Vorwärts Barbaren

taken from Sūnzǐ Bīngfǎ

Anfang Mai 2020 brachen in Santiago, Chile, Hungerrevolten aus. Lockdowns hatten den Männern und Frauen ihr Einkommen entzogen, so dass sie fast verhungerten. Eine große Bewegung von selbstorganisierten Gemeinschaftsküchen breitete sich bald über das ganze Land aus. Später im Mai kam es in Mexiko zu Unruhen als Reaktion auf den Polizistenmord an Giovanni López – einem Bauarbeiter, der verhaftet worden war, weil er keine Maske trug- während Tausende von verzweifelten Wanderarbeiter*innen die Ausgangssperre in Indien brachen. Einige Amazon Lagerarbeiter*innen in den USA und Deutschland hatten aus Protest gegen die schlechten COVID-19-Sicherheitsprotokolle angefangen zu streiken. [1] Doch diese Anfänge des Arbeiter*innenkampfes im weltgrößten Einzelhandelsunternehmen wurden Ende Mai schnell von einer Massenbewegung ungekannten Ausmaßes übertönt, die in den USA in Abscheu vor dem per Livestream übertragenen Polizistenmord an George Floyd um sich griff. Größtenteils von schwarzen Einwohner*innen von Minneapolis initiiert, schlossen sich dem Aufstand schnell Amerikaner*innen aus allen Orten, Ethnien und Klassen an. Bei den ersten Unruhen und Demos konnte man sogar ein paar unterstützende Milizionäre in einer Querfront entdecken, die dem Zeitalter von QAnon würdig waren. [2]

Die Ankunft von COVID-19 schien zunächst eine Zäsur im Klassenkampf zu bedeuten oder zumindest den Repressionsapparat mit zusätzlichen Ressourcen zu versorgen. So zumindest lautete die Prognose von drei alternden italienischen Dissidenten, die in den ersten Wochen der Pandemie skandalöse Texte in Umlauf brachten. [3] Und in der Tat mag es stimmen, dass die Lockdowns, wie Julien Coupat kürzlich argumentiert hat, „eine neue Art des Regierens und der Produktion eines bestimmten Menschentyps“ darstellen.“ [4] Die massiven Mobilisierungen, die Chile seit Oktober 2019 erschüttert hatten, wurden durch den Lockdown aufgelöst, zusammen mit einer generalisierten Angst vor der neuen Pest in einem Land, in dem Gesundheit ein teures Gut ist. Frankreichs langer Generalstreik gegen die Rentenreformen endete abrupt, als die Reformen mit denselben Dekreten verabschiedet wurden, die auch die ersten Notfallmaßnahmen gegen das Coronavirus ankündigten, und zwar an dem Parlament vorbei. Für eine Weile wurden die Demonstrant:innen in Bagdad, Beirut und Hongkong von den Straßen vertrieben, und die italienischen Dissidenten schienen Recht zu behalten. Doch es dauerte nicht lange, bis die Massen auf der ganzen Welt die Ausgangssperren und Lockdowns missachteten, die die Hälfte der Menschheit in die Enge getrieben und die Weltwirtschaft in einen enormen Niedergang gestürzt hatten.

Etwa zur gleichen Zeit, als in den USA die Massendemonstrationen gegen Floyds Ermordung ausbrachen, zogen Tausende von Menschen aus den Favelas von Sao Paulo zum Gouverneurspalast des Bundesstaates und forderten wirtschaftliche Unterstützung, während in Kolumbien und El Salvador Massen auf die Straße gingen und auf Töpfe einschlugen, um gegen die Verschlechterung des Lebensstandards zu protestieren und ein Ende der Lockdowns zu fordern. Im Juli stürmten Hunderte das serbische Parlament als Reaktion auf die Wiedereinführung von Ausgangssperren durch die neue Regierung, während die Ermordung des beliebten Sängers Haacaaluu Hundeessaa in Äthiopien gewalttätige Demonstrationen auslöste, bei denen mehr als 150 Menschen getötet wurden. Im darauffolgenden Monat gab es ähnliche Proteste im benachbarten Kenia, als sich die Slums von Nairobi gegen eine Polizei erhoben, die bei der Durchsetzung der Ausgangssperre mehr als 20 Menschen getötet hatte, während Belarus nach den manipulierten Wahlen, die wie immer Alexander Lukaschenko an die Macht brachten, von Demonstrationen, Unruhen und Streiks erschüttert wurde. Im September kam es in Kolumbien nach der Ermordung des Anwalts Javier Ordóñez durch die Polizei zu einer Welle von Unruhen, und Arbeiter*innenviertel in Madrid und Neapel erhoben sich gegen die Polizei und die Lockdowns. Zum Zeitpunkt der Erstellung dieses Artikels erlebte Nigeria gerade eine massive Protestwelle gegen eine mörderische und korrupte Polizei, und Indien befindet sich derzeit inmitten des größten Generalstreiks seiner Geschichte.

Unsere gegenwärtige Phase könnte eine Art Metanoia (eine Bekehrung oder Wendung) der Bevölkerungen gegen eine ganze Reihe von Apparaten und Sitten darstellen, die unsere Spezies nicht länger mit Erfolg zu einem Tier modellieren können, das keinen anderen Lebensraum als Lohnarbeit und Kapital hat. Nach Jahrzehnten abnehmender Wachstumsraten und zunehmend arbeitsloser Erholungen befinden wir uns nun mitten in der schlimmsten globalen Rezession seit den 1930er Jahren (siehe Abbildung 1). Das US Bureau of Labor Statistics hat „die schlimmsten monatlichen Arbeitslosenzahlen in den 72 Jahren, für die die Behörde Daten aufzeichnet“ bekannt gegeben, während die Bank of England gewarnt hat, dass „das Vereinigte Königreich den steilsten Rückgang der Produktion seit 1706 erleben wird.“ [5] Genoss*innen in Faridabad, Indien, haben kürzlich argumentiert, dass „das Kapital auf dem Rückzug ist. Das Kapital ist extrem schwach. Es gerät ins Wanken.“ [6] Das mag zu optimistisch erscheinen, aber es ist jetzt klar, dass der „Menschentyp“, den eine solche Wirtschaft hervorbringt, kein sozial distanzierter und sich selbst kontrollierender Isolierter ist, sondern eine verärgerte Masse von Männern und Frauen, die zur Revolte bereit sind. Sie sind in einem noch nie dagewesenen Ausmaß und einer globalen Reichweite auf die Straße gegangen, ein Wirrwarr unterschiedlichster Identitäten, die durch die Wut über sich verschlechternde Lebensbedingungen, Entfremdung und die Polizei zusammengebracht wurden.

1. EINE GLOBALE AKKUMULATION VON NON-BEWEGUNGEN

Es ist noch zu früh, um die Folgen der Pandemie vorherzusagen, aber es steht außer Zweifel, dass die Ära der Proteste, die mit dem Wirtschaftscrash im Jahr 2008 begann, nicht zu Ende ist. Die meisten der Aufstände, die in jenem Jahr den Träumen von Hoffnung und Wandel, um es mit den Worten von Barack Obama zu sagen, Leben einhauchten, wurden entweder durch staatliche Repression niedergeschlagen, verwandelten sich in einen Bürgerkrieg oder erstarrten zu politischen Parteien, die versuchen, die stagnierenden Volkswirtschaften unserer Welt zu verwalten. Doch wenn die Hoffnung auf Veränderung naiv war, dann nur, weil sich die wahren Veränderungen mit dem Aufstieg von ISIS, dem Putsch von Abdel Fattah el-Sisi und der Verbreitung eines neuen Populismus, der Figuren wie Donald Trump, Victor Orban und Jair Bolsonaro, aber auch Emmanuel Macron und Boris Johnson an die Macht katapultiert hat, in noch albtraumhafteren Farben zeigten.

Einige haben versucht, diese Entwicklung von Occupy zu Trump durch die klassische Dialektik von Revolution und Konterrevolution zu verstehen. [7] Es ist jedoch keineswegs klar, dass wir Zeugen einer „Konterrevolution“ sind, denn die Trumps dieser Welt können Konflikte nur eskalieren und Spaltungen vertiefen, bis zu dem Punkt, an dem die Partei der Ordnung sich als Partei der Anarchie entpuppt. [8] Diese Neo-Populisten können keine wirkliche Hegemonie erzeugen, sondern nur gespaltene Gesellschaften. [9] Joe Bidens Sieg zeigt, dass die Angst vor dem Faschismus überzogen war. Aber die Bidens dieses Planeten können nur die Spaltungen fördern, die den demokratischen Prozess delegitimieren. Wenn es eine antiliberale Entwicklung gibt, dann ist sie eher an die zunehmenden drakonischen Maßnahmen des Staates gegen die Protestbewegungen gebunden, die wir überall auf der Welt sehen, die Souveränität über ihr Leben und einen Frieden, eine Ordnung und Sicherheit fordern, die ihnen keine Trumps, Bidens oder gar Sanders geben können. [10] Die rechte Achse von Abbildung 2 (in grün) zeigt, dass es zwischen 2008 und 2019 eine Zunahme der regierungsfeindlichen Kämpfe auf der ganzen Welt von etwa 11 Prozent pro Jahr gab. Die linke Achse (in rot) zeigt den stetigen Rückgang der politischen Legitimität seit 2008, gemessen am Anteil der Menschen, die ihre Zufriedenheit mit der Demokratie ausdrücken. [11] Weitere Zahlen, die in diesem Artikel verstreut sind, zeigen die gleichen Statistiken aufgeschlüsselt nach Regionen. In dieser Abbildung ist deutlich zu sehen, dass die neue Welle von Aufständen, die seit Mai 2020 entstanden sind, darauf hinweist, dass wir auf ein noch unruhigeres Jahrzehnt zusteuern. Der Aufstand kommt nicht, er ist bereits da und entfaltet sich auf weltweiter Ebene jedes Jahr mit immer größerer Intensität. [12]

Das bedeutet nicht, dass wir uns stetig auf einen Endpunkt zu bewegen, an dem eine Revolution unvermeidlich wird. Diese Bewegungen könnten einfach unseren Eintritt in eine unregierbare Welt anzeigen. Aber wir können heute die Worte von Jacques Camatte aus dem Jahr 1972 wiederholen und darauf bestehen, dass es „seit dem Mai die Bewegung der Produktion von Revolutionären“ gibt. Überall auf der Welt geben Männer und Frauen, wenn auch nicht umfassend, die Welt des Kapitals auf, zumindest aber bringen sie eine reale Unzufriedenheit mit dem Status quo zum Ausdruck. Die Anhäufung von Protesten seit 2008 impliziert eine wachsende Zahl von Menschen mit Erfahrungen in der Massenmobilisierung und im praktischen Dissens, die potenziell beginnen können, „die bestehenden Notwendigkeiten für eine Revolution zu verstehen“[14]. Daher ist unsere Zeit, auch wenn sie kurzfristig nicht revolutionär ist, grundlegend von störender Dynamik geprägt und erzeugt das Potenzial für einen Bruch mit der kapitalistischen Produktionsweise. Die Anhäufung von Kämpfen und damit von Männern und Frauen, die die Notwendigkeit einer Revolte und vielleicht einer Revolution am eigenen Leib erfahren haben, ist eine Voraussetzung für jede ernsthafte Diskussion über die Überwindung des Kapitalismus.

Es ist wahr, dass eine Revolution keine Schule ist, und wir können dem kollektiven Gedächtnis ebenso wenig trauen wie unseren individuellen (falschen) Erinnerungen. Aber die Anhäufung von sozialem Dissens im letzten Jahrzehnt scheint sich fortzusetzen und formen in zunehmendem Maße das Terrain, auf dem die Kämpfe ausgetragen werden. Das liegt nicht nur daran, dass regierungsfeindliche Kämpfe die politische Landschaft bereits umstrukturiert haben, wie in den Fällen von Parteien wie dem Fünf-Sterne-Bewegung in Italien oder Emmanuel Macrons “En Marche”, die Versammlungen organisierten und die Rhetorik von 2011 kopierten, weder links noch rechts zu sein. Es liegt auch nicht einfach daran, dass Platzbewegungen, Aufstände der Jugend und ähnliche Kämpfe die Grundlage für Syriza und Podemos legten und die Träume von Jeremy Corbyn und Bernie Sanders aufblähten (parallel zum Wachstum der nationalistischen Rechten, das die eigentliche Wahrheit der populistischen Wende zu sein scheint). Nein, wir bestehen darauf, dass die Anhäufung von sozialem Dissens seit 2008 eine fortgesetzte Verschärfung von Klassenkonflikten signalisiert, einfach weil die oft brutalen Misserfolge oder, was das betrifft, schwachen Siege der Bewegungen seit 2011 die Geister der Veränderung nicht vertrieben haben. [15]

Im Gegenteil, die Anarchie unserer Zeit bedeutet, dass riesige Demonstrationen, massive Unruhen und (wir müssen ess betonen) Streikwellen [16] zur neuen Normalität geworden sind. In Chile kann man zum Beispiel einen roten Faden erkennen, der von la revolución pingüina im Jahr 2006, als Hunderttausende von Oberschüler*innen das Schulsystem zum Stillstand brachten und kostenlose Fahrausweise und eine Bildungsreform forderten, bis zu den gewalttätigeren und allgemeinen Aufständen um 2011 herum reicht. Und dann, mit noch größerer Intensität, sahen wir 2019 einen neuen Sprung, als die Massen auf die Straße strömten, empört über die Kriegserklärung von Präsident Sebastián Piñera an die Bevölkerung, die zu einer Überarbeitung der Verfassung führte.[17] Ähnliche Verläufe lassen sich in vielen Ländern erkennen, etwa in den Vereinigten Staaten, wo auf Occupy Wall Street Black Lives Matter folgte, was wiederum in diesem Jahr den Weg für die größte soziale Bewegung in der Geschichte des Landes ebnete. [18] Enorme Aufstände und intensive soziale Konflikte werden so zu einer normalen Erscheinung unserer Zeit, dass selbst die radikale Linke sie als nicht ihren hohen Standards entsprechend abtut: Sie sind zu liberal, zu gewalttätig, zu passiv, zu informell, zu nationalistisch, zu sehr Teil des Status quo oder zu sehr in Identitätspolitik verstrickt.

In diesem Artikel argumentieren wir, dass das, was wir seit 2008 tatsächlich erlebt haben, eine kontinuierliche Zunahme dessen ist, was der iranisch-amerikanische Soziologe Asef Bayat als „Non-Movements“ beschrieben hat, nämlich „die kollektive Aktion von verstreuten und unorganisierten Akteuren“. [19] Diese Non-Bewegungen sind nicht in irgendeinem Sinne revolutionär. Sie sind näher an dem, was Camatte kürzlich als „passive Revolten“ bezeichnet hat: subjektive Ausdrücke der objektiven Unordnung unserer Zeit. [20] Sie spiegeln vor allem die wachsende Delegitimierung der Politik in einem Kontext von anhaltender Stagnation und Austerität wider. Es ist die Kombination von stetig wachsenden Non-Bewegungen, die eine noch nie dagewesene Anzahl von Menschen einbeziehen, mit einem Rückgang der demokratischen Legitimität, die es uns erlaubt, den Trend unserer Zeit als die Produktion von Revolutionären ohne eine Revolution zu beschreiben.

Als Beispiele für Non-Bewegungen verweist Bayat auf die Kämpfe der unorganisierten Armen in Ägypten, den Kampf der Jugend in der Türkei für die Rückgewinnung und Verwirklichung ihres gewünschten Lebensstils, sowie den Kampf der Frauen für die Gleichberechtigung der Geschlechter sowohl im häuslichen als auch im öffentlichen Bereich in Chile, Indien und den Vereinigten Staaten. In diesen Kämpfen machen sich „fordernde Praktiken“ bemerkbar „durch direkte Aktionen und nicht durch das Ausüben von Druck auf Autoritäten, um Zugeständnisse zu erzwingen – etwas, das die konventionell organisierten sozialen Bewegungen (wie Arbeiter*innen- oder Umweltbewegungen) normalerweise tun.“ [21]

Solche Praktiken kleiden sich oft in das Gewand der Identität. So wie die Arbeiter*innenbewegungen zu einer entstehenden kapitalistischen Weltordnung gehörten, die durch eine Polarisierung des politischen Feldes entlang von Klassenlinien organisiert war, so hat heute die Klassenzersplitterung den Horizont der Non-Bewegungen geprägt. In einem Zeitalter der Verschuldung, in dem große Teile der Bevölkerung über keine oder sogar negative Rücklagen verfügen, entzieht die Klassenzersetzung nicht nur einer Arbeiter*innenbewegung, sondern der demokratischen Repräsentation selbst die Grundlage. So ist es heute für Proletarier, und zunehmend auch für Angehörige der Mittelschichten, rational, sich anderen Kategorien zuzuwenden, um den eigenen Platz in einer wankenden Weltordnung zu definieren. Die Klasse bleibt die primäre Quelle unserer Trennungen – die altmodische marxistische Soziologie ist in vielerlei Hinsicht immer noch gültig -, aber die Klassenzugehörigkeit wird heute durch eine Vielzahl von Variablen wie Alter, Geschlecht, Geografie, Rasse oder Religion kalibriert, die als Kanäle, aber auch als reale Grenzen für soziale Kämpfe fungieren und Identitätspolitik zu einem realen Ausdruck des Klassenkampfes machen. [22]

Wie wir weiter unten klarstellen, wollen wir Identitätspolitik weder abtun, anprangern oder gar verherrlichen, noch sie mit Liberalismus oder Reformismus in einen Topf werfen. [23] Es muss jedoch anerkannt werden, dass die Non-Bewegungen etwas recht Liberales an sich haben, da sie gezwungen sind, sich den antiliberalen Tendenzen unserer Zeit entgegenzustellen. Zum Beispiel kämpfen französische Demonstrant*nnen derzeit gegen neue drakonische Kontrollen der Rede- und Pressefreiheit, einschließlich eines Gesetzes, das das Fotografieren der Polizei verbietet. [24] Man könnte sagen, dass die Non-Bewegungen ihre Basis im „Stamm der Maulwürfe“ haben, den Sergio Bologna in seiner Analyse der Autonomia der 70er Jahre in Italien beschrieben hat, aber ihre Form kann auch die Subkulturalisierung und Infantilisierung der Gesellschaft andeuten, die Kritiker wie Christopher Lasch und Jean Baudrillard einst beklagten. [25] Gleichzeitig schwächt die Verwirrung der Identitäten Theorien, die etwa von „intersektionalen“ Perspektiven bestimmt werden, die Klasse als eine Identität unter anderen betrachten, denn es ist die sich verzweigende Klassenstruktur selbst, die Identität zur zentralen politischen Kategorie eines stagnierenden Kapitalismus gemacht hat. [26]

Außerdem ist die äußere Kritik an der Identitätspolitik nebensächlich, denn die Non-Bewegungen selbst üben in ihrer täglichen Praxis eine immanente Kritik an deren Grenzen aus. Sie zeigen, wie Männer und Frauen beginnen, die Realität in Kategorien jenseits der ökonomischen Sachzwänge zu begreifen, während sie gleichzeitig gegen die Folgen dessen ankämpfen, was oft als Neoliberalismus bezeichnet wird. Identitätspolitik ist für uns der notwendige Modus der Politisierung eines neoliberalen Subjekts, für das die Prädikate der Identität gleichzeitig wesentlich und unwesentlich, ermächtigend und schwächend zu sein scheinen. Eine solche Politik lässt sich nicht einfach auf eine strategische Trennung zwischen „real“ und „sozial“, „Arbeiter*innenklasse“ und „Mittelklasse“, „revolutionär“ und „reformistisch“ abbilden, weil ihre Operationalisierung im Kampf zu einer Verwirrung der Identitäten führt, einschließlich derer, die durch den Kampf selbst entstehen.

