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Thomas Nails “Marx in Motion” (2)

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19 Okt , 2020  

Die Ware erscheint zuerst als eine individuelle Einheit, aber sie ist wesentlich komplexer; es geht, wie Nail es nennt, um ihren zwei gefalteten Aspekt als Tauschwert und Gebrauchswert, der wiederum mit der Ware als einem Ding korrespondiert, das Qualitäten und Quantitäten besitzt. Wie zu erwarten war, beginnt Nail mit der Untersuchung der materiellen Bedingungen des Gebrauchswerts und denen der materiellen Produktion, ein in der Tat weitgehend unterbelichtetes Thema in der marxistischen Theorie. Neuerdings hat sich Georg Quaas in seinem Marx Buch stärker mit der Marx`schen Theorie des Gebrauchswerts auseinander gesetzt. Marx` Theorie des Dings bzw. Objekts wurde bisher fast immer aus der Hegel-Perspektive gelesen, während Nail auch an dieser Stelle den Bezug Marxens auf Epikur und Lukrez bevorzugt.

Nail wendet sich dem Begriff des Gegenstandes zu (die Ware ist ein spezifischer Gegenstand), den Marx für ein Objekt verwendet, für etwas, das sich gegen etwas in sich selbst bewegt (gegen), sodass es feststeht (stehen), wo es ist. Für Nail ist auch das Objekt ein kinetischer Prozess, das heißt, ein flow der Materie gegen sich selbst gefaltet und gegen sich selbst geworfen oder geloopt. Ein Ding wiederum hat einen extensiven/objektiven und einen intensiven/qualitativen Aspekt. In den Manuskripten schreibt Marx von der Externalität des Objekts in Relation zu der Externalität anderer Objekte und umgekehrt. Objekte sind zudem immer solche der Produktion und der Konsumtion (bspw. die Konsumtion von Photonen durch die Pflanze und ihre Produktion von Chlorophyll). Für den intensiven Aspekt verwendet Marx das Wort Eigenschaften. Und Objekte sind der Sensibilisierung fähig.

Die ganze Welt der Objekte ist durch die Produktion und Konsumtion ihrer gegenseitigen Sensationen und kollektiven Selbst-Transformationen ko-produziert. Und Nail spricht deshalb konsequenterweise auch von einer sinnliche Ware, die menschliche Bedürfnisse befriedigt, wobei der Mensch selbst eine spezifische Komposition von sinnlichen Objekten ist, die sich begehren. Menschen sind aber nicht der Ursprung des Wunsches, sondern eine Region von ihm, das heißt, der Wunsch des Menschen erhält seine Kapazität von der Natur und nicht umgekehrt. Der Wunsch bzw. die Produktion und die Befriedigung/Konsumtion sind zwei Seiten der Externalität der Objekte, flows der Materie (Produktion) und das Falten der Formen (Konsumtion), kontinuierlich konsumierend, was produziert wird, und produzierend, was konsumiert wird. Die Erde ist dabei für Marx die Quelle aller Produktion und allen Lebens. Und die menschliche Produktion und die Ware im Speziellen sind für Nail Inseln im Ozean der materiellen Produktion. Und selbst die Konsumtion ist eine Praxis, die aktiv durch die realen Qualitäten des Dings selbst produziert werden muss.

Die Ware besitzt bekanntermaßen Qualitäten und Quantitäten, die Nail beide ganz im Gegensatz zu Hegel wiederum auf den kinetischen Prozess des Faltens zurückführt. Jedes Ding besitzt eine multiple Anzahl von Qualitäten, die durch die Bewegung des Faltens entstehen. Siehe dazu die Besprechung des Buchs „Being and Motion“. Und die Quantität ist ist die Einsheit oder die Einheit des Objekts. In diesem Zusammenhang analysiert Oliver Schlaudt in seinem Essay „Marx als Messtheoretiker“ die Begriffe »Gebrauchswert – Ware – Wertgröße – Wert – Tauschwert« auf ihre qualitativen und quantitativen Bestimmungen und Relationen hin, wobei er folgende Unterscheidungen vornimmt: Wertgröße (abstrakter Größenzustand, den man einem Objekt zuordnet), Wert (virtuelle Größenart, unter der Größenzustände verglichen werden können) und Tauschwert (numerischer Ausdruck des Werts); dies sind Definitionen, die stets auf die Gebrauchswertdimension und das Objekt als materieller Träger des Werts bezogen bleiben.

