Gesundheit) in den Medien und Institutionen und setzen ihre Daten äußerst gerne in den Vergleich zu denen der Mitkonkurrenten und erzeugen somit in gewisser Weise selbst noch die numerische Hegemonie mit, die stets die Aura des Objektiven mittels der Heroisierung der Zahlen umgibt. Dabei sind solche Vergleichbarkeiten und Numeriken aber längst nicht apriori gegeben, sondern sie werden in quantifizierenden sozialen Prozessen konstruiert, indem auf Konsens zielende Messverfahren eingerichtet werden, die gewünschtes Verhalten, das nach metrischen und ordinalen Differenzen in Rangordnungen integriert wird, andauernd nur verstärken. Dabei wird zum die Gleichwertigkeit der Verhaltensweisen der Subjekte vorausgesetzt, die einer spezifischen Gleich-Gültigkeit ihnen gegenüber gleichkommt, zum anderen werden hierarchische und die Konkurrenz verstärkende Rang-Ordnungen inszeniert, die das Mehr oder Weniger oder das Besser oder Schlechter des Verhaltens der Subjekte diktieren.

Status

So ziemlich jeder Sachverhalt, jedes Objekt oder Subjekt kann heute qua Ranking in eine Reihenfolge gebracht werden, man denke insbesondere an die situative Festschreibung der Popularität jeder Art von Promi-Stars, seien es Politiker, Fußballspieler, Models bis hin zu den Pornostars, aber das Ranking betrifft natürlich auch die Rentabilität von Unternehmen und Institutionen, die Bildungsleistungen der Universitäten und die Gesundheitsangebote, den Glanz der Städte, den Geschmack des Essens und der Getränke, die Datingseiten und den Lifestyle der Mittelklassen in den Metropolen, die Reputation in den Berufen und es betrifft selbst die Staaten, die nach ihren Verschuldungsgraden hierarchisiert werden. Dabei wird eine scheinbar objektive quantitative Bewertung suggeriert, die sich allerdings um qualitative Unterschiede, Nuancen und Abweichungen wenig schert, letztere eher noch sanktioniert, ausschließt oder zumindest in die untereren Ränge des sozialen Körpers verweist. Der Soziologe Mau spricht an dieser Stelle von Objektivitätsgeneratoren, die nicht nur die sozialen Verhältnisse und Subjekte quantifizieren, indem sie sie skalieren, sondern diese Resultate auch noch visualisieren, das heißt in Charts, Diagramme und Tabellen übersetzen, und dabei handelt es sich keineswegs um rein deskriptive Prozesse, vielmehr um performative Praktiken mittels des Einsatzes a-signifikanter Semiologien, die der Abbildung von hierarchischen Strukturen und Systemen dienen, die stets politisch, ökonomisch und sozial aufgeladen sind; sie weisen die Subjekte innerhalb einer Rangskala auf bestimmte Plätze, indem sie die Kriterien und Verfahren festlegen, mit denen die Plätze zugeordnet und besetzt werden.

Wir haben gesehen, dass das Rating ein fortlaufendes Procedere ist, mit dem man Subjekte, Objekte und Sachverhalte hinsichtlich bestimmter Merkmale, Leistungs-, Rentabilitäts- und Verhaltensdimensionen, die in Symbole und Zahlen übersetzt werden können, beurteilt, evaluiert und bewertet, während das Ranking insofern darüber hinaus geht, als die beurteilten Objekte und Subjektte durch Differenzbildung in eine numerische Reihenfolge gebracht werden. Beides sind objektivierende Klassifizierungsverfahren, mit denen Fremdbeobachtung und Selbstbeobachtung in ein System integriert wird, wobei der performative Aspekt darin besteht, dass man die Akteure dazu auffordert, sich permanent zu sich selbst und andern in Beziehung zu setzen. (Mau 2017: 76) Für die kapitalistischen Profiteure des Rankings is der freie Zugang zu großen Datenbeständen, die die Akteure ja freiwillig liefern, die erste Voraussetzung, um ein Dispositiv zu erzeugen, für das zum Ersten die Identifizierung von Unterschieden und zum Zweiten der Wettbewerb um die exklusiven Platzierungen kennzeichnend sind, wobei letztere per definitionem instabil und relativ sind, sodass der Kampf gegen die eigene Entwertung und für die Überbietung der anderen immer präsent bleibt. Der Zweck dieses stillen Kampfes ist, wenn wir uns die Subjekte anschauen, die Sichtbarmachung der eigenen Position, vor allem, wenn man sich schon im vorderen Bereich des Feldes befindet, und dies zeitigt eben ganz reale und eben nicht nur symbolische Effekte. Die wichtigen Indikatoren, auf die sich diese Vergleichsverfahren beziehen, sind heute definitiv die Rentabilität, die Effizienz und die Produktivität.
Die Quantifizierungsverfahren des Screening und Scoring funktionieren ähnlich, sind aber stärker auf das Individuum oder besser das Dividuum bezogen. Auch hier ordnet man den Dividuen bestimmte Merkmale wie Leistungs- und Zahlungsfähigkeit, Angaben zum Gesundheitszustand und zur Bildung oder zu anderen speziellen Risiken zu, wobei die Ergebnisse von den Unternehmen, Märkten und anderen Organisationen natürlich begierig aufgegriffen werden, um wiederum Selektionen vorzunehmen, die, als ob es ein Naturzustand sei, den einen Vorteile und den anderen Nachteile bringen. Mit der Zuschreibung von bestimmten Eigenschaften werden die Subjekte durch das Screening mittels der Anwendung einer bestimmten Anzahl von Parametern von vornherein geteilt bzw. aus einem größeren Pool von Akteuren selektiert und sind damit nur noch als Stichroben vorhanden, wobei es aber immer zu Einschlüssen und Ausschlüssen kommen muss. Auch beim Scoring werden statistische Daten und Verfahren hinzugezogen, um die Akteure in eine feine Ordnung der Wertigkeit (Ebd.: 104) zu bringen.

Für die Abwicklung der Bewerbungen sind die Verfahren des Screening für die Unternehmen heute essenziell, wobei meistens externe Dienstleister die Ausführung übernehmen, indem sie getreu den Methoden einer Rasterfahndung die Leute ein- und aussortieren. Dabei können die überwachenden Unternehmen auf ein Unzahl von Daten und Informationen zugreifen, die die User in den sozialen Medien permanent produzieren, man denke an ihre Angaben zum Freundeskreis und Wohnumfeld, zur Mobilität und zu dem eigenen Konsumverhalten und vieles mehr. Auch mit diesen Verfahren werden in den verschiedenen Teilbereichen der Ökonomie, der Kultur und der Politik den Subjekten Plätze zugeordnet, womit sie per definitionen zu Geteilten transformieren, und die algorithmischen Zuweisungen bestimmen ihren Zugang zu Optionalitäten, Handlungspotenzialen und generell zu den Möglichkeiten, das Leben als ein positives und zu kapitalisierenden Produkt zu gestalten.

Literatur

Bahr, Hans-Dieter (1970): Kritik der »Politischen Technologie«.Frankfurt/M.

– (1973): Die Klassenstruktur der Maschinerie. Anmerkung zur Wertform. In: Technische Intelligenz im Spätkapitalismus. Vahrenkamp (Hrsg.). Frankfurt/M. 39-72.

-(1983): Über den Umgang mit Maschinen. Tübingen.

Mainzer, Klaus (2014): Die Berechnung der Welt. Von der Weltformel zu Big Data. München

Martin, Randy (2009):The Twin Tower of Financialization: Entanglements of Political and Cultural Economies. In: The Global South 3(1).108-125.

– (2015): Knowledge Ltd: Toward a Social Logic of the Derivative.Philadelphia.

Mau, Steffen (2017): Das metrische Wir. Franfurt/Main 2017.

Sahr, Aaron (2017):Das Versprechen des Geldes. Eine Praxistheorie des Kredits. Hamburg.

Schlaudt, Oliver (2011): Marx als Messtheoretiker. In: Bonefeld, Werner/ Heinrich, Michael (Hg.): Kapital & Kritik. Hamburg.

– (2014a): Was ist empirische Wahrheit?: Pragmatische Wahrheitstheorie zwischen Kritizismus und Naturalismus (Philosophische Abhandlungen). Frankfurt/M.

Strauß, Harald(2013): Signifikationen der Arbeit. Die Geltung des Differenzianten »Wert«. Berlin.

Vief, Bernhard (1991): Digitales Geld. In: Rötzer, Florian (Hg.): Digitaler Schein. Frankfurt/M. S.117-147.

Das pharmapornographische Regime

Dieser Artikel beansprucht keine umfassende Darstellung (und Kritik) des Buchs „Testo Junkie“ von Paul B. Preciado, sondern beschreibt lediglich die basic facts des sog. pharmapornographischen Regimes. Auf NON hat Alexander Galloway zu den Fragen des Widerstandspotenzials einer queeren Ontologie und Differenzphilosophie, in deren Umfeld sich auch Preciado bewegt, Stellung genommen. Gender bleibt für Galloway eine Idee, die auf einem naiven Universalismus basiert und ein imaginäres Zentrum besitzt. McKenzie Wark hat wiederum in seiner umfassenden Besprechung von “Testo Junkie” darauf hingewiesen, dass es sich bei diesem Text um etwas handele, das Lyotard „Libidinöse Ökonomie“ genannt habe, eine Ökonomie, die heute aber auf der digitalen und molekularen Ebene funktioniere, um Sex, Geschlecht und Subjektivität postindustriell zu produzieren. Dabei stehen Pharma- und Pornoindustrie innerhalb der postfordistischen Kapital-Ökonomie in Opposition zueinander wie sie auch zusammenarbeiten. Geschlecht und Sex mutieren heute laut Preciado zu Komponenten umfassender biopolitischer Regulationen und zugleich sind sie Resultate des Technokapitalismus, der globalen Medien und des Internets. Einige Komponenten des »pharmapornokologischen Kapitalismus«, wie ihn Preciado bezeichnet, wollen wir hier zusammenfassen.

Die Zeit des kalten Krieges zwischen den beiden Supermächten markiert laut Preciado eine intensive Phase der endokrinologischen Experimente, die in der Herstellung der Antibabypille als dem bis heute am meisten verwendeten Molekül in der menschlichen Geschichte münden, und dies darf auch als ein wichtiger Ausgangspunkt der postindustriellen Regulierung von Pornographie und Prostitution durch Staat und Ökonomie gelten. In den 1960er Jahren wurde die Pille von weißen amerikanischen Medizinern, deren eugenisches Interesse nicht zu unterschätzen war, bestimmten proletarischen Frauen in Puerto Rico verabreicht, um die Geburtenraten der »rassifizierten Anderen« zu kontrollieren. Die Geburtenrate fiel dann tatsächlich auch in rekordverdächtiger Zeit. Ein paar Jahre später schon war die Pille in den USA verfügbar und wurde als ein Instrument prpagiert und vermarktet, dass es Frauen ermöglichen sollte, ihre eigenen Körper endlich selbst zu kontrollieren, ja sogar zu befreien. Preciado sieht hier aber eher (mit Foucault) das biopolitische Versprechen einer neuen Governance von freien Körpern realisiert. In der Pille sieht sie ein neues Paradigma der Subjektkonstitution der Frau, deren Körper durch die Einnahme nun biologisch rekonfiguriert und einem strikt zeitlich durchgeführten hormonellen Management unterstellt wird, eine spezifische Form des Körperdesigns, das wiederum sexuelle und kosmetische Aktivitäten der Frauen programmiert. Darüber hinaus fungiert die Pille als ein Kontrollinstrument sowohl zur Regulierung der Bevölkerung als auch zur Normalisierung der weiblichen Sexualität.

In die Zeit des kalten Krieges fällt auch die Erfindung des Begriffs »Cyborg«, der im Kontext der ersten Durchführung von Weltraumprogrammen einen technisch ausgerüsteten Organismus beschreibt, der in einem Milieu außerhalb der Erde als ein gleichgewichtiges homöostatisches System überleben kann. In dieser Zeit wurde die Entwicklung des Kunststoffs und des Plastiks (Polymerisation von Kohlenstoffketten) vorangetrieben, was zu einer dramatischen ökologischen Transformation der Erde mit einem bis heute ansteigenden Vergiftungsgrad insbesondere auch der Meere führt. Die aus all diesen technologischen Prozessen resultierende Subjektivität markiert eine umfassend bio-molekulare Kontrolle und technisch-statistische Protokollierung. Preciado fasst zusammen: »Unsere globale Ökonomie ist von der Produktion und Zirkulation riesiger Mengen synthetischer Stereoide abhängig, von technisch transformierten Organen, Flüssigkeiten, Zellen (techno-Blut, techno-Sperma, techno-Ovarien, etc.), von der globalen Verbreitung pornographischer Bilder, der Entwicklung und Verbreitung neuer legaler und illegaler synthetischer psychotroper Substanzen (Lexomil, Special K., Viagra, Speed, Ecstasy, Poppers, Heroin, Omeprazol…), von Zeichenströmen und digitalen Informationskreisläufen, der totalen Ausweitung diffuser urbaner planetarischer Architektur, in denen die Ghettos der Megacities an Knotenpunkte hochkonzentrierten Sex-Kapitals grenzen.« (Preciado 2016: 35) Diesen global-medialen und postindustriellen kapitalistischen Komplex nennt Preciado das »pharmapornographische Regime«, das im Zuge von molekularen und semiotechnischen Modulationen am laufenden Band ein differenziertes technoides Subjekt generiert.

Dieses Regime ist ein Designer-Regime, insofern mittels des digitalen Designs spezifische Körpertechnologien und technoide Relationen zwischen Körpern, Raum und Zeit hergestellt werden. So ist es wahrlich kein Zufall, dass die Körper und das Leben zunehmend durch Drogen, Hormone und Moleküle reguliert werden: die betrifft den Sex und die Fortpflanzung, die Arbeit, Freizeit und den Schlaf, das äußere kosmetische Design und die psychischen Stimmungen.

Das dazugehörige semiotechnische Regime ist pornographisch; es umfasst die Sexualität, installiert ein hegemoniales Bildregime und okkupiert heute nahezu die gesamte Kulturindustrie. Während die Pharmaindustrie die Produktion von Medikamenten wie der Pille, Prozac und Viagra betreibt, produziert die Pornoindustrie eine ihnen korrespondierende visuelle Liste der Blowjobs, der Penetrationen und der Sex-Stellungen. Daraus ist zu schlussfolgern, dass die Bio-Wissenschaften in einer Art performativen Bio-Feedback synthetische Produkte mit psychischen Zuständen (Depression und Prozac; ADHS und Ritalin) und mit Geschlechtsdynamiken (Testesteron, Viagra und Maskulinität; Fruchtbarkeit, Kosmetik und Pille) verbinden. Zwar produziert das Pharma-Porn-Kapital weiterhin auch ständig neue Objekte, aber sie dienen letztlich nur als bio-psychische Stützen für das Subjekt, oder, um es anders zu sagen, die Produktion der Dinge und Ideen, der Organe und Zeichen, der Hormone und der Seele befördern die Kreation des postindustriellen Subjekts. Es ist kaum verwunderlich, dass Psyche und der Sex des Subjekts heute technologisch designte Produkte sind, wobei keineswegs ein kohärentes Subjekt entsteht, sondern eher, um es metaphorisch auszudrücken, ein durchlöchertes (weibliches) System, dem man Pillen und Schwänze in den Mund und Dildos in die Vagina steckt, Silikon in die Brüste einsetzt oder Haut und Fett entnimmt, um neue Organe und Prothesen herzustellen.

Zwar können mit diesen Technologien alte Geschlechtsbinaritäten in Frage gestellt werden, aber zugleich werden diese Binaritäten mit ihnen auch wieder festgeschrieben. Das Pharma-Porn-Kapital produziert geradezu einen neuen Techno-Naturalismus des Sexes und des Geschlechts, indem man ständig Technologien entwickelt, die dieser Idee näher rücken. Es bleibt zu betonen, dass sich Preciado nicht prinzipiell gegen einen solchen Techno-Körper ausspricht, dem vielleicht ja auch ungeahnte Potenziale innewohnen könnten, sondern sie polemisiert insbesondere gegen die eigenartige Kapitalisierung und gegen die spezifische biotechnische Kontrolle und Produktion dieses Körpers. Das Signum der biopolitischen Produktiion ist das der Zeichen, der Symbole und der Information sowie der Affekte, und zwar nicht der persönlichen Affekte, sondern der systematischen Effekte, welche sie produzieren.

Eine wichtige Komponente der heutigen Informationsökonomie stellt für Preciado die pornographische Industrie dar (ca. 1,5 Millionen Webseiten im Internet, die für den Umsatz von ca. 14 Milliarden Dollar pro Jahr mitverantwortlich sind). In den 1980er Jahren beschleunigten Pornofilme die Verbreitung des Videomarktes, sie lösten zehn Jahre später den Boom der TV-Sex-Kanäle der amerikanischen Hotelketten aus sowie den Höhenflug der Hotlines der globalen Telefongesellschaften, wobei vor allem das hardcore-Pornomaterial stark zur schnellen Entwicklung Internets beitrug. Kaum verwunderlich, dass die kriminelle Rotlicht-Subkultur bis in die Banken, Büros und Etablissements der Eliten vordrang. Mehr als 70% des weltweiten Hardcore-Pornomaterials entstehen hinter den Fassaden endlos-monotoner Villen der Mittelklasse im San Fernando Valley westlich von Los Angeles, Drehorte, in denen im 24/7 Modus zwischen Hollywoodschaukeln, großräumigen Schlafzimmern und Infinity-Pools Geschlechstverkekehr in Nahaufnahme gefilmt wird, und unerschöpflich ist der Nachschub des attraktiven Fleisches der meist farbigen und osteuropäischen Modelle sowie blutjunger und gebrochener Kids aus den weißen Waisenhäusern, Drogenheilanstalten und Obdachlosenheimen. Ein Mix aus Hormonspritzen, Crack und Opiaten treibt die Sexmaschinerie unermüdlich an. Im geheimen Einvernehmen mit ihren Konsumenten erfinden die Producer und Regisseure ständig neue Brutalisierungen, sportive Akte und Grenzwerte, gegen deren Folterlust sich de Sade ausnimmt wie ein bukolischer Nonnengeburtstage. (Wolf Reiser auf Telepoli

Das Internet und die pharmapornologische Industrie produzieren heute im einvernehmlichen Verbund eine ausdifferenzierte Kontrolle des weiblichen Körpers, während aber auch die ejakulatorische Funktion des männlichen Körpers zunehmend ins Blickfeld der Techno-Ökonomie gerät. Alles in allem zielt das ökonomische Modell der Pornoindustrie für Preciado vor allem auf die masturbatorische Logik des Konsums ab, das heißt auf minimale Investition, Echtzeit-Verkauf und Echtzeit-Konsum des Produkts, i.e. möglichst hohen Profit. So funktionieren Porno- und Pharmaindustrie durch einen Mechanismus, der die Modulation der Körper im Kreislauf Erregung-Frustration-Erregung in Permanenz betreibt, und zwar durch die »Spielereien« mit der Erektion, Ejakulation, Lust, Masturbation, Kontrolle und Destruktion, deren Produkte Techno–Sex Körper sind, wobei diese, der Sex selbst und die semiotechnischen Informationen wichtige Ressourcen und Waren für das postfordistische Kapital darstellen. Es geht immerhin auch um das Mapping der Kapitalökonomie, das unter diesen Gesichtspunkten auf dem Management der Körper, des Sexes und der Identitäten beruht, oder dem, was Preciado das “Somatico-Politische” nennt – das Sex-Geschlecht des industriellen Komplexes, dessen wichtigste Ressourcen und Objekte synthetische Steroide, Porno und Internet sind. Dieses Prozesse generieren eine ubiquitäre pharma-porno-punk Hypermodernität.

Analog zur Automobilindustrie im Fordismus müsse man heute, so Preciado, von der Pharmapornographie als dem wichtigsten Element der postfordistischen Ökonomie sprechen. Entscheidend für diese Dominanz seien aber nicht die quantitativen Umsätze, sondern der Fakt, dass die Pharma-Porn Modelle, die sich aus masturbatorischer Logik und dem Kreislauf von Erregung und Frustration zusammensetzen, grundlegend für alle anderen Arten der Produktion gälten. Die Arbeitskraft der klassischen Ökonomie sei in eine (aktuelle und virtuelle) orgasmische Kraft, die »potentia gaudendi«, umgewandelt worden. Ganz in der Nachfolge Spinozas definiert Preciado diese psychische und somatische Kraft jenseits der Frage der Geschlechts- und Organzugehörigkeit als ein unendliches Vermögen, das die gesamte Welt in Genuss übersetzen könne oder in die Kapazität, erregt zu sein oder zu erregen, erregend zu sein und mit jemandem erregt zu sein. Und das Kapital verdient daran und es verführt zugleich, indem es die sexuellen Ressourcen dieser Kraft in Arbeit verwandelt. Zugleich versucht das Kapital die potentia guadendi zu privatisieren und sie gleichzeitig in Form der Produktion von Molekülen (Pharma) und von pornographischen Zeichen und Sexdiensten produktiv zu machen. Preciado behauptet jedoch weiter, dass diese Kraft – Ereignis, Werden oder Praxis, fleischlich und doch digital flüssig – letztendlich nicht angeeignet oder als Eigentum festgeschrieben werden könne, sie schreibt der orgasmischen Kraft ein Potenzial zu, molekulare Freude zu produzieren, die nicht verbraucht werden könne, also unendlich sei, auch wenn mit der herstellung des technisch supplementierten pharmapornographischen Körpers alles daran gesetzt werde, die orgasmische Kraft auf das nackte Techno-Leben zu reduzieren, sie im kontrollierten Körper (bioport) also massiv wirke, dem umfassend diskursivierten und technologisch hergestellten Körper. Donna Haraway hatte den Techno-Körper schon früh als ein »flüssiges, verstreutes, vernetztes technisch-organisches-textuell-mythisches System« bezeichnet. Der sexuelle Körper ist das Produkt einer sexuellen Teilung des Fleisches, wobei jedes Organ durch seine Funktionalität innerhalb des Organismus gekennzeichnet ist. In der Folge von Haraway schreibt Preciado (in leichter Absetzung von Foucault) von einer Techno-Biomacht, die das gesamte Leben technologisch reguliere, statistisch protokolliere und höchst produktiv verwalte, indem sie Viren, Hormone, Stimmen, Bilder, Internet, Medikamente und Pille als produktive Werte in die globale bio-elektronische Erregungsmaschinerie integriere. Um es kurz zusammenzufassen, die diesen jenseits von Leben und Tod existierenden Techno-Körper antreibende Kraft ist die potentia gaudendi, die vom Kapital bio- oder thanatopolitisch verwaltet, kontrolliert und produktiv gemacht wird, das letztere im Rahmen eines profitablen Managements der diversen Industrien bis hin zur Finanzindustrie.

Die Pharma-Porno-Industrie sei zum paradigmatischen Modell der Kapitalakkumulation geworden, einerseits mit ihrem Modell des minimalen Einsatzes, den enormen Verkäufen und der unmittelbaren Konsumbefriedigung, basierend auf der niemals endenden somatischen Kette von Erregung–Frustration–Erregung, andererseits angetrieben von neuen Materialien wie Sperma, Blut, Testosteron, Adrenalin, Östrogene etc. sowie Zahlen, Semiotypen und Zeichen. Die darin fungierende, pornofizierte Arbeit ziele einzig auf Erregung (und frustrierende Befriedigung), während das globalisierte Kapital diese Prozesse produktiv verwalte, wie es auch die Körper, Patente und Copyright kontrolliere. Alle mutieren jetzt zu Arbeitern in einer globalen Pornofabrik, die mit körperlichen Flüssigkeiten, synthetischen Hormonen, Silikon, Stimulanzien und Stimmungs-Regulatoren und digitalen Zeichen aufgefüllt ist. Und die sexuelle Arbeit transformiert die potentia gaudendi in Waren. Préciado spricht hier ausdrücklich von einer Pornifizierung und nicht von einer Feminisierung der Arbeit.

Preciado stellt sich an dieser Stelle eine ähnliche Frage wie Lyotard: Inwiefern ist das Libidinöse ein Konstituens des heutigen Kapitals und wie ist das Kapital am Libidinösen interessiert? Preciado spricht von einer toxi-pharma-pornographischen Ökonomie, und diesen Term benutzt sie als einen Panoramabegriff, der insofern eine Scharnierfunktion erfüllt, als er auf die Analyse der Bedingungen einer sozio-ökonomischen Gesamtheit verweist, und damit zumindest einen symptomalen Status besitzt, wenn er die Bedingungen für die Konstitution dieser Gesamtheit nicht selbst setzt. Bruno Latour hat auf solche Panoramen hingewiesen, sog. 360-Grad-Darstellungen des sozialen Raums. Und diese Panoramabegriffe bleiben fragwürdig, egal ob man nun von Risikogesellschaft, Prekarisierungsgesellschaft oder dem pharmapornokologischen Regime spricht. Der Wille zur Totalität ersetzt an dieser Stelle die kritische Analyse der Ökonomie.

Wenn Preciado weiterhin mit McLuhan annimmt, dass die globalen Informationstechnologien nichts weiter als eine Ausdehnung des monströsen Techno-Körpers seien, dann bleibt sie doch einem sehr alten Technodiskurs verhaftet, nämlich dem der Technik als einer Erweiterung der menschlichen Organe und Kognitionen. Noch weniger nachvollziehbar ist dann die Aussage, dieser Körper sei heute als eine Ausdehnung der Informationstechnologien zu verstehen. In dem von Preciado übernommenen Technikdiskurs beschreibt man den Leib, damit er als abbildendes Projektionszentrum für die Technik gelten kann, als Triebzentrum. Infolgedessen wird es unmöglich, die technischen Objekte weiterhin als rein gestaltähnliche Abbildungen oder quantitative Erweiterungen des Leibes zu imaginieren, vielmehr muss man in ihnen das Resultat generativer Projektionen sehen, eben des Triebes oder des Techno-Körpers und letztendlich des menschlichen Hirns, womit es dann allein auf Funktionsähnlichkeiten zwischen der Maschine und dem Techno-Körper/Hirn ankommt. Wenn Produktivität nur als die Transformation von Energien Bestand hat und nicht das Resultat eines leiblichen Triebüberschusses ist (Einwirkung leiblicher Organe und ihrer Funktionen auf die äußere Natur), so muss mam eben die meta-physische Energie eines Techno-Körpers und/oder Verstandes voraussetzen, die die Fähigkeit besitzt, Verdopplungen, Axiomatiken und Kompliziertheiten der Maschinen neu zu erzeugen. So erst kann die Philosophie voll in den Technikdiskurs einsteigen!

Schließlich ist die Pornographie für Preciado die zum Spektakel, zur Virtualität und zur digitalen Information mutierte Sexualität. Sie ist das neue Paradigma der kapitalistischen Kulturindustrie, obgleich sie ihren Underground-Status nicht ganz überwinden kann; ihre Kennzeichen sind Performance, Virtuosität, Theatralisierung, technische Reproduzierbarkeit, Digitalität und audiovisuelle Verbreitung. Porno beinhaltet das profitable und effektive Management des Erregungs-Frustrations-Zirkels, und die Kulturindustrie will exakt denselben physiologischen Effekt monetarisieren, sei es eben die Pornoindustrie, die Popmusikindustrie oder der Fußball. Pornographie ist Sex-Performance, Fußball ist Sport-Performance, Pop ist Kunst-Performance – zusammen bilden sie die hegemoniale Kette der öffentlichen Darstellung regulierter und zugleich kapitalisierter Kultur bzw. der öffentlichen Exerzitien regulierter Wiederholungen, die dem g Regelkreis von Erregung-Frustration-Erregung folgen. Porno mag hier eher mit Freak Shows zu tun haben als mit dem Kinematographischen des Fußballs und des Pop. (Korruption, das ist der Stallgeruch von Fußball, Sexindustrie, Drogenhandel etc., mit dem die Finanzindustrie etwas anfangen kann, wenn er sich denn kapitalisieren lässt, aber der Staat als moralisierende Instanz muss regulieren und Sicherheiten injizieren (indem er bspw. Delinquenz erzeugt). Dabei spielt er sich auch gerne einmal als Staatsfeminist auf, der gerade entdeckt hat, dass Werbung sexistisch ist, worauf die Verbotsfeministinnen freudig einstimmen, dass dieser Schmuddelkram von der öffentlichen Bildfläche endgültig zu verschwinden habe. Es soll nur ja keiner auf die Idee kommen, die Pornoindustrie sei Teil einer Werbe– und Kinoindustrie bzw. der Kulturindustrie, zudem von Migrantinnen durchsetzt, und auch deswegen soll die Pornoindustrie im Zuge eines rassistischen Diskurses der Mittelklassen und des Kapitals wieder stärker reguliert werden.)

Die Pornoindustrie macht das als privat gedachte Szenario öffentlich, indem er andauernd Bilder mit stimulierenden Eigenschaften erzeugt, die sowohl beim Produzenten als auch beim Konsumenten biochemische und muskuläre Mechanismen der Lust freisetzen. Das Porn-Dispositiv privatisiert den öffentlichen Raum und lädt ihn mit masturbatorischem tele-medialen Werten auf. Die audiovisuelle Digitalisierung findet auf verschiedenen Plattformen statt (Fernsehen, Smartphone, Computer), die im Kontext des Erregungs-Frustrations-Kreislaufs eine Vervielfachung ermöglichen – in Los Angeles saugt ein Mund und in vielen Orten rund um die Welt kommt es zu Entladungen. Für Preciado zeigt sich der Zusammenhang zwischen Pornoindustrie und Kulturindustrie wie folgt: Im Zuge von Judith Butler begreift Preciado das Geschlecht und später mit Anni Sprinkle den Sex als performativen Akt, der zur Internalisierung von Normen, der Stilisierung und der Inszenierung der Körper im öffentlichen Raum führt. Porno inhäriert ein spezifisches Repräsentationssystem oder ein Darstellungsdispositiv, das in das Bild oder den Videofilm hinein wandert, dessen Konstitutien wiederum Theatralisierung, Inszenierung und Licht sind. Im Pornofilm wird die Lust einzig zum Zweck der Erregung der Konsumenten visualisiert, es handelt sich um ein sowohl optisches als auch ein pragmatisch-chemisches Dispositiv, das die dargestellten und darstellenden Lustmaschinenkörper mit Hilfe der technischen Möglichkeiten des Schnitts ins Irreale bzw. A-Topische abgleiten lässt, denn die Lust kennt im pornografischen Set ja anscheinend keine Erschöpfung und auch kein Ende, vielmehr wird diese allein zum Zwecke der Dauer-Erregung (und Frustration) der Zuschauer visualisiert.

Ganz im Gegensatz zur Orgie bei Sade, die einer Dramaturgie der zerstörenden Überschreitung folgt (welche das zu Überschreitende und damit das Verbotene voraussetzt), um die Erregung durch die (sprachliche) Kombination von Sex, Philosophie und Verbrechen einzufordern und sie bis hin zum Ziel der Orgie (meistens Mord und/oder Inzest) auch zu steigern, obwohl über die Stellungen (elementare Einheit in der Orgie) genauestens Buch zu führen ist -, ganz im Gegensatz dazu kennt bspw. der Gangbang weder bei den Beteiligten noch bei den Rezipienten die Idee/Praxis der Überschreitung. Der Gangbang negiert selbst noch die fantastischen Turnerpyramiden de Sades, mit denen dieser die Orgie berechenbar macht, sie sozusagen normalisiert, und was von der Orgie im Pornofilm übrig bleibt, ist die spröde Vernunft des Profits, die neutrale Konstruktion des Addierens des Erregungszyklus und Kopulierens. Zudem ist die Teilnahme an einem Gangbang für den Newcomer im Pornobusiness ein Sprungbrett auf der Karriereleiter nach oben. Gangbangpartys versammeln in der Regel ein Minimum an Frauen, die ein Maximum an Männern befriedigen. Gangbangs addieren & optimieren, erhöhen fast fahrplanmäßig die Sexualfrequenz. Dennoch, Lustmaschinen sind immer auch Frustmaschinen.

Gonzo (die bloße Darstellung des Geschlechtsakts und der Verkettung von Partialobjekten im Pornofilm, ohne jeden Hauch einer den Akt umrahmenden Handlung) scheint deswegen so erregend und schal zugleich zu wirken, weil man schon so viele Filme gesehen hat. Die Lust will aber Wiederholung. (Zunächst wiederholt die Wiederholung nicht die Vergangenheit, so wie sie tatsächlich war, sondern deren Virtualität, die man eben nicht nur der Zukunft, sondern auch der Vergangenheit zugestehen muss.) Beim Pornofilm ist die Struktur der Wiederholung allerdings eher der Ähnlichkeit bzw. der bloßen Kopie zugeneigt, wobei der Film eine spontane Aktivität, so scheint es jedenfalls, jenseits des Triebaufschubs und der Sublimierung (die genau genommen auch wiederholbar, also verschiebbar ist) bis in das letzte Detail ausleuchtet und kodifiziert, um beim Zuschauer eine Erregung zu erzeugen. Körperdesign, Sprache & Geräusche, Stellungen & Szenen, Kameraeinstellungen & Licht unterliegen im Pornofilm einer strengen Kanonisierung. Darüber hinaus inszenieren die Filme und Clips (mit Hilfe der Schnitttechniken) das ewige Phantasma, dass es Sex so einfach gibt, überall, egal ob bei der Autopanne, beim Fernsehen oder am Strand. In ihrer Rolle als verkörperte Erregungsmaschinen können die Akteure immer und sie können alles. Diese Fiktion faket die Sexualität, vor allem im Film, der die Imagination des Zuschauers nicht, wie beispielsweise den Leser pornophiler Texte, in der Schwebe hält, sondern durch die Abbildung und Darstellung unmittelbar zuschlägt. Während Sade alles sagen will, will der Sexfilm alles zeigen. So substituiert der Pornofilm in Permanenz das Authentizitätswollen der Einbildungskräfte und der Subjekte, deren Begehren inmitten der Bilder/Filme, die vermeintlich nur ein Reales konnotieren, stabilisiert und zugleich destabilisiert wird. Die chemisch-elektronischen Bilder des Pornofilms evozieren eine sexuelle Stimulation, die durch Triebabfuhr einen Kreislauf in Gang setzt, der des Partners und des Realen nicht mehr bedarf. Der Imperativ eines Genießens, das in der normalisierten Variante der Werbeindustrie den Sex ohne Körper serviert, zieht die Produktion von Bildmaschinerien nach sich, die ein programmatisches Interesses an dem Konsum von Sexualität befriedigen.

Porno wird für Preciado durch eine Art »spermatischen Platonismus« reguliert, in dem vor allem Cumshot real ist. Porno produziert die Illusion der potentia gaudendi, wenn die Erregung und ihr Abbau eine mehr oder wenige unwillkürliche Antwort auf die Ejakulation, einem Akt der Desubjektivierung, ist, auf den man mit der eigenen Desubjektivierung antwortet. Pornographie erzählt die performative Wahrheit über die Sexualität, das heißt sie produziert Wiederholungen im öffentlichen Raum und bleibt immer in den Regelkreislauf Erregung-Frustration-Erregung integriert. Man kann nun zwar behaupten, das der Sex und die Körper im Porno unrealistisch seien, aber gerade das Fiktive beinhaltet die platonische normative Form, um die sich der industrielle Komplex von Geschlecht und Sex zirkuliert. Die Kulturindustrie versucht die Pornoindustrie zu moralisieren, ihren Praktiken, Organen und Zeichen einen nicht-kinematographischen Charakter zuzusprechen, das heißt sie zu denunzieren, um sie im selben Augenblick hinsichtlich der Sexualisierung der Produktion, der Informatisierung der Körper und der Aufrechterhaltung des Erregungs-Frustrations-Kapitals Kreislaufs anzuzapfen. Schließlich ist Porno ein Medien- wie ein Kunst- wie ein Pop-Produkt.

Die Wahrheit über den Kristallpalast, oder, im Resonanzraum von Einkaufszentrum und Discounter

Das Einkaufszentrum

Warum heute noch Baudrillard lesen? Sicherlich sind heute viele der poststrukturalistischen Texte, die oft genug als Science-Fiction-Texte wahrgenommen wurden, paradoxerweise »dated«, und manche der Texte von Baudrillard, sieht man einmal davon ab, dass es generelle Zweifeln an seiner Simulationstheorie gibt, sind da wirklich keine Ausnahme.21 Aber doch sind es gerade die inzwischen längst zur Normalität geronnenen Alltagsphänomene, die Baudrillard frühzeitig entdeckt und heraus kristallisiert hat, als ob er ein Bild im Sinne einer erforschenden Photographie angehalten hat, Phänomene, die einen heute oft weitgehend unberührt lassen, vielleicht dann auch gegenüber Baudrillard selbst, da man schließlich selbst zu normalisiert und abgestumpft schon ist. So scheint es, dass hinsichtlich der drei von Deleuze beschriebenen Zeitsynthesen (Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft) beim zeitgenössischen Konsumenten ganz die Gewohnheit, die der Gegenwart angehört, regiert.

Baudrillard analysierte schon im Jahr 1970 die ersten Shoppingmalls und definierte sie umgehend als eine Synthese der Fülle und der Kalkulation zugleich. Sie waren damals schon als Orte vorgezeichnet, an denen man sich verlaufen, aber nichts weiter erleben konnte als den Anblick der Schaufenster der ubiquitären Firmen-Ketten, die eine Ausgeburt ultramoderner Kleinkariertheit darstellten, im Modus des Flüssigfernsehers zu genießen. Jeder Versuch, diesen Shopping Malls Benjamins Aura der Pariser Passagen des 19. Jahrhunderts zuzuschreiben, musste von Anfang an misslingen. Die Langeweile beißt einem ja geradezu in s Gesicht, wwenn man heute durch die Einkaufsstraßen selbst der großen Metropolen geht. Viel später führte Baudrillard dann aus, dass das postmoderne Subjekt das Leben einer schleichenden Katze führe, die sich sich in einer indifferenten und zugleich hochdesignten Häuslichkeit wohlfühle, welche allerdings ganz und gar öffentlich geworden sei und damit, um es in Worten von Günther Anders auszudrücken, zu einer Verbiederung des Öffentlichen führe.

Es ist so einigermaßen bekannt, dass Baudrillard das Einkaufszentrum nicht lediglich als eine optimierte Anordnung von materiellen Warensorten versteht, sondern als die verräumlichte Ausstellung von Zeichen, die stets geteilt sind und miteinander in Beziehung stehen und dabei immer Teile einer Totalität von Wohlstands-Zeichen bleiben. Und so mutierte das sterile weiße Kulturzentrum, das die globale Mittelschicht heute ganz unverdorben und unverschämt mit ihren Leitwerten der Singularität, Weltoffenheit, Toleranz und Cleverness propagiert, schon früh zum integralen Bestandteil des Einkaufszentrums, sodass die Ware schnell auch kulturalisiert und in spielerische Eleganz und distinktive Substanz verwandelt werden konnte.

Um es einmal auf einige Zahlen herunter zu rechnen: Im Durchschnitt verbringt der Konsument zwei Jahre seiner Lebenszeit im Supermarkt vor den Regalen mit Käse, Fleisch und anderen Lebensmitteln oder den Vitrinen mit Tiefkühlkost und schließlich zum krönenden Abschluss in den Warteschlangen an den Kassen. Statistisch legt er dabei 3800 Kilometer zurück und braucht doch angeblich ungefähr nur drei Sekunden, um ein Produkt auszuwählen und es aus dem Regal zu ziehen und in seinen Einkaufswagen zu legen, eine Reaktionszeit, die in ungefähr an das Verhalten einer konditionierten Ratte in der Skinner Box erinnert. Wie in einer Art subtil gesteuerter Kamerafahrt fließen und zirkulieren die Konsumenten kollektiv und zugleich vereinzelt, das heißt meisten ohne jeden Augenkontakt zueinander, wie von selbst und eingeschlossen in das hermaphroditische Milieu der Waren durch die klimatisierten und seicht bespielten Einkaufszentren, in denen sie verdaut und mit Tüten voller Waren auf die Straßen ausgespuckt werden. (Baudrillard 2015: 47) Zur Steigerung der Zirkulationsgeschwindigkeit und der Einkaufseffektivität der durch die Supermärkte fließenden Konsumenten ist doch eine Art unsichtbarer Steuerung vonnöten, die in gut regulierter Raumtemperatur vonstatten geht und ohne Einspruch auch konsumiert wird. Shoppingmalls sind scheinbar leichte Zonen des Durchquerens, die in ihrer nüchternen und ernüchternden affektlosen Fluidität die Durchquerenden und Durchquerten doch einer kinoesken Flüchtigkeit aussetzen und dabei eine Kinetik der Transitlandschaften in Gang setzen. Ein privater Nicht-Ort, der gleichzeitig fern und nah und permanent in Bewegung ist, der in Boutiquen, Elektronikshops, Mulitmedia-Restaurants und Designerbars kadriert und von weißen Elementen aus Licht und unsichtbaren Wellen von Muzak leise durchflutet ist. Wo der Wunsch als Maschine mit sich selbst und mit der Maschine spazieren geht, da sucht er im Einkaufszentrum für die Waren die passenden Konsumenten und für die Konsumenten die passenden Waren. Mit Verve und doch ohne Leidenschaft gleiten die Körper der Shopping-Movers reibungslos durch Korridore und Boutiquen, währenddessen die Blicke nahtlos durch sämtliche Komfort-Installationen der Shoppingcenter geleitet und gleichzeitig durch Kameras kontrolliert und gescannt werden. Die Kameras dienen der tayloristischen, der algorithmischen Analyse, die mittels der Verpixelung, Zerlegung und Teilung des Einkaufsverhaltens die Präzisierung, Antizipation und Steuerung der Effektivierung des Konsums leisten soll und schließlich mit einer weitgehenden Dequalifizierung des Konsumenten einhergeht, die allerdings mit einer Steigerung seiner Kaufproduktivität positiv korreliert.

Es ist längst kein Hirngespinst mehr, dass in Zukunft die Einkaufsregale in den Supermärkten eine smarte Haut überziehen wird, die mit RFID Technologie ausgestattet ist und erkennr analysiert und kommuniziert, um bestimmte Einkaufs-Parameter zu operationalisieren, die das Kaufverhalten der Kunden für das Unternehmen optimieren. Der Konsument betrachtet – ohne weiter zu reflektieren – die bunten Verpackungen, fühlt sich frei und entspannt, ohne zu ahnen, dass jeder der eigenen Blicke in Echtzeit in digitalisierte Klicks transformiert und in ein algorithmisches Beobachtungsnetz (Foucault) integriert wird. Gleichzeitig reizen verschiedene Effekte die individuellen Sehakte und animieren den Verstand zum Kaufen, weil unter anderem Augenbewegungsscanner detaillierte Informationen über das Kaufverhalten sammeln, ausgehend vom Momentum, wie lange man ein gekauftes oder nicht-gekauftes Produkt betrachtet und es kauft oder nicht kauft, woraus künstliche Maschinen ihre Schlüsse ziehen, um dem Unternehmen Kaufmodifikationen vorzuschlagen, denen die Konsumenten quasi-automatisiert Folge leisten. Heute ist der Supermarkt einer der mit Kameras am effektivsten überwachten Orte und das geht hin bis zur Ausspähung und Bearbeitung von Emotionen, die aus den Gesichtsausdrücken des Kunden beim Anschauen eines Produkts gelesen werden, womit die digitalen Geräte zudem noch zu Emotionsverstärkern und Stimmungsaufhellern transformieren, wenn sie denn beim Einkauf entsprechende Vorgaben machen, vielleicht einen Joghurt, dessen spezielle Bakterienkultur angeblich die Widerstandskräfte stärkt, empfehlen, wobei natürlich nichts von seinem Produktionsprozess und von möglichen den Schäden an Menschen und Umwelt erzählt wird, wie andere Produkte nichts von der Sklavenarbeit auf den Orangen-Plantagen in Brasilien, von den Milchbauern, die unter ihrem Herstellungspreis verkaufen müssen, von der Zerstörung des Regenwalds durch die Palmölplantagen in Malaysia erzählen.

Der Supermarkt soll heute so weit wie möglich an eine Art Roundabout-Center, der von elektronischen Reizen, maschinellen Analysanden und billiger Pop-Musik durchflutet ist, herangefahren werden, jedoch nicht mehr als ein Flüssigfernseher, wie dies Arthur Kroker am Ausgang des 20.Jahrhunderts noch annahm, sondern als ein Flüssigcomputer, der ohne jede Unterbrechung das Kaufverhalten der Kunden analysiert und daraufhin Anreize und Optionen als buntes Warensortiment auswirft und anbietet, um das Begehren, die Kauflust und das Genießen, das in den vielen einzelnen humanen Mikroschaltkreisen zirkuliert, zu vernetzen, anzustacheln und zu optimieren. Permanent-Vacation und Travelling-Panoramieren, die beides unter der Kontrolle unsichtbarer Verbreitungsalgorithmen stehen, inkludieren eine ständige antizipierende Formatierung der Verflüssigungsprozesse des Kaufens. So setzt Walmart eine App für das »predictive shopping« ein, mit der die Analysten des Unternehmens aufgrund der Kenntnis der Verlaufsform und des Umfangs früherer Einkäufe eines Kunden ganz für ihn speziell neue Einkaufslisten mit sogenannten Wunschwaren erstellen und auf dessen Smartphone senden, sodass der Wunsch längst automatisiert ist, die individuellen Präferenzen qua Musterbildungen maschinisiert sind, nur um künftige Kaufentscheidungen zu »erleichtern«, womit letztendlich maschinell organisierte Entscheidungen zur Addition weiterer maschinell organisierter Verkaufsentscheidungen führen, beruhend auf Datenprofilen, die eben aus der maschinellen Verarbeitung der Einkäufe und der Suchmaschineneingaben der Kunden resultieren. Als wäre das nicht genug, liefert man einen persönlichen digitalen Lebensmittel-Butler Frei Haus mit, der für den Konsumenten auf den Online-Markt geht und dort die algorithmisch empfohlenen Wunschwaren zusammensucht.

