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Thomas Nails “Marx in Motion” (3)

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24 Okt , 2020  

Nail sieht die Frage des Wertes so aufgestellt: Der flow der sensuellen materiellen Produktion und seiner Produkte muss durch ein Drittes namens Zeit gemessen werden, und zwar so, als ob weder das Objekt noch die Zeit noch der Akt der zeitlichen Messung selbst irgendwelche sensuellen Qualitäten hätten. Dies nennt Nail dann Wert. Der Wert produziert eine relative Diskretheit, Identität und Totalität, von der aus die Frage eines Durchschnitts bzw. einer sozialen notwendigen Arbeitszeit her beurteilt werden kann. Hinter dieser Wertdefinition steckt der Begriff der Abstraktion. Wir hatten in Kapitalisierung Bd1 zur Frage von Wert und Abstraktion Folgendes geschrieben: „Auch das Aufspüren einer den Waren gemeinsamen (unsinnlichen) Eigenschaft – Wert – , wie Schlaudt dies in Anlehnung an die scholastische Abstraktionsdefinition vorführt (vgl. Schlaudt 2011: 266), kann das Dilemma nicht auflösen, weil hier gesellschaftliche Konstitutionsprobleme angesprochen werden, die sich in der Frage artikulieren, wie sich denn überhaupt Vergleichbarkeit mittels des Geldes als einem äußerem Maß, das auf das Konstituens von Vergleichbarkeit, nämlich auf abstrakte Arbeit als immanentes Wertmaß bezogen ist, herstellen lässt. Die Formulierung, dass es sich beim immanenten Wertmaß um abstrakte Arbeitszeit handele, wirft diese Frage nämlich sofort auf, die dann meistens damit beantwortet wird, dass wir es beim Geld wiederum mit einer notwendigen Erscheinungsform des immanenten Werts zu tun hätten, womit die Entäußerung von Arbeit sich immer schon im Geltungsbereich des Geldes vollziehe. Damit stellt sich zwangsläufig in aller Schärfe das Problem des Werts, das Marx, wenn z. B. von Kugelmann auf das Wesen des Werts rekurriert wird, ja nicht rein zufällig nicht beantworten will, ja Marx – wie Hans-Joachim Lenger in seiner Interpretation des Marx-Briefes an Kugelmann gezeigt hat (Lenger 2004: 94f.) – reagiert sogar mit äußerster Gereiztheit auf die Frage nach der Herkunft des Werts (in der Arbeit), führt sie ihn doch gefährlich nahe an Hegels Theorie vom absoluten Geist heran, der in seiner Kreisbewegung der Theorie nichts schuldig bleibt, weil alte Schulden immer schon getilgt sind, wenn man etwa neue aufnimmt, die jedoch stets als die alten ausgegeben werden.“

Für Nail ist die Kreation des Werts als einer durchschnittlichen Einheit der Zeit der Ausdruck einer flexiblen Ratio zwischen billiger/freier Produktion und bezahlter Produktion. Wenn die direkte Aneignung in der Produktion via primitiver Akkumulation sich erhöht, dann fällt die Höhe die sozial notwendigen Arbeitszeit. Umgekehrt umgekehrt. Deshalb ist der Term „sozial notwendig“ kein technischer Term, sondern er bezeichnet eine fluktuierende Rate von bezahlter zu unbezahlter Arbeit, wobei letztere auf der primitiven Akkumulation gründet. An dieser Stelle finden wir ungeachtet unserer Kritik am Begriff der abstrakten Arbeit selbst (siehe oben) die Erklärung von Jason W. Moore genauer und überzeugender: Moore unterscheidet zwei simultan ablaufende Relationen und Prozesse: Die Relationen der Extraktion von Mehrwert produzieren die sozial notwendige abstrakte Arbeit und die Relationen der zum Teil gewaltsamen Aneignung von billiger Natur produzieren die abstrakte soziale Natur und ermöglichen damit die erweiterte Akkumulation abstrakter sozialer Arbeit bzw. die progressive Akkumulation des Kapitals. Soziale Natur bezeichnet die Prozesse, durch welche das Kapital und die Staaten die humane und extra-humane Natur für die Zwecke der Kapitalakkumulation mappen, codieren, quantifizieren und messen. Sie signifiziert die zeiträumlichen Prozesse, die die Aneignung (nicht Exploitation) unbezahlter Arbeit betreffen.