Die Messung wiederum ist der Vergleich zweier Dinge durch ein drittes Ding, und hier sieht Nail schon die Basis für den Tauschwert angelegt. Wir kommen darauf zurück. Wenn Nail in diesem Zusammenhang dann vom Körper der Ware spricht, dann erscheint der Gebrauchswert real und materiell in der kinetischen Produktion und Konsumtion von realen Körpern und ihren Qualitäten. Dabei sind die Menschen nicht die einzigen Produzenten von Natur und Materie. Der Gebrauchswert eines Dings ist real und konkret an die realen Qualitäten des Dings gebunden, insofern die Qualitäten real im sinnlichen Körper des Dinges sind. Der „Waarenkörper“, von dem Marx spricht, ist zunächst der sinnliche Körper, der eine Reihe kinetischer Qualitäten besitzt, durch die der Wunsch selbst bedingt wird, während umgekehrt auch der Wunsch das Ding bedingt. Der Gebrauchswert ist daher für Nail eine Art reales Feedback-System, und eben keine rein menschliche oder soziale Konstruktion, vielmehr eine Qualität-in-Bewegung, die stets auf Produktion und Konsumtion bezogen bleibt.

Die multiplen Qualitäten und der Körper der Ware sind Träger des Werts, siehe oben auch Schlaudt. Aber hier sieht eben auch Nail den Ansatz für seine historisch, materiell-kinetische Theorie des Werts. Zunächst ist der Prozess der kinetischen Materialisierung der Determination seiner eigenen Form immanent. Die Materie ist in kontinuierlicher Bewegung, insofern ihre Form iterativ determiniert wird. Und dies geschieht historisch, sodass alle Akkumulation oder Aneignung auf einer vorherigen oder primitiven Akkumulation der materiellen Produktion beruht. Für Nail ist der Wert daher etwas, das geboren wurde.

Nail geht an dieser Stelle noch einmal genau auf den Marx`schen Begriff „Träger“ ein. Ohne den Prozess des Faltens, gibt es keine realen, materiellen Qualitäten, die etwas tragen, formen und gebären. Dabei sind die Formen nicht fix oder statisch, sondern erhalten sich kinetisch durch Zyklen der Reproduktion (Produktion/Konsumtion).

Dabei ist die Wertform niemals getrennt von den gefalteten Qualitäten, die sie immanent tragen, unterstützen und erhalten. Der Wert wird für Nail durch die direkte Aneignung von Gebrauchswerten aller Art geboren, obgleich nur eine geringe Proportion der produktiven Aktivitäten die Form der Lohnarbeit annimmt. Das steht im Einklang mit der Produktion der billigen Vier (Arbeitskraft, Energie, Rohstoffe und Lebensmittel) bei Jason Moore, die nicht als Kapitalproduktion stattfindet, aber die sozial notwendige abstrakte Arbeitszeit reduziert. Dagegen hat wiederum John Milios eingewandt, dass die Theoretiker einer Ausbeutung durch Enteignung immer davon ausgingen, dass eine Art von Außen für die Stabilisierung des Kapitals notwendig sei. Jedoch könne das Kapital durchaus von einem schon existierenden Außen Gebrauch machen oder es sogar aktiv kreieren (bspw. die Entwertung von Kapital in der Krise). Die primitive Akkumalation ist gerade nicht in dem selbstbezüglichen System “Kapital” enthalten, das die Produktion des Surplus als eine “natürliche” Relation konfiguiert, die auf dem Konsens der Arbeiter beruht und eben nicht mit Gewalt durchgesetzt wird.

Wert referiert für Nail auf einen historischen Modus der Produktion, der durch den Kapitalismus erfunden wurde. Wir sprechen an dieser Stelle von Kapital und nicht von Kapitalismus. Dabei verläuft der kapitalistische Modus der Produktion so, als ob es an sich einen Dualismus zwischen Tauschwert und Gebrauchswert gäbe. Für Marx sollte man diese historisch entstandene Aufteilung ganz abschaffen, das heißt die Abschaffung des Werts als einer sozialen Form des Reichtums. Es gilt aber den historischen Dualismus von Gebrauchswert und Wert durchaus erst zu nehmen, um in abzuschaffen.