Die Aufstände nach der Ermordung von George Floyd und die Veränderung der rassistischen Einstellungen in den Vereinigten Staaten, die treffend als „großes Erwachen“ bezeichnet wurde, sind Ausdruck dieses Musters und offenbaren die anthropologische Natur der Non-Bewegungen. [27] Was wir erleben, ist zu einem großen Teil eine Infragestellung von Sitten, Repräsentationen und Reproduktionsweisen, die nicht mehr zu einem deindustrialisierten Proletariat passen. Doch selbst diejenigen, die die Besonderheit der Non-Bewegungen begriffen haben, haben diese Verschiebung im Allgemeinen nicht erkannt. Für Bayat implizieren die Non-Bewegungen „eine Revolution ohne Revolutionäre“, insofern sie zu explosiven Aufständen führen, die nicht „auf strategischen Visionen oder konkreten Programmen verankert sind“. [28] Für Kritiker:innen der Identitätspolitik, wie Michael Lind, drücken die Non-Bewegungen eher eine Vertiefung des Kapitalismus aus als seine Zähmung oder Überwindung. [29] Doch beide missverstehen die innere Dynamik der Non-Bewegungen. Einerseits haben wir gegen Bayat argumentiert, dass wir Zeugen der Produktion von Revolutionären ohne Revolution sind, da Millionen auf die Straße gehen und durch ihren kollektiven Erguss von Zorn und Abscheu transformiert werden, aber (noch) ohne eine kohärente Vorstellung von der Überwindung des Kapitalismus. Andererseits bestehen wir gegen Lind darauf, dass die Non-Bewegungen auf den disruptiven Kern unserer Zeit hinweisen, auf die Tatsache, dass die kapitalistische Stagnation eine Krise für die politische Repräsentation als solche impliziert, und damit das Ende der politischen Bewegungen im klassischen Sinne.

Die klassische soziale Bewegung, wie sie von Carl Schmitt definiert wurde, ist die Mediation zwischen die unorganisierte Bevölkerung und dem Staat. [30] Eine solche Bewegung versucht, „die Bevölkerung“ als administrative und politische Kategorie zu organisieren oder zu mobilisieren, die die Identitäten, die eine bestimmte Bevölkerungsgruppe ausmacht, überwinden muss, oft durch gewaltsame Unterdrückung der Interessen oder sogar der Existenz bestimmter Gruppen. Im Gegensatz dazu bringen die Non-Bewegungen die antagonistische Dimension der Identitätspolitik in dem Sinne zum Ausdruck, dass sie keine Bevölkerung konstituieren können und nur selten klare politische oder positive Forderungen artikulieren. Oder sie produzieren einen endlosen Strom von partiellen und manchmal widersprüchlichen Forderungen – und ähneln damit einer Hydra, deren viele Forderungen fast unmöglich zu erfüllen sind, deren Lebensdauer aber kurz und gewalttätig sein kann.

Natürlich erhoffen sich innerhalb der vielen Non-Bewegungen, die wir überall auf der Welt beobachten und die große Teile des Proletariats sowie nach unten verlagerte Elemente der Mittelklasse einschließen, viele, sich als neues Subjekt zu konstituieren. Manchmal knüpfen sie an Parteien, Gewerkschaften und andere Organisationen an, die einst zur Welt der Bewegungen und Ideologien gehörten, heute aber meist als eine seltsame Ansammlung von Subkulturen agieren. Nationalismus und Populismus sind sicherlich wieder da. Aber, wie Gilles Dauvé in Bezug auf die Gilets Jaunes bemerkt hat, sind die Non-Bewegungen meist nur in der Lage, als Pöbel zu mobilisieren und den Status quo zu stören. [31] Sie verändern Verfassungen, stürzen Regierungen und zwingen Präsidenten und Premierminister*innen zum Rücktritt (wie wir kürzlich in Chile, Peru und Guatemala gesehen haben). Doch weil sie die Krise eines stagnierenden Kapitalismus repräsentieren und ihre Wirkung darin besteht, diese Stagnation unregierbar zu machen, weisen die Non-Bewegungen auf die Notwendigkeit eines Universalismus hin, der über die Ruinen der Arbeiter*innenbewegungen hinausgeht. [32]

In einer Welt, in der die Identität die Klasse vermittelt, nimmt die proletarische Wut eher die Farbe von Gelb (wie bei den Gilets Jaunes) oder Schwarz (wie beim Aufstand von George Floyd) an als Rot. Der Weg von einer Welt der Arbeiter*innen zu einem Planeten der Proletarier*innen – den Gáspár Miklós Tamás beschrieben hat [33] – hat den Klassenkampf über die traditionellen Formen und die Rhetorik der Politik hinausgeführt. Aber es geht uns nicht nur darum, erneut zu betonen, dass die Arbeiter*innenbewegung seit den 1970er Jahren global geschwächt ist, dass sich die Klassenzusammensetzung selbst in erster Linie negativ, als Zersetzung, offenbart und dass deshalb neue ideologische Symbole die Proteste prägen und die sozialen Bewegungen neu konfigurieren. Was wir betonen wollen, ist, dass die Logik der Non-Bewegung die antagonistische Dimension und die soziale Basis der „Identitätspolitik“ als solche zum Ausdruck bringt, ob sie nun von rechts oder von links kommt. Es geht nicht darum, die Litanei identitärer Sackgassen aufzurufen, sondern zu zeigen, wie ein zunehmend disruptiver Status quo notwendigerweise von Identitätsproblemen durchsetzt ist und dass jede Diskussion über Emanzipation hier ansetzen muss.

Was wir heute erleben, ist eine verallgemeinerte identitäre Verwirrung. Wir können dies nicht nur in den Vereinigten Staaten sehen, wo Liberale mit College-Ausbildung Denkmäler niederreißen und sich schwarzen Proletarier*innen und einer Handvoll weißer Milizionäre in einer gemeinsamen Front gegen die Polizei zusammengeschlossen haben, sondern auch in Frankreich, wo Arbeite*:innen auf den Straßen einst die Internationale skandierten, jetzt aber ihren Schlachtruf „Aou! Aou! Aou!“ (aus Zack Snyders Film 300) skandieren und französische Flaggen schwenken, während sie Frankreichs patriotischstes Monument – den l’Arc de Triomphe – schänden. In Chile verallgemeinerte sich der Slogan „Evade“ (Ausweichen), der zunächst von Oberschüler*innen – der eigentlichen Avantgarde der Aufstände – gegen die Erhöhung der Fahrpreise im Oktober 2019 gerufen wurde, bald zu einem Aufstand gegen Austerität und polizeiliche Repression, der als Symbol die indigene Mapuche-Flagge und nicht die roten oder schwarzen Fahnen der Linken nahm. Mit diesen verwirrenden Gesängen und Symbolen erklären die Non-Bewegungen, auf der Seite der „Barbaren“ gegen den Staat (oder das Imperium) zu stehen und beginnen, eine Produktionsweise in Frage zu stellen, die nicht länger Wohlstand und Wohlfahrt produzieren kann. [35] Sie drücken ein Bedürfnis nach einer neuen Reproduktion der alltäglichen Existenz aus, ein Bedürfnis, das Männer und Frauen überall auf der Welt in einem noch nie dagewesenen Ausmaß zur Revolte treibt.

Es ist wahr, dass sich diese Not oft nur als Mangel oder sogar buchstäblicher Hunger äußert. Aber es gibt, wie wir seit der Rückkehr der Lebensmittelunruhen seit 2011 gesehen haben, nichts Unregierbareres als hungrige Männer und Frauen. Und die neun Jahre von 2011 bis 2020 waren Jahre der zunehmenden Verzweiflung und Verelendung. Die Kämpfe von Puerta del Sol, Tahrir und Syntagma im Jahr 2011 wurden bald in den Hintergrund gedrängt. Der Antrieb, der hinter ihnen stand, verschwand jedoch nicht, er wurde einfach gegen die noch größere Wut und Verzweiflung der Gilets Jaunes oder die Aufstände in Chile, Ecuador, Mexiko und jetzt Peru und Guatemala ausgetauscht. Darüber hinaus waren die kapitalistischen Staaten und Volkswirtschaften handlungsunfähig, als sie aufgefordert wurden, die wachsenden und zunehmend explosiven Bedürfnisse der Non-Bewegungen zu befriedigen.

2. VERWIRRUNG UND UNREGIERBARKEIT

Ein verbindendes Merkmal der Non-Bewegungen ist, dass sie auf dem Boden eines stagnierenden Kapitalismus kämpfen (siehe Abbildung 1 oben). So wie die Stagnation ihrer eigenen Art von Kapitalismus zum Untergang der Sowjetunion führte, so hat die gegenwärtige Ära der Stagnation und Deindustrialisierung zur Schwächung der europäischen Sozialdemokratie geführt, zunächst durch einen Rechtsruck und dann durch ihre “Pasokifizierung”. Dieser Prozess verlief parallel zum Aufstieg der antiliberalen Parteien und, seit 2008, zu harten Sparmaßnahmen. Als Reaktion darauf haben wir in den Non-Bewegungen den störenden Aspekt sowohl der liberalen Werte als auch der Verteidigung der Grundbedürfnisse eines verarmten Proletariats zunehmend in scharf abgegrenzte Fragmente differenziert gesehen. Aber diese Fragmentierung bedeutet nicht notwendigerweise eine Spaltung. Im Gegenteil, sie zwingt die Menschen oft zu realen, aber schwachen Allianzen zusammen, wie die der „99 Prozent“ oder das Mosaik der Gruppen, die sich im chilenischen Estadillo Social [sozialer Aufstand] zusammenfanden. Dort haben sich die Bewegungen dem Lied „El derecho de vivir en paz“ – „das Recht, in Frieden zu leben“ – von Victor Jara zugewandt , nicht weil sie sich mit dem Helden des Liedes (Ho Chi-Minh) identifizieren, sondern weil Frieden und sogar Ordnung zu einer radikalen Forderung in einer zunehmend katastrophalen Welt geworden sind.

Die Non-Bewegung bezeichnet nicht nur die Explosionen von Ausschreitungen und Platzbesetzungen, bei denen entrechtete Mittelschicht und Lumpenproletariat, Menschen aus den Banlieues und dem Hinterland, Islamisten und Feministen, Milizionäre und arme Schwarze zumindest potenziell die Waffen gegen einen gemeinsamen Feind bündeln und damit beginnen können, ihre Trennlinien aufzuheben. Es verweist auch auf ein Repertoire von Gewohnheiten und Erfahrungen, eine Tagespolitik, die solche spektakulären Brüche und Gewaltausbrüche möglich machen. Die Tatsache, dass die Mehrheit der am “George Floyd Aufstand” Beteiligten weiß war und dass Floyds Tod zum Katalysator für einen breit angelegten Aufstand gegen Trump werden konnte, offenbart soziologische und demographische Veränderungen, die die Verwirrung der Non-Bewegungen möglich machen und die über den Aufstand selbst hinausgehen. [36]

Selbst die formellen Organisationen, denen es zumindest eine Zeit lang gelingt, eine bestimmte soziale Realität zu repräsentieren, müssen sich an die Logik der Non-Bewegungen anpassen. Wir können das an den französischen Gewerkschaften sehen, die anfangs den Gilets Jaunes feindlich gegenüberstanden und sich im September 2019 mit ihrem Streik gegen Macrons Rentenreformen auf diese Non-Bewegung stützen konnten. [37] In diesem Sinne ist die Non-Bewegung zur hegemonialen Form des Kampfes geworden, aber nur insofern, als sie eine breitere Krise der Repräsentation widerspiegelt. In diesem Sinne können die Non-Bewegungen eher als destituierende denn als konstituierende Prozesse beschrieben werden. [38] Aber gegen diejenigen, die die Destituierung als einen positiven oder revolutionären Weg nach vorn fetischisieren, möchten wir betonen, dass heute jede Macht destituierend wird, in dem Sinne, dass nicht nur die Kapitalströme, sondern auch die Triebe und Bedürfnisse der Bevölkerungen die politische Ordnung zunehmend schwer regierbar machen.

Diese Unregierbarkeit kann auch in der Bildung der Non-Bewegungen als Reaktion auf eine drakonische oder zunehmend irrationale Regierungsführung gesehen werden, insbesondere als Reaktion auf Polizeigewalt. Eine der wenigen Gemeinsamkeiten, die die meisten Arbeiter*innen, Student*innen, Erwerbslosen usw. in einem Land in den letzten Jahrzehnten hatten, ist, dass sie Opfer einer korrupten Politik wurden, die die schwindenden staatlichen Ressourcen an Elite-Insider verteilte. Während solche Korruption zu jeder Zeit eine Quelle des Bürger*innenzorns sein kann, verschärft sich dieser Zorn jetzt, da sich die staatliche Politik auf den Kampf um die Verteilung eines festen oder schrumpfenden Kuchens reduziert hat, und wenn allgemein zu hörende Rufe nach Sparmaßnahmen jede Ungerechtigkeit in dieser Verteilung umso unerträglicher machen. Wie wir in „The Holding Pattern“ argumentiert haben, hat eine diffuse Wut gegen die eklatante Ungerechtigkeit eines Krisenregimes, das von einer korrupten und inkompetenten politischen Klasse verwaltet wird, seit 2008 eine steigende Flut von Klassenkämpfen und Mobilisierung der Bevölkerung auf der ganzen Welt weitgehend bestimmt. Dies, so argumentieren wir weiter unten, ist auch der Grund, warum sich die heutigen Non-Bewegungen so oft auf die Polizei als das brutale Gesicht von Korruption und Ungerechtigkeit konzentriert haben, und es ist Teil des Grundes, warum der Antirassismus in den USA eine so zentrale mobilisierende Kraft war. [39]

Worauf jedoch jede Welle der Massenmobilisierung stößt, ist die begrenzte Fähigkeit, über eine negative Einheit (eine Einheit gegen Rassismus/Polizei/Eliten) hinauszugehen und eine positive und kreative soziale oder politische Kraft zu etablieren. Die fortwährenden Probleme der Identitätspolitik sind symptomatisch für diese Grenze: die Unfähigkeit einer Welle des Kampfes, sich selbst zu verwirklichen und aufrechtzuerhalten, angesichts der Atomisierung und Fragmentierung ihrer Bestandteile. Irgendwann stürzt jede Welle ab und zerschellt an diesen Fragmenten. Die Non-Bewegungen neigen dazu, einen Staat, den sie als sich von ihnen zurückziehend wahrnehmen, sowohl anzugreifen als auch sich von ihm zurückzuziehen. In diesem Sinne spiegelt die amerikanische Forderung, „die Polizei die Finanzierung zu entziehen“, eine breitere Tendenz (in vielerlei Hinsicht ein Fortschritt) wider, nicht mehr für die Übernahme des Staates zu kämpfen, sondern einfach gegen den Staatsapparat zu kämpfen: Austerität gegen Austerität.

Während sich traditionelle Bewegungen um relativ stabile ideologische Strukturen und reale Gemeinschaften bildeten, wie die Gewerkschaft, die Massenpartei oder die staatlich organisierten sozialistischen Länder, drücken diejenigen, die sich seit 2008 über den Globus ausgebreitet haben, die kollektivierten Wünsche von zunehmend atomisierten Bevölkerungen aus. Doch während das Ende des Zeitalters der Bewegungen in gewissem Sinne das Ende der Ideologie ist, ist es, wie wir gesehen haben, nicht das Ende der Identität. Im Gegenteil, Identitäten vermehren sich in einer zunehmend rücksichtslosen und subkulturellen Wirtschaft, in der, wie Tyler Cowen argumentiert hat, der Mittelwert ausgedient hat. [40] Es gibt keine stabile Mitte mehr, sondern eine stark segmentierte Klassenstruktur, die den Boden klassischer Bewegungen wie Faschismus und Sozialdemokratie neu konfiguriert. Wenn die zentristische Politik von Clinton und Blair während der 1990er Jahre und der Aufstieg der Identitätspolitik seit den 1970er Jahren diesen Wandel bereits signalisierten, zeigt die Periode seit 2008 stattdessen eine zunehmende Verwirrung der Identitäten.

Die Non-Bewegungen sind, wie wir immer wieder betonen, der subjektive Ausdruck einer allgemeineren Unordnung, die ihre Wurzeln in der kapitalistischen Stagnation hat. Es ist die schiere Quantität der Proteste und Unruhen – ihre zunehmende Normalität -, die unsere Zeit von zum Beispiel den Jahren der Anti-Globalisierung unterscheidet. Deshalb sagen wir, dass unsere Ära durch die Produktion von Revolutionären im globalen Maßstab gekennzeichnet ist. Männer und Frauen aus dem gesamten Spektrum der politischen Ideologie und der identitären Schichten konfrontieren die herrschende Ordnung mit ihrem Abscheu, ihrer Angst und ihrer Wut und verteidigen zunehmend ihr Recht, sich den unerträglichen Kosten des kapitalistischen Lebens zu entziehen“. Sie sind Revolutionäre ohne Revolution, aber in ihrer Konfrontation mit der kapitalistischen Reproduktion wie auch in ihrem Hunger nach Gemeinschaft drücken die Non-Bewegungen einen potenziellen Konflikt mit der Logik des Kapitals als solcher aus.

