Thomas Nails „Theory of the OBject“ (3)

Nail will natürlich auch eine Geschichte der Objekte schreiben. Wenden wir uns nun dieser zu. Sehr allgemein versteht Nail unter Wissenschaft die Kreation und das Ordnen von Objekten als Quantitäten, die aber von der Qualität der Objekte nicht zu trennen sind. Unter den Wissenschaften hat sich aber eine Position herausgebildet, als ob es möglich wäre, partikulare Objekte lediglich als Quantitäten zu behandeln.

Das „als-ob“ hat eine lange Geschichte in der Wissenschaftstheorie: In diesem Kontext ist zum Beispiel die marxistische Relation der Begriffe Kapital und Wert zu verstehen, wobei aber hier der nicht-quantitative Wert im Zuge der Marx’schen Wertformanalyse im Modus des »Als-ob« ausgelegt wird, als ob das Begriffliche mit dem Gegenstand tatsächlich in eins fiele. Damit findet der Begriff der Realabstraktion seine Berechtigung allenfalls im Modus des »Als-ob«. Es war Kant, der hinsichtlich der regulativen Ideen den Standpunkt der »Als-ob«-Betrachtung eingenommen hat, den er schließlich als den »höchsten« Standpunkt der Vernunft bezeichnet hat. Wo Begriffe nicht in der Form, in der wir sie nur denken können, für die Wirklichkeit gelten, dort erscheint es nicht nur möglich, sondern für die theoretische Praxis auch dringend geboten, die Gegenstände mit Hilfe von Begriffen so zu denken und zu erforschen, »als ob« jene so und nicht anders gegeben bzw. bestimmt seien. Das kantische regulative Gesetz will qua Verstand, dass man die Dinge so erforscht, als ob eine bis ins Unendliche systematische Einheit bei gleichzeitig größtmöglicher Heterogenität vorgefunden werden könnte; es geht um ein unbestreitbar philosophisches »Als-ob«, dem nach Derrida zumindest ein »dekonstruktives Ferment« beizumischen ist, sodass die starre Gegenüberstellung von Realität und Science-Fiction verflüssigt wird, bis das »Als-ob« an das vielleicht eintretende und doch konkrete Ereignis anrührt. Dennoch darf nie unterschlagen werden, dass der Akt der begrifflichen Erfassung des Wirklichen den Unterschied zwischen Begriff und Außer-Begrifflichem zwar voraussetzt, aber das Erkennen den Unterschied eben nicht setzt. Dementsprechend haben die Begriffe anzuerkennen, dass eine Realität unabhängig von der Wahl ihrer Mittel vorausgesetzt ist (»es gibt«), andererseits arbeiten sie in ihrer Selbstbezogenheit und Selbstähnlichkeit u. a. mit einer Heuristik des »Als-ob«, als ob Realität und Begriff tatsächlich zusammenfallen würden. Barad hingegen versucht das „Als-ob“ in ihrem agentiellen Realismus mittels der Konstruktion von intraaktiven diskursiv, materiellen Praktiken zu überwinden.

Für Nail beginnt die Geschichte der Objekte mit dem ordinalen Objekt, das in der paleolithischen Phase der Menschheitsgeschichte existiert hat. Wenn Objekte gezählt wurden, ging es nicht nur um das Zählen mit den natürlichen Zahlen 1,2,3 etc., vielmehr wurde in der Menschheitsgeschichte lange Zeit nur mit ordinalen Objekten sequenziell gezählt, und zwar im Sinne des „und dann, und dann, und dann etc.“ Obwohl die ordinale Zahl erstmals bei Cantor eingeführt wurde, existierte sie schon in vorhistorischen Zeiten, und zwar als zentripetale Bewegung, als Sequenz und eins-zu-eins Koordination. Erstere ist die andauernde Bewegung von der Peripherie zum Zentrum. Die Ordnung dieser Objekte nach ihrer Bestimmung erfolgt im Kontext weiterer Objekte und benötigt ein relativ stabiles Zentrum, das diese Ordnung unterstützt. Wenn sich das Zentrum schneller verändert als die Ordnung der Objekte, dann zerfällt diese, wobei diese Ordnung gerade nicht vorgegeben ist, sondern durch die zentripetale Bewegung erst entwickelt wird.