Um es noch einmal zusammenzufassen: An den Regalen, an den Einkaufswagen und vor den Theken der neoliberalen Cloud-Supermärkte sind Kameras und Sensoren angebracht, die wiederum drahtlos mit dem zentralen Computer des Supermarktes verbunden sind, der ständig mit genetischen Algorithmen gefüttert ist, die nicht nur auf das Kaufverhalten der Kunden reagieren und mit ihnen über Smartphones und Tablets kommunizieren, sondern die auch Kaufmodifikationen in Gang setzen, indem sie Kaufentscheidungen antizipieren und Kaufvorschläge unterbreiten, was vor allem jenem wunschlosen Unglücklichsein der Mittelklasse-Konsumenten entgegen kommt, das blitzschnell in das Verlangen umschlägt, alle Filterbubble-Waren haben und sie gleich wieder entsorgen zu wollen. Die durch die Beobachtung des Kaufverhaltens entstehenden Datenströme werden permanent mit dem internen Warenwirtschaftssystem des Supermarkts abgeglichen. Und der Kunde kann nun dankenswerterweise auf seinem Smartphone prüfen, gegen welche Lebensmittel er allergisch ist, indem er das Gerät wie eine Kamera vor das gefüllte Regal hält und daraufhin im Display sofort das Bild des ausgewählten Lebensmittels erkennt, das entweder mit einem roten X oder einem grünen Haken versehen ist. Es ist kaum noch erwähnenswert, dass der Einkaufszettel schon zuhause in einer Cloud gespeichert wurde, wobei er beim Betreten des Supermarktes jederzeit über das Smartphone abgerufen und mit denjenigen Produkten abgeglichen werden kann, die im Warenwirtschaftssystem des Supermarktes gerade vorhanden sind. Wenn es ein Produkt auf der Einkaufsliste nicht gibt, bekommt der Kunde natürlich sofort Alternativvorschläge angeboten. Im Idealfall führt ihn dann sein Navigationssystem umgehend vor das richtige Regal. Und um es nicht zu vergessen, der Supermarkt ist natürlich ein gieriger Daten-Grabber, insofern es eine Reihe von Schnittstellen gibt, die aktuelle persönliche Informationen mit solchen Infos verbinden, die einer Handelskette schon längst vorliegen, sodass weiterhin möglichst genaue Produkt-Angebote gemacht werden können.

Im zukünftigen Supermarkt teilt der Kunde die Infosphäre also mit einer Reihe von artifiziellen Agenten, die smart, autonom und zudem angeblich noch sozial agieren, und dies bis zu einem Punkt, an dem der Kunde einem Fisch im Wasser gleicht, der aber das Wasser nicht kennt, oder er gleicht einem Bemitleidenswerten, der im digitalen Ozean untergeht ohne Blasen zu hinterlassen. In diesem digitalen Bestarium ist der Konsument wirklich voll und ganz mit digitalen Maschinen connected, sein Verhalten und sein Denken werden bis in das kleinste Detail aufgespürt, getrackt und verfolgt, um als daten in die algorithmischen Maschinen eingespeist analysiert, prozessiert und moduliert zu werden. Selbst im Supermarkt herrscht nun eine ausgeklügelte algorithmische Governance, die auf den ubiquitären digitalen und ins Räumliche übersetzten Technologien basiert, mit denen die Angebote der Smart-Supermärkte designt werden, sehr naiv ‘autonomic computing’ und ‘ambient computing’ genannt, Technologien, deren Unsichtbarkeit sie gerade umso aktiver und effizienter macht. Eindeutig sind die profundesten Technologien diejenigen, welche unsichtbar sind, weil sie sich damit so selbstverständlich in die Netzwerke des alltäglichen Lebens einweben können, dass sie von ihm letztendlich ununterscheidbar werden.

Inzwischen drängen auch Internet-Monopolisten wie Amazon in den Lebensmitteleinzelhandel vor. Und bald können wir unseren Grundbedarf online per Abonnement erledigen. Besuche im Supermarkt würden dann sehr viel seltener werden. Das Unternehmen Amazon verdient Geld damit, dass es über das, was die Konsumenten kaufen, Kundendaten erhebt und damit quasi deren Kaufgewohnheiten auswendig kennt. Das wird wahrscheinlich dazu führen, dass die Konsumenten auf der Webpage von Amazon zukünftig gar nicht mehr in ein komplett ausdifferenziertes Warensortiment blicken, sondern in einer sehr engmaschigen Filterbubble ganz bestimmte Waren präsentiert bekommen, von denen relativ wahrscheinlich ist, dass sie sie auch kaufen, weil sie eben ganz genau ihren Käufer- und Interessenprofilen entsprechen. Unter dem Label Personalisierung wendet Amazon algorithmische Verfahren an, die uns Buchempfehlungen auf Grundlage früherer Bestellungen geben, wobei es am effizientesten ist, wen du ein Buch bekommst, dass du wirklich haben willst. In diesem Fall kennen die Algorithmen die Wünsche des Kunden, bevor es sich selbst über diese klar wird oder sie reflexiv behandelt, sodass wir hier von einer präemptiven Persönlichkeit reden können. ‘
Die neoliberale Vision des hochklassigen Cloud-Supermarkets besitzt eine voll integrierte digitale Infrastruktur, sie ist ein Traumland vor allem für die Upper-Classes, während es für die Arbeiter und Angestellten, die Migranten und Prekären ganz anders aussieht, die von den High-Class Supermärkten von vornherein ausgeschlossen sind. Zwar begegnet man heute in den klassischen Supermärkten noch unterschiedlichen sozialen Schichten und kann sie anhand der Produkte ihrer Einkaufswagen auch leicht analysieren. Und dennoch entwickeln sich die Supermärkte zusehends zu an die jeweiligen Klassen und Schichten angepassten Ghettos. Zwischen dem billigen Discounter mit einem Warensortiment von etwa 1000 Produkten und dem High-Class-Supermarkt mit bis zu 50.000 Produkten klafft eine signifikante Lücke, was wiederum auch auf das langsame Verschwinden der sicheren Positionen der Mittelklasse verweist., die sich immer stärker mit dem Discounter begnügen muss. Die Mittelklasse will zwar weiter an die Luxuswaren heran, kann sie sich oft genug aber nur noch am Flachbildschirm als Konsum eines Bildes leisten, während sie öfters als gewollt ganz real mit den No-Name Produkten im Discounter Vorlieb nehmen muss, welche die Markenwaren nicht einmal mehr unbedingt kopieren, verpackt am sie doch oft genug in einem schlichten Design, während man aber auch weiterhin versucht, mit schrillem Design die Markenwaren zu konterkarieren, indem man bis an den Rand der Verletzung des Copyrights geht, wenn man etwa auf Verpackungen ein Markendesign zitiert und redundant macht. (Seeßlen190) Gleichzeitig organisieren die Discounter inzwischen eigene Produktlinien oder Bio-Waren für den etwas gehobeneren Geldbeutel und treten damit in Konkurrenz zu den klassischen Supermärkten der Mittelklasse.

Auffallend ist, dass Menschen, die viel Geld ausgeben können, mit ihrem Konsum eine Art von psychisches Doping für sich selbst betreiben und sich damit auch die Grundlage für weitere Anerkennung und weiteren Erfolg schaffen, während diejenigen, die wenig Geld haben, von diesen durchaus wirksamen und fast schon heilsamen Placebo-Effekten ausgeschlossen sind und damit auch im konsumistischen Wettbewerb immer weiter zurückfallen. Allerdings kommt es selbst im Konsum immer wieder zu Überlappungen zwischen den Klassen und zu diffusen Mischformen, die es dann verbieten vom expliziten Klassenkonsum zu sprechen, nicht nur weil Luxus und Askese etwa beim spiritualisierten Körperwahn seltsame Ehen eingehen, sondern weil die Luxusware sich oft vom Gimmick oder der Ein-Euro-Ware kaum noch unterscheidet, weil Erhabenes und Obszönes, Vulgäres und Geschmackvolles in einem neuen Produkt, das eigentlich den Namen Wahnaggregat tragen sollte, sich ununterscheidbar vermischen. So unterscheidet sich der Diamantring, der an der Hand einer superreichen Frau glänzt, dann lediglich noch durch den Preis vom Ring aus dem Kaugummiautomaten. Und erst wenn der Porsche mit einem Ein-Euro Maskottchen verziert ist, gewinnt er eine neue Wahnsinns-Existenz, zelebriert er das Delirium des durchgeknallten Zeichens, das die Elite vorführt, um das Ende des Ästhetischen zu proklamieren, ohne es selbst zu wissen. Metz/Seeßlen schreiben: »Die Pointe ist, dass Luxus im Ein-Euro-Laden genauso zu haben ist wie in den Glamour- und Geldagglomeraten, durch die sich die Geissens bewegen.« Die Originalität der Star-Existenz, seine Singularität, seine Faszinationskraft und Verführbarkeit, wie dies die Medien Tag für Tag vorführen, ist nicht so anders grundsätzlich anders gegenüber dem Durchschnittsbürger, vielmehr erhält der Promi letztendlich selbst noch durch die mediale Ausleuchtung der eigenen Toilette wie durch ein Wunder den Stempel der Originalität aufgedrückt, sodass sich sozusagen seine Originalitätszeichen addieren und anhäufen, was wiederum dazu führt, dass die Stars die Bewirtschaftung der Bedeutungslosigkeit immer intensiver betreiben, bis ihre Eitelkeit jenen Scheitelpunkt erreicht, an dem die eigene Marke in die bestehende Angebotsstruktur diffundiert ist. Selbst noch das Klopapier in der weiß designten und irgendwie atmosphärisch aufgeladenen Toilette erhält eine sakrale Würde, einen Wert, dessen Affekthaftigkeit darin besteht, dass der Promi sich am liebsten noch vor laufender Kamera den Arsch abwischen würde.

Selbst die Designerprodukte der Kunstindustrie sehen heute nicht viel besser aus wie die halb gelungenen Re-Arrangements von Nippes in den Ein-Euroläden wie Kik. (seeßlen 177) Und dass die Eliten, die Kreativen und Promis einen identischen Wohnungsstil pflegen, der angeblich vom ökonomischen Kapital kaum beeinflusst wird, sieht man einmal von der Größe und dem Preis des Designs des Interiors ab, das beweist eher, dass selbst noch die Frage der Wohnungseinrichtung keine Frage der Singularisierung, sondern der Eingewöhnung in das außergewöhnlich Gewöhnliche ist, das man entgegen den Gepflogenheiten der Unterklasse, denen die Gewohnheiten aufgezwungen werden, gerne freiwillig an sich und seinen Produkten vornimmt. Deren Originalität, die sich angeblich durch hohe Eigenkomplexität und Dichte sowie durch die Andersheit nach außen darstellt, ist die gepflegte Fiktion ihrer Schreiber, die nun Qualitäten in die Produkte hinein interpretieren, die sie selbst cool finden, ein Euphemismus, der der Exklusivität eines akademischen Zirkels entspricht, dessen Luxus darin besteht, dass man ihn in sich selbst kreisen lässt.

Der Preis einer Ware, der sich durch den durch die notwendige abstrakte Arbeit induzierten Wert der Ware, die ihr zugehörigen Zeichen und Distinktionsmekrmale bestimmt, ist heute oft zusätzlich noch an das Ranking der Marke gebunden. Der Marke, die ein Logo, ein Bild, ein Image, einen Diskurs und ein Narrativ enthalten muss und am besten ein A-Promi-Gesicht ausstellt, sollte es heute wirklich gelingen, spirituelle, heimatliche, nationale oder sexuelle Energien bei den Konsumenten in Gang zu setzen, beispielsweise Deutschland als Konsumartikel für 80 Millionen absolute Monarchen, für die die Ideologie der Heimat das neue Sonnenwendfeuer des Neon-Zeitalters geworden ist und die das spielerische Austesten von Möglichkeiten des rechten Tabubruchs gründlich ernst nehmen, wobei sich aber selbst noch die präfaschistischen Wandervögel unter ihnen bei ihren Irrfahrten durchs Konsum-Labyrinth auf das zusammen gelogene Naturerlebnis des »Ich selbst« spezialisieren, das nach wie vor Authentizität verspricht, wenn sie nicht gerade wieder einmal auf der Straße »Wir sind das Volk« grölen. Die aktuellen führenden Marken, die nach der Markenkrise in den 1990er Jahren entstanden sind, müssen heute unbedingt einen Lifestyle inszenieren oder simulieren, indem sie die Konsumenten sanft regieren oder lenken, und interessante Beispiele dafür sind die Kleidungsstücke der Marke Lonsdale, deren Wert durch die wechselnden »Kulturen« bestimmt wird, die sie sich irgendwie aneignen.

In das Design der einschlägigen Markenprodukte sind verschiedene Formen der Aufforderung zur Selbstdarstellung und die Vermarktung von Images oder Lifestyle-Konzepten eingestanzt, wobei die Verbreitung eines neuen Trends (Anrufung einer Abweichung von der Norm) wie ein unbekannter Verbreitungsalgorithmus funktioniert, der für die Individuen aber das bequeme Einfädeln in Konsumschleifen ermöglicht (das wenig mit einer individuellen Kaufentscheidung zu tun hat), die wiederum die Werbe- und Designerindustrien dramatisieren, um den Hype zu forcieren und dadurch eine affektive Einstimmung der Körper zu forcieren. Der Akt des Shoppens klebt an den Waren und bleibt doch eigenartig gegenstandslos, nicht nur weil das Shoppen um des Shoppens willen in der Tautologie der Erlebniswelten und im Triumphalismus selbstreferenzieller Einkaufsgewohnheiten hängen bleibt, die eben das Shopping umranden und inszenieren, indem sie die Kauf-Ströme kanalisieren, sondern weil das Shoppen zunehmend als Client-Server-Verhältnis stattfindet, wobei Erlebniserweiterungsmittel, Erlebnissteigerungsmittel sowie Erlebnisersatzmittel per E-Empire in allen Zeitzonen in Echtzeit bereitgestellt werden, sodass Shopping nun verstärkt auch im virtuellen Medium stattfindet, in das User, Interface und Screen als Verbundsystem integriert sind. Das wissenschaftliche Begründungsarsenal für die darin enthaltenen Subjektivierungen liefert nicht nur der Neoliberalismus mit seiner Propaganda des finanzialisierten Risikosubjekts oder die Neoklassik mit ihrem rationalen homo economicus, sondern auch der Behaviorismus oder die Verhaltensökonomie, welche die Ökonomisierung der Wünsche mit den Mitteln der Psychologie aufbereitet und einen letzten Menschen fingiert, der entweder arbeitet oder konsumiert, ansonsten existiert der Mensch einfach nicht. Mit spezifischen Technologien will diese angewandte Verhaltenswissenschaft a la Skinner das Kaufverhalten beobachten, analysieren, berechnen und automatisch und zielführend verstärken, um die wirklich gewinnbringenden Veränderungen in Szene zu setzen, die für die Konzerne einfach notwendig sind.

Baudrillard zufolge gibt es im Konsum nur scheinbar die Freiheit des Verbrauchers, der zwar zwischen einer breiten Palette an Waren wählen kann, aber der Überfluss an Objekten und Konsummöglichkeiten ist eher einem magischen Denken verhaftet. Die Monstrosität voller bunter Regale lebt nicht vom Versprechen auf Bedürfnisbefriedigung, sondern vom »Überfluss« der Zeichen und des Designs, darüber hinaus von der »Akkumulation der Zeichen des Glücks« (ebd: 48). Baudrillard schreibt: »Es geht um das konsumierte Bild des Konsums. Das ist die neue Stammesmythologie, die Moral der Moderne.« (Ebd.: 284/5) Und weiter: »Es ist also nicht richtig, dass die Bedürfnisse Ergebnis der Produktion sind, vielmehr ist das System der Bedürfnisse das Produkt des Produktionssystems.« (Ebd.: 109) Darüber hinaus setzt sich das fragmentierte Konsum-Subjekt aus verschiedenen Kaufakten zusammen, die sich nicht allein am Preis orientieren, sondern an einem Patchwork von narrativen Identifizierungen, am Design und den Zeichen, an einer Wunschmaschinerie; das Konsum-Subjekt akzentuiert im System des Überflusses und des Wohlstandes aber auch die Knappheit, da gegenüber den von der Werbung getriggerten und gesteigerten Bedürfnissen und Wünschen die finanziellen Mittel zur Bedürfnisbefriedigung bei großen Teilen der Bevölkerung nach wie fehlen, während zugleich auch bei ihnen ein Kreislauf des Begehrens insistiert, der nicht enden will, was die Sache nur noch dramatisiert.22

Der Discounter

Vielleicht ist es wirklich so, dass ein Sortiment von Designerwaren einer prallgefüllten Wundertüte für Schulanfänger gleicht, während umgekehrt die Ein-Euro-Waren der Discounter die teuren Designergegenstände und Markenwaren so weit es geht faken, damit aber den Genuss des Schulanfängers verfehlen. Zumindest werden die Wegwerfwaren in den Discountern im Überfluss angeboten, von der Büroklammer über das Glas mit einem x beliebigen Emblem bis zum rosa Schächtelchen, und vielleicht mag ihr Kauf die Stimmung des kleinen Glücks für eine Sekunde nähren (ihr Überfluss bzw. ihre Überproduktion wäre hier der Luxus), bevor der Albtraum real wird, wenn dem abgehängten Konsumenten nämlich der Schreck direkt ins Gehirn fährt, die Erkenntnis, dass diese Art des Überflusses vom Ab-fall, vom Müll nicht mehr zu trennen ist, und so erlangen diese Gegenstände ihre wahre Bestimmung nicht im Gebrauch, sondern allenfalls zu einem Zeitpunkt, an dem der nächste Sperrmüll ansteht, werden sie nicht längst schon vorher entsorgt oder auf Ebay verscherbelt. Jedoch lernen die Unterschichten schnell und halten sich deswegen dann doch viel stärker an Geräte, die die reale Anwesenheit unter seinesgleichen anbieten, nämlich an die digitalen Geräte, die sozialen Plattformen und ihre Apps.

Jeder weiß längst, dass die Kunden der Discounter auf die raffinierten Inszenierungen, Schmeicheleien und kunstaffinen Designs der teuren Markenprodukte meistens verzichten müssen, und so hat auch das Environment bei Aldi &Co deutlich härtere und spartanischere Konturen als in den Luxussupermärkten für Besserverdienende. Meterlange Verpackungsreihen, serielle Anordnungen und effizientes Design haben in diesen zivilisierten Elendsräumen das Ende des Ornaments, der Inszenierung und der Ausstellung bzw. des Fetischismus (den des Kristallpalast und der Passagen) längst besiegelt. Die Differenzproduktion der Waren ist weitgehend durch Ähnlichkeit (dividuiert, mitförmig) ersetzt und zum homogenen Konsumformat geglättet. Und der Sicherheitsdienst weist leise und dezent darauf hin, dass man im Discounter nicht nur als relativ kaufkräftiger Kunde, sondern auch als Ladendieb in Empfang genommen wird.

Die Discounter standen in Deutschland mit ihrem zunächst überschaubaren und recht einfachen Warenangebot am Anfang in der Tradition der US-Supermärkte der 20er und 30er Jahre, als man in den USA begann, den Kaufakt nach und nach zu rationalisieren. Die Portionierung und Verpackung der Waren in den kleinen Lebensmittelgeschäft an einer Bedientheke war mit der Zeit deutlich zu arbeitsintensiv, wobei natürlich auch die Beratungsgespräche und der kleine Plausch mit den Kunden zu viel Zeit kosteten. Demgegenüber wurde der Supermarkt schnell und effizient als eine automatisierte Verkaufsfabrik durchgesetzt, auf die industriell verpackten Waren konnte man bequem und schnell zugreifen und das Band an der Kasse fungierte quasi als Fließband des normierten Konsums. Mit der großen Weltwirtschaftskrise begann dann endgültig der Siegeszug der Supermärkte in den USA und die Verbraucher waren preisbewusst wie nie zuvor.

Im Nachkriegsdeutschland folgten Discounter wie Aldi diesem Vorbild und verkauften die wenigen angebotenen Produkte sogar direkt von den Lieferpaletten. In diesem in Deutschland bis heute hochkonzentrierten Segment, man könnte dessen Einrichtungen durchaus Konsumfabriken oder stalinistische Zwangsernährungsstationen nennen, lieferten sich die wenigen Unternehmen in den Anfangszeiten noch erbarmungslose Preiskriege untereinander (diese werden jetzt von den Discountern gegen die Produzenten geführt), während man heute, was den Preis angeht, eher zu kooperativen Absprachen zwischen den Unternehmen neigt, um nichtsdestotrotz einen harten Konkurrenzkampf auf der Ebene des Designs, der trivialisierten Luxuswaren und des Marketings zu führen. Manchmal wird in den funktionalen weitläufigen Hallen sogar noch der Anschein des klassenlosen Konsums erzeugt, bei dem die Reichen und Armen sich begegnen, wenn auch nicht gerade in die Arme fallen, um sich aber dann an der Kasse doch einfältig zu begutachten, wer denn da was auf das Laufband gelegt hat. So finden die Klassenkriege auch noch an der Kasse statt.23

Die gewaltige Positivität der Discounter manifestiert sich als dehnbare und wenig differenzierte Homogenität und zugleich als kaufbare Simulation eines deutlich regulierten Exzesses, als reguliertes Zuviel oder Zuwenig, einer Kaufaktion, der in der Wiederholung des Gleichen jede Negativität abhanden gekommen ist. Kein Wunder, dass die Menge Warenmüll mit dem Wortmüll korreliert, den die Konsumenten auf den Straßen, Plätzen, in Bus und in der Bahn absondern und verstreuen. Auch die als Weltoffenheit und Toleranz ausgegebene Pornographie der Hyper-Kommunikativen mästet sich am Exzess des in letzter Instanz Gleichen, schließlich sei ja schon alles gesagt. Oder, um es anders zu sagen, man sagt, was alle sagen, man hat, was alle haben, und man grillt, wenn alle grillen. (Metz/Seeßlen 2011)

2000ff., das ist im Konsumsekttor vor allem der Siegeszug der Discounter (und der Alditude), die nicht nur von den Unterschichten und dem Prekariat, sondern auch von einem Teil der Mittelschichten regelmäßig besucht werden. Dabei stehen Discounter und Reallohnstagnation in einer innigen Beziehung, ja sie verstärken einander. Natürlich versorgen die Discounter insbesondere die Unterschichten nachhaltig und billig mit krankmachenden Substanzen – Fett, Zucker, Alkohol, Nikotin und Salz -, um neben deren Überlebenssicherung ein statistisch berechenbares Krankheitsbild zu erzeugen. Die Discounter, die anstatt der fluiden Flüssigbildschirms der Einkaufszentren den indiskreten Charme einer Nahrungsmittel-Anstalt re-etabliert haben, in der auf den wirklichen Genuss gründlich geschissen wird, sind heute zudem Anbieter von billigen Gadgets, Games und Zeichenwaren, sie sind das Kulturzentrum und die Wahrnehmungsmaschine der Unterschicht. Uns es ist natürlich kein Zufall, dass der Staat heute die Höhe seiner Sozialleistungen an Arbeitslose und Bedürftige nach den Preisen der Discounter berechnet, während die Zwangsernährungskonzerne (ebd.) infolge der wachsenden Armut stetig reicher (Zwangsernährer und Beschleuniger der Armut) werden, die Armut der Konsumenten gleichzeitig im denkbar schlechtesten Sinne auch erträglich machen und zudem durch ihre aggressive Politik gegenüber der arbeitenden Bevölkerung auch noch neue Armut schaffen.24

Aus den Oxfam Studien weiß man, dass die reichsten 1% mehr an Reichtum besitzen als der Rest der Welt. Geht man jedoch davon aus, dass Teile der Vermögen unregistriert in Offshorezentren liegen, dann ist das eine eher noch eine konservative Schätzung. Gegenwärtige Schätzungen gehen davon aus, dass die Superreichen $32 Billionen in Offshorezentren lagern, ein 1/6 der weltweiten privaten Vermögen. Aber es geht nicht nur um Ungleichheit der Vermögensverteilung, sondern auch um die der Einkommen. Letztere wird mit dem Gini-Index gemessen. Die Zahl Null steht hier für totale Gleichheit und die Zahl Eins für totale Ungleichheit. Nach den Zahlen des Ökonomen Branko Milanovic ist der Index von 1988 von 0.72 im Jahr 2008 auf 0.71 gefallen. Aber der Gini-Index misst nur relative Veränderungen. Wenn die Einkommen der Reichen und der Armen mit derselben Rate wachsen, dann bleibt der Gini-Index identisch, selbst wenn die absolute Ungleichheit ansteigt. Wenn die Person A 1000 Euro und die Person B 100 Euro besitzen, und beide nun ihr Einkommen verdoppeln, dann bleibt der Gini-Index identisch, selbst wenn die Differenz der Einkommen sich von 900 Euro auf 1800 verdoppelt hat. Wenn man den absoluten Gini-Index ansetzt, dann ist er als Folge der neoliberalistischen Politiken von 0.57 im Jahr 1988 auf 0.72 im Jahr 2005 gestiegen. Allerdings muss man davon ausgehen, dass die durchschnittlichen Einkommen heute höher als in den frühen 1960er Jahren sind, sodass man bspw. den Versuch, die Unterkonsumtionstheorie zur Erklärung der gegenwärtigen Rezession heranzuziehen, von vornherein zurückweisen darf.Der Gini-Koeffizient hat für die USA, Japan, China und Großbritannien seit 2010 zugenommen, am stärksten in Deutschland, das unter Führung der Großen Koalition, also unter Mitwirkung der Sozialdemokraten, Japan, Großbritannien und China überholt und mit 81,6 schon nahe an die amerikanischen Werte kommt.

Der Konsum

Doch ist die Shoppingmall nicht verschwunden. Und natürlich auch das von Baudrillard beschrieben Konsumsystem nicht, obgleich sich gegenwärtig einige Modifikationen des Konsums im Vergleich zu seinen Aussagen nachweisen lassen. Für Baudrillard sind nicht die Objekte das primäre Ziel der Bedürfnisbefriedigung, sondern das mit ihrem Kauf erworbene Prestige, i.e. Konsum ist ein Prozess der sozialen Differenzierung und Klassifizierung. Die Zeichen der Produkte zeigen nicht nur signifikante Differenzen im Code an, sondern sie manifestieren auch die Statuswerte innerhalb einer sozialen Hierarchie der Klassen. Dabei wird das Distinktionsverhalten, das sich auf den Kauf der Produkte bezieht, von den Konsumenten als Freiheit erlebt und eben nicht als der Zwang sich differenzieren und einem Code zu gehorchen zu müssen. Für Baudrillard hingegen erzwingt der Konsum sogar die emotionale Pflicht zum Genuss, sodass von einem systematisch und systemisch organisierten Konsum auszugehen ist. (Das ist etwas ganz anderes als die in der Bataille`schen Ökonomie angesprochene Verausgabung und Vergeudung, deren hervorragendster Akteur die Sonne ist, die sich mit reiner Grundlosigkeit verschwendet.) Und sein Vergnügen erlebt der Konsument als absolut, ohne den strukturalen Zwang überhaupt noch zu registrieren, wobei dieser gearde für den permanenten Wechsel sorgt, aber die Ordnung der Differenzen auch erhalten bleibt. Baudrillard konstatiert einen Zwang zur Relativität, der den Rahmen für eine nie endende Differenzierung liefert, die exakt die Grenzenlosigkeit des Konsums befördert. Während das Prestige an der positiven Differenz klebt, kennen die distinktiven Zeichen zudem noch die negative Differenz: Man konsumiert nicht das Objekt, man folgt lediglich der Manipulation der Objekte als Zeichen.

So kann das Produkt schon einmal zu einem austauschbaren Zeichen des Begehrens mutieren, mehr noch, die Produkte und Wünsche inszenieren eine »generalisierte Hysterie«, die den Konsum als eine Art objektloses Verlangen befördert, ein Verlangen, das auch ohne die Objektwahl und die Konsumtion des Objekts insistiert. Deshalb kann auch die derzeit ultrapopuläre Kochshow in den unvorstellbaren Dimensionen überhaupt erst funktionieren, denn der Prolet, der vom realen Genuss und der Distinktion weiterhin ausgeschlossen bleibt, findet anscheinend nichts dabei, wenn bei seiner Konsumtion vor dem Fernseher nur die Augen mit-essen, geht es doch lediglich um den visuellen Genuss der Kochkünste der Köche und von Höchstleistungen, die an den Profisport erinnern. Somit orientiert sich der Konsum nicht am Gebrauchswert, sondern an der Produktion und Manipulation sozialer Semiotypen und Signifikanten, oder, um es anders zu sagen, der Konsum ist ein Prozess der Signifikation und der Kommunikation, basierend auf einem (klassenspezifischen) Code, der sich beständig und zugleich unsichtbar in die Konsumpraktiken einschreibt. Konsum ist für Baudrillard ein System des Tauschs und ein Äquivalent der Sprache. Allerdings vollzieht sich der Konsum der gehobenen Klasse wie die Bewegung des Kapitals in einer Art Spiralbewegung, in der die Bedürfnisse derart differenziert gestaltet werden, dass ihre vollkommene Deckung nicht mehr möglich ist, sodass die Befriedigung noch des letzten banalen Bedürfnisses ein weiteres, ein reflexives Bedürfnis weckt. Schließlich mutiert für den Kaufsüchtigen das Konsumobjekt bzw. die Ware zum Müll. Dann werden die erworbenen Produkte im Keller gestapelt oder in Vitrinen abgelegt, weil letztendlich der Genuss des Kaufakts zählt, der wiederum durch die Information und die Werbung angekurbelt wird. Baudrillard fügt richtigerweise hinzu, dass die Wünsche und die Produkte keineswegs nach derselben Logik und Rhythmik produziert werden. Während die Warenproduktion von der Produktivität des Kapitals abhängig bleibt, basiert die Wunschproduktion auf kultureller Differenzierung und der Aneignung von symbolischem Kapital.. Die Differenzierung der Produkte ist also in sehr spezifischer Art und Weise in Relation zur Differenzierung der Wünsche zu setzen (die of course in letzter Instanz durch die Einkommen definiert werden). Und immer öfters wachsen die Wünsche schneller als die verfügbaren Güter, wobei für größere Teil der Bevölkerung nur der Konsumentenkredit Kurzfristige Abhilfe schafft, der Konsument also sein zukünftiges Einkommen für gegenwärtigen Konsum verwendet bzw. einekleine Ego-Bank mit einem feinen, kleinen Kreditgeschäft betreibt, bei dem sich die auf Kredit gekauften Waren als Sicherheiten für neue Kredite erweisen – je mehr Kredite man aufnimmt, desto mehr Kredit erhält man. An die Weltbevölkerung denkt man dabei nicht.

In relativen Begriffen ausgesagt leben die Reichen auf globaler, auf nationaler, regionale und urbaner Ebene auf Kosten der Armen, und das kostet zuerst die Ärmsten der Armen letztlich das Leben. Diese Form der strukturellen Gewalt vollzieht sich aus der Perspektive der ins Glück Geborenen diskret, ein einfacher kausaler Zusammenhang ist es nicht. Man erschauert vielleicht leise beim Blick in den Instagram Account von Astro-Alex, der das Verdorren Europas imSommer 2018 aus dem All fotografiert hat. Mehr ist nicht. In Pakistan ertrinktman währenddessen in den Regenfluten.Mit der Einsicht, dass die Erde eine Kugel, also begrenzt ist, verbindet sich das Naturrechteines – wenn auch unbestimmten – Platzes auf dieser Erde für die Menschen,die eingedenk dieser Begrenztheit zur Hospitalität gezwungen sind.Wenn also z. B. der deutsche Lebensstil ab untere Mittelklasse aufwärts weltweitverallgemeinert würde, dafür aber die Ressourcen und Senken von zwei Planeten notwendig wären, dann wird einem Großteil der Weltbevölkerung ein Auskommen an ihrem jeweiligen Platz mit der Zeit verunmöglicht.

Mit dem Konsum erwirbt man weder die Kenntnis von der Welt noch übt man sich in Ignoranz, sondern man betreibt mit ihm eine Verkennung, die durch die permanent gereizte Neugier der Marketingindustrie vorangetrieben wird. André Gorz hatte schon vor 30 Jahren angemerkt, dass die in den Marketing-Abteilungen beschäftigten Spezialisten genau wüssten, dass ein großer Teil des produzierten überflüssigen Mülls von sich aus niemand kaufen würde. Der Konsum fördert somit zum einen das aktive Moment (alles muss ausprobiert werden) einer generalisierten, in diffuse Umtriebigkeit verwandelte Neugier, zum anderen verspricht er er aber Beruhigung, Selbstgenuss und Genugtuung. Das entspricht ungefähr dem von Žižek konstatierten Siegeszug von Produkten, welche die Paradessenz des Produkts pflegen (Entspannung und Erregung zugleich, bspw. beim Kaffeekonsum, alkoholfreies Bier, entkoffeinierter Kaffee, fettarmer Joghurt etc), womit man den Konsum auf eine adversative Struktur des ubiquitären Genießens festgeschreibt: Verfolge durch Mehr-Essen konsequent den Weg zur Bulimie, um das Ziel der Anorexie zu erreichen bzw. iss mehr, um schneller abzunehmen, womit einerseits die Teilnahme am Genuss qua Imperativ zugesichert, andererseits das exzessive Moment, das dem Konsum mancher Produkte anhängt, zugleich entschärft wird. Ähnliche Tendenzen finden wir beim Konsum der Diszipliniken (Potenzsysteme, inklusive Ästhetik, Akrobatik und Therapeutik, klinische Kriterien und Selbsttechnologien, Gastronomik und (digitalisierte) Spaßtechnologien, plus deviante Sexualprozeduren und Ritualistiken des Dopinsg und des Medikamentenkonsums, diversen Trainingstechniken). Die Funktion der Motivationsforschung im Konsumbereich besteht darin, eine konstante Nachfrage an den Märkten zu erzeugen, womit das System der Wünsche zu einer Manövriermasse verkommt, die Baudrillard als Konsumtivkraft bzw. als die Form der rationalen Systematisierung der Produktivkräfte auf individueller Ebene bezeichnet. Im System der Zeichen sind aber die Produkte nicht mehr an ein einziges Bedürfnis oder eine einzige Funktion gebunden, sondern werden von einem beweglichesn und unbewussten Signifikationsfeld überschrieben oder zumindest überlappt.. Es gibt im System allgemeiner Austauschbarkeit der waren und des Geldes andauernd Verschiebungen zu vermelden, womit beim Konsumenten auch der Wunsch nach sozialer Differenzierung nie zu einem Ende kommt.

An dieser Stelle kann man Baudrillard zusammenfassen: 1) Der Konsum ist keine Funktion des Genusses, sondern eine Funktion der Kapitalzirkulation, wobei er eine kollektive Funktion besitzt. Produktion und Konsumtion inaugurieren ein und denselben logischen Prozess der Reproduktion des Kapitals. Die Konsumenten sind einem kollektiven Code zugeordnet. 2) Der Konsum stellt die Anordnung der Zeichen und die Integration der Klassen sicher. 3) Der Konsum beruht auf einem Code der Zeichen und ihren Differenzen, letztere stellen die Gefügigkeit gegenüber dem Code her, die Integration in eine mobile Werteskala. 4) Der Konsum impliziert weniger den funktionalen Umgang mit Produkten, sondern basiert auf einem ausgeklügelten Kommunikations- und Zirkulationssystem.

Norbert Bolz, der das noch halbwegs kritische Konsumistische Manifest” verfasst hat, singt hingegen heute das neoliberale Loblied auf den Konsum. Bolz bezeichnet den Konsumismus als das Immunsystem der Weltgesellschaft. Wenn alle Menschen auf höchster reflexiver Stufe konsumierten, würde es keinen Fundamentalismus und auch keinen Terrorismus mehr geben. Was aber Bolz als reflexiven Konsum abfeiert, das sind die Konsumpraktiken des grün-urbanen Konsumenten, die – Medien und Marketing erprobt – im Zuge ihres Singularitäts- und Authentizitätswahns glauben, sie seien mit dem hinreichenden Durchblick ausgestattet, um gegenüber den ubiquitären Marketingkampagnen und dem Massenkonsum immun zu sein, um damit umso reflexiv erfrischender jene auf Kunst getrimmte Markenkultur in den gentrifizierten Zentren der Weltstädte genießen zu können. Man zelebriert die singuläre Selbstfindung durch Konsum, weil man angeblich gerade dadurch das System unterläuft, das einem ja immer nur scheinbar eine Identität aufzwingt. Die von der Werbeindustrie heiß umworbenen Zielgruppen sollen wirklich glauben, dass sie gegenüber dem Marketing, der Propaganda und der Verführung immun seien, während sie sich doch gerade im Zuge des durch das Marketing inszenierten Singularitätsshypes in das Konsumsystem nahtlos einfügen. Philip Mirowski schreibt: „Gelebte Erfahrung wird durch Lifestyles ersetzt, wobei es den Widerspruch zwischen Zugehörigkeitsgefühl und Individualität auszuhalten gilt.“ (Mirowski 2015: 2714; Kindle-Edition) In diesem Kontext gewinnen FairTrade, Nachhaltigkeit und andere ethisch orientierte Konsumweisen eine sehr behaglich individuelle Note, schließlich feiert man im ethischen Konsum eher den Ausdruck der eigenen Persönlichkeit, als dass man etwas von den Produktions- und Distributionsweisen solcher Produkte, die meistens auf Landraub basieren, wissen oder gar etwas ändern will. So mutiert Rebellion zum Freizeitvergnügen der Mittelklassen: Simulierte Rebellion im Konsum und Guerilla-Marketing fallen zusammen. Aufgenötigt wird der Konsum zweiter oder dritter Ordnung, der die ständige Selbstverwandlung der Konsumenten integrieren soll. Dabei wird ihm sogar suggeriert, dass er im und mit dem Konsum Projekte organisiert, mit denen er jeden Versuch des Marketings, ihm eine von außen aufgezwungene Identität aufzustülpen, unterläuft. Mehr noch, Konsumenten kaufen Produkte ohne sie zu gebrauchen, sondern sie setzen sie für Werbung ein, die wiederum neuen Konsum generiert. So wird ein Teil der Werbung von den Konsumenten selbst generiert.

Die Freiheit des Konsums ist für Baudrillard eine reine Mystifizierung, vielmehr wird einem die Wahlfreiheit im Konsum aufgenötigt, oder, um es noch zu erweitern, das System des Konsums vervollständigt das aufgezwungene Wahlsystem – Shoppingmall und Wahlkabine sind systemisch produzierte Orte der individuellen Freiheit, die beide nur noch konsumiert werden. Ähnlich hatten das schon Adorno/Horkheimer formuliert: »Aber Reklame wird Information, wenn es eigentlich nichts mehr zu wählen gibt, wenn das Wiedererkennen der Marke den Wahlvorgang substituiert und wenn zugleich die Totalität des Systems jeden, der sein Leben erhalten will, dazu zwingt, solche Leistungen aus Berechnung zu vollbringen. Das geschieht unter der monopolistischen Massenkultur. Drei Stufen in der Entfaltung der Herrschaft übers Bedürfnis lassen sich unterscheiden: Reklame, Information, Befehl. Als allgegenwärtige Bekanntmachung führt die Massenkultur diese Stufen ineinander über.« (Adorno/Horkheimer 1969: 133)

Beim Verhältnis von Konsum und Zeit geht man laut Baudrillard von drei Voraussetzungen aus: Die Zeit ist die Dimension apriori. Sie ist da und wartet auf uns. Die Freizeit ist das Reich der Freiheit. Jeder Mensch ist von Natur aus frei und gleich. Der Anspruch der Freizeit besteht darin, der Zeit wieder ihren Gebrauchswert zurückzugeben, jedoch kann sie, und das gibt Baudrillard nun zu bedenken, im Kontext der Freizeitindustrie nur als chronometrisches Kapital von Jahren, Stunden und Minuten befreit werden, ein Kapital, in das man investieren muss. Die Zeit bleibt deshalb knapp und sie bleibt den Gesetzen des Tauschwerts unterworfen. Und schließlich mutiert nicht nur die Arbeitszeit, sondern auch die Konsumzeit – die freie Zeit, die man durch den Konsum eines Produkt gewinnt, das sofort flüssig konsumiert und nicht erst tiefgefroren aufgetaut werden muss – mutiert zum verzinslichen Kapital, zur virtuellen Produktivkraft, die man kaufen muss.

Im Kontext der therapeutischen Fürsorge, einen weitere Nebenwirkung des Konsums, regredieren die Konsumenten schließlich zu Pflegefällen: »In diesem Sinne noch einmal die TWA, die »Fluggesellschaft, die Sie versteht«. Und sehen Sie, wie gut sie Sie versteht: »Für uns ist der Gedanke kaum erträglich, Sie ganz allein in ihrem Hotelzimmer zu wissen, wie Sie wild durch die Fernsehprogramme zappen. Wir wollen alles tun, damit Sie auf Ihrer nächsten Geschäftsreise Ihre bessere Hälfte mitnehmen können … mit dem speziellen Familientarif usw. Mit ihrer besseren Hälfte an Ihrer Seite haben Sie zumindest jemanden, mit dem Sie den Fernseher umschalten können … das ist es, was wir Liebe nennen …« Die Frage ist nicht, ob Sie allein sind – Sie haben nicht das recht dazu, denn »für uns ist das unerträglich«. Wenn Sie nicht wissen, was Glücklichsein bedeutet, werden wir es Sie lehren, wir wissen das nämlich besser als Sie und wissen auch, wie Sie mit ihrer besseren »Hälfte« vögeln sollten, wo sie doch Ihr Zweites Programm, Ihr erotischer Sender ist. Das wussten Sie nicht? Dann werden Sie auch das bei uns lernen. Denn dazu sind wir da. Sie zu verstehen – diese Aufgabe ist die unsrige … (Baudrillard 2015: 249) Der Computer drückt sich heute allerdings etwas distinguierter aus: »Liebeskummer? Besuchen Sie unsere Branntwein Abteilung!«

Literatur

Adorno, Theoder W./Horkheimer Max (1969) : Dialektik der Aufklärung. Frankfurt/M.

Anders, Günther (1961): Die Antiquiertheit des Menschen 1. Über die Zerstörung des Lebens im Zeitalter der dritten industriellen Revolution. München.

Baudrillard, Jean (1982): Der symbolische Tausch und der Tod. München.

– (2015): Die Konsumgesellschaft. Ihre Mythen, ihre Strukturen. Berlin.

Metz, Markus/ Seeßlen, Georg (2011): Blödmaschinen. Die Fabrikation der Stupidität. Frankfurt/M.

– (2012): Kapitalismus als Spektakel. Oder Blödmaschinen und Econotainment. Frankfurt/M.

Mirowski, Philip (1986): The Reconstruction of Economic Theory. Berlin.

– (2015): Untote leben länger. Warum der Neoliberalismus nach der Krise noch stärker ist. Berlin.

