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Warum Cioran heute ?

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5 Mai , 2020  

“Man denkt, man beginnt zu denken, um Bindungen zu zerreißen, um Verwandtschaften aufzulösen, um das Gerüst des “Wirklichen” zu untergraben.” 1 Emil Cioran

Ein Vortrag, ein  Nachwort zu Cioran ist heuer ein notwendiger Nachruf, ein Nachschrei auf die Kritik, das aphoristische Denken, die unbequeme Nicht-Anpassung, das Widerstandsdenken, die Unabhängigkeit und Integrität des Denkens wider die Unterhaltungsphilosophie unserer Tage und die Triumphzüge des mittelmäßigen Ökonomismus, der alle Lebensbereiche nützlich und pragmatisch vereinnahmt und untergräbt – Ciorans Aphorismen sind ein Remedium gegen unseren Zeitungeist und beharren auf einer Unbestechlichkeit des Denkens, wie sie leider immer mehr zu verloren gehen scheint. Wenn sich Cioran im Aphorismus behauptet, dann behauptet er sich in einer leidenschaftlichen Ohnmacht, die ihm eine gewisse menschliche Würde zurück gibt – in der französischen Sprache, dem Stil und dem aphoristischen Denken, die ihm eine zweite fragile, überempfindliche und lädierte zivilisierte Haut der Distanzierung verschafft haben. Eine gute Haut sozusagen, die sein aufbrausendes, bisweilen Aus- der-Haut- fahrendes Ketzer- und Rebellentum sensibel schützt und beschützt.

Die erste Haut war nämlich durch seine rumänischen Frühschriften, seine entfesselte Begeisterung für den Faschismus und die „Eiserne Garde“ sowie seinem problematischen Antisemitismus stark verbrannt, sie war dünn und durchlässig für das Feuer der jungen Jahre, Cioran schreibt dazu: „Ich habe keine Leidenschaften, sondern vorschnelle Begeisterung gehabt. Nur wegen des Zeitpunktes, zu dem sie stattfanden, hat man mich für einen Fanatiker gehalten, und ich habe die Folgen meiner Kapricen ertragen müssen, als wären sie Überzeugungen gewesen.“2

Cioran verbrachte sogar einige letztlich aber doch enttäuschende Stipendien-Jahre im Berlin des Nazi-Deutschlands. Der Wechsel in die französische Sprache war vielleicht Ciorans größter Glücksfall:

„Wenn ich nicht nach Frankreich gekommen wäre, hätte ich vielleicht geschrieben, aber ich hätte niemals gewusst, dass ich schreibe.“3

In „Cafard“ antwortet Cioran ausführlich: „Ich habe eine komplizierte Einstellung zu der französischen Sprache. Als ich Französisch zu schreiben begann, habe ich mir gesagt, das ist keine Sprache für mich. Ich fühlte mich wie in einer Zwangsjacke. Aber jetzt, seit einigen Jahren, seitdem die französische Sprache am „Sinken“ ist, überall fühle ich mich irgendwie gebunden an diese untergehende Sprache. Die Franzosen sind, ich würde nicht sagen gleichgültig, aber sie akzeptieren die Sache – ich nicht. Und je mehr die französische Sprache von der Welt boykottiert wird, desto mehr fühle ich näher an dieser Sprache. Und das vielleicht auch, weil die verlorenen Sachen, alles, was nicht klappt und gelingt, eine Anziehungskraft auf mich ausüben. Und diese Isolierung der französischen Sprache fasziniert mich … Die Strenge der französischen Sprache ist mit meinem Temperament unvereinbar. Aber genau das gefällt mir jetzt an dieser Sprache.“4 Und: „Der Wechsel von Rumänisch zu Französisch ist wie der Wechsel von einem Gebet zu einem Vertrag“ 5 – an anderer Stelle formuliert er bissig: „Das französische Genie – ein Genie des Formulierens. Ein Volk, das Definitionen liebt, also das, was den geringsten Bezug zu den Dingen hat.“ 6

