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Thomas Nails Magnum Opus “Being and Motion” – eine Sensation in materialistischer Philosophie (2)

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29 Sep , 2020  

Der Flow

Das Sein fließt. Das ist die zentrale These für eine Theorie der Bewegung, die Nail in die drei Konzepte des flows, der Falte und des Feldes unterteilt. Das Sein muss fließen, es muss sich falten und es zirkuliert durch Felder. Man kann die drei Konzepte analytisch voneinander trennen, ontologisch sind sie aber untrennbar voneinander. Flows, Falten und Felder sind historisch notwendige Bedingungen für die Bewegung.

Dabei haben die flows drei wichtige Features: Kontinuität, Multiplizität und Konfluenz. Der flow ist eine kontinuierliche Bewegung, bei dem also Kontinuität und Bewegung unbedingt erfüllt sein müssen. Wenn das Sein aber nur kontinuierlich wäre, wäre es eine homogene Totalität, es wäre, ob endlich oder unendlich, Eins. An dieser Stelle führt Nail Gödel und sein Paradox an: Die Eins kann nicht in dem inkludiert sein, was es enthält. Somit würde ein ontologisches Kontinuum ohne Bewegung in einer paradoxalen Konzeption der Totalität enden, die sich nicht selbst in ihrer eigenen Totalität enthalten kann.

Wenn aber das Sein nur Bewegung ohne Kontinuität wäre, dann könnte paradoxerweise keine Bewegung überhaupt existieren, denn eine diskontinuierliche Bewegung ist keine Bewegung. Ohne die kontinuierliche Bewegung vom Punkt A nach Punkt B könnte man nicht von derselben Bewegung sprechen und A und B wären komplett differente Punkte, die durch eine unendliche Zahl von intermediären Punkten dividiert wären, diese wären wiederum eine unendliche Zahl von intermediären Punkten und so weiter. A und B müssen aber differente Aspekte derselben Bewegung sein. Wenn man hingegen davon ausgeht, dass Bewegung in fixierte und immobile Stadien aufgeteilt werden kann, dann verräumlicht oder temporalisiert man die Bewegung, man immobilisiert sie. „Diskontinuierliche Bewegung“ ist einfach nur die Differenz zwischen teilbaren Punkten in der Raumzeit und hat nichts mit Bewegung zu tun, denn reale Bewegung kann nicht vom Stasis abgeleitet werden; Kontinuität nicht vom Diskontinuität. Wenn das Sein fundamental ein flow ist, dann ist Diskretheit eine relative oder regionale Stabilität dieses flows. A und B wären dann regionale Stabilisierungen, Falten oder Zyklen der kontinuierlichen Linie AB selbst. Man muss mit der Bewegung beginnen oder man kann sie nie erfassen, resümiert Nail.

Dabei sind Bewegung und Stasis, Kontinuität und Diskretheit nicht entgegengesetzt, sondern beschreiben in einer Art und Weise denselben flow. Während die extensive Bewegung quantitativ und messbar ist (Wechsel des Platzes oder zwischen Punkten und Übersetzung), ist die intensive, qualitative Bewegung ein Wechsel im Ganzen, eine Transformation. So setzen A und B die kontinuierliche Bewegung der Linie, auf der sie Punkte sind, voraus. Und wenn eine extensive Bewegung von A nach B erfolgt, dann unterliegt die Linie AB einer intensiven bzw. qualitativen Transformation gemäß einer Welle.

Die Quanten-Komplementarität zeigt an, dass es sichtbare Partikel gibt, die unter dem Mikroskop von A nach B wandern, wobei aber diese diskreten Partikel nichts anderes sind als die kontinuierliche Vibration eines Quantenfeldes. Die extensive Bewegung eines Partikels ist nur ein limitierter Aspekt der intensiven Wellenbewegung, die erstere transportiert. Wenn man näher hinschaut, ist der Raum zwischen A und B immer stärker mit einem kontinuierlich vibrierenden Quantenfeld gefüllt. Partikel und Welle sind deshalb zwei Aspekte desselben flows der Materie. Dabei sind die Partikel Aspekte eines sich bewegenden Feldes, aber die Felder sind nicht Produkte statischer Partikel.