In einem solchen Kontext kehrt die Politik – in der klassischen Form von Feindschaft und Spaltung – mit aller Wucht zurück. Identitätspolitik kündigt heute eher eine Rückkehr des Politischen an als die Geburt einer post-politischen Ära (wie viele linke Kritiker*innen der Identitätspolitik argumentieren). Aber Politik kann keine sinnvolle Stabilität mehr erzeugen. Sie spaltet die Bevölkerung gegen sich selbst und treibt Staaten, wenn nicht in den Bürgerkrieg, so doch zumindest in verschärfte Konflikte und tiefere Spaltungen. Doch während die Aporie der Identität einen Verlust dessen darstellt, was wir als Gemeinschaft bezeichnen könnten, sehen wir wenig von der Sehnsucht, in die schrecklichen Welten wie die der Sozialdemokratie und des Faschismus zurückzukehren. Im Gegenteil, wir sehen eher einen Hunger nach gemeinschaftlicher Existenz, basierend auf den liberalen Forderungen, die in den Non-Bewegungen zum Ausdruck kommen. Liberalismus und Weltoffenheit sind, so seltsam es auch erscheinen mag, zu störenden Kräften in einer Zeit geworden, in der weite Teile der Linken zunehmend konservativ werden und sich den nationalistischen Populismus zu eigen machen, der die Rechte nährt.

Aus diesem Grund möchten wir den besorgten Leser*in beruhigen, der/die nun fragt: Wie kann man sicher sein, dass die Unordnung unserer Zeit uns nicht einfach noch tiefer in eine autoritäre Ordnung drängt, die die Kluft zwischen Liberalismus und Demokratie, die wir heute erleben, nur noch vergrößern kann? Hat der arabische Frühling nicht zu Diktatur und Krieg geführt? War Occupy nicht ein Vorbote von Trump? Haben nicht die brasilianischen Kämpfe gegen Fahrpreiserhöhungen die Bühne für die Anti-Korruptions-Proteste bereitet, die Bolsonaro an die Macht brachten? Treibt uns die identitäre Logik, die Kämpfe auf der ganzen Welt prägt, nicht tief in eine faschistische Welt? Antiliberale und faschistische Kräfte gewinnen an Stärke, aber es wäre irrational, ihren Aufstieg den Non-Bewegungen zuzuschreiben, da sie selbst Ausdruck der Unordnung unserer Zeit sind, die sowohl Links- als auch Rechtspopulisten auszunutzen versuchen. Hinzu kommt, dass der kulturelle Backlash, der den Rechtspopulismus befeuert, schon seit Jahrzehnten andauert, lange vor dem Crash von 2008 – dem Hauptauslöser der Non-Bewegungen. [41]

Darüber hinaus zeigen Grenzschließungen und die Umschwenkung auf Nationalismus und eine harte Flüchtlingspolitik in Ländern, die von linken Regierungen regiert werden, wie Schweden und Dänemark, sowie der Sieg der populistischen Rechten in Staaten wie Polen und Ungarn, deutlich antiliberale Entwicklungen an Orten, die nicht von Non-Bewegungen zerrissen wurden. Sich selbst überlassen, wird der zeitgenössische kapitalistische Staat in dieser Welt der stagnierenden Produktivität und Deindustrialisierung die Staatsbürgerschaft nur allzu bereitwillig in Sprache, Kultur und Arbeit erden. Das ist der Grund, warum immer größere Massen von Männern und Frauen auf der ganzen Welt durch liberale und demokratische Werte mobilisiert werden und zunehmend dazu gebracht werden, eine Polizei zu hassen, der die schmutzigen Aufgaben einer unregierbaren Ordnung übertragen wurden. [42]

3. EINE NEUE WELTUNORDNUNG

Bayat vergleicht die Entstehung der Non-Bewegungen mit dem, was Timothy Garton Ash in Bezug auf die osteuropäischen Bewegungen in den 80er und 90er Jahren „Refolutionen“ genannt hat – gewaltsame Aufstände für liberale Reformen. [43] Dies waren in der Tat wichtige Vorläufer, aber aus Gründen, die weder Ash noch Bayat erkennen. Was Ash nicht sah, war, dass diese Bewegungen auf den Zusammenbruch des Sowjetimperiums reagierten, der eine Krise für die moderne industrielle Welt vorhersah. [44] Seitdem hat der Westen die ehemaligen kommunistischen Länder in Bezug auf seine eigene Stagnation und Deindustrialisierung eingeholt (siehe Abbildung 1). Die wuchernden Aufstände unserer Zeit, die oft so schnell verschwinden, wie sie aufgetaucht sind, drücken den zerrütteten Zustand einer globalen Wirtschaftsordnung in säkularer Stagnation und die bröckelnde Geopolitik der Epoche nach 1945 aus.

Ein Jahr nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs schrieb der italienische Marxist und hartnäckige Sektenführer Amadeo Bordiga „Tracciato di impostazione“, einen Essay, der so voll von rhetorischen Übertreibungen und ausschweifendem Jargon ist, dass seine wirklichen Einsichten, wenn sie auftauchen, wie Edelsteine im Schlamm leuchten.[45] Bordiga versuchte, die Definition einer revolutionären Bewegung zu einem Zeitpunkt zu klären, als der „Demokapitalismus“ die Oberhand hatte und die kommunistische Theorie selbst ihre ursprüngliche Bedeutung als radikale, experimentelle Wissenschaft, die soziale Veränderungen vorhersagte, verloren hatte. Für diesen revolutionären Sektierer war die Dreifaltigkeit von Antifaschismus, Demokratie und letztlich Marxismus zum Haupthindernis für jede kommunistische Perspektive geworden, die den Namen verdient. Jetzt „wagen es exquisit konservative Bewegungen bürgerlicher Institutionen, sich Parteien des Proletariats zu nennen“, beklagte er.[46] Der Sieg der Alliierten 1945 trübte nicht nur die Aussichten auf einen revolutionären Krieg in Europa, er formte das ursprüngliche kommunistische Imaginäre in ein demokratisches um, das letztlich die Proletarier*innen von der Arbeiter*innenbewegung entfremden würde. So erklärte Bordiga, lange bevor Thomas Piketty vor den Folgen der „brahmanischen Linken“ warnte,[47] dass sich der Marxismus in eine Ideologie für Manager aus der Mittelschicht verwandelte, oder schlimmer noch, in eine einfache Verteidigung des Liberalismus und der Demokratie.[48]

Bordiga hätte vielleicht Mario Tronti zugestimmt, der darauf beharrt hat, dass „die Arbeiter*innenbewegung nicht vom Kapitalismus besiegt wurde, sondern von der Demokratie“[49]. Bordiga argumentierte jedoch, dass die kommunistische Bewegung selbst den Boden für diese demokratische Niederlage bereitet hatte. Seine berühmte Kritik am Antifaschismus und seine kontrafaktischen Überlegungen darüber, warum ein Sieg der Alliierten einen Bürgerkrieg und damit eine Revolution hätte auslösen können, mögen uns heute bizarr erscheinen.[50] Dennoch kann uns Bordigas Diagnose der Nachkriegszeit helfen, den Zuwachs von Non-Bewegungen zu verstehen, die oft für scheinbar liberale Werte kämpfen und den Staat von unten unter Druck setzen, während wir gleichzeitig einen Aufstieg der populistischen Rechten erleben, der eine Krise der Managementklassen widerspiegelt. Unsere Zeit ist durchzogen von Unordnung von oben wie von unten, und diese Krise scheint die Grundlage des langen Friedens (der Pax Americana) zu zerstören, der die revolutionäre Entfaltung einer früheren Epoche unterbrochen hat.

Der Aufstieg von Trump, Bolsonaro, Duterte, Modi, Orban, Putin und sogar Macron offenbart, dass der Status quo eine Störung ist, was David Ranney „A New World Disorder“ genannt hat.[51] Wie wir kürzlich in Polen und den USA gesehen haben, werden Wahlen immer häufiger mit knappen Vorsprüngen zwischen „Liberalen“ und „Konservativen“ ausgefochten und gewonnen, wobei Alter und Bildung typischerweise entscheidender als die Klasse sind, wenn es um die Loyalität zu einer Partei geht. Die Trumps dieser Welt spalten die Gesellschaften und sogar die herrschenden Klassen gegen sich selbst und zeigen, dass der Kampf für die liberale Demokratie leicht radikalisiert werden kann, so wie Revolutionäre leicht als Schwarzhemden kooptiert werden können, die bereit sind, mit ihren Steinen, Schilden und Regenschirmen für den demokratischen Status quo zu kämpfen. Der Aufstand von George Floyd wurde zum Beispiel kurzzeitig zu einem Kanal für den Widerstand gegen die Autokratie der neuen populistischen Führer in der ganzen Welt. Aber unter der „liberalen“ und „konservativen“ Opposition können wir das erkennen, was Bordiga als „anti-formistische“ Tendenzen bezeichnen könnte, die Konflikte eskalieren und die soziale Form unserer gegenwärtigen Ordnung umgestalten.

Bei der Analyse sozialer Konflikte und sozialer Institutionen lehnte Bordiga wertbeladene Begriffe wie „konservativ“, „progressiv“ oder gar „revolutionär“ ab.“ [53] Die Aufgabe des Marxismus, den Bordiga als „Wissenschaft der Gattung“ bezeichnet, besteht darin, jede soziale Bewegung oder Institution in ihrer „konformistischen“, „reformistischen“ oder „antiformalen“ Dimension zu verstehen. [54] Eine konformistische Bewegung ist eine Kraft, die danach strebt, „die bestehenden Formen und Institutionen intakt zu halten, jede Veränderung zu verbieten und sich auf unveränderliche Prinzipien zu beziehen“. [55] Reformistische Bewegungen sind „solche, die zwar nicht versuchen, die bestehenden Institutionen abrupt und gewaltsam umzustoßen, aber darauf hinweisen, dass die Produktionskräfte zu stark drücken, und die für allmähliche und partielle Veränderungen der gegenwärtigen Ordnung eintreten.“ [56] Antiformalistische Bewegungen hingegen beinhalten einen „Angriff auf die alten Formen, und noch bevor sie die Merkmale der neuen Ordnung theoretisieren können, neigen sie dazu, die alten zu zerbrechen und die unwiderstehliche Geburt neuer Formen zu verursachen.“ [57]

Wenn wir Bordigas Typologie übernehmen, würden wir argumentieren, dass es letztere sind, die wir jährlich zunehmen sehen, da immer mehr Menschen ihre Frustration über den Status quo zum Ausdruck bringen. Die Ausbreitung von Non-Bewegungen spiegelt die Instabilität einer post-industriellen Welt wider und kann daher als “ antiformalistisch“ bezeichnet werden. Doch diese Explosionen können leicht in reformistische oder sogar konformistische Bewegungen umschlagen, wenn sie paradoxerweise nicht in der Lage sind, die Tendenzen zu Bürgerkrieg und nihilistischer Gewalt zu vermeiden, die eine solche Instabilität mit sich bringt. Bordigas Traum von einem revolutionären Krieg ist zu einer naiven Fantasie geworden (oder war es vielleicht immer), die nicht in der Lage ist, die Grundlage für eine klassenlose Gesellschaft zu schaffen. Die Bürgerkriege in Libyen und Syrien zeigen, wie leicht der Krieg revolutionäre Massenorganisationen in militärische Schläger verwandelt, die Geld, Waffen und Rekruten brauchen. [58]

Auch wenn Bordigas Bejahung des Krieges naiv war, verdient seine Kritik an der Demokratie dennoch eine ernsthafte Betrachtung. Die Entwicklung von 2008 bis 2020 zeigt, dass die Non-Bewegungen ihre Grenze in der Janusköpfigkeit von Repression und Repräsentation (oder, in ihrer vollendeten Form von Krieg und Demokratie) finden. Beide können kombiniert werden, um die Non-Bewegungen zu schwächen, etwa indem man sie an den Staat bindet oder sie in formale Parteien oder Gewerkschaften verwandelt. Solche Niederlagen entstehen aus den Bedürfnissen der Non-Bewegungen selbst, aus ihrer Unfähigkeit, ihre immanenten Grenzen zu überschreiten. Aber wenn die Anhäufung von Antiregierungskämpfen weiter zunimmt, wie es seit 2008 jährlich der Fall ist, dann wird es für die Non-Bewegungen notwendig sein, ihre instinktive Kritik an Repression und Repräsentation zu einer rücksichtslosen Kritik an Krieg und Demokratie zu entwickeln.

Eine Strategie, die darauf abzielt, die antiformalistische Logik der Non-Bewegungen zu entfesseln, müsste eine Diskussion über die Probleme der politischen Vermittlung nach sich ziehen und damit eine Verteidigung dessen, was oft als Anti-Politik bezeichnet wird. [59] Wenn die Aufstände die beiden Fallstricke von Krieg und Demokratie vermeiden sollen, ist eine strategische Perspektive erforderlich, die die ideologischen und identitären Spaltungen innerhalb des Proletariats in Frage stellt, einschließlich derer zwischen Arbeiter*innen und Mittelschichten. Man kann darauf wetten, dass die ökonomischen Folgen der Lockdowns, die bereits beginnen, die Menschen zwingen in Fronten gegen eine stagnierende und sich verschlechternde Wirtschaft zusammen zu rücken, noch mehr zu der Verwirrung der Identitäten beitragen werden, die an vielen Orten der Welt vorherrscht und sichtbar ist. So wie die Gilets Jaunes Männer und Frauen aus dem Hinterland, sicherlich oft konservativ oder rechts, mit linken Student:innen, unzufriedenen Teilen der Mittelschicht und Proletarier*innen aus den Banlieues zusammenbrachten, wird die Abkühlung und der jüngste Stillstand der Wirtschaft die Grundlage für weitere Verwirrung legen. [60] Manchmal kann die Unsicherheit, die durch diese Mischung erzeugt wird, beängstigend wirken, was vielleicht der Grund dafür ist, dass Jugendliche aus Napoli, die gegen die Folgen der Lockdowns protestierten, das Bedürfnis hatten, zu erklären: „Wir sind Arbeiter*innen, keine Faschisten“. Wie Perry Anderson 2017 warnte, könnte einer der Gründe, warum das System gewinnt, darin liegen, dass nicht Wut, sondern Angst die Linke mobilisiert. [61] Aber Non-Bewegungen haben mutig polizeiliche Repression, Lockdowns und Angst vor dem Coronavirus herausgefordert, indem sie einfach Menschen zu Tausenden auf den Straßen versammelten. Diese Infragestellung einer kapitalistischen Normalität, die von Hysterese und dem damit einhergehenden Katastrophismus geprägt ist, wird umso wichtiger sein, je weiter die Wirtschaft stagniert und die Non-Bewegungen in eine revolutionärere Richtung gedrängt werden. [62]

Eine strategische Reflexion müsste also auch Mittel ins Auge fassen, mit denen die Non-Bewegungen schließlich die Kontrolle über die kapitalistische Stagnation/Deindustrialisierung übernehmen und die darin enthaltene Basis für eine neue Welt freisetzen könnten. Das ist etwas, was sie weder tun wollen, noch, da es ihre Spontaneität und in gewissem Sinne konstitutive Passivität bedroht, tun können. Aber um zu überleben, müssen die Non-Bewegungen die Schaffung von Lebensformen anregen, die in der Lage sind, für etwas anderes als Geld und Lohnarbeit zu leben. Dies würde einen neuen Gebrauch der Produktionsmittel als Werkzeuge gegen das Kapital implizieren – Werkzeuge, die uns nicht nur von der Arbeit befreien, sondern uns auch erlauben, die Arbeit zu teilen, die notwendig ist, um sicherzustellen, dass das Leben zu etwas mehr als dem bloßen Überleben werden kann. [63] Wie die „Angry Workers of the World“ kürzlich skizzierten, sollte das unmittelbare Ziel sein, dass alle „weniger arbeiten bei vollem Lohn, entsprechend dem Niveau, das die gesellschaftliche Produktivität erreicht hat.“ [64]

Eine Bevölkerung, die bereit ist, eine solche gemeinschaftliche Existenz zu führen, in der die Wirtschaft von einer Deindustrialisierung bestimmt wird, die vom Kapitalismus sowohl ermöglicht als auch verboten wird, kann jedoch nur durch die für unsere Zeit so charakteristische Form der (nennen wir es provokativ), interklassischen Vermischung hervorgebracht werden. Proletarier:innen, Student:innen und Mittelschichten werden auf den Straßen zusammengetrieben. Arbeiter*innen mit wichtiger strategischer Macht, Techniker*innen mit dem Know-how, das industrialisierte Gesicht der Welt umzugestalten, solche Gruppen werden für die Überwindung des Kapitalismus entscheidend sein; aber die Behauptung ihrer Macht wird ein Rezept für weitere Klassenzersplitterung sein, wenn sie nicht über ihre sektionalen Interessen hinausgehen und sich mit Teilen der prekären oder erwerbslosen Massen der Welt zusammenschließen können. Während es also notwendig ist, im proletarischen Leben „verwurzelt“ zu sein und dadurch internationale Verbindungen zwischen kämpfenden Arbeiter*innen zu schaffen, ist es ebenso wichtig, die Arbeitsplätze mit den Non-Bewegungen zu verbinden, deren Wachstum die meisten Sektions- und sogar Klassengrenzen übersteigt. Ein Scheitern in dieser Hinsicht bedeutet, die Spaltungen zu reproduzieren, die die Klassen in verschiedene Segmente mit unterschiedlichen und nicht selten antagonistischen Interessen stratifizieren. Sicherlich ist es etwas von dieser Oszillation – die sowohl Menschen in schwachen Allianzen zusammenzwingt als auch bedeutende Spaltungen innerhalb des globalen Proletariats schafft -, die unsere Zeit der verfallenden Ungeheuer und gescheiterten Leviathane charakterisiert.

Heute hat ein Virus die zivilisatorische Maschine fast zum Stillstand gebracht. Er hat die Unfähigkeit des kapitalistischen Staates offenbart, das Leben zu schützen, ohne eine Wirtschaft lahmzulegen, die fast untrennbar mit der menschlichen Existenz als solcher verbunden ist. Da wir die Wachstumsmaschine, die die Grundlage der Sozialdemokratie war, weder wiederherstellen wollen noch können, besteht der einzige Weg nach vorn darin, wie die Bordigisten 1953 betonten, für eine radikale “ Deinvestition des Kapitals“ zu kämpfen. Für Bordiga bedeutete dies, dass die „Produktionsmittel im Verhältnis zu den Konsumgütern einen geringeren Anteil erhalten“ und dass wir einen „Unterproduktionsplan, d.h. die Konzentration der Produktion auf das Notwendige“ vorbereiten. [66] Eine solche Kombination von Desinvestition und Unterproduktion hat sich durch die Schließungen (wie auch durch die lang anhaltende Stagnation der Wirtschaft) durchaus als möglich erwiesen. Aber um die Kontrolle über den kapitalistischen Niedergang durchzusetzen, müssten die sozialen Fragen angegangen werden, die die seltsamen Zusammenschlüsse zwischen verschiedenen sozialen Schichten innerhalb der Non-Bewegungen hervorbringen.