Sloterdijk, Peter (2016): Was geschah im 20.Jahrhundert? Frankfurt/M

Der neoliberale Kapitalismus: Leben und Denken wie die Schweine

Die Überschrift wurde Gilles Châtelets Buch To Live and Think Like Pigs: The Incitement of Envy and Boredom in Market Democracies entlehnt. Auf welche Maxime, die anstatt des schweinischen Lebens ein anderes Leben einfordert, bezieht sich Châtelet in seinem Buch? Die Antwort ist einfach: Entfalte immer einen Raum, der allen die Möglichkeit zur Gerechtigkeit gibt und der deine eigenen Neigungen verstärkt. Das Aufnehmen einer Neigung oder wie Tiqqun sagen, einer forme-de-vie, betrifft nicht nur diese selbst und das Wissen von ihr, sondern sie betrifft auch das Denken, seine Differenzierung und Steigerung. Anders zu leben heißt laut Châtelet unbekannte Dimensionen der Existenz zu entdecken, oder, wie Rimbaud sagt, den Schwindel (des Systems) zu definieren. Wer nichts von dieser Idee versteht, lebt wie ein Schwein. Das neoliberale Schwein will, falls möglich, alles so gestalten, dass ein Profit für sich selbst raus springt; es will alles exakt etikettiert, ausgepreist und konsumierbar haben und schließlich sind all seine Begierden, Strategien und Projekte auf die Steigerung der Produktivität und der Profitabilität des eigenen Humankapitals ausgerichtet. (was es noch als Freiheit verkennt, denn es ist das Kapital als ein System, das über die Konkurrenz den Zwang zur Profitmaximierung setzt. Folgerichtig Adorno: »Die Signatur des Zeitalters ist es, daß kein Mensch, ohne alle Ausnahme […] sein Leben mehr selbst bestimmen kann.«). Dazu benötigt man zudem noch eine Ethik. Die Genossen des amerikanischen Magazins »Hostis« schreiben dazu: »Wenn die Preisgabe der Ethik einen verstört zurücklässt, dann weil die Ethik eine ganz persönliche Angelegenheit ist. Heute bedeutet ethisch zu sein noch nicht einmal mehr reformistisch zu sein – es geht um eine Politik, die rein der Fantasie huldigt, ein lebendes Rollenspiel derjenigen vorführt, die es «gut« meinen.« Die Sphäre des ethischen Lebens besteht heute aus einer Welt von Psychopathen, Angebern und Fieslingen, die nur nach den Anderen schauen, um sich selbst zu beweisen, dass sie persönlich mit sich selbst die richtige Wahl getroffen haben. »Die Ethik verwertet für sich die Kraft der aktiven Intentionen, während sie die systemische Destruktion des global integrierten Kapitals vollkommen intakt lässt. Mit anderen Worten, sie wird durch den Elitismus des »besser-als-der-andere-Sein« befeuert.«

Für Châtelet schläft heute das Denken im dahin siechenden zeitlichen Kontinuum, es gibt aber immer wieder Singularitäten, die nur darauf warten reaktiviert zu werden, um Virtualitäten in den Falten der Zeit zu erfinden und zu aktualisieren. Die Maxime eines nicht-schweinischen Denkens heißt: Aktiviere deine Virtualität! (Für Deleuze ist Virtualität nicht alles Mögliche, sondern das, was in einem spezifischen Zeit-Raum möglich ist, möglich war oder möglich sein wird. Das Virtuelle verfügt über enorme Wirkungen im Realen, und gleichzeitig erweist sich das Virtuelle wegen seiner Anbindung an empirische Kausalmechanismen immer auch als Wirkung einer Wirkung. Es fungiert als eine unkörperliche Quasi-Kausalität, wobei das Virtuelle auch inaktuell bleiben kann und damit den Status einer Reserve annimmt.) Wie ein Schwein zu denken heißt hingegen die Virtualität in sich selbst abzutöten und stattdessen zu imaginieren, dass man stets eine gut ausbalancierte, eine beneidenswert erfolgreiche Person sei, sprich ein Niemand. Paradoxerweise richtet diese Art von Niemand seine Aufmerksamkeit andauernd nur auf sich selbst. Das schweinische Denken sucht nicht nach Bedeutungen für seine Existenz, sondern immer nur nach der Exaktheit und Effizienz seiner Dimensionen. Châtelet fordert hingegen zu etwas ganz Anderem auf, wenn er schreibt: Sei der Dandy deiner Ambiguitäten und wenn du Angst hast dich zu verlieren, dann bewahre nur das auf, was dich übersteigt. Oder sei der Rebell-in-Person, wie Laruelle es ausdrückt. Oder nehmen wir doch eine Bemerkung von Félix Guattari: »Die Arbeit der Revolutionäre besteht keineswegs darin, Worte zu befördern, Dinge zu haben oder Modelle und Bilder zu transportieren oder zu übermitteln. Ihre Aufgabe ist es, die Wahrheit ohne Übertreibung und Tricks zu sagen. Wie aber kann diese Wahrheitssuche erkannt werden? Das ist ganz einfach und es funktioniert immer: Die revolutionäre Wahrheit ist etwas, das dich nicht ankotzt, etwas, in das du involviert sein willst, das dir deine Furcht nimmt, das dir Stärke gibt, das deine Neigungen verstärkt, egal wie, selbst wenn es dich tötet. Die Wahrheit ist mit der Theorie oder der Organisation nicht identisch. Die Theorie und die Organisation beginnen, wenn die Wahrheit erscheint.«

Was hat das nun alles mit dem zu tun, was man heute gemeinhin als »Neoliberalismus« bezeichnet? Philip Mirowski geht in seinem Buch Die Untoten leben länger. Warum der Neoliberalismus nach der Krise noch stärker ist einer neoliberalen Subjektivierungsform nach, einem unternehmerischen, mit wechselnden Identitäten ausgestatteten Selbst (das wir Dividuum nennen). Dieses unternehmerische Selbst versteht noch jedes denkbare Glück oder Unglück als Folge von selbst zu verantwortenden Risiken und als Konsequenz seiner richtigen oder falschen Investitionsentscheidungen. Genauso tönen heute auch die diskursiven Sprachrohre der neuen Mittelschicht, wenn sie sagen, dass man zwischen diesen oder jenen Lifestyle-Angeboten frei entscheiden könne, obgleich doch alle Entscheidungen praktisch immer auf dasselbe hinauslaufen, nämlich, dass sie in letzter Konsequenz kapitalisiert werden. Um sich als einzigartiges Individuum zu imaginieren, muss man in die Performance des Lebens permanent Differenz, besser noch Singularität im Stil einer Authentizität25 injizieren , im Zuge deren man eisern darauf besteht, dass man ist, was man isst, dass man ist, was man arbeitet, dass man ist, was man konsumiert, dass man ist, was man performt, dass man ist, was man investiert und so weiter und so fort – alles, um die Sakralisierung des eigenen Ego gerade auch im Alltag so weit zu treiben, dass vergessen werden kann, wie die Arbeits- und Konsumgewohnheiten gerade unter dem Imperativ des »Verändere dich selbst« unter dem Imperativ der Ökonomisierung des Selbst bleiben. Der Trick des Neoliberalismus besteht einfach darin, diese Art von Freiheitsprogramm, nämlich die bloße Möglichkeit, unter verschiedenen Arbeits- und Konsumangeboten (beispielsweise bei den Nahrungsaufnahmeangeboten von der Countercuisine über Slow Food und Vergan) frei wählen zu können, als Strategie gegen die veraltete erste Moderne zu verkaufen, gegen deren angeblich industrialisierte Nahrungsmittel, die sie vor den 1980er Jahren ja noch gar nicht waren, wohingegen sie heute industrialisiert gerade auch in der creative economy doch meist bleiben. Das scheinbar Inkommensurable und Außergewöhnliche, ja das fast schon Heilige, wird von den Mitgliedern der creative economy und der neuen akademisierten Mittelklasse mit Vehemenz gegen Hierarchien, Zwang und verkrustete und verknöcherte Systeme in Anschlag gebracht, ein selbst initiierter »Kulturkampf«, der sich aber nicht gegen das System richtet, sondern der stahlharten Durchsetzung der eigenen Anerkennungshegemonie dient, mit der alles, seien es Güter, Objekte, Subjekte und Events, die in Relation zur Elite und gehobenen Mittelklasse stehen, mit dem Attribut »einzigartig« versehen wird. Wenn man aber den Zwang, dem man dabei nach wie vor unterworfen ist, als Freiheit empfindet, dann ist aber nichts weiter als das Ende der wirklichen Freiheit angesagt.

Wir können heute zunächst von zwei sich überschneidenden Subjektivierungsprozessen ausgehen: Individuierung und Dividuierung. Die digitale Arbeit ist fragmentiert; das Dividuum – eine zelluläre Form – erfährt in den digitalisierten Produktionsprozessen eine rekombinante Fragmentierung in modularen rekombinierbaren Segmenten. Wir haben es hier mit einem immensen Anwachsen einer depersonalisierten Arbeitszeit zu tun, insofern das Kapital immer stärker dazu übergeht, anstatt einen Arbeiter für acht Stunden verschiedene Zeitarbeitspakete zu mieten, um sie dann zu rekombinieren (Out- und Crowdsourcing) – und dies eben unabhängig von ihrem austauschbaren und damit mehr oder weniger zufälligen Träger. Das »Selbst« fluktuiert als fluides Rest-Ego und wird in immer neuen Relationen rekombiniert, und diese Formierung vergleicht Ulrich Bröckling mit einem Kaleidoskop, »das bei jedem Schütteln ein neues Muster zeigt.«

Laut Mirowski war es Foucault, der als erster linker Intellektueller (mit all seinen Begrenzungen) den Debatten liberaler und neoliberaler Wissenschaftszirkel, Think Thanks und anderen Organisationen größere Aufmerksamkeit schenkte, angefangen von den deutschen Ordoliberalen bis hin zur Chicago Schule um Milton Friedman, wobei Foucault ausgerechnet dem Ziehvater der Neoliberalen, Friedrich Hayek, vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit widmete (Hayek fungiert vor allem als Verbindungsstück der beiden Lehren). Man könnte nun mit Foucault sagen, dass neben der Fragmentierung und Dividuierung die unternehmerische Gestaltung der eigenen Person, die über eine Vielheit ineinander fließender Unternehmen verfügen soll eine wichtige Rolle spielt. Das neoliberale Subjekt ist für sich selbst Kapital, Einkommensquelle und Produzent, so Foucault. Egal, was es macht, seine unternehmerischen Aktivitäten sollen über die Ökonomie hinaus auf alle gesellschaftlichen Felder ausgedehnt werden. Geltung und Sollen fließen ineinander. Nach Foucault betrifft das Modell des Homo oeconomicus, der als ein gut durchkonstruiertes Stück Humankapital endgültig vollständig regierbar ist, damit nicht nur den ökonomischen Akteur, sondern den Akteur im Allgemeinen, der bspw. sein Liebesleben wie eine Datingmaschine pflegt (Maximierung der Rendite bezüglich der Investition in Gefühle, Zeit und Geld), der den Nutzen eines Verbrechens kalkuliert oder seine Freundschaften evaluiert wie er seinen Jobs evaluiert und der schließlich die Gefühle sein Privateigentum nennt, um sein Lebendig-Sein in Szene zu setzen, jene Form des Lifestyle-Frankensteinismus, den man eher aus Horrorfilmen kennt. Das zur Lebensform radikalisierte Designerbüroüro, in der Jeder Jedem rund um die Uhr in den Ohren liegt, ist heute das letzte Mittel, die überflüssig Beschäftigten vor ihrer Selbstabschaffung abzuschrecken. Und so wird das Leben über sein Ende hinaus gestreckt, die Menschen wandeln sich zu lebenden Leichnamen, ihren sozialen Tod hinter sich, ihren physischen Tod vor sich. Die praktisch gewordene Wahrheit, der Sinn des Lebens sei das Leben selbst, hängt das Leben an den Tropf und macht die Lebenden zu Vampiren, deren zielloser Wunsch die aktive Sterbehilfe nach dem Vorbild der Erlösung Frankensteins ist.

Das neoliberale Subjekt ist kein klassischer Unternehmer mehr, sondern ist als Humankapital der Vervielfachung der Unternehmensform quer durch alle sozialen Bereiche unterworfen. Als zu kapitalisierendes Subjekt hat es schließlich so in sich zu investieren, dass sein Kapital- bzw. Portfoliowert in allen gesellschaftlichen Feldern steigt und/oder Investoren auf seine Kreditwürdigkeit aufmerksam werden. Es verdichtet sich zu einem Bündel mentaler Eigenschaften, wobei sein Interessenkalkül in eine äußerst geschwätzige Gefühlsökonomie eingebettet bleibt. Mirowski zitiert in seinem Text zum Neoliberalismus einen Gesprächstherapeuten: »Ob jemand weiß, wovon er redet, ist egal, solange er nur bereit ist viel zu reden.« Das souveräne Handeln, das durch die digitalisierte Arbeit in der Tendenz zerstört wird, muss ständig rekonstruiert werden, indem es simuliert wird, und zwar durch das Zusammenspiel von Semiologien, ansteckender Kommunikation und der sie ergänzenden Kognition, wobei dieses Spiel sich im Modus der Endlosschleife vollzieht, die Kroker/Weinstein als postmoderne Ideologie folgendermaßen beschrieben haben: »Ich könnte für immer hier bleiben und mit dir weiter reden.« Das ist die Einstellung jener Leute, die bei MC Donald`s herumhängen: die ideale Sprechgemeinschaft, die es bereits gibt, aber von der „Kritischen Theorie“ übersehen wurde.« Darüber hinaus stattet der neoliberale Refrain (Kommuniziere! Verhalte dich als Unternehmer! Werde ein Asset! Trage ein Risiko!) die Dividuen mit funktionalen, effizienten Relationen aus, damit sie in den kapitalisierten Raumzeiten und im Wettbewerb mit den anderen Mitspielern bestehen können. Man muss nur das Stimmengewirr im Internet zur richtigen Zeit platzieren, das sture Nachbeten im Anfangsstadium einer Marketingkampagne betreiben und man braucht eine Strategie für das nachlassende Interesse am Ende der Kampagne. Alles wird zur blöden Anekdote, kann jederzeit aktualisiert, um gleichzeitig als Zeichen entaktualisiert zu werden.

Die neoliberalen Dispositive produzieren aber nicht nur das unternehmerische Subjekt, sondern auch die Surplus-Bevölkerung, die im Sinne einer inklusiven Exklusion ausgeschlossen bleibt , und so ist auch die Surplus-Bevölkerung Teil der neoliberalen Dispositive, aber eben nur als Element, das abgelehnt wird.

Der Markt ist nach Hayek der vom Wettbewerb (und nicht vom Tausch) angetriebene optimale, der komplexe und der unsichtbare, der auf alle Ewigkeit bestens funktionierende Informationsprozessor. Für Foucault muss er als der Ort der Veridiktion, der Produktion und Zirkulation von Wahrheiten, ständig neu konstruiert werden. Wo aber derlei als Norm und Wahrheit instruierter perfekter Wettbewerb herrscht, da existiert eigentlich kein Wettbewerb mehr. Das Glaube des kybernisierten Thermostat-Bürgers, so nennt Châtelet das sich selbst regulierende neoliberale Subjekt, negiert, dass die dem perfekten Wettbewerb entsprechende perfekte Kommunikation nichts mehr kommuniziert, denn es herrscht vollkommene Transparenz, obgleich doch im Zeitalter des Datenexzesses eine schwere Asymmetrie des Datenzugangs zu verzeichnen ist. Die hobbeschen Robinson Partikel, so nennt Chatelet die klassischen liberalen Rechtssubjekte, mutieren im Neoliberalismus zu halbwegs friedlichen Menschen, die sich in zwei Lagern befinden: Entweder dem des Angebots oder dem der Nachfrage, organisiert von einem Prozessor, der beständig Gleichgewichtspreise herstellt, das heißt alle profitieren von den instantanen und freien Informationen, die angeblich jede Spekulation und Übervorteilung verunmöglichen. In der Realität hat jedoch gerade die neoliberale Kapitalisierung ein ökonomisches Modell für Praktiken hervorgebracht, welche die Unternehmen, Haushalte und Staaten gleichermaßen betreffen und ein umfassendes Risikomanagement einfordern, um die Portfoliowerte sowie die Ratings und Rankings der jeweiligen Akteure zu steigern. Dies impliziert, dass fast alles zum Rohmaterial für den Markt oder zum Basiswert für ein Derivat mutieren kann, wobei das aktuelle Ding jederzeit durch eine bessere, volatilere Materie ersetzt werden kann, die einen noch schnelleren Shortcut von Geld zu MehrGeld ermöglicht. Und dies in einem System der Überblendungen und Superpositionen: Ein Tisch mag ein Ding zur Bereitstellung einer Mahlzeit sein, aber wenn Faktoren wie zu zahlende Zinsen auf die Kredite des Tische produzierenden Unternehmens, Optionen und Versicherungen auf den Holzpreis und schließlich Währungsschwankungen mit den entsprechenden Faktoren in der Produktion übereinander geblendet werden, und dies im Kontext der Produktion weiterer Güter und Dienstleistungen, so wird über dem äußerst bescheidenen Tisch (als physikalisches Objekt) ein globales Festgelage des monetären Kapitals platziert.

Die Möglichkeit vom eigenen Risikomanagement auf Dauer profitieren zu können, besteht stärker denn je in der kontinuierlichen Ausnutzung der Arbitrage (auch der Ausnutzung der Arbitrage der anderen, der Ausnutzung von kleinsten Differenzen, die Volatilität erzeugen), und dies als eine bevorzugte Weise der finanzialisierten Subjektivierung. Ein derartig motivierter Arbitrage-Handel ermöglicht die Verleugnung der Abhängigkeit, der stattdessen als befreiender Wettbewerb propagiert wird, der sich individuell-souverän ausnutzen lässt, als ob dieser Wettbewerb einzig und allein aus der Perspektive der individuell kontrollierbaren Inputs und Outputs gemessen werden könnte, oder, um es etwas anders zu sagen, manche gewinnen, manche verlieren. Und dies heißt wiederum, dass manche gerettet werden, während andere weggeworfen oder zertreten werden. Shit happens. So inkludieren gegenwärtige finanzialisierte Biopolitiken die beständige Modulation des Risikos sowie die statistische Sortierung der Bevölkerung, nämlich in die, die im Angesicht des Risikos erfolgreich sind, und die, die es definitiv nicht sind – und nichts anderes heißt eben at-risk zu sein.Freiheit ist der trübe Sud, in dem sich das Marktverhalten der Unternehmen und der Subjekte spiegelt.

Damit verschwinden Kategorien wie Profit, Mehrwert und Kapital, auch der Klassenbegriff aus den neoliberalen Diskursen, stattdessen wird das Risiko zu einem allgemeinen Handlungsimperativ auserkoren, obgleich es bei den Neoliberalen doch letztendlich immer der Markt sein soll, der untere anderem auch über das individuelle Risikomanagement entscheidet. Risiko ist zunächst ein versicherungstechnischer Begriff. anders im Neoliberalismus, denn hier fungiert das Risiko als ein Leitwert, dem es sich quasi stürmisch hinzugeben gilt und der nur noch von dem der Freiheit (des Unternehmers) übertroffen wird. Als Markenzeichen des Unternehmers, der keine Wahrscheinlichkeiten mehr abzuwägen braucht, gilt es sich also in purer Ekstase dem Risiko und dem es kontrollierenden Markt hinzugeben, jedoch einem Markt, der alles übersteigt, was wir zu denken vermögen und dem wir einen seltsamen Vertrauensüberschuss schenken, wie es vielleicht einmal die Pfaffen mit Gott gemacht haben. Bedingungslose Hingabe an das Risiko, das aber letztendlich wie eine unsichtbare Hand vom Markt gestaltet wird und zugleich die bedingungslose Konkurrenz einfordert, gilt als die wichtigste Methode zur Veränderung der Identität und zur maximalen Verwertung des eigenen Lebens. Mirowski schreibt dazu: »Es grenzt an Schwachsinn, die Vorzüge eines Marktes zu preisen, der den Menschen bietet, was sie wollen, wenn man ihnen zugleich den Drang zuschreibt, jene Art von Person zu werden, die eben das will, was der Markt ihr bietet.«

Der neoliberale Propagandaminister spricht: »Das Risiko ist eine Droge, die Ihnen das Paradies verspricht, greifen sie einfach zu.« Das hat mit den ökonomischen Strukturen des Kapitals zunächst wenig zu tun, es handelt sich hier um ein diskursives Konstrukt der Neoliberalen, das nicht nur die Relationen zwischen Staat, Politik, Subjekt und Wirtschaft unter die Dominanz der Ökonomisierung und der Marktrationalität stellt, sondern auch bisher noch nicht ökonomisierte Sphären, Dinge und Begierden in Prozesse der Kapitalisierung umwandeln will.,

Und dies hat Folgen, die schon Adorno weitsichtig voraussah: »Mit der Auflösung des Liberalismus ist das eigentlich bürgerliche Prinzip, das der Konkurrenz, nicht überwunden, sondern aus der Objektivität des gesellschaftlichen Prozesses in die Beschaffenheit der sich stoßenden und drängenden Atome, gleichsam in die Anthropologie übergegangen.« Es gilt weiterhin festzuhalten (auch gegen Foucault), dass es nicht in erster Linie die neoliberale Regierungsrationalität und Vernunft, sondern das Kapital in der letzten Instanz ist, das über seine Operationen, Mechanismen und Strategien die heutigen Welten und Subjekte strukturiert, konstituiert und beherrscht. Und insofern bedeutet die risikobereite und zugleich verantwortungsvolle Investition in das unternehmerische Subjekt seine Unterwerfung unter das Kapital, den Staat und die Technologien. Zwangsläufig muss die Selbsterhaltung und Selbstverwertung im Sinne der Erhaltung und Steigerung der eigenen Kreditwürdigkeit der Govenance des Staates und der Gesundheit des Kapitals und seinen Wachstumsimperativen und Finanzialisierungsanforderungen, seinen Konjunkturen und Krisen, seinen Blasenbildungen und Akkumulationsbewegungen unterstellt werden.

Zeigt der Markt nach unten, dann beruht das auf falschen Einschätzungen der Risikoakteure, deren Scheitern natürlich immer selbst verschuldet ist. Ständig motiviert man díe Bürger dazu, ihr eigenes Leben wie ein Portfolio zu behandeln und bricht das Leben vielleicht einmal zusammen, dann ist der Einzelne selbst dafür verantwortlich und wird verteufelt. So wie einmal die Pflicht zur Einordnung in die Volksgemeinschaft als stummer Zwang fortbestand, so ist es heute die Einübung in das Risikomanagement, das als stummer Zwang insistiert. Der Idealtyp des unternehmerischen Akteurs erledigt jedoch nicht nur alles freiwillig und ohne Zwang, er wähnt sich unter Umständen sogar in der Rebellion gegen das System, aber diese Art von Glücksspiel simuliert das Leben nur zu Übungszwecken, mit denen sich ganz und gar den Marktprozessen übergeben wird. (Ob in einer Straße im Stadtzentrum, in einer U-Bahn-Station oder einer Gruppe von Arbeitskollegen: die Vollkommenheit des Überwachungsdispositivs besteht gerade in der Abwesenheit des Überwachers, so Tiqqun. Es sind Algorithmen, welche die Datenflüsse, die man aus den, Smartphones von Nutzern und deren Reisen, Sensoren und Bewegungen gewinnt, verwalten, um beispielsweise die smarte Stadt zu entwickeln, das heißt die performanceorientierte Flächennutzung der Stadt, welche die Dividuen als begreifbare und lenkbare Mobilitäten solange hin und herschiebt, bis sie die maximale Rendite einbringen. Oder, um es genauer zu sagen, die Vollkommenheit der Kontrolle besteht in Verarbeitung aller persönlicher Verhaltensdaten durch algorithmisierte Maschinen, die noch jede Kommunikation, jedes Lachen und jeden Furz indexierbar machen, um noch bessere Prävention, Vorhersehbarkeit und Mustererkennung von Verhalten zu erzielen und dieses dann zu modifizieren und in gewinnbringende Kanäle zu schicken, aber auch, um jedes abweichende Verhalten durch gezielte Eingriffe zu eliminieren. (Wenn Versicherungen nicht bezahlt werden, bleibt die Tür des Autos versperrt.) Unternehmen und Personen werden heute nicht mehr am konkreten Einzelfall auf ihre Kreditwürdigkeit geprüft, sondern anhand der Erstellung einheitlicher quantitativer Indizes.

Man betrachte etwa die Entwicklung der Lebensversicherungen, die über die Methoden der Verbriefung von Krediten und Wertpapieren zu einem handelbaren Finanzprodukt geworden sind. In den 1980er Jahren entstanden in den USA Firmen, die den Kauf von Policen HIV kranker Menschen mit Pauschalsummen betrieben. Dabei übernahm die Versicherung die Beitragszahlungen des Kranken in der Erwartung, dass sein baldiger Tod die Kosten im Verhältnis zur Versicherungssumme minimieren würde. Heute werden die Policen in forderungsbesicherte Wertpapiere gebündelt und an institutionelle Anleger verkauft, denen die teilweise makabren Ausgangsgeschäfte gar nicht bekannt sein müssen. Während selbst noch totkranke Menschen zur Verstärkung ihrer unternehmerischen Aktivitäten angehalten werden, gehen die Firmen, die ihre Policen verbriefen, nur kalkulierte Risiken ein, das heißt auf Basis versicherungstechnischer Kategorien und der Kenntnis fixierter Kundenidentitäten. Generell bedarf die Ekstase der Marktbereitschaft qua Kreditkarten, Studentendarlehen und Hypotheken als Pendant die Operationalisierung versicherungstechnischer und -mathematischer Größen wie Klassenzugehörigkeit und feste Identität, zu deren Kontrolle ganz spezielle Panoptiken errichtet werden.

Das gegenwärtig zugerichtete Risikosubjekt ist nicht passiv, sondern muss sich im Rahmen seines Risikomanagements ständig aktiv und strategisch verhalten, ja seine Zukunft kakulierend planen. Dies geht ungefähr so: Du kannst alles werden, was du willst, du musst es nur wollen, obgleich Google dir vorgibt, was du gerade tun willst und was du morgen tun wirst, und glaube mir, du wirst es tun. Belohnung oder Strafe sind das Ergebnis eines permanenten Managements um die zu kalkulierenden Risiken. Mirowski bezeichnet das Risiko als den Sauerstoff des unternehmerischen Selbst, ein kleines Kapital, das sich effektiv und vielgestaltig in allen Lebensbereichen verwerten soll. Dies erfordert zwingend, dass man Unwissenheit und Unsicherheit als konstitutiv für das eigene Leben und seine Relationen zum Job, Familie, Versicherungen und Konsum versteht. Und das unternehmerische Selbst funktioniert am Besten, wenn es einem noch unternehmerischeren Selbst zu mehr Geld verhilft, wenn es sich riskanten Hypothekengeschäften überlässt, die leichte Wirtschaft im Internet goutiert, die Absorption des Alltags durch die Finanzialisierung mitorganisiert, wie ein Profi an der Börse spekuliert, auf Facebook sein Profil effektiviert. Das neoliberale Risikosubjekt ist simultan das Unternehmen, der Kunde, das Produkt und das Rohmaterial seines Lebens. Die Unterscheidung von Konsument und Produzent löst sich hier zugunsten eine Subjekts auf, das mit einem kleinen Kapital zusammenfällt. Seine Eigenschaften, Projekte, Skills und Fähigkeiten hat das neoliberale Risikosubjekt wie Kapital- und Vermögenswerte zu behandeln, die es zu pflegen, zu managen und zu vermehren gilt. Eingeschlossen sind auch die Verbindlichkeiten, die unbedingt gemanagt werden müssen, ansonsten droht das Aus. Natürlich steht man besser auf der Seite der Forderungen als auf der Seite der Verbindlichkeiten, wobei Versicherungen die notwendige Form sind, um die anfallenden Schwankungen zu regulieren. Schließlich mutiert das neoliberale Subjekt zum Spielball von Derivatgeschäften, von denen es abhängt wie es sie gleichzeitig in höchster Alarmbereitschaft bzw. Flexibilität zu pflegen, zu festigen und zu effektivieren hat. Zwischen den verschiedenen Rollen, die es dabei zu besetzen gilt, besteht keine feste Hierarchie, sondern sie werden je nach momentanen Anforderungen besetzt und gerade diese Art der Flexibilität erfordert die permanente Selbstkontrolle. Emotionen, Techniken und Verfahren wechseln ständig, und wer das eigentlich orchestriert, ist nicht ganz klar (man denke an Adorno und seine Bemerkung, wie unverschämt es eigentlich sei, noch Ich zu sagen), aber es muss weiter ein Integral existieren, so provisorisch es auch sein mag, will das neoliberale Subjekt nicht ganz in das Pathologische abdriften. Der Opportunismus besteht einfach darin, in der Beziehung zu sich selbst ständig die Figuren, die dieses Selbst verwalten, auszutauschen, indem man neue Techniken ausprobiert, emotionale Bindungen und Affekte je nach Erfolgsaussichten verändert. Integration und Auflösung sind die Komponenten, in denen sich das abspielt.

Jede gelebte Erfahrung wird durch ein Konglomerat von Lifestylen ersetzt, wobei man die Spannung zwischen engem Zugehörigkeitsgefühl zu einer Trendgruppe und Individualität auszuhalten hat, und dies gerade so, dass beide Eigenschaften in bestimmten Momenten kurzgeschlossen werden können. Tiqqun schreiben: „Franzose, Ausgeschlossener, Frau, Künstler, Homosexueller, Bretone, Bürger, Feuerwehrmann, Moslem, Buddhist oder Arbeitsloser: alles ist recht, solange nur ein jeder in diesem oder jenem Tonfall und mit verklärtem Blick ins Unendliche das wunderbare „ICH BIN…“ grölen kann.“ Dabei geht es meistens nur um die Beschwörung der eigenen Nichtigkeit oder, wie David Foster Wallace sagt, um die Bewirtschaftung der eigenen Bedeutungslosigkeit, die heute am erfolgreichsten vom Promi A bis C vorgeführt wird.

Die Tower aus Glas und Stahl, in denen die Finanzmärkte zu Knotenpunkten sich verdichten, sind Hochsicherheitstrakte der Risikokalkulation. Permanent Access, schneller Zugriff. Beschleunigungs- und Verlangsamungszumutungen kalkulieren die Broker & Sales Manager normalerweise in monetären Größen, klar ein Risiko ist bei jedem nur denkbaren Trade dabei, jedoch kein gänzlich unkalkulierbares bzw. keines jenseits der zu bewirtschaftenden Kontingenz, dafür stehen bezüglich der Subjektivierung sowohl die obsessive Manipulation subjektiver Beschleunigungstechniken à la zen-orientiertes Konzentrationstraining als auch die hingebungsvolle Ökonomisierung der eigenen subjektiven Zeit, und nicht zuletzt experimentieren Broker gerne mit Präparaten wie Ciprexilex oder Zanosar, ohne dass allerdings medizinische Diagnosen mentaler Störungen bei den meisten Akteuren vorliegen. Es geht hier um die in Eigentherapie rekursiv produzierte Selbsterkenntnis, dass man zu Recht einen possessiven Individualismus frönt, der einem irgendwie auch von den anderen Kollegen unterscheidet, denn jeder ist in der Tat einzigartig, einzigartig aber im Sinne der zynischen Selbstverwertung, die den eigenen Zensor auf Autopilot stellt, wenn es um die sadistische Vernichtung der Vorstellung geht, man könnte etwas mit den narzisstisch induzierten Klischees bzw. Stereotypen von ihm Selbst zu tun haben, bis man schließlich wieder drauf und dran ist, der Absorption des Selbst durch die soziopsychologischen Imperative der Kontrolle durch die telemetrischen Finanzmärkte zuzustimmen, mit all den Prozeduren der Individualisierung und der Modulation, die die Finanzmächte in Gang setzen, was einem mittels Projektion das In-das-Zentrum-Stellen seines Selbst in der Jobwelt möglich macht.

Die Investitionen, die das Dividuum betreffen, erstrecken sich heute bis in die genetische Manipulation hinein. Neurotransmitter, Organe, biologische Komponenten und somatische Identitäten werden zum Tausch freigegeben. Es wird als eine umfängliche Begeisterung für die Freiheit verstanden, wenn der Körper andauernd in Bezug auf das Monetär filetiert wird. Selbst noch der Körper mutiert zur gewinnbringenden Firma, die zudem Fusionen eingeht, man denke an Implantate, Transplantationen und chirurgische Eingriffe, und man tätigt mit ihm Verkäufe, seien es Organe, Blut oder Keimzellen. Gerade dies führt zur Asomatognosie, einem Nichtwissen um den eigenen Körper. Der Begriff bezeichnet den Verlust der Wahrnehmung oder des Gefühls der Zugehörigkeit eigener Teile. Es gibt Personen, die im Zuge ihres Self-Trackings ihre Körper mit Sensoren ausstatten und rund um die Uhr Blutdruck, Blutzuckerwert und Fettanteil messen und diese Daten dann ins Netz stellen. »Self-Tracking« – die Extraktion, Sammlung, Zusammenfassung und Auswertung von Daten über alle nur denkbaren Merkmale und Funktionen des eigenen Körpers durch unterschiedliche Apps und Verfahren – beschreibt eine neuartige Form der Optimierung des eigen Selbst. Solche Apps und Technologien können alle möglichen Daten automatisch aufzuzeichnen, katalogisieren und danach grafisch darstellen. Jede versäumte Joggingrunde, jede überzählige Kalorie, jede verträumte Minute Arbeitszeit wird unmittelbar registriert und angemahnt, um nicht vor sich selbst in den Verdacht zu gerade, nicht das Maximum aus sich herauszuholen«, Dabei unterscheiden sie drei Formen des Vergleichs: Zuerst der Vergleich mit sich selbst, als Fort- oder Rückschritt sichtbar gemacht im Vergleich zu früheren Aktivitäten Der Vergleich mit (konkreten) Anderen durch Nebeneinanderhalten der Daten. Und der Vergleich mit normierten Durchschnittswerten wie etwa dem Body-Mass-Index.  »Vergleichen, Verbessern, Motivieren«, fassen Leger, Panzitta und Tiede die Imperative solcher Technologien zusammen – die sich in breiter Front auf dem Vormarsch befinden. ,Die Technologien des Self-Trackings ermöglichen es nun erstmalig, den gesamten Körper in Wert zu setzen und für das Kapital interessant zu machen. Die gesamte Lebensführung wie Essen, Schlaf, Bewegung, Beziehung und Emotionen können nun erfocht und bewertet werden – und dies alles in Echtzeit. Die Daten sind selbst schon Ware. Sie werden weiterverkauft – und rund um die Selbstvermessung entsteht ein riesiger neuer Markt an Apps und weiterem Zubehör. Das Silicon Valley hat die Krankheit als Marktpotenzial, unser Sein zum Tode als Innovationstreiber erkannt. So drängen die Konzerne zielstrebig in einen Markt, der allein in den Vereinigten Staaten ein Volumen jenseits der drei Billionen erreicht.

Amazon gründete unlängst eine Krankenversicherung, baut gerade Kliniken – probeweise – für die eigene Belegschaft und hat sich die Internetapotheke Pillpack einverleibt. Facebook verhandelte bis zum Datenskandal um Cambridge Analytica mit Krankenhäusern über anonymisierte Gesundheitsdaten, um sie mit denen seiner Nutzer abzugleichen. Und zuletzt entwickelte das soziale Netzwerk einen Algorithmus, der die Aussagen amerikanischer User auf die Gefahr eines Suizids scannt.

Der avancierteste Player im Rennen um unsere Gesundheit ist derzeit jedoch Alphabet. Das Mutterschiff von Google entwickelte zuletzt KI-basierte Software-Lösungen, um Krankheitsverläufe und gar den Todeszeitraum von Patienten in Spitälern genauer zu bestimmen. Mit dem Subunternehmen Verily, vormals bekannt als Google Life Sciences, forschte man bereits an einer Kontaktlinse, die mittels Tränenflüssigkeit die Glukosekonzentration misst.Als das beste aller behavioristischen Aufschreibesysteme bewährt sich hier zurzeit das Smartphone, ein multisensorisch-gläsernes Device, auf dessen Oberfläche sich – zumindest für die digitale Gesundheitsavantgarde – das Unbewusste zu spiegeln scheint.

Besonders das Startup Mindstrong Health des früheren Direktors des amerikanischen National Institute of Mental Health und nicht zufällig auch vormaligen Leiters der Abteilung für psychische Gesundheit bei Verily, Thomas Insel, eröffnet ganz neue Sichtachsen. Man analysiert das Tippverhalten des Smartphone-Users – wie er scrollt, klickt oder wischt –, um qua Mustererkennung Verhaltensprofile zu erstellen, die wie Kompassnadeln auf mentale Schwachpunkte verweisen.

ie der biologische ist auch der Datenkörper immer «work in progress»: So werden nicht nur die Schlafqualität oder die körperliche Aktivität aufgezeichnet, sondern auch Langzeit-EKG durchgeführt, Genome sequenziert, Labor-Scans, Tests auf Herz und Nieren oder zur mentalen Verfassung unternommen. Krankheiten und ihre Entwicklung sollen – in einer Art Live-Ticker – genauer analysiert werden und damit immer besser vorhersagbar werden. Insel nennt das Verfahren «digital phenotyping», eine Form der Kartierung, die anhand von digitalen «Biomarkern» und ohne Inhalt oder Semantik des Getippten zu deuten, Depressionen zu diagnostizieren verspricht. Wer, vereinfacht gesagt, zu langsam tippt, der erscheint geknickt; wer sehr schnell auf sein Smartphone einhämmert, befindet sich womöglich in einer manischen Phase. n der Netzwerkgesellschaft gibt es keinen Ort für das einzelne Individuum, denn es ist im Zuge der Auswertungen – das hochgejazzte «Wir» wirkt wie ein latenter Hinweis – kaum noch als solches sichtbar. Allenfalls kennzeichnet es einen Knotenpunkt, der sich lose im Spiel der Patterns bewegt; eine ephemere Hülle, die mehr als Profil denn als fühlendes Subjekt erscheint.

Das »quantifizierte Selbst führt dazu, dass man beim Laufen beginnt seine Schritte zu zählen und sich damit zunächst in einen Vergleich und eine Verpflichtung begibt. Man muss sich steigern, denn man war schon einmal besser.´, sodass man sich etwas schuldet..Jeder Post auf einer sozialen Plattform genügt derselben Logik. Er löst ein, was er ankündigt, nämlich den Anspruch auf Aufmerksamkeit. Keine Begegnung in meinen sozialen Beziehungen entgeht demselben Kalkül. Sie baut Schulden ab und Erwartungen auf, die ihrerseits beglichen werden müssen.

Wer aber ganz scheitert, kommt ins psychatrisierende Rehaprogramm, wo ihm stur eingetrichtert wird, dass gegen einen Burnout nur die Steigerung des eigenen Unternehmertums hilft.

Wenn das Leben, so wie es ist, noch einmal einen Sinn bekommen soll, der ewige und alternativlose Freiheit verspricht, dann muss die Unterwerfung unter die ameisenhafte Schufterei, die stupide Beschäftigung und der Verzicht als selbstverschuldet erscheinen, als mangelnde Kompetenz oder unzureichende Risikobereitschaft, die es für jeden Einzelnen schleunigst zu beheben gilt. Auf das Schweigen der Massen, das alles andere als harmlos ist, wurde der primitive Ökonomismus der Mittelschicht und der Eliten gestülpt, dessen Leitfiguren der Buchhalter und Krämer sind – jeder Cent zählt –, die wiederum von einer administrativen Spiritualität befeuert werden, die heute insbesondere die Inspektoren der Finance zelebrieren. Die Jagd nach jedem Cent ist unter subjektiven Gesichtspunkten weder allein als Gier noch als Geiz zu verstehen. Die sie begleitende Abschreibung jeder Art von Kulanz verweist vielmehr auf die bedingunglose Konkurrrenz (einst von Adorno als »Kameraderie der Anrempelei« bezeichnet), in die sich ständig Panik mischt, eine Art latenter Melancholie verschnitten mit einer Menge Wahnsinn. »Denke positiv, eliminiere das Problem und maximiere (deinen Kapitalwert)« lautet der Imperativ der globalen neoliberalen Mittelschicht, die so in aller Ausführlichkeit das Ende der Geschichte genießen will.

Das heutige Dividuum ist als ein modularer Baukasten konstruiert und seinem Erfolg soll nichts im Weg stehen. Die Fragmentierung erreicht dann ihren einsamen Höhepunkt, wenn das Dividuum affirmiert, dass es nicht nur Zeitarbeiter, Angestellter oder arbeitslos, sondern ein zu verkaufendes Produkt, ein Werbeplakat, ein Manager seines Lebenslaufs ist und sich dabei zudem noch als Artist seiner Motivationen imaginieren darf. Dabei rechnet sich das Dividuum die eigene Durchschnittlichkeit noch als Verdienst an. Unter zeitlichen Gesichtspunkten steht es unter dem Diktat des Futur 2, des »Es-wird-gewesen-Seins«. Die Vergangenheit gilt ihm als ein Kostenfaktor, der im Zuge einer Kalkulation, die ganz auf die Zukunft ausgerichtet ist, reduziert werden werden muss. Gleichzeitig ist, wie Mark Fisher es eindringlich in seinem Buch Gespenster meines Lebens. Depression, Hauntology und die verlorene Zukunft beschrieben hat, die Vergangenheit, vorangetrieben von der Popindustrie, heute überpräsent. Jede x-beliebige Vergangenheit wird rekapituliert, so ähnlich wie George A. Romero es in seinem Zombie-Filmklassiker Die Nacht der lebenden Toten inszeniert hat. Wenn es den Toten in der Hölle zu eng wird, müssen sie eben auf die Erde zurück. Dies ist aber nur die eine Seite der Temporalisierung im neoliberalen Kapitalismus. Die ominöse Okkupation der Zukunft durch das spekulative Kapital, die gleichzeitig einer monströsen Vernichtung jeder anti-axiomatischen Überraschung und Virulenz entspricht, lässt sich eben nur vom Futur II her schreiben, obgleich selbst diese Zeit vom Kapital immer wieder überwunden werden will. Das Kapital hält daran fest, seiner Zukunft einerseits entgegenzustürzen, sodass die Gegenwart per se an der Zukunft gemessen wird, andererseits seine eigene Zukunft beständig auch zu überholen, das Trauma par excellence, das durch die futurisierende Kapitalisierung, die paradoxerweise zugleich auf absolute Selbstgegenwärtigkeit setzt, eingeholt werden will und doch nicht eingeholt werden kann. In dieser gesellschaftlichen Situation scheinen nicht nur die ökonomischen Prozesse, sondern auch die politischen und sozialen Bewegungen erratisch und ziellos umherzuwandeln, sodass der Zeitpfeil endgültig ins Trudeln gerät, obgleich weiterhin das Diktat von ewiger Jugend herrscht. Der Burner in den Medien sind derzeit Kindfrauen, die hochemotional und zu Tränene rührend und vor allem ohne jede Folgen für oder gegen irgendetwas angagiert sind. Bei dem ständig wchselnden und doch anhaltenden Jungedn-Authenzitätswahn könnte man den Zynismus eines kapitalistsichen Szenarios vergessen, der in seiner Flexibilität, Resilienz und Jugendhaftigkeit einer Gummizelle gleicht. Alain Badiou hat darauf hingewiesen, dass es hinsichtlich des Imperativs ewiger Jugend für die Subjekte nur zwei Möglichkeiten gebe, nämlich einerseits der aufgrund demografischer Entwicklungen und unterentwickelter Gebiete, in denen die Geldzirkulation nur vermindert stattfindet, aufkeimende jugendliche Terrorismus, und andererseits die Affirmation der Maxime „«Have Fun« in den kapitalistischen Metropolen. Damit unterschätzt er sicherlich den Zwang, sich zumindest in den Metropolen ständig als profitorientierte Risikosubjekte modellieren zu müssen. Gleichzeitig korreliert in den Metropolen das jugendliche Design des Lebens mit einer Todesproduktion, die Deleuze/Guattari folgendermaßen beschrieben haben: «Der einzige moderne Mythos ist der der Zombies – tödliche Schizos, die, wieder zur Vernunft gebracht, gut für die Arbeit sind. In diesem Sinne stellen der Wilde und der Barbar mit ihrer Art, den Tod zu codieren, Kinder dar gegenüber dem modernen Menschen und dessen Axiomatik (es braucht so viele Arbeitslose, so viele Tote, der Algerienkrieg tötet nicht mehr als die Verkehrsunfälle am Wochenende, als der geplante Mord in Bengalen … ). Der moderne Mensch deliriert noch mehr. Sein Wahn gleicht einer Fernsprechanlage mit dreizehn Telefonen. Er gibt der Welt Befehle. Er liebt die Damen nicht. Er ist auch brav. Er wird mit aller Macht dekoriert. Im Spiel des Menschen ist der Todestrieb, der schweigende Trieb, sicher eingesetzt, vielleicht an der Seite des Egoismus. Er nimmt das Feld der Null beim Roulette ein. Das Kasino gewinnt immer. Der Tod ebenso.« Die von Deleuze/Guattari beschriebenen Zombies sind sicherlich nicht diejenigen von Romero, der das Szenario einer Stadt entwirft, in der sich die Reichen in einem Tower einquartiert haben, in dem sie den gewöhnlichen Luxus genießen, während die Masse unter dem Tower in Elend dahinvegetiert. Diese Art von Klassenstruktur kann nur aufrechterhalten werden, weil das Land von Zombies besetzt ist, die jeden Ausbruch aus dem Tower mit Tod bedrohen. Die Zombies von Deleuze/Guattari sitzen aber auch im Luxustower selbst, gestalten ihre Lifestyles wie digitale Püppchen an den Bildschirmen und gehen zugleich wie gewohnt ihrer Arbeit nach. Unter ihnen gibt es realiter eine weitere Art von Zombies, die aber die Luxuszombies in ihren Worldghettos kaum bedrohen. Sie besteht aus der Masse von Arbeitsnomaden, für die das globale Kapital keinerlei Verwendung mehr hat. Es ist ein schönes Irrenhaus, das Leben im Spätkapitalismus .

Und wie sieht ees mit denjenigen Agenten aus, die im Angesicht des Risikos gewonnen, und denjenigen, die versagt haben, aus? Mirowski schreibt: »Seit den Neunzigerjahren verfolgen nicht nur die Reichen, sondern fast jeder, der noch einen Job hat, mit elektrisierender Schadenfreude, wie die Vollstrecker der Austerität tausenderlei grausame Einschnitte im Sozialstaat vornehmen. Dass die Armen, wie oben argumentiert wurde, nicht mehr als Klasse gelten, macht es leichter, sie zu hassen. Sie sind der Abfall des Marktes. Diese jämmerlichen Gestalten, so gibt man zu verstehen, leben von unserer Großzügigkeit. Deshalb sind sie es, die uns etwas schulden; und deshalb haben wir jedes Recht, Zuschauer im Theater der Grausamkeit zu sein. Bei diesem dunklen Vergnügen lernen selbst einkommensschwache Menschen, sich in einer Ära des Niedergangs wie Reiche zu fühlen.«

Wie im Neoliberalismus die Bereitschaft zur Selbstverwertung vorausgesetzt wird, so auch die Bereitschaft zur Selbstentwertung. Letztere entspringt dem Umbau der Sozialversicherungssysteme und der Existenz von Jobcentern, sprich Anstalten, die den Arbeitszwang und die Armut verwalten. Umschulungsprogramme und eine gigantische Maßnahmenindustrie organisieren die staatlich subventionierten Demütigungen. Als beliebig verwertbares Material, als Personen, denen jedes Bedürfnis ausgetrieben worden ist, sind die Armen heute der beständigen Belästigung, dem Zwang und der Nötigung durch den Staat ausgesetzt. Die Kunden der Arbeitsanstalten werden in teambasierte Netzwerke von sog. Maßnahmen eingepasst, mit denen sie in loser Reihenfolge mit sinnlosen Kursen und Coachings gequält werden oder die Kunden werden wahlweise dazu gezwungen, jede Drecksarbeit anzunehmen, und parieren sie nicht, werden sie sanktioniert, das heißt in den Hunger getrieben. Leiharbeitsfirmen besitzen das Recht, die Kunden zu nahezu jeder beliebigen Arbeit zu nötigen. Ein ungeheurer Apparat der Verdummung, der Verrohung und der Bedrohung ist entstanden, eine neue Panikindustrie hat sich entwickelt. Hartz IV leitete eine Entwicklung ein, an deren Ende nicht nur die Verstaatlichung der Arbeitskraft steht, sondern die Aneignung der Körper als einer Biomasse durch den Staat, durch die politische Souveränität des Gesamtkapitals. Hartz IV und Agenda 2010 sind die Labore der Panik. Es geht hier keineswegs um die begründete Furcht, die man als Kunde des Jobcenters durchaus haben kann und die man irgendwie bewältigen muss. Dem Staat geht es vielmehr darum, die reale Angst ins Phantastische zu überhöhen und die Furcht durch die Panik der Selbsterhaltung zu substituieren. Die Produktion der Panik will den Schock, und sie erzeugt nichts weiter als die Nazifizierung des Bürgers. Gerade weil der Bürger weiß, wozu er selbst fähig ist, darum traut er seinem Staat noch viel mehr zu. Die Todesproduktion wird wieder konsumfähig. Und noch ein Letztes, Badiou hat es aktuell angesprochen: Auch die jungen Selbstmordattentäter sind Effekte eines unterdrückten oder unmöglichen Verlangens. Wenn man hartnäckig erklärt, dass eine andere Welt unmöglich ist, dann fragen sich diese Jugendlichen, warum sie in dieser Welt keinen Platz haben. Wenn nämlich jede andere Welt als unmöglich abgewiesen wird, erscheint es keineswegs tolerierbar, keinen Platz in dieser Welt zu haben, keinen Platz, der den Kriterien dieser Welt entspricht: Konsum, Komfort und Geld. Gerade diese Frustration eröffnet den Raum für den Todestrieb: Was wir wollen, das hassen wir, gerade weil wir es nicht bekommen können. Gerade im Hass auf diese Welt zeigt sich dann das Begehren auf diese Welt.

