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The Time of Money (Review) (2)

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28 Sep , 2018  

Viele der eingängigen Aussagen von kritischen Soziologen, angefangen bei Richard Sennett bis hin zu Elena Esposito, bewegen sich dahingehend, dass die Zukunft sich in einer gewissen Distanz zur Gegenwart befindet und gegenüber dem Hier und Jetzt geschützt und damit nicht als eine Ressource in der Gegenwart an den Märkten gehandelt werden sollte. Der Gebrauch der Zukunft in der Gegenwart, gerne auch als De-Futurisierung bezeichnet, zerstöre die Zukunft als offenes Potenzial und als ein Raum für Möglichkeiten. Der konstante Bezug auf die Zukunft bringe zudem eine Gegenwart hervor, die zum einen von jedem narrativen Potenzial abgeschnitten sei und zum anderen auch keine Form von Sicherheit mehr bieten könne. Allerdings gibt es auch Soziologinnen wie etwa Hega Nowotny, die dem entgegensetzen, dass die exzessive Orientierung an der Zukunft die Gegenwart nicht zerstöre, sondern vielmehr eine nicht enden wollende Gegenwart und einen Verlust von Zeithorizonten erzeuge. Mit Bifo Berardi geht sie davon aus, dass der Verlust der Grenzen zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft keine normative, sondern eine sozio-ökonomische Frage ist.

Lisa Adkins zieht zur Eingrenzung des Problems der Zeit die soziologischen Schriften von Pierre Bourdieu heran, in denen er davon ausgeht, dass die Zukunft nicht durch Möglichkeiten charakterisiert wird, die eintreten mögen oder nicht bzw. sich durch eine Distanz zur Gegenwart auszeichnet, sondern vielmehr im Hier und Jetzt immer schon präsent ist, obgleich dies so nicht erfahren wird. Adkins verweist zur Illustration dieser These auf das Fußballspiel, bei dem das Kommende nicht einfach möglich ist, sondern in der Konfiguration des Spiels im jetzt schon anwesend ist.

Die Einschreibung der Zukunft in die unmittelbare Präsenz ist aber nicht einfach in und durch die Praxis gegeben, sondern wird in der Beziehung zwischen Habitus und Welt konstituiert, wobei die sozialen Felder in ihrer Logik nur dann erkennbar und dauerhaft sind, wenn es Agenten gibt, die mit ihren prä-reflexiven Dispositionen und Habiti in ihnen operieren. Diese Dispositionen beinhalten sowohl Routinen als auch praktische Antizipationen der Zukunft, und dies eben deswegen, weil die Zukunft schon als objektives Potenzial oder Spur in das unmittelbar Gegebene eingeschrieben ist. So zeigt das ökonomische Feld eine kalkulierbare Zukunft an, wobei die Agenten in ihm mit ihren Routinen agieren, insofern diese eine Basis für praktische Antizipationen bilden. Für Bourdieu impliziert dies aber nicht das rationale Kalkül des Risikomanagements der Neoklassik, weil die praktische Antizipation der Zukunft unbewusste und kollektive Habiti und Strukturen voraussetzt, die den rationalen Agenten immer out of line stürzen können. Für Bourdieu ist die Praxis nicht etwas, was in der Zeit stattfindet, sondern sie (wie eben auch die Ereignisse) erzeugt Zeit, Praxis ist Temporalisierung.

Im industriellen Kapitalismus, und hier ist nicht Bourdieu, sondern Thompson heranzuziehen, war die abstrakte Arbeitszeit die Einheit, auf die sich der Tausch stütze, und deshalb galt: Zeit ist Geld. Die Profitraten waren auf die Geschwindigkeit in der Produktion bezogen und ökonomische Ereignisse wurden in den Einheiten der Uhrzeit gemessen, in abstrakten, quantitativen, homogenen und umkehrbaren Einheiten der Zeit. Als eine Form der Zeit ist die Uhrzeit exogen zu den Praktiken und Ereignissen, sie ist eine externe Messung von Ereignissen, die als Produktionsraten, Profitraten, Zeiten des Arbeitstages etc definiert werden. Ereignisse produzierten keine Zeit, sondern fanden in der Zeit statt. An dieser Stelle verfehlt Bourdieu die spezifischen Charakteristika der Uhrzeit, seine Aussagen werden allerdings bei der Analyse des heutigen Finanzsystems wieder interessant, insofern die finanziellen Praktiken auf eine Diffusion der hegemonialen Status der Uhrzeit verweisen, auf eine Form der Zeit, mit der Ereignisse und Zeit in einem fortlaufen.

Adkins verweist zur Verdeutlichung ihrer These zunächst auf ein spezifisches finanzielles Instrument, nämlich die Kurve der Renditen von US-Staatsanleihen, die eine Relation zwischen den Zinsraten und den verschiedenen Laufzeiten der Anleihen impliziert. Die Kurve gilt als Benchmark für den zukünftigen Wert anderer Form von Schulden, bspw. für Hypothekenkredite, sie gilt also als Barometer für generelle ökonomische Entwicklungen und Perspektiven, ja des kollektiven Zugangs an den Märkten zur Zukunft. Ihr Siegeszug muss im Kontext des Endes des Keynesianismus und einer Reihe von neuen infrastrukturellen Maßnahmen in den 1970er Jahren begriffen werden, die eine expansive Dynamik der Kreditvergaben und der Schuldenökonomie in Gang setzten. Man denke hier etwa an die Promotion der finanziellen Expansion durch die Fed, das Floaten des US-Dollars und der Zinsraten, die Versicherung der Kredite, die Rendite bringenden Kapazitäten neuer Finanzinstrumente, die Aufteilung der Bevölkerungen in kreditwürdige und nicht-kreditwürdige Gruppen, die Ersetzung der dauerhaften Lohnverträge durch kontingente Beschäftigung, die Volatilität der Einkommen, das Aufkommen neuer Finanzinstrumente/Derivate und neuer Finanzinstitutionen.