Damit flows sich kreuzen und Kreationen komponieren können, müssen sie der Krümmung fähig sein. Und dies ist nur durch Pedesis (Brownsche Bewegung) möglich, der Bewegung des semi-autonomen Selbsttransports (bspw. die Bewegung des Fußes zu gehen). Laut Einstein ist jede Bewegung eine Brown`sche Bewegung. Jede Bewegung ist kontinuierlich in Bezug auf ihre vorherige Bewegung, aber wohin die Bewegung danach geht, das ist nicht determiniert. Wenn alle Materie in turbulenter Bewegung ist, dann gibt es laut Einstein eine fundamentale kinetische Unsicherheit und Nicht-Vorhersehbarkeit, In diesem Zusammenhang erwähnt Nail die Namen Lucretius, Boltzmann und Heisenberg.

Heisenberg zeigte, dass die Position und das Momentum eines Partikels zur selben Zeit nicht gekannt werden können. Bewegung kann nicht auf eine Position reduziert werden ohne die Bewegung zu zerstören, und die Trajektoren der Bewegung können ohne die fundamentale Unsicherheit der Bewegung nicht vorhergesagt werden. Es wurde experimentell gezeigt, dass dieser Effekt der Unsicherheit der Bewegung von Materie-Wellen aller Quantenobjekte inhärent ist. Dabei ist die Nicht-Determiniertheit kein Random-Effekt oder probabilistisch, weil jede Position nur in kontinuierlicher Relation zum Momentum erscheint. Pedesis mag unvorhersehbar sein, aber sie folgt keiner Randomness, und zudem gilt es zu beachten, dass nur durch turbulente Bewegungen metastabile Formationen und emergente Ordnungen möglich sind. Reine Random Bewegungen setzen voraus, dass sie durch nichts anderes affiziert sind, sodass sie das erste Ding sind und vorher nichts war, also ein creatio ex nihilo angenommen werden kann. Pedesis hingegen emergiert und ist beeinflusst von anderen Bewegungen, aber nicht in einer komplett determinierten Art und Weise. Über einen längeren Zeitraum kombiniert und stabilisiert sich die turbulente Bewegung der Materie in bestimmten Patterns, Synchronien und Relationen, um wieder turbulent zu werden und neue Relationen einzugehen. Dabei ist die Turbulenz eine ungeordnete Bewegung, die aber Ordnung produzieren kann, insofern sie zu sich selbst und anderen Turbulenzen antworten kann.

Wenn flows komplett kontinuierlich und ungeteilt sind, dann sind ihre Bewegungen auch zusammengesetzte Bewegungen eines Ganzen oder einer Welle. Ein flow ist daher aus verschiedenen Krümmungen und topologischen Regionen, eben Wellen, zusammengesetzt. Wellen sind simplex und eingefaltet. Sie biegen, krümmen sich und verlaufen auf und ab, aber sie loopen sich nicht über sich selbst. In der mathematischen Topologie ist der Simplex ein rein kontinuierlicher, eindimensionaler und einseitiger flow, der in in der Lage ist durch Biegung höhere Dimensionen zu bilden. Die kinetische Definition hingegen kennt kein Linien-Segment, das lediglich eine mathematische Abstraktion ist. Der Simplex ist nämlich auch ein flow. Die Wellen wiederum sind kinotopologische Modulationen oder Morphismen eines flows. Der Transport durch eine welle ist intensiv, da sie sich durch die Transformation des Ganzen bewegt, i.e. eine interne Selbst-Differentation des flows mit sich selbst.