Bei den Definitionen bleibt Cioran aber auch nicht stehen, er wagt den Schritt darüber hinaus ins Offene, zum Aphorismus, der nur auf den ersten Blick definiert – angelehnt an die Raffinesse, die Klarheit, die Eleganz und die Genauigkeit der Französischen Moralisten (vor allem La Rochefoucauld, Chamfort und Rivarol) entwickelte er einen ganz eigenen Stil, der die denkerischen Wurzeln von Nietzsche, Lichtenberg und Schopenhauer nicht verleugnete, sondern ergänzte: “Die Wollust des Geistesblitzes ist mir zu eigen. Das verbindet mich eng mit dem achtzehnten Jahrhundert.“7 Er schätzte an den Moralisten ihr Geheimnis: „Die große Kunst besteht darin, über sich selbst in einer unpersönlichen Art zu sprechen.“ 8

Balzac beschrieb die Französischen Moralisten so wunderbar treffend: „Diese Leute brachten ganze Bücher in ein Bonmot unter, während man heute kaum ein Bonmot in einem Buch findet.“ 9

Cioran hatte zu Lebzeiten alle Preise abgelehnt – außer dem Prix Rivarol. Und das war vielleicht kein Zufall (außer der Tatsache, dass er die Preis-Gelder dringend benötigte) – stand er doch dem Kaffeehausfreund Chamforts und seinem politisch-philosophischen Skeptizismus nicht fern. Rivarol war es auch, der sich essayistisch mit den Vorzügen der Französischen Sprache auseinandersetzte und ihre Vormachstellung in Europa legitimierte und dafür mit einer Streitschrift 1784 einen Preis der Berliner Akademie errang. Ciorans ungezügeltes Temperament formierte sich in seinen Aphorismen, die er selbstkritisch begleitete – denn schließlich ist der Aphorismus – neben dem Drama vielleicht noch – die am stärksten über sich reflektierende Gattung : „Die Aphorismen kultivieren nur diejenigen, die das Bangen inmitten der Worte kennengelernt haben, jenes Bangen mit allen Worten zusammen einzustürzen.“10 Und zur permanenten Selbsthinterfragung: „Ich werde die Weisen nicht mehr lesen. Sie haben mir zu viel Schaden zugefügt. Ich hätte meinen Instinkten nachgeben, meine Torheit entfalten sollen. Ich habe genau das Entgegengesetzte getan, ich habe die Maske der Vernunft angelegt, die Maske hat schließlich mein Gesicht ersetzt und alles Übrige in Besitz genommen.“ 11

Erkenntnis und Weisheit stehen dem Leben entgegen und so schreibt Cioran schon 1937 in Rumänisch auch gegen das ihn gefällte Vorurteil des Pessimismus noch ganz vitalistisch: „Je mehr ich die Pessimisten lese, umso mehr liebe ich das Leben. Nach einer Stunde Schopenhauer-Lektüre führe ich mich wie ein frisch Verlobter auf. Schopenhauer hat recht, wenn er behauptet, das Leben gleiche einem Traum. Aber er begeht einen schweren Fehler, wenn er die Illusionen, statt sie aufzubauschen, entlarvt und glauben macht, es gebe etwas anderes als sie.“12 Daraus folgert Cioran – auch als zärtliche Liebeserklärung an das Leben lesbar: „Die Tatsache, daß das Leben keinen Sinn hat, ist ein Grund, um zu leben. Übrigens der einzige.“ 13 Auf dieser Basis konnte Cioran sein Bewusstsein über die unauflösbaren Widersprüchlichkeiten des Menschen durch seine philosophische Unbestechlichkeit, seinen Trairismus als rumänische Spielart des Existentialismus entwickeln, die dem Leser oft genug in seinen Bann schlägt und unter die Haut fährt.

