EconoFiction

Time of Money (Review) (3)

By

1 Okt , 2018  

In der begrifflichen Bestimmung der Derivate bleibt Adkins konfus, wenn sie beispielsweise schreibt, dass Geld hier die Charakteristiken des Kapitals angenommen habe und Kapital die des Geldes. Zugleich schreibt sie vom Geld als Kapital bzw. einer spezifischen Ware des Kapitals. Sie bringt also zur Bestimmung der Derivate gleichzeitig die Begriffe Ware, Geld und Kapital ins Spiel. Das soll uns hier aber nicht weiter interessieren, denn wir haben das Problem an anderer Stelle ausführlich behandelt.

Interessant wird es wieder, wenn sie schreibt, dass Derivate Dinge in Bewegung setzen und dies auch gerade in Relation zu Konsumentenkrediten und Hypothekenverträgen zu sehen ist. Und selbst noch Einkommensströme, die von anderen Aspekten des alltäglichen Leben herrühren, wie etwa Studentendarlehen, Rechnungen für Mobiltelefone, Rechnungen der Haushalte für Wasser und Elektrizität etc. werden als Inputs in die neuen Finanzinstrumente eingespeist und damit sind selbst die ahnungslosen Haushalte mit ihren kleinen Einkommen über bestimmte Ketten inzwischen abhängig vom Handel der Derivate an den globalen Finanzmärkten. Randy Martin hat dies als die Finanzialisierung des alltäglichen Lebens bezeichnet. Die verschiedenen Formen alltäglicher Kreditierung werden mit Finanzinstrumenten wie den CDOs (Verbriefung; Bündelung verschiedener Kreditformen) auf einige wenige Attribute heruntergebrochen und dann in vielfältigen Kombinationen an den Finanzmärkten gehandelt.

Diese Art der Verschuldung durch alltägliche Kredite steht in einem speziellen Verhältnis zum Lohn, der selbst in seinen verschiedenen Ausformungen zunehmend kontingent wird und sich den durch die Gewerkschaften erkämpften Standardisierungen entzieht. Die Lohnarbeit selbst wird unsicher, sporadisch und unvorhersehbar. Zudem stagnieren die Reallöhne in den letzten dreißig Jahren. Damit können die Haushalte in der Tat nur noch durch die Erhöhung der Schulden ihre Reproduktionsbedingungen sichern. Unter den Bedingungen provisorischer Arbeitsverträge, Austeritätspolitk und stagnierender Löhne müssen die Haushalte niedriger und mittlerer Einkommen ihre Schulden einfach erhöhen und somit zur Ausdehnung und Multiplikation der Extraktion des Surplus, der durch Geld und Finance generiert wird, beitragen. Die Erhöhung der persönlichen Schulden und die Abhängigkeit von finanziellen Risiken ist aber nur ein Teilaspekt des finanziellen Regimes der Akkumulation, darüber hinaus sind die Haushalte immer stärker auch von den Einkommen und Löhnen der Frauen abhängig, egal wie volatil oder prekär nun diese Einkommen sind.

Frauen werden zunehmend in den postfordistischen Arbeitsmarkt gedrängt und integriert, sei es Lohnarbeit im Bereich der sozialen Fürsorge, der Pflegedienste und anderer Tätigkeiten im häuslichen Bereich. Ein institutionalisiertes Modell der Erwachsenen-Arbeit hat das alte fordistische Modell der Familie ersetzt, ein Modell, bei dem alle Erwachsenen an die Arbeit und Beschäftigung gebunden oder zumindest in die konstante Suche nach neuen Beschäftigungsmöglichkeiten integriert werden sollen. So sind Frauen oft auch Mehrfachbelastungen ausgesetzt – kurzfristige Beschäftigungen, Lohnarbeit, Hausarbeit und Kindererziehung – und generieren somit eine kleine Investitionstätigkeit im Bereich des Haushalts und der sozialen Reproduktion. Gerade durch diese Mechanismen wurde die Familie im Postfordismus wieder neu erfunden und reorganisiert, und zwar hinsichtlich der Neueinszenierung der Eigenverantwortlichkeit und der Anbindung an das Finanzsystem. Wenn im Fordismus die heterosexuelle Familie als Ort der Reproduktion der männlichen Arbeitskraft sowie der Konsumnachfrage fungierte (plus den Zuwendungen des Sozialstaates), so transformiert im Postfordismus die Familie in eine sich selbst genügende ökonomische Einheit oder in einen Bereich des Investments, sodass sich die Familie durch private Schulden reproduzieren und mittels eines Sets von Verantwortlichkeiten, die an die Finanzmärkte gebunden sind, operieren muss. Somit wird selbst noch die Familie ein kleines Unternehmen, in dem die Frauen m Zuge der Redefinition der sozialen Reproduktion als eine Art von Unternehmen den Imperativen der Beschäftigung unerworfen werden. Für den Postfordismus ist die Feminisierung des Überlebens essenziell. Und oft genug fungieren die Löhne der Frauen als eine Art Leveraging und der »Spekulation«, um Zugang zu versicherten Kreditformen bei Banken und anderen Kreditinstitutionen zu finden, um das alltägliche Leben und das der Haushalte zu sichern, dies auch gerade hinsichtlich der Finanzierung von Leistungen, die bisher vom Staat oder den Kapitalisten übernommen wurden.