Wenn es nur einen flow gäbe, dann wäre das Sein eine Totalität ohne Bewegung, gäbe es lediglich mehrere flows, dann wäre jede ontologisch diskret und die Bewegung wäre auch zerstört, womit, so die Schlussfolgerung von Nail, die flows weder einer noch mehrere sind, sondern multipel. Jeder Flow ist komponiert und komponiert andere flows und dieses ad infinitum. Womit man von einer offenen Multiplizität von flows sprechen kann. Damit ist der flow per definitionem keine Einheit und keine Totalität, vielmehr sind die die flows unbestimmt, sie haben keinen diskreten Anfangspunkt und keinen diskreten Endpunkt, da diese Punkte die Kontinuität diskontinuierlich machen würden, und dies an einem spezifischen Punkt. Deshalb werden flows immer wieder neu arrangiert, sie haben keine einzige Ursache. Wenn flows unendlich in Bewegung sind, und das Sein aus flows komponiert ist, dann muss die Bewegung des Seins unendlich sein. Das Sein hat kein Anfang und kein Ende, es besteht einfach aus flows. Die Natur besteht aus einer unendlichen Multiplizität von flows, die kontinuierlich expandieren und sich zurückbiegen. Deshalb gibt es keine essenzielle ontologische Hierarchie (Vertikalität), aber auch keine ontologische Demokratie der Dinge (Horizontalität). Sie sind nur zwei Seiten des gegenwärtigen politischen Schemas. Dagegen ist das Sein gefaltet, gekrümmt, verdreht und gefaltet, wobei vertikale und horizontale Regionen emergente Eigenschaften einer konstitutiven kinetischen Inklination oder der Krümmung des Seins sind.

Das Sein ist aber nur konkret unendlich, weil es zugleich durch seine flows begrenzt wird. Die Begrenzung ist die Markierung einer Grenze, aber auch die Bewegung einer Grenze in einem einzigen kontinuierlichen kinetischen Akt. Auf der einen Seite der Grenze sind die Dinge inkludiert, auf der anderen Seite exkludiert, womit jede Begrenzung das voraussetzt, was begrenzt wird, und das, durch das sie limitiert wird. Wenn Dinge nur begrenzt wären, ohne durch etwas anderes begrenzt zu werden, dann wären wären sie nicht begrenzt. Deshalb setzen alle Begrenzungen das voraus, was die Begrenzung macht, nämlich flows. Deshalb kann die Natur auch keine Einheit oder Totalität sein. Flows sind unendlich in alle Richtungen, und deshalb wird das Sein zur selben Zeit unendlich groß und unendlich klein. Letzteres weil es kleiner in Bezug auf zukünftige Bewegungen wird.

Wenn flows unendlich begrenzt sind, dann sind sie auch unendlich komponiert, womit es keinen singulären flow gibt, der nicht schon eine komponierte Multiplizität von kleineren flows ist, i.e. der flow ist schon ein flow von flows. Die Ontologie der Bewegung kann deshalb keine Theorie der fundamentalen Partikel oder Atome sein. Und wenn flows unendliche Kompositionen sind, dann kann kein flow vollkommen empirisch oder voll präsent sein, womit die fundamentalen kinetischen Bedingungen der Sichtbarkeit selbst keine voll sichtbaren Substanzen sind, sondern Prozesse der Sichtbarkeit. So haben Quantenfelder Energie und Momentum, die nur indirekt durch ihre makroskopischen sichtbaren Effekte wie das Higgis Feld beobachtet werden können. Das sichtbare Partikel zeigt nur die Realität eines fundamentaleren konstitutiven und unsichtbaren kinetischen Feldes an. Flows sind aktive und kreative Prozesse, die man niemals im reinen Stadium sehen kann, insofern sie eben kein Stadium, sondern ein Prozess sind. Und damit sind Dinge nicht voll präsent, sondern existieren in Bewegung und in Relation. Im Gegensatz zum naiven Realismus und Materialismus, geht Nail von einem transzendentalen Materialismus aus, der die realen Bedingungen für die Emergenz von empirischen und materiellen Dingen innerhalb relationaler Bewegung zu erkennen versucht. Die Bedingungen des Empirischen können selbst nicht empirisch sein, wobei die kinetischen Bedingungen jedoch real bleiben, die flows aber in sich selbst nicht voll präsent oder diskrete Dinge sind.

So sind die Quantenfelder in einem Stadium der Nicht-Determiniertheit, während die Messung mit dem Feld selbst interagiert und eine Determination im nicht-determinierten Feld anzeigt. Vor dieser Messung gibt es kein objektives diskretes Stadium, sondern nur einen nicht-determinierten, kontinuierlichen flux. Quanten-Indeterminiertheit der Materie ist kinetisch real, aber nicht vollkommen empirisch aktuell oder sichtbar.