Eine kleine Auswahl von Cioran-Aphorismen :

„Wir sind am Abgrund einer Hölle von der jeder Augenblick ein Wunder ist.“14

„ Ich bin ein Hiob ohne Freunde, ohne Gott und ohne Aussatz.“15

„Die Schlaflosigkeit ist die einzige Form von Heldentum, die mit dem Bett vereinbar ist.“16

„Ein Mensch, der etwas auf sich hält, hat kein Vaterland. Ein Vaterland, das ist Vogelleim.“17

„Wenn ich an Gott glaubte, würde meine Arroganz keine Grenzen kennen: ich würde nackt auf den Straßen spazieren gehen.“ 18

„Wieviel tausend Nervenzellen kostet jeder Gedanke? Das ist die allererste Frage, ein lebendiger Denker sich stellen müsste.“19

 „Ein Gedanke muss befremdlich sein wie die Ruine eines Lächelns.“20

„Deutschlands Drama: keinen Montaigne gehabt zu haben. Welche Chance für Frankreich, dass es mit einem Skeptiker begonnen hat.“21

„Wie alle Bilderstürmer habe ich meine Götzenbilder nur deshalb zerschlagen, um mich vor ihren Scherben hinzuknien.“22

„Das Unglück, nicht unglücklich genug zu sein…“23

„Die Menschheit hat stets nur diejenigen angebetet, die sie ins Verderben stürzten.“ 24

„Es kommt ein Augenblick, wo man sich nur noch selbst nachäfft.“25

„Ich habe nie erfahren, was Sein heißt, außer gelegentlich in höchst unphilosophischen Momenten.“ 26

„Die Religionen sterben am Mangel an Paradoxie.“27

Kurz zur Biographie Ciorans, die uns nicht zum Biographismus verführen soll, Cioran selbst hat das Problem so formuliert: „Es ist unglaublich, dass die Aussicht, einen Biographen zu haben, noch keinen darauf verzichten ließ, ein Leben zu haben.“28 Geburtsstunde dieses Lebens war bei Cioran der 8.4. 1911 in Rasinari, einem Bergdorf nahe Sibiu oder Hermannstadt – damals noch ungarischer Teil der Habsburgerdoppelmonarchie. Nach dem ersten Weltkrieg, Cioran ist Sieben, kommt Siebenbürgen zu Rumänien. Ciorans Eltern machen Karriere in der griechisch-orthodoxen Kirche. Über sie schreibt er: „Ich bin das Ergebnis widersprüchlicher Erbanlagen. Ich erkenne in mir den Charakter meines Vaters, aber vorwiegend den meiner Mutter: eitel, kapriziös, trübsinnig. Ich bin aber keineswegs willens, meine unvereinbaren Gegensätze auszugleichen (oder eher ihre in mir), im Gegenteil, ich habe sie gezüchtet, verschlimmert und gepflegt.“29 Er selbst empfindet seine Kindheit mit seinen zwei Geschwistern als frei und undogmatisch – rückblickend eine Art verlorenes Paradies für das Naturkind Cioran: „Werden wir jemals das Drama eines Menschen verstehen, der sein Leben lang das Paradies nie hat vergessen können?“30 und andersherum: „hätte er eine traurigere Kindheit gehabt“, wäre er „in seinen Gedanken viel optimistischer gewesen.“ 31 Denn „nicht jeder hat das Privileg einer unglücklichen Kindheit gehabt. Meine war überglücklich: gekrönt. Ich finde kein besseres Adjektiv, um das auszudrücken, was sie an Großartigem, Triumphalen besaß, sogar in ihren Schrecken. Dafür musste bezahlt werden, das konnte nicht ungestraft bleiben“32

Früh kommt er mit der Philosophie in Kontakt, nach dem Abitur studiert er in Bukarest Philosophie und Ästhetik, verkehrt in einschlägigen Kaffeehäusern und verfasst erste Beiträge. 1932 legt er sein Examen in Philosophie ab und schreibt über Henri Bergson eine unveröffentlichte Diplomarbeit, interessiert sich aber auch für russische Spiritualisten und das Für und Wider von Systemdenken und Systemdenkern.