Die Proteste von Gymnasiasten in Chile wegen einer Erhöhung der Transportkosten um 30 Pesos wurden zu einer Massenbewegung gegen die 30 Jahre alte neoliberale Verfassung, die im Oktober 2020 überarbeitet wurde: „No son 30 pesos son 30 años“. Ein Protest gegen eine Benzinpreiserhöhung in Frankreich wurde bald zu einer breiten Mobilisierung gegen die wachsende Ungleichheit und die von einer autokratischen Regierung durchgepeitschten Sparmaßnahmen. Wenn sich die Kämpfe intensivieren und viele anfängliche Forderungen erfüllt werden – nicht selten durch die einfache Tatsache, dass die Repression immer mehr Menschen aus Abscheu vor der Polizeigewalt auf die Straße zwingt -, offenbaren die Non-Bewegungen einen Punkt der Einheit in der Tatsache, dass sie alle durch wirtschaftliche Stagnation hervorgebracht oder zumindest bedingt werden. In diesem Zusammenhang kann die identitäre Verwirrung der Non-Bewegungen ihnen helfen, sich dessen bewusst zu werden, was sie sind: subjektiver Ausdruck des wirtschaftlichen Niedergangs. Wir haben argumentiert, dass Klassenbewusstsein in der gegenwärtigen Periode nur das Bewusstsein des Kapitals sein kann. [67] Das wiederum bedeutet heute nichts anderes als die wachsende Offenbarung, dass der Kapitalismus ohne Zukunft ist. Und wenn die Gilets Jaunes „Ende der Welt, Ende des Monats“ sagen, bringen sie nicht nur zum Ausdruck, was sie als die apokalyptische Dimension unserer Epoche sehen, sondern bekräftigen das Ende dieser Welt und dieses Lebens als notwendige Voraussetzung für die Schaffung einer neuen Welt und eines neuen Lebens.

4. WIR SIND JETZT ALLE BASTARDE!

Wir haben gesehen, dass der fahnenschwenkende und die Nationalhymne singende Pöbel, der versuchte, den Arc de Triomphe zu zerstören, sowie das manchmal wahllose Umstürzen von Denkmälern in den Vereinigten Staaten allesamt auf ein breiteres Muster dessen hinweisen, was man nur als Anti-Politik bezeichnen kann. [68] Aber wie bei vielen zeitgenössischen Non-Bewegungen, vom Arabischen Frühling bis zu den Gilet Jaunes und Black Lives Matter, steht die Wut gegen die Polizei oft stellvertretend für einen breiteren Hass auf die Politik. Das liegt nicht nur daran, dass die Polizei die unmittelbare Erscheinungsform staatlicher Repression ist, ein taktischer Gegner auf der Straße. Wenn Denkmäler die toten Symbole des Staates sind, dann ist die Polizei seine lebende, und das gilt besonders in einer Ära der Austerität und einer tödlichen Pandemie. Da der Staat sich als unfähig erwiesen hat, die Bevölkerung vor einer vielschichtigen Krise zu schützen, wird klar, dass seine primäre Rolle darin bestehen wird, die Auswirkungen dieser Krisen durch Disziplinierung der Bevölkerung einzudämmen. Das heißt, der Staat wird auf seine polizeiliche Funktion reduziert.

Insofern könnte der populäre französische Slogan tout le monde déteste la police – „Die ganze Welt hasst die Polizei“ – auf eine breitere Delegitimierung des modernen Staates hinweisen, dessen antiker Vorläufer, die Polis, der „Polizei“ sowohl Namen als auch Form verlieh. Polizeigewalt, Quarantänen, Social Distancing und Lockdown-Maßnahmen (bzw. die Bereitschaft von Politiker*innen, die Wirtschaft wieder zu öffnen) sind zu Auslösern für eine neue Welle des sozialen Dissenses geworden, die eine akute Krise der politischen Repräsentation widerspiegelt. Natürlich hasst nicht jeder buchstäblich die Polizei. Umfragen in Westeuropa zeigen oft ein bemerkenswertes Maß an Vertrauen in die Polizei (obwohl dies je nach Klasse, Alter, Nation und Herkunft variiert) [69]. Während die Polizei in Autokratien weithin verachtet wird, haben die jüngsten Sparprogramme ihr in einigen neoliberalen Demokratien eine besonders verkommene und gewalttätige Form gegeben, in der sie in vielen armen und Arbeiter*innengemeinschaften zum Hauptvertreter des Staates geworden ist. [70] Dementsprechend zeigen jüngste Umfragen, dass das Vertrauen in die Polizei gesunken ist, und wir können Anzeichen dafür erkennen, dass die Polizei nicht nur bei Proletarier*innen und ethnischen Minderheiten, sondern auch bei Teilen des Kleinbürgertums und sogar bei den Wohlhabenden zunehmend zum Mittelpunkt des Hasses geworden ist.

Sicherlich kann ein Grund dafür ein Anstieg sowohl der Fälle als auch des Bewusstseins von Polizeigewalt sein. Die Polizei ist generell brutal, da der Job eine autoritäre Persönlichkeit sowohl auswählt als auch fördert, und die Rolle der Polizei beim Schutz von Vermögen und Eigentum hat die Polizei, in Orwells Worten, immer zum natürlichen Feind der Arbeiter*innenklasse gemacht. [71] Aber die Brutalität der Polizei könnte durch ihre erweiterte Zuständigkeit zuerst für die Durchsetzung der Sparmaßnahmen und jetzt für die Lockdowns noch verstärkt werden. Ohne eine engagierte Aufstockung der Polizeikräfte könnten einzelne Beamte, die ihre Zeit und Ressourcen überstrapaziert sehen, eher dazu neigen, auf summarische oder exemplarische Bestrafungen zurückzugreifen. In jedem Fall macht ihre Rolle bei der Eindämmung und Disziplinierung der Bevölkerung, die sich gegen diese Maßnahmen auflehnt, eine Zunahme der Brutalität unvermeidlich, und steigende Brutalität wird wiederum unweigerlich zu einer zunehmenden Feindseligkeit sowohl bei den Opfern als auch bei den Umstehenden (real oder virtuell) führen.

Darüber hinaus kann die Erfahrung, gehasst zu werden, selbst zu einer subkulturellen Identität unter den Polizist:innen führen, die sich nicht so sehr von vielen derjenigen unterscheidet, die sie bekämpfen: ein Gefühl, eine belagerte Minderheit zu sein („blue lives matter“), das die Tendenz zu erhöhter Gewaltanwendung verstärken kann. Ihr Gefühl, dass sie weder von den Proletarier*innen, die sie disziplinieren, noch von den Wohlhabenden, die sie schützen, respektiert werden, kann ebenfalls zu Zynismus führen. So ist es zwar wahr, dass „alle Polizist*innen Bastarde sind“, aber es ist auch wahr, dass die Polizist*innen als Reaktion auf ihr Gefühl des Verlassenseins (durch Politiker*innen und Eliten) und der Illegitimität (in den Augen derer, die sie polizeilich überwachen) dazu kommen, sich selbst als Bastarde zu sehen – die nicht anerkannten Kinder einer kranken Gesellschaft – und sich daran erfreuen, „zivilisierte“ Normen zu missachten, indem sie ungestraft brutal vorgehen.[72] Wie Edmund in König Lear „stehen sie für Bastarde auf“. [73]

Die Möglichkeit, dass sich ein wachsender Teil der Bevölkerung mit dieser schamlosen Brutalität identifiziert, stellt eine reale faschistische Gefahr dar, was eine verständliche antifaschistische und antipolizeiliche Reaktion hervorruft. Doch wie Camatte schon ’68 feststellte: „Es ist gefährlich, alle Unmenschlichkeit an einen Teil des sozialen Ganzen zu delegieren, und alle Menschlichkeit an einen anderen.“ [74] Für Camatte besteht das Risiko nicht nur darin, dass es gegen einen Kernsatz des Humanismus (und damit des Kommunismus) verstößt, sondern auch darin, dass es „effektiv die Möglichkeit ausschließt, die Polizei zu untergraben“. [75] Unsere Angriffe auf die Polizei zu konzentrieren, bedeutet für Camatte, „ein bestimmtes Ritual aufrechtzuerhalten – ein Ritual, in dem die Polizei immer in der Rolle der unbesiegbaren Unterdrücker dargestellt wird“. [76] Anstatt davon auszugehen, dass der Angriff auf die Polizei die aufständische Taktik schlechthin ist, müssen wir strategisch darüber nachdenken, wie wir die Polizei umgehen und sogar potenzielle Widersprüche innerhalb des gegnerischen Lagers ausnutzen können. [77]

Eine zeitgemäße Kritik der Gewalt, die einer Ära angemessen ist, in der Krieg nur Niederlage bedeuten kann, erfordert nicht den Rückzug; sie kann vielmehr auf die Notwendigkeit revolutionärer Intelligenz hinweisen, wie wenn Massen von Frauen die Polizei in Belarus umzingeln oder die Mauer der Mütter die Frontlinie in Portland schützt. Dennoch wäre es ein Fehler, die Bedeutung von Taktik und Plänen in der Diskussion über die spontanen Aktionen von Millionen von Männern und Frauen zu überschätzen. Die beste Möglichkeit, Polizei und Sicherheitskräfte zu demobilisieren, besteht in der eskalierenden (und daher nicht selten gewalttätigen) Ausweitung der Proteste. Es sind nicht die Krawalle, die die weitere Entfaltung der Kämpfe gefährden (brennende Polizeistationen können Millionen mobilisieren, wie wir nach dem Mord an George Floyd gesehen haben), sondern die Militarisierung des Konflikts. Alle Formen professionalisierter Gewalt behindern das Wachstum der Non-Bewegungen, und zwar genau in dem Maße, wie letztere die Form von Massen nicht-professioneller Revolutionäre annehmen, die versuchen, die Arbeitsteilung zu überwinden, die das emanzipatorische Potenzial der Proteste untergräbt.

Letztlich delegitimieren die Non-Bewegungen nicht nur die Polizei, sondern eine ganze Welt, in der Politik auf Polizeiarbeit reduziert wird. Sie können die Polizei am effektivsten bekämpfen, indem sie das System als Ganzes delegitimieren. Wie wir in letzter Zeit oft gesehen haben, kann dies bedeuten, dass das Militär eingesetzt wird, was das Gespenst eines Bürgerkriegs aufkommen lässt. Letztlich kann dieses Gespenst nur durch Überlaufen vertrieben werden. Und so wie Soldat*innen überlaufen müssen (traditionell die Grundvoraussetzung für revolutionären Erfolg), werden Überläufer*innen von Polizei- und Sicherheitspersonal, wie in der so genannten Bulldozer-Revolution in Serbien im Jahr 2000, zunehmend erforderlich sein, um die Feindschaft zu überwinden, die die Non-Bewegungen zu den Kategorien, Identitäten und Rollen zurückführt, die sie in ihren Verwirrungen anfingen zu überwinden. [78]

Vielleicht hassen wir, indem wir die Polizei hassen, was wir geworden sind. Nicht in dem Sinne, dass wir „die Polizist*innen in unseren Köpfen“ hassen, sondern dass wir von derselben strikten Infrastruktur abhängig geworden sind, die sich letztlich auf die Polizei stützt, deren Ausschluss jedoch – was Ruth Gilmore als „organisierter Rückzug“ beschrieben hat – einen vorzeitigen Tod bedeutet, und zwar nicht nur durch die Hände der Polizei. [79] Wir sind in gewissem Sinne alle zu „Bastarden“ geworden. Doch wenn dem so ist, ist es klar, dass weder „Definanzierung“ (Defund) noch „Abschaffung“ der Polizei dieses tiefere Problem angehen würde.

„Defund“ ist die Vorstellung, dass das für Polizei und Gefängnisse ausgegebene Geld, wenn es anderen sozialen Programmen zugewiesen wird, die zugrunde liegenden sozialen Probleme angehen könnte, die die Polizei verwalten oder eindämmen soll. Aber das ignoriert die Tatsache, dass Polizei und Gefängnisse die billigsten aller Sozialprogramme sind, der eigentliche Ausdruck der Austerität, und daher von geringem Nutzen für eine umverteilende Wiedergutmachung. [80] „Abschaffen“ bedeutet in der Praxis oft, die Polizei durch irgendeine andere Institution zu ersetzen (z.B. professionelle Mediatoren, Sozialarbeiter*innen, private Sicherheitsdienste), die wahrscheinlich ähnliche oder verwandte Pathologien aufweisen wird. [81] Aber selbst die radikaleren Visionen der Abschaffung neigen dazu, über die wirklichen sozialen Probleme zu stolpern, die kapitalistische Staaten der Polizei aufbürden. Diejenigen, die den Opfern die Kontrolle über Bestrafung und „Rechenschaftspflicht“ übertragen, können die bestrafende Voreingenommenheit des gegenwärtigen Strafvollzugsregimes reproduzieren. [82] Doch obwohl Forderungen nach Schadensbegrenzung und Reparatur durchaus berechtigt sind, sollte klar sein, dass sie den Rahmen dessen sprengen, was jede kapitalistische Gesellschaft zulassen (geschweige denn leisten) könnte. Denn es würde erfordern, anzuerkennen, dass Reparatur nicht dasselbe ist wie Wiedergutmachung (seine Schulden zu tilgen bedeutet, sich aus den menschlichen Beziehungen herauszukaufen) und dass der Kapitalismus aus uns allen Bastarde macht (obwohl niemand lediglich das ist). [83]

Es ist vielleicht nicht verwunderlich, dass der Slogan „defund the police“ in einem Land Konjunktur hatte, das nicht nur eine vergleichsweise mörderische Polizei besitzt, sondern auch eine tief verwurzelte Tradition der Selbstjustiz. [84] Der Begriff „organisierter Rückzug“ sollte unsere Aufmerksamkeit auf die Tatsache lenken, dass, wenn Politik auf die Polizei reduziert wird, die Abwesenheit der Polizei genauso politisch sein kann wie ihre Anwesenheit. Wir können verschiedene Beispiele für diese Politik – der Präsenz dieser Abwesenheit – nicht nur in der amerikanischen Fantasie des Wilden Westens finden, sondern auch in vielen ( Bürger- und Nicht-Bürger-) Kriegssituationen und in einigen verarmten, vom Staat verlassenen Stadtteilen, wie den brasilianischen Favelas, die größtenteils von Gangs verwaltet werden. Weniger bekannt sind die Beispiele im Jim-Crow-Süden, wo die Polizei sich oft weigerte, schwarze Stadtteile zu betreten, es sei denn, Weiße behaupteten, sie seien Opfer von Verbrechen durch Schwarze gewesen. [85] In jüngerer Zeit sahen wir einen Schimmer in den „polizeifreien Zonen“, die in bestimmten amerikanischen Städten deklariert wurden, wie z.B. in Seattles CHAZ, das, wenn es als unabhängige Nation betrachtet würde (wie einige Teilnehmer:innen vorgeschlagen haben), die höchste Mordrate der Welt hätte. [86] In Chicagos South Side, wo die Mordrate in diesem Sommer kurzzeitig brasilianisches Niveau erreichte, bekommen wir einen deutlicheren Eindruck davon, wie es aussehen könnte, die Polizei abzuschaffen, ohne den Kapitalismus abzuschaffen. Die private „Polizei“ der University of Chicago in Hyde Park, einer Insel des Reichtums inmitten der Armut der South Side, ist besser finanziert als alle örtlichen Polizeireviere zusammen. Private Sicherheit ist für die Wohlhabenden schließlich ein insgesamt kostengünstigeres Angebot: Warum sollte man seine Steuergelder für eine ausufernde, stadtweite Polizeibehörde verschwenden, wenn man eigentlich nur seine eigenen Enklaven schützen muss?

Im Juni 2020 stimmte der Stadtrat von Minneapolis unter dem Druck von Demonstrant:innen nicht nur für „defund“, sondern auch für die Auflösung ihrer Polizeibehörde. Obwohl es so aussieht, als würden sie diese Verpflichtung zurücknehmen, könnte es, wenn sie dem „abolitionistischen“ Modell von Camden, New Jersey folgen, einfach eine Umbenennung der Abteilung bedeuten. [87] Radikalere Visionen der Abschaffung wurden manchmal unter den Milizen angepriesen, die den Sommer damit verbrachten, die Straßen von Minneapolis auf der Suche nach mythischen „weißen suprematistischen Plünderer*innen“ zu kontrollieren. [88] Die unterschiedlichen Erfahrungsberichte zeigen die Komplexität der Gewaltfrage, die sich Aktivist*nnen, Ladenbesitzer*innen und Bewohner*innen von Stadtteilen mit hoher Kriminalität unterschiedlich darstellen. Wie die Geschichte der Revolutionen des 20. Jahrhundert zeigt, ist es selten möglich, im Nebel des Bürgerkriegs klar zwischen politischer und antisozialer Gewalt zu unterscheiden. [89] Aber die notwendigerweise chaotischen Versuche der Revolutionär*innen, die von Staat und Kapital gewonnenen Territorien zu verteidigen, sollten nicht mit einer Bürger*innenwehr oder dem bewaffneten Flügel einer „Gemeindeorganisation“ verwechselt werden, der in offener oder stillschweigender Zusammenarbeit mit der örtlichen Polizei Privateigentum schützt. [90]

Aus diesen Beispielen wird deutlich, dass die Kämpfe selbst leicht zu passiven Ausdrücken der Anarchie und Unordnung werden können, die die Trumps der Welt zu eskalieren versuchen. [91] Wie Agamben 2013 in Athen sagte: „Die wahre Anarchie ist die Anarchie der Macht.“ [92] Wir können vielleicht eine Anerkennung dessen in einem der populärsten Gesänge der chilenischen Aufstände sehen: No estamos en Guerra. Dieser richtete sich gegen Präsident Sebastián Piñera, der in einer Rede im Oktober 2019 erklärte: „Wir befinden uns im Krieg gegen einen mächtigen Feind, der bereit ist, uneingeschränkt Gewalt anzuwenden.“ [93] In diesem Beispiel, einem von mehreren, scheinen die Non-Bewegungen der Welt paradoxerweise die Partei der Ordnung zu repräsentieren, während die Polizei nichts anderes als die bewaffnete Kraft der Partei der Anarchie ist, die die Konflikte, die unsere Welt zerreißen, nur eskalieren lässt.