Diese Bewegung vollzieht sich in zeitlichen (vorher und nachher) und räumlichen (mehr oder weniger) Sequenzen qua Differenzen. Dabei ist das erste Objekt das eines relativ stabilen Zentrums, was nichts anderes heißt, als dass die Nicht-Sequenz die Voraussetzung für die Sequenz ist. Und insofern jedes folgende Objekt größer als das Ausgangsobjekt ist, wird dieses retroaktiv in Relation zur gegenwärtigen Addition kleiner. Insofern erzeugen die Sequenzen ein konstantes Ungleichgewicht relativ zu den Positionen. Jede neue Addition innerhalb einer Serie verändert die relative Position jedes anderen Objekts, oder, um es anders zu formulieren, jedes ordinale Objekt transformiert die ganze Serie. Jedes Objekt ist damit keine kardinale Zahl 1,2,3 etc., sondern die Dimension einer immanenten Ordnung. So zählten die Leute die Flüsse des Wassers nicht als isolierte individuelle Objekte, sondern als transformative Dimensionen des relativen Volumens des Wassers. Und schließlich ist die eins-zu-eins Koordination keine Repräsentation, sondern das Resultat eines kinetischen Zyklus. Ein ordinales Objekt ist keine Einheit, die man in andere Einheiten teilen kann, vielmehr kann sich die Position eines Objekts in einer Sequenz nicht verändern, ohne die ganze Serie zu verändern.

Für Nail sind auch Werkzeuge ordinale Objekte, die durch zentripetale Patterns der Bewegung erzeugt werden. Das Werkzeug ist kein singuläres Objekt, sondern eine geordnete Serie von Objekten, oder, um es anders zu sagen, eine sequenzielle Kette von Objekten. Der mobile Körper ist schon eine Art von Objekt, insofern es keine klare Trennung von User und Werkzeug gibt, sondern nur eine relative Differenz, die von der eigenen Position in der sequenzielle Kette abhängig ist. Auch ist eine instrumentelle Perspektive hier abzulehnen, insofern das gesamte Feld der Werkzeug-Objekte zu berücksichtigen ist. Nail definiert letztendlich das Werkzeug als eine Serie von ordinalen Objekten, in der die Objekte wechselwirken und zusammenarbeiten. Diese metastabile Zirkulation von Objekten, die niemals statisch und diskret sind, inkludiert das Material, den Gestalter und den Prozess der Gestaltung. Wie Deleuze/Guattari bezieht sich Nail hier auf den Anthropologen Leroi-Gourhan.

Zeichen wiederum sind für Nail geordnete Serien von zentripetalen sortierten Markierungen. Die Zeichen sind in frühen Zeiten weniger als Repräsentationen von etwas zu verstehen, sondern vielmehr als hinterlassene Spuren, die auf rhythmische ordinale Sequenzen von körperlichen Bewegungen verweisen. Sound und Markierungen fanden immer eins-zu-eins statt, wobei jedes Zeichen singulär, veränderbar und performativ war.