Die Expansion der Kapazitäten von Haushalten und Staaten, mit denen sie ihre Kreditschulden zu schultern vermögen, bedarf des Aufbaus einer Reihe von institutionellen Arrangements. Selbst nach der Finanzkrise von 2008 wurde exakt diese Infrastrukturen des Finanzsystems weiter ausgebaut. Das Floaten der Zinsraten und des US-Dollars hat die Relation zwischen Zeit und Geld, präziser zwischen der Zeit und den Profitaussichten auf Staatsanleihen neu geerneuert. Die Zeit wird nun selbst Teil der neuen Finanzinstrumente und damit ein Objekt oder Ereignis in sich selbst. Und die digitalisierten Kalkulation bietet die Möglichkeit, die Relationen zwischen zukünftigen Zeitpunkten in der Zeit zu kalkulieren. Sie generiert Profitmöglichkeiten hinsichtlich zeitlicher Beziehungen und erhöht die Profitabilität der finanziellen Sicherheiten und anderer Finanzinstrumente.

Damit ist eine Transformation der Materialität der Sicherheiten und Derivate angezeigt. Insofern diskrete Objekte in der Zeit verbunden und durch die Zeit gemessen und damit neue Profitmöglichkeiten geschaffen werden können, lassen sich diese Sicherheiten als ein Kontinuum der Momente verstehen. Das Floaten der Preise und der Handelspraktiken erfordern heute temporalisierte Sicherheiten, die sich nicht in der Zeit bewegen, sondern selbst temporale Formen sind und gerade deshalb kapitalisiert werden können. Die Zeit wird nun selbst zum Objekt der Innovation und der Imagination und dies heißt: Geld ist Zeit. Es geht hier nicht um die Kommodifizierung der Zukunft, sondern um die Transformation der Zeit selbst. An den Derivatmärkten mutieren nun die finanziellen Objekte zu Formen der Zeit, ja die Zeit dieser Objekte wird durch die Techniken und Praktiken der Finanzmärkte konstituiert, Praktiken, welche die Zeit der Derivate für innovative Strategien zur Kreation der Profite öffnen. Derivate haben ihre eigenen zeitlichen Profile, Gegenwarten und Zukünfte, die offen für ständige Rekalibrierung sind. Derivate und Sicherheiten sind selbst als Formen der Zeit zu verstehen.

Im zweiten Kapitel behandelt Adkins die Austeritätspolitik als eine politische Strategie, mit der die Schuldenökonomie ausgedehnt und erweitert wird, und daraus folgend die Produktivität Bevölkerungen hinsichtlich der Generierung von Mehrwert durch die Bewegungen und Ströme des Geldes gesteigert werden kann. Im Konkreten bedeutet dies die Reduzierung der Staatsausgaben, um Wachstum zu propagieren und dies zu Lasten der Armen und derjenigen, die keinen Zugang zu Assets haben. Die Austeritätspolitik inkludiert eine klassenspezifische Put-Option, welche die Mehrheit der Bevölkerungen auch im kapitalistischen Norden betrifft und die auf Fragen des Geschlechts und der Rasse auszudehnen ist. Diese Politik bevorzugt nicht einfach nur die Reichen und die Finanzeliten, sondern im speziellen diejenigen, die Zugang zu den Assets haben oder über sie verfügen, seien es Hypothekenverträge, Kredite und Derivate, die an den Finanzmärkten gehandelt werden.

Um dies zu verstehen, kommt Adkins auf die Problematik der Expansion des Finanzsystems zurück, das seit den 1970er Jahren a) die finanziellen Institutionen und Instrumente explodieren ließ, b) nicht beschäftigungsintensiv ist, c) und in das alltägliche Leben der Bevölkerung integriert ist. Nicht nur die Eliten operieren in den finanziellen Feldern, um spekulative Gewinne mit Assets zu erzielen, sondern auch andere Akteure in ihrem Alltag. Somit wird auchdas Alltagsleben zunehmend als ein Raum des finanziellen Investments gestaltet, in dem Renditen erzielt werden sollen. Die spekulative Rationalität wandert nun in das finanzielle Leben selbst ein. Und damit wird auch das Geld als Mediator oder als Mittel des Tauschs und Wertmaß transformiert, indem es selbst als eine spezifische Ware (als Kapital) in sich selbst tauschbar wird und finanziellen Surplus generiert, im speziellen in der Form der Versicherung von Kreditschulden. Einkommensströme, die aus Konsumentenkrediten, Hypotheken und anderen Schulden resultieren (und den Verträgen zwischen Haushalten und den finanziellen Institutionen, die sie versichern) verlinken die Haushalte mit den Operationen den globalen Finanzmärkten. Wenn das Geld selbst als eine Ware fungiert, dann verliert es seine Funktion als Wertmaß und als allgemeines Äquivalent und transformiert zum Wert in sich selbst, der neue neue Kapazitäten und Attribute besitzt, man denke an die Transformation von Krediten und Anleihen in Attribute wie Preise und Zinsraten, wobei diese Attribute in einer Vielzahl von Variationen gebündelt und gehandelt werden können, deren Möglichkeiten also zumindest virtuell endlos sind.

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