Die Barbarei der Beschäftigung

Die Transformation der Arbeit in Beschäftigung 1) strukturelle Ursachen

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Grundsätzlich betrachtet entsteht fiktives Kapital immer dann, wenn ein Geldbesitzer einer anderen Person sein Geld überlässt und im Gegenzug dafür einen Eigentumstitel (Anleihe, Aktie etc.) erhält, der den Anspruch auf dieses Geld und seine Vermehrung (etwa in Form von Zinsen oder Dividenden) repräsentiert. Auf diese Weise verdoppelt sich die ursprünglich vorhandene Geldsumme. Sie existiert nun zweimal und kann von beiden Parteien genutzt werden. Der Empfänger kann das Geld für Konsum, Investitionen oder auch Finanzanlagen verausgaben und für den Geber ist sein Geld zu Geldkapital geworden, das einen regelmäßigen Gewinn abwirft.

Dieses Geldkapital besteht aber aus nichts weiter als aus einem verbrieften Anspruch, der den Vorgriff auf zukünftigen Wert repräsentiert. Ob dieser Vorgriff tatsächlich auch gedeckt ist, stellt sich erst im Nachhinein heraus. Wird die betreffende Geldsumme in eine Produktionsanlage investiert und ist diese Investition erfolgreich, erhält sich der Wert in der Gestalt des fungierenden Kapitals und vermehrt sich durch die Anwendung von Arbeitskraft in der Warenproduktion. Schlägt hingegen die Investition fehl oder wird das geliehene Geld gleich für privaten oder staatlichen Konsum verausgabt, so ist der ursprüngliche Wert zwar verbraucht, aber der Anspruch darauf lebt fort (etwa in der Gestalt eines Kreditvertrags oder einer Anleihe). Das fiktive Kapital ist in diesem Fall ungedeckt und muss durch die Schaffung neuer Ansprüche auf zukünftigen Wert (etwa die Ausgabe neuer Anleihen) ersetzt und „bedient“ werden, damit der monetäre Anspruch eingelöst werden kann. Die Finanzialisierung der entwickelten Ökonomien lässt sich anhand der relativen Größe des Finanzsektors im Vergleich zum BIP, des Volumens der Profite, welche die Finanzinstitutionen im Vergleich zu anderen Unternehmen realisieren, und anhand der Portfolioeinkommen der nicht-finanziellen Unternehmen messen. Was über solche Indikatoren hinaus, welche den Transfer von Geldmitteln von der Realökonomie hin zu den spekulativen finanziellen Kreisläufen nachweisen, die Kreditgeber heute auszeichnet, ist ihre Macht, sich diejenigen Projekte auszusuchen, die es verdient haben, finanziert zu werden, womit wiederum diejenigen, die auf Kredite angewiesen sind, andauernd ihre Attraktivität für Investoren nachweisen und damit ihre ökonomischen Aktivitäten nicht nur an die Erzielung von Profit, sondern auch an der Herstellung von Kreditwürdigkeit ausrichten müssen. Vor allem die Aktienunternehmen müssen nicht nur bemüht sein, die Differenz zwischen Einnahmen und Produktionskosten langfristig zu maximieren, sondern auch kurzfristig zugunsten der Shareholder an einer Steigerung der Aktienpreise, die durch die Finanzmärkte bewertet werden, zu arbeiten. Somit resultiert der reale Erfolg dieser Unternehmen nicht ausschließlich aus der Realisierung von Profiten, die durch den Verkauf von Produkten und Dienstleistungen erzielt werden, sondern beruht auf dem Kapitalgewinn, der auch aus Aktienrückkäufen erlangt werden kann.

Nun gehört der Vorgriff auf zukünftigen Wert in der Gestalt fiktiven Kapitals zum kapitalistischen Normalbetrieb dazu. Doch in der fundamentalen Verwertungskrise im Gefolge der Dritten industriellen Revolution erhielt er eine grundlegende neue Bedeutung. Diente die Schöpfung von fiktivem Kapitals bislang im Wesentlichen dazu, den Prozess der Kapitalverwertung zu flankieren und zu unterstützen (etwa durch die Vorfinanzierung großer Investitionen), so fand nun, da die Grundlage dieses Prozesses wegbrach, ein Rollenwechsel statt. Die Kapitalakkumulation beruhte fortan nicht mehr maßgeblich auf der Vernutzung von Arbeitskraft in der Produktion von Gütermarktwaren wie Autos, Hamburgerbrötchen und Smartphones, sondern auf der massenhaften Emission von Wertpapieren wie Aktien, Anleihen und Finanzderivaten, die Ansprüche auf zukünftigen Wert darstellen. Auf diese Weise wurde das fiktive Kapital selbst zum Motor der Kapitalakkumulation, während die Produktion von Gütermarktwaren zur abhängigen Variablen herabsank.

Diese Form der Kapitalakkumulation unterscheidet sich freilich in einem entscheidenden Punkt von der bisherigen Form kapitalistischer Selbstzweckbewegung. Da sie auf dem Vorgriff auf zukünftig zu produzierenden Wert beruht, handelt es sich um Kapitalakkumulation ohne Kapitalverwertung. Ihre Grundlage ist nicht die gegenwärtige Vernutzung von Arbeitskraft in der Wertproduktion, sondern die Erwartung künftiger realwirtschaftlicher Gewinne, die in letzter Instanz der zusätzlichen Vernutzung von Arbeitskraft entstammen müssen. Da diese Erwartung jedoch angesichts der Produktivkraftentwicklung nicht eingelöst werden kann, müssen die Ansprüche immer wieder erneuert und muss der Vorgriff auf zukünftigen Wert zeitlich immer weiter in die Zukunft gestreckt werden. Das hat zur Konsequenz, dass die Masse der Finanztitel einem potenzierten exponentiellen Wachstumszwang unterliegt. Aus diesem Grund übertrifft das aus Finanztiteln bestehende Kapital längst den Wert der produzierten und gehandelten Gütermarktwaren um ein Vielfaches. In der öffentlichen Meinung wird dieses „Abheben der Finanzmärkte“ meist als vermeintliche Krisenursache kritisiert; tatsächlich kann jedoch die Kapitalakkumulation, nachdem die Grundlagen der Verwertung verloren gegangen sind, überhaupt nur noch in dieser Weise weiterlaufen.

Der Zwang zum potenzierten exponentiellen Wachstum markiert allerdings eine logische Grenze für die Akkumulation von fiktivem Kapital; denn die realwirtschaftlichen Bezugspunkte, auf die sich die Erwartungen zukünftiger Gewinne beziehen, lassen sich nicht beliebig multiplizieren und entpuppen sich einer nach dem anderen als Chimäre (New Economy, Immobilienboom etc.). Dennoch lässt sich diese Grenze in erheblichem Maße zeitlich hinausschieben, wie ein Blick zurück auf die mittlerweile rund fünfunddreißig Jahre währende Epoche des fiktiven Kapitals zeigt. Allerdings ist dieser Aufschub mit stetig wachsenden gesellschaftlichen Kosten erkauft, die immer unerträglicher werden. So haben sich die Einkommen und Vermögen in immer weniger Händen konzentriert, die Prekarisierung der Arbeits- und Lebensbedingungen nahm weltweit zu, und die verbliebenen natürlichen Ressourcen wurden gnadenlos verschleudert – nur um die Dynamik der Kapitalakkumulation in Gang zu halten.

Um die Ursachen dafür besser verstehen zu können, müssen wir zunächst untersuchen, welche Auswirkungen die Verschiebung der Kapitalakkumulation in die Sphäre des fiktiven Kapitals auf die grundlegende gesellschaftliche Beziehungsform, die Vermittlung über die Arbeit, gehabt hat. Im Anschluss daran ist zu fragen, wie sich im gleichen Zuge das Verhältnis der beiden Seiten der kapitalistischen Reichtumsform, des abstrakten Reichtums in der Gestalt des Werts und des stofflichen Reichtums, verändert hat.

Oben habe ich argumentiert, dass bis in die 1970er Jahre hinein die gesellschaftliche Vermittlung über die Arbeit von einer wechselseitigen Abhängigkeit von Kapital und Arbeit geprägt war. Diese beruhte darauf, dass das Kapital in seinem Drang zur Verwertung auf lebendige Arbeit angewiesen war, während die Eigentümer der Ware Arbeitskraft vom gelingenden Verkauf eben dieser Ware abhingen, um leben zu können. In der Epoche des fiktiven Kapitals hat sich jedoch dieses Verhältnis grundlegend verändert. Nicht nur ist durch die Dritte industrielle Revolution massenhaft lebendige Arbeit überflüssig gemacht worden, entscheidender ist noch, dass sich der Schwerpunkt der Kapitalakkumulation von der Vernutzung von Arbeitskraft in der Produktion von Gütermarktwaren hin zum Vorgriff auf zukünftigen Wert verschoben hat. Dadurch ist das Kapital in seiner Selbstzweckbewegung in einem ganz neuen Sinn selbstreferentiell geworden. Zwar verbleibt der Vorgriff auf zukünftigen Wert, der im Hier und Heute kapitalisiert und akkumuliert wird, innerhalb der Logik und Form der Warenproduktion; denn er wird ja durch den Verkauf einer Ware erzeugt, nämlich durch den Verkauf eines Eigentumstitels, der den Anspruch auf eine bestimmte Summe Geld und deren Vermehrung verbrieft. Aber die Verkäufer dieser Eigentumstitel sind keinesfalls irgendwelche Arbeitskräfte, die das Versprechen auf eine Arbeitsleistung in zehn oder zwanzig Jahren verkaufen, also eine Art langjährigen Vorschuss erhielten, deren Einlösung im Ungewissen bliebe; es sind vielmehr die Funktionäre des Kapitals selbst, in erster Linie die Banken und andere Finanzinstitutionen, die sich gegenseitig die verbrieften Ansprüche auf zukünftigen Wert verkaufen und damit fiktives Kapital erzeugen und akkumulieren. In dieser Hinsicht ist das Kapital also tatsächlich vollkommen selbstbezüglich geworden; die Ware, die zusätzliches gesellschaftliches Kapital repräsentiert, entsteht innerhalb der Sphäre des Kapitals selbst.

Umgekehrt bedeutet das nun aber, dass die Verkäufer der Ware Arbeitskraft ihre Verhandlungsmacht weitgehend verlieren. Nicht nur können sie ohnehin angesichts der voranschreitenden Produktivitätsentwicklung und der Globalisierung jederzeit durch Maschinen oder durch billigere Konkurrenten irgendwo auf der Welt ersetzt werden; viel entscheidender noch ist aber, dass ihre Ware nicht mehr die Basisware der Kapitalakkumulation ist. Daraus ergibt sich ein strukturelles Ungleichgewicht. Für die übergroße Mehrheit der Weltbevölkerung ist die gesellschaftliche Vermittlung über die Arbeit immer noch insofern zentral, als sie hier und heute ihre Arbeitskraft oder ihre Arbeitsprodukte als Ware verkaufen müssen, um im Gegenzug dafür am gesellschaftlichen Reichtum teilhaben zu können, also um die benötigten Konsumtionsmittel zu kaufen. Dagegen bleibt zwar auch das Kapital auf die gesellschaftliche Vermittlung über die Arbeit bezogen; denn es hat sich ja keinesfalls aus dem Universum der Warenproduktion verabschiedet. In dem Maß wie das Kapital durch den Vorgriff auf künftige Wertproduktion akkumuliert, also die Resultate möglicher Arbeit in der Zukunft vorwegnimmt, befreit es sich aus seiner Abhängigkeit von der heutigen Arbeitskraftverausgabung und den Verkäufern der Ware Arbeitskraft.

2.Die Phänomenologie

Und die Arbeit ist überall, jederzeit. Wenn die Unterdrückung absolut ist, gibt es keine Muße, keine “Freizeit” mehr. Der Schlaf wird überwacht. Der Sinn der Arbeit ist dann die Zerstörung der Arbeit bei der und durch die Arbeit. Wenn aber, wie es in manchen Konzentrationslagern vorkam, Arbeiten darin besteht, im Laufschritt Steine zu einem Ort zu schleppen, sie aufzutürmen, um sie dann, immer noch rennend, wieder zum Ausgangspunkt zu bringen … Dann kann die Arbeit nicht mehr durch irgendeine Sabotage zerstört werden, wenn sie bereits dazu bestimmt ist, sich selbst zu vernichten. Trotzdem behält sie ihren Sinn; nicht nur den Arbeitenden zu zerstören, sondern, unmittelbar, ihn zu beschäftigen, ihn zu fixieren, ihn zu kontrollieren und ihm gleichzeitig das Bewußtsein zu geben, daß Produzieren und Nicht-Produzieren ein und dasselbe sind, ebenfalls Arbeit ist

Maurice Blanchot zum Arbeitslager

Ist die heutige Situation nicht ganz ähnlich? Es gibt in den zumeist prekären Arbeitsverhältnissen eine große Anzahl sinnentleerter und sogar unter kapitalistischen Gesichtspunkten unproduktiver Beschäftigungen, die Graeber als Bullshitjobs bezeichnet, und die, egal, ob sie mit langem Warten, bei dem nichts passiert, oder unerträglicher Arbeitshetze verbunden sind, komplementär zur ubiquitären Zirkulationslogik des Kapitals verlaufen (Hauptsache die Arbeit zirkuliert als Beschäftigung); man soll immer etwas machen, zwanghaft, ja fast schon neurotisch soll man etwas machen, selbst das Warten auf den Knopfdruck wird zum Machen, besser jedoch sollte es computergetaktet, schnell und Stress verursachend sein, die Beschäftigung muss einfach zirkulieren. Die affektiv besetzte, blitzartige Schnelligkeit, die man im Umgang mit digitalen Geräten und Medien zu pflegen hat, erwartete man oft auch im Umgang mit Personen, Objekten und Materien, und diese Attitude ist als Beschäftigung getarnt: Nonstop-doing ist hip und angesagt, auch wenn es noch der allerletzte Blödsinn ist, der ausgeführt wird, zumindest sollte ein wenig spiritueller Profit aus der Beschäftigung entspringen, wofür der wuchernde Hobbysektor vom Baumarkt bis zur FKK-Oase, der Boom der therapeutischen Wellness- und Freizeitbeschäftigungen mit ihren Patchworks selbststeigernder Aktivitäten und die spirituelle Wohlfühlindustrie vom Trantra über das Yoga bis hin zum Thai Chi die affektive Steilvorlage geben, wobei monetäre Profite aus solchen Tätigkeiten meist nur vermittelt gezogen werden.

In der industriellen Arbeit ging es immer auch darum, den Arbeiter (als variables Kapital) zu produzieren, dessen Arbeitskraft, aber niemals mit der Arbeit, die er leistete und mehrwertschaffend war, identisch war. Die große Verkennung: Heute aber ist der Beschäftigte (nicht der Arbeiter) immer öfters nicht mehr in erster Linie der Eigentümer einer Arbeitskraft, die sich aus Vermögen, Fähigkeiten, Qualifikationen und Potenzialen zusammensetzt und die der Eigentümer auf dem Arbeitsmarkt anbietet und für eine gewisse Zeitspanne vermietet, um damit als ein Produzent zu fungieren, der neben der Ausübung von Arbeit, die durch seine Arbeitskraft gewährleistet ist, noch als Freizeitmensch existiert. Als moderner Konsument von Arbeit oder als Kunde von Arbeit (bei der Arbeitsagentur für Arbeit) gilt der Beschäftigte heute hingegen als Humankapital im 24/7Modus bzw. als ein Halter eines Selbst-Portfolios, das mit beruflichen, sozialen und emotionalen Kompetenzen (nicht Qualifikationen) aufzufüllen und ständig zu verbessern ist, wobei ein Gespür für günstige Gelegenheiten und Optionen zu entwickeln und die Chancenspekulation geradezu anzunehmen ist, damit der Beschäftigte, in die Sprache der Ökonomie übersetzt, als ein ständig zu verbesserndes Konglomerat von verschiedenen kleinen Kapitalsorten gelten kann, ja vielmehr noch, der Beschäftigte ist dieses Konglomerat, das er vor der Arbeitsagentur als Kunde durch den Nachweis von kleinen Wertpapieren, die seine Beschäftigungsgeschichte und -fähigkeit dokumentieren, glaubhaft verkörpern muss. Sein Kapital bleibt ein durch andere angewandtes Kapital, oder, um es anders zusagen, als Konsument von Arbeit ist er zugleich das kleine Kapital x, das spekulative Kompetenzkonglomerat, das er in seiner angeblichen Unaustauschbarkeit oder Singularität gefälligst zu steigern hat, so lauten zumindest die neoliberalen Imperative, aber er bleibt dabei sein Profil, das ihm von Unternehmen, sozialen Medien und Arbeitsagenturen zugeschrieben wird, ein zwischen Konsolidierung und Vielseitigkeit oszillierendes Produkt. Dabei bleibt der Konsument immer eingefroren in einen volatilen Arbeitsprozess (training for job), den man zeitweilig sogar »Leben« nennt. Händeringend, soweit es einen gewissen Status erreicht hat, sucht das Kompetenzkonglomerat nach seinen stets auffrischbaren Talenten sowie nach einem Alleinstellungsmerkmal, das of course in seinem (nie zu aktualisierenden) Potenzial liegt, es in ferner Zukunft einmal zu verkörpern, während es doch gänzlich den Techniken des Plusquamperfekt eines »Es wird gewesen sein« unterworfen bleibt, Techniken, die am laufenden Band die Zukunft in Vergangenheit umwandeln.

An die Stelle des Produzenten, der sich im Laufe der kapitalistischen Historie zumindest für gewisse Lebensphasen von seiner Internierung in der Fabrik sowie von der kompletten Rechtlosigkeit in Sachen Freiheit emanzipiert hatte, der also immerhin die Freiheit besaß, seine Arbeitskraft an Märkten anzubieten, tritt heute zunehmend der Beschäftigte bzw. der Konsument von »Arbeit«, der an diese Tag und Nacht gekettet wird. Während der potenzielle Produzent am Arbeitsmarkt als Arbeitskraft ein Angebot verkörpert, stellt der Konsument von Arbeit die verkörperte Nachfrage dar, insofern die Arbeitskraft an den Arbeitsmärkten permanent designt und gehandelt, gecoacht und gecastet wird; sie wird nun zum flexiblen Modus für das Businessmodell einer Arbeits-Design-Industrie, welche der Arbeitskraft das Permanent-Casting verordnet. Und selbst wenn heute der Produzent seine Arbeitskraft noch verausgabt, ist sie an ihm insofern tendenziell gestrichen, als er sich nicht mehr allein über einen Produktions-, sondern überdies als Konsument von Arbeit über einen Kaufakt definiert. Und je weniger heutzutage angesichts der Automation und der exzessiven Zunahme von Bullshit-Jobs den Beschäftigten die Notwendigkeit von Arbeit noch zu vermitteln ist, desto stärker soll die Nachfrage nach Arbeit zum ubiquitären Modell gerinnen, was auch heißt, dass man die potenziellen Produzenten über die Jobcenter und die diversen privaten Vermittlungsdienste in die Rolle des Konsumenten von »Arbeit« versetzt.

Der flexible Arbeitsmarkt ist heute zum großen Teil durch die prekäre Dienstleistung charakterisiert, welche unter anderem die Bundesagentur für Arbeit anbietet, die aber die Beschäftigung eigentlich nur dann vermitteln kann, wenn sie auch vorhanden ist, was von dieser ohne weiteres vorausgesetzt wird. Folgerichtig müssen dann eben die Arbeitslosen für ihre Arbeitslosigkeit auch selbst verantwortlich sein, was wiederum einschließt, dass es sich bei ihnen zumeist um faule oder redundant arbeitsunwillige Subjekte handelt. Entkräftet man nun diese Behauptung mit Fakten/Zahlen, dann bleibt nichts als die fehlende Arbeit übrig. Und exakt dieses Fehlen der Arbeit muss die Bundesagentur für Arbeit als ihre »Dienstleistung am Arbeitsmarkt« ständig bearbeiten, indem sie die fehlende Arbeit wundersam in eine Arbeit in Potenz transformiert, womit selbst noch die fehlende Arbeit zu einer potenziellen Ware gemacht wird. Und nimmt man weiterhin an, dass die Arbeit vielfach prekäre und unterbezahlte Arbeit ist, wobei die Beschäftigten entweder potenziell zu Tode gehetzt und gemobbt oder reinen Beschäftigungstherapien unterworfen sind, so wird das Fehlen von Arbeit niemals fehlen.

Um es zu wiederholen, die Bundesagentur für Arbeit hält trotzig daran fest, dass es an Arbeit nicht fehlt, womit das Fehlen der Arbeit selbst zur Arbeit wird.26 Egal welche Arbeit von der Agentur angeboten wird, sie zirkuliert nun scheinbar selbst als potenzielle Ware (die klassische Verkennung, die in der Verwechslung bzw. Gleichsetzung der Arbeit mit der Arbeitskraft besteht), die sich aber meistens nur noch zeitlich befristet aktualisiert, wobei auch die potenzielle Beteiligung der Kunden an der Suche nach Arbeit längst keine Garantie mehr dafür ist, dass eine aktuelle Beteiligung an der Arbeit aus ihr resultiert. Wenn Arbeitslose zu Kunden von staatlichen oder privaten Arbeitsvermittlungsagenturen mutieren, dann kommt darin gerade eine weitere Verkehrung ins Spiel: „Arbeitslose, die per definitionem Produzenten ohne Arbeit sind, werden potenziell zu Konsumenten, zu Käufern von Arbeit. Daraus folgt, dass die Arbeitslosen als Nachfrager von Arbeit gleichzeitig die Unternehmer ihrer selbst sind, die scheinbar ihre eigene Arbeit einkaufen. Sie haben auf jeden Fall ihr kleines Kapital X zu vermehren, und da dieses außer ihrer Potenz Arbeitskraft zu sein, meistens gleich Null ist, kam die Bundesagentur auf Arbeit eines Tages auf die schlaue Idee, dieses kleine Kapital X aufzubessern, Kennwort »Ich AG«, hat diese Bemühungen aber mehr oder weniger schnell wieder aufgegeben. Der prekäre Beschäftigte sollte nun am eigenen Leib erfahren, was Verantwortung und Unternehmertum heißt, damit er sich mit den Opfern, die Staat und Kapital für ihn erbringen, endgültig identifiziert, um die Staatsapparate und Unternehmen aus ihrer rechtlichen und sozialen Verantwortung zu entlassen.

Den Kaufakt von Arbeit muss der prekär Beschäftigte im Laufe seines Joblebens ziemlich häufig wiederholen, sodass Faktoren wie Fortbildung, Performancepotenz, Wissenserwerb und Verbesserung der Qualifikation und Kompetenz auf Dauer gestellt sind, womit folgerichtig ein wucherndes Beratungs-, Trainings- und Weiterbildungsangebot an den Arbeits- und Coachingmärkten entsteht. Dabei haben wir es hier mit der Logistifizierung eines Beschäftigungs-Mobilitätsregimes zu tun, das darin besteht, die richtige Menge an Arbeitskräften, mit den richtigen Kompetenzen und Qualifikationen, zum richtigen Zeitpunkt und zu den richtigen Kosten an den richtigen Ort zu vermitteln, wobei dafür ein permanentes Tracking der Bewegungen der Arbeitskräfte stattfinden muss, um dieser Art der just-in-time Produktion gerecht zu werden, und dies betrifft insbesondere auch die to-the-point-Migration, (Logistische Grenzlandschaften 54), bei deren Management eine Logistik der Wartezeiten, umfassende Überwachung, Steuerung und Verhinderung von Friktionen gefordert sind.

Das meistens am Bildschirm erworbene Wissen resultiert in einem fluktuierenden Informationswert (des Konsumenten von Arbeit), wobei dieser mit der Arbeitskraft eines Produzenten, der mit einem standortgebundenen und für eine spezifische Fertigung konstruierten Maschinenpark konfrontiert ist, nur noch wenig zu tun hat. Das neue Paradigma der Beschäftigung ist der Computer, der mobil und flexibel ist und in ein Netzwerk integriert ist. Um erfolgreich zu sein, muss man heute in fast allen Berufsbereichen vernetzt sein, denn nur so kann man Investoren anziehen, die das eigne humane Investitionskapital fördern und voranbringen. Durch den Einkauf und die Anwendung von affektiven und sozialen Kompetenzen und beruflichem Wissen, das den Beratungs-, Coaching- und Weiterbildungsprogrammen abgewrungen wird, scheinbar bestens informiert, muss der Konsument von Arbeit zum flexiblen und attraktiven Verkauf seiner selbst unbedingt imstande sein, gerade indem er ständig eine Art von Assets erwirbt, nämlich Zeugnisse, Urkunden, Gutachten, Arbeitsverträge, Zeitgutscheine, Steuererleichterungen etc., die er wie seinen Ausweis bei jeder Vorstellung vorzulegen hat.

Die Arbeitskraft wird in manchen Berufen weiterhin verausgabt, aber ihr symbolischer Stellenwert, der durch das erkämpfte Recht auf Arbeit repräsentiert wird, ist weitgehend gestrichen. An seine Stelle tritt also der Informationswert des Konsumenten von Arbeit, der durch Coaching, den durch Bildung und Ausbildung erworbenen Wert, das Performance-Selbst-Portfolio und den genetischen Code gekennzeichnet ist. In dieser vierfachen Konnotation des Informationswerts besteht das kleine Kapital x, das die Informationsverarbeitung der Kompetenzen und des eingekauften Wissens beim Selbstverkauf deckt. Jetzt zeigt sich, ob der Konsument von Arbeit als ein sich selbst informierendes Netzwerk funktioniert oder eben nicht. ,Über die Anerkennung der Assets wird dann der Kaufakt abgewickelt, sofern denn der Konsument von Arbeit über einen attraktiven Informationswert verfügt (und eventuell auch über die nötige Kaufkraft). Und sollten sich dann seine Assets durch einen Arbeitsvertrag aktualisieren, dann ist er auch als Leiharbeiter zur Beschäftigung hinreichend mobilisiert. Diese Assets beinhalten wie alle Finanzanlagen eine Potenz, die sich allerdings lediglich als Beteiligung an der Arbeit bzw. als Beschäftigung aktualisiert. Wird ein Asset dann auch aktualisiert, dann muss bei der Arbeit aber auch alles hingenommen werden, denn unzumutbare Arbeit gibt es laut der Bundesagentur für Arbeit nicht. Gelingt allerdings die Kapitalisierung des eigenen Informationswerts nicht, spricht der Markt das Urteil, das besagt: Das Entstehen von Arbeit durch ihr Fehlen schlug fehl.

Die Leih- und Zeitarbeit stellt das permanente Entstehen (und Verschwinden) von Arbeitsplätzen auf Dauer, womit nichts weiter als die Arbeitslosigkeit ganz verschwinden soll, sodass die Zeitarbeit zwar Zwischenzeiten ohne Arbeit, aber eben keine Arbeitslosigkeit mehr kennt. In diesen Zwischenzeiten ohne Arbeit wiederum zirkulieren die Assets ohne Unterlass in der Form von Bewerbungen durch die privaten und staatlichen Agenturen, denn zwar ist die Zeitarbeit befristet, aber die Bewerbungszeit ist es eben nicht, sodass also die Assets am Arbeitsmarkt Jahre oder fast das ganze Leben zirkulieren, aber es sind ja keine verlorenen Jahre, weil die Assets, die von den Agenturen gehandelt werden, (angeblich) stets zur Verbesserung des eigenen Informations- und Kompetenzwerts dienen. Es dürfte nun klar sein, dass der Konsument von Arbeit ein Risiko-Subjekt ist, und wenn er seinen in Assets investierten Informationswert für eine Zeitlang oder auch für immer unter Wert verkauft, dann ist eben das sein Pech, denn ausgerechnet im »Leih- und Zeitarbeitsspiel mit Gewinn und Verlust« gibt es keinerlei Versicherungsansprüche.

Und um es weiter zu führen, Arbeitslosenhilfe oder Hartz4 ist nur dann ein Recht, wenn das Recht auf Arbeit vorausgesetzt ist. Es wurde von den Produzenten und ihren Organisationen in langen Klassenkämpfen unter Berufung auf die angeblich weltbildende Potenz der industriellen Arbeitskraft erkämpft, die heute am Konsumenten gestrichen ist, womit eigentlich auch das Recht auf Arbeitslosenhilfe entfällt und letztendlich konesquenterweise zu Hartz4 transformiert wurde, das einem Paniklabor mit einem Almosen (das Strafrecht in das Sozialrecht einführt) gleicht, für das selbstverschuldete Unglück, das ja eigentlich nur dem zufällt, der jede von der »Modernen Dienstleistung am Arbeitsmarkt« vermittelte Arbeit für unzumutbar hält. Der Hartz4 Empfänger hat auf dem offiziellen Arbeitsmarkt nichts zu suchen, auf dem es eine hochqualifizierte, akademisch, privilegierte Lohnarbeiterklasse, die abgesicherte Kernbelegschaft der großen und mittleren komerziellen und industriellen Unternehmen und das zum Teil selbständige und zumindest phasenweise gut verdienende Prekariat gibt. Der Rest der Bevölkerung befindet sich im Niedriglohnsektor oder hält sich auf dem Level einer staatlich subventionierten und/oder staatlich erzwungenen Beschäftigung oder fällt ganz aus der Beschäftigung heraus, was das Unglück nur noch vergrößert.27 Ein Teil des überflüssigen Rests wird als Hartz4 Empfänger gemeinerweise noch in die Zwangsarbeit verwiesen, in der die Beschäftigung selbst das geringfügige Einkommen ist, da ein von der Arbeit unabhängiges Grundeinkommen weiterhin strikt abgelehnt wird. Zwangsarbeit heißt permanente Mobilisierung für die Arbeit. Und auf eines ist dabei noch hinzuweisen: Die scharf abgegrenzte Aufteilung zwischen Beschäftigung und Arbeitslosigkeit (Arbeitslosigkeit als Kehrseite der Beschäftigung), die Insti auf ein ganz anderes Akkumulationsregime zurückgeht (Standardisierung und Kontinuität der Produktion, mithin Stabilität und Kontinuität der Beschäftigung), hat sich in ein immer engeres Ineinandergreifen von Perioden der Anstellung und Perioden der Arbeitslosigkeit gewandelt. Dass die Arbeitslosigkeit strukturell geworden ist, besagt nicht, dass Millionen von Menschen auf einen unbefristeten Vertrag warten, vielmehr arbeiten sie, während sie gleichzeitig als arbeitslos gemeldet sind. Arbeitslosigkeit ist nunmehr Teil der Norm der Anstellbarkeit. Arbeitslos zu sein bedeutet, verfügbar und sofort einsetzbar zu sein, und zwar nicht für einen unbefristeten Vertrag, sondern für einen befristeten Vertrag mit einer Laufzeit.”(Lazzarato)

Wenn größere Teile der Arbeit, im speziellen Hilfsarbeiten, vom Einkommen nicht ganz abgekoppelt werden dürfen, werden sie zum Dienst, der nicht in der Arbeit selbst besteht, sondern in der vom Staat befohlenen Unterwerfung zur Arbeit. Als solcher ist der Dienst heute ein Dienst an der Arbeit, der sich in der Pflichtarbeit ausdrückt. Sie ist de facto „Arbeitsdienst. Und je weniger der Dienst noch Dienst an der Arbeit ist, desto mehr mutiert er zum Dienst an der Kompetenz und Information mittels Aufsaugen, Bearbeiten und Speichern derselben. Dabei wandert die Information in den Körper und seine kognitiven Vermögen hinein und wird mit der Dienst(leistung) tendenziell identisch. Die Nachfrage nach Arbeit, die objektiv fehlt, wird zur Nachfrage nach dem, was an ihre Stelle tritt, sie wird zur Nachfrage nach dem, was die Arbeit ersetzt: Kompetenz, Information, Automation und Digitalisierung. Deshalb muss immer leistungsfähigere Software bereitstehen, um die Daten- und Informationsströme mit den Körpern, den Affekten und den Hirnen von Dividuen zu verschalten, wobei diese durch die in die digitalen Programme encodierten Steuerungs-, Regelungs- und Feedback-Prozesse regelrecht in Haft genommen werden, weil eine Rückverfolgbarkeit jeder einzelnen Aktion und die Antizipation von weiteren Aktionen in die zirkulierende Logik der Informationsströme eingebaut ist.

Die transitive Normierung des Verhaltens, das heißt die volle Integration der Akteur in Systeme, in der sie letztendlich lediglich als zu erfassende und zu verwertende Punkte in Netzwerken fungieren, wird recht eigenartig durch den Konsum der Angebote der Enhancement-Industrien supplementiert, die es wiederum ermöglichen, sämtliche Kräfte der Selbststeigerung im Sog von Performanzaktivitäten wie eine Dienstleistung in Anspruch zu nehmen. Der Kompetenz-, Fitness- und Wellness-Status wirkt hier wie »systemisches Doping«, das jede Menge von positiven Placeboeffekten bereithält. Im gleichen Maß, in dem der neue Konsument von Arbeit, tendenziell arbeitslos, sein Arbeitslos als Vollzug einer Dienstleistung affirmiert, er sein prekäres Angeeignet-Werden sich fortlaufend selbstverantwortlich mit aneignet, scheint die dem klassischen Arbeitsvertrag immanente Erpressung aufgehoben, als gäbe es da aus dem Nichts heraus ein endlos kreativ und performativ anwendbares Arbeitsvermögen, als sei der Dienstleistende die Reinkarnation der Vergöttlichung von positivierender Arbeit und Kompetenz. Darin ist auch reflektiert, dass der Verlust der Arbeit für die Dividuen heute als Katastrophe aufscheint, die mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln abgewendet werden muss – wenn kein Mensch mehr an die Arbeit glaubt, erst dann wird der Glaube an ihre Notwendigkeit universell. Konnte Marx noch ganz trocken konstatieren, dass der Arbeiter nicht für sich, sondern für das Kapital produziere, um damit wirklich jede Apotheose, welche die Arbeit zum Idol erhebt, auszuschließen, so wird mit der kreativen Selbstkonfiguration durch den Kauf von Arbeit, die von der beständigen Konsumtion von Coaching-, Casting- und Enhancement-Programmen stilvoll begleitet wird, eine wirklich unheimliche Genussfreude an der (digitalisierten) Arbeit wiederentdeckt, deren Propagandisten beständig ausposaunen, dass es sich bei den in die informierenden Netzwerke integrierten Personen tatsächlich um die Verkörperung kreativer Mit-Teilungen und Singularitätsvorführungen handele – anstatt einfach zuzugeben, dass diese Personen nach wie vor meistens Befehlsempfänger sind, die sich unter Umständen im Team auf einer unteren oder mittleren Ebene des Unternehmens gegenseitig die Befehle geben.

Die Arbeit, die als industrielle Arbeit (in den Metropolen) zunehmend verschwindet, bleibt als Mangelware und als Beschäftigung, die als Amphetamin und Tranquilizer zugleich verabreicht wird, erhalten. In der Folge muss man der Arbeit, die in der Tat nicht mehr Arbeit, sondern Beschäftigung ist, welche entweder im Warten oder wahlweise in übelster Hetze besteht, eine Schönfärbung besonderer Art beimischen, sie wird nämlich zur Selbstverwirklichung und -steigerung umgeschrieben, ein Euphemismus, den nicht nur diejenigen, die einmal in den Genuss einer Maßnahme des Jobcenters kamen, sondern auch diejenigen, die einem ganz normalen Job im Büro nachgehen – eine beängstigende Konvulsion aus Mobbing, Hetze und lähmender Langeweile zugleich, als sinnentleerte Betriebsamkeit – nur als einen schlechten Scherz begreifen müssten. Tun sie das nicht und zeigen etwa auch noch ansatzweise delinquentes Verhalten, dann extrahieren heute Data-Science Engines aus dem Web und anderen Quellen Daten und Signale, die genau dieses abweichende Verhalten anzeigen, und damit wird man ganz schnell zu einem Arbeitsrisiko, das auf einem Risikoindex eingeordnet wird, sodass das Unternehmen und sein Management schon mal präventiv eingreifen und das personifizierte Risiko einfach mal vor die Tür setzen können. Aber weil die meisten Beschäftigten das Abweichende nicht tun, müssen sie zur Strafe ihre eigene Beschäftigung als Selbstverwirklichungsprojekt konsumieren, die Höchststrafe, die das Kapital für derart zusammen geprügelte Subjekte, denen selbst noch die Arbeit im Schweiße ihres Angesicht verwehrt bleibt, bereithält. Und ein solcher Konsum der Arbeit ist heute oft genug Verschrottung von Arbeit, die wiederum von der Kreativität der Arbeit nicht mehr zu trennen ist, sodass noch der Imperativ der Arbeit entfällt, weil die neuen Stachanows des vulgären Hedonismus und der affektiven Kompetenz keine Befehle mehr brauchen, um ganze Arbeit (an sich) und an und für die anderen zu leisten, sie benötigen lediglich den gefühlvollen und einfühlsamen Hauch, den Anschub, den der Coach oder Leader ihnen beständig einflößt.

Und diese Strafe setzt sich in der Freizeit fort; bekanntlich beginnt der Ernst des Lebens – untrennbar vom Spaß am Leben – in der Freizeit, in welcher nicht nur Produkte, Affekte und Events konsumiert werden wollen, sondern der Konsum selbst im Loop. Bezeichnunegn wie Freizeitindustrie, Wellnesszentrum, Freizeitpädagogik und Ähnliches weisen auf die Zugehörigkeit der Freizeit zum Geschäft und zum Betrieb hin, wobei Freizeit und Arbeit in Konkurrenz zueinander um die höchste Anerkennung buhlen, womit es im Leben eben nicht mehr nur darauf ankommt, möglichst viel gearbeitet, sondern auch reichlich Freizeit im Rahmen angeblich hochindividualisierter Erlebniswelten konsumiert oder genossen zu haben. Das gilt insbesondere für die Eliten und den einkommensstarken Teil der Mittelklasse, die wie aufgelöst in ihrem Singularitätswahn und Einzigartigkeitsexzess die Freizeit und Arbeit ständig miteinander vermischen und unter den Glanz der Kreativität stellen, Menschen, die rundherum glücklich mit ihrer Art der singulären Selbststeigerung sind, während der größere Teil der Bevölkerung selbst in den westlichen Wohlfühloasen des Westens das Abartige der täglichen Beschäftigung nur so leidlich erträgt, um irgendwie hin zu den kostbarsten Wochen des Jahres zu gelangen und den Urlaub zu genießen, das heißt in irgendwelchen Hotelbunkern im Süden nur leidlich herumzulungern, das heißt unter der Aufsicht und Anleitung von professionellen Fachkräften, Coachs und Entertainern zu stehen, die einem Tag und Nacht beibringen, wie man zu tanzen, Gymnastik zu machen, zu essen und den Beischlaf auszuüben hat. Wolfgang Pohrt schreibt dazu: »Das harte Faktum, daß das Kapitalverhältnis seinem historischen Zweck gemäß die Lohnarbeiter in überflüssiges Menschenmaterial verwandelt, in nutzlose Esser, die man in den armen Ländern verhungern lassen kann, während sie in den reichen Ländern als Unterstützungsempfänger halbwegs bei Laune gehalten werden müssen, dies harte Faktum also wird dabei mit viel ideologischem Weichspülmittel behandelt, und am Ende des Weichspülwaschgangs, den mache als Umdenken, andere als Etikettenschwindel bezeichnen, hat sich wie seinerzeit die Putzfrau zur Raumpflegerin das simple Zeittotschlagen beispielsweise in selbstverantwortliche Identitätsfindung verwandelt.« Pohrt ein hauch von nerz.186

Und wenn selbst noch die Linke ein letztes Mal die Arbeit, die in vielen angesagten Kreisen jetzt Kreativarbeit heißt, als die Selbstverwirklichung des Individuums verstanden wissen will, dann befindet man sich ganz und gar nicht in der Nachbarschaft von Marx, den man dieses Jahr arschverkrampft bemüht hat, sondern man befindet sich in der Lebensphilosophie einer heute nicht zu Tode zu kriegenden Jugendbewegung, die im Sog des Aufgesogen-Werdens innerhalb eines Pools von »interessanten Optionen« auf permanente Durchsetzung von kulturellen Novitäten setzt, mit denen denen das aufgeblähte Selbst aufstiegswilliger kleiner Spießer vor allem auch in der Kunst sich der Illusion von Einzigartigkeit, im Neuspeech Singularität, Unverwechselbarkeit und Genialität hingibt, etwas, was das aller Macht beraubte Exemplar heute unbedingt braucht, um nicht gegen den täglich erlittenen Mix aus lähmender Langeweile und stressiger Beschäftigung eine lebenstherapeuthische Fachkraft aufsuchen zu müssen, die einem zwei und zwei zusammenrechnet, dass nämlich für Schöner Wohnen, Gepflegter Trinken und Gesünder Essen auch noch die kreative Arbeit hinzukommen muss, sonst könne man nicht glücklich und zufrieden sein, sondern bleibe der sinnentleerte Hedonist, vor dem einem, das muss man hinzufügen, niemand gewarnt hat. Und so verbindet sich die Freiheit, aus angeblich Nichts etwas Neues zu schaffen, mit dem Zwang in den diversen Attraktivitätswettbewerben ständig kreativ sein zu müssen, und je mehr alle kreativ sein müssen, desto weniger können es die Einzelnen noch, aber weil sie es weiter krampfhaft versuchen, entsteht eine Welt der Pseudo-Originalität, der Fakes und der Plagiate, die vor allem eines zeigt: Dass es trotz der millionenfachen Erfindungen und dem Überfluss von Waren mit angeblichem Einzigartigkeitscharakter nichts mehr zu erfinden gibt, außer die Hightech-Lifestyle-Presse gibt die Angebote und deren Remix vor. Und je schneller das Objekt oder Produkt heute verfällt, desto mehr muss es mit einer kreativen Idee aufgebrezelt werden, vom kreativen Obstkuchen über den kreativen Wandschmuck bis hin zum kreativen Selbst, das man an den Arbeits- und Aufmerksamkeitsmärkten als das kleine Kapital x vermehren, anlegen oder einfach auch mal bei einer Beratungsfirma kaufen kann. Es kommt hier aber nicht, wie Seeßlen/Metz meinen, zur Zerstörung alter Bedeutungen und zu ihrem Ersatz durch neue Bedeutungen, was sie surreal nennen, sondern der energetisch produzierte Bedeutungsüberschuss verweist einzig und allein darauf, dass bedeutet werden muss, was bedeutet wird, ist vollkommen gleich-gültig. Aber noch jede Bedeutung muss kapitalisiert werden.

Dabei zerfasern heute selbst noch die weniger fragilen Lebens- und Arbeitsentwürfe an der Allgegenwart der Einschnitte, mit denen das Leben, die Beschäftigung und die Generierung des Surplus immer schneller jenseits einer chronologischen Zeit in Intervalle geteilt, gepresst und wieder verstreut oder rekombiniert und damit Kontinuität durch eine Art indeterminierten Aufschubs ersetzt wird, – wahrlich ein anhaltender Schwebezustand einer spekulativen Zeit, mit der auch das Nie-zu-Ende-Kommen lebenslangen Lernens und Investierens perpetuiert wird. Es kommt zu einer immer tieferen Fragmentarisierung der Arbeitszeit und der Lebenszeit, und beide Zeiten bleiben eingespannt in den Prozess einer rasenden, deterritorialisierenden Rekombination, in der beispielsweise die Arbeit am Telefon für eine Woche, einen Tag oder eine Stunde abgerufen werden kann, womit die Beschäftigung fraktal und rekombinant gerät. Die digitale Arbeit ist fragmentiert; das Dividuum – selbst eine zelluläre Form – erfährt in den digitalisierten Produktionsprozessen eine rekombinante Fragmentierung in zellulären und zugleich rekombinierbaren Segmenten. Es geht hier nicht nur darum, dass die Arbeit selbst prekär wird, sondern es kommt in den Arbeitsprozessen fortwährend zu Teilungen, unter Umständen zur Auflösung der Person als ein unifizierter produktiver Agent, als Arbeitskraft. Es ist ganz klar, als Zellen der produktiven Zeit können die Dividuen in den punktuellen und fragmentierten Formen der Arbeitsprozesse ständig neu mobilisiert, angereizt und rekombiniert werden. Wir haben es mit einem immensen Anwachsen einer depersonalisierten Arbeitszeit zu tun, insofern das Kapital immer stärker dazu übergeht, anstatt den Arbeiter, der acht Stunden am Stück arbeitet, verschiedene Zeitpakete zu mieten, um sie dann zu rekombinieren (Out- und Crowdsourcing) – und dies eben unabhängig von ihrem austauschbaren und damit mehr oder weniger zufälligen Träger. Auch das »Selbst« fluktuiert nun als fluides Rest-Ego und wird in immer neuen Relationen rekombiniert, und diese Formierung gleicht einem Kaleidoskop, »das bei jedem Schütteln ein neues Muster zeigt.«10 Diese Art der weit über die Arbeitsbeziehungen hinausreichenden spasmischen Rekombination der Beschäftigung wird heute auch in den diversen sozialen Netzwerken geleistet. In der Meisterung des Beschleunigens und Entschleunigens, des Dehnens und Aufschiebens, der Kompression und des Resettings von Zeitplänen, stellen die Beschäftigten auch erweiterte Möglichkeiten her mit nicht-chronologischen Strömen des Geldes Surplus für das finanzielle Kapital zu generieren. Voraussetzung dieser Art der Surpoluserzeugung, die mit der Verschuldung einhergeht, sind sowohl niedrige Löhne als auch prekäre Arbeitsformen, bei denen die Beschäftigten sich konstant an nicht vorhersehbare Arbeitszeiten und an volatile Löhne anpassen müssen, nicht zuletzt an das Hebeln ihrer Schulden, sodass sie in nicht determinierte und unvorhersehbare Zeitströme geradezu hineingezogen werden.