Kardinale Objekte wiederum, die auch historische Erfindungen waren, werden von uns behandelt, ob sie keine Qualitäten besäßen. Es waren die Zahlen, die geometrische Messung und die Logik, welche das Feld der kardinalen Objekte schufen. Der Mathematiker Georg Cantor definierte die kardinalen Zahlen als Aggregate einer Serie von Elementen, die zu einem Ganzen führen. Es war in Mesopotamien 3500 vor Christus, als die Ziffern erfunden wurden, die wir heute als 1,2,3 etc. kennen. Sie sind nicht mit den Zahlen gleichzusetzen, die Nail genereller als eine Größe, welche auch immer, definiert. Dies läuft auch entgegen der gängigen Definition von Carl Gauss , dass Zahlen fundamental kardinal und ideelle Entitäten sind. Die Theorie der Zahlkörper ist wie ein Bauwerk von wunderbarer Schönheit und Harmonie, schreibt Hilbert. Die Addition oder Subtraktion von Zahlen setzt voraus, dass die Zahlen nur Vielfache einer leeren Einheit sind. Doch eben diese Einheit bleibt für die Mathematik eine bloße Voraussetzung, ein Axiom. Wenn Dedekind die Einheit als Grundbegriff in die Algebra einführt, so wird diese Kategorietautologisch definiert Frege schreibt: „Es ist doch eigentlich ein Skandal, dass die Wissenschaft noch über das Wesen der Zahlim unklaren ist. Ob sie etwas Seelisches, über dessen Entstehung die Psychologie Auskunft geben müsse, oder ob sie ein logisches Gebilde sei, ob sie geschaffen sei und vergehen könne, oder ob sie ewig sei, selbst darüber hat die Wissenschaft noch nichts entschieden. Ist das nicht ein Skandal?“ Was ist eigentlich eine Zahl, muss man sich fragen.  Für Platon war sie eine apriorische Konstruktion, insofern, wie später Frege meint, mathematische Strukturen neben Subjekt und Objekt ein Drittes bilden. Der Intuitionist Brower betrachtete die Mathematik als Produkt reinen Denkens, während eine weitere Richtung die mathematischen Entitäten als Fiktionen beschreibt.

Eine Nicht-Lösung bietet Werner Hamacher an: „Die Eins und deshalb jede weitere Zahl (mit der problematischen Ausnahme der Null) erweist sich daran, dass sie sich selbst nicht zählen kann, als eine Markierung, die weder dem Begriff der Zahl noch auch dem der Markierung genügt, sofern dieser Begriff Einheit und Existenz postuliert. Daran, dass die Eins von sich selbst nicht gezählt werden kann, zeigt sich somit nicht nur die Gegenstandsungewissheit der Zahl, sondern ihre Inexistenz als Zahl: Es gibt keine Zahl Eins, die von der Zahl Eins gezählt werden könnte; Eins ist nicht. (Entsprechendes gilt von allen Zahlen, weil alle mit der Eins oder einer entsprechenden numeralen oder nominalen Einheit operieren müssen.) Die zwingende Folgerung aus diesem Befund lautet, dass die Zahl selbst zahl-los, unzählbar, also in striktem Sinn un-endlich und nicht-seiend ist. Wenn Zahlen dennoch operationsfahig sind, so nur unter der Bedingung, dass jede zählt, ohne gezählt zu werden. Eine Zahl zählt nur, sofern sie reine Setzung und also nicht in ihrer Applikations-oder Selbstapplikationsfähigkeit fundiert ist. Ihre Operationen lassen sich nur auf die Zählungsfunktion, nicht auf eine Substanz der Zahl aufbauen.“

Und diese Zählungsfunktion kann z.B für Karl-Heinz Brodbeck nur die soziale eines Geldes sein.

Nail schreibt, dass das kardinale Objekt, das zählt, nicht im Eins (Summe), das es zählt, enthalten ist. Das Paradox besteht darin, dass man beim Zählen der Teile einer Serie davon ausgeht, dass sie schon Teile eines Ganzen sind. Letztlich ist das kardinale Objekt, das erste, das letzte und das Fehlende. Darauf baut auch die Idee der Null auf.

Wenn das kardinale Objekt auf das Eins, egal was auch immer, referieren kann, dann besitzt es keine Partikularität, Substanz oder Qualität. Es ist, als ob diese Eins prä-existiert und unwandelbar bleibt, und zwar als Realabstraktion.