Natürlich wäre es töricht, ein abstraktes Prinzip der Gewaltlosigkeit anzunehmen. Der Aufstand in Chile hat seit Oktober 2019 leider mindestens 30 Menschen das Leben gekostet, und rund 500 haben schwere Augenverletzungen erlitten. Doch es ist klar, dass die Massen auf den Straßen kein Chaos wünschen oder sich nach Gewalt sehnen. Mit der Umbenennung des Mittelpunkts der Non-Bewegungen, der Plaza Baquedano in Santiago de Chile in Plaza Dignidad erklären die chilenischen Demonstrant:innen, dass sie ein Leben in Würde anstreben. Man kann vielleicht einen (ausfransenden) roten Faden erkennen, der die düstere Parole No Estamos en Guerra von 2019 mit Make Love not War von 1968 und sogar Peace, Land and Bread von 1917 verbindet. Denn die Geschichte des Kommunismus ist nicht nur die Geschichte des Klassenkampfes, sondern auch die Geschichte einer Feindseligkeit gegen Feindschaft, einer Revolte gegen den Antagonismus, der die verschiedenen subalternen Klassen in Freund und Feind spaltet. Sie ist in dieser Hinsicht eine Sehnsucht nach Frieden.

5. EINE WISSENSCHAFT DER ARTEN

In „The Holding Pattern“, in Endnotes 3, haben wir die Hauptfrage des Arabischen Frühlings und von Occupy als das Problem beschrieben, diverse Fragmente des Proletariats (sowie der unzufriedenen Mittelschicht) zu einer kohärenten Kraft auf den Plätzen zusammenzufügen. Rückblickend waren dies frühe Signale einer steigenden Zahl von Non-Bewegungen. Aber das „Problem der Zusammensetzung“ wird üblicherweise eher als ein Problem einer „Identitätspolitik“ verstanden, die parallel zum Niedergang der Arbeiter*innenbewegung entstanden zu sein scheint. [95]

Es wäre nur eine leichte Übertreibung zu sagen, dass die Anti-Identitätspolitik das schlimmste Produkt der Identitätspolitik ist. Viele linke Kritiker:innen der Identitätspolitik sind davon ausgegangen, dass es eine Identitätsfrage gibt, um die sich die Reste der Arbeiter*innenbewegung noch scharen könnten, nämlich den „Bürger*:innennationalismus“, der nie weit von ihrem Herzen entfernt war. [96] Aber wir haben gesehen, dass nur die Rechte auf diesem Terrain erfolgreich gedeihen kann. Die „Identitätspolitik“ ist jedoch nicht nur ein Gespenst, das die sozialdemokratische Linke heimsucht. Sie ist in der Tat zu einem Begriff von quasi-universeller Abscheu geworden. Denn selbst die „Wissenden“ neigen dazu, denselben Begriff (oder ein Synonym) zu verwenden, um diejenigen zu kritisieren, die unnötige Spaltungen erzeugen oder den zweifelhaften Anspruch erheben, immer feinere Untergruppen der Unterdrückten zu vertreten. Aus diesem Grund verstehen wir unter „Identitätspolitik“ mehr als nur eine Reihe von Grenzen, mit denen sich zeitgenössische Non-Bewegungen auseinandersetzen müssen. Im weiteren Sinne, in dem wir den Begriff verwenden, bildet Identitätspolitik genau das Terrain, auf dem sich die meisten Kämpfe heute abspielen und auf dem deshalb solche Grenzen angegangen werden müssen.

Klassische soziale Bewegungen – seien sie links oder rechts – können nur auf dem Boden eines heruntergekommenen Kapitalismus manövrieren, den die Non-Bewegungen der Welt heute langsam, und vielleicht bald schnell, umgestalten. In “Apokalypse und Revolution” beschrieb Giorgio Cesarano frühe Instanzen der Identitätspolitik als „konterrevolutionäre Befreiungsbewegungen“, die in ihrer Parteilichkeit dennoch ein „hart erkämpftes Bewusstsein für das, was wirklich auf dem Spiel steht: die Befreiung der Spezies von der Ideologie, die notwendige Überwindung jeder Trennung, die bewaffnete Eroberung des Standpunkts der Totalität“ hervorbringen. [97] Mit Bordigas Worten könnten wir sagen, dass solche Bewegungen neben ihren konformistischen und reformistischen Dimensionen (die das Anliegen der „Anti-Erwachen“-Litaneien sind) auch deutlich antiformalistische Elemente enthalten, in dem Sinne, dass sie den Boden, auf dem sich die Auseinandersetzung abspielt, neu konfigurieren.

Das zentrale Organisationsprinzip der Non-Bewegungen war ihr Zorn und Abscheu gegen wahrgenommene Ungerechtigkeit oder Korruption im Allgemeinen und gegen Polizei, Politiker*innen oder Eliten im Besonderen. Aber es kommt ein Punkt in der Entwicklung des Kampfes, an dem eine solche negative Einheit (Einheit durch Feindschaft) als unzureichend erlebt wird. Wir sind geeint durch ein gemeinsames Gefühl für das, was falsch ist, aber begrenzt durch eben diese Beziehung zum Falschen, die nur durch die Artikulation einer gemeinsamen Vision des Guten überwunden werden kann. Darüber hinaus kommen wir unter dem Banner der Empörten und Entrüsteten zusammen, doch dahinter verbergen sich reale Interessen- und Loyalitätsunterschiede. Spaltungen, die sich unweigerlich irgendwann bemerkbar machen, oft gewaltsam. Das gilt selbst dann, wenn der Kampf nicht nur als Kampf gegen einen bestimmten Feind erscheint, sondern als der Kampf einer bestimmten Fraktion der Klasse (z.B. Schwarze, Indigene, Jugendliche, Migrant:innen), die sich als die am meisten Ausgebeutete oder die am meisten Empörte präsentieren kann, als der Teil, der für das Ganze steht.

Heute kann das Ganze als solches nicht repräsentiert werden, so dass eine Form der Identitätspolitik dazu tendiert, die Möglichkeiten und Grenzen jedes Klassenkampfes abzugrenzen, der über einen bestimmten Arbeitsplatz oder einen bestimmten Teil der Klasse hinausgeht. In der Tat können sich solche Kämpfe nur ausweiten, indem sie die identitären Trennungen, in die die Arbeiter*innenklasse verstrickt ist, herausfordern und verwirren. Die Klasse ist in eine Vielzahl von Situationen zersplittert, von denen jede zu einer partiellen Repräsentation fähig ist, aber keine lässt sich sauber auf eine politische Zugehörigkeit oder Interessengruppe abbilden. Es gibt auch selten eine Lösung für das Koordinationsproblem, bei dem solche partiellen Identitäten so ausgerichtet werden können, dass sie die Klasse als Ganzes angemessen repräsentieren.

In den Vereinigten Staaten beispielsweise scheint Klasse durch „ethnische Zugehörigkeit“ vermittelt zu werden; die ärmste und am meisten entrechtete Schicht der Gesellschaft ist überproportional häufig afrikanischer oder indigener Abstammung, und die sichtbaren Kennzeichen dieser Abstammung werden oft mit dieser Schicht identifiziert. Das Problem bei dieser Form der Darstellung ist natürlich nicht nur, dass es eine schwarze und indigene Mittelschicht gibt, deren Existenz notwendigerweise in Spannung zu diesen kulturellen Vorgaben steht, sondern auch, dass arme Weiße aus dieser Perspektive oft fälschlicherweise als privilegiert dargestellt werden. In der Vorstellungswelt des liberalen Amerikas gilt die weiße Arbeiter*innenklasse als unverbesserlich rassistisch, als „Sammelbecken der Bedauernswerten“, das mit Trumps verschmähter Basis identifiziert wird, während Konservativen die Gruppe hartnäckig mit längst untergegangenen männlichen Ernährerjobs – einschließlich Polizisten – assoziieren, deren Seriosität den angeblichen Pathologien der schwarzen „Unterschicht“ gegenübergestellt wird. Für beide ist die Klasse also entlang einer gleichzeitig moralischen und ethnischen Linie in verdiente und unverdiente Arme gespalten, aber welche „Ethnien“ mit welcher Seite dieser manichäischen Zweiteilung assoziiert werden, hängt weitgehend von der liberalen oder konservativen Zugehörigkeit des Betrachters ab.

Aber während die US-amerikanische ethnische Politik ein extremes Beispiel für eine durch Identität vermittelte Klasse ist, ist dies keineswegs eine amerikanische Ausnahme. Identitätskämpfe dominieren inzwischen überall die politische Sphäre. Nicht, weil die Menschen rassistischer, sexistischer oder homophober geworden wären. Im Gegenteil, solche Ansichten sind im Allgemeinen zurückgegangen, auch wenn sie in den zeitgenössischen politischen Umwälzungen stärker in den Vordergrund getreten sind. [98] Der allgemeine Trend ist, dass jüngere, liberalere und fortschrittlichere Generationen mit konservativen und oft älteren Bevölkerungsteilen konfrontiert werden, die einen unverhältnismäßigen Einfluss auf die Politik haben (aufgrund ihres Wohlstands und ihrer Neigung zu wählen). In diesem Zusammenhang haben Nationalismus und Populismus an Bedeutung gewonnen, was aber nicht per se einen Richtungswechsel signalisiert, denn die gesamte Mainstream-Politik (sowohl der Linken als auch der Rechten) ist im Grunde eine Politik des Staates, des Bürgers, der Bevölkerung und der Nation. Was sich geändert hat, ist, dass die Non-Bewegungen der Welt eine solche konformistische Politik mit ihrem antiformalistischen Antrieb gestört haben.

Heute tendiert alle Politik zur Identitätspolitik, nicht weil identitäre Trennungen geklärt und verhärtet sind, sondern weil sie zunehmend in Frage gestellt und verwirrt werden. Einerseits ist dies eine einfache Funktion der anhaltenden kapitalistischen Stagnation, in der sich Transformationen im Produktionsprozess mit sich verschlechternden ökonomischen Trends verbinden, um die Erwartungen an die Stabilität von Beschäftigung, Gesundheit, Wohnort und Familienleben zu untergraben. Andererseits werden Identitäten weiter herausgefordert, bis hin zu dem Punkt, an dem ihr eigenes Überleben in Frage gestellt wird, wenn die Notwendigkeit, diese sich ständig verschlechternden Bedingungen zu bekämpfen, die realen Grenzen der Zusammenarbeit zwischen den Klassenfraktionen übersteigt und die Non-Bewegungen sich auf die Straßen, Plätze und Kreisverkehre ausbreiten. Solche Räume sind notwendigerweise verworren, denn ihre Herstellung erfordert eine aktive Verwirrung der unterschiedlichen Identitäten. Dieser Prozess ist heikel, denn er beinhaltet einen Tanz der Identitätspolitik mit hohem Einsatz, der immer Gefahr läuft, rein performativ, bitter und sogar gewalttätig zu werden.

Die jüngste Wiederholung von Black Lives Matter kann dabei als Instanz eines allgemeinen Musters betrachtet werden, das die globale Akkumulation von Non-Bewegungen gekennzeichnet hat. Die Demonstrationen, Unruhen und Angriffe auf Denkmäler, die seit dem 26. Mai über die USA hinweg fegten, stellen eine enorme Vermischung von bis dahin getrennten und sogar gegensätzlichen Elementen dar. Innerhalb dieser Verschmelzung wuchern interne Spaltungen, sowohl entlang der Linien bereits existierender Identitäten, als auch neuer, die durch den Kampf entstanden sind. In der “George Floyd Rebellion” können wir auf die Spaltung zwischen „Tag“ und „Nacht“ hinweisen, die den eher friedlichen Protesten der Mittelklasse und den eher proletarischen Akten des Aufruhrs und der Plünderung entspricht. [99] Wir könnten auch von der Spaltung zwischen „gewalttätig“ und „gewaltfrei“ sprechen, oder von der Spaltung zwischen Großstädten und Kleinstädten, von denen viele in diesem Moment ihre ersten Demonstrationen erlebten. Aber am auffälligsten war vielleicht die ethnische Zusammensetzung dieser Proteste.

Es besteht kaum ein Zweifel daran, dass schwarze Proletarier*innen den Weg vorgaben, sowohl bei den anfänglichen Unruhen in Minneapolis als auch bei späteren Fällen von gezielten Plünderungen in Chicago und Philadelphia. Bei der überwiegenden Mehrheit der Proteste und sogar bei vielen Krawallen scheinen jedoch Teilnehmer*innen, die sich als „weiß“ identifizieren, die Mehrzahl der Menschen auf den Straßen ausgemacht zu haben. [100] Dies zeigt sich in den Meinungsumfragen, die danach gefragt haben, ob Menschen protestiert haben, in den von Soziologen durchgeführten Umfragen zur Menschenmenge, in den meisten von der Polizei veröffentlichten Verhaftungsberichten und sogar in der Handy-Analyse einiger Schauplätze von Krawallen. [101] Diese Tatsache wird sowohl von der Linken als auch von der Rechten oft ignoriert, vermutlich weil es ihr eigenes Identitätsgefühl stört. Und doch ist es genau die Massenmobilisierung des „weißen Amerikas“, die diesen Aufstand von anderen vergleichbaren Bewegungen unterscheidet, wie Black Lives Matter im Jahr 2015, sowie die Welle von Unruhen, die in den 1960ern durch amerikanische Städte fegte. [102]

Es ist möglich, dies als einen massenhaften Verrat am Weißsein zu interpretieren, der mit einem allmählichen, aber anhaltenden Rückgang rassistischer Einstellungen korrespondiert, insbesondere bei jungen Amerikaner:innen. Aber wenn „Antirassismus“ das universelle Schlagwort der Bewegung war, ist es wichtig zu verdeutlichen, dass es für verschiedene Menschen unterschiedliche Dinge bedeutet hat. In den Auswirkungen der Bewegung auf die Kultur können wir einen bemerkenswerten Anstieg des performativen Antirassismus erkennen, der sich um individuelle Ansprüche auf ethnische Repräsentation und antirassistische Tugenden organisiert. Wir sehen dies nicht nur in den üblichen Kontexten von Online-Diskussionen und Hochschulbildung, sondern auch in der parlamentarischen Politik und bis zu einem gewissen Grad auf der Straße, wo es manchmal durch verbleibende Strömungen des Nationalismus begünstigt wurde, die mehr als bereit sind, ethnische Grenzen zu kontrollieren. Man kann leicht Beispiele dafür finden: Demokratische Politiker*innen, die in Kente-Kleidung knien, weiße Christ*innen, die symbolisch die Füße schwarzer Pastoren waschen, und die immer größer werdende Zahl von „Diversity-Trainer*innen“ und „schwarzen Führer*innen“, die den Weißen der Mittelschicht immer das zu sagen scheinen, was sie hören wollen: Geht nach hinten, bleibt in eurer Spur, bleibt gewaltlos, zieht euch in individuelle Übungen der Schuldbewältigung und Wiedergutmachung zurück. [103]

Es ist jedoch wichtig zu erkennen, dass dies nicht die dominante Form des Antirassismus war, die sich nach dem 26. Mai durchsetzte. Wir sahen stattdessen etwas, das der „Identitätspolitik“, die wir in diesem Artikel beschreiben, viel näher kommt: eine Politik derjenigen, die wissen, dass Spaltungen entlang ethnischer Linien aktiv in Frage gestellt werden müssen, wenn sie eine Kraft gegen die Polizei (und die Politik, die hinter ihr steht) bleiben wollen. Ausdrücke der interethnischen Einheit waren häufig auf Transparenten zu sehen und in Sprechchören zu hören, aber sie wurden durch konzertierte Aktionen für ein gemeinsames Ziel verwirklicht, sei es die Belagerung eines Polizeireviers, das Niederreißen eines Denkmals oder die Verteidigung der Menge gegen Polizeiangriffe. Wenn Aktivist*innen in solchen Situationen versuchen, die Menge ethnisch zu trennen (oder die ethnische Zugehörigkeit von Menschen zu überprüfen, um das gewünschte Maß an Vielfalt herzustellen), werden sie oft zu Recht als Vollendung der Arbeit der Bullen und Faschisten gesehen, indem sie die Bewegung spalten und schwächen.

In der Tat kann man den Aufstand als eine Revolte der letzteren, pragmatischen Form des Antirassismus gegen die erstere, performative Form betrachten. Schließlich richteten sich die Randalier*innen in erster Linie gegen Stadtverwaltungen, die von liberalen Bürgermeister*innen geführt wurden, von denen viele ihre Karrieren auf einem performativen antirassistischen Trick aufgebaut hatten. Diese Bürgermeister, von denen bemerkenswert viele schwarze Frauen waren, schützten nun mörderische Polizist:innen, überwachten die Brutalisierung von Demonstrant:innen und – im Fall von Chicago – zogen die Zugbrücken hoch, um ein überwiegend schwarzes Proletariat aus dem wohlhabenden Stadtzentrum auszusperren. Ihr Diskurs der Vielfalt und Inklusion hielt die schwarzen Proletarier:innen nicht davon ab, die von ihnen verwalteten Städte niederzubrennen und zu plündern; aber sie waren auch nicht effektiv darin, das weiße Amerika davon zu überzeugen, zu Hause zu bleiben und „die Arbeit zu machen“. Stattdessen erhoben sich Hunderttausende (vielleicht Millionen) von Weißen gegen diese liberalen, schwarzen oder POC-Bürgermeister, und in den meisten Fällen waren sie in der Lage, an der Seite ihrer schwarzen Nachbar*innen zu kämpfen, ohne sie zu bevormunden. [104]

Aber wenn die “George Floyd Revolte” also einen „Verrat am Weißsein“ darstellte, so war es nicht genau die Art, die einst von der Zeitschrift Race Traitor verteidigt wurde. Es war kein strategischer Verrat, der die Macht der Arbeiter*innenklasse zum Ziel hatte, sondern eher ein spontaner Verrat neoliberaler Subjekte, angeheizt durch Zorn und Ekel, die sich weigern, das zu sein, was sie sind, und in der Verwirrung des Kampfes kurz erahnen, was sie sein könnten. Dies ist der positive Sinn dessen, was wir „Verwirrung“ nennen. Er kann auch beobachtet werden, als Islamisten den Tahrir-Platz betraten, als Anhänger*innen des Front National sich den Blockaden der Kreisverkehre anschlossen oder als die chilenische Mittelschicht auf die Straße ging, um an der Seite von Anarchist*innen und Ultras gegen die Polizei zu kämpfen. Eine solche Verwirrung über politische, kulturelle und ethnische Grenzen hinweg ist sowohl verbreiteter als auch weniger kompliziert, als die antirassistische liberale Vorstellungskraft zu träumen vermag (vor allem für Proletarier*innen, die weniger zu verlieren haben, oder wenn die leistungsorientierte Ordnung erschüttert wird).