Für Nail gilt es zu zeigen, dass der Prozess der primitiven Akkumulation von der Marx`schen Theorie des Werts nicht zu trennen ist, sodass eben auch der theoretische Modus der Darstellung der Gegenwart alle Fragmente ihrer eigenen Vergangenheit enthalten muss, Nail behauptet dann weitergehend, dass das erste Kapitel des Kapitals mehr als eine Theorie der kapitalistischen Ökonomie enthalte, nämlich eine theoretische Beschreibung der Bedingungen dieser Ökonomie. Kritik ist für Nail dann die Beschreibung der materiellen Bedingungen für eine real historische Gegenwart, wobei die Bedingungen allerdings nicht dem ähneln, was sie bedingen. So ähneln die die Bedingungen des Werts nicht dem, was sie bedingen, dem Wert selbst. Wenn das so wäre, würde man bei einer reinen Tautologie enden, wie das in vielen Arbeitswerttheorien auch tatsächlich der Fall ist. Dem ist zuzustimmen, allerdings gehen wir davon aus, dass Marx nach seinen einleitenden Sätzen, die hier schon kommentiert wurden, von der Ware zwar nicht als einer Keimform ausgeht (deren Voraussetzungen im Verlauf der Darstellung sowieso wieder eingeholt werden müssen), sondern als Teil einer ökonomischen Aktualität, die als Kapital gesetzt ist. Es ist jetzt also vom Aktuellen ausgehen, dem „Es gibt“, dem historischen Apriori eines Foucault, das sich als Sagbares und Sichtbares (je schon Aktuelles) über Virtualisierungen in der Zeit immer wieder neu aktualisiert. Nichtsdestotrotz beginnt die historische Untersuchung, wie Nail richtigerweise bemerkt, mit dem Kolonialismus und der primitiven Akkumulation (und dem Handelskapital müsste man hinzufügen, wie John Milios in seinem letzten Buch zeigt). Der Kapitalismus emergiert ausgehend von den historischen Bedingungen eines nicht-ökonomischen Prozesses der direkten Aneignung, i.e. Mord, Raub und Kolonialisierung, wobei nicht alle Prozesse der primitiven Akkumulation in den Kapitalismus führen. Die Emergenz des Werts muss sich sofort vom Nicht-Wert unterscheiden, Wir würden hier anstelle des Begriffs Wert den des Kapitals setzen.

Der Bewegung der Gebrauchswerte scheint im Tausch zuallererst einer Quantität dessen, was da bewegt wird, zu korrespondieren. Dabei scheint die Logik der Proportionen zufällig zu sein, da sie historisch und geographisch variiert, oder sie wird mit subjektiven Bedingungen wie dem Spiel zwischen Angebot und Nachfrage erklärt. Marxisten erklären wiederum das Ganze mit einer Gleichung bzw. der formalen Ratio zwischen der Dauer der Arbeitszeit und der Größe des Werts. Die Theorie der abstrakten Arbeit ist allerdings komplizierter, wenn wir sie auch letztendlich für falsch halten, und sieht hier vermittelt über die Kapitalbewegung keine Gleichung, zudem das zu unsinnigen Ergebnissen führen würde, denn je unproduktiver der Produktionsprozess wäre, desto mehr Wert enthielte die Ware. Wenn es denn auch richtig ist, dass die Relation zwischen Arbeit und Wert, wie Nail bemerkt, weder zufällig noch strikt mathematisch definiert ist, so ist doch seine Schlussfolgerung sehr gewagt, wenn er behauptet, dass sie von einem Prozess der Aneignung und des Diebstahls abhängt. Und die Messung dieses Diebstahls als abstrakte Arbeitszeit ist dann weder objektiv in den Quantitäten oder Qualitäten der Waren noch subjektiv in den Wünschen der Menschen begründet, vielmehr in einer Reihe von historischen Bedingungen dessen, was direkt angeeignet werden kann.