Für Nail ist das Kardinale keine rein mathematische Idee, sondern ein historisches Pattern der Bewegung, das Dinge in abstrakte Einheiten zwingt. Kardinale Objekte sind zwar abstrakt, aber eben als historische Abstraktionen und materiell-kinetische Prozesse zu verstehen. Sie kreieren ein Modell (keine Substanzen) zum Zählen und Messen von Objekten als Ganzheiten.

Kardinale Objekte sind das Resultat zentrifugaler Bewegungen, die von einem zentralen Punkt sich in alle Richtungen ausbreiten. Dieser Punkt setzt wiederum die zentripetale Bewegung von der Peripherie zum Zentrum und eine ordinale Serie von Objekten voraus, womit zuerst zentrale Punkte entstehen können. Erst wenn das Objekt einer ordinalen Serie als kardinal designiert wird, kann man dieses kardinale Objekt dann als ein Werkzeug zur Messung und Vereinheitlichung einer Variation von heterogenen Objekten benutzen, als ob sie Teile eines prä-existierenden Ganzen wären.

Konkrete Kardinalität nennt Nail die Vereinheitlichung von ordinalen Objekten in ein singuläres kardinales Objekt; es handelt sich um bestimmte Arten von Gruppen. Es sind nach wie vor qualifizierte Quantitäten. Für Nail gibt es drei konkrete und einen abstrakten Schritt, der zum abstrakten kardinalen Objekt führt. Ordinale Serien sind immer in Bewegung und in ihnen verändern sich die relativen Positionen in einem kontinuierlichen Ungleichgewicht, während kardinale Objekte an einem gewissen Punkt einen Schnitt setzen müssen, um gesammelte Objekte als ein Ding zu zählen. Zudem muss eine scharfe Differenz zwischen Innen und Außen gesetzt werden, um ein Ranking des Mehr oder Weniger zu erzeugen. Die Objekte im Zentrum gehen den Objekten in der Peripherie voraus. Erstere dienen als Modell, um die Peripherie zu reorganisieren. Schließlich wird die neue homogene Einheit als eine neue generische Einheit behandelt. Wenn das kardinale Objekt als Eins auf das Eins des was auch immer referiert, dann besitzt es keine Qualität mehr; es handelt sich nun um Eins-zu-Vielen Koordinationen.

Das kardinale Objekt zählt nicht in ordinalen Teilen 1,2,3., sondern zählt alles als ein generisches Teil eines Ganzen. Es ist nicht das Zählen, das Zahlen definiert, vielmehr werden Zahlen im Zählen benutzt. Anders sieht das Hamacher bei der Zahl, siehe oben. Kardinale Objekte sind keine Repräsentationen der Objekte, die sie zählen. Kardinale Objekte sind different zu jenen, die sie zählen. Das kardinale Ganze ist nur ein weiteres singuläres Objekt, das kinetisch durch eine Serie von anderen Objekten koordiniert wird, als ob sie ein ganzes Objekt wären. Das kardinale Objekt zählt alle weiteren Objekte in einer Serie als Eins.

Das kardinale Objekt kann auch eine Anzahl als eine Einheit behandeln. Jedes kardinale Objekt in einer Serie ist sozusagen die Kopie des Originals. Dabei ist die Null der Platzhalter eines generischen Ganzen. Zwei kardinale Einheiten sind identisch, wenn sie dieselbe Einheit an Elementen besitzen, egal was das nun für Elemente sind.

Nail wendet sich dann den kardinalen Objekten in der antiken Welt zu. Es mussten Ziffern erfunden werden, Zeichen oder Spielsteine, die so behandelt wurden, als ob die Qualität von der Quantität getrennt wäre. Schließlich konnte generell jedes Objekt als ein kardinales Objekt benutzt werden, mit dem man jedes andere Objekt zählen konnte. Ziffern wurden nun als reine Quantitäten behandelt. Die Zwei ist nun nicht mehr als nur nach der Eins, sondern sie ist ein neues kardinales Objekt, das die Eins enthält; Jedes kardinale Objekt ist proportional zur ersten kardinalen Zahl. Die erste abstrakte Ziffer 1 war das zentrale Modell einer Einheit, auf die sich alle anderen kardinalen Objekte proportional bezogen.