Doch während eine Verschmelzung in der Hitze des Kampfes möglich, ja sogar leicht ist, hält sie selten an. (105) Und während die Verwirrung der Non-Bewegungen oft auf einem Verrat an dem beruht, was wir sind, erlauben sie uns selten, unser altes Leben hinter uns zu lassen. Wir revoltieren gegen einen einsamen Zustand (eine Einsamkeit, die durch social distancing und Lockdowns nur verschärft wird), aber die Revolten befriedigen selten den Hunger nach Gemeinschaft, der die Revolten ins Leben gerufen hat. [106] Einige Aktivist:innen treffen sich zwar, und viele Menschen werden zum ersten Mal Aktivist*innen, aber es gibt keine Gemeinschaft der Taktik, sondern nur eine vorübergehende Übereinstimmung zwischen politischen und taktischen Identitäten: Gilets Jaunes, Milizen, Antifa, Frontleute und „Community Leaders“ – eine Welt von Stämmen, Gangs, Gauner*innen. [107] Die Non-Bewegungen haben sich im Allgemeinen schwer getan, Nachbarschaftsversammlungen zu bilden oder dauerhafte Verbindungen zur Organisierung am Arbeitsplatz aufzubauen. Stattdessen unterbrechen sie abrupt das alltägliche Leben und markieren die Zeit wie die nummerierten „Akte“ der Gilet Jaunes oder die Massendemonstrationen jeden Freitag in Chile, wenn sich die Menschen in noch nie dagewesener Zahl versammeln, um ihrer Wut Ausdruck zu verleihen und sich dann sofort wieder zerstreuen, entweder in ihr individuelles Leben oder in ihre verschiedenen identitären Stämme.

Dieser Mangel an Kohärenz ist auch kein taktischer oder strategischer Vorteil. Es waren eher das Ausmaß und die Reichweite der Mobilisierungen als ihre Vielfalt an Taktiken, die die Polizei überwältigten – und es war oft die anfängliche Brutalität der Polizei, die für das Ausmaß und die Reichweite verantwortlich war. Alle Teilnehmer*innen können sehen, dass ab einem bestimmten Punkt die Verwirrung der Mobilisierung, ihr Mangel an nachhaltiger Organisation, ein Hindernis für die Ausweitung des Kampfes ist. Doch indem sie die Identität ihrer Teilnehmer*innen verwirren, stellen die Non-Bewegungen einen Schmelztiegel dar, in dem wir die Herausbildung eines neuen Menschentyps sehen können, eines weniger panischen oder domestizierten, als es Agamben und andere befürchtet haben. Wir haben argumentiert, dass die Non-Bewegungen Veränderungen in der Reproduktion der täglichen Existenz und damit des menschlichen Lebens nutzbar machen und radikalisieren. Veränderungen, die die Explosionen auf den Straßen, die wir im letzten Jahrzehnt gesehen haben, möglich machen. Unsere Wette ist daher, dass diese anthropologische Verschiebung weitergehen wird, nachdem die Kämpfe auf den Straßen durch Repression zerschlagen wurden oder aufgrund mangelnder Organisation oder Ausdauer im Sande verlaufen, da die Non-Bewegungen Ausdruck der anti-formalistischen Logik unserer Zeit sind.

Die Verwirrung der Identitäten ist heute die Voraussetzung der Möglichkeit zur Revolte, aber auch eine Grenze, die es zu überwinden gilt. Kurz- bis mittelfristig erwarten wir, dass sie zunehmend problematisiert wird, sowohl im praktischen als auch im theoretischen Sinne. Diese Grenze könnte auf die Notwendigkeit einer neuen Art von Organisation hinweisen, wie es ein Freund kürzlich formulierte (in Anspielung auf eine Underground-Hip-Hop-Gruppe): eine Organisierte Konfusion. [108] Man könnte das sogar eine „kommunistische Partei“ nennen, obwohl sie, wie einige Genoss*innen kürzlich argumentierten, ganz anders aussehen müsste als die Parteien von einst. [109] Sie müsste insbesondere an ein Proletariat appellieren, das nicht mehr von den Resten der Arbeiter*innenbewegung durchsetzt ist und sich mit Teilen der Überschussbevölkerung und deklassierten Mittelschichten in Revolten gegen eine allgemeine Verelendung zusammenschließt. Eine solche unsichtbare Partei müsste also auch an jene rebellischen Gruppen appellieren, seien es Lumpen oder entrechtete Mittelschichten, die in noch nie dagewesener Zahl auf die Straße gegangen sind, in Wellen, die die Unbeständigkeit unserer Zeit ausdrücken. Vielleicht muss sie sogar an jene Teile der Klasse appellieren, die derzeit gegen die Non-Bewegungen mobilisiert sind, um die Feindschaft zu brechen, die die Polizei stärkt und die Kämpfe in die Logik des Krieges treibt. Doch da die Non-Bewegungen, wie wir in diesem Text wiederholt argumentiert haben, die subjektiven Zeichen der Stagnation des Kapitalismus sind, besteht ihre vielleicht wichtigste Aufgabe darin, sich dieses latenten Zustands bewusst zu werden und sich auf das potentielle Ende eines Systems auszurichten, das sich bereits im chronischen Niedergang befindet. Die Non-Bewegungen signalisieren, dass das Proletariat keine romantische Aufgabe mehr hat. [110] Es kann weder eine Bevölkerung mobilisieren noch um die Hegemonie kämpfen. Im Gegenteil, es kann unsere wankende Ordnung – die in gewissem Sinne bereits die Fundamente der Klassengesellschaft untergräbt – nur überwinden, indem es sich weiterhin allen Versuchen einer Verjüngung der politischen Welt widersetzt.

Die ersten Stolpersteine aus unserer anarchischen Epoche liegen in den Identitätsverwirrungen, die die Non-Bewegungen in ihrem Hunger nach menschlicher Gemeinschaft bezeugen. Dieser Hunger wurde bisher weder durch Siege gestillt noch durch Repressionen ruhig gestellt, weshalb wir glauben, dass unsere Epoche weiterhin von der Ansammlung von Revolutionären ohne Revolution geprägt sein wird. Die Hungrigen kleiden sich in Gelb und benutzen die fragmentierte Sprache der Identität statt der Klasse, weil der gesamte Rahmen der Linken zusammengebrochen ist. Wenn ein pragmatischer Antirassismus die performative Art während des “George Floyd Aufstandes” überwältigt hat, dann deshalb, weil die Pragmatik der Revolution ihre Poesie nicht mehr aus der toten Welt der Ideologien bezieht. Die Revolution des 21. Jahrhunderts muss die Toten ihre Toten begraben lassen, um zu ihrem eigenen Inhalt zu gelangen. Die Aufgabe für eine zeitgemäße Wissenschaft der Spezies besteht also darin, noch einmal die Runen unserer Zeit zu lesen, um zu verstehen, wie die Non-Bewegungen selbst die antiformalistische Tendenz unserer Epoche offenbaren und wie wir in ihrer Verwirrung die Finsternis der gesellschaftlichen Formen, die wir Kapital, Staat und Klasse nennen, erkennen können. Da der Kommunismus die wirkliche Non-Bewegung ist, die diese gesellschaftlichen Formen abschafft, sagen wir zu den Massen, die sich unserer wankenden Ordnung entgegenstellen – avanti barbari! - vorwärts, Barbaren!

End Notes, Dezember 2020

Fußnoten

[1] In den Vereinigten Staaten waren dies nicht wirklich spontane Aufstände der Belegschaft, sondern wurden in der Regel von Interessengruppen inszeniert, die entweder mit dem Vorstoß zur Zerschlagung großer Tech-Monopole oder mit der von Labour Notes nahen „Amazonians United“ verbunden waren.

[2] Die Bewegung nahm eine vertrautere antifaschistische Gestalt an, als ein Trump-Anhänger in Kenosha, Wisconsin, zwei Menschen tötete. Die erste Präsidentschaftsdebatte zwischen Trump und Biden, die selbst eine Inszenierung unseres chaotischen Zeitalters war, warf eine Frage auf, die einer Crimethinc-Fibel würdig ist: ob die Antifa „eine Idee oder eine Organisation“ ist, während liberale Journalisten für NPR und die New York Times sich mit dem aufständischen Anarchismus beschäftigten.

[3] Siehe die Texte von Cesare Battisti , ehemaliges Mitglied der Bewaffneten Proletarier für den Kommunismus (PAC), der aus dem Gefängnis heraus schrieb, dass „Was wir erleben, ist nicht mehr ein Krieg gegen Ideologien, sondern der entscheidende Angriff des Kapitals gegen den Menschen als Gemeinschaft von Körper und Geist.„; von dem Philosophen Giorgio Agamben, der von vielen Linken angegriffen wurde, weil er es wagte, die Lockdowns zu kritisieren; und von dem Situationisten Gianfranco Sanguinetti, der argumentierte, dass „[w]ir Zeugen der Zersetzung und des Endes einer Welt und einer Zivilisation sind, nämlich der der bürgerlichen Demokratie mit ihren Parlamenten, ihren Rechten und Mächten und Gegenmächten.

[4] Julien Coupat et alii, „Choses vues„, Reporterre, 4. September, 2020.

[5] Weltbank, „Covid-19 to Plunge Global Economy into Worst Recession since World War II„, 8. Juni 2020 und Carmen Reinhart & Vincent Reinhart, „The Pandemic Depression The Global Economy Will Never Be the Same“ Foreign Affairs, Oktober 2020.

[6] Kamunist Kranti, „A Glimpse of Social Churnings: Attempts at Conversational Interactions during Global Covid Lockdowns„, September 2020.

[7] Siehe zum Beispiel Mikkel Bolt Rasmussen, Trump’s Counter- Revolution (Washington, USA: Zero Books, 2018). Für einen klassischen Text zum Begriff der Konterrevolution siehe Amadeo Bordiga, „Lezioni delle controrivoluzioni“ Bollettino interno del PCInt (1951), vor kurzem in dem englischen übersetzt in The Science and Passion of Communism: Selected Writings of Amadeo Bordiga (1912-1965) (Brill 2020), S. 268-282.

[8] Natürlich, wie Nate Holdren vor kurzem argumentiert hat, gibt es wenig, was an Trump selbst wirklich außergewöhnlich ist. Jenseits all des Spektakels, verkörpert Trump lediglich seine Klassenposition. Er hat sich in der New Yorker Finanzkrise die Zähne ausgebissen, indem er inmitten des Chaos öffentliche Gelder abschöpfte. Seitdem ist er in ständiger, frenetischer Bewegung, schlägt Kapital aus dem Umbruch, unabhängig von der Quelle seines Reichtums, und plündert, so viel er kann, bevor der nächste große Umbruch (oder Bankrott) kommt. Dennoch war die Übernahme der Exekutive durch den FIRE-Sektor an sich politisch bedeutsam, aus den Gründen, die wir im Text skizzieren. Was Trump letztlich signalisiert, ist, dass die starken Männer unserer Zeit nur Spaltungen produzieren und die Angst vor einem Bürgerkrieg schüren können. Siehe zum Beispiel Mike Davis‘ jüngste Analyse von Bidens Sieg, die mit der folgenden dramatischen Schlussfolgerung endet: „Tiefgreifende Strukturen der Vergangenheit sind während Trumps Präsidentschaft ausgegraben worden und haben die Erlaubnis erhalten, die Zukunft zu erdrosseln. Bürgerkrieg? Manche Analogien sind unvermeidlich und sollten nicht einfach abgetan werden.“ Mike Davis, „Trench Warfare: Notes on the 2020 Election„, New Left Review no, 126, 2020.

[9] Der venezolanische Journalist Moisés Naím argumentierte kürzlich, dass Wahlen ihre stabilisierende Kraft verlieren: „Tiefgreifende politische Spaltungen plagen heute die meisten Demokratien der Welt. Sie werden so extrem, dass viele Bürger ihre politische Identität als Gegensatz zu ‚der anderen Seite‘ definieren. … Die Wut und Feindseligkeit gegenüber denjenigen, die gegensätzliche politische Ansichten vertreten, ist so groß, dass Gegner nicht einmal als legitime politische Akteure akzeptiert werden.“ Moisés Naím, „The Winner of the US election? Polarisation„, El País, 24. November 2020.

[10] Ein Beispiel für eine solche illiberale Entwicklung ist der sogenannte Ley Mordaza, das Knebelgesetz, in Spanien, das gegen die sozialen Bewegungen im Jahr 2015 eingeführt wurde und das während der Pandemie massiv eingesetzt wurde. Ein weiteres Beispiel ist das französische Sicherheitsgesetz, das unter anderem die Verbreitung von Bildern der Polizei in sozialen Medien verbieten würde. Natürlich können wir den Liberalismus nicht mit Demokratie identifizieren, so unterschiedliche Figuren wie der Zentrist Yascha Mounk und der Stalinist Domenico Losurdo erinnern uns an die aristokratische und undemokratische Dimension der liberalen Tradition. Dennoch ist der Liberalismus die Hauptideologie der bürgerlichen Rechten, und es ist die Krise dieser Rechten, die unsere gegenwärtige Periode zu einem großen Teil prägt und vielleicht sogar den Aufstieg eines abendländischen Despotismus signalisiert.Wenn wir also argumentieren, dass Kämpfe eine liberale Dimension haben, bestehen wir hauptsächlich auf der Tatsache, dass (1) Menschen gegen die Beschneidung von Rechten kämpfen; (2) sie als neoliberale Subjekte produziert werden und oft liberale Rhetorik benutzen und liberale Forderungen stellen; (3) sie drücken aus, wie die meritokratische und liberale Ordnung im Niedergang ist und überall auf der Welt an Legitimität verliert.

[11] Die Daten in dieser und allen folgenden Abbildungen stammen aus der GDELT-Ereignisdatenbank (rechte Handachse) und dem Global Satisfaction with Democracy 2020 Report (linke Handachse). GDELT verwendet Algorithmen zur Verarbeitung natürlicher Sprache und zum Data Mining, um Protestereignisse aus konventionellen und sozialen Medien zu identifizieren. Wir haben alle Ereignisse aus ihrer Datenbank extrahiert, die als von Zivilisten gegen die Regierung, die Polizei, die Justiz, die Wirtschaft oder die Eliten geführt kodiert wurden. Für ihre Schätzungen der demokratischen Legitimität sammelten Roberto Foa und seine Kollegen über 4 Millionen Antworten aus 3.500 Umfragen, ob die Menschen mit der Demokratie in ihren Ländern zufrieden oder unzufrieden waren. Diese vierteljährlichen Daten, gewichtet nach Bevölkerungszahl, wurden freundlicherweise von Foa zur Verfügung gestellt.

[12] Es sollte betont werden, dass diese Proteste und Aufstände auch dazu neigen, viel größere Zahlen als früher zu involvieren und über einen längeren Zeitraum zu dauern. 2010 war der Beginn einer globalen Streikwelle und 2020 sahen wir den größten Streik in der Geschichte, der in Indien stattfand, so wie letztes Jahr der längste Streik in Frankreich seit 1968 stattfand. Der George-Floyd-Aufstand war die größte Bewegung in der modernen Geschichte der Vereinigten Staaten, und wir haben die größten Demonstrationen , Unruhen und Universitätsbesetzungen seit Jahrzehnten in Vereinigten Königreich, Chile und Kanada erlebt.

[13] Jacques Camatte, “De la révolution”, Invariance, series II no. 2

(1972).

[14] Ibid.

[15] In der Tat waren einige Siege, die errungen wurden, nicht kraftlos, sondern vielmehr entscheidend. Proteste in Tunesien führten Anfang 2018 zur Aufhebung des Staatshaushalts; ein paar Monate später musste der Premierminister Hani Mulki aufgrund der Proteste in Jordanien zurücktreten, ebenso wie der irakische Premierminister Adil Abdul-Maahdi; 2019 zwangen Proteste im Libanon die Premierminister Saad Hairi und Hassan Diab zum Rücktritt; 2020 wurde die Verfassung in Chile überarbeitet und Proteste in Peru führten zum Rücktritt des Interimspräsidenten Manuel Merino und in Guatemala wurde der Staatshaushalt außer Kraft gesetzt, nachdem Teile des Kongressgebäudes niedergebrannt wurden.

[16] Wie Wildcat überzeugend dargelegt hat, befinden wir uns aus globaler Sicht ebenso in einer Ära der Streiks wie der Unruhen: „Die Jahre 2006 bis 2013 waren geprägt von einer Welle von Massenprotesten auf den Straßen, Streiks und Aufständen in einem noch nie dagewesenen Ausmaß. Laut der Friedrich-Ebert-Stiftung New York ist die Welle nur mit den revolutionären Umwälzungen von 1848, 1917 oder 1968 vergleichbar – der Think-Tank analysierte zwischen 2006 und 2013 insgesamt 843 Protestbewegungen, in 87 Ländern, die 90 Prozent der Weltbevölkerung abdecken. Proteste aller Art, gegen soziale Ungerechtigkeit, gegen Krieg, für echte Demokratie, gegen Korruption, Aufstände gegen Lebensmittelpreiserhöhungen, Streiks gegen Arbeitgeber, Generalstreiks gegen Sparpolitik.“

[17] Das Referendum vom Oktober 2020 hat den Bewegungen einen echten Sieg beschert, der nicht unbedingt eine Deeskalation des Konflikts durch eine demokratische Rückgewinnung impliziert. Im Gegenteil, es scheint eine breitere, vielleicht epochale Veränderung für eine Zeit zu bedeuten, von der man sagen kann, dass sie mit der neoliberalen Diktatur von Augusto Pinochet begann.

[18] Schätzungsweise 15-26 Millionen Menschen haben allein im Mai und Juni an den Protesten teilgenommen. Siehe Larry Buchanan et al. „Black Lives Matter May Be the Largest Movement in US History“ in The New York Times, 3. Juli 2020.

[19] Siehe Asef Bayat, Life as Politics: How Ordinary People Change the Middle East (Kairo: American University, 2013) und „The Urban Subalterns and the Non-Movements of the Arab Uprisings„, Jadaliyya Webseite 2013.