Das Kapitel über den Begriff des Metabolismus bei Marx enthält hingegen wieder eine Reihe von interessanten Passagen. Der Begriff Metabolismus (Stoffwechsel) taucht bei Marx das erste Mal in den Grundrissen auf, war aber schon in der Dissertation angelegt, wenn Marx von einem kontinuierlichen Prozess der Intra-Aktion der Natur mit sich selbst spricht. Marx` Theorie des Metabolismus ist eine Theorie der historischen Risse, nicht die der ontologischen Risse. Moore schreibt zum Beispiel, dass der Metabolismus mehr als nur Veränderungen impliziere, aber weniger als ontologische Brüche. Nail wiederum spricht von einem Prozess der metabolischen Strömungen, in denen die Materie durch einen ungleichen Prozess der Erosion, der durch die Natur und die Menschen verursacht wird, fließt und sich faltet.

Metabolismus sei für Marx, so Nail, zuallererst die kontinuierliche Bewegung der Materie. Entscheidend ist hier der Gebrauch des Terms „Stoffwechsel“, Stoff in der Bedeutung der Materie und Wechsel in der Bedeutung eines kontinuierlichen Wandels bzw. Stoffwechsel als der Prozess einer kontinuierlichen Bewegung der Intra-Aktion in und zwischen den Dingen. Wenn Marx im Kapital vom Metabolismus/Stoffwechsel zwischen Mensch und Natur spricht, dann hört Nail hier das Echo von Epikur und Lukrez, das heißt, eines der kontinuierlichen kinetischen Transformation von Subjekt und Objekt und Form und Materie. Nail geht an dieser Stelle sehr genau auf die von Marx in diesem Zusammenhang verwendeten Begriffe wie zusammenhängen, Stoffwechsel, Wechselwirkung etc. ein, letzterer als eine kontinuierliche Veränderung, wobei hier der Schwerpunkt nicht auf Stoff, sondern darauf gelegt wird, dass Aktionen oder Effekte sich in der Art eines immanenten Feedback-Loops ineinander zurückfalten.

Nail sieht im Marx`schen “Kapital” einen dreifach gefalteten Metabolismus angelegt, den der Natur, aus dem der menschliche Metabolismus mit der Natur entspringt, und den sozialen Metabolismus. Nail unterscheidet sich damit sofort von sozialen Konstruktivisten (Latour) oder Hybrid-Theoretikern (Jason Moore), die die Natur in der letzten Konsequenz ausschließlich sozial verhandeln. Andreas Malm hat in seinem Buch „The Progress in the Storm“ diese Theorien näher untersucht und stellt dem entgegen: „Nature is not reducible to humans, who are part of it; humans are not reducible to nature, which is part of them; it is precisely in the interstices of that unity-in-difference that something like global warming can develop.“ Nails Theorie des Metabolismus erweist sich als noch komplexer und differenzierter als diese Aussagen von Malm.

In den “Grundrissen” erklärt Marx, dass seine Theorie der Produktion und Konsumtion kein ausschließlich anthropozentrischer Prozess sei, vielmehr produziere und konsumiere die Natur sich in einem kontinuierlichen Prozess und einer metabolischen Transformation. Die Natur ist ohne das Zutun der Menschen produktiv, indem sie sich immer wieder in sich selbst faltet. Die Menschen sind nicht die einzige Quelle des Reichtums.

Der Metabolismus der Natur wird durch ihre elementaren Kräfte definiert, die sich selbst produzieren und konsumieren. Den Metabolismus zwischen Mensch und Natur wiederum spricht Marx im Kapital an, wobei der menschliche Körper auch ein natürlicher Körper ist, der einen metabolischen Prozess besitzt, der in Kontinuität zur Natur steht. Marx spricht sogar von der Arbeit als dem lebenden Agenten der Fermentation. Da die Menschen ein Teil der Natur sind, muss ihre Aktivität sich als ein metabolischer Austausch (Verkehr) mit der Natur vollziehen (Arbeit). Schließlich gibt es laut Marx einen interdependenten Prozess des sozialen Metabolismus. Wie die Menschen als eine kontinuierliche Falte im metabolischen Prozess der Natur auftauchen, so der soziale Metabolismus als eine Falte in natürlichen und menschlichen metabolischen Prozessen. Nail erwähnt an dieser Stelle hier den Theoretiker der Frankfurter Schule Alfred Schmidt, der in seinem Buch zum Marx`schen Naturbegriff von einem völlig neuen Verständnis der Relation des Menschen zur Natur bei Marx spricht.