Während die Verrechnung summiert, zeichnet das Zählen die Ordnung der Objekte auf. Geld ist in diesem Kontext für Nail kein singuläres Objekt, sondern eine performative Beziehung zwischen Objekten. Beim Geld geht es um das Spezifische der Zirkulation von Objekten zwischen Personen. Das deckt sich zum Beispiel mit den Aussagen des buddhistischen Ökonomen Karl-Heinz Brodbeck, der schreibt, dass das Rechnen in Geld stets performativ geschieht, es wird zu einem reinen Rechnen, auf das bezogen Abstraktionen eben im Alltag performativ vollzogen werden. Für Nail ist das Geld ein System wechselnder Austauschraten zwischen kardinalen Objekten, wobei das Geld ein Äquivalent des Austauschs zwischen verschiedenen kardinalen Objekten generiert. Für Nail existiert das Geld schon in der Antike. An den Objekten wird eine Abstraktion vollzogen, worin nur das Brauchbare erfasst, anderes ausgeblendet wird. Wie Hegel schreibt: „Abstraktionen in der Wirklichkeit geltend machen, heißt Wirklichkeit zerstören.“

Egal, welches Material nun der Träger von Geld ist, immer geht es um das System der Äquivalenz selbst. Selbst Marx verstand manchmal den Begriff der Äquivalenz falsch. Er schreibt: „Die Gleichung: ‚20 Ellen Leinwand = 1 Rock oder: 20 Ellen Leinwand sind 1 Rock wert‘ „. Es handelt sich hier aber nicht um eine Gleichung, sondern um eine Äquivalenzrelation: Der Quantenphysiker Görnitz drückt das korrekt aus: „Zu erinnern ist daran, dass Äquivalenz nicht Gleichheit, sondern eine mögliche gegenseitige Umwandlung bedeutet.“ Marx kommt manchmal auf die irrige Idee der Gleichung, weil er eine Wertsubstanz vermutet, die sowohl in der Leinwand als auch im Rock steckt.  Allenfalls kann man jedoch sagen, dass das Gleichheitszeichen vollzogen wird und im Geldverkehr einen sozialen und performativen Sinn hat, der rechnend als Bezug auf eine abstrakte Geldeinheit erscheint.

Brodbeck nennt das Geld „die Form des rechnenden Denkens überhaupt“. Es ist das Rechnen in der leeren, abstrakten Einheit als Modell der Zahl Eins. Als Vervielfältigung der leeren Einheit besitzt das Geld die Form der unendlichen Zahlenreihe 1, 2, 3, etc., das heißt eine leere Einheit regiert die Vielheit. Für Brodbeck beginnt das rechnende Denken mit Fibonacci, der eines der Grundbücher der Arithmetik im Jahr 1202 schrieb. Fibonacci führte im Westen als Erster die Null in die Zahlenreihe ein. Er nennt die Reihe 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9 „Indian figures“ und schreibt: „With these nine figures, and with the sign 0 which the Arabs call zephir any number whatsoerver is written.“ Arabische Händler brachten aus Indien die Vorstellung der „Leerheit“ (sunya) mit. Sie übersetzten „sunya“ mit „zefira“, woraus unser „zero“ und „Ziffer“ abgeleitet wurde. Das Unbekannte ist eine Zahl, die abgeleitet wird aus bekannten Zahlen.