[20] Siehe Jacques Camattes „Lettre à propos de Greta Thunberg„, 20. Mai 2019, Invariance Webseite. Für Camatte ist „passive Revolte“ kein abwertender Begriff und auch keine Anspielung auf Gramscis „passive Revolution“, sondern vielmehr eine Form seismischer Aktivität oder spasmatischer Reaktion der Spezies.

[21] „The Urban Subalterns and the Non-Movements of the Arab Uprisings“ Jadaliyya Webseite 2013.

[22] Wie wir in Abschnitt 5 unten argumentieren, wird die Identität zunehmend zur Vermittlerin des Klassenkampfes, wenn der Wachstumsmotor des Industriekapitalismus nachlässt und die Arbeiterbewegung auf eine sektionale Interessenvertretung reduziert wird.

[23] Während wir die negative Valenz des Begriffs „Identitäts Politik“ ablehnen, ersetzen wir ihn nicht durch eine positive. In dem spezifischen Sinn, in dem wir den Begriff verwenden, betonen wir ihren “ antiformalistischen“ Charakter. Der Begriff ist für uns eher analytisch als normativ, er bezeichnet die spannungsgeladene Aushandlung von Identität, die sowohl Voraussetzung als auch Folge der sich heute weltweit ausbreitenden populären Massenmobilisierungen ist.

[24] Ähnliche Sicherheitsgesetze wurden kürzlich in Hongkong eingeführt. Hoffen wir, dass die Cortèges de tete erfolgreicher sein werden als die Frontliners.

[25] Siehe Christoper Lasch, The Culture of Narcissism (Abacus 1980), Jean Baudrillard, America (Verso 2010) und Sergio Bologna, „The Tribe of Moles„, 1977. Auf den letztgenannten Text lohnt es sich besonders zurückzukommen, da Bologna eine tiefgreifende Transformation des Staates beschreibt, der die Konflikte unserer Zeit strukturiert: „Das ‚Parteiensystem‘ zielt nicht mehr darauf ab, Konflikte zu repräsentieren, noch sie zu vermitteln oder zu organisieren: Es delegiert sie an ‚wirtschaftliche Interessen‘ und stellt sich als spezifische Form des Staates dar, getrennt von und feindlich gegenüber den Bewegungen in der Gesellschaft. Das politische System wird starrer, der Zivilgesellschaft frontaler gegenübergestellt. Das Parteiensystem ‚empfängt‘ nicht mehr die Vorstöße von der Basis; es kontrolliert und unterdrückt sie.“

[26] Arbeit, Armut und Einkommen überbestimmen die Non-Bewegungen, aber die Proletarisierung als primärer Mechanismus der Trennung postuliert sowohl Identitäten als auch deren Störung, oder vielmehr postuliert Identitäten durch Partikularisierung von Interessen innerhalb eines zunehmend fragmentierten Arbeitsmarktes.

[27] Matthew Yglesias, „The Great Awokening“ Vox April 2019. Gilles Dauvé ist einer, der in den letzten Jahrzehnten immer wieder an die anthropologische Dimension sowohl des Kapitalismus als auch des Kommunismus erinnert hat: „Der Kommunismus ist eine anthropologische Revolution in dem Sinne, dass er mit dem zu tun hat, was Marcel Mauss in The Gift (1923) analysiert hat: eine erneuerte Fähigkeit zu geben, zu empfangen und zu erwidern. Es bedeutet, den Nachbarn nicht mehr als Fremden zu behandeln, aber auch den Baum am Straßenrand nicht mehr als ein Stück Landschaft zu betrachten, das von Gemeindearbeitern gepflegt wird.Vergemeinschaftung ist die Herstellung eines anderen Verhältnisses zu anderen und zu sich selbst, in dem Solidarität nicht aus einer moralischen Pflicht geboren wird, die uns äußerlich ist, sondern aus praktischen Handlungen und Beziehungen untereinander.“ Gilles Dauvé, „Communisation„, Troploin 2011, fetter Text im Original.

[28] Asaf Bayat, Revolution without Revolutionaries: Making Sense of the Arab Spring (Stanford University Press, 2017), xi.

[29] Michael Lind, „The Double Horseshoe Theory of Class Politics“ The Bellows, 16. Juli 2020.

[30] Carl Schmitt: Staat, Bewegung, Volk (Hanseatische Verlagsanstalt, 1933).

[31] Siehe Gilles Dauvé, „Yellow, Red, Tricolour, or: Class & People“, Juni 2019. Siehe auch Temps Critiques, L’évènement Gilets Jaunes Mai 2019.

[32] Siehe Punkt acht unserer LA-Thesen : „Das ist es, was wir meinen, wenn wir sagen, dass das Klassenbewusstsein heute nur das Bewusstsein des Kapitals sein kann. Im Kampf um ihr Leben müssen die Proletarier das zerstören, was sie trennt. Im Kapitalismus ist das, was sie trennt, auch das, was sie eint: Der Markt ist sowohl ihre Atomisierung als auch ihre gegenseitige Abhängigkeit. Es ist das Bewusstsein des Kapitals als unsere Einheit im Getrennten, das uns erlaubt, aus den bestehenden Verhältnissen heraus – wenn auch nur als fotografisches Negativ – die Fähigkeit der Menschheit zum Kommunismus zu postulieren.

[33] Siehe Gáspár Miklós Tamás, „Telling the truth about class“ Socialist Register 2006.

[34] Die Zersplitterung der Linken in Chile in eine Vielzahl von Parteien, Sekten und Gruppen zeigt, dass die Linke selbst zu einer Identität unter anderen geworden ist, und zwar einer, die an sich für den Erfolg und die Entwicklung der Non-Bewegungen nicht von großer Bedeutung ist.

[35] Hier und im Titel spielen wir auf den Klassiker des Essays von Amadeo Bordiga „Avanti, Barbari!“ Battaglia Comunista Nr. 22, 1951, übersetzt ins Englische: hier. Für eine ausführlichere Diskussion der Barbarei siehe Robert Hullot Kentor, „What Barbarism Is“ , Brooklyn Rail, Februar 2010. In seinem letzten Buch The Decadent Society argumentiert Ross Douthat, dass die Barbaren zu „unorganisiert, schlecht geführt, konspirativ und antiintellektuell“ sind um unsere „dekadente Gesellschaft“ zu bedrohen. Bezeichnend ist, dass der amerikanische Pop-Konservative nicht nur die Massen für die Ablehnung von Familie, Arbeit und sogar Sex ablehnt, er enthüllt, dass das einzige, was die heutigen Konservativen erhoffen können, den kapitalistischen Fortschritt zu bewahren. Aber die Non-Bewegungen zeigen das Ende dieses Fortschritts und offenbaren, dass Dekadenz der einzige Ausweg aus unserer Sackgasse sein könnte. Das ist es, was T. W. Adorno in seinem brillanten Essay über Oswald Spenglers Spenglers The Decline of the West: „In einer Welt des brutalen und unterdrückten Lebens wird die Dekadenz zur Zuflucht eines potentiell besseren Lebens, indem sie sich von diesem und seiner Kultur lossagt, seiner Rohheit und ihrer Erhabenheit. Die Machtlosen, die auf Spenglers Kommando von der Geschichte beiseite geworfen und vernichtet werden sollen, sind die negative Verkörperung in der Negativität dieser Kultur von alles, was die Diktatur der Kultur zu brechen und dem Schrecken der Vorgeschichte ein Ende zu setzen. In ihrem Protest liegt die einzige Hoffnung, dass das Schicksal und die Macht nicht das letzte Wort haben werden. Was sich dem Untergang des Westens entgegenstellen kann, ist nicht eine wiederauferstandene Kultur sondern die Utopie, die im Bild seines Untergangs stillschweigend enthalten ist.“ T. W. Adorno, „Spengler After the Decline“ Prisms (Cambridge 1997).

[36] Belege für die Zusammensetzung des George-Floyd-Aufstandes siehe Abschnitt 5 unten.

[37] Dies wurde der längste Generalstreik in der französischen Geschichte, der nur durch die Durchsetzung der Lockdowns besiegt werden konnte. Siehe Rona Lorimer, „French Strike in the State of Exception„, Endnotes Sept 2020.

[38] Dies gilt selbst dann, wenn sie zu einer (potenziell) neuen

Verfassung wie in Chile führen, da diese Veränderung weniger eine Wende zu einer neuen Normalität als eine Vertiefung einer unregierbaren Situation bedeutet. Die 80 Prozent, die für die neue Verfassung gestimmt haben, haben auch dafür gestimmt, dass sie von anderen als den regierenden Politikern geschrieben werden soll, und auch wenn die Parteien diesen Prozess wahrscheinlich mittragen werden, war die Abstimmung selbst wohl ein Votum gegen das politische System.

[39] Rassismus ist die Quintessenz amerikanischer Ungerechtigkeit, diejenige, die alle anderen zusammenzufassen scheint, und zugleich die Quintessenz der Willkür und damit des Bösen. Der Anti-Rassismus bietet somit das einigende Prinzip, das den unglücklichen Amerikanern sonst nicht zur Verfügung steht, und erlaubt es ihnen, ihre Differenzen vorübergehend außer Kraft zu setzen, indem sie sich gegen ein weithin geschmähtes Übel vereinen. Aber wir argumentieren weiter unten, dass auf einer tieferen Ebene die Abscheu vor rassistischen Polizisten die antipolitische Frustration und Wut widerspiegelt, die so viele bereits gegenüber diesem Krisenregime empfinden. Natürlich bedeutet „Antirassismus“ für verschiedene Menschen unterschiedliche Dinge. Für Joseph Rosenbaum und Anthony Huber, die von einem Teenager in Kenosha, Wisconsin, getötet wurden, bedeutete es eindeutig, sich mit ihren schwarzen Nachbarn im Kampf gegen eine Polizei, die auch sie schikaniert hatte zu vereinen. Wie Hubers Freund kommentierte: „Ich würde nicht sagen, dass er politisch war, aber ich denke, er hasste definitiv Rassisten.“ Auf der anderen Seite für Mark Mason, dem Finanzchef der Citigroup, bedeutet es eine zweischneidige Chance, von seinen weißen Geschäftsfreunden belohnt und gewürdigt zu werden, indem er indem er öffentlich behauptet, er und George Floyd teilten eine gemeinsame Erfahrung der Unterdrückung. Siehe Abschnitte 4 und 5 unten.

[40] Für Cowen haben die industriellen Überkapazitäten die USA in ein bimodales System gespalten: „eine fantastisch erfolgreiche Nation, die in den technologisch dynamischen Sektoren arbeitet, und alle anderen.“ Tyler Cowen, Average is over : Powering America beyond the Age of the Great Stagnation (Plume 2014).

[41] Für eine interessante Reflexion über das Erstarken des Rechtspopulismus als Reaktion auf die Werte-Revolution, die man mit 1968 bezeichnen kann, siehe Pippa Norris & Ronald Inglehart, Cultural Backlash: Trump, Brexit, and Authoritarian Populism (Cambridge University Press 2018).

[42] Die Trumps und Bolsonaros der Welt produzieren die Basis für einen

allgemeinere gesellschaftliche Umwälzung, die das Potenzial hat, die derzeitige demokratische und liberale Form zu übersteigen. Es scheint unwahrscheinlich, dass die Bidens des Planeten diese Entwicklung aufhalten können. Vielleicht können sie eher die Mittelschichten demobilisieren und die interklassische Konvergenz auf den Straßen blockieren, die notwendig ist, um einen dauerhaften Wandel zu bewirken. Doch da Obama weder Occupy noch Black Lives Matter aufhalten konnte und Macron den Gilets Jaunes eindeutig Auftrieb gegeben hat, ist unsere Wette, dass Trumps Wahlniederlage weder den Status quo stabilisieren noch uns von der Gefahr einer illiberalen Demokratie befreien wird. Die Krise der Repräsentation ist tiefer als Trump, und die politischen Spaltungen, die er mit sich bringt, werden unsere Welt auch während Bidens Präsidentschaft plagen. Es könnte dem System Zeit verschaffen, aber es wird den Kapitalismus nicht weniger unregierbar machen.

[43] Timothy Garton Ash, „Revolution: The Springtime of Two Nations“ New York Times, 15. Juni 1989.

[44] Robert Kurz, Der Kollaps der Modernisierung: Vom Zusammenbruch des Kasernen-Sozialismus zur Krise der Weltökonomie (Eichborn 1991).

[45] Amadeo Bordiga, „Tracciato d’impostazione„, Prometeo no. 1 (1946).

[46] Ibid.

[47] Thomas Piketty, „http://piketty.pse.ens.fr/files/Piketty2019.pdf“ World Inequality Database Working Paper (2018).

[48] Siehe auch Paul Mattick, Marxism, Last Refuge of the Bourgeoisie? (M.E. Sharpe, 1983).

[49] Siehe „Tesi su Benjamin“ in Mario Tronti, La politica al tramanto (Einaudi, 1998).

[50] Bordigas Argument war, dass der Faschismus aufgrund seiner fehlenden Legitimität den Klassenkampf radikalisiert hätte. Er behauptete 1947 in einem wichtigen Text, dass „die Reihenfolge nicht lautet: Faschismus, Demokratie, Sozialismus – sie lautet vielmehr: Demokratie, Faschismus, Diktatur des Proletariats.“ Siehe „Tendenze e Socialismo„, Prometeo, 1947. Bordigas Bordigas kontrafaktische Überlegungen sollten nicht einfach abgetan werden, aber sie neigen dazu eine Form von perverser Fiktion zu werden und könnten verglichen werden mit Katherine Burdekins Swastika Night (1937) oder Philip K. Dicks The Man in the High Castle (1962).

[51] David Ranney, New World Disorder (2014)

[52] Natürlich kann man Alter und Bildung auch durch die Linse der Klasse denken. „Alter“ im Sinne der Boomer-Generation, die von der Sozialdemokratie profitiert hat (durch den Kauf von Eigentum, das nun eine Quelle des Reichtums ist); „Bildung“ in dem Sinne, dass die „Demokratisierung“ der höheren Bildung kein einheitlicher Prozess war und viele immer noch von der Akademie ausgeschlossen sind.

[53] Amadeo Bordiga, „Tracciato d’impostazione„, Prometeo no. 1 (1946).

[54] Ibid.

[55] Ibid.

[56] Ibid.

[57] Ibid.

[58] Und, wie ein Genosse kürzlich in Bezug auf den Floyd-Aufstand sagte: „[r]evolutionäre Aktivität sollte an ihrer Fähigkeit gemessen werden, von möglichst vielen Menschen nachhaltig verteidigt zu werden. Wenn revolutionäre Gewalt dazu neigt, die Teilnehmer zu isolieren, anstatt sie zu verteidigen, richtet sie mehr Schaden als Nutzen an.“ „At the Wendy’s: Armed Struggle at the End of the World„, Ill Will, 9. November 2020.

[59] Moisés Naím schrieb treffend über Bidens Sieg und die damit einhergehende Polarisierung: „Polarisierung resultiert nicht nur aus Ressentiments, die durch wirtschaftliche Not oder die durch soziale Medien angestachelte Kampfeslust entstehen. Anti-Politik – die totale Ablehnung von Politik und traditionellen Politikern – ist ein weiterer wichtiger Treiber. Politische Parteien müssen sich nun mit einer Fülle neuer Konkurrenten („Bewegungen“, „Wellen“, „Fraktionen“, NGOs) auseinandersetzen, deren Agenda auf der Ablehnung der Vergangenheit und auf Taktiken, die Unnachgiebigkeit fördern.“ Moisés Naím, „The Winner of the US election? Polarisation,“ El País, 24. Nov. 2020.

[60] Ein revolutionärer Ausbruch kann eine noch radikalere Abschaltung der Wirtschaft nach sich ziehen.

[61] Perry Anderson, „Why the system will still win“ Le Monde Diplomatique, 2017.

[62] Siehe René Riesel und Jaime Semprun, Catastrophism, disaster management and sustainable submission for a critique of a catastrophism that fuels the state as well as many social movements: „Als eine Form des falschen Bewusstseins, das spontan aus dem Boden der Massengesellschaft geboren wird – das heißt aus der überall geschaffenen ‚angstauslösenden Umgebung‘ -, drückt der Katastrophismus also in erster Linie die Ängste und traurigen Hoffnungen all jener aus, die ihr Heil von einer auf der Verstärkung von Zwangsmaßnahmen basierenden Versicherheitlichung erwarten. Er wird aber auch, manchmal deutlich genug, als eine Erwartung ganz anderer Art wahrgenommen: die Sehnsucht nach einem Bruch mit der Routine, nach einer Katastrophe, die wirklich ein Kulminationspunkt wäre, der die Luft reinigen und die Mauern des sozialen Gefängnisses wie von Zauberhand zum Einsturz bringen würde. Der Geschmack nach dieser latenten Katastrophe konnte durch den Konsum der zahlreichen Produkte der Unterhaltungsindustrie befriedigt werden, die zu diesem Zweck hergestellt wurden. Zuschauern wird diese Entladung der Angst-Lust genügen.“

[63] Jacques Camatte argumentierte bereits 1977, dass die Utopie einer Welt jenseits der Arbeit tendenziell zu einer Art kapitalistischem Traum in einer postindustriellen Welt werden würde. Er schrieb ironisch: „Die Forderung nach der Abschaffung der Arbeit ist auch ein Element der Utopie des Kapitals: die Verwirklichung eines zahn- und gliedmaßenlosen Menschen [une humanité anodonte et phocomoele], wenn auch nicht durch das effektive Verschwinden von Zähnen und vorderen Gliedmaßen, sondern als Folge ihres Nichtgebrauchs; weil der Mensch vom Kapital, seinem parasitären Benutzer, abhängig wurde.“ Jacques Camatte, „La révolte des étudiants italiens„, Invariance, Serie III, Nr. 5 & 6, 1980.

[64] Angry Workers of the World, „The necessity of a revolutionary working class program in times of coup and civil war scenarios“ Oktober 2020.

[65] Letzteres erfordert eine kollektive Untersuchung, wie die Non-Bewegungen ein wirkliches Bedürfnis ausdrücken, die Grundlage des gegenwärtigen proletarischen (und weitgehend bürgerlichen) Lebens zu überwinden, das, was uns spaltet und in identitäre Konflikte verstrickt hält.

[66] Amadeo Bordiga, „The immediate program of the revolution“ Sul filo del tempo, Mai 1953.

[67] Siehe Fußnote 32 oben.