Nail kommt dann auf den Tauschwert als eine Erscheinungsform innerhalb der Zirkulation von Waren zu sprechen. Die Waren differieren quantitativ und qualitativ, müssen aber etwas Drittes gemeinsam haben, auf dessen Basis sie verglichen werden können. Dabei haben alle Einheiten von Messungen (Zeit, Raum, Geld etc.) für Nail sensuelle Qualitäten (Uhr, Cubits und Münzen). Und jedes gegebene Objekt wird aber in der Messung so behandelt, als ob es keine eigenen Qualitäten hätte. Für Nail hat die Erfindung eines gemeinsamen Elements der Waren wiederum verschiedene kinetische Dimensionen. Das Gemeinsame abstrahiert dabei von der kontinuierlichen Bewegung und den Falten und besitzt keinerlei Qualitäten, wobei die Quantität von etwas wiederum als eine reine selbst-identische Quantität in sich selbst angenommen wird. Marx beschreibt diese Abstraktion als etwas, das kein Atom Gebrauchswert enthält. Nail setzt dafür dann den Wert ein, eine für ihn religiöse Abstraktion. Gleichzeitig spricht er wiederum von der Abstraktion als Praxis, die gemacht werden muss, ein kinetischer und performativer Akt in einem real historischen Prozess, wobei aber etwas abgetrennt und so getan wird, als ob es aus dem Nichts entspränge.

Hier deutet sich aber schon ein Problem an, das wir an anderer Stelle besprochen haben. Laut Bernhard Vief ist dem Äquivalenzprinzip die Analogie eigen, wobei dem Ana-logon eine Schablone entspricht, die man über zwei verschiedene Objekte legt, um sie anzugleichen, und womit natürlich sofort die Frage aufgeworfen wird, was denn nun diese Schablone als sog. tertium comparationis anbieten könnte, um überhaupt einen Vergleich zwischen zwei völlig verschiedenen Objekten zu ermöglichen. Marx kann sich mit der Fixierung des Dritten auf das Metallgewicht des Geldes qua vergegenständlicher Arbeit, wie das Adam Smith und David Ricardo noch getan hatten, nicht zufrieden geben, stattdessen setzt er auf das Axiom »abstrakte Arbeit« oder »abstrakte Arbeitszeit«, für das er aber wiederum keinen objektives Maß anbietet (was heißt abstrakte Arbeit als immanentes Wertmaß?), weshalb Vief bei Marx selbst einen infiniten Regress eröffnet sieht.

Nail sieht eine Simultaneität zwischen Wert und Entwertung insofern, als die Geburt des Werts im Nachhinein die materiellen Bedingungen der Produktion vor seiner Geburt entwertet. Wert wiederholt einen drei gefalteten Prozess der Trennung vom Objekt, der Aktivität und der Produktion. Die Praxis der Abstraktion (gleich Wert) trennt performativ den Prozess der materiellen Produktion vom Objekt, das produziert wird, während die Aktivität, die das Produkt produziert, so behandelt wird, als ob sie eine Aktivität im Allgemeinen wäre. Die konkrete Arbeit des Produzenten wird auch abstrakte Arbeit reduziert.

Dazu hatten wir in Kapitalisierung Bd 1 geschrieben: „Für Schlaudt konstituiert abstrakte Arbeit als immanentes Maß eine quantitative Vergleichbarkeit, wobei es des Geldes als äußerem Maß bedarf, um Größen realiter messen zu können. Trotz der enormen Unklarheiten, die die Übersetzung von immanentem und äußerem Maß beinhaltet, ist zumindest reflektiert, dass das ökonomische Mathem nicht mit den jeweiligen besonderen Arbeiten rechnet, sondern mit den Geld-Zeichen stets den gesellschaftlichen Durchschnitt, unsinnliche abstrakte Arbeit, ausdrückt. Vergessen bleibt aber weitgehend das von Marx selbst angeschriebene Paradox, dass (abstrakte) Arbeit das immanente Maß der Werte sei, aber wie das Geld (äußeres Maß) selbst keinen Wert besäße. Auch die Syntax des ökonomischen Mathems als Code wird bei Schlaudt kaum thematisiert, und was eben noch schwerer wiegt, es gilt hier zu bedenken, dass die Signifikanz von Geld/Preis generell nicht zum Signifikat führt, sei dieses als abstrakte Arbeit oder abstrakte Arbeitszeit angeschrieben. Deswegen ist es jetzt notwendig nicht nur »die Form jener nicht-inhaltlichen Un-Substanz Wert«, wie Eske Bockelmann schreibt, an Geld und Preis gedanklich zu explizieren, sondern die Un-Substanz Wert selbst genauer unter die Lupe zu nehmen.“ Wir verweisen hier dann auf das Kapitel „Wert als unbestimmter Bestimmungsgrund.“ Bei Nail sehen wir doch einen weitgehend im Naturalistischen verbleibenden Wertansatz. Dennoch enthält das Kapitel „ Der Horror des Werts“ interessante Aspekte.

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