Die Null erlaubt im Geldverkehr beliebig große Zahlen zu bilden. In der Null „erscheint“ die Leere der Einheit des Geldes, die sich aufgrund ihrer Leerheit beliebig vervielfältigen lässt. Die Null gibt den Zahlen erst eine Position, sie ist ein Wegweiser, der zu einer Einordnung der Zahlen in ein unendliches Zählsystem führt. Eine Zahl wie die 3 erhält durch die Null einen höheren Rang: 30, 300, 3000, usw. Die Null multipliziert die in der Recheneinheit gegebene soziale Fiktion und verleiht der Ziffer einen höheren Rang in der Gültigkeit. Die Eins der Null als leere Einheit, die keine ist, verschiebt die Zahlenreihe, sodass dass das Erste immer bereits das Zweite gewesen sein wird.

,Arabische Händler brachten aus Indien die Vorstellung der „Leerheit“ (sunya) mit. Sie übersetzten „sunya“ mit „zefira“, woraus unser „zero“ und „Ziffer“ abgeleitet wurde. Das Unbekannte ist eine Zahl, die abgeleitet wird aus bekannten Zahlen.  Was ist nun die Leere: Die Null oder die Eins?

Zur Frage des Zinses schreibt Nail historisch korrekt, dass 2400 vor Christus in Mesopotamien die ursprüngliche Teilung zwischen den zentralen Standards des Tausches und den peripher getauschten Objekten eine klare Hierarchie von Gläubigern über Schuldnern erreicht hatte. Dabei waren Schulden nicht als diejenigen gegenüber einem Gott zu verstehen, vielmehr folgte die Religion denselben zentrifugalen Patterns der Bewegung.

Zur Frage der Messung zeigt Nail, dass eine Einheit der Messung ein kardinales Objekt ist, das benutzte wurde, um die Quantität eines Dings mit einem anderen in Hinsicht auf Proportionalität zu vergleichen. Dies setzt die kinetische Teilung zwischen einem Objekt der Einheit und einer Reihe von anderen Objekten voraus, die durch jene Einheit gemessen werden. Die Messungen von Gewicht oder Länge waren ursprünglich nur die eines Mehr oder Weniger. Die ersten Standards der Gewichtsmessung resultierten aus der Mobilität des Weizens. Später ordneten sich alle Messungen um ein zentrales, kardinales Objekt, nämlich den Staat.

Die Messung war auch die Grundlage der Arithmetik: Dabei war die Addition aber durchaus verschieden vom Zählen der kardinalen Objekte. Mit der Addition wird es dann möglich, die Einheit des Zählens selbst zu variieren. Entgegen Russell und Frege, die behaupten, dass Ziffern konzeptuelle Selbstidentitäten sind, geht Nail davon aus, dass Ziffern kinetische und messende Bewegungen sind. So werden in einer Addition die kardinalen Zahlenlinie durch differente Einheiten-Objekte gemessen: 1+3+5=9

Das abstrakteste kardinale Objekt bestand in der Erfindung der Variablen in der Algebra, deren Wert und deren Einheit jeder x beliebige Wert und jede x-beliebige Einheit annehmen kann. Die Variable ist eine nicht-quantifizierte und nicht-qualifizierte Quantität. Es ging hier nicht nur um die Einführung eines abstrakten Objekts mit einer unbekannten Quantität in die arithmetischen Gleichungen, sondern auch darum, dass die Algebra es Personen ermöglichte, zu handeln, als ob alle determinierten Objekte aus primären generischen Quantitäten resultierten. Als ob die Welt rein aus abstrakten Formen bestünde, welche Personen durch Messungen determinierten, und eben nicht umgekehrt.

Auch in der Logik, die keineswegs statisch ist, macht Nail vier Bewegungen aus.

1) Die Abduktion, die empirische Beobachtungen nutzt, um Schlüsse aus der Bewegung zwischen Ursache und Wirkung zu ziehen. Den Additionen von beobachteten Fakten werden Hypothesen hinzugefügt. Dabei ist die verursachende Kraft zentral und wirkt auf die Effekte in der Peripherie. Die Entscheidung ein Objekt zum Grund eines anderen zu machen, bleibt dabei arbiträr.