[68] Heute äußert die breite Öffentlichkeit Sympathie für die Zerstörung von Eigentum und die Schändung bestimmter Denkmäler. Mathew Impelli „54 Percent of Americans Think Burning Down Minneapolis Police Precinct Was Justified After George Floyd’s Death“ Newsweek, 3. Juni 2020.

[69] Silvia Staubli, Vertrauen in die Polizei: Comparisons across Easternand Western Europe (transcript 2017).

[70] „[Die Macht der Polizei] ist formlos, wie ihre nirgends greifbare, alles durchdringende, geisterhafte Gegenwart im Leben der zivilisierten Staaten. Und wenn auch die Polizei im Einzelnen überall dieselbe zu sein scheint, so lässt sich doch schließlich nicht leugnen, dass ihr Geist dort weniger verheerend ist, wo sie, wie in der absoluten Monarchie, die Macht eines Herrschers repräsentiert, in der sich legislative und exekutive Oberhoheit vereinen, als in den Demokratien, wo ihr Dasein, durch kein solches Verhältnis gehoben, von der größten denkbaren Entartung der Gewalt zeugt.“ Walter Benjamin, „Critique of Violence“ Reflections (Schocken 1986) S. 287.

[71] „Ich habe keine besondere Liebe für den idealisierten ‚Arbeiter‘, wie er im Kopf des bürgerlichen Kommunisten erscheint, aber wenn ich einen tatsächlichen Arbeiter aus Fleisch und Blut im Konflikt mit seinem natürlichen Feind, dem Polizisten, sehe, muss ich mich nicht fragen, auf welcher Seite ich stehe.“ George Orwell, Hommage an Katalonien (Harvill 1938) S. 138. Beachten Sie jedoch, dass sich auch Proletarier manchmal auf die Polizei verlassen, um Streitigkeiten zu schlichten, Schaden zu rächen und ihr Eigentum und ihre Würde vor Bedrohungen von innerhalb und außerhalb ihrer Gemeinschaften zu schützen.

[72] „Das ‚Recht‘ der Polizei markiert tatsächlich den Punkt, an dem der Staat, sei es aus Ohnmacht oder wegen der immanenten Zusammenhänge innerhalb jeder Rechtsordnung, die empirischen Zwecke, die er um jeden Preis erreichen will, nicht mehr durch die Rechtsordnung garantieren kann. Deshalb greift die Polizei ‚aus Sicherheitsgründen‘ in unzähligen Fällen ein, in denen keine eindeutige Rechtslage besteht.“ Benjamin, „Critique of Violence“, S. 287.

[73] „Warum brandmarken sie uns Mit Niedertracht? mit Niedertracht? Bastardität? niederträchtig, niederträchtig? Die, in der lüsternen Heimlichkeit der Natur. Mehr Zusammensetzung und Wildheit als in einem dumpfen, schalen, müden Bett, Ein ganzer Stamm von Dummköpfen zur Schöpfung geht, Zwischen Schlafen und Aufwachen? Nun denn, Legitimer Edgar, ich muss Euer Land haben: Unseres Vaters Liebe gilt dem Bastard Edmund Was den Rechtmäßigkeit angeht: Schönes Wort, rechtmäßig! Nun, mein Legitimer, wenn dieser Brief eilt, und meine Erfindung gedeiht, wird Edmund der Niedrige Edmund, der Unedle, wird den Legitimen übertreffen. Ich wachse, ich gedeihe: Nun, ihr Götter, steht auf für Bastarde!“ – König Lear, 1. Akt, 2. Szene

[74] „Wenn der Konflikt kommt, was unweigerlich der Fall sein wird, darf nicht versucht werden, die verschiedenen Individuen, die das Kapital verteidigen, auf die Ebene ‚bestialischer‘ oder mechanischer Gegner zu reduzieren; sie müssen in den Kontext ihrer Menschlichkeit gestellt werden, denn Menschlichkeit ist das, wovon auch sie wissen, dass sie ein Teil davon sind und potenziell wiederfinden können. In diesem Sinne nimmt der Konflikt intellektuelle und spirituelle Dimensionen an. Die Darstellungen, die die Verteidigung des Kapitals durch den einzelnen Menschen rechtfertigen, müssen aufgedeckt und entmystifiziert werden; die Menschen in dieser Situation müssen sich des Widerspruchs bewusst werden, und es müssen Zweifel in ihren Köpfen entstehen.“ Jacques Camatte, „Gegen die Domestizierung“ Serie Invariance II, no. 3, 1973.

[75] Ibid.

[76] Ibid.

[77] Eric Hazan, „Sur La Police, Une Opinion Minoritaire“ Lundi Matin, April 18, 2016.

[78] Bei der Entwicklung von Sorels Unterscheidung zwischen dem politischen und proletarischen Generalstreik, schreibt Benjamin: „Während die erste Form der Unterbrechung der Arbeit gewaltsam ist, da sie nur eine äußere Änderung der Arbeitsbedingungen bewirkt, ist die zweite, als reines Mittel, gewaltlos. nicht gewalttätig. Denn sie findet nicht in der Bereitschaft zur Wiederaufnahme der Arbeit statt nach äußeren Zugeständnissen und dieser oder jener Änderung der Arbeitsbedingungen, sondern in der Entschlossenheit, nur eine gänzlich veränderte, nicht mehr staatlich erzwungene Arbeit wieder aufzunehmen, eine Umwälzung, die diese Art von Streik nicht so sehr verursacht als vielmehr vollendet.“ Benjamin, „Critique of Violence“, S. 291-292.

[79] Ruth Wilson Gilmore, Golden Gulag (University of California Press 2007), S. 178.

[80] Es ist nicht nur so, dass die Ausgaben für Polizei und Gefängnisse einen winzigen Bruchteil der Sozialausgaben ausmachen (und immer ausmachen werden), sondern in den USA ist diese Form der Sparsamkeit im föderalistischen Steuer- und Ausgabensystem festgeschrieben, denn die Stadtverwaltungen, die für die Polizei zahlen, haben die geringsten Möglichkeiten, Einnahmen zu erzielen. Siehe Eric Levitz, „Defunding the Police Is Not Nearly Enough“, New York Magazine, 12. Juni 2020.

[81] Siehe Tristan Leoni, „Abolish the Police“ DDT21, September 2020. Siehe auch das unten diskutierte Beispiel von Camden, NJ.

[82] Siehe Marie Gottshaulk, The Prison and Gallows (Cambridge University Press 2006) über die Schlüsselrolle von Demokratie und “ victim’s rights“ beim Aufbau von Amerikas Gefängnisstaat.

[83] Siehe Gilles Dauvé, „For a World Without Moral Order“ (1983) und La Banquise, „Pour un monde sans innocents„, (1986). Die Antagonism Press-Ausgabe oder „For a World Without A Moral Order“ (Für eine Welt ohne moralische Ordnung) hatte auf ihrer Rückseite das treffende Zitat: „Der Kommunismus kennt keine Ungeheuer“.

[84] Die USA liegen weltweit auf Platz 30 bei den polizeilichen Tötungen pro Kopf, aber mit Abstand an der Spitze unter den reichen Ländern (Polizei-Tötungen nach Staaten). Zum Vigilantismus siehe Christopher Waldrep, The Many Faces of Judge Lynch (Palgrave 2002), der auf Amerikas Tradition der Volkssouveränität sowie seine Skepsis gegenüber der juristischen Autorität aus der Revolutionszeit als Erklärung für seine langjährige Vorliebe für Lynchmorde hinweist.

[85] Siehe z. B. John Dollard, Caste and Class in a Southern Town (Double Day 1937). Neuere Arbeiten von Gabriel Lenz weisen darauf hin, dass die Mordrate an Schwarzen in den Städten des Südens während dieser Ära höher war als an jedem anderen Ort und zu jeder anderen Zeit in der amerikanischen Geschichte. Zu den politischen Reaktionen der Schwarzen auf „under-policing“ siehe James Forman Jr., Locking Up Our Own (Farrar, Straus and Giroux 2017).

[86] Christopher Rufo, „The End of Chaz“, City Journal, 1. Juli 2020. Basierend auf 2 Tötungsdelikten (mit 4 zusätzlichen Schießereien) in der 24-tägigen Geschichte, schätzte Rufo eine CHAZ-Mordrate von 1.216 pro 100.000 Einwohner. Diese Zahl ist natürlich durch die geringe Größe der CHAZ aufgebläht, aber selbst wenn wir davon ausgehen, dass Rufos Schätzung um den Faktor 10 höher ist, hätte die CHAZ immer noch die zweithöchste Mordrate der Welt (ein Rekord, der derzeit von El Salvador gehalten wird, mit 61 Tötungsdelikten pro 100.000 im Jahr 2017).

[87] Camden, das von einigen als Lösung für die gesamten USA angesehen wird, hat lediglich die „Stadt“ durch ein „Landkreis“-Polizeirevier ersetzt (hauptsächlich, um die Polizeigewerkschaften zu zerschlagen), alle Polizisten wieder eingestellt und viele neue Mitarbeiter eingestellt (sie haben jetzt eine der größten Polizeibehörden pro Kopf der Bevölkerung im ganzen Land) Joseph Goldstein und Kevin Armstrong, „Could This City Hold the Key to the Future of Policing in America?“, New York Times, 12. Juli 2020. Minneapolis hat kürzlich das „Büro für Gewaltprävention“ geschaffen, was zumindest auf eine kreativere Umbenennungsstrategie hindeutet.

[88] Einige schwarze Milizen hatten offenbar zuvor mit Mitgliedern der Boogaloo Boyz bei der Verteidigung von lokalem Eigentum zusammengearbeitet – ein Beispiel für das, was wir oben als „eine dem Zeitalter von QAnon würdige Querfront“ bezeichnet haben. Nevada, „Imaginary Enemies: Myth and Abolition in the Minneapolis Rebellion„, Ill Will, November 17, 2020.

[89] Dauve und Nesic, „Jailbreak“ in An A to Z of Communisation , Troploin, 2015.

[90] Nevada, „Imaginary Enemies

[91]Diese Unordnung spaltet die Bevölkerung entlang der Linien Faschismus/Antifaschismus und lässt das Gespenst des bewaffneten Kampfes aufkommen. Wie einige Genossen kürzlich schrieben, „wollen uns die reaktionären Kräfte im gegenwärtigen Moment in einen Kulturkrieg und bewaffnete Auseinandersetzungen hineinziehen – eine Art von Kampf, in dem die Arbeiterklasse nur verlieren kann.“ Angry Workers of the World, „The necessity of a revolutionary working class program in times of coup and civil war scenarios“ Let’s Get Rooted Oct 2020.

[92] Giorgio Agamben, „For a Theory of Destituent Power“ (Vortrag gehalten in Athen 2013). Agamben zitiert Pasolini, der seinerseits Sade interpretiert hat.

[93] Piñeras Rede ist auf Youtube zu finden.

[94] Die Vereinigten Staaten von Amerika, Großbritannien, Kanada, Australien und Neuseeland.

[95] Siehe Endnotes LA Thesen (2016), insbesondere Punkt fünf: “ Gleichzeitig brachte der Niedergang der Arbeiteridentität eine Vielzahl von anderen Identitäten, die sich in Bezug auf Kämpfe organisierten, die bis dahin mehr oder weniger verdrängt worden waren. Die daraus resultierenden „neuen sozialen Bewegungen“ machten im Nachhinein deutlich, in welchem Ausmaß die homogene Arbeiterklasse in Wirklichkeit einen vielfältigen Charakter hatte. Sie haben auch festgestellt, dass Revolution mehr als die Reorganisation der Wirtschaft beinhalten muss: Sie erfordert die Abschaffung von geschlechtlichen, rassischen und nationalen Unterscheidungen und so weiter. Aber in dem Wirrwarr von Identitäten, jede mit ihren eigenen partikularen Interessen, ist es unklar, was genau diese Revolution sein muss. Für uns ist die überschüssige Bevölkerung kein neues revolutionäres Subjekt. Vielmehr bezeichnet sie eine strukturelle Situation, in der sich kein Teil der Klasse als revolutionäres Subjekt präsentieren kann.“

[96] Eric Hobsbawm, „Identity Politics and the Left“ New Left Review, Mai/Juni 1996. Die Abhängigkeit der offiziellen Arbeiterbewegung vom heimischen Wachstum erklärt, warum ihr Universalismus selten über die Welt des Bürgerlichen und die beiden Apparate, die sie prägten, hinausging: die Fabrik und der Staat. Die Identitätspolitik stellt die Krise dieser Welt dar.

[97] Siehe die Abschnitte 122-124 von Apocalypse and Revolution und den Kommentar der Übersetzer in Endnotes 5 S. 299. Interessanterweise stellt Cesarano die Arbeiter und Angestellten neben die anderen „konterrevolutionären Befreiungsbewegungen“.

[98] Bart Bonikowski und Daniel Ziblatt, „Mainstream conservative parties paved the way for far-right nationalism“ Monkey Cage Symposium, The Washington Post, 2. Dezember 2019.

[99] Shemon und Arturo, „Thesen zur George-Floyd-Rebellion„, Sunzi Bingfa 13. Juli 2020.

[100] Weiße waren nicht die Mehrzahl in mehrheitlich schwarzen Städten wie Atlanta und Detroit, aber sie waren auf den Straßen überrepräsentiert im Verhältnis zu ihrem Anteil an der Bevölkerung dieser Städte. Man beachte, dass die Bedeutung von „Weißsein“ selbst veränderbar ist. Weniger Einwanderer und weniger Kinder von Ethnisch gemischten Paaren entscheiden sich heute dafür, sich als „weiß“ zu identifizieren. Wenn wir, Ignatiev folgend, das Wesen des Weißseins als das vermeintliche Privileg des „Weiß-Werdens“ betrachten, dann ist es eines, das viele Amerikaner jetzt abzulehnen scheinen. Siehe Paul Gilroy, „Whiteness Just Ain’t Worth What it Used to Be“ The Nation, 28. Oktober 2020.

[101] Für Meinungsumfragen zur Protestbeteiligung siehe Larry Buchanan et al. „Black Lives Matter May Be the Largest Movement in US History“ sowie spätere Berichte von Pew und Civis Analytics. Dana Fischer und ihre Kollegen haben Publikumsbefragungen durchgeführt und berichten darüber hier und hier . Zusammenfassungen der ersten Verhaftungsdaten werden in der Washington Post und dem Marshall Project veröffentlicht . Siehe abschließend den Bericht einer Tech-Firma (inzwischen aufgrund von politischem Druck vom Netz genommen) über die Demografie von Handy-Benutzern, die innerhalb von Aufstandsgebieten und -zeiten geografisch lokalisiert wurden. Alle diese Berichte deuten darauf hin, dass Weiße entweder in der Mehrheit waren oder bei den Protesten überrepräsentiert waren im Verhältnis zu ihrem Anteil an der Stadtbevölkerung. Dies wiederum war ein Hauptpunkt der Kritik von schwarzen und anderen demokratischen Lokalpolitikern, die sich von den Proteste bedroht fühlten.

[102] Die Schlussfolgerung des Endnotes Artikels Brown vs. Ferguson ist hier relevant: „Wenn sich die ethnische Zugehörigkeit als die Lösung eines kompositorischen Rätsels präsentieren konnte, indem sie durch absteigende Modulationen eine neue Einheit heraufbeschwor, so mündet diese Einheit selbst in eine weitere kompositorische Sackgasse, da ein weiterer Abstieg sie zu zerstören droht. Jetzt, da das Ghetto seine Fähigkeit wiederentdeckt hat, zu revoltieren und dadurch Veränderungen zu erzwingen, werden andere, größere Teile der armen Amerikaner – Weiße und Latinos – untätig danebenstehen?“

[103] Siehe: We Still Outside Collective, „On the Black Leadership and Other White Myths“ Ill Will, 4. Juni 2020 und Idris Robinson, „How It Might Should be Done,“ Sunzi Bingfa, 24. August 2020.

[104] Natürlich hatte vieles davon auch eine performative Dimension, aber es war eine Performance, die eher einem praktischen kollektiven Zweck diente (dem Kampf gegen die brutale und rassistische Polizei) als einem Versuch von Individuen, Rang, Anerkennung oder Erlösung zu erlangen.

[105] Auch wenn die Ursachen für die Verwirrung sicherlich schon vorher vorhanden waren und die Kämpfe selbst überleben werden.

[106] Das Gefühl der sozialen Isolation scheint in vielen Industrieländern zu wachsen und könnte ein weiterer Faktor sein, der den Ausbruch der Revolte in den letzten Jahren ausgelöst hat. Siehe Bianca DiJulio et al, Loneliness and Social Isolation in the United States, the United Kingdom, and Japan (Kaiser Family Foundation 2018).

[107] Die geschätzten 10 Milliarden Dollar, die in diesem Jahr an eine Vielzahl von Organisationen geflossen sind, die um den Mantel der authentischen ethnischen Repräsentation wetteifern, werden nichts „zurückgewinnen“, aber sie werden eine neue Generation von Geschäftemachern ermöglichen, von denen einige zweifellos eine befriedende Rolle spielen werden, während von anderen zu erwarten ist, dass sie eine Eskalation unterstützen.

[108] Robinson, „How It Might Should be Done„.

[109] Angry Workers beschreiben die Notwendigkeit einer „Organisation, die unter den Tech-Arbeitern verwurzelt ist, ohne sich an deren intellektuelle Unbedarftheit anzubiedern“. Unter den produktiven Massenarbeitern, ohne deren gewerkschaftlichen Branchendenken zu fördern. Unter den Armen, ohne ihre aufständischen Illusionen und populistischen Tendenzen zu schüren“ „The necessity of a revolutionary working class program in times of coup and civil war scenarios„.

[110] „In Bordigas Vorstellung waren Stalin und später Mao, Ho usw. ‚große romantische Revolutionäre‘ im Sinne des 19. Jahrhunderts, d.h. bürgerliche Revolutionäre. Er war der Meinung, dass die stalinistischen Regime, die nach 1945 entstanden, durch ihre Agrarpolitik und durch die Entwicklung der Produktivkräfte nur die bürgerliche Revolution, d.h. die Enteignung der preußischen Junkerklasse durch die Rote Armee, fortsetzten. Auf die Thesen der französischen Ultralinken „Sozialismus oder Barbarei“, die das Regime nach 1945 als staatskapitalistisch denunzierten, antwortete Bordiga mit einem Artikel „Avanti Barbari! (‚Vorwärts Barbaren!‘), der die bürgerlich-revolutionäre Seite des Stalinismus als seinen einzigen wirklichen Inhalt anpries.“ Loren Goldner, „Communism is the Material Human Community: Amadeo Bordiga Today“, Critique Nr. 23, 1991.

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