Wenn das Sein in Bewegung ist und die Bewegung selbst unendlich, dann kann der Ursprung der Bewegung nur von der Bewegung selbst kommen, das heißt, die flows sind nicht reduzierbar auf Raum oder Zeit, vielmehr emergieren Raum und Zeit durch flows. Was wir Zeit nennen, ist nichts als der thermordynamische Prozess einer wachsenden Entropie. Der Pfeil der Zeit ist ein Effekt der Entropie, aber das zweite thermodynamische Gesetz garantiert nicht Entropie in jedem Fall, denn die Entropie ist kein universelles Gesetz, sondern existiert auf unserem Level der Beobachtung. Auf dem Level der Quantengravitation (Planck scale) fluktuiert die Zeit kontinuierlich nach vorne und hinten, i.e. Zeit ist ontologisch nicht fundamental, sie ist vielmehr ein emergentes Produkt eines thermokinetischen Prozesses. Auch der Raum existiert nicht vor der der Materie in Bewegung, er wird durch die Materie-in-Bewegung kreiert und zwar zur selben Zeit wie sie fließt. Der Raum ist ein Produkt der Quantenfelder, die unterhalb der empirischen Beobachtung fließen und sich loopen, i.e. auf dem Planck Level. Die loop quantum gravity-Theorie zeigt, dass es mathematisch möglich ist, dass der Raum selbst das Produkt eines primären Prozesses des Faltens und des Sprudelns von Quantenfelder ist. Deshalb ist hier die Bewegung primär.

Die Teilung der flows ist nicht subtraktiv, sondern additiv, und sie multipliziert sich durch Bifurkation. Dabei gibt es extensive und intensive Teilungen, die absolute Teilung von zwei diskontinuerlichen und quantitativ verschiedenen Entitäten, und die Teilung, die einen neuen Pfad zum existierenden Pfad hinzufügt und eine qualitative Veränderung im kontinuierlichen flow erzeugt. Hier emergiert die Bifurkation aus sich selbst, während sie immer noch derselben kontinuierlichen Bewegung folgt. Per definitionem startet oder stoppt ein flow nicht, er folgt vielmehr der Bifurkation und der Redirektion.

Zudem sind flows fähig in Konfluenz zusammen zu fließen, sich zu kreuzen oder zu mehreren flows zu verbinden, das heißt, multiple flows bewegen sich gemeinsam und kreuzen sich mit anderen ohne sich selbst zurück zu falten. Konfluenz teilt die flows nicht, sondern bringt sie zusammen und verteilt sie ohne Teilung. Die erste Konsequenz, die das daraus folgt ist das Event, ein singulärer Punkt, an dem sich mehrere flows kreuzen, wobei das Event kein Ding oder ein Objekt ist, vielmehr ein kinetisches Terminal, durch das sich kreuzende flows passieren. Dabei verändern die flows ihre möglichen Trajektoren und eröffnen eine neue Welt der Bewegung. Um kein bloßer Affekt ohne Objekt zu sein, muss das Event sich falten.

Die zweite Konsequenz der kinetischen Konfluenz ist die Emergenz einer Konstellation von Events, das heißt, wenn zwei oder mehrere flows sich an zwei oder mehreren Events sich kreuzen, dann spricht man von einer Konstellation, eine Seite, Region oder Oberfläche. Nail nennt fünf Charakteristiken einer Konstellation: 1) Sie hat keine Essenz, insofern sie von Events komponiert wird, die wiederum von flows komponiert werden. 2) Sie ist eine kinetische Oberfläche. 3) Die Konstellation ist abstrakt, aber nicht im Sinne einer Illusion, sondern sie ist real vorhanden als die Konfluenz verschiedener Sterne. 4) Sie ist multiperspektivisch. 5) Sie ist additiv, Auf dieser Grundlage diskutiert dann Nail die Konstellation des Zapatismo.

Im nächsten Teil kommen wir zur Erklärung des Begriffs der Falte.

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