Durch die Humboldtstiftung gefördert verkehrt Cioran von 1933-1935 in Deutschland, in Berlin, München und Dresden. Mit „Auf den Gipfeln der Verzweiflung“ entsteht sein erstes Buch. Dann gelangt er ein Jahr in den rumänischen Schuldienst, wo er aber mit unglaublichen Auseinandersetzungen mit den Schülern, mit den Kollegen, mit dem Schuldirektor aneckte.33 In dieser Zeit entstehen erste aphoristische Sammlungen wie das „Buch der Täuschungen“. Ende 1937 geht Cioran nach Paris, um eine Dissertation über Nietzsches Ethik zu schreiben. Dazu kommt es aber nicht, Cioran bereist stattdessen zu Fuß und per Rad die Grande Nation. Während des Zweiten Weltkrieges pendelt er zwischen Deutschland, Rumänien und Frankreich und lernt Simone Boué kennen und schätzen, die ihn als Philologin an die französische Sprache führte, finanziell unterstützte und über mehrere Jahrzehnte die, wie man hört und liest, kluge, besonnene und geistreiche Frau an Ciorans Seite war – ein Lebensfaktum, das freilich in der Cioran-Forschung fast unterschlagen wird. Cioran beschreibt zu seiner Beziehung zu Boué nüchtern sezierend:

„Ich meine, wenn ein Schriftsteller mit einer Frau lebt, die für beider Leben verdient, dann ist er ein Zuhälter. Viele respektable Schriftsteller, die ich kenne in Paris, haben als Parasiten ihrer Frau gelebt. In diesem Sinne, obwohl nicht verheiratet, war ich ein Zuhälter.“ 34

1949 erscheint mit der „Lehre vom Zerfall“ sein erstes Buch in französischer Sprache beim renommierten Gallimard-Verlag. 1960 bezieht Cioran eine kleine Mansardenwohnung nahe des Jardin du Luxembourg nachdem er zuvor hauptsächlich in verschiedenen Hotels lebte, 1987 erschien mit „Der zersplitterte Fluch“ sein letztes Buch, 1993 stürzt Cioran und 1995 verstirbt er in einem Pflegeheim. Obwohl er zeitlebens mit den Religionen haderte: „Welchen Beistand kann die Religion einem Gläubigen geben, der vom Gott und dem Teufel enttäuscht ist?“ 35– wurde er denkbar religiös auf dem Friedhof Montparnasse bestattet – nach einem rumänischen Zeremoniell.

Cioran beteuerte: „Im Grunde genommen habe ich ein sehr glückliches Leben gehabt, insofern als ich immer frei war. Ich darf mich nicht beklagen, es gibt nicht viele Leute, die eine Existenz wie die meinige haben.“36 Zur vielfach bemühten Etikettierung des Pessimisten und Verzweifelten erklärt er: „Ich habe nur dann geschrieben, wenn ich nichts anderes hätte machen können – aus Notwendigkeit. Ich will sagen, meine Schriften, meine Bücher geben nur teilweise ein Bild von dem, was ich gelebt und auch gesagt habe. Denn ich schreibe nur dann, wenn ich deprimiert bin, im Zustand der Verlassenheit und Verzweiflung.“ 37

Und tatsächlich, glaubt man seinem Biograph Patrice Bollon („Der Ketzer“) war er ein brillanter Plauderer und gefiel sich im Balkanischen Geschwätz mit Gott und der Welt – vor allem aber mit Prostituierten und Landstreichern, denen er sich als Außenseiter nahe fühlte.38 In einem Geleitbrief zu Fernando Savaters „Versuch über Cioran“ schreibt er so im Oktober 1973:

„ Jahrelang erhielt ich den Besuch eines Bettlers, der mir alle möglichen Fragen über Gott, die Materie, das Böse usw. zu stellen pflegte, auf die ich natürlich keine Antwort zu geben wusste. Diese Fragen trug er mit sich herum, wälzte sie in allen nur möglichen Richtungen hin und her, ging in ihnen völlig auf. Ich habe niemand kennen gelernt, der vom Unlösbaren und nicht zu Entwirrenden mehr ergriffen, ja bedrängt worden wäre. Eines Tages, in einem Augenblick tiefer Entmutigung gestand er mir, dass er seine Lage verdiene, dass er weiter nichts als ein Bettler sei und seine Daseinsform wie seine Obsessionen ihm gleichermaßen wertlos erschienen. Um ihn ein wenig aufzurichten, sagte ich ganz unvermittelt: „Weißt du, in diesem Augenblick bist du für mich der größte Philosoph von Paris. Er sah mich verblüfft an und dachte wohl, ich mache mich über ihn lustig. In meinen Augen lag indes ein Ton von Aufrichtigkeit, der ihm nicht entging und ihn beeindrucken musste. Seine Besuche wurden danach seltener und hörten schließlich ganz auf. Ob er wohl noch lebt? Ich weiß es nicht. Der Vorteil kein Zuhause zu haben, besteht darin, dass man spurlos verschwinden kann. Es ist dies das Vorrecht des Bettlers. Jener Mensch ist – oder war – wirklich ein Philosoph. Und vielleicht bin ich es auch ein wenig, und zwar insoweit, als ich mir – dank meiner Gebrechen – auferlegt habe, einen immer höheren Grad an Unsicherheit zu erreichen.“ 39