In der Share Economy wiederum kontrollieren und steuern die digitalen Interfaces, die man heute Plattformen nennt, die Arbeit auf einem ganz neu strukturierten Arbeitsmarkt. So unterscheiden sich die Fahrer und Fahrradkuriere neuer Plattformen wie Uber von den abhängig Beschäftigten der traditionellen Unternehmen dadurch, dass sie selbst eine Dienstleistung anbieten, wobei die Mittel, um die Dienstleitung, die eine App der Plattform ihnen vermittelt, auszuführen, selbst aufzubringen sind, seien es das Auto oder das Fahrrad und auf jeden Fall das Smartphone. Was also während der Ausführung der Dienstleistung verschlissen wird, ist das Eigentum der Fahrer und Kuriere. Dabei stehen die Fahrer, denen beispielsweise Uber ermöglicht, Fahrgäste aufzunehmen, unter strikter digitalisierter Kontrolle und sind auch räumlich dazu gezwungen, den Algorithmen der Plattform zu folgen. Die Routen, die sie fahren, werden durch das GPS diktiert, während ihre Effizienz, Verfügbarkeit sowie ihre Interaktion mit den Fahrgästen Gegenstand ständiger Bewertungen ist, die dann weiterhin bestimmen wie, wann und wo die Fahrer zum Einsatz kommen.

Dabei fungieren die Fahrer und Kuriere nicht als offiziell Beschäftigte, sondern sie sind gegenüber den Unternehmen der Plattformen private Vertragspartner. Weit davon entfernt eine Alternative zur prekären Arbeit anzubieten, oszillieren diejenigen, die den Service für die Kunden letztendlich bereitstellen, im Spannungsfeld zwischen den restriktiven Bedingungen der Lohnarbeit und dem Risiko der Selbstständigkeit. Damit sind die Anbieter von Dienstleistungen, welche die Angebote der Plattformen nutzen, zwar von den Repressionen der Lohnarbeit, aber auch von den mit ihr einhergehenden sozialen Garantien befreit (weil die Plattformen keine Sozialabgaben zahlen). Solchermaßen scheinen sie das Epitom neoliberaler Subjekte darzustellen. Zumindest ist die persönliche Abhängigkeit von einem Chef, der einem Arbeitsalltag mit allerhand Befehlen versüßt, überwunden, denn mit den Organisatoren der Plattform haben die Fahrer nämlich wenig zu tun, selbst im Notfall ist es kaum unmöglich, mit ihnen Kontakt aufzunehmen. Es ist also scheinbar den Fahrern selbst überlassen, wie sie ihren Arbeitsalltag gestalten, aber sie dürfen eben während der Arbeit niemals zu langsam werden und sie müssen unbedingt mit der Konkurrenz mithalten, und deshalb gilt es einfach komme was wolle auf das Pedal zu treten.

Die Unternehmen stocken den Stundenlohn für die effektivsten ihrer Fahrer immer etwas auf, was aber nichts anderes heißt, als dass durch die permanente Überwachung und die automatisierte Auswertung der Performance der Fahrer die Konkurrenz, der Vergleich und die Skalierung auf Dauer sichergestellt sind. So bemisst sich bei den selbstständigen Fahrern der Verdienst an der Anzahl der ausgefahrenen Lieferungen. Und das erhöht für gewöhnlich auch die Risikofreude während des Fahrens und damit wie nebenbei auch noch die Nachfrage der Fahrer nach den Leistungen der Unfallversicherung; die ansteigenden Versicherungsprämien reflektieren den Mut zum Risiko, was wiederum die Leistung der Fahrer beflügelt, denn auch das Geld für die Unfallversicherung muss von ihnen verdient werden. Wenn in einer Schicht keine Bestellungen eingehen, kriegen die Fahrer zwar keinen Lohn, aber ihre Arbeitszeit verwandelt sich dafür bruchlos in freie Zeit. Weil die Kuriere aber mit dieser freien Zeit überhaupt nichts anfangen können und auch nicht wollen – wer will sich schon durch den lähmenden Zeitbrei des Alltags fressen – sind folgerichtig nicht nur die wirklich stressigen Schichten bei den selbstständigen Fahrern die beliebtesten, sondern diese verlangen andauernd auch noch nach neuen Schichten. So sorgen die Fahrer in der Regel ganz zuverlässig für die sogenannte Markträumung und melden darüber hinaus aufgrund eigener fehlender finanzieller Mittel andauernd weiteren Bedarf nach Arbeitsschichten an und steigern damit die Nachfrage nach den Kurier-Arbeitsplätzen, weswegen der Algorithmus mit jedem Update die finanziellen Bedingungen für seine Nachfrager weiter verschlechtern kann, was nun aber keineswegs dazu führt, dass die Nachfrage spürbar nachlässt.

Für viele Theoretiker sind die großen Plattformen nichts weiter die Assemblage kommerzieller Verträge zwischen einer »principal authority«, die im Namen des Unternehmens Verträge abschließt, und einer Multiplizität von Agenten, die selbstständig für die Unternehmen Dienstleistungen bereitstellen. Die Plattformen multiplizieren somit Partnerschaften, die auf rein kommerziellen Begegnungen basieren und aufgrund derer für Dritte Serviceleistungen ohne geregelte Arbeitsverträge und Lohnarbeiter angeboten werden. (Nach wie vor ist es aber einer Reihe von Unternehmen in verschiedenen Branchen kaum möglich, ohne die Einstellung von Lohnarbeitern zu produzieren.) Schließlich sind die neuen Anbieter von Dienstleistungen aber nicht nur von ihrer eigenen geleisteten Arbeit, sondern auch von ihrer Einbindung in Netzwerke abhängig, die durch Ratings und Rankings und andere Ordnungsverfahren strukturiert sind, und das heißt auch, dass die Ausbeutung ihrer Arbeitsressourcen und ihr Risikomanagement letztendlich vom Kredit abhängen, der durch positive Ratings begünstigt wird und dessen Akkumulation ihnen unbedingt gelingen muss. Deshalb bedarf die eigene Arbeitsleistung sowie die Anpresiung der Skills im Zuge der Selbstvermarktung andauernd der positiven Bewertung und der Anerkennung durch die Kunden, die sich in Scores, Likes, Freunden und Followers manifestiert, und diese Bewertungen zu optimieren, ist eine wichtige Aufgabe, die es für einen Fahrer zu erledigen gilt. Und die Akkumulation des »reputational capitals« muss unbedingt einen effizienten Kreditscore zur Folge haben, um auch das Vertrauen von Banken und Versicherungen zu erlangen. Die Nachhaltigkeit der Operationen der Serviceanbieter hängt damit wesentlich stärker von der Zustimmung der Kreditgeber und Sponsoren ab als von dem von neoliberalen Ideologen in den Vordergrund gestellten Unternehmerethos oder dem zu steigernden Preis des Humankapitals, wobei die Sponsoren meistens finanzielle Spekulanten sind, die für die Extraktion und die Prognosen bestimmter Ressourcen und Rohstoffe (in diesem Fall die Verhaltensweisen von Usern) auf digitalen Maschinen beruhende Produktionsmittel einsetzen, die der gewinnbringenden Verhaltensmodifikation der Kunden dienen, welche wiederum ohne die totale Kontrolle der Fahrer nicht zu erlangen ist, sodass diese heute beispielsweise auch auf Facebook von spurenlesenden Maschinen verfolgt werden.

Auf den Webpages der Plattformen, auf deenn sich Anbieter der Dienstleistungen und ihre Kunden miteinander austauschen können, weisen die Plattformen ihren Serviceleistenden ein spezifisches Set von kontinuierlich zu bewertenden Assets zu, welche die Serviceleister wiederum als Teil ihres »reputational capitals« kombinieren, verschieben und managen müssen. Dabei sehen manche Theoretiker im Management des »reputational capitals« schon die Hauptressource, welche die fahrenden Akteure unbedingt zu managen und zu kultivieren haben, um in der Hierarchie aufsteigen oder schlichtweg überleben zu können. Am Ende werden Dienstleistende wie Fahrer oder Kuriere schließlich selbst eine Facebook-Hyperpage führen müssen, auf der die verschiedenen Empfehlungen von Freunden, Mentoren, Kreditgebern, Sponsoren, Kunden und Serviceprovidern dokumentiert sind. Diese offenen, durch Algorithmen designten Profil-Portfolios, ermöglichen es erst, die Attraktivität und Vertrauenswürdigkeit einer Person darzustellen, ihren reputationalen Wert zu bestimmen und damit ihre Fähigkeit für eine Arbeit, eine Kreditlinie oder eine Partnerschaft auszuweisen. Offensichtlich müssen die privaten Asset-Manager nun selbst auf ihr eigenes »reputational capital« spekulieren oder sie müssen den Spekulationen anderer folgen, aber sie werden dazu auch bis in ihre geheimsten Wünsch verführt oder angeleitet, indem sie komplexen und doch schwer nachvollziehbaren Verhaltensmodifikationsmaschinen unterworfen sind, das heißt in der Black Box operierenden Algorithmen oder automatisierten Protokollen, die nicht nur das Arbeitsverhalten, sondern selbst noch die Ausbreitung von Emotionen über die Plattformen zu lenken versuchen. (zuboff)

Wenn es schließlich dazu kommt, dass die Zeit der Arbeit und die Zeit der Nichtarbeit durch keine exakte Grenze mehr getrennt sind, dann besteht auch zwischen Beschäftigung und Nichtbeschäftigung kein wesentlicher Unterschied mehr. Deswegen kann Paolo Virno in aller Überspitztheit schreiben: »Die Arbeitslosigkeit ist unbezahlte Arbeit; die Arbeit ist dann ihrerseits bezahlte Arbeitslosigkeit. Mit gutem Grund lässt sich also genauso gut behaupten, dass man nie zu arbeiten aufhört, wie man sagen kann, dass immer weniger gearbeitet wird.« Paolo Virno weist damit auf den Sachverhalt hin, dass der Kunde der »Modernen Dienstleistung am Arbeitsmarkt« längst schon dem von Günther Anders als »Automationsdiener« titulierten Subjekt oder dem von Baudrillard beschriebenen »Arbeitsmannequin« entspricht, das die nicht vorhandene Arbeit simuliert, als ob sie vorhanden wäre, oder trotz der zuviel vorhandenen Arbeit simuliert, als ob diese gar nicht vorhanden wäre. Eine weit verbreitete Form der Beschäftigung, die ganz in maschinelle Komplexe integriert ist, ist heute die des Beschäftigungsmannequins, das in bestimmten Zyklen die Tätigkeit des Wartens oder Tastendrucks ausführt, der in Abhängigkeit von einer anderswo programmierten Abfolge eines maschinellen Feedback-Systems erfolgt. So besteht die Wendigkeit, Cleverness und Schnelligkeit des heutigen Dividuums, ein Prozak und Ritalin-Mutant, vielfach im niederschmetternden Warten, im Warten darauf, den roten Knopf drücken zu dürfen, während die Entscheidung anderswo längst schon abläuft oder gefallen ist, nämlich in den rekursiven Schleifen des maschinellen System selbst.,

Diese Art von abgrundtiefer Trostlosigkeit (der Beschäftigung) bedarf seltsamerweise einer ganzen Reihe von Bedingungen hinsichtlich der Entlohnung und Kontrolle, sei es die individuelle Führung von Zeitkonten, die Protokollierung der Länge von Telefonaten, die penible Aufzeichnung von Meetings in den Unternehmen oder das ausführliche Studium von Compliance-, Sustainability- und Controll-Kompendien. Es gibt die ADHS erzeugenden Tätigkeiten, bei denen die Zeit, in der sich die Büroangestellten mit verschiedenen Aufgaben beschäftigen müssen, notorisch durch die Kommunikation qua Telefon, Fax, E-Mail unterbrochen wird, wobei die Zeiten dieser Unterbrechungen oft länger als die der Aufgabenerledigung sind. Die Unterbrechung, die auf den Rhythmus der Informationsflüsse in den Kommunikationsnetzwerken zurückzuführen ist, suspendiert die Zeit der Aufgabenverarbeitung. Je mehr die (objektive) Notwendigkeit der Arbeit sich nicht mehr darstellen lässt, desto mehr wird die Arbeit im Zuge ihrer universellen Präsenz heroisiert oder genossen, und dies geht so weit, dass sogar die Arbeitslosen und Kinder von der Arbeit besessen sind, wobei kein Zweifel aufkommt, dass man seine Arbeitskraft zur Sicherung des Lebensunterhaltes auf Gedeih und Verderb vermieten muss. Mit der Ubiquität der Propaganda der Arbeit kommt es noch zur Kolonialisierung der Wochenenden, der späten Abende, ja sogar der Träume, bis die Beschäftigten nicht nur einen Job haben oder einen Job performen, sondern der Job selbst sind.

Da die neuen Managementmethoden mit ihrer wuchernden Semantik sowie Semiotik ständig das Wort »Performance« in den Mittelpunkt ihrer Strategien rücken, scheint für die Beschäftigten der Unterschied zwischen Leistung, Casting und purer Angeberei, die durchaus auch eine Maßnahme zur Selbstmodifizierung sein kann, tendenziell aufgehoben. Entscheidend ist nicht mehr allein das Produkt oder die Qualität der Arbeit, sondern die als Supplement zugefügte Performance, bei der man alle möglichen Rollen auskosten darf, vom Ethiker bis zum Bösewicht, die Performance darf nur nicht zu weit gehen und dem Unternehmen schaden, dann handelt man sich nämlich einen Verweis ein. Der Performance muss wiederum ein Profil zugewiesen werden, das die Potenziale aufzeigt, die die (angebliche) Besonderheit eines Beschäftigten ausmachen und im Betrieb systematisch simuliert und letztendlich sogar gefordert wird. Dieser Pseudo-Unterschied, der einen Unterschied macht, ist in das betriebliche System fest eingeschrieben. Fremdsingularisierung und Selbstsingularisierung verzahnen sich wie ein tadellos funktionierender Reißverschluss. (Reckwitz 3441) Gerade diese Spannung, welche die Performanceaktivitäten bis auf Messers Schneide vorantreiben, führt nicht nur zu nicht-linearen Phasen des Karriere-Machens, das durch das Vernetzungspotenzial, Profilsteigerung, Matching und Kompetenzen bis zu einem gewissen Maß beeinflussbar ist, sondern auch zu dem allseits gefürchteten Karrierestress, der von der Angst lebt, dass der eigenen Leistung, die ja wie »Kapital« behandelt werden soll, nicht die supplementäre Performance entsprechen könnte (oder umgekehrt), so dass man sich letzten Endes gezwungen sieht, die eigene Leistung mit der Performance gleichzuschalten was wiederum heißt, dass zur leidigen Erledigung der Aufgaben noch die Darstellung der Aufgaben hinzutritt. Diese generalisierte Performativität, die mit dem Ideal der Kreativarbeit eng verschweißt ist und unaufhörlich Selbsterfindung und gleichzeitig Selbststeigerung propagiert, kreiert bei Erfolg den funktionellen Psychopathen, der das mit ADHS behaftete Subjekt in sich einschließt, oder bei Misserfolg das depressive Subjekt. Zudem generiert die Beschleunigung des Informationsaustausches oft genug weitere Pathologien, weil die Beschäftigten in den Büros oft einfach nicht in der Lage sind, die immensen und ständig steigenden Mengen an Informationen, die über die Computer, Smartphones, Screens und elektronischen Tagebücher in die Hirne wie gefräßige Parasiten eindringen, noch zu prozessieren. Man reagiert darauf mit einer weiteren Beschleunigung der Kommunikation, arbeitet so gut es geht zügig an Lösungen und wenn etwas nicht klappt, dann entspannt man am besten, so das Script der Coaches, für ein paar Minuten in den kleinen, pseudo-exotischen und warmherzigen Wohlfühloasen der Büros unter künstlichen Palmen oder läuft eine Runde auf dem Laufband im Fitness-Room des Unternehmens.

Dass die Angestellten noch zusätzlich damit beschäftigt sind, sich die Readymades der neobuddhistisch inspirierten Coachingdiskurse und andere Soft Skills anzutrainieren, um so etwas wie eine Gemeinschaft der sozial kompetenten und zugleich die Eigentätigkeit und Eigenverantwortung einfordernden Akteure gerade im Bürobetrieb herzustellen, wo jenseits der Gängelungen des Fabriksystems Lohnarbeit auch weiterhin das bestimmende Prinzip darstellt, das lässt einen wirklich aufhorchen, denn längst reicht ein höflicher Ton oder ein kurzes taktisches Gespräch, dem jede Tendenz zum »Du« oder zur Überkommunikation zuwider ist, nicht mehr aus, um die Zusammenarbeit im Büro unter Bedingungen, die man sich wahrlich nicht selbst ausgesucht hat, zu erleichtern. Längst benutzen die großen Unternehmen Datensoftware, die das Verhalten der eigenen Angestellten mittels der Durchsuchung des Internet nach deren Datenspuren aufarbeitet und vorhersagt. Daraufhin ordnen die Maschinenlernmodelle gewisser Software-Firmen die Angestellten des Unternehmens einem Risikoindex zu, wobei die auf dieser Basis getroffenen Vorhersagen über das Verhalten der Angestellten mit den tatsächlich stattfindenden Personalfluktuationen im besten Fall identisch sein sollen. So kann das Management des Unternehmens durch den Kauf der Informationen und Vorhersageprodukte über die eigenen Angestellten präventiv eingreifen, wenn es denn eine aktive Personalpolitik betreibt. Aber das ist nur die maschinell-objektive Seite des Spiels, zu dem die subjektive Verfasstheit der Beschäftigten hinzukommen muss.

Das geschickte Surfen auf den Wellen der Beschäftigung verlangt für die Angestellten nach Ausdauer und Geschmeidigkeit im Modus auto-operativer Wendigkeit, um überraschende Optionen im Job sofort wahrzunehmen oder schnelle Entscheidungen, um quasi unvermittelt neue Aufgaben auszuführen, es verlangt den spielerischen Opportunismus als Handlungsmaxime, mit der man sich stets gegenüber einer Vielzahl von Möglichkeiten offen hält, um die beste, die sich gerade anbietet, zu ergreifen, oder, um eine Option, ohne zu zögern, zugunsten einer besseren Gelegenheit fallenzulassen; so gebietet diese Art des perfromativen Surfens die Ausformulierung eines zynischen Interesses, mit dem oft genug dieselben Aussonderungen, die andere vornehmen, als bedauernswerte, aber doch unvermeidliche Deformationen diffamiert werden. Dieser Form der Beschäftigung korrespondiert eine volatile Subjektivität, die bis an die Grenzen der insbesondere digitalen Mobilität ausgedehnt wird, um noch jeden affektiven und monetären Surplus einfahren zu können. Bernhard Stiegler kritisiert in diesem Kontext äußerst scharf eine heute vorherrschende Mentalität, die er mit »I-don’t-give-a-fuckism« umschreibt, eine generelle Attitude der organisierten Verantwortungslosigkeit. Und je intensiver die Mitarbeiter eines Unternehmens sich aufgrund eines zeitweiligen, aber zugleich uneingeschränkten Einverständnisses den betrieblichen Regeln, Programmen und Dispositiven aussetzen und sich derer zugleich bedienen – inklusive der kybernetischen Feedback-Mechanismen, die kein dummer Gesinnungsstaat mit seinen Organen und Apparaturen der Überwachung und Kontrolle je erfinden könnte, weil eigentlich kein aktueller Bedarf nach ultraharter Ausforschung, Bespitzelung und Inhaftnahme von Agenten der Unzufriedenheit besteht (und diese Überwachung doch stattfindet) –, desto stärker schillert erst die Variationsbreite der individuellen Optionen und Performance im betrieblichen Feld auf. So bleiben heutzutage die Büroangestellten dem halbherzigen und doch pflichtbewussten Sich-Einbringen in den Büroalltag gerade aufgrund ihres quälenden Opportunismus, der noch den geringsten Vorteil auszunutzen versucht, jederzeit verpflichtet, ohne dass da unbedingt eine knallharte Arbeitsanweisung bestehen muss, und dies geschieht im Rahmen einer operativen Steuerung und Optimierung der eigenen Person, was wiederum im besten Falle die 100%ige Identifikation mit den Unternehmenszielen voraussetzt oder verlangt. Hierin übernimmt die doch eher raunende Gemeinschaft der Betriebsangehörigen das Geschäft einer therapeutischen, sekundären Kontrolle, welche die primäre, durch die kapitalistische Ökonomie inszenierte Kontrolle des Lohnarbeiters und des Prekären flankiert und vervollständigt.

Es ist ja nicht so, dass die Mitarbeiter in den Büros unmittelbar sichtbar dem terrorisierenden Kommando einer Zentrale unterliegen, stattdessen sind sie in flexible technologische Kontrollsysteme und horizontale Gruppen-Dispositive eingelassen, die sowohl ihre eigene Effektivität, ihren Status, ihre beruflichen und emotionalen Kompetenzen und operativen Aufgaben als auch die der anderen Mitarbeiter zum Teil auch auf den Bildschirmen jederzeit abrufbar halten. »Online« zu sein kondensiert die hegemoniale Arbeits- und Lebensform, ständig mobile und mobilisierbare Verfügbarkeit im Kontext einer flexiblen Normalisierung ist die Arbeit selbst, die sich die Beschäftigten zusätzlich mit dem Konsum von Erlebniswelten, Wellness- und Fitnessprogrammen antrainieren, bis sie die Beschäftigung im Zuge einer permanenter Rekursion mit den Maschinen quasi reibungslos inkorporieren. Mittels Mikrotechnologien, Laptops und Smartphones, die man meist sitzend bedient, werden die Mitarbeiter einer modularen Logik folgend ständig in die Informationsströme eingebaut, die in den Netzwerken der Unternehmen zirkulieren. Unaufhörlich mobilisierbar und potenziell rund um die Uhr abrufbar bleiben die Angestellten mental angeregt, um während der Arbeitszeit aufgeregt in Real-Time auf die Fluktuationen der Informationsflüsse zu reagieren, die ständig über ihre Bildschirme flimmern. Im Rahmen der technowissenschaftlichen und psychologistischen Dispositive, Programmierungen und Konstruktionsprinzipien gibt es heute kaum noch einen Arbeitsplatz, der nicht permanent auf Evaluierung gestellt und zugleich nicht auf das kreative Potenzial und die Performancefähigkeit von Dividuen und Projektgruppen hinterfragt würde, um dann abermals evaluiert, das heißt auf neue Performance-Potenziale hin untersucht zu werden, aber dies eben weniger aufgrund des totalitären Drucks eines Leaders, sondern die Evaluation bleibt meistens eingebunden in das Team; und kein Team, das nicht nach Aussprachen, Ansprachen und Absprachen qua anglizierter Sprachspiele verlangt, von denen Wittgenstein nicht im Schlaf geträumt hätte. Mitten im Team schwirrt dann aber doch der Leader, der beispielsweise geradezu enthusiastisch in einer Art Aktionskunst eine Power-Point-Präsentation kommentiert, damit sich alle ein Bild vom Unternehmen, vom Produkt oder dem Projekt machen können. Selbstverständlich trägt der Leader keine Krawatte und auf dem lässigen, offenen, weißen Freizeithemd glänzt auf Herzhöhe das Logo der Firma, das grau gefärbte Haar mit weißen Strähnen und das kleine Schlangen-Tattoo im Nacken verrät aber auch ein ganz klein wenig Individualismus, der aber, wenn es darauf ankommt, ganz in den Dienst des Teamgeistes gestellt wird. Diese Situation perpetuiert sich noch bis in die Haarspitzen des Unternehmens, wenn zeitgenössische Chefs sich betont locker geben, den Mitarbeitern das Du geradezu aufdrängen und notorisch behaupten, ihre Betriebe würde eine wunderbar flache Hierarchie und eine fast schon kosmologische zu deutende Wellness-Atmosphäre durchziehen, während die Chefs im gleichen Atemzug ihre Mitarbeiter mobben, aus reiner Schikane oft von den Informationsflüssen abschneiden oder sie mit krankmachender Arbeit überhäufen und sie durch die diversen Abteilungen jagen. Statt wie früher strategisch vorzugehen, besteht die Aufgabe der Manager heute darin, die Fehleranfälligkeit und Langsamkeit menschlicher Entscheidungen im Vergleich zur algorithmisch ablaufenden Prozessen zu verringern, nur um die algorithmische Technokratie am Laufen zu halten. Die Manager sind dabei selbst völlig deskilled, um als skrupellose Vollstreckungsorgane der Unternehmen und als soziale Polizei in der Organisation selbst tätig zu werden. Sie geben keinerlei Richtungen vor und haben auch keine Erklärung für die Richtung, die das Unternehmen gerade einschlägt, sind dabei höchst flexibel, offensiv und defensiv zugleich, mobbend, aufheitend und verletzend, fokussiert und scheinbar unsicher, das heißt clever, und letztlich sind sie darauf beschränkt, den Imperativen des Shareholder-Value-Systems wiederzugeben und ihren Vorgaben minutiös zu folgen, die Mitarbeiter anzuspornen, ihnen aber auch mal schön die Meinung zu geigen, alles natürlich nur im Rahmen der kreativen Teamarbeit und zum Wohl des Teams versteht sich. Wer gut im Fertigmachen von Schlappschwänzen ist, der hat heute Zukunft.

Die Performanzhaftigkeit der Beschäftigten und deren Valorisierung zieht ganz und gar nicht, wie Reckwitz etwa annimmt, auf die Entwertung des Durchschnittlichen, sondern der Durchschnitt richtet sich nun nach seinen Amplituden aus, die durch das Team, den Leader und das jeweilige Projekt, an dem man gerade arbeitet, konfiguriert werden, indem die Leader dvor allem verstärkende Kompetenzen und Fähigkeiten der Mitarbeiter in den Mittelpunkt zu stellen versuchen sowie die Begeisterung für neue Aufgaben, eine weichgespülte Toleranz und taktische Freundschaft, Opportunismus und Schlagfertigkeit, die Fähigkeit, sich im und vor dem Team zu präsentieren, als Potenz zu verkaufen. Der projektorientierte Beschäftigte, der sein Ego im Fundamental-Casting herrlich auf der Bühne des Büros präsentieren muss, auch wenn sich die obsessive Suche nach dem Ego als die Suche nach einem Gespenst entpuppt, vielleicht noch nach einem virtuellen Ich, das dem anpassungsfähigen Subjekt seltsamerweise deckungsgleich ist, kann der Narration des Casting nur folgen wenn Coaching und Casting sich gegenseitig bedingen.

Das Ethos, das sich aus Opportunismus, Kreativität und sozialem Engagement zusammensetzt und sich heideggerianisch als Gerede oder systemdeutsch als Singularitätsspiel oder Kommunikation artikuliert, ein Ethos, über das jedes Bewerbungsevent heute hinlänglich Auskunft gibt, wird beständig neu verhandelt bzw. austariert, ohne dass ein Coach, der in seiner Funktion als Unternehmensberater eher einem postmodernen Wanderprediger gleicht, es ständig ausdrücklich zu empfehlen hätte. Dennoch bleibt der Coach in seiner besonderen Art des Clowns eine nicht unwichtige Figur, neben dem manchmal sogar der Manager als der Remixer oder DJ der postindustriellen Produktion verblasst. Seeßen 97 Im Rahmen der geforderten und bereitwillig auch vollzogenen und vor allem sehr operativ-gesprächigen, kreationswütigen und performancegeschwängerten Zwangsharmonisierung wird mit Hilfe eines Pseudo-Sadismus, das heißt insgeheim gegenseitiger Verachtung sowie dem paradoxen Interesse an aktiver Passivität, ein Kampf aller gegen alle geführt, der die Intensivierung des Ressentiments sowie des Erlebens, das ja im Gerede keinerlei Referenz mehr kennt, im Prozess eines öffentlichen Absonderns von Meinung zur Folge hat. Dabei werden im Büro alle Stufen des geselligen Austauschs ausprobiert, vom gemeinschaftsfördernden und zugleich den Leistungswillen des Einzelnen herauskitzelnden Spiel, den berüchtigten flachen Hierarchien und der Vermischung von Arbeit und Freizeit, über die Förderung der Konkurrenz, dem Abwatschen der Versager und der Überwachung von jedem durch Jeden bis hin zum gemeinsamen Konsum leistungssteigender Drogen, Amphetamine und Vitamine. Aber am Ende ist sich jeder selbst der Nächste. »Clever ist«, schreibt Wolfgang Pohrt, »wer es versteht, sie (die anderen) für sich einzunehmen oder sie hereinzulegen. Wer es nicht versteht, ist der Dumme.«

(Die Logik der Büroräume besteht unter anderem darin, dass man, wenn nötig, einen Mitarbeiter gemäß spezifischer organisationstechnischer Strategien entfernt, ohne ihn sogleich durch einen anderen Mitarbeiter zu ersetzen, weil eben der (soziale)Platz und nicht die Person konstitutiv für den sozialen Raum des Büros ist. Wenn sowohl die Arbeitsproduktivität als auch das Flexibilisierungspotenzial dieses Mitarbeiters miserabel war, dann lag es nicht unbedingt an seinen persönlichen Variablen & Koeffizienten, nicht einmal an seiner mangelnden Motivation oder Kreativität, nicht an den Skills, sondern an gewissen systemischen Bedingungen, den hinreichenden, aber nicht notwendigen Bedingungen, unter denen eben ein Platz ein Platz ist. Man hat die falschen Bedingungen favorisiert und damit den Mitarbeiter zu allerlei Unsinn ermutigt.)Der Schlüssel für eine gelungene Performance liegt darin, dass die Spekulationen auf einen fallenden Kurs mit denen auf einen steigenden gutausbalanciert sind.)

Der absolute Automat verschiebt die Arbeitswelt von der Manpower hin zur Brainpower. Wie es am Anfang der Industrialisierung zu einer Verkopplung von Hand und Maschine kam, so werden heute das Gehirn und die Maschine in einer neuen Ökonomie verkoppelt, die Stiegler “Iconomy” nennt. Diese Transformation involviert eine transduktive Relation, wobei die Produktion nicht länger auf der Arbeitszeit, sondern auf der Maschinenzeit basiert. Schon mit der Verkopplung von Hand und Maschine ist es die letztere, die wirklich arbeitet, und sie tut das blind und automatisch, womit man diesen Prozess kaum noch als Arbeit beschreiben kann, insofern diese immer auch eine Öffnung enthält, während die serielle und automatisierte Produktion immer abgeschlossen ist. Insofern sind die Produkte dann ready-made Waren.

Es geht heute um die Frage, ob die (angebliche) Eskalation der Produktivität, die mit der automatisierten Produktion erreicht wird, in freier Zeit oder in befreiter Arbeit münden soll.28 Wenn die Automation die Zeit generell befreit, wie vermeiden wir es dann, dass diese befreite und damit verfügbare Zeit eine verfügbare Gehirn-Zeit wird, eine Zeit, die nicht mehr an die Television, sondern an Google, Amazon und Facebook angebunden ist. Die Netzwerke der sozialen Medien erschaffen eine Realität, die real ist, aber als eine Technologie der Unmittelbarkeit kann man keine Befriedigung bekommen, obwohl wir sie gerade lieben wegen ihrer Trennung von der Jetzt-Zeit. Sie sind soziale Drogen für diejenigen, die das Humane wollen, das irgendwo in Zeit und Raum lokalisiert ist. Es ist der Pseudo-Andere, mit dem die User sich connecten, nicht der radikal Andere oder der fremde oder gar reale Andere. Wir arbeiten uns an der Schwäche und Vagheit ab, um die die Ausstellung des eigenen Selbst voranzutreiben, aber egal wie stylish, aggressiv, verzweifelt oder diplomatisch die Promotion des Selbst auf den dominanten Medien-Plattformen ist, sie bleibt Teil der alten Logik der Medien: Die Message ist die Leere. Ist.

Befreite Zeit muss befreite Arbeit sein, wobei dabei von der Energie und ihrem Potenzial nicht abstrahiert werden darf, Hand, Gehirn und Energie müssen verbunden werden. Heute sieht es ganz anders aus. Maurizio Lazzarato schreibt: “Um wachsende Einnahmen der Finanzinvestoren zu gewährleisten, muss die Verfügbarkeit für prekarisierte und mangelhafte Beschäftigung wie auch für schlecht entschädigte Arbeitslosigkeit, für Austerität wie auch für „Reformen“, total sein. Arbeit zu verweigern heißt heute, diese Verfügbarkeit zu verneinen, welche die Finanzialisierung gerne hätte, und zwar ohne Limits und Gegenleistung. Die Verweigerung der Arbeit unter den Bedingungen gegenwärtiger Ausbeutung zu praktizieren bedeutet, neue Modalitäten des Kampfes und der Organisation zu erfinden, um nicht nur die ererbten Rechte der historischen Kämpfe gegen die Lohnarbeit zu erhalten, sondern um auch und vor allem neue Rechte durchzusetzen,die an die neuen Modalitäten der Ausbeutung von Zeit angepasst sind, Formen der Solidarität zu konstruieren, die in der Lage sind, die Enteignung von Wissen und Savoir-faire zu verhindern, sowie zu vermeiden, dass die Modalitäten der Produktion von den Erfordernissen finanzieller Valorisierung diktiert werden, der sich weder Kunst noch Kulturindustrien entziehen können.” Es muss außerhalb des unerträglichen Systems der Beschäftigung wieder nach Tätigkeiten im Marx`schen Sinne gesucht werden, die nachhaltigen Reichtum schaffen und die Lohnarbeit zugunsten des Wissens, das heute ganz in Maschinen materialisiert ist, abschaffen, aber eines transformierten Wissens, insofern die Zeit durch die Arbeit der De-Automatisierung befreit wird, um eine freie Zeit der Transindividuation zu erreichen, und zwar im Sinne des otiums oder der sholhe, einer Muße, neuen Techniken des Selbst und der Anderen, und das heißt, für sich selbst und durch den Anderen zu arbeiten. Dazu bedarf es einer organologischen Revolution, der Erfindung neuer Instrumente des Wissens und der Publikation, eine epistemische und epistemologische Revolution, und dies kann dann eben nicht auf die Ausweitung des Dienstleistungssektors oder die Kreation neuer Jobs oder auf ein minimales Grundeinkommen reduziert werden, das der Kapitalisierung, dem Markt und dem Geld unterstellt bleibt. Reichtum ist Zeit und Zeit muss auch für Unterbrechungen zur Verfügung stehen, weil sie xer Quanten-Sprung für psychische und soziale Individuationen liefert, die wiederum durch Transindividuationen formiert und metastabilisiert werden. Diese Zeit der Unterbrechungen ist wichtig, um eine neue Form der Arbeit zu erfinden, die sich von der Entropie unterscheidet und die Negentropie fördert, eine energeia, eine Passage hin zur Aktion, wobei Energien wie die fossile Energie immer nur eine Bedingung für die neotische Energie sein können, nicht diese selbst. “Das Mögliche, das Werden und das Ereignis eröffnen Bereiche, die weder von Zeit noch Raum beherrscht sind und die von anderen Geschwindigkeiten animiert werden (unendliche Geschwindigkeiten, würde Guattari sagen), sei es von höchster Geschwindigkeit oder von größter Langsamkeit (Deleuze)…

Gorz geht von einem zweigeteilten Einkommen aus, zum einen ein Einkommen aus kreativer Arbeit, das mit der Dauer fällt, und einem sozialen Grundeinkommen. Während Hegel die Arbeit mit der Aufhebung synthetisiert und deshalb keine Proletarisierung kennt, kennt Marx diesen negativen Aspekt der Deproletarisierung sehr wohl, synthetisiert aber die Arbeit im Kommunismus wieder, und eliminiert damit das pharmakon, wobei auch zu bedenken ist, das es nicht die Proletarisierung der Arbeit, sondern das Ende der Beschäftigung kombiniert mit der organologischen Mutation (frei verfügbare Software), die durch die digitale ternäre Retention ermöglicht wird, ist, als ein Sorge-Tragen eines pharmakons, das durch das objektivierte Wissen transindividualisiert wird. Heute entleert die Macht des Computers – determiniert durch die Geschwindigkeit der Mikroprozessoren und des Datentransfers- die kreative Arbeit und die energeia, wobei Stiegler jedoch nicht zu einer ursprünglichen intuitiven Intelligenz zurück will, weil die Intelligenz sui generis artifiziell, das heißt organologisch ist, i.e. die Verkopplung des Lebens mit anorganischen Organen zu leisten hat.,

Kauf dir einen postfordistischen Burger! – Das Ende vom (McDonald`s) Lied

By Achim Szepanski

Fordistisches Essen

„Das fordistische Prinzip von McDonald’s wird 60 Jahre alt und ist in der Krise“, hieß es vor Monaten auf Telepolis. „Wir erleben die Geburtswehen einer tiefen Depression und nichts ändert sich. Es sind wahrscheinlich 30 Prozent aller Betreiber insolvent“, zitiert der Business Insider einen McDonalds-Betreiber.

Es klang schon in den 1990er Jahren ein wenig euphemistisch, als Arthur Kroker schrieb, McDonald´s verkaufe postmoderne Hamburger. Okay, der Hamburger war bei McDonald´s immer schon sein Bild, wahnsinnig ästhetisiert und er war überall anwesend – im Kindergarten der Kleinen, im Seniorenaltersheim für eine nostalgische und zahnlose Zeit, als windelweiche Kost für den Freizeitparkzeit und als Beigabe zur Freundschaftszeit für dauergesprächsbereite Jugendliche, bei den GI`s vor der Kaserne war er sowieso der Bruner, und nicht zuletzt im Werbefernsehen wurde er als Beigabe zu den Heidi Klum Gesichtsgrimassen gereicht – man denke an jene unsägliche Heidi-Klum-Werbesentenz, bei der die Begegnung des Dreikäsehoch-Verkäufers mit dem attraktiven Objekt der Begierde zu einer scheußlich emotionalen Überlegenheit der Werbeikone führt, indem diese die kindliche Verlegenheit des Verkäufers aufgrund seiner Attraktivitätsdefizite mit einem kräftig strahlenden (schneeweißen) Biss in einen doppelten Cheeseburger auf die Spitze und damit die Kastrationsängste des Jungen in schwindelerregende Höhen treibt, als würden jeden Augenblick seine Hoden an wattstarke Elektroden angeschlossen.

Das phasische Essen bei McDonald`s war aber dann doch eher eines für fordistische Gepflogenheiten und Bäuche – eine Art gebratener Hackfleisch-Scheiben zwischen zwei industriell hergestellte lappige weiße Brötchenteile gesteckt – auch wenn die Bäuche wie die Köpfe irgendwann längst zu geisterhaften Bildern ihrer selbst geworden waren. Nirgends konnte man die Massen besser kontrollieren und konnten sie sich selbst besser qua Kommunikation kontrollieren, als in diesen stalinistischen Essverarbeitungsstationen, die kräftig die Kommunikationskanäle schmierten, gerade wie es Kroker/Weinstein beschreiben: „“Ich könnte für immer hier bleiben und mit dir weiter reden.“ Das ist die Einstellung jener Leute, die bei McDonald`s herumhängen: die ideale Sprechgemeinschaft, die es bereits gibt, aber von der „Kritischen Theorie“ übersehen wurde.“ Konsum ist Kommunikation und umgekehrt.

Und dazu gab`s immer ne Coke. Besser war das kollektive Leben nie. Coke war nämlich immer mehr als Coke, es war mehr als die flüchtige Vereinigung mit der Werbung. Okay, irgendwie war und ist Coke in Eurer Hand bis heute immer auch nur eine Bestätigung dafür, dass Ihr in das Bild der Company passt, das ihr ausfüllt. Aber wie keine andere Ware konnte Coke andere Produkte infizieren, um die Kette von Gebrauchswert, Tauschwert, Kommunikation, Bild, Sinn und Design noch weiter zu hysterisieren, nämlich in die Lebensqualität oder neudeutsch in den Lifestyle hinein. Zeugt die Opulenz voller Regale in den Supermärkten keineswegs vom Versprechen auf Bedürfnisbefriedigung, sondern vom diferenziellen Überfluss der Zeichen, die wiederum einem organisierenden Code unterworfen sind (Baudrillard), so geht es immer auch um das konsumierte Bild des Konsums.  Aber noch mehr: Coca-Cola signifiziert oder designt heute keinen Sinn mehr, sondern das Getränk ist selbst schon Sinn. War Coca-Cola aber noch die Brause, die sich den Stars lustvoll unterwarf, wie Georg Seeßlen es beschreibt, so ist heute Red Bull die Ware, die selber zum Star geworden ist: „Eine einzige gewaltige Casting Show, in der Red Bull das Brandzeichen des Erfolges darstellt.“ (Georg Seeßlen)

Als Gegenprogramm zum fordistischen Hamburger und zur Coke zirkulierten damals in München-Schwabings Luxusrestaurants Austern, deren hellbraun gescheckter Kalk mit kräftigen radialen Rippen auf beiden Klappen die Gäste beim ersten Anblick schon faszinierte, wobei aber die den Austern zugeschriebene aphrodisierende oder libidinöse Wirkung nach Meinung der anwesenden Köche eine Scheiße-Chimäre oder bloße Ideologie der zu dieser Zeit langsam aufblühenden Lebensmittelindustrie war. Okay, der nussige und feinherbe bzw. der subaquamarine Geschmack nach Meer, der ja selbst von subsidären bzw. biochemisch indifferenten Geschmacksbanausen kaum bestritten werden konnte, mochte für die legendäre emotionale Heißhungrigkeit, die dem Konsum bzw. dem Effekt des Konsums der Austern anhaftete, mitverantwortlich sein; schlussendlich blieb der damals vergleichsweise hohe Preis des hochgesexten Lebensmittels das alleinige und entscheidende Kriterium für den Erfolg auf der sogenannten Market-Sexappeal-Matrix.

(Kriterien wie menschliche Arbeit, Zuchtanlagen oder gar Transport- bzw. Zubereitungskosten für die Preisfindung des hochgesexten Lebensmittels ins theoretische Lampenlicht zu rücken, führen die Problematik um die Wahrheit der Arbeitswerttheorie bzw. Produktionskostentheorie nur weiter ad absurdum,  wobei das Ephemere damals schon aufschien, nämlich, dass der Preis hier vor allem eine Information bewertet und sich von der Bewertung einer Funktion oder der Arbeit zu einem reinen Maß der Zahlungswilligkeit der süffisanten Celebrity-Kundschaft gewandelt hat, die bis heute in deprimierender Regelmäßigkeit experimentelle Fünf-Gänge-Menüs oder irre bunte Designer-Cocktailabende mit öffentlichem Interesse, beispielsweise als Spendenkampagnen für die Opfer von Schusswaffen, ADHS und Dauerwerbefernsehkonsum veranstaltet.)

Sollte die Menschheit untergehen, sie hätte es verdient. Seit 1970 hat der Mensch 60% aller Säugetiere, Fische, Vögel und Reptilien ausgerottet. Damit sind seit Beginn der menschlichen Zivilisation 83% aller wild lebenden Säugetiere, 80% der Meeressäuger, 15% der Fische und 50% der Pflanzen von der Erde verschwunden.

Doch keine Panik: Von allen Säugetieren auf der Erde machen wild lebende Säugetiere ohnehin nur (noch) 4% aus. Der Rest besteht aus uns (36%) und unseren “Nutztieren” (60%). Mit ihnen leben wir in erquicklicher Symbiose: Im Jahr 2011 wurden geschätzt weltweit über 60 Milliarden Tiere geschlachtet – rund 58 Milliarden Hühner, knapp drei Milliarden Enten, 1,4 Milliarden Schweine, 517 Millionen Schafe und 300 Millionen Rinder.

Lästig jedoch: Als Tierfutter werden die Getreide- und Sojaerträge von 70% der globalen Agrarflächen benötigt. Wälder und fruchtbare Böden schwinden, bereits ein Drittel der globalen Weide- und Ackerflächen ist mittelgradig bis stark beschädigt. Doch Tierfutter will gedeihen! Dafür müssen tonnenweise “Pflanzenschutzmittel” ausgeschüttet werden: Herbizide, Fungizide, Bakterizide, Virizide, Insektizide, Molluskizide, Rodentizide, Akarizide und Pheromone. Immerhin vergiftet dies Gewässer und Böden und vernichtet Pflanzen und Insekten, so dass wir auch bei der totalen Ausrottung von Fluginsekten auf einem guten Weg sind.

Fehlt noch die Scheiße. Wohin mit dem ganzen Mist? Allein die Schweine in Deutschland produzieren rund 40 Milliarden Liter Gülle pro Jahr. Die verfluchte Folge: Nitrat im Grundwasser. Laut Umweltbundesamt wiesen 2015 lediglich 8,2% aller Oberflächengewässer in Deutschland einen “sehr guten” oder “guten ökologischen Zustand” auf. Der emittierte Ammoniak führt zudem nicht nur zur Versauerung und Eutrophierung von Böden, sondern vergiftet auch die Luft (Feinstaub und Ozon) und verschärft den Klimawandel (Lachgas).

Postfordistisches Essen

Jeder kennt die Erfolgsstories von Deutschlands einflussreichsten Spitzenköchen – Castingkochshows  à la „Manche mögen’s heiß“ erzielen für das Produktmanagement vielversprechende Einschaltquoten, und darüber hinaus stehen Mulitmedia-Kochbücher mit DVD, die unter anderem die angeblich kalorienärmsten, aber zugleich leckersten Süßspeisen der deutschen Konfiserie-Branche anpreisen, hoch im Kurs, wobei es hier unverschämt geile Tricks zu vermelden gibt, bspw. Rezepte mit Ingredienzien wie Sojamilchextrakten, Zuckersurrogaten, raffinierten Kohlenhydraten, Transfettsäuren und High-Density-Lipoproteinen als Junkfood auf höchstem Niveau zu featuren, was zuweilen von dem in den eigenen Körperzementierungen festgesessenen und fettgefressenen Qualitätsjournalismus, der mit den Grundregeln der Dialektik und den Grundzügen des vertikalen Denkens bestens vertraut ist, unglaublich abgefeiert wird.