So werden Löhne dadurch bewegt, dass man mit ihnen Zugang zu Krediten und Hypotheken erhält, womit in Zukunft regelmäßige Zahlungen zu leisten sind. Die Löhne sind an dieser Stelle nicht als ein Mittel des Tauschs, sondern als eine Ware zu verstehen, als eine Form des Geldes, das ein Wert in sich selbst ist. Auch hier finden wir wieder die Vermischung von Geld, Ware und Kapital bei Adkins vor. Die Löhne werden nun immer stärker an die Strukturen und Zeiten der Verschuldung gebunden, können aber mit dem Kauf von Wertpapieren auch selbst ein kleines Kapital x generieren. Somit müssen die Arbeiter auf ihr alltägliches Geld spekulieren, um Dinge in Bewegung zu setzen. Somit sind die Haushalte nicht nur immer stärker von den Löhnen der Frauen abhängig, sondern auch davon, was diese Löhne überhaupt in Bewegung setzen können. Die Haushalte werden in die neoliberale Risikoproduktion und -zirkulation regelrecht hineingezerrt und dies betrifft sowohl die Haushalte niedriger als auch die mittlerer Einkommen. Haushalte existieren heute in einer spezifischen Abhängigkeit von den Fluktuationen an den Finanzmärkten. Wohnung, Regeneration, Erziehung und Gesundheit, für die der Sozialstaat im Fordismus noch seinen Beitrag geleistet hatte, werden nun finanzialisiert; die Haushalte müssen zudem auf Grundlage ihrer Finanzierung durch Kredite weitere Risiken eingehen. Eine neue Topologie der Anbindung der Bevölkerung an das finanzielle Risiko wird damit geschaffen. Wenn es jetzt um Fragen der Gerechtigkeit geht, dann sollte man sich nicht allein auf die Umverteilung der Einkommen konzentrieren, sondern auch auf die Verteilung der finanziellen Risiken.

Bezüglich der Austeritätspolitik gilt es erneut zu wiederholen, dass diese nicht ausschließlich die Kürzung der Leistungen des Sozialstaats betrifft, sondern eine langfristige Umstrukturierung des Staates impliziert, welche die Expansion der Finanzialisierung in Bereiche der sozialen Reproduktion hinein sowie die Integration der Bevölkerung in das Finanzsystem befördert. Die Austeritätspolitik beinhaltet eine langfristige politische Strategie, durch welche sowohl die Ökonomie der Schulden, in die via Kredit selbst noch die kleinen Einkommen eingespeist werden,  als auch die spekulativen Operationen mit dem Geld (Verbriefung von Konsumentenkrediten) ausgebaut werden. Insbesondere die Stagnation der Reallöhne treibt die Haushalte in die Schuldenökonomie hinein, innerhalb derer sie nun fatalerweise auf ihre reduzierten kleinen Einkommen “spekulieren” müssen.

Die Zeit der vertraglich geregelten Schulden der Haushalte und Personen sowie der versicherten Schulden muss ausführlich analysiert werden, um die Integration der Bevölkerung in die Schuldenökonomie und die Erweiterung der Kapazitäten der Bevölkerung, ein positives Risikomanagement leisten zu können, zu verstehen. Das dient zudem dem Verständnis der Logik der Spekulation als einem spezifisch historischen Modus der Akkumulation und der sozialen Organisation. Dabei geht es zum einen um den quantitativen Anstieg der privaten Schulden im globalen Norden, zum anderen um die künftigen Einkommensströme, welche die vertraglich geregelten Schulden regeln, und um ihre Anbindung an gegenwärtige Akkumulationsstrategien, das heißt an die Produktivität der Schulden bezüglich der Generierung des Surplus via Geld und Finance. Kreditgeber wie die Banken inkorporieren heute ein strukturelles Machtverhältnis, wenn es um ihre Beziehung zur Verschuldung der Haushalte geht, die als Kreditnehmer oft keine andere Wahl besitzen als sich zu verschulden. Wenn Marx die Arbeiter als Lohnsklaven bezeichnet hat, so muss dementsprechende die Verschuldung als eine asymmetrische Relation verstanden werden, in der die kleinen Schuldner Schuldensklaven sind.

Gewöhnlich wird die zeitliche Dimension der Verschuldung auf das Versprechen zukünftige Zahlungen zu leisten und damit auf die Schließung der Zukunft für die Kreditnehmer reduziert, die nun keine Möglichkeiten mehr besitzen, bestimmte Potenziale der Zeit zu nutzen. Gegen die darin angelegte Vorstellung, dass Schulden eine Destruktion der Zeit, der Vernichtung der Möglichkeiten in der Gegenwart und der Zukunft nach sich ziehen würden, will Adkins darauf hinaus, in den Schulden eher das generative Moment in der Zeit hervorzuheben. Damit wird die Logik der Rückzahlung von Schulden auf die Logik der Zahlung verschoben; die Bewegung der Zahlungstermine und -fristen, die einer Logik der Wahrscheinlichkeit entspricht, verschiebt sich hin zu einer Logik des Möglichen. Diese Logik bindet das verschuldete Subjekt an eine Zeit, in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sich nicht mehr in einer vorgegebenen Relation zueinander befinden, vielmehr ist die Zeit nun offen für jede Art der Revision. Diese Form der Zeit nennt Adkins »spekulative Zeit«; sie ist an die Logik des Geldes und der Finance gebunden und im Speziellen an den Prozess der Verbriefung, der für das finanzielle Kapital neue Möglichkeiten der Extraktion von Profiten geschaffen hat, und dies eben  die Kapitalisierung der Einkommensströme der Haushalte betreffend. Die Massenverschuldung inhäriert eine Ordnung der Zeit, in der die Produktivität der Bevölkerungen bezüglich der Generierung von Mehrwert – aus den Strömen des alltäglichen Geldes – maximiert werden soll. Diese Reorganisierung des Sozialen bedarf spezifischer Modi von Praktiken, wobei die Architektur der Schulden wiederum bestimmte zeitliche Rhythmen, Sequenzen, Patterns und Sensationen verlangt.

Part 2 here

Part 1 here

Foto: Bernhard Weber

print

, , , , , , , , ,

By