Die Aneignung und die Kreation von Wert bezeichnet Nail als eine Expansion durch Ausschließung. Nail muss, da er von kontinuierlichen flows und Faltungen ausgeht, den Term metabolischer Riss relativieren (Deleuze/Guattari sprechen im Anti-Ödipus von den Wunschmaschinen als flows und breaks), da man sonst wieder bei diskreten Dingen wie Atomen und Waren endet. Marx selbst schreibt von den Bedingungen des Werts, die einen Riss in die Kohärenz des sozialen Austauschs einführen (Trennung der Lohnarbeiter von den Produktionsmitteln), aber Nail will hier Riss nicht als Bruch interpretieren, sondern als ein kratziger Grund etwa, als crack, der die raue Materialität des Prozesses hervorkehrt. Die metabolischen Falten entfalten sich oder falten sich zurück entlang von Spalten oder Tropfen innerhalb einer einzigen topologischen Oberfläche. Metabolische Transformationen sind irgendwo zwischen shifts und rifts anzusiedeln, sie sind „shifting rifts“ oder „(d)rifts“, i.e. metastabile Prozesse, die durch natürlich-kulturelle Systeme hervorgebracht werden. Metabolische Zyklen können in regionalen Rissen kollabieren, aber diese Risse können sich auch verschieben. Der Term „drift“ (Strömung) verweist auch nicht-lineare, thermodynamische Prozesse der Natur und des Menschen, die nicht-gleichgewichtige Situationen erzeugen, und zwar nicht nur soziale Prozesse wie Enteignung und Sklaverei, sondern auch die Veränderungen des Klimas, Evolution, Wanderungen der Tiere etc. Das metabolische Drifting umfasst also natürliche und soziale Agenten und wird durch regionale, aber keinesfalls absolute Brüche in metabolischen Zyklen produziert. Für Nail ist auch der Wert das Produkt einer metabolischen Erosion, Ausschließung und eines Drifts, der dem drei gefalteten metabolischen Prozess mit der Erde als Ausgangspunkt und Quelle des Reichtums entspringt. Dementsprechend spricht Nail auch von einer metabolischen primitiven Akkumulation der Aneignung der Erde, der Arbeit und der Grenze.

Marx spricht von der Erde als einer primitiven Bedingung der Produktion, als einem Reservoir, von dem aus der metabolische Drift beginnt, aber nicht mit einem absoluten Bruch, sondern einem materiellen und praktischen Sprung. Dabei ist der metabolische Drift ein relationales und thermodynamisches Ungleichgewicht, bei der, wie man heute weiß, die Zukunft durch das, was Jason Moore den tendenziellen Fall des ökologischen Surplus nennt, auch ruiniert werden kann.

Nail kommt dann im Kapitel über die kinetische Theorie des Werts wieder auf den Wert zurück und behauptet, die Entfaltung genau dieses Begriffs sei die große Leistung des Kapitals. Wir sehen nach wie vor im Begriff des Kapitals den wichtigsten Begriff im „Kapital“ und folgerichtig hat Marx die drei Bände auch danach benannt. Nail spricht zum Beispiel vom Wert als etwas, das auf Grundlage des Prozesses der primitiven und der männlichen Akkumulation durch den Prozess der kontinuierlichen Relation und Mobilisierung existiert, und zitiert dann Marx, wenn dieser vom Kapital schreibt, dieses sei Bewegung und nicht ein statisches Ding.

Für Nail entsteht der Wert aus der Produktion und ist kein Ding, das sich von A nach B bewegt, das heißt, Marx hat eine kinetische Theorie des Werts erfunden, in der die Materie-in-Bewegung das Sein des Werts formt. Nail lehnt dabei die relationalen und ökonomischen Lesarten des Werts nicht völlig ab, will aber die nicht-humanen und natürlichen agencies als konstitutive Teile der sozialen Theorie des Werts hinzufügen. Deshalb gilt auch darauf hinzuweisen, welche ko-primäre Rolle die primitive Akkumulation oder die direkte Aneignung als versteckter kinetischer Support für die interne und die externe Bewegung des Werts besitzen.

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