Okay, die Zeiten sind härter: Minuspunkte für durchaus raffinierte, für kalorienreiche Lebensmittel, die außerordentlich reich an Transfettsäuren, billigen Ölen und Industriezucker sind, bspw. ein mit einer Erdnussbutterfüllung in einem crispen, hartkrokantigen Mantel aus einer Mischung von gehärteten Pflanzenfetten, Polyolen & karamellisiertem Zucker zusammengebasteltes Teil, möglicherweise Haselnuss-Krokant, plus einer kakaohaltigen Fettglasur plus Emulgatoren, Milchpulver und hyper-gesättigten Fettsäuren, alles in allem ein wahres Meisterwerk hinsichtlich der Implosion karzinogener Darm-Infiltrationen, das total overstyled und absolut am Maximum des noch Genießbaren ist. Ein Produkt, das durch den Zusatz von Koffein und Taurin eigentlich die Marktführerschaft von Red Bull auf den Märkten der Schnellmacher-Lebensmittel sehr schnell ins Wanken bringen könnte (hätte es denn eine Story zu erzählen).

Es gibt heute einen wahren Garten Eden der (gesunden) Differenznahrungsaufnahme. Vom Designer-Hamburger, über strahlungsbehandelte Hühnchen und simulierte Putenteile bis hin zum reinen Bio-Landglück. Differenzieller gings nie. Die Mittelschicht – finanziell nach oben, kulturell nach unten orientiert – frisst sich heute reichlich mit Distinktionsgewinnen voll, aber dieser Gewinn muss erlebt werden und dazu benötigt es eine soziale Performance, welche in den neuen Designer-restaurants aufgeführt werden kann, wo man den wahrhaft sensationellen Burger anbietet und Teil einer luxurierten Bewegung werden kann, die sich trendgemäß ihre Klassenzugehörigkeit zusammen frisst. (Seeßlen 217). Jetzt kommt aber das große Aber, auf das Frederic Jameson immer wieder hingewiesen hat. Er registrierte in der postfordistischen Kultur eine Äquivalenz zwischen der beschleunigten Dynamik der Differenz auf allen Ebenen der sozialen Aktivitäten, des Konsums, der Symbole und Habiti  und einer beispiellosen Standardisierung und Funktionalisierung – der Produkte, der Emotionen, der Sprache und so weiter. Jameson schreibt: “Aber dann dämmert es uns, dass keine Gesellschaft  jemals so standardisiert war, wie es diese ist, und dass der Strom von menschlicher, sozialer und historischer Zeitlichkeit noch niemals so homogen war.”

In seine erst vor kurzem in deutscher Sprache erschienenen Grundlagentext “Die Konsumgesellschaft” hat Jean Baudrillard schon im Jahr 1970 eine noch differenziertere Sichtweise des Konsumsystems vorgenommen, das nach wie vor ganz am Tropf des Produktionssystems des Kapitals hängt. In Stichworten lassen sich einige Punkte zusammenfassen: Die Logik des Konsums orientiert sich nicht am Gebrauchswert, sondern an der Produktion und Manipulation sozialer Signifikanten und Zeichen. Konsum ist ein Prozess der Signifikation und der Kommunikation, basierend auf einem Code, in den die Konsumpraktiken sich einschreiben. Konsum ist für Baudrillard das System des Tauschs und das Äquivalent der Sprache. Er ist zudem ein Prozess der sozialen Differenzierung und Klasssifizierung. Zeichen und Objekt sind nicht nur signifikante Differenzen im Code, sondern auch Statuswerte einer sozialen Hierarchie. Das Distinktionsverhalten wird von der Masse als Freiheit erlebt, nicht als Zwang sich differenzieren zu müssen und einem Code zu gehorchen. Sein Vergnügen erlebt der Konsument als absolut, ohne den strukturalen Zwang des Codes überhaupt zu registrieren, der für die modischen Wechsel sorgt, wobei die Ordnung der Differenzen aber erhalten bleibt. Konsum, das ist der Zwang zur Relativität, die den Rahmen für eine nie endende Differenzierung liefert. Das Prestige hängt an der positiven Differenz, während das distinktive Zeichen zudem die negative Differenz kennt. Man konsumiert nicht das Objekt, man manipuliert die Objekte als Zeichen. Soweit in Kurzfassung.

Apropos Landglück oder glückliche Kuh. Happy Spießburger.

Der postfordistische Konsum, das ist für die Mittelschicht die erste Bürgerpflicht. Das unternehmerische Subjekt von Foucault erweitert sich zu einem Unternehmen des Genusses “mit der Pflicht, glücklich, verliebt,  schmeichelnd/geschmeichelt,verführerisch/verführt, teilnehmend, euphorisch und dynamisch zu sein … Alles muss ausprobiert werden … Man weiß ja nie, ob der eine oder andere Kontakt, diese oder jene Erfahrung (Weihnachten auf  den kanarischen Inseln, Aal mit Whisky, der Prado, LSD, Liebesspiele auf Japanisch) nicht eine “Sensation” für es bereithalten.” (Baudrillard. Die Konsumgesellschaft, 117) Das konnte Baudrillard 1970 schreiben, aber längst ist diese Art der “fun morality” Ausdruck eines neuen imperialen Spießertums geworden, dessen Organisationsform die Bürgerfabrik ist.

(Konsumiert werden darf heute im Spiel der Differenzen fast alles, Glauben, Fair-Trade, Subkultur, Subversion, Freiheit etc. Aber selbst noch der Antikonformismus wird konformistisch konsumiert. So hat David Foster Wallace darauf hingewiesen, dass die rebellische Konsumtionspraxis des Pseudo-Rebellen darin besteht, gegen die seelenlosen Profitmaschinen zu protestieren, indem er Produkte von Konzernen kauft, “die die unternehmerische Praxis am überzeugendsten als leer und seelenlos repräsentieren können.”Siehe Starbucks. Es gibt eine Second-Order des Genießens, das Genießen des Genießens, welches, wenn es denn kontrolliert wird (Diäten), zum Genuss der Kontrolle des Genießens mutiert. Es handelt sich hier um ein Zerebralgenießen oder einen Zerebralkonsum (Gehlen), der längst reflexiv geworden ist, und im Shopping, dem Genuss des kommunikativen Ereignisses, den man auch Lifestyle zu pflegen nennt, seinen vollkommenen Ausdruck findet. Das Konsumieren selbst wird konsumiert. Und die Konsumenten kaufen Produkte, die sie sich entweder at once geradezu sadistisch einverleiben oder zu denen ihnen nur ein Ratgeber Zugang verschafft, oder die Produkte werden erst gar nicht konsumiert, sondern man macht mit ihnen Werbung, und zwar für sich und für das Unternehmen zugleich.)

Gastrosophie und die Geschichte vom Hans im Glück

“Hans im Glück” nennt sich eine neue Hamburger-Kette und ihre Hamburger heißen “Heimweh” (mit Gorgonzola), “Stallbursche” (gegrillte Hähnchenbrust) oder “Birkenwald” (mit Mozarella).

Die Philosophie des Unternehmens lässt verkünden:

„”So glücklich wie ich, gibt es keinen Menschen unter der Sonne!” Diese Worte spricht Hans, nachdem er auf seinem Weg Schritt für Schritt Wertvolles gegen Wertloses eingetauscht hat – seinen Goldklumpen gegen ein Pferd, das Pferd gegen eine Kuh, die Kuh gegen ein Schwein und so weiter. Am Ende steht Hans mittellos da, trotzdem empfindet er pures Glück.“ Zitat Ende.

Nicht, dass man hier allein nur mit Brecht ankommen sollte, von wegen erst kommt das Fressen, dann die Moral – bittere Realität für eine Milliarde Menschenmüll, für den die Eliten und Mittelschichten nur ein müdes Lächeln übrig haben.

Es gibt hier nämlich weiter zu vermelden: Die Story mit Hans im Glück geht etwas anders. Für Hans besteht das Glück des Tausches darin, dass er nicht derselbe geblieben ist. Hans hat das Glück nicht einmal gesucht, nichts weniger interessiert ihn als die ökonomisch profanierte Sucht nach Geld, Ruhm und Teilhabe. Der Tausch bleibt Rätsel, Stil und Mikrophysik, jenseits der Kapitalisierung, der objektivierten Sucht nach Mehr, die das Kapital selbst ist. Dessen Pendant ist der individualisierte Anspruch der kaufkräftigen Kundschaft, die noch Ernährung, Service und Qualität als ihr Mehr simuliert. Die den postfordistischen Luxus-Hamburger als ihr Mehr veranschlagt, und dies noch unter dem Gesichtspunkt, dass dessen Verzehr  im Vergleich zu dem des fordistischen Hamburgers die Zeitspanne von der Sekretion zur Exkretion verkürzt. (Lang lebe der Akzelerationismus!) Über diesem  Mehr hängt aber nach wie vor der Segen der Verblödung, weil die Ware der Mittelschicht das Echo des Marketings und der Werbung bleibt. Ihr Konsum wird von den Medien und von den Semiotypen angetrieben. Das feine Burger-Restaurant ist die Moschee, und Hollywood bleibt das Mekka.

Und die Philosophie des Unternehmens kündet den Endsieg der Philosophie an, und sie verbirgt nur schwerlich den neoliberalen Refrain: Esse Intelligent! Kommuniziere! Verhalte dich als Unternehmer! Werde ein Asset! Trage ein Risiko!

(Jede Philosophie, so resümiert Laruelle, unterschreibe heute die kommunikative Entscheidung, die darauf abziele, dass alles, was existiere oder erkennbar sei, auch kommuniziert werden müsse. In dieser self-inscribed world, soll tatsächlich noch das letzte Geheimnis kommuniziert werden; alles, was bisher noch nicht gesagt wurde, ist nur dazu da, um endich gesagt zu werden. Für Laruelle ist die kommunikative Entscheidung noch heimtückischer als die philosophische. Es ist eine Sache zu sagen, dass alles, was existiert, einen zureichenden Grund besitzt. Es ist eine andere Sache zu fordern, das alles, das aus irgendeinem Grund existiert, transparent kommuniziert werden sollte, um vielleicht einen Grund für seine Existenz erst noch zu erfinden. Wenn die philosophische Entscheidung eine Variante des Prinzips des zureichenden Grundes ist, dann fügt die kommmunikative Entscheidung die Kommunizierbarkeit der Bedeutung noch als heimtückische Zugabe hinzu.)

Also noch einmal: Kauf dir deinen postfordistischen Hamburger und friss dich mit Differenzen und Vielfalt voll! Betreibe Differenzproduktion, auch wenn ihr Gehalt rein vom Marketing abhängt! Der Siegeszug des Luxus-Hamburgers, die Paradessenz des Produkts (Entspannung und Erregung zugleich) implementiert hier eine adversative Struktur des ubiquitären Genießens: Verfolge durch Mehr-Essen konsequent den Weg zur Bulimie, um das Ziel, das Anorexie verspricht, zu erreichen bzw. iss mehr, um schneller abnehmen zu können, womit einerseits die Teilnahme am Genuss imperativistisch zugesichert, andererseits das exzessive oder sogar suchtbringende Moment, das dem Konsum anhängt, zugleich entschärft wird. So dass man sich schuldig fühlt, wenn man sich nicht mit dem Surrogat begnügt, sondern den süchtig machenden McDonald`s Hamburger konsumiert, um dann aber unter Umständen zum singulären Krankheitsfall zu regredieren.

Multirassismus in der Bürgerfabrik und Imperialismus

By Achim Szepanski

1 Sep , 2017  

“Der moderne Flüchtling vereint alle Stigmata des kapitalistischen Systems in sich: auf unbestimmte Zeit zur Heimatlosigkeit verdammt, von der eigentlich alle geschlagen sind, weil die Welt eine unwirtliche wurde, in der niemand willkommen ist; rechtlos, weil Recht allen nur provisorisch gewährt wird, solange es sich für die Herrschaft der Wertverwertung noch als dienlich erweist; selbst um die Freiheit, seine Arbeitskraft zu verkaufen, gebracht, weil deren Ausbeutung der Tendenz nach allgemein überflüssig wird; letztlich wehrlos der eigenen Vernichtung preisgegeben, weil für Verwertung und staatliche Ordnung gänzlich unnütz, eigentlich auf ein zu regulierenden „Sachproblem“ reduziert. Weil dies heute allen droht, auch jenen, die sich in den kapitalistischen „Zentren“ noch als vom Wohlstand und den Gesetzen geschützt missverstehen, ist der Hass auf die Flüchtlinge so enorm: sie sind in ihrer schieren Existenz die Vorboten des eigenen Abstiegs in die Nichtswürdigkeit, zum nur noch zu verwaltenden, am besten zu entsorgenden

Menschenrestmüll.” Anna Montseny

„Die Leute sehen, wie die Chancen schwinden, daß man selber zu den happy few gehört. Sie ahnen, daß es nicht mehr darum geht, wer verelenden müsse, sondern daß die Alternative alle oder keiner heißt. Sie spüren, daß ihre eigene Sicherheit auf den Prinzipien beruht, deren Aufhebung sie fordern. Deshalb erwarten sie keine Nachgiebigkeit. Zur Entscheidung steht, ob die Verhältnisse den Menschen angepaßt werden müssen, oder ob den bestehenden Verhältnissen die Menschen anzupassen sind, was ihre Verelendung, Vertreibung, Ausweisung bedeutet. Existierte eine Linie, müßte ihre Forderung heißen: Offene Grenzen. Das würde auf keinen Fall gemütlich. Die Ankommenden werden keine übertrieben netten Menschen sein. Sie bringen nicht Kultur mir, sondern Haß und Hunger. Sie werden diese Gesellschaft vor die Alternative stellen, ob sie sich ändern oder zusammenbrechen will. Aber vor dieser Alternative steht sie sowieso. Nur daß nichts bleibt, wie es ist, ist sicher. Vor der Zukunft haben alle Angst. Sie wird durch Abschiebungen verstärkt, durch das Elend hinter dem Zaun, nicht durch offene Grenzen. Sie wird gemildert durch die Sicherheit: Was auch kommen mag – niemand wird rausgeschmissen, keiner muß im Elend verrecken, wer er auch sei. Nicht die Anwesenheit der rumänischen Zigeuner, sondern ihre Behandlung macht den Einheimischen Angst, weil sie jeden lehrt, wie es ihm selber ergehen könnte, wenn er nur noch ein bißchen tiefer rutscht. Die Leute würden einem dankbar sein, wenn man sie mit aller Macht zu einer anständigen Behandlung der Zigeuner zwänge. Das gäbe ihnen die Sicherheit, die sie derzeit am meisten entbehren.“  Wolfgang Pohrt

Wer erinnert sich noch an die deutsche Willkommenskultur aus dem Jahr 2015? Die Bild-Zeitung hatte jahrelang zur Tat auffordernde Assoziationen über den Zusammenhang zwischen Migration und Kriminalität, Rauschgifthandel und religiösem Fanatismus geweckt, Ausländer als nicht integrierbare und gefährliche Eindringlinge oder als arbeitsscheue Subjekte stigmatisiert, und nun trug die deutsche Fußball-Prominenz die Plakette »Refugees Welcome« mit dem BildLogo auf dem grünen Rasen spazieren. Zur gleichen Zeit arbeitete der herrschende Block an der Macht in den Regierungsetagen an der Verschärfung des Asylrechts, was den rechtlichen Sonderstatus der Asylanten betraf, i.e. die Ersetzung von Bargeld durch Lebensmittelgutscheine, Arbeitsverbot, Residenzpflicht, Lager, die man Sammelunterkünfte nennt, und so weiter und so fort. Heute ist die Bild-Zeitung natürlich wieder ganz auf Linie.

Agamben erinnert daran, dass die ersten Lager in Europa für Flüchtlinge errichtet wurden, und dass die Abfolge: Internierungslager – Konzentrationslager – Vernichtungslager eine reale Abstammungsreihe darstellt. Inzwischen gibt es längst die Hotspots bzw. Internierungslager in der Türkei, wird unter der Regie der EU-Grenzschutzagentur Frontex das Mittelmeer mit den bekannten Folgen überwacht. Kriegsflüchtlinge und Teile der globalen Surplusbevölkerung, denen nicht einmal der Genuss auf Ausbeutung durch das Kapital vergönnt ist, sind längst mit den staatlichen Operationen der Lagerbildung und den integrierten Systemen des Rückführungsmanagements konfrontiert. Libysche Milizen verfrachten Flüchtlinge in Lager, wo sie misshandelt, gefoltert und vergewaltigt werden. Deutschland und Frankreich wollen, um die Außengrenzen Europas tief nach Afrika zu verlagern, Waffen an afrikanische Diktaturen wie den Tschad liefern, dessen Armee schwere Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen werden. In der Wüste Afrikas streben inzwischen mehr Menschen als im Mittelmeer. Das kratzt das Kapital und die EU Politik wenig, letztere ist ja ganz auf die Profiterwartungen privater Investoren ausgerichtet, wobei gleichzeitig den afrikanischen Unternehmen durch Freihandelsabkommen der Zugang zu den europäischen Märkten verwehrt bleibt. Frei soll sich nur das monetäre Kapital in Nanosekunden bewegen können, die globalen Eliten und ihr Umfeld und im Sommer die Insassen der Transportmaschinen der Tourismusindustrie.

Man denke an die Unternehmen der Deutschland-EU, die mit subventionierten Waren die afrikanischen und arabischen Ökonomien überschwemmen und den einheimischen Bevölkerungen ihre Lebensgrundlagen entziehen. Märkte werden durch den Export von Hühnchenflügeln und Schlachtabfällen aus Deutschland zerstört. Im Zuge des globalen Landraubs werden Lebensmittel oder fruchtbare Böden (Palmölplantagen in der Elfenbeinküste, Rosen aus Kenia, Erdnüsse aus dem Senegal etc.), Fischfanggebiete und Rohstoffvorkommen (Uran aus Niger, Tschad und Mali) vom westlichen Kapital angeeignet. Im Unterschied zu den europäischen Arbeitern werden weite Teile der Arbeitsnomaden in Afrika nicht gebraucht und unterbieten sich in der Konkurrenz um billige Lohnarbeit und landen schließlich in Slums bzw. in der Verelendung. Die überflüssigen Arbeitsnomaden tragen allenfalls dazu bei, mit Niedriglöhnen in Kombination mit der Produktivität westlicher Unternehmen deren Erfolg und damit den der Ökonomien der kapitalistischen Kernländer weiter voran zu treiben. Die ruinöse Rolle der Weltbank und des IWF wäre zu beschreiben, die Nahostpolitik des Westens und die dadurch entstandenen »failed states« und so weiter und so fort. Es findet nach wie vor eine globale Distribution ungleicher Arbeitsquanta an den Weltmärkten statt, man denke an die Billigimporte aus ostasiatischen Staaten, in denen erhebliche menschliche Arbeit festgefroren ist, an die Smartphones, die die westliche Bevölkerung genießt, um die Effektivität ihrer Arbeit und ihre Verblödung zugleich zu intensivieren.

In den europäischen Ländern wäre der Sonderstatus als Flüchtlinge aufzuheben und mit Forderung der Abschaffung des Flüchtlingsregimes angemessen zu reagieren, der Forderung nach Rechtsgleichheit, was die freie Beweglichkeit, Mobilität, Bildung, Arbeitserlaubnis etc. der Migranten angeht. Das Flüchtlingsregime anzugreifen, das hieße den rechtlichen Nicht-Status der Flüchtlinge, der etwa durch Lebensmittelgutscheine statt Bargeld, Arbeitsverbot, Residenzpflicht und Sammelunterkünfte markiert wird, anzugreifen. In all diesen Punkten wurden und werden die Maßnahmen aber gerade verschärft. Es ist davon auszugehen, dass die Rechtsgleichheit des Flüchtlings im Kapitalismus aus rein „logischen“ Gründen gar nicht möglich ist. Bei Kant kann man schon nachlassen, dass in einer Nation, die sich über ihr Territorium, das Volkseigentum ist, definiert, der Fremde unweigerlich als Unperson gesetzt ist. Die Nation verbietet es geradezu, ein Gast-Recht zu etablieren, bei dem der Gast als Rechtsperson verstanden wird. Gastfreundschaft ist keine philanthropisch-humanitäre Geste und auch keine Art von Mildtätigkeit, sie ist das Politische, das durch die Subalternen erkämpft werden muss.

Das rassistische Phantasma, das stets Teil eines Staatsrassismus ist, mit dem das Leben und das Sterben der Bevölkerung überwacht und reguliert wird, hat im Moment eine leichte, wenn auch nicht unbeabsichtigte Modifizierung angenommen. Gemäß den allgemeinen Spielregeln des Neoliberalismus sehen wir eine Fortentwicklung vom Sicherheitsdispositiv hin zum Risikodispositiv. Der rassistisch konnotierte Migrations-Diskurs stellt die einheimische Bevölkerung als einen integralen, als einen quasi-organischen Körper vor, der durch klare Grenzen gegenüber der Außenwelt charakterisiert ist, und der gegen Horden und Nomaden verteidigt werden muss, die die gesunde Homogenität des Volkskörpers bedrohen. „So wie der Schutz des Heims ein entscheidendes Anliegen des Bürgers und Privatmannes ist, so ist die Integrität seiner Grenzen die Existenzbedingung des Staates«, wusste schon der Marquess Curzon of Kedleston um das Jahr 1900 zu berichten. Foucault schreibt in »Überwachen und Strafen«: “Eines der ersten Ziele der Disziplin ist das Festsetzen – sie ist ein gegen das Nomadentum gerichtetes Verfahren.” Und dies schließt die strikte Unterscheidung zwischen dem guten und erwünschten und dem schlechten und unerwünschten Flüchtling ein, zwischen potenziell qualifizierten Fachkräften, an denen es in Deutschland in spezifischen Arbeitsbereichen gerade mangelt, und der Masse des unbrauchbaren Menschenmülls. Der neoliberal flexibel gehaltene Arbeitsmarkt grüßt mit der Parole “Refugees Welcome” und mit ihm exerziert das Kapital und sein Staat eine profit- und zielorientierte „Willkommenspolitik“, um die wenigen gut qualifizierten Arbeits- und Einreisewilligen nachhaltig in die Bevölkerung einzugliedern. Eine sanfte Kontrolle kolportiert zugleich die schonungslose Lagerpolitik, die man mit den unwillkommenen Migranten pflegt. So haben die Grenzen nicht nur die Funktion Flüchtlinge vom Zugang zum staatlichen Territorium fernzuhalten, sondern sie fungieren immer auch als  flexible Markierungen,  um bestimmte Gruppen von Menschen zu kontrollieren, zu selektieren und zu regieren.

Wolfgang Pohrt hat vor 25 Jahren in seinem Essay »Der moderne Flüchtling. Über „Ambler by Ambler” folgendes geschrieben: „Ähnlich wie heute, wo 100.000 zusätzliche Menschen in der BRD eine vernachlässigbare Größe wären, während 100.000 Asylbewerber, denen das Recht auf Freizügigkeit wie auf Arbeit entzogen wurde, bereits jetzt einen die Grundrechte unterminierenden Sonderfall darstellen und sich tatsächlich zu dem sozialen Problem entwickeln können, als welches man sie betrachtet; ähnlich wie heute also wurden damals (nach 1918) die Flüchtlinge zu einem destabilisierenden Element durch die Behandlung, die ihnen widerfuhr. Festgehalten im Stand der Rechtlosigkeit, welcher den der Gesetzlosigkeit einschließt, waren sie das anschaulichste Beispiel für das Schrumpfen des Geltungsbereichs von Gesetzen, für Zersetzungserscheinungen im Bereich staatlicher Kontrolle über die Bevölkerung und überhaupt für die wachsende Unfähigkeit des überkommenen Sozialgefüges, das Leben der Menschen in geregelten Bahnen zu halten.“ Wenn heute ein De Maziere äußert, dass wir uns überall auf »Veränderungen einstellen müssen: Schule, Polizei, Wohnungsbau, Gerichte, Gesundheitswesen, überall”, dann klingt dies nach einer Neugestaltung der Bereiche staatlicher Kontrolle, für die unter anderem das destabilisierende Element des Flüchtlings die Rolle des Auslösers übernimmt, um etwa das ein oder andere demokratische Recht zu verabschieden oder die Verarmung von Teilen der Bevölkerung noch weiter hoffähig zu machen, jenes Teils, den die krankmachende Verarmungsmaschinerie des deutschen Staates in Billigarbeitskräfte und Sozialhilfeempfänger, die durch den Besuch der „stalinistischen“ Zwangsernährungs-, Bekleidungs- und Ein-Euro-Ketten ihr Leben phasisch sichern müssen, aufteilt und reguliert. Aber auch die Arbeit, am offensichtlichsten bei den Bullshit Jobs, macht und als Therapie gegen die Krankheit verschreibt man noch mehr Arbeit.

Begleitet wurde und wird das alles von den massiven Hetzkampagnen der rassistischen AFD, von Pegida mit den Hunderten von Demonstrationen vor Flüchtlingsunterkünften, bei denen permanent Pogromstimmung erzeugt wird, und es gibt die ununterbrochene Welle von Anschlägen auf Flüchtlingsunterkünfte. Und der Bürger schaut zumindest zu. Und auf der anderen Seite: was tun die Regierenden „alles“ für die Flüchtlinge? Wollt ihr auch in einem Ankerzentrum Essensgutscheine kriegen? Ist das die Zuwendung, die euch fehlt? Wie kommt ihr darauf, dass die Zuwendungen an die Flüchtlinge und die an euch überhaupt etwas miteinander zu tun haben? Ist das Existenzniveau der hiesigen Armen deswegen so erbärmlich, weil der Staat etwas für die Flüchtlinge tut? War vor der „Flüchtlingswelle“ 2015 ihr Lebensstandard höher? Offenbar verhält es sich umgekehrt: Nicht dass es elende Lebensverhältnisse erst gibt, seit Flüchtlinge aufgenommen werden, sondern dass die elenden Lebensverhältnisse in der deutschen Heimat für euch erst wirklich schlimm sind, seit die Flüchtlinge da sind.

Im Konsum der generalisierten Katastrophe erscheint dem Bürger die Seelenruhe der Privatsphäre noch als eine mühsam abgerungene Sache, die aber fortwährend bedroht und von vielfältigen Katastrophenszenarios und Krisen begleitet ist. Und so gilt gerade die „Flüchtlingskrise“ als eine zwingende Angelegenheit, damit die eigene Sicherheit konsumiert, sondern zudem als eine gerechtfertigte Option empfunden werden kann, für die man schwer gearbeitet hat. Solchermaßen begreift sich der deutsche Bürger als Teil eines Kollektivs, als gelungener Teil eine reichen, aber gleichzeitig eingekreisten und bedrohten Landes. Ein bestimmter Gestus der Sentimentalität verweist hier schnurstracks auf die Eingeschworenheit aller. Nicht nur, wie Adorno schon vorausgeahnt hat, ist das Erschlaffen der Bürger im Konsum zu fürchten, sondern die „Kollektivität als blinde Wut des Machens“, die im 24/7 Kapitalismus durch Medienprodukte permanent gereizt wird, Produkte, die man archivieren, tauschen, liken, besprechen und befolgen muss – aber diese Wut kann leerlaufen und dann jederzeit in Gewalt umschlagen. Einmal davon abgesehen, dass der Like Button bei facebook zur erstellung von profilen dient, um dann die epersonaliserte Einblendung von Werbeanzeigen zu ermöglichen. Rasch breitete sich der Like-Button über das digitale Universum aus und verschweißte die Nutzer in einer neuen Art von gegenseitiger Abhängigkeit, die sich zu einer pastellfarbenen behavioristischen Verstärkungsorgie auswuchs.” S. Zuboff 525Ein unerschütterliches Moment dieses Aktiv-Seins-Wollens besteht auch im unaufhörlichen Konsum der auf folkloristisch getrimmten Anderen, ein Postmodernismus des everything goes, der aber mit dem Argument, die fremden Kulturen würden die unsrigen bereichern, ständig auf Vermehrung aus ist, auf die Vermehrung des eigenen Genießens, wobei natürlich die Auserwähltheit der eigenen Kultur nicht in Frage gestellt wird. So kann dann der Deutschnationale die Fußballmannschaft, die er nur deswegen liebt, weil er zufällig in derselben Stadt wohnt, in der der Verein angesiedelt ist, geradezu abgöttisch abfeiern, obwohl in der Mannschaft kein einziger Deutscher spielt. Pohrt schreibt dazu: »Nur weil jede nationale Besonderheit heute Folklore ist und Folklore ein Konsumartikel, kann für die Einwanderer geworben werden mit dem unappetitlichen Raffer-Argument, ihre Kultur würde die hiesige bereichern. Andernfalls müßte dies Versprechen von ausnahmslos jedem als Drohung empfunden werden, deshalb nämlich, weil jeder schon von der Kultur des eigenen Landes hoffnungslos überfordert ist und er kaum Wert darauf legen kann, daß nun zusätzlich zu den ungelesenen deutschen Klassikern auch noch die ungelesenen türkischen Klassiker auf sein Gewissen drücken. Und nur, weil man nicht Kultur, sondern anspruchslose Unterhaltung will, kann man den normalen Einwanderer aus Anatolien für einen Kulturbotschafter halten, was er ebenso wenig ist, wie wir es wären, forderten uns in Melbourne die Einheimischen dazu auf, im Trachtenjanker einen Schuhplattler aufs Parkett zu legen, danach Beethoven auf dem Klavier zu spielen und zum Abschluß ein paar Goethe-Gedichte aufzusagen. Jeder weiß auch, daß die vermeintlichen kulinarischen Spezialitäten der Einwanderer von Paella bis Pizza heute internationales Fastfood sind, weil sie früher das Armeleuteessen waren, also schnell und billig herzustellen sind.«

Der Rassismus ist immer auch eine spezifische Konstruktion des Bürgers. Der Bürger ist das Resultat einer Abstraktion von den konkreten Klassenmerkmalen des Einzelnen. Abstrahiert man vom Status des Arbeiters, des Prekären, des Studenten, so erhält man den scheinbar neutralen Bürger. Und der Bürger erfüllt seine kollektive Funktion in der Bürgerfabrik. „Was immer am Bürgerlichen einmal gut und anständig war, Unabhängigkeit, Beharrlichkeit, Vorausdenken, Umsicht, ist verdorben bis ins Innerste. Denn während die bürgerlichen Existenzformen verbissen konserviert werden, ist ihre ökonomische Voraussetzung entfallen. Das Private ist vollends ins Privative übergegangen, das es insgeheim von je war, und zudem ins sture Festhalten am je eigenen Interesse hat sich die Wut eingemischt, daß man es eigentlich ja doch nicht mehr wahrzunehmen vermag, daß es anders und besser möglich wäre. Die Bürger haben ihre Naivität verloren und sind darüber ganz verstockt und böse geworden. Die bewahrende Hand, die immer noch ihr Gärtchen hegt und pflegt, als ob es nicht längst zum »lot« geworden wäre, aber den unbekannten Eindringling ängstlich fernhält, ist bereits die, welche dem politischen Flüchtling das Asyl verweigert.“ (Adorno) Vor allem aber hasst der Bürger den sog. Wirtschaftsflüchtling. Es ist kein Geheimnis, dass der Antisemitismus vom Juden ablösbar ist und dabei in einen Multirassismus integriert wird; er ist also übertragbar auf andere Gruppen, insbesondere auf einen besonderen Flüchtling, den Wirtschafts- und Scheinasylanten, der keine Heimat hat und als Vagabund durch die Welt zieht.

Schreckliche Zeiten.

Spekulative Zeit, Verschuldung und Klassenpolitik

Viele der kritischen Soziologen, angefangen bei Richard Sennett bis hin zu Elena Esposito, sagen übereinstimmend dass die Zukunft sich immer in einer gewissen Distanz zur Gegenwart befände, damit gegenüber dem Hier und Jetzt geschützt sei und als eine ökonomische Ressource in der Gegenwart nicht an den Märkten gehandelt werden sollte. So zerstöre der ökonomische Gebrauch der Zukunft in der Gegenwart, den man gerne auch als De-Futurisierung bezeichnet, die Zukunft als ein offenes Potenzial und als ein Raum für Möglichkeiten. (In der Tat hat die Kreditaufnahme etwas von einer Schließung der Zukunft. Schulden sind eine Forderung auf zukünftige Produktion und Leben, und da man in Zukunft Schulden zu zahlen hat, ist die Zukunft abgeschlossen. Ein Student, der 200 00 Euro zurückzahlen muss, weil, dass seine Zukunft vorstrukturiert ist. ) Der konstante Bezug auf die Zukunft bringe zudem eine Gegenwart hervor, die zum einen von jedem narrativen Potenzial abgeschnitten sei und zum anderen auch keine Form von Sicherheit mehr bieten könne. Allerdings gibt es auch Soziologinnen wie etwa Helga Nowotny, die dem entgegensetzen, dass die exzessive Orientierung an der Zukunft, die als getrennt von der Gegenwart gedacht werde, die Gegenwart nicht zerstöre, sondern vielmehr eine nicht enden wollende Gegenwart und einen Verlust von Zeithorizonten erzeuge. Mit Bifo Berardi geht sie davon aus, dass der derzeitige Verlust der Grenzen zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft keine normative, sondern eine sozio-ökonomische Frage sei.

Lisa Adkins zieht in ihrem Buch Time of Money zur Eingrenzung des Problems der Zeit erstaunlicherweise die soziologischen Schriften von Pierre Bourdieu heran, der davon ausgeht, dass die Zukunft nicht durch Möglichkeiten charakterisiert wird, die eintreten mögen oder auch nicht und sich zudem durch eine Distanz zur Gegenwart auszeichnen, sondern dass vielmehr die Zukunft im Hier und Jetzt immer schon präsent ist, obgleich dies so nicht erfahren wird. Adkins verweist zur Illustration dieser These auf das Fußballspiel, bei dem eine kommende Spielsituation nicht einfach nur möglich ist, sondern in der Konfiguration des Spiels im Jetzt schon anwesend ist.

Die Einschreibung der Zukunft in die unmittelbare Präsenz ist aber nicht einfach in und durch die Praxis gegeben, sondern wird für Bourdieu in der Beziehung zwischen Habitus und Welt konstituiert. Die sozialen Felder sind in ihrer Logik nur dann erkennbar und dauerhaft, wenn es Agenten gibt, die mit ihren prä-reflexiven Dispositionen und Habiti in ihnen operieren. Diese Dispositionen beinhalten Routinen und Gewohnheiten, die die Gegenwart aufrechterhalten, aber auch praktische Antizipationen der Zukunft, womit diese schon als objektives Potenzial oder Spur in das unmittelbar Gegebene eingeschrieben sind. So zeigt auch das gegenwärtige ökonomische Feld eine kalkulierbare Zukunft an, weil die Agenten in ihm mit ihren Routinen agieren, diese aber eben eine Basis für praktische Antizipationen bilden. Für Bourdieu impliziert diese Erkenntnis aber keinen Bezug zum rationalen Kalkül des Risikomanagements der Neoklassik, weil die praktischen Antizipationen der Zukunft eher unbewusste und kollektive Habiti und Strukturen voraussetzen, die den rationalen Agenten immer wieder out of line stürzen können. Für Bourdieu ist die Praxis nicht etwas, was in der Zeit stattfindet, sondern sie (wie eben auch die Ereignisse) erzeugt Zeit, Praxis ist Temporalisierung.

Im industriellen Kapitalismus und hier ist laut Adkins nicht Bourdieu, sondern Thompson heranzuziehen, war die abstrakte Arbeitszeit die Einheit, auf die sich der Tausch stützte, und deshalb galt: Zeit ist Geld. Die Profitraten waren auf die Geschwindigkeit der Produktionsprozesse bezogen und ökonomische Ereignisse (abstrakte Arbeitszeit) wurden in den Einheiten der Uhrzeit gemessen, das heißt in abstrakten, quantitativen, homogenen und umkehrbaren Einheiten der Zeit, deren äußeres Maß das Geld war. Als eine Form der Zeit verläuft die Uhrzeit exogen zu den Praktiken und Ereignissen, sie ist eine externe Messung von Ereignissen, die als Produktionsraten, Profitraten, Arbeitszeiten etc. definiert werden. Die ökonomischen Ereignisse produzierten keine Zeit, sondern fanden in der Zeit statt. An dieser Stelle verfehlt Bourdieu die spezifischen Charakteristika einer exogenen Uhrzeit, allerdings werden seine Aussagen bei der Analyse des heutigen Finanzsystems wieder interessant, insofern die gegenwärtigen finanziellen Praktiken auf die Diffusion des hegemonialen Status der Uhrzeit verweisen, auf eine Form der Zeit, mit der Ereignisse in einem Fluss fortlaufen, in dem der lineare Verlauf von der Vergangenheit über die Gegenwart hin zur Zukunft bricht.

Adkins verweist zur Verdeutlichung ihrer These zunächst auf ein spezifisches finanzielles Instrument, nämlich auf die Kurve der Renditen von US-Staatsanleihen, die durch die Relation zwischen den Zinsraten und den verschiedenen Laufzeiten der Anleihen gekennzeichnet sind. Die Kurve gilt als Benchmark für den zukünftigen Wert anderer Formen von Assets, bspw. für Hypothekenkredite, sie gilt also als Barometer für generelle ökonomische Entwicklungen und Perspektiven, ja als ein Maß, das den zukünftigen kollektiven Zugang zu den Finanzmärkten anzeigt. Ihr Siegeszug muss im Kontext des Endes des Keynesianismus und einer Reihe von neuen infrastrukturellen Maßnahmen in der Finanzindustrie in den 1970er Jahren begriffen werden, die eine expansive Dynamik der Kreditvergaben und der Schuldenökonomie in Gang setzten. Man denke hier etwa an die Beförderung der finanziellen Expansion des Finanzwesens durch die Fed, das Floaten des US-Dollars und der Zinsraten, die Versicherung der Kredite, die Rendite bringenden Kapazitäten neuer Finanzinstrumente, die Aufteilung der Bevölkerungen in kreditwürdige und nicht-kreditwürdige Gruppen, die Ersetzung der dauerhaften Lohnverträge durch kontingente Beschäftigung, die Volatilität der Einkommen, das Aufkommen neuer Finanzinstrumente/Derivate und neuer Finanzinstitutionen.

Die Expansion der Kapazitäten von Unternehmen, Haushalten und Staaten, mit denen sie ihre Kreditschulden zu schultern vermögen, bedarf des Aufbaus einer Reihe von institutionellen Arrangements. Insbesondere die sozialdemokratischen Regierungen unterstützten in den 1990er Jahren unter dem Label »Kreativität und Eigenverantwortlichkeit« die Transformation von weiten Teilen der Bevölkerung in Schuldner, denen über das Kreditkartensystem und allgemein den leichteren Zugang zu Krediten die Möglichkeit gegeben wurde, sich relativ leicht in das Finanzsystem zu integrieren und dort Surplus für das finanzielle Kapitals zu erzeugen, womit nicht nur das Potenzial zu weiterer Beschäftigung, sondern auch die eigene Solvenz ständig berücksichtigt werden musste, wollte man ein einigermaßen »normales« Leben leben. Egal ob es sich um einen kurzfristigen Job, einen Hypothekenkredit oder um die Teilnahme an irgendeiner Start-up-Initiative handelte, es ging um die Kreation eines neuen »Investees«, der rund um die Uhr damit beschäftigt ist, seine Vertrauens- und Kreditwürdigkeit für Investoren und Unternehmen herzustellen, das heißt, der ständig auf der Suche nach neuen Projekten ist. Von daher unterscheidet er sich vom typischen Lohnarbeiter im Fordismus, der von langfristigen Arbeitsverträgen und staatlichen Sozialleistungen lebte, aber er unterscheidet sich auch vom selbstverantwortlichen Unternehmer des kleinen Kapitals x. Wenn die Investees für die Steigerung ihrer Attraktivität an den Märkten selbst verantwortlich sind und dabei ständig auf ihre Beschäftigungskapazität und Solvenz getestet werden, dann müssen die Regierungen darum bemüht sein, in die Ausbildung und Weiterbildung ihrer Bürger zu investieren, sodass diese zumindest die Rückzahlungen ihrer Kredite leisten können, darüber hinaus sollten sie auch noch für zukünftige Zahlungsmodalitäten trainiert werden. Gleichzeitig müssen Arbeitslosenversicherungen dahingehend transformiert werden, dass die Empfänger von Sozialleistungen permanent in »return-to-work« Programme getrieben und für die Aufnahme von Krediten fit gemacht werden. Und um ein staatliches Territorium für finanzielle Investoren attraktiv zu halten, so tönten die sozialdemokratischen Regierungen in den 2000er Jahren, bedurfe es nicht nur der Reduzierung der Kapital- und Unternehmenssteuern, der Deregulierung der Arbeitsmärkte und der Sicherstellung der intellektuellen Eigentumsrechte, sondern es gelte ständig auch den finanziellen Wert (das Kreditierungspotenzial) der eigenen Bevölkerung einzuschätzen. Dies alles gilt es für Territorien zu leisten, die politische Gebiete sind und sich seit den römischen Rechtsgrundsätzen aus terra und terror zusammensetzen.

Nach der Finanzkrise von 2008 wurde die Infrastrukturen des Finanzsystems weiter ausgebaut. Das Floaten der Zinsraten und des US-Dollars hat die Beziehung zwischen Zeit und Geld, präziser zwischen der Zeit und den Profitaussichten auf Staatsanleihen erneuert. Die Zeit wird nun selbst Teil der neuen Finanzinstrumente und ihren Operationen und damit ein Ereignis in sich selbst. Und die digitalisierten Kalkulation bietet heute die Möglichkeit, die Relationen zwischen zukünftigen Zeitpunkten in der Zeit zu kalkulieren. Sie generiert neue Profitmöglichkeiten hinsichtlich der Kalkulation zeitlicher Beziehungen und erhöht damit die Profitabilität der finanziellen Sicherheiten und anderer Finanzinstrumente.

Damit ist auch eine Transformation in der Materialität der verschiedenen Assets und Derivate angezeigt. Insofern diese als diskrete ökonomische Objekte in der Zeit miteinander verbunden und durch die Zeit gemessen und damit neue Profitpotenziale geschaffen werden können, lassen sich die Sicherheiten als ein Kontinuum der Momente verstehen. Das Floaten der Preise und die Volatilität der Assets erfordert den Handel mit temporalisierten Sicherheiten, die sich nicht in der Zeit bewegen, sondern selbst temporale Formen sind und gerade deshalb kapitalisiert werden können. Die Zeit wird nun selbst zum »Objekt« der Innovation und der Imagination und dies verdichtet sich in der Feststellung: Geld ist Zeit. Es geht hier für Adkins nicht um die Kapitalisierung der Zukunft, sondern um die Transformation der Zeit selbst. An den Derivatmärkten mutieren die finanziellen Objekte selbst zu Formen der Zeit, wobei die Zeit dieser Objekte durch die Techniken und Praktiken der Finanzmärkte konstituiert wird, Praktiken, welche die Zeit der Derivate für innovative Strategien, die der Kreation von Profiten dienen, öffnen. Somit haben Derivate ihre eigenen zeitlichen Profile, Gegenwarten und Zukünfte, die offen für ständige Rekalibrierung sind. Um es kurz zu sagen, Derivate und Sicherheiten sind selbst als Formen der Zeit zu verstehen. Und Derivate zeigen auch an, dass die lineare Zeit, bei der auf auf die Vergangenheit die Gegenwart, und auf diese die Zukunft folgte, verschwunden ist, vielmehr ereignet sich die Zukunft, wenn auf sie mittels Derivaten spekuliert wird, in gewisser Weise vor der Gegenwart.

Eine aufschlussreiche Manifestation des operationalisierten spekulativen Zeitkomplexes sind Derivate. Derivate sind heute natürlich zentral für die finanzielle Spekulation, und sie sind „spekulativ“ in dem Sinne, dass sie den unbekannten künftigen Preis einer Kapitalanlage und die damit verbundenen Risiken nutzen, um Gewinne im Verhältnis zum gegenwärtigen Preis zu erzielen. Wie Elena Esposito anhand der Derivate aufzeigt, werden die Ungewissheiten der Zukunft dazu benutzt, um Preise in der Gegenwart zu bilden, und so die übliche Zeitstruktur von Vergangenheit-Gegenwart-Zukunft außer Kraft gesetzt. Der Derivatehandel ist ein klares Beispiel dafür, dass Profite nicht auf der Grundlage der Produktion oder durch gebundenes Kapital wie Geräte, Fertigungsanlagen oder Gebäude gemacht werden, welche alle einer Geschichte der Investition folgen, und auch nicht durch variables Kapital wie Arbeit oder Löhne. Diese gehören zu traditionellen industriellen Akkumulationsmodellen, in denen eine Fabrik gebaut, Arbeiter eingestellt und bezahlt werden, Rohstoffe zu einem bestimmten Preis verarbeitet werden, ein Produkt hergestellt wird und dann zu einem Preis, der höher als die Kosten ist, verkauft wird und somit einen Profit erwirtschaftet. All dies bedeutet, dass Profite durch die Produktion zustande kommen, die in der Vergangenheit stattgefunden hat und deren Produkte dann auf dem Markt eingetauscht werden. Der Tausch des Produkts stellt den Abschluss einer Produktionskette dar, die schon geschehen sein muss. Beim Derivatmodell wird dagegen ein Preis in der Zukunft, die erst noch stattfinden muss, antizipiert, und diese zukünftige Eventualität, die unbekannt ist, wird opera-tionalisiert, um Profite zu erzielen – auf der Grundlage, das sei wiederholt, einer Zukunft, die unbekannt und noch keine Wirklichkeit ist.
Derivate sind eine Art von future-mining, ein Vorgriff auf die Zukunft aus der Gegenwart, und diese Extraktion Ausbeutung der Zukunft verändert wiederum die Gegenwart, die nicht mehr diejenige ist, von der man ausgegangen ist. Die Konstruktion einer spekulativ konstruierten Gegenwart macht die Gegenwart aktiv zu einer Vergangenheit. Dies muss nicht unbedingt präemptiv in dem Sinne sein, dass man etwas eliminiert, um dem vorzubeugen, was geschehen könnte, vielmehr werden die Operationen der Preisbildung der Derivate selbst modifiziert, insofern die nahe Zukunft als Bedingung der Operation berücksichtigt wird. Die Zukunft verändert damit auch die Gegenwart, noch bevor sie stattgefunden hat. Damit erodiert das lineare Schema der Zeit, während zugleich die Öffnung der Gegenwart auf die Zukunft einer Transformation unterliegt.