2) Induktion besteht aus dem Prozess des Testens von verschiedenen verursachenden Objekten und dem hierarchischen Ordnen bezüglich eines mehr oder weniger Möglichen. Induktive Hypothesen werden durch trial and error Prozesse gefunden.

3) Die Klassifikation enthält eine Teilung und Hierarchie von geordneten und ungeordneten Objekten.

4) Schließlich die Deduktion, die ein ursprünglich wahres Statement setzt, aus der man dann die notwendigen Konsequenzen ziehen kann. Weil die ursprüngliche Voraussetzung als wahr gilt, müssen die Schlüsse nicht durch ihre Effekte, die sie in der Welkt haben, bewiesen werden. Die kinetischen Ursprünge der Deduktion findet Nail selbst noch in der Logik von Aristoteles. Das Wort Hypothese bezieht sich hier auf die Bedeutung „etwas zu ziehen“, während die Schlüsse eine Reise inhärieren. Für Nail bestehen die Ursprünge der Logik nicht in den reinen Ideen des Geistes, sondern sind vor allem Bewegungen des Messens. Ein Theorem ist dann ein Statement, das anhand schon bestehender Voraussetzungen geprüft wurde. Das Wissen der Deduktion ist nichts weiter als das der Kategorien und der hierarchischen Relationen der Eingrenzung. Es beinhaltet die ultimative selbstreflexive tautologische und zirkuläre Bewegung der Rotation einer Sphäre, wie zum Beispiel in der Kosmologie von Aristoteles. Die Deduktion besteht wie der zentrifugale Kreis auf der Identität seine kardinalen Ganzen. Dies führt zur Identität und Einsheit des Seins.

Es war Parmenides, der angeblich sagte, dass Denken und Sein dasselbe sind. i.e. Denken = Sein. Da Denken und Sein dual erscheinen, wurde in der Philosophie dieser Gegensatz temporal als Kausalität umgedeutet. Daraus ergaben sich der Idealismus, der behauptet, dass das Denken zum Sein führt, während für den Materialismus das Sein das Denken begründet. Theorie und Tatsachen sind jedoch Aspekte der Lebenswelt, wie Brodbeck bemerkt, und keine  Wesenheiten. Jede Induktion, Falsifikation oder Deduktion, auch die idealistische Ableitung in Hegels Logik impliziert eine Identität zwischen Denken und Sein. Für Brodbeck ist es Heidegger, der zu Parmenides richtig bemerkt, dass „das Selbe“ als Rätselwort bzw. als Tautologie am Anfang der Aussage von Parmenides steht und nicht als Vermittlung auftritt. Das Selbe auf eine Gleichheit zu reduzieren, ist für Brodbeck „der Ausdruck der Überformung des Logos durch die Ratio“.  Die Identität stiftet bei Parmenides die Dualität von Denken und Sein. Die Identität  ist ein „Rätselwort“, weil es zwar alle Aussagen fundiert, selbst aber nicht ausgesagt werden kann. Dasselbe gilt für die Zahl „1“. Brodbeck schreibt: „Die Identität leiht sich performativ
ihren Sinn aus der Ver-Gesellschaftung, der Vereinigung der und des Vielen.. Man kann die Identität nicht „erklären“, „ableiten“ oder „definieren“. All dies vollzieht sich bereits in einer Identität, einem Ver-Einigenden. Die Identität kommt den Dingen und Gedanken zu, kann aber an ihnen nicht gefunden werden. Der Satz der Identität, wie er in der Logik formuliert wird, lautet: A = A. Man kann den Satz der Identität auch verändert so schreiben: A ist A. Nun wird von einem Sein des A gesprochen. Die Ratio erblickt im Horizont des abstrahierten Geldes überall nur noch Gleiches, d.h. etwas, das seinerseits auf eine leere Einheit (die Einheit der Geldrechnung) bezogen wird: Man ordnet einem Etwas eine Zahl zu, macht aus einem Ding, das bloß „ist“, eingemessenes Ding. Die Identität wird hier völlig unter der Herrschaft der Ratio der Gleichmachung aller Phänomene im Licht „des Einen der Zahl“ zu einer illusionären Form die Einheit des Geldes, in der gerechnet wird.“ Eine Illusion aber nur insofern, als es nichts hinter der Rechnungseinheit des Geldes als den sozialen Zusammenhang gibt. Wenn man von Funktionen des Geldes spricht, dann hat es sie nicht, sondern das Geld ist sui generis eine soziale Funktion. Illusionär im Sinne einer notwendigen Verkehrung aber auch, dass diese Gleichsetzung bzw. Gleichung eigentlich eine Äquivalenzrelation ist. Geld wandelt alle Waren in Geld um, und alle Waren werden in Geld umgewandelt,  gleichwohl Geld nicht die Waren sind, und Waren nicht Geld.