In diesem Kontext gilt die Spekulation als ein produktiver, regulierender »Impuls«, der das Problem der Unsicherheit in die Logik der Governance des Risikos einführt. Während der klassische Liberalismus daran interessiert war, die Unsicherheit der Zukunft zu diskontieren, lotet der Neoliberalismus die Grenzen des Kalkulierbaren, des Unkalkulierbaren und des Unvorhersehbaren aus, um dies »chaotischen« Zeitverläufe zu valorisieren. So interessiert sich der Neoliberalismus stärker für die Finanzialisierung/Kapitalisierung als für die Kommodifizierung, beschäftigt sich intensiver mit den Projekten und Aussichten eines Investments als mit dem unmittelbaren Nutzen der Konsumtion; er ist mehr der ungleichgewichtigen Spekulation als der Stasis des Gleichgewichts zugeneigt. Diese Art der Beschäftigung mit der Zeit findet man in der klassisch liberalen Ökonomie und der Neoklassik nicht.

Im zweiten Kapitel ihres Buches behandelt Adkins die Austeritätspolitik unter Gesichtspunkten, die bisher meistens außer Acht gelassen wurden, nämlich als eine polit-ökonomische Strategie, mit der die Schuldenökonomie ausgedehnt und erweitert wird, und daraus folgend die Produktivität der Bevölkerung zur Generierung von Mehrwert inmitten der Bewegungen und Ströme des Geldes gesteigert werden kann. Im Konkreten bedeutet dies auch eine Senkung der Staatsausgaben, die zu Lasten der einkommensschwachen Bevölkerungsteile und derjenigen führt, die keinen Zugang zu finanziellen Assets haben. Die Austeritätspolitik inkludiert also eine klassenspezifische Put-Option, welche inzwischen die Mehrheit der Bevölkerungen auch in den kapitalistischen Kernländern auszuüben hat. Diese Politik bevorzugt nicht einfach nur die Reichen und die Finanzeliten, sondern im speziellen diejenigen, die im großen Stil Zugang zu den Finanzmärkten und den Assets haben oder über letztere als Eigentum verfügen, seien es Hypothekenverträge, Kredite und Derivate.

Um dies zu verstehen, kommt Adkins auf die Genealogie der Expansion des Finanzsystems seit den 1970er Jahren zurück, das a) die finanziellen Institutionen und deren Instrumente explodieren ließ, b) nicht beschäftigungsintensiv war, und c) in steigendem Maß und in nachhaltigen Dosen in das alltägliche Leben der Bevölkerungen integriert wurde. Nicht nur die Banken, Hedgefonds und finanziellen Eliten operieren in den finanziellen Feldern, um spekulative Gewinne mit dem Handel von Assets zu erzielen, sondern auch zunehmend die Mittelklasse und selbst die einkommensschwachen Schichten sind rein zu Zecken des Überlebens in ihrem Alltag gezwungen, sich in die finanziellen Felder zu integrieren. Somit müssen auch letztere das Alltagsleben als ein Raum für finanzielle Investments gestalten und konfigurieren, womit die spekulative Rationalität in das finanzielle Alltagsleben einwandert.

Und damit wird auch das Geld als Zirkulationsmittel und Wertmaß transformiert, indem es selbst als eine spezifische Ware (Kapital als Ware) mit sich selbst vermittelt ist und in dieser spezifischen Bewegung finanziellen Surplus generiert, beispielsweise in der Form der Versicherung von Einkommensströmen, die aus Konsumentenkrediten, Hypotheken und anderen Schulden bestehen (und den Verträgen zwischen Haushalten und den finanziellen Institutionen, die sie versichern) und die Haushalte mit den Operationen an den globalen Finanzmärkten »verlinken«. Wenn das Geld als eine Kapital-Ware fungiert, dann verliert es seine Funktion als Wertmaß bzw. als allgemeines Äquivalent und transformiert zum Wert in sich selbst, der neue Kapazitäten und Attribute besitzt, man denke an die Zuschreibung von Preisen und Zinsraten an Kredite und Anleihen, wobei jene Attribute in eine Vielzahl von Variationen gebündelt und daraufhin gehandelt werden können, wobei die Möglichkeiten zur Bündelung zumindest virtuell endlos sind. So ist der Wert nicht gegeben, bevor er nicht signifiziert ist, und diese Signifikation ist nicht passiv und repräsentational, sondern sie ist performativ – sie wird getrieben von der Projektion des Möglichen. Wenn die Kreation von fiktiven Formen eine temporale Dynamik erzeugt, in der es möglich wird, virtuelle Forderungen zu aktualisieren, dann funktioniert die Aussicht auf Aktualisierung als ein immer wieder zurücktretender (virtueller) Horizont, der per se nicht eingeholt werden kann (Lacans object a).

In der begrifflichen Bestimmung der Derivate bleibt Adkins konfus, wenn sie beispielsweise schreibt, dass Geld die Charakteristiken des Kapitals angenommen habe und das Kapital die des Geldes. Zugleich schreibt sie vom Geld als Kapital bzw. als einer spezifischen Ware des Kapitals. Sie bringt also zur Bestimmung der Derivate die Begriffe Ware, Geld und Kapital ins Spiel, ohne sich auf eine Bestimmung festzulegen. Das soll uns hier aber nicht weiter interessieren, denn wir haben das Problem an anderer Stelle ausführlich behandelt. Wir definieren die Derivate im Gegensatz zu John Milios (Geldkapital spezifische Ware) und Bryan/Rafferty (Geld) als spekulatives Kapital.

Adkins schreibt, dass Derivate etwas in Bewegung setzten und dies auch gerade in Relation zu den Konsumentenkrediten und Hypothekenverträgen zu sehen sei. Und selbst noch Einkommensströme, die von anderen Aspekten des alltäglichen Leben herrühren, wie etwa Studentendarlehen, Rechnungen für Mobiltelefone, Rechnungen der Haushalte für Wasser und Elektrizität etc. würden als Inputs in neue Finanzinstrumente eingespeist und somit seien selbst noch ahnungslose Haushalte mit ihren kleinen Einkommen inzwischen über Kettenreaktionen vermittelt abhängig vom Handel der Derivate an den globalen Finanzmärkten. Randy Martin hat dies als die Finanzialisierung des alltäglichen Lebens bezeichnet. Dabei werden die verschiedenen Formen alltäglicher Kreditierung mit den neuen Finanzinstrumenten wie CDOs (Verbriefung; Bündelung verschiedener Kreditformen) mit anderen Kreditformen gebündelt, dann auf einige wenige Attribute (Preise) heruntergebrochen, um dann in vielfältigen Kombinationen an den Finanzmärkten gehandelt zu werden.

Die materielle Prekarisierung forciert die Notwendigkeit für größere Teile der Bevölkerung Kredite aufzunehmen, um Zugang zu Häuser zu bekommen, das Studium fortzusetzen und bestimmten Konsumwünschen nachzukommen oder einfach zu überleben. Und für Kreditaufnahmen muss man Sicherheiten nachweisen. Wenn dies nicht der Fall ist, dann müssen, um die Solvenz nachzuweisen, zumindest Perspektiven (steigender Marktwert des Hauses) oder Reputation, die darin besteht, dass bspw. durch den Lohn der Kredit zurückbezahlt werden kann, nachgewiesen werden. Die neoliberalen Reformen trugen dazu bei, die Individuen, die vom utilitaristischen Kalkül den eigenen Nutzen bzw. das Einkommen zu maximieren, besessen sind, in das finanzialisierte Subjekt zu überführen, das seine eigene Wertigkeit auf die kontinuierlich zu bewertenden Assets verschiebt, um das kleine Kapital x zu maximieren.

Die Verschuldung bestimmter Bevölkerungsteile durch »alltägliche Kredite« steht in einem speziellen Verhältnis zum Lohn, der in seinen verschiedenen Ausformungen zunehmend kontingent wird und sich den durch die Gewerkschaften erkämpften Standardisierungen entzieht. So wird also der Lohnarbeit per se unsicher, sporadisch und unvorhersehbar. Zudem stagnieren die Reallöhne in den letzten dreißig Jahren. Damit können viele Haushalte nur noch durch die Erhöhung der Schulden ihre ökonomische Reproduktion sichern. Unter den Bedingungen provisorischer und zeitlich befristeter Arbeitsverträge, der Austeritätspolitik und stagnierender Löhne müssen die Haushalte niedriger und mittlerer Einkommen ihre Schulden heute damit einfach erhöhen, womit sie zur Expansion und Multiplikation der Extraktion eines Surplus, der durch Geld und Finance generiert wird, beitragen. Im Januar 2019 kommt es laut einer repräsentativen Umfrage des Kreditvergleichsportals Smava bei 18 Millionen Deutschen zu finanziellen Schwierigkeiten und deswegen zur Aufnahme von Dispokrediten, deren durchschnittliche Zinsen laut Bundesbank bei 8,29 Prozent liegen.

Die Verstärkung der Kritik an der selektiven Macht der finanziellen Investoren gegenüber der an den ausbeutenden Kapitalisten heißt nicht, dass die Ausbeutung der Arbeitskraft zurückgegangen wäre, im Gegenteil, in Unternehmen, die insbesondere für die Shareholder aufgestellt werden, müssen die Manager weiterhin strengstens darum bemüht sein, die Arbeitskosten die reduzieren. Aber es sind nicht die neuen Formen des Unternehmensmanagements, die zum Großteil für den Transfer der Einkommen von der Arbeit hin zum Kapital verantwortlich zu machen sind, im Gegenteil, für die Stagnation der Reallöhne und den Abbau des Sozialstaats ist die »Rating power« der finanziellen Investoren verantwortlich zu machen. Der Wegfall legaler und administrativer Bestimmungen, welche die Zirkulation des Kapitals über nationale Grenzen hinweg (als auch die der finanziellen Aktivitäten) befreiten und die Kreation neuer Formen der Assets, Derivate, ermöglichten, führte dazu, dass ausschließlich die Händler der finanziellen Liquidität die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen sowie die ökonomische Attraktivität nationaler Territorien beurteilen und bewerten. Die Akkreditierung als Form der Bewertung des Kapitals ist nun zu bestimmen.

In typisch neoliberaler Manier wird argumentiert, dass man damit die Bürger dazu anhielte, die Disziplin hinsichtlich des Managements ihres eigenen Lebens als das eines Business autonom und selbstverantwortlich zu verstärken. Und die Frage der Kreditwürdigkeit betrifft natürlich auch Individuen, die sich nicht mehr auf langfristige Jobs und staatlich garantierte Sozialleistungen verlassen können, da die Unternehmen und Staaten, die selbst von der Evaluation der Finanzinvestoren abhängig sind, keine langfristigen Arbeitsverträge und ausreichenden Sozialleistungen mehr anbieten können, sodass die jobsuchenden Individuen sich selbst bewertbar machen müssen, etwa durch gutbezahlte fachbezogene Kompetenzen, Flexibilität und ausreichendes Networking. Ihre Möglichkeit, einen Job zu finden, wird nun stärker auf den Kredit, der dem Humankapital zugeordnet wird, beeinflusst, als durch kollektive Verträge zu Gehältern und Arbeitsbedingungen.

Die Erhöhung der persönlichen Schulden und die Abhängigkeit von spezifischen finanziellen Risiken ist aber nur ein Teilaspekt des finanziellen Regimes der Akkumulation, darüber hinaus sind heute die Haushalte immer stärker auch von den Einkommen und Löhnen der Frauen abhängig, egal wie volatil oder prekär nun diese Einkommen sind. Frauen werden zunehmend in den postfordistischen Arbeitsmarkt gedrängt und integriert, sei es als Lohnarbeit im Bereich der sozialen Fürsorge und der Pflegedienste, aber auch prekär bezahlter Tätigkeiten im häuslichen Bereich. Ein neues institutionalisiertes Modell der Erwachsenen-Arbeit hat das alte fordistische Modell der Familie ersetzt, ersteres ist ein Modell, bei dem in der Tendenz alle Erwachsenen an die Beschäftigung gebunden oder zumindest in die konstante Suche nach neuen Beschäftigungsmöglichkeiten integriert werden sollen. So sind gerade Frauen Mehrfachbelastungen ausgesetzt – kurzfristige Beschäftigung oder Lohnarbeit, Hausarbeit und Kindererziehung – und generieren, wenn die geringen Löhne die Verschuldung notwendig machen, selbst eine kleine Investitionstätigkeit im Bereich des Haushalts und der sozialen Reproduktion. Gerade durch diese Mechanismen wurde die Familie im Postfordismus wieder neu erfunden und zugleich reorganisiert, und zwar in Richtung einer Neuinszenierung der Eigenverantwortlichkeit und der damit einhergehenden Anbindung an das Finanzsystem. Während im Fordismus die heterosexuelle Familie als Ort der Reproduktion insbesondere der männlichen Arbeitskraft sowie der Erzeugung von Konsumnachfrage fungierte (plus den Zuwendungen des Sozialstaates), transformiert im Postfordismus die Familie in eine sich selbst genügende ökonomische Einheit und/oder in einen Bereich des kleinen Investments, wenn sich die Familie durch private Schulden reproduzieren und mittels eines Set von ökonomischen Verantwortlichkeiten, die stets an die Finanzmärkte gebunden sind, operieren muss. Somit mutiert selbst noch die Familie zu einem kleinen Unternehmen, in dem nun auch die Frauen im Zuge der Redefinition der sozialen Reproduktion den Imperativen der Beschäftigung unterworfen sind. Für den Postfordismus ist die Feminisierung des Überlebens essenziell. Und oft genug fungieren die Löhne der Frauen als eine Art Leveraging und der »Spekulation«, um als Familie bei den Banken und anderen Kreditinstitutionen Zugang zu versicherten Kreditformen zu finden, die das alltägliche Leben der Haushalte gewährleisten, und dies gerade auch hinsichtlich der Finanzierung von Leistungen, die bisher vom Staat oder von den Kapitalisten übernommen wurden.

So sind heute die Löhne dermaßen volatil, als sie als Ausgangsbasis für den Zugang zu Krediten und Hypotheken dienen, für die dann regelmäßige Zahlungen zu leisten sind. Die Löhne, so Adkins, seien damit nicht länger als ein Mittel für den Kauf von lebensnotwendigen Waren, sondern selbst als eine Ware zu verstehen bzw. als eine Form des Geldes, das nun ein Wert in sich selbst sei. Auch hier finden wir wieder die Vermischung von Geld, Ware und Kapital bei Adkins vor. Zumindest lässt sich sagen, dass die Löhne mit der Verschuldung der Haushalte korrelieren, die mit dem Kauf von Wertpapieren auch ein kleines Kapital x generieren können. Die Arbeiter und Angestellten müssen nun selbst – wenn auch in sehr beschränktem Maß – auf und mit ihrem alltäglichen Geld spekulieren, um etwas in Bewegung setzen zu können. So sind die Haushalte nicht nur immer stärker von den Löhnen der Frauen abhängig, sondern auch davon, was diese Löhne als Bedingung der Kreditaufnahme leisten können. Das Finanzsystem treibt damit die Haushalte regelrecht in die neoliberale Risikoproduktion hinein und dies betrifft heute eben auch die Haushalte niedriger und mittlerer Einkommen. Damit werden die Haushalte in spezifisch asymmetrischer Weise auch abhängig von den Fluktuationen der Preisbewegúngen an den Finanzmärkten. Wohnung, Regeneration, Erziehung und Gesundheit – Bereiche der sozialen Reproduktion, für die der Sozialstaat im Fordismus noch seinen Beitrag geleistet hatte – sind nun finanzialisiert, wobei die Haushalte, indem sie ihre soziale Reproduktion durch Kreditaufnahme sichern, weitere Risiken eingehen müssen. Damit ist eine neue Topologie der Anbindung der Bevölkerung an das finanzielle Risiko in Szene gesetzt. Wenn es an dieser Stelle um Fragen der Gerechtigkeit geht, dann sollte man sich nicht länger nur auf die Umverteilung der Einkommen konzentrieren, sondern eben auch auf die Frage der Verteilung der finanziellen Risiken.

Die Frage der Zeit der vertraglich geregelten Schulden von Haushalten und Personen sowie der versicherten Schulden muss ausführlich analysiert werden, wenn man die Integration der Bevölkerung in die Schuldenökonomie und die Erweiterung der Potenziale der Bevölkerung, ein positives Risikomanagement leisten zu können, verstehen will. Dies bedarf wiederum des Verständnisses der Logik der Spekulation als ein spezifisch historischer Modus der Kapitalakkumulation und der sozialen Organisation. Dabei geht es zum einen um den quantitativen Anstieg der privaten Schulden in den kapitalistischen Kernländern, zum anderen um die zukünftigen Einkommensströme, die aus den vertraglich geregelten Schulden resultieren, sowie um ihre Anbindung an gegenwärtige Akkumulationsstrategien des Kapitals, das heißt an die Produktivität der Schulden bezüglich der Generierung des Surplus via Geld und Finance. Potente Kreditgeber wie die Banken inkorporieren heute ein strukturelles Machtverhältnis, gerade wenn es um ihre Position innerhalb der Verschuldungskreisläufe der Haushalte geht, die wiederum als Kreditnehmer oft keine andere Wahl haben als sich zu verschulden. Wenn Marx die Arbeiter als Lohnsklaven bezeichnet hat, dann muss die Verschuldung als eine asymmetrische Relation verstanden werden, in der die kleinen Schuldner nichts weiter als Schuldensklaven sind.

Gewöhnlich wird die zeitliche Dimension der Verschuldung auf das Versprechen der Kreditnehmer bis zur Tilgung des Kredits Zahlungen (inklsive Zinsen) zu leisten und damit auf die Schließung einer offenen Zukunft für die Kreditnehmer reduziert, die dann keine Möglichkeiten mehr besitzen, bestimmte Potenziale der Zeit zu nutzen. Gegen die darin angelegte Vorstellung, dass Schulden eine Destruktion der Zeit, die Vernichtung der Möglichkeiten in der Gegenwart und der Zukunft nach sich ziehen, will Adkins darauf hinaus, dass die Schulden heute eher auf ein generatives Moment in der Zeit verweisen. Damit wird die Logik der Rückzahlung der Schulden auf die Logik der möglichen Zahlungen verschoben, und die Bewegung der Zahlungstermine und -fristen, die einer Logik der Wahrscheinlichkeit entspricht, verschiebt sich hin zu einer Logik des Möglichen. Diese Logik bindet das verschuldete Subjekt an eine Zeit, in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sich nicht mehr in einer linearen Relation zueinander befinden, vielmehr ist die Zeit nun offen für jede Art der Revision. Diese Form der Zeit nennt Adkins »spekulative Zeit«, und diese ist an die Logiken des Geldes und der Finance gebunden und im Speziellen an den Prozess der Verbriefung von Krediten (CDO), der für das finanzielle Kapital neue Möglichkeiten der Extraktion von Profiten geschaffen hat, wobei dies eben auch mittels der Kapitalisierung der Einkommensströme der Haushalte geschieht. So gesehen inhäriert die Verschuldung der einkommensschwachen Bevölkerung auch eine neue Ordnung der Zeit, in der die Produktivität der Bevölkerung bezüglich der Generierung von Mehrwert – aus den Strömen des alltäglichen Geldes – maximiert werden soll. Diese Reorganisierung des Sozialen bedarf spezifischer Modi und Praktiken, wobei die Architektur der Schulden wiederum bestimmte zeitliche Rhythmen, Sequenzen, Patterns und Sensationen verlangt.

Schulden enthalten also eine temporale Relation, sie werden durch die Zeit definiert: Sie erfordern das Versprechen, zu einer Zeit zu zahlen, die noch nicht erreicht ist, nämlich in der Zukunft, und damit erfolgt auch die Zurückstellung der Gegenwart zugunsten einer vertraglich geregelten Zukunft, die bekannt ist, noch bevor sie eintritt. Bezüglich der Zeit operieren Schulden also mit einer doppelten Bewegung: Das Versprechen zu zahlen, inkludiert Aufschub und Antizipation. Es ist davon auszugehen, dass das ökonomische Überleben der Mehrheit der Bevölkerung in den kapitalistischen Kernländern heute von der Schuldenökonomie abhängig ist. Lazzarato hat schon vor einigen Jahren angemerkt, dass zunehmend größere Anteile des Lebens in die Schuldenökonomie gesogen werden, sodass finanzielle Risiken und finanzielle Kosten letztendlich das ganze Leben durchqueren. Gegen Lazzarato wendet Adkins allerdings ein, dass Schulden eine Komplexität besitzen, die nicht auf den Verlust an (offener) Zeit und Aneignung zu reduzieren ist, das heißt auf eine datierte Zeit der Rückzahlungen, die ein punktiertes und gleichförmiges Subjekt einfordert, ein Subjekt, das Sanktionen vermeidet, indem es pünktlich Rückzahlungen leistet.

Dies ändert sich mit der Finanzialisierung der Schulden bzw. der Existenz des Kalküls der verbrieften Schulden (CDOs, die sich aus Konsumentenkrediten und Hypotheken zusammensetzen). Die Securitization/Verbreifung von Krediten besteht darin, vertraglich abgesicherte Schulden zu sammeln, zu bündeln und in liquide Assets zu verwandeln, die an den Finanzmärkten gehandelt werden können. Dies hat nicht nur zu neuen Möglichkeiten in der Kreation des Surplus für das finanzielle Kapital geführt, sondern auch die Möglichkeiten der Realisierung von Renditen, die in Hypotheken und Konsumentenkrediten verborgen sind, erhöht. Damit werden die »alltäglichen« Kredite in die Kapitalmärkte hineingezogen. Und damit werden auch die Zahlungsfristen und -pläne der Schulden transformiert, die jetzt nicht mehr gleichförmig, regulär und sequentiell, sondern flexibel, variabel und anpassungsfähig sind. Es lassen sic die Schedules für Rückzahlungen dehnen, verlangsamen, beschleunigen, reorganisieren und zurücksetzen. Sowohl die variablen Zahlungsräume zur Rückzahlung als auch die Kalkulation der Kreditvergaben werden nicht mehr auf einen zukünftigen Endpunkt ausgerichtet, an dem die Schulden dann endgültig getilgt sind, sondern sie sind auf den laufenden und den möglichen Service von Schulden, also in Richtung von möglichen, zukünftigen Zahlungen anstatt von Rückzahlungen bezogen. Somit sind Kredite, Hypotheken und andere Schulden der permanenten Adaption ausgesetzt und zudem mit Optionen aufgefüllt, sodass bspw. einer Zeit der Zahlungen mit hohen Zinsen eine Befreiung der Zahlungen für eine bestimmte Periode folgen kann.

Auch die Vergabe von langfristigen Krediten ist nicht mehr allein an die Indexierung zukünftiger und wahrscheinlicher Lohnzahlungen gebunden (ausgehend von bekannten Löhnen in der Gegenwart), stattdessen untersucht man die Löhne und Einkommen stärker auf Potenziale und Möglichkeiten hinsichtlich der zukünftigen Bedienung von Schulden. Anstatt weiterhin von der Kalkulation des Wahrscheinlichen, die der exakten Projektion von der Gegenwart in die Zukunft dient, auszugehen, bezieht sich das Kalkül der versicherten Schulden auf die Kalkulation möglicher Zukünfte. So wird die Zukunft nicht von einer bekannten Gegenwart aus entfaltet, vielmehr wird die Gegenwart durch kommende Zukünfte saniert, die eintreten können oder auch nicht. Damit werden zugleich Ressourcen von der Zukunft in die Gegenwart transferiert, von Zukünften, die bisher noch nicht eingetreten sind oder nie eintreten werden. Man ersetzt die statistische Kalkulation der Wahrscheinlichkeit durch die algorithmische Anordnung des Möglichen, von der aus neue Praktiken in Gang gesetzt werden sollen. Rouvory und Stiegler haben im Kontext der Analyse einer neuen Form der algorithmischen Governance der post-aktuellen Realität schon früh darauf hingewiesen, dass es heute nicht mehr um die Kalkulation der Wahrscheinlichkeit, sondern darum gehe, im Voraus schon dasjenige zu berücksichtigen, was der Wahrscheinlichkeit entflieht und damit den Exzess des Möglichen erst möglich macht. Auch der Staat bedient sich der neuen Methoden und Techniken, das Mögliche zu modellieren, etwa mittels Software, Risikomanagement, biometrischer Verfahren und des privaten Consultings. Diese Techniken ermöglichen eine neue Form der algorithmischen Governance und der Macht, die ganz auf mögliche Zukünfte ausgerichtet ist und mittels präemptiver Maßnahmen agiert. Man liest nun Spuren, die von möglichen Zukünften hin zur Gegenwart führen.

Die Produktivität der Schulden basiert nicht nur auf der Akkumulation von Profiten, die auf Schulden bzw. Zinsen rekurriert und in fixierten Blöcken der zukünftigen Zeit bezahlt werden, sondern auf der Akkumulation von Profit, die durch den Handel mit Schulden in der Zeit funktioniert, wofür man sind vertraglich fixierte Einkommensströme, die Gewinne und Verluste der Schuldenaufnahme und die »Wetten« auf diese Gewinne und Verluste benötigt, das heißt bezüglich des letzten das Herunterbrechen der Kredite auf wenige Attribute und daraufhin das Bündeln, Auspreisen und Handeln dieser Attribute innerhalb der durch das Risiko bewerteten Tranchen. Diese experimentelle Behandlung der Schulden wird nun selbst zur Profitquelle. Profite resultieren für das finanzielle Kapital unter anderem aus dem Handel mit Derivaten, der Restrukturierung von Schulden und der Auktionen mit Krediten, CDOs und CDS.

Die diese finanziellen Operationen begleitende Zeit ist spekulativ, sie hat zumindest eine spekulative Komponente. Adkins verweist an dieser Stelle wieder auf Bryan und Rafferty, Autoren, die die Derivate als eine Form des Geldes bezeichnen. Wenn Derivate aber in Geld realisiert werden müssen, dann sind sie selbst nicht Geld, sondern allenfalls spekulatives Kapital oder eine spezifische Ware, die des Geldes als Kapital. Auf jeden Fall speichern diese Finanzinstrumente Liquidität und das Potenzial der Transfers, das nicht an das Eigentum eines unterliegenden Basiswert gebunden ist, auf das sich das Derivat bezieht. Im gleichen Atemzug spricht Adkins wieder von den Wareneigenschaften der Derivate, ja von Kapital. Anyway, auf jeden Fall ist ihr darin zuzustimmen, dass die Derivate kein fiktives Kapital sind, sondern wie wir sagen würden spekulatives Kapital, das materiell und real ist.

Die spekulative Zeit ist eine Zeit, in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nicht in einer prä-determinierten Relation oder Linearität stehen, sondern die in einem Kontinuum von Bewegung, Transformation und Entfaltung prozessiert. Die Zukunft kann hier nicht nur auf die Gegenwart, sondern auch auf die Vergangenheit zugreifen. Die Gegenwart und ihre Relationen zur Vergangenheit und Zukunft können wiederum innerhalb einer Aktion einem ständigen Reset unterworfen werden. Vergangenheit und Gegenwart können in die Zukunft und Zukunft und Gegenwart in die Vergangenheit geschoben werden. Und die Flüsse dieser nicht-chronologischen Vergangenheiten, Gegenwarten und Zukünfte inklusive ihres Resettings und ihrer Reorganisation, ja sogar ihrer Suspension können ohne Weiteres einer Vermehrung von Profiten dienen. Die Zeit der versicherten Schulden und Profite insistiert in einer nicht-chronologischen und indeterminierten Bewegung der spekulativen Zeit.

In dieser Zeit und im speziellen im Kontext der ökonomischen Produktivität muss die Akkumulation via Schulden (die wechselnden Schedules der Schulden von Personen und Haushalten, die sich verzögern, beschleunigen und reorganisieren lassen) erfolgen. Der am Kalender orientierten Zeit der Rückzahlung wird nun die kalendarische Zeit der Zahlung hinzugefügt, die das Subjekt an die nicht-determinierte Zeit der Spekulation bindet. In dieser Zeit werden finanzielle Aktivitäten mobilisiert und intensiviert; es ist eine Zeit, in der sich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in einem kontinuierlichen Fluss der Revision befinden. So jammert das finanzialisierte Subjekt jetzt nicht länger über die Leere der Zeit, den Verlust der Zukunft oder der zeitlichen Orientierung, sondern dieses Subjekt ist jederzeit bereit die Rekalibrierungen von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft freudig in Angriff zu nehmen zuzüglich ihre Relationen und Stadien untereinander. Und dieses Subjekt hat nicht zu wenig, sondern zu viel Zeit, nämlich die des Ereignisses und des nicht-chronologischen Flusses der Zeit.

Die Zeit des versicherten Schulden schreibt in die Gegenwart die spekulative Zeit ein. Dies inkludiert keine Praktik der Temporalisierung, wie Bourdieu noch annimmt, sondern eine Praxis der Spekulation, welche die Kapazitäten der Bevölkerung bezüglich möglicher Zahlungen über ganze Lebenswelten hinweg maximieren soll. Denn der Prozess der Securitization inkludiert ein Rewriting des sozialen Lebens der Bevölkerungen, das nun in Finanzsystem und seine Risikoproduktion integriert wird: Der Kreditwürdigkeit von Teilen der Bevölkerung wird die erweiterte Logik der Zahlung des Möglichen hinzugefügt.

Um es zu rekapitulieren: Adkins macht die Transformationen im Finanzsystem seit den 1970er Jahren an der Entwicklung neuer Finanzinstrumente, der Verbriefung insbesondere von Krediten, der Austeritätspolitik und der Integration der Bevölkerung in die Finanzkreisläufe fest. Daraus zieht sie weitere Schlussfolgerungen: An den Finanzmärkten hat sich nach Bretton Woods das Verhältnis von Zeit und Geld verändert, es wurde eine radikale Temporalisierung der Securitization in Gang gesetzt, deren Profitmöglichkeiten eben auch in der Bewirtschaftung der Zeit liegen. Die Austeritätspolitik führt zum immer weiteren Ausbau der Schuldenökonomie, wodurch die Produktivität der Bevölkerung hinsichtlich der Generierung von Surplus via der Bewegungen und Ströme des Geldes gesteigert werden kann. Selbst die langfristigen Finanzierungsstrategien haben das »alltägliche Geld« in die Finanzkreisläufe integriert. Und die Aufnahme von Kredite wird auch für einkommensschwache Bevölkerungsanteile immer dringender notwendig, um überhaupt noch ökonomisch überleben zu können. Dies führt zu einer Restrukturierung der Klassenrelationen und des Sozialen insgesamt, bis hin zu der Einführung von neuen alltäglichen finanziellen Praktiken, die allesamt durch spekulative Mechanismen infiziert sind. Insbesondere die Reduzierung und Stagnation der Löhne treibt die Haushalte in die Schuldenökonomie hinein, in der sie gezwungen sind, auf ihre reduzierten Einkommen zu spekulieren.

Wenn Arbeiter und Angestellte wegen ihrer zumeist zu niedrigen Löhne (um ihre soziale Reproduktion zu sichern) Kredite aufnehmen müssen, dann handeln sie quasi ihre Löhne, um Zugang zu Geld zu bekommen, das etwas in Bewegung setzen kann, das heißt die Löhne beziehen sich auf Eigenschaften des Geldes, die noch nicht vorhanden sind, aber ungenutzte Potenziale frei setzen können. In der Tendenz kann nun selbst noch der Arbeiter ein kleines Investor-Subjekt werden, das Zugänge zu Assets besitzt (bspw. über Versicherungen). Wie Derivate von den ihnen unterliegenden Basiswerten, so können Löhne bis zu einem gewissen Maß von der Arbeitskraft abgetrennt werden, um als Basis für Verschuldungsexzesse zu dienen. Um darauf eine Antwort zu geben, müsste eine neue linke spekulative Politik ins Auge gefasst werden, die sich auch um die Rechte und Bedingungen derjenigen Beschäftigten kümmert, die via Kredit Geld in Bewegung setzen müssen.

Wenn sowohl die Lohnarbeit als auch insgesamt die Reproduktion des Lebens zunehmend prekär sind, dann besteht für viele Arbeiter und Angestellte die Gefahr, in subproletarische Bereiche abzurutschen. Die tragende Rolle der Lohnarbeit, die in den produktiven industriellen Produktionsprozessen stattfindet, schwindet in den westlichen Kernländern. Damit steigt der Anteil derjenigen, die ohne reguläre Lohnzahlungen im Kontext der Prekarisierung der Arbeit auskommen müssen. Für Adkins besitzen heute aber selbst ein Großteil der Löhne dieselbe Rationalität wie die neuen Formen der Finanzinstrumente. Die Stagnation und die Reduktion der Reallöhne sind ein kennzeichnender Faktor der Zeit des Postfordismus. Adkins zitiert an dieser Stelle David Harvey, der nahelegt, dass die Stagnation der Reallöhne Resultat der Aufkündigung des sozialen Pakts im Fordismus war, das heißt eines andauernden Angriffs auf die Organisationen der Arbeiterbewegung sowie einer Periode der Konsolidierung der Macht des Kapitals.

Im finanzialisierten Postfordismus sind die Löhne aber nicht ausschließlich durch ihre Stagnation, sondern auch, und dies eben in engen Grenzen, zudem durch ihre Volatilität und weiterhin durch Unsicherheit gekennzeichnet. Der schleichende Abbau des Sozialstaates verschärft (Gesundheit, Pflege, Bildung, Wohnung etc.) hat die Krise der sozialen Reproduktion verschärft. All diese Faktoren haben im Zusammenspiel mit stagnierenden Reallöhnen die Lücke zwischen den real verfügbaren Einkommen und dem, was zum Leben benötigt wird, erweitert. Für unsichere Löhne sind heute selbst die Nullstunden-Verträge beispielhaft, die keine spezifische Arbeitszeit und Lohnhöhe mehr ausweisen und eine permanente Bereitschaft zur Arbeit einfordern. Man denke des Weiteren an die vielen Formen von Verträgen, die außertariflich sind. Gleichzeitig hat sich der Schuldenservice der Haushalte erhöht: Hypotheken, Kredite und Studentendarlehen haben die Form besicherter Kredite angenommen, die durch spezifische Finanzinstrumente in Derivate(CDOs) transformiert und an den Finanzmärkten gehandelt werden. Damit wird die Produktivität der vertraglich geregelten Schulden für den Prozess der Akkumulation zentral. Zudem dient die Kreation des verschuldeten Konsumenten als »Lösung« für stagnierende Löhne und hat das Lohnarbeitsverhältnis selbst verändert. Dabei kommt es zur kontinuierlichen Messung der Verschuldung wird und ihr Anstieg wird durch die steigende Einkommen-Schulden-Relationen auch empirisch bestätigt, wobei das Augenmerk stärker auf die steigenden Schulden als auf die Entwicklung der Löhne gelegt wird. Unter den Bedingungen der expandierenden Verschuldung werden die Arbeiter also nicht nur durch das Lohnarbeitsverhältnis ausgebeutet, sondern auch durch ihre Anbindung an die Banken und andere Finanzinstitutionen via Kreditierung.

Die Umstrukturierung des Steuerstaats hin zum Schuldenstaat hat zwei Konsequenzen: Einerseits sind institutionelle Investoren ( Pensionsfonds, Versicherungen und Hedgefonds) immer auch darauf bedacht, in ihren Portfolios sichere Finanzanlagen wie Staatsanleihen zu halten, zum anderen ermöglichen die dadurch in die Staatskassen gespülten Gelder den Regierungen bestimmte staatliche Serviceleistungen aufrechtzuerhalten, obgleich die Bürger schon in den 190er Jahren gewarnt wurden, dass der Sozialstaat so nicht mehr aufrechtzuerhalten sei und transformiert werden müsse. Die Kombination einer wachsenden Kreditierung des Staates bei gleichzeitiger Senkung der Steuern führte in dieser Zeit schon schnell zu wachsenden Defiziten in den Staatshaushalten, was wiederum die Kreditgeber beunruhigte. Den Regierungen blieb damit keine Wahl, einen immer größeren Anteil ihrer Budgets für die Zurückzahlung von Schulden zu verwenden, womit die sozialen Serviceleistungen weiter eingeschränkt werden mussten. Da die wachsenden Defizite auch die Zinsraten auf Staatsanleihen ansteigen ließen, musste ein zusätzlicher Weg gefunden werden, um diesen Prozess zumindest zu verlangsamen. Dieser bestand darin, den privaten Haushalten nahezulegen, den Staaten in der Politik der Verschuldung zu folgen und immer größere Teile der Reproduktionskosten durch die Aufnahme von Krediten zu finanzieren. Die Bürger sollten sich also so weit wie möglich selbst verschulden. Die Bedingungen für die private Kreditaufnahme zu erleichtern, war damit zum einem Mittel geworden, um die Steuern niedrig zu halten, den Lebensstandard der Bürger abzusichern und den Weg in die Verschuldung der privaten Haushalte weiter zu öffnen.

Selbst die Finanzkrise veränderte diese Politik der Staaten nicht wesentlich. Zusätzlich wurde durch ein massives Deficit Spending des Staates das Bankensystem gerettet und die Kosten wurden auf die Bevölkerungen abgeschoben, indem die Austeritätsmaßnahmen verstärkt und gleichzeitig die private Verschuldung nach wie vor gefördert wurde. Während die Emission von Staatsanleihen die sinkenden Steuereinnahmen kompensieren sollte, dienten die Konsumentenkredite dazu, das Wachstum des staatlichen Defizits zu limitieren. Wolfgang Streeck spricht an dieser Stelle von der Transformation des Schuldenstaats in den Konsolidierungsstaat, wobei die Konsolidierung bisher aber kaum gelingt, sodass zukünftige Generationen nicht ohne weiteres von den Systemen der Verschuldung befreit werden können. Die Bailouts der großen Banken hat das noch einmal eindrücklich bestätigt. Nach der Politik des »too big to fail« wird weiterhin intensiv nach privaten Investoren gesucht und dies führt zu drei Tendenzen: Senkung der Kapital- und Unternehmenssteuern, Schleifung der sozialen Programme und öffentlichen Dienstleistungen und eine weitere Flexibilisierung der Arbeitsmärkte.

Aus Steuerzahlen wurden Kreditgeber für systemisch insolvente Gläubiger. Die die Bevölkerung treffenden Austeritätsmaßnahmen machten diese dann endgültig zum lender of last resort. Die Finanzinstitutionen gingen aber gleich in die Offensive und streuten ihre Furcht vor den schlechten Bedingungen der Accounts ihrer Retter in deren Ressorts hinein. Und da dies auch die Staaten betraf, hatten die Regierungen nichts besseres zu tun als, die Ressourcen für soziale Programme und Dienstleistungen dramatisch zu reduzieren. Indem nun die Regierungen die fiskalische Konsolidierung zu ihrer Hauptaufgabe machten, um das Vertrauen an der Finanzmärkte sicherzustellen, verlagerten sie eben nicht nur den Transfer von Geldern zur Rettung des Finanzsystems, sondern machten die Steuerzahler zu einem dritten Player, der auf alle Ewigkeit die Refinanzierung des Bankensystems im Krisenfall übernehmen soll. Für die Steuerzahler selbst hieß dies auf Grundlage der Kürzung der Sozialleistungen weitere Kredite aufzunehmen, und zwar genau bei denjenigen, die gerade von ihnen gerettet wurden. Nach der Krise gingen man also sehr schnell zu den »normalen« Beziehungen zwischen Gläubigern und Schuldnern zurück.

he losses absorbed by middle class families in a nation famous for its diligent savers have taken a quiet financial and emotional toll.

Many of the failures have been peer-to-peer lending platforms. Outstanding peer-to-peer loans in China topped Rmb1.2tn ($174bn) in the first quarter this year, before sliding to about Rmb800bn as hundreds of peer-to-peer platforms shut, according to a report on the sector by Moody’s.

A senior manager at the Beijing office of a large US tech company did not want his boss to know he spent his vacation days protesting outside government offices.

It is difficult to put exact figures on the size China’s shadow banking sector, which attracts individual and corporate savings with interest rates above the savings deposit rate and lends the money on at even higher rates. Shadow banking institutions involve not just peer-to-peer platforms, but trust companies selling wealth management products, online fintech companies, pawnshops and a large variety of informal money lenders. What is certain is that the sector has seen a lot of growth.

About 169m Chinese, or about 12 per cent of the population, have invested in wealth management products online, a rise of 66 per cent from two years ago, according to a Moody’s report published this month. Essentially, they are putting money into the shadow banking system.

Other statistics cited by Moody’s also indicate that money under management by peer-to-peer platforms has doubled in the past two to three years. The sharp rise in online investing reflects “a desire to generate returns above cash-deposit rates”, it said.

Individuals and companies with savings — including state-owned enterprises and some foreign invested businesses — lend into the non-bank financing market. On the borrowing side are small businesses that are poorly served by the formal banks, individuals without credit cards and larger enterprises that have exhausted their ability to borrow from state-owned banks.

Not all borrowers are small. Finance-to-aviation conglomerate HNA raised billions through peer-to-peer platforms and other non-bank funding channels, a Financial Times analysis showed. In August, amid a rise in peer-to-peer shutdowns, it failed to make payments to a swath of individual investors, including some of its own employees.

Most of China’s more comfortable middle class citizens would rather swallow their losses than risk arrest. Instead of protests, the reckoning this year has taken the form of belt-tightening and painful family conversations.

Das Dividuum ist der Hohn auf den Anti-Narziss. Es ist die Ausgeburt der Hyper-Dialektik. Eins teilt sich in Zwei. Kann sich der Narziss im Spiegelbild nur zweimal verlieren, indem die Ursache zur Wirkung und das Ganze zum Teil wird, so wird das Dividuum zur unendlichen Teilung gezwungen. Das Dividuum be- und versiegelt das Ende aller molekularen Revolutionen. Die Revolution war molekular, die Konterrevolution war es nicht weniger, erklären Tiqqun. Wir haben an anderer Stelle mit Bezug auf Deleuze/Guattari ausgeführt, dass Dividuen geteilte Existenzen sind, die einerseits in maschinelle Intra-Verhältnisse integriert sind, andererseits im Individuum ihren Doppelgänger besitzen. Der Anti-Narziss hingegen dis-individuiert sich in die generische Gemeinsamkeit der Alterität. Er ist ein Schamane, der zum Tier wird, nur um zu wissen, welche Dinge dieses als Sein sieht und um dann wiederum das Tier definitiv als Sein zu begreifen. Die Gemeinschaft der Anti-Narzissten ist eine von solchen, die nichts gemeinsam haben, oder Teile von keinem Teil sind. In diesem Kontext ist die kurze Anmerkung zum Begriff des Dividuums bei Günther Anders oder zur organischen Zusammensetzung des Menschen bei Adorno zu verstehen.

Günther Anders hat in seiner Schrift Die Antiquiertheit des Menschen Bd.1 im Kontext der Beschreibung der in den 1950er Jahren aufkommenden Unterhaltungsgeräten und ihren Techniken der Zerstreung auf Mechanismen hingewiesen, welche von nun an beim Individuum konstant verhindern, noch einen Punkt einzunehmen oder „bei sich selbst“ zu sein, stattdessen immer „ubique simul“, also letztendlich nirgendwo zu sein.

Von abhängig Beschäftigten, deren Arbeitsprozesse durch Charakteristika wie Zwang und Langeweile gekennzeichnet seien, könne man nicht mehr erwarten, dass sie in der Freizeit zu sich selbst zurück fänden, und auch wenn sie dies nur wollten würden ihnen die Massenmedien und das durch sie produzierte und gestreute Material (Nachrichten, Semiotypen, Bilder etc.) regelrecht entgegenstürzen – Geschwindigkeit und Nichtstun, Entspannung und Spannung würden sich auch in der Freizeit impulsiv ergänzen, und die derart mobil gewordenen Didividuen könnten schließlich nur noch das Jetzt, i.e jeden Augenblick wechselnde Zeitstellen bewohnen, was bei den Beteiligten zu einer Art artifizieller Schizophrenie führe.

Man kann dies nun als eine wirklich schwarze Vorahnung auf das heute zwischen Depression und ADHS oszillierende Dividuum lesen, das in verschiedene Teilfunktionen geteilt ist und auf einer Welle der leichten Aufmerksamkeit schwebend und/oder manisch inspiriert sich disparaten Beschäftigungen hingibt. Anders schreibt: „Der Mann im Sonnenbad etwa, der seinen Rücken bräunen läßt, während seine Augen durch eine Illustrierte schwimmen, seine Ohren am Sportsmatch teilnehmen, seine Kiefer einen gum kauen – diese Figur des passiven Simultanspielers und vieltätigen Nichtstuers ist eine internationale Alltagserscheinung.“  Und Anders schreibt weiter, dass es heute antiquiert sei, sich auf eine Sache noch zu konzentrieren, um sich darin sich oder etwas finden zu wollen. Somit ließe sich vom Subjekt längst nicht mehr sprechen, denn dieses bestünde nur noch aus verschiedenen Organen – Ohren, Augen und Gaumen -, die mit ihrer speziellen Funktionstauglichkeit an etwas kleben, nämlich am Radio, an Bildern und am chewing gum, und ein solchermaßen zerstreutes Subjekt sei eben das Dividuum oder, wie Anders schreibt, das Divisum. Das Divisum übertrifft in seiner Zerstreutheit bzw. funktionalen Geteiltheit in gewisser Weise noch das Dividuum, das Anders in seinen frühen Studien zur negativen Anthropologie erwähnt hatte, in denen es ihm um die prinzipielle Abgetrenntheit des Menschen von der Welt ging. Im Zuge der Konstatierung einer sich ständig ausbreitenden sozialen Arbeitsteilung kommt bei Anders später der Begriff des Divisums ins Spiel. Die Funktionalität eines Divisums findet man heute z.B bei Beatriz Preciado wieder, wenn sie den sexuellen Körper als das Produkt einer sexuellen Teilung des Fleisches bezeichnet, gemäß der jedes Organ durch seine jeweilige Funktion definiert wird.

Den neuen medialen Gerätenwelten korrespondiert Günther Anders zufolge ein an sie angeschlossenes und zugleich in zahlreiche Perzeptionen und Funktionen geteiltes Divisum, das in seiner affektiven, kognitiven und emotionalen Zersplitterung keine Singularität oder Identität mehr aufbringen kann. Zu diesem neuen Menschen schreibt Anders: „Zerstreut ist er also nicht nur (wie vorhin) über eine Vielzahl von Weltstellen; sondern in eine Pluralität von Einzelfunktionen.“ Dieser Aufteilung in Funktionen entspricht eine gewisse Bindungslosigkeit, die dazu führt, dass man sich schnell von bestimmten Objekten entwöhnt oder diese als reizlos emfindet, ohne allerdings die Gewohnheit selbst aufzugeben, die wiederum schnell Suchtcharakter annehmen kann, man denke etwa an das stundenlange Fernsehen, das im Modus des Zappings erlebt und durchgespielt wird. Durch den Arbeitsprozess daran gewöhnt in verschiedene Funktionen geteilt oder wahlweise in einem einzigen Aufgabenbereich anwesend und damit unselbständig zu sein, muss das Dividuum, da es kein organisierendes Selbst mehr herstellen kann, auch in seiner Freizeit zwangsläufig in einzelne Funktionen auseinanderbrechen und diese wiederum so gut es geht kombinieren. Die funktionellen Organe müssen bei Strafe ihres Untergangs (wäre eines nicht beschäftigt, würde die Leere oder Langeweile hereinbrechen) beschäftigt oder besetzt werden. Wenn nun die Besetzung nicht in Arbeit bestehen soll, dann ist man gezwungen zu genießen; jedes Organ insistiert in einer Funktion, die Konsum oder Genuss anzeigt, der allerdings längst kein positiver zu sein braucht, vielmehr geht er oft genug in das pausenlose oder das serielle Genießen über, für das besonders diejenigen Produkte geeignet sind, die die Gefahr der Sättigung nicht in sich bergen. Der Trieb nach Konsum heftet sich an den strukturierten Gebrauchswert und das strukturierte Bedürfnis, und diese schwarze Allianz führt schließlich dazu, dass die Simultanlieferung simultaner Elemente – bspw. durch die Matrizes des Fernsehens – für das Dividuum der Normalzustand wird. Anders resümiert: „Bis heute hatte die Kulturkritik die Zerstörung des Menschen ausschließlich in dessen Standardisierung gesehen; also darin, daß dem, in ein Serienwesen verwandelten, Individuum eine nur noch numerische Individualität übriggelassen wird. Selbst diese numerische Individualität ist nun also verspielt; der numerische Rest ist selbst noch einmal „dividiert”, das Individuum in ein „Divisum” verwandelt, in eine Mehrzahl von Funktionen zerlegt. Weiter kann offenbar die Zerstörung des Menschen nicht gehen; inhumaner kann offenbar der Mensch nicht werden.“ 

Insofern wäre die vom Neoliberalismus propagierte Unternehmensform als eine besonders schizophrene Form zu kennzeichnen, erfordert sie doch gerade von ökonomisch abhängigen und geteilten Dividuen die unaufhörliche Investition ins eigene „Selbst“, immer darauf bedacht selbst noch beim Einkauf der neuesten Enhancement-Produkte sich flexibel zu halten, sich umzugestalten.

 Als bloßer Agent der Vergesellschaftung, das heißt in einen totalen Funktionszusammenhang integriert, was die Ersetzbarkeit aller durch alle bedeutet, hat auch für Adorno das Individuum zugleich  noch kreativ und flexibel zu sein. Aufgrund der Ersetzbarkeit aller durch alle ist das Individuum zwar objektiv bedeutungslos geworden, bleibt aber in seinem isolierten Für-sich-Sein eine Monade, die sich vor allem um die eigene Selbsterhaltung kümmern muss. Adorno spricht von der Monade der gesellschaftlichen Totalität, das heißt von einem Sozialcharakter, der einerseits bestimmte Leistungen zur Selbsterhaltung und -verwertung zu erbringen fähig ist (über eine gewisse Identität verfügt), andererseits als tendenziell schon prekarisiertes Individuum längst nicht mehr die ökonomische Selbständigkeit besitzt, die dem Bürger angeblich noch eine gewisse Ich-Stärke verliehen hatte, die zur Ausbildung der Monade notwendig ist (“Was immer am Bürgerlichen einmal gut und anständig war, Unabhängigkeit, Beharrlichkeit, Vorausdenken, Umsicht ist verdorben bis ins Innerste. Denn während die bürgerlichen Existenzformen verbissen konserviert werden, ist ihre ökonomische Voraussetzung entfallen.” Adorno, Minima Moralia) Aufgrund seiner Angleichung an die Funktion kann das Individuum die Rationalität eines identischen Ichs nicht mehr ausbilden und in seiner situativ wechselnden Adaption an das jeweils Notwendige kommt es schließlich zur Zerstörung des Selbst, um die Selbsterhaltung überhaupt noch zu sichern. Der Einzelne ist von nun an durch Eigenschaften wie psychische Diskontinuität und Inkohärenz geprägt, sodass sich die Gespaltenheit und Zerrissenheit des negativen Ganzen in der des Einzelnen verdoppelt.

Adorno stellt eine Beziehung zwischen dem Individuum als bloßem Agenten des Wertgesetzes und seiner „inneren Komposition an sich“ (Novissumum Organum) her. Der Begriff „innere Komposition“ verweist auf ein Individuum, das als ein geteiltes „Projekt“ ganze Bündel von Eigenschaften, Motivationen und Verhaltensweisen prozessiert. Diese Eigenschaften, von der Geste der Freundlichkeit über das Servicelächeln bis hin zum cholerischen Aussetzer werden einerseits eintrainiert, dienen andererseits der aktiven Anpassung an die jeweilige Situation. Schließlich sind diese Eigenschaften Adorno zufolge nur noch beliebig transportierbarer Stoff oder leere Masken der Empfindungen. (Hier spielt Adorno auf die Subjektivierung als einer Form der De- und Rekomposition des Bewussteins an. Das Bewusstsein impliziert die Wahrnehmung, die eigenen Leistungen des Gehirns blockieren zu können; es impliziert einen Aufmerksamkeitszustand, der die Aktivitäten des Gehirns fallweise begleitet. Alle geistigen Inhalte sind hier kontrafaktische Inhalte, vom Gehirn dargestellte Wahrscheinlichkeitsverteilungen, das aus Möglichkeiten oder Hypothesen wählt, die es im Moment über die Außenwelt und seinen eigenen Zustand hat. Handeln und Wahrnehmen sind hier identisch, nämlich der Versuch, Vorhersagefehler zu minimieren. Aufmerksamkeit wären dann ein generatives Modell des Gehirns, das permanent versucht, Unsicherheit zu reduzieren und Überraschungen zu vermeiden, indem es immer neue Vorhersagen erzeugt, testet und auf diese Weise die kausale Struktur der Außenwelt extrahiert.) Es kommt unweigerlich zur Pseudoindividualisierung: Je weniger Individuen es gibt, desto mehr Individualismus.

Wenn Adorno von der organischen Zusammensetzung des Menschen spricht, dann gelangt er sehr schnell zu den fremdreferenziellen Bedingungen der Subjektivierung, zur Einschreibung von psychologischen, ökonomischen, technologischen und kulturellen Komponenten, Meinungen und Codes in das Hirn des Individuums. An dieser Stelle sollten wir aber hinsichtlich des Begriffs „organische Zusammensetzung“ nicht auf das Wort „Organismus“ abstellen, vielmehr vermittelt der Begriff „organische Zusammensetzung“ ja zwischen technischer und Wertzusammensetzung des Kapitals. Adorno spricht, wenn er von organischer Zusammensetzung des Menschen spricht, also implizit schon die Technik- und Ökonomieabhängigkeit des Individuums an, ja er formuliert, dass Technik und Ökonomie sich unweigerlich über ihre Codes, Sprachen und Semiotiken in das Individuum einschreiben, wobei in diesen Prozessen der Subjektivierung (Intention, Perzeption und Imagination) bestimmte Eigenschaften geteilt und neu zusammengesetzt werden. In unsere Sprache übersetzt würde dies heißen: Das Dividuum ist in die kollektive Sphäre des Techno-Ökonomischen komplex und gespalten integriert, was im Mentalen permanent Resonanzen erzeugt, während umgekehrt die individuellen Stimmen Resonanzen im kollektiven Körper des Kapitals produzieren. Beide Subjektivierungsformen bleiben einbezogen in ein techo-linguistisch-semiotisches Dispositiv der Super-Kollektivität (des Kapitals), dessen serielle, automatische Ketten des Verhaltens nach den Mustern der Schwärme funktionieren, die wiederum durch spezifische Interfaces und Verkettungen vermittelt werden. Und diese werden durch syntaktische Regeln geshaped.

2 Wenn in der selbstreferenziellen Bewegung des Geldes eine doppelte Bewegung am Werk ist, dann nicht die zwischen fundamentalen Werten und und spekulativen Impulsen, vielmehr insistiert in ihr die konstante Notwendigkeit, produktiv auf spekulative Provokationen zu antworten, um die Realität mittels neuer Relationen zu rekonstruieren. In diesem Zusammenhang ist dann auch das Leverage zu sehen, das Akteure, die in höheren sozialen Positionen angesiedelt sind, verpflichtet, ihre Aktivitäten zu hebeln, das heißt, sie richten ihr Beziehungen zu anderen so ein, dass sie den höchsten Gewinn, den größten Output für einen gegebenen Input ziehen können. Das Konzept des Leverage funktioniert auf der individuellen Ebene immanent, relational und performativ, und zwar durch die rekursive Aktivierung von Konnektionen und Operationen, die es komponieren. Es zeigt, dass die relationalen Formen immanent und konstitutiv zugleich sind, um neue Normen zu schaffen. Leverage ist die Art und Weise, wie man seinen fiktiven Projektionen eine sich selbst erfüllende, performative Qualität x gibt, indem man erzwingt, dass die Welt affirmativ auf die eigenen spekulativen Forderungen antwortet.

Insofern die Spekulation mehr als nur »Wetten« bedeutet, involviert sie das Leveraging. Das Leveraging beinhaltet nicht einfach nur die Verbesserung der ökonomischen Position des Spekulanten, sondern gestaltet seine Konfiguration der Realität. Die Mainstream- Wirtschaftswissenschaften begreifen die Spekulation lediglich als ein nicht-performatives Risikomanagement, das die Unsicherheit eliminiert und darauf besteht, dass die Zukunft kalkulierbar ist, wenn nur die richtigen Daten und Methoden zur Verfügung stehen. Da davon ausgegangen wird, dass keine signifikanten Unterschiede zwischen der Vergangenheit und der Zukunft bestehen, kann letztere aufgrund der Kenntnis der ersteren mittels eines perfekten wahrscheinlichkeitstheoretischen Wissens kalkuliert werden. Es geht hier dann tatsächlich zu wie in einer Lotterie: Da die Randomness systemisch produziert und der Einfluss des Subjekts isoliert werden kann, erhalten wir vollständiges Wissen. Aber die Unsicherheit ist vom kalkulierbaren Risiko so einfach gar nicht zu trennen, sondern es stellt sich die Frage, wie man die Unsicherheit der Zukunft benutzt, um sie auszubeuten ohne von ihr paralysiert zu werden. Das Leverage im Rahmen der Spekulation besitzt hier dann eine präemptive Qualität, es antwortet auf das Fakt, dass wir niemals die Zukunft vollkommen wissen können und deshalb Strategien benötigen, die permanent das Moment der Unsicherheit bearbeiten. Leverage bedeutet dann, sich selbst als einen nodalen Punkt innerhalb einer interaktiven Logik der Spekulation zu begreifen, als ein Attraktor im sozialen Feld. Die Art, wie man die Unsicherheit der anderen hebelt, besteht dann darin, dass man sie dazu bringt, in die meinigen Versprechungen (als eine Art, die Unsicherheit zu hedgen, der sie ausgesetzt sind) zu investieren. Das Leveraging verschiebt die Emphase, die auf die Möglichkeit, die Risiken korrekt zu kalkulieren, bezogen ist, hin zur Art und Weise, wie Akteure ihre Versprechen als relevante Einheiten der Kalkulation zu institutionalisieren versuchen. Die ökonomische Macht besteht nicht nur im Wissen, sondern darin, dass man selbst im Kontext einer grassierenden Unsicherheit (an)erkannt wird. Damit lässt sich das Leveraging als ein säkulare Form der Souveränität verstehen, mit der man das Feld der Risiken zwar nicht transzendiert, aber die Möglichkeit besitzt, die eigenen Risiken in Gefahren für andere zu transformieren.

3Bares Geld zum Beispiel verbucht man, indem man sich zum Gläubiger und die Kasse zum Schuldner macht; Waren, die man einkaufen will, macht man zur Schuldnerin, und die Kasse zur Gläubigerin.

4 Das Kadaver-Subjekt kondoliert eindeutig einer psychotischen Struktur, wie sie von Deleuze/Guattari ausführlich beschrieben wird. Die beiden Autoren schreiben, dass die Deterritorialisierungen (Teilungen, Verflüssigungen etc.) stets von Reterritorialisierungen (Narzissmus, Individualisierung etc.) begleitet sind.

5 Der Lebenswert schmiegt sich eng an den Logos des Derivats an, das man auf die Umgebung der Person und auf diese selbst bezieht. Dabei wird der Unterschied zwischen kleinem Kapital x und der Person zunehmend ausgelöscht, insofern das Leben insgesamt auf die Monetarisierung ausgerichtet wird, auf die Transformation einer kleinen sozialen Angelegenheit in eine Maschine zur Vermehrung des kleinen Kapitals x. Der Lebensprofit wird nun direkt an die derivative Profitlogik des Kapitals gebunden.

6 Das Futur 2 scheint bei Marx die Zeit zu sein, die der dritten Bestimmung/Funktion des Geldes als sich verwertendes Geld komplementär ist. Im Prinzip funktioniert das Geld an dieser Stelle der Argumentation schon als (spekulatives) Geldkapital, was bezüglich der Zeit impliziert, dass die Gegenwart durch die Kalkulation ihrer Zukunft eine Bewertung an ihrer und durch ihre Zukunft findet, aber letztlich gerät doch alles anders, als man es im aktuellen Moment voraussehen kann – weil die Zukunft eben auch gerade darauf reagiert, wie man versucht, die Zukunft zu kalkulieren. Nicht die Gewordenheit der Gegenwart aufgrund ihrer Vergangenheit, sondern ihre Gewordenheit bezüglich der Zukunft rückt damit eindeutig in den Blickpunkt, Zukunft, der man wiederum selbst eine Gewordenheit zuschreibt, als sie durch gegenwärtige Erwartungen bestimmt wird. Das Futur 2 zeigt sich hier darin, dass das Geld in der Gegenwart durch das bewertet wird, was es in Zukunft wert gewesen sein soll. Da man aber im Voraus gerade nicht berechnen kann, was das Geld in Zukunft wert gewesen sein wird, kann das Geld nur rein spekulativ in seiner Bezogenheit auf sich selbst verrechnet werden, oder anders gesagt, das spekulative Rechnen mit dem Geld ist seine eigene permanente Verzeitlichung, die das Geldregime vergegenwärtigt und zugleich immer weiter nach vorne verschiebt, anders gesagt, gegenwärtige Zukünfte und künftige Gegenwarten sind nicht deckungsgleich, d. h., sobald eine künftige Gegenwart tatsächlich aktuell wird, aktualisiert sich auch der Unterschied zu jener Zukunft, die das Kapital erwartet (gegenwärtige Zukunft) und deren Aussichten es einstmals genutzt hat, und so kehren stets andere Zukünfte als die erwarteten in die Gegenwart zurück. (Vgl. Esposito, Die Zukunft der Futures, 2010: 177f.) Die zeitliche Zirkularität der finanziellen Ökonomie besteht nach Elena Esposito exakt darin, dass die Gegenwart von der Zukunft abhängig ist, die ihrerseits auf Gegenwart verwiesen ist, die sich nach ihr richtet. (Ebd.: 28) Damit haben wir es hinsichtlich der Zukunft zugleich mit einer Verlängerung der Gegenwart zu tun, in einem sehr verdrehten Sinne eben mit dem Futur 2 des »Es-wird-gewesen-sein«. Dies besagt auch, dass das Kapital sozusagen immer schon mit dem Rücken in die Zukunft geht – es setzt neben seiner eigenen unabweisbaren Unbestimmtheit und Unverfügbarkeit eben auch darauf, dass die Dinge hinterrücks immer schon (für das Kapital) gut gelaufen sein werden. Und diese Zukunftsbetrachtung gibt die Zukunft als eine geschlossene Zukunft wieder, gerade weil man die Zukunft ausschließlich von einem Erwartungshorizont heraus bestimmt, der das wirklich Neue eliminieren will, und nicht nur das, das Kapital ist seine Zukunft, es hat seine Zukunft je schon stipuliert und es hat sie ausdeterminiert, womit sich sofort anzeigt, dass diese ominöse Okkupation der Zukunft, die jeder anti-axiomatischen Überraschung und Virulenz bar ist, sich nur vom Futur 2 her schreiben lässt, obgleich selbst diese Zeit immer wieder überwunden werden soll – das Kontinuum des Kapitals hält also gerade daran fest, seiner Zukunft einerseits in vollkommener Neutralität entgegen zu stürzen, andererseits seine eigene Zukunft beständig auch überholen zu müssen, sein Trauma par excellence, das durch die Kapitalisierung, die im Rahmen ihrer Zukunftsforschung auf absolute Selbstgegenwart bzw. Aktualität setzt, eingeholt werden will und doch nicht eingeholt werden kann.

7 Agamben hat das Smartphone als ein Dispositiv, als eine techno-politische Apparatur beschreiben, die das menschliche Subjekt neu konfiguriert. Der entscheidende Hinweis auf die neueren Entwicklungen der Sichtbarkeit und Kontrolle liegt bei Foucault wiederum im Begriff des Beobachtungsnetzes: Die Sehreize werden heute vervielfältigt, nur um Informationen zur Verbesserung der Kontrolltechniken zu liefern. Das Sehen wird nun selbst zum Gegenstand der Beobachtung. Der Augenbewegungsscanner, der im Kaufhaus die Verhaltensweisen des Kunden beobachtet, war durchaus schon im Blick von Foucault. Die Gegenfiguren muss man heute bei denen suchen, die wieder Fragen der Darkness, der Unsichtbarkeit und des Nicht-Wahrnehmbaren aufwerfen.

8 Kunststoff hat mit seinen Eigenschaften – formbar, gut verarbeitbar, und leicht – den Trend zum Wegwerfkonsum forciert.. Und weil er so billig und leicht zu entsorgen war, setzte er sich schnell durch. Im Jahr 1963 sagte Lloyd Stouffer, Redakteur der Fachzeitschrift Modern Plastics, frohlockend auf einer Branchenkonferenz: »Man füllt die Mülltonnen, die Müllhalden und die Verbrennungsanlagen mit Milliarden von Kunststoffflaschen, Kunststoffbechern, Kunststoffschläuchen, Blistern und Schutzfolien, Plastiktüten und Blechverpackungen.« Die Müllhalde von Agbogbloshie wird höchstwahrscheinlich auch letzte Destination für die Tablets, Smartphones und Computer sein, die wir morgen kaufen! Der chinesischen Plastikmüll-Organisation CSPA zufolge haben im vergangenen Jahr mehr als 1000 chinesische Recycling-Unternehmen ihr Geschäft nach Südostasien verlagert und dort umgerechnet 1,5 Milliarden Euro investiert. Das Equipment, die Expertise und selbst die Lieferketten hätten die Firmen gleich mitgebracht.

Viele Länder buhlen um den Müll, vor allem Thailand, Vietnam und Malaysia. Denn was deutsche Konsumenten schlicht für Plastikmüll halten, ist längst zum global gehandelten Wirtschaftsgut geworden

Die Krise um den importierten Müll ist umso brisanter, als gerade die Länder Südostasiens kaum mit ihrem eigenen Abfall klar kommen. Jedes Jahr landen dort hunderttausende Tonnen Müll im Ozean, zusätzliche Abfallberge aus dem Ausland, die nicht richtig recycelt werden, dürften die Lage noch verschärfen. Heng Kiah Chung von Greenpeace Malaysia, der den Abfallskandal mit aufgedeckt hat, sagt, dass das globale Recycling-System nicht funktioniere und auch nicht dazu tauge, das Problem der Plastikverschmutzung zu lösen. 46,7 Prozent aller Kunststoffabfälle wurden 2017 laut Umweltbundesamt hierzulande recycelt, die Weltbank titelt: Rekord. Doch die Quote sagt wenig aus. Denn die Unternehmen müssen lediglich nachweisen, dass der Abfall ordnungsgemäß verwertet wurde, nicht aber wo. Sie selbst recyceln nur relativ reinen Plastikmüll, etwa aus dem gelben Sack. Probleme machen hingegen Kunststoffabfälle aus dem Gewerbe oder dem Haushaltsmüll. Die werden in riesigen Ballen ins Ausland verschifft – und dürfen trotzdem in die Quote mit eingerechnet werden. 

9 Vielleicht aber sind die Objekte doch noch etwas, nämlich Projektile, die die Erde zerstören.Even today, most fossil fuels are used by technologies of the late 19th-century “second industrial revolution,” and their more-or-less direct successors: cars with internal combustion engines, power stations and electricity networks, urban built infrastructure, energy-intensive manufacturing, fertilizer-heavy industrial agriculture. The technologies of the so-called “third industrial revolution” – computers and communication networks that appeared from the 1980s – have not only not helped make the economy less fuel-intensive, they have made things worse. The internet now uses more electricity than India uses for everything – not because it could not function more efficiently, but because it has developed as a commercial rather than a collective network, loaded with commercial content. .

10 Google besitzt heute das größte Computernetz der Welt mit einer schier unendlich anpassungsfähigen digitalen Architektur ausgestattet mit 2,5 Millionen Servern auf vier Kontinenten (zuboff 220). Das Unternehmen Google ist in der Lage, die hauseigenen Algorithmen mittels eigener Chips in den eigenen Clouds lernen zu lassen, wobei die hauseigenen Maschinenintelligenzen aber nur so viel lernen können, wie eben Daten in die Maschinen eingespeist werden, mit denen diese dann trainiert werden. Dazu benötigt man, wenn man die materielle Infrastruktur der Datenzentren und Server nicht ins Uferlose ausbauen will, hochleistungsfähige Prozessoren wie Googles Tensor Processing Unit (TPU), den Ausbau neuraler Netzwerke und die Weiterentwicklung der Künstlichen Intelligenz.

11 Es war Primo Levi, der in seinen Erinnerungen an Auschwitz schrieb, dass in den Konzentrationslagern die Insassen ihre Meinungen über die Zukunft ganz und gar willkürlich änderten, und zwischen blinder Zuversicht und äußerster Verzweiflung schwankend, „pendelten sie, ohne Gedächtnis und Folgerichtigkeit und je nach Gesprächspartner und Augenblick, zwischen diesen extremen Positionen hin und her“. Hier deutete sich schon jene »Momentanpersönlichkeit« an, die heute jeder vorgegebenen Situation mit zynischem Opportunismus und panischem Selbsterhaltungstrieb begegnet, und sei es, dass sie sich mit Psychopharmaka befeuern oder sich mit Büchern aus der Lebensratgeberindustrie zu müllen und einschläfern lässt, nur um voran zu kommen, wobei aber vergessen wird, dass das Voran nicht unbedingt ein Hinauf ist. Es ist ein mythologischer Glaube, der Sache nach nicht verschieden vom abendlichen Gebet, vom Tieropfer, das den Erfolg in der kommenden Schlacht sichern soll, oder vom Regentanz des Schamanen. Befolge das Ritual, und der von dir nicht kontrollierbare Erfolg in der Zirkulation wird auf dich herabrieseln. In dem Maße, wie man zwar immer mehr produzieren kann, immer mehr weiß, umso unsicherer wird der Erfolg, ob der Absatz gelingt. Das statistische Verhältnis zwischen der eigenen Anstrengung und dem Markterfolg wird immer ungünstiger. Und umso größer wird die Anziehung von Regelwerken.

Die kapitalistische Gesellschaft schafft den Irrglauben nicht ab, sondern schafft durch die Zwangslagen, in die sie die Individuen versetzt, eine beständig neue Nachfrage danach. Je schwieriger der eigene Absatz wird, desto größer die Anziehung von Ersatzreligionen. Schlussendlich drückt sich darin die Grenze der kapitalistischen Gesellschaft selbst aus: was heute möglich wäre, geht weit über das hinaus, was am immer enger werdenden kapitalistischen Markt absetzbar ist. Deine Freiheiten sind unendlich, aber ob es sich lohnt, wird immer unwahrscheinlicher.


12 Randy Martin hat in seinem Buch »Empire of Indifference» gezeigt, dass Indifferenz und endlose Zirkulation zusammen gehören und heute selbst noch die asymmetrischen, kleinen Kriege im globalen Netz zirkulieren. (Martin 2007) Mehr noch, die entsprechenden Interventionen drehen sich um die Möglichkeit zu zirkulieren, im Gegensatz zur Möglichkeit Souveränität zu proklamieren. Für Martin handelt es sich dabei um einen ähnlichen Shift wie den vom Shareholder, der die Aktien eines Unternehmens hält, zu dem des Traders von Derivaten, der Reichtum durch des Management von Risiken erzeugt. Die unbeabsichtigte Konsequenz dieses Risikomanagements, das Martin sowohl bei der globalen Finanzialisierung als auch beim US-Empire am Werk sieht, besteht in der bloßen Verschärfung der Volatilität dessen, was sie beinhaltet. Daraus ergibt sich ein teuflischer Kreislauf der Destabilisierung und der derivativen Kriege, eine Charakterisierung, die Martin das »empire of indifference« nennt. Dieses Empire zeichne sich nicht länger durch Fortschritt oder Entwicklung aus, sondern verspricht seinen Insassen nur noch das Management einer immerwährenden Gegenwart von Risikomöglichkeiten.

13Bei der Maschinenintelligenz handelt es sich meist um neuronale Netzwerke, das heißt sind selbstlernende Systeme, die nicht durch einen fest programmierten Algorithmus gesteuert werden, sondern trainiert werden müssen und dabei ihre eigene Struktur verändern. Dieser Umstand sollte allerdings nicht zu dem Fehlschluss verleiten, dass es sich bei Neuronalen Netzen um „Künstliche Intelligenz“ handelt, wie immer wieder fälschlich behauptet wird. Intelligenz zeichnet sich unter anderem dadurch aus, eigene Ziele bzw. Zwecke setzen und Dinge kritisch hinterfragen zu können. Beides können Neuronale Netze sind extrem leistungsfähig in der Erkennung und Sortierung von Mustern,.Neuronale bestehen aus hunderten oder sogar tausenden Schichten simulierten Nervengewebes. Von außen sind nur die oberste (die Eingabestelle) und die unterste Schicht (die Ausgabestelle) einsehbar. Was dazwischen (in den so genannten Verborgenen Schichten) stattfindet, entzieht sich – nicht zuletzt aufgrund seiner extrem hohen Komplexität – dem Betrachter. In den „Verborgenen Schichten“ werden die eingehenden Information zu Mustern zusammengesetzt und sortiert.

14 Laut Bernhard Vief ist dem Äquivalenzprinzip die Analogie eigen, wobei dem Ana-logon eine Schablone entspricht, die man über zwei verschiedene Objekte legt, um sie anzugleichen, und womit natürlich sofort die Frage aufgeworfen wird, was denn nun diese Schablone als sog. tertium comparationis anbieten könnte, um überhaupt einen Vergleich zwischen zwei völlig verschiedenen Objekten zu ermöglichen. (Vgl. Vief 1991: 138) Marx kann sich mit der Fixierung des Dritten auf das Metallgewicht des Geldes qua vergegenständlichter Arbeit, wie das Adam Smith und David Ricardo noch getan hatten, nicht zufrieden geben, stattdessen setzt er auf das Axiom »abstrakte Arbeit« oder »abstrakte Arbeitszeit«, für das er aber wiederum keinen objektives Maß anbietet (was heißt abstrakte Arbeit als immanentes Wertmaß?), weshalb Vief bei Marx selbst einen infiniten Regress eröffnet sieht. Deshalb nimmt Vief an dieser Stelle eine Verschiebung vor und fundiert zumindest das Digitalgeld gleich in der reinen Differenz, was, wie er behauptet, die Abwesenheit eines jeglichen Wertmaßes anzeige, das heute durch den Binärcode ersetzt worden sei, sodass das Geld eben kein allgemeines Äquivalent mehr darstelle, sondern einzig und allein durch Differenz gekennzeichnet sei. (Ebd.: 139) Abgesehen von der fragwürdigen Annahme, Differenz mit Digitalität gleichzusetzen (für Deleuze z. B. gehört die Differenz dem Analogischen an), ist es tatsächlich die Digitalität qua Binärcode, welche heute als mediale Basis der elektronischen Geldform erscheint, sodass das Geld in erster Linie auf bedeutungslosen Daten beruht, die jedoch nach wie vor bedeuten (und verweisen) müssen, und of course benötigen die Geldströme im Raum des Symbolischen, in dem sie zwischen Prozessen und Stasen oszillieren (übertragen und speichern), Materie/Energie, denn schließlich kann die res cogitans ohne res extensa nicht auskommen. (Wenn das Symbolische, obwohl es keine Referenz zum Objekt bzw. zur Arbeit aufweist, dennoch nur am Material stattfinden kann, das dem Kontinuum der Zeit entrissen wird, Operationen daher vornehmlich im Raum des Symbolischen stattfinden, womit die Zeitachse gewissermaßen entmächtigt ist, so brauchen Operationen als instantane Prozesse doch so marginal wie auch immer Zeit, wenn diese auch nicht vergleichbar irreversibel wie die Zeiten außerhalb des Symbolischen ablaufen.) Wie Oliver Schlaudt stellt also auch Bernhard Vief – allerdings in anderer Gewichtung – die Frage nach dem Verweis des Geldes auf ein Drittes. Während Vief jedoch keinerlei Notwendigkeit mehr sieht, auf abstrakte Arbeit überhaupt noch Bezug zu nehmen, führt Schlaudt diesen Verweis als die besondere Leistung der Arbeitswerttheorie an, mit der Marx abstrakte Arbeit als immanentes Wertmaß ausgewiesen hätte. (Vief 1991: 135f./Schlaudt 2011: 265f.) In der Tat stellt sich hier für Marx eine entscheidende Problematik, die wir in den Kapiteln zu Wert und abstrakte Arbeit diskutieren wollen.

15Meinungsfreiheit, das ist das freie Zirkulieren von Meinungen (nicht von Diskursen, Narrrativen und erst recht nicht von Wahrheiten). Die elaborierte Systemtheorie hat das schon früh auf den Punkt gebracht, ohne allerdings die fatalen Folgen zu bedenken:” Jede Kommunikation ist gesellschaftlich, wenn genau davon abgesehen wird, wovon sie handelt, worüber sie spricht, woran sie anschließt, welche Folgen sie hat. Gesellschaftlich ist Kommunikation ausschließlich unter dem Aspekt keiner spezifischen Bedeutung oder besser: unter Ausschluß überhaupt jeglicher Bedeutung, außer der, dass Kommunikation immer etwas bedeutet, besagt.” (Peter Fuchs 2001: 112) Die Meinungsfreiheit ist gewährleistet. Sie zirkuliert wie Öl, Kapital und Dschungelcamp.

16Das heißt nicht, dass Facebook nicht zensieren würde, denn jeder einzelne Post, jeder Kommentar und jede Nachricht wird von Mitarbeiten und/oder Maschinen gelesen und analysiert, um festzustellen, ob sie mit den willkürlichen, weitgehend undefinierten und undurchsichtigen Standards des Unternehmens übereinstimmen. Zudem leitet das Unternehmen Informationen über politische Äußerungen vor allem aus dem linken Umfeld auch an die Polizei und Nachrichtendienste weiter.

17 So wie die Protokolle überall sind, so sind es auch die Standards. Man kann von ökologischen Standards sprechen, von Sicherheits- und Gesundheitsstandards, Gebäudestandards und digitalen und industriellen Standards, deren inter-institutioneller und technischer Status durch die Funktionsweisen der Protokolle möglich wird. Die Kapazität der Standards, hängt von der Kontrolle durch Protokolle ab, einem System der Governance, dessen Organisationstechniken gestalten, wie Wert extrahiert von denen wird, die in die verschiedenen Modi der Produktion integriert sind. Aber es gibt auch die Standards der Protokolle selbst. Das TCP/IP Model des Internets ist ein Protokoll, das ein technischer Standard für die Internet-Kommunikation geworden ist. Es gibt eine spezifische Beziehung zwischen Protokoll, Implementierung und Standard, die den digitalen Prozesse betrifft: Protokolle sind Beschreibungen der präzisen Terme, durch die zwei Computer miteinander kommunizieren können (i.e., a dictionary and a handbook for communicating). Die Implementierung impliziert die Kreation von Software, die das Protokoll benutzt, i.e. die Kommunikation abwickelt (zwei Implementationen, die dasselbe Protokoll benutzen, sollten Daten miteinander austauschen können). Ein Standard definiert, welches Protokoll bei bestimmten Computern für bestimmte Zwecke benutzt werden soll. Er definiert zwar nicht das Protokoll selbst, aber setzt Grenzen für die Veränderung des Protokolls.

18 Die von Lefebvre beschriebene Zersplitterung und zugleich Standardisierung des alltäglichen Lebens führte ab dem Jahr 1970 in eine symbolische Misere, die durch die Dominanz der audiovisuellen, analogen Apparate der Massenmedien gekennzeichnet war, welche eine Periode des strategischen Marketings einläuteten, das dann mittels der Privatisierung des Radios und des Fernsehens umfassend umgesetzt wurde. Die symbolische Misere bzw. die De-Symbolisierung der alltäglichen Narrative, die durch diese Entwicklungen eingeläutet wird, führt laut Stiegler zu einer Proletarisierung der Sensibilitäten und zu einer Vernichtung des Wunsches, oder, was auf das Gleiche herauskommt, zu dem Ruin der libidinalen Ökonomie. Das spekulative Marketing der Finanzindustrie stellt den vorläufigen Höhepunkt dieser Entwicklung dar. Die Mechanisierung der Sensibilität und die Industrialisierung des symbolischen Lebens ist heute in »Kommunikationen« eingeschrieben, die wiederum durch die Unterscheidung zwischen den professionellen Produzenten der Symbole und den proletarisierten und de-symbolisierten Konsumenten gekennzeichnet ist.

19 Wo Stiegler noch von der Proletarisierung des Wissens spricht, sieht Zuboff in der Wissensteilung, welche die Arbeitsteilung überlagert, eine Pathologie, die heute in die Hände einer kleinen Clique von Computerspezialisten geraten sei, einer »Maschinenintelligenz« und ökonomischen Interessen. Wenn all dies richtig ist und auch richtig ist, dass Patholgien die des Systems sind, dann gilt es zu analysieren, wie sich das heutige Kapital zusammensetzt: Produktion qua Ausbeutung, Spekulation qua finanziellem kapital, Plünderung qua Extraktion und Vermarktung von Daten.

20Die Affektpolitik bedarf auch immer der Beurteilung in einer Art Casting, welche Angst und Begehren in enge Beziehung zueinander setzt und auf den (sexuellen) Körper rekurriert, indem dieser einer Rund-um-die-Uhr Kontrolle unterzogen wird. Diese Inszenierung, die von der Produktion des (sexuellen) Körpers nicht zu trennen ist, ist eine Strategie der Mikrophysik der Macht. Die Personen werden permanent zur Beurteilung ihres Körpers aufgefordert oder gereizt, während sie diesen gleichzeitig zur Beurteilung durch die anderen Personen im Netz freigeben. Das hat ausgesprochen sportive wie auch pathologische Züge, die sich gegenseitig hochschaukeln, sodass eine Kandidatin irgendwann durchaus als sexualisierte, freaky Puppe der Entblößung, Authentifizierung und Obszönität erscheinen kann. Offenbarung und Kontrolle treten in ein Bedingungsverhältnis, dass eine Affektpolitik jenseits der Schamlosigkeit situiert. Der Körper ist ein Medium im Medium, das seine Elemenet, Sex, Horror und Nachricht zu einem Gefüge formiert. Individualisierung ist Teil einer kybernetischen Mediatisierung. Gleichzeitig tendiert vor allem die pornografisierte Kandidatin dazu, als Zombie im medialen Raum zu insistieren, hat sie einmal eine bestimmte Schwelle überschritten – – , und von nun an ist gezwungen, die pornografische Performance immer wieder neu zu justieren oder zu variieren, eine Art Artistik, die als Drahtseilakt noch viel zu euphemisierend umschrieben ist. Vor allem die weibliche Sexperformance verlangt in behavioristischer Manier das permanente Hinschauen, obgleich dieser kollektive Blick vollkommen obszön ist. Der entblößte Körper soll zudem Effizienz demonstrieren, wenn er sich der öffentlichen Performance preisgibt, eine variable Norm, die einzuhalten immerwegs ihre eigenen Erschütterungen mitbearbeiten muss. Diese Performance muss als aufopfernde bzw. technologisierte Arbeit am Ich dargestellt werden, ohne jeweils die trashigen, schweißtreibenden und masochistischen Elemente zu vernachlässigen, selbst diese müssen ins mediale Gefüge integriert und dort zugleich differenziert werden. Medien produzieren eben nicht nur Konsens (Integral), sondern Divergenz, wobei sich derjenige im Kampf um Positionen, Zeichen, Sprache (als immanente Handlung) als authentisch empfinden darf, dessen Erzählung und Bild irgendwie ankommen, wobei allerdings scharf umrissene soziale Plätze und Strategien immer weniger zu erkennen sind. Bulimie und Anorexa nervosa verhalten sich zuéinander wie Hysterie und Langeweile; es wird sich mit Unterhaltung vollgefressen und gekotzt, um wieder zur Selbstoptimierung bereit zu sein, wie die Selbstoptimierung dazu dient, sich wieder mit Unterhaltung vollzufressen.

21 Für Baudrillard gibt immer weniger eine Distanz zwischen der Simulation und der realen Welt. Dabei ist die Simulation für ihn kein Problem der Linguistik, weder als Methode noch als Modell, weil selbst der flottierende Signifikant an das Problem der Referenz gebunden ist und einen Abyss zwischen Welt und Wort erfordert, während es zwischen Simulation und Relation keine Relation oder Distanz mehr gibt. In diesem Sinne ist die integrale Realität, wie Baudrillard sie nennt, der Name für die Realisierung der Welt in ihrer Unmittelbarkeit durch simulierte Mittel, oder, um es anders zu sagen, die Simulation produziert sich selbst in die Realität, wie eine Sphäre mit einer immer weiter ansteigenden Dichte, in der nichts Virtuelles mehr entweichen kann, sodass es nicht aktualisiert werden könnte. Integrale Realität, das ist die irreversible Bewegung hin zur Totalisierung der Welt.

22´Günther Anders hatte dies wiederum schon einige Jahre früher so beschrieben: »Nein, trotz der ungeheuren Vermehrung und Ausbreitung technischer Kenntnisse und trotz des natürlich allgemeinen Wissens, daß die Produkte nicht an Bäumen wachsen, sind diese doch für die Mehrzahl der Zeitgenossen primär nicht als Produkte da, und gewiß nicht als Zeugnisse der eigenen prometheischen Selbstherrlichkeit; sondern einfach „da”; und zwar primär als Waren, als nötige, wünschenswerte, überflüssige, erschwingliche oder unerschwingliche, die „meine” erst dann werden, wenn ich sie gekauft habe. Sie sind sogar eher Beweisstücke eigener Insuffizienz als eigener Kraft: allein schon deshalb, weil der Überfluß der ausgestellten unanschaffbaren Produkte in einem hochindustrialisierten Lande einfach überwältigend ist: die Ladenstraße ist ja die permanente Ausstellung dessen, was man nicht hat.« (Anders 1961: 28)

23 Gleichzeitig findet fern ab der Discounter eine privatisierte Zurschaustellung von Luxuswaren statt, seien es Kunstwerke, Schmuckstücke, Yachten, Immobilien und Antiquitäten, die durch die Art und Weise ihrer zu meist elitären und abgeschotteten Ausstellung als Quasi-Derivate in den Verkaufspreisen immer weiter steigen und damit jene Art von Finanzanlagen inkorporieren, die den klassischen »Wert« der Waren weit übertreffen und diesen wirklich altmodisch aussehen lassen.

24 Somit gilt es Sloterdijks Aussagen zum Mehrkonsum unbedingt zu relativieren. Er schreibt: “Die kollektive Bereitschaft zum Mehrkonsum konnte innerhalb weniger Generationen in den Rang einer Systemprämisse aufsteigen: Massenfrivolität ist das psychosemantische Agens des Konsumismus.“ (Sloterdijk 2016: 123) Mehrkonsum ergibt sich für Sloterdijk weniger aus der Kapitaldynamik, sondern als Resultat des unverdienten Zuflusses von Energie in die Ökonomie (Fossilenergetik, aber auch Maschinisierung. Dampfmaschinen, Verbrennungsmotoren und Elektromotoren). Sloterdijk zitiert weiterführend Rolf Peter Sieferle: „Letztlich ernähren wir uns von Kohle und Erdöl – nachdem diese in der industriellen Landwirtschaft zu eßbaren Produkten verwandelt worden sind.“ (Ebd.: 127)

25 Dieses Verständnis des Singulären, wie wir sie bei Reckwitz vorfinden, hat nichts mit dem Begriff der Singularität bei deleuzeu zu tun, für den Singularitäten, die niemals allein, sondern immer nur in Mannigfaltigkeiten auf einer Immanenzebene auftreten, stets präindividuell sind, im Sinne eiens Ereigenisses, das im Virtuellen durch ein Wieviel?, im Aktuellen durch ein Wann?, Wo? und Wie? gekennzeichnet ist.

26 In den deindustrialisierten Kernzonen des Kapitals ist die industrielle Arbeitskraft zu einer Mangelware geworden. Die industrielle Arbeit wurde und wird bekanntlich vielfach durch Automation und informationelle Dienstleistung ersetzt, wobei letztere, wenn sie auch automatisiert wird, wieder verschwindet. Empirisch ablesen lässt sich dies daran, dass seit den 1980er-Jahren der stoffliche Produktionsausstoß – also die Masse an produzierten Waren – weltweit um ein Vielfaches gesteigert Gleichzeitig ist die Zahl der Arbeitskräfte in den Kernsektoren der Weltmarktproduktion deutlich zurückgegangen ist. Daran änderte auch die Erschließung neuer Produktionssektoren für den Massenkonsum nichts, denn diese werden von vorneherein nach den Vorgaben der Prozessautomatisierung organisiert. In der Konsequenz wird die Welt in einer rasant wachsenden Flut an Waren ertränkt – mit der Folge einer beschleunigten Vernichtung der natürlichen Lebensgrundlagen – Waren, die aber eine immer geringere Masse an Wert repräsentieren, weil sie mit immer weniger Arbeitskraft produziert werden können.

27 An den Universitäten ausgebildete Lohnabhängige, die über keine Produktionsmittel verfügen, bilden die privilegierte Lohnarbeitsklasse, die im Zuge der Digitalisierung noch anwachsen wird. Eine zweite Gruppe bilden Arbeiter und Angestellte mit mittlerer Qualifikation in überwiegend ausführenden Arbeitstätigkeiten. Diese Gurppe verteidigt defensiv das ihr verbliebene Sozialeigentum gegen die »da oben«, aber auch gegen Konkurrenz aus dem prekären Sektor. Am Ende der Hierarchie steht eine neue Unterklasse, die kaum die Mittel hat, ihre ökonomische Lage kollektiv zu verändern. Es handelt es sich um prekär und informell Beschäftigte, Langzeiterwerbslose, Migranten und Flüchtlinge, Obdachlose und total Ausgeschlossene. Sie leben entweder von Hartz4 und werden auf den Überlebenshabitus eingeschworenen oder sie leben ganz auf der Straße. Diese Gruppe bildet 15 Prozent der Bevölkerung. Sie ist nicht mit dem auf unsichere Beschäftigung angewiesenen Prekariat identisch. Das Prekariat wiederum rekrutiert sich aus den verschiedenen Klassenfraktionen und durchzieht diese auch,, bildt aber auch eine eigene Gruppe .

28 Eine voll automatisierte Gesellschaft, in der die Beschäftigung nicht mehr existiert und die Löhne nicht mehr Quelle der Kaufkraft sind, womit der Produzent/Konsument verschwindet, erfordert einen neuen Prozess der Redistribution, der jedoch nicht lediglich die effektive Nachfrage, sondern auch die Zeit betrifft, sodas der neue Formen des Wissens vom Sozialen geschaffen werden können. Die Produktion des Wissen benötigt Zeit, die Zeit des Schlafs und des Traums sowie die Tageszeit, um in und mit ihr zu agieren, zu reflektieren und die guten und schlechten Träume und Tagträume zu ordnen, um sie daraufhin zu materialisieren und zu übersteigen und um zu kämpfen. Wir müssen die Zeit befreien, um wieder zu entscheiden, indem wir uns selbst in neue Zyklen der Transindividuation einbringen, die durch Träume geformt werden, und indem wir ihren Bifurkationen folgen, welche die Automation de-automatisieren. In einer Ökonomie, in der die Beschäftigung dramatisch zurückgeht (Zizek spricht davon, dass heute schon 80% der Weltbevölkerung für das Kapital nutzlos sind) und der »wesentliche Wert« das Wissen ist, muss man über das Recht zu wissen und das Gesetz des Wissens nachdenken, und zwar als Funktion der Konzeption jeder produktiven Funktion, die der Macht der De-Automatisierung sui generis innewohnt. Dies führt zur Frage nach der Beziehung von Gesetz und Arbeit, wobei das Problem der Arbeit als Frage nach der Interpretation neu gestellt werden muss, weil es ansonsten der Unterschied zwischen Fakt und Gesetz verschwindet.

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