Das spricht auch Hans-Joachim Lenger an, der darauf verweist, dass schon der Satz der Identität A=A auf ein Drittes hindeutet, auf eine Differenz, die der Gleichung vorausgeht, insofern A sich schon vorher in A=A verdoppelt hat und deshalb als erstes A zugleich ein Drittes ist, sodass die Identität aus der Wiederholung von Differenz hervorgeht. A ist nicht einfach mit sich selbst identisch, sondern wird über einen Umweg mit sich selbst identisch gewesen sein, womit A als Ursprung oder als Erstes je schon gestrichen ist. Wir haben es hier wieder mit einem »Es gibt« zu tun, das als Differenz zur Positivität zu verstehen ist, die aber in der Positivität selbst statthat. Und diese Differenz streift je schon das Ungegenständliche und damit den Wert.

Laruelle hat einen ganz anderen Zugang zum Einen: Das Eine ist das Reale, i.e im Realen persistiert das Eine unabhängig von der Philosophie und vom Sein. Für Laruelle ist das Eine radikal immanent, es ist mit nichts konvertibel, das heißt es geht nicht aus sich selbst heraus, um eine Relation mit etwas einzugehen. Es kann aber auch nicht mit Existenz gleichgesetzt werden, es ist weder Sein noch Seiendes. In seiner Immanenz versteht Laruelle das Eine als Identität. Es ist gegeben-ohne-Gegebenheit und damit Identität oder Gemeinsamkeit mit sich selbst, ohne jemals vollkommen transzendental konstruiert zu sein. Sämtliche Transzendentalien sind als Klone des Einen bzw. dess immanenten Realen zu verstehen. So ist das Eine auch das Resultat einer schwachen transzendentalen Setzung, es ist gegeben-ohne-Gegebenheit und zugleich als negative Möglichkeit definiert, die für jede »Greifbarkeit« von Objekten und für die Rigorosität des Denkens selbst steht. Laruelle lehnt die metaphysischen philosophischen Modelle, die mit Begriffen wie Repräsentation, Manifestation oder Existenz arbeiten, von vornherein ab. Für Laruelle ist das Eine niemals das, was sich im Sein realisieren kann. Das Eine weigert sich schlichtweg ein Synoynym für das Sein zu sein. Vielmehr ist es als eine apriori Bedingung zu konstruieren, die radikale Immanenz anzeigt, das heißt das Eine als nicht-manifestiert und nicht-reflektiert ausweist. Aus der Perspektive des Objekts ist das Eine kein Ding, aus der Perspektive der Relation bildet es keine Relationen, aus der Perspektive des Ereignisses ereignet es sich nicht und es aktualisiert es sich auch nicht. Laruelles Objekte sind, so Galloway, schwarze Objekte ohne Fenster, und seine bevorzugte Relation ist die unilaterale Determination, die irreversibel und nicht-reflektorisch ist, sie ist weder als klassifikatorisch oder differenziell wie etwa im Empirismus einzustufen, noch ist sie kombinatorisch und synthetisch wie in der Dialektik, weder gilt sie als effizient oder ereignisartig wie in der Metaphysik.

Foto: Sylvia John

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