Ciorans philosophischer Rückzug von der großen Weltpolitik und seinen faschistischen Jugendsünden lässt sich in diesen Anekdoten der Privatheit festmachen. Halbherzig bekennt sich Cioran politisch launenhaft zu liberalen Republiken in „Ermangelung eines Besseren“, „diese Paradiese der Schwäche“ bestehen aus „Kraftvergeudung, Beschaulichkeit und Verweichlichung“. Er zieht diese demokratischen Regierungsformen aber den revolutionären Formen ähnlich wie Churchill vor, der meinte, es gäbe keine schlechtere Regierungsform als die Demokratie – abgesehen von allen anderen.40 Er argumentiert wider den Umsturz und Protest: „Je mehr man gelitten hat, umso weniger Ansprüche erhebt man. Protestieren ist ein Zeichen dafür, dass man durch keine Hölle gegangen ist.“41 Er plädiert dann wiederum im Sinne eines Mirabeaus für einen aufgeklärten menschengerechten Despotismus, „das einzige Regime, das jenen Geist verführen könnte, der, völlig ernüchtert, außerstande ist, Komplize der Revolutionen zu sein, da er nicht einmal Komplize der Geschichte ist.“42

Cioran also wieder als aufklärender Enthüller der Ideologien und Utopien, der aus seiner Zeit der großen Ideologien herausgefallen ist: „Was mich bei der Mehrheit der Philosophen, mit denen ich in Berührung kommen konnte, am meisten erstaunte, waren ihre falschen Urteile. Immer daneben. Eine bemerkenswerte Unfähigkeit, richtig zu treffen. – Die Gewohnheit der Abstraktion verdirbt den Geist.“ 43

Und sich auf die Seite der Schwachen schlagend: „Man soll sich unter allen Umständen auf die Seite der Unterdrückten schlagen, auch wenn sie im Unrecht sind, ohne jedoch aus den Augen zu verlieren, dass sie aus demselbem Lehm geknetet sind wie ihre Unterdrücker.“ 44

Da verzeiht der Leser dem Melancholiker Cioran auch, dass manche Aphorismen eher rabiat als raffiniert sind, manche Geistesblitze eher schiefe Metaphern und vordergründige Lichteffekte erschaffen. Beispielhaft dafür der folgende oben schon genannte Aphorismus Ciorans: „Den Aphorismus kultivieren nur diejenigen, die das Bangen inmitten der Worte kennengelernt haben, jenes Bangen mit allen Worten zusammen einzustürzen.“ 45

Einerseits könnte man puristisch interpretieren, wie kann man nur den Einsturz kultivieren, wie unpräzise und verzerrt – andererseits kann man hier fast schon ein Cioransches Stilprinzip erkennen, das Denken in Unmöglichkeiten, das Ausbrechen-Wollen aus der Grammatik, die wie ein Korsett die Sprache in ihrer Begiffsenge beschneidet. Cioran ist dann instinktiv ein Theoretiker des Aphorismus – so schreibt Heinz Krüger in diesem Kontext treffend : „Demgegenüber wagt das aphoristische Denken gewissermaßen den Sprung über die Grenzen der Sprache: es ist nicht mehr in, sondern nur noch an der Sprache, indem es sie zwar als Form der Mitteilung benutzt, zugleich aber Logik und Dialektik der Grammatik parodiert. Hierdurch zeigt sich „eine Sprachauffassung, die in der Sprache selbst den Irrtum des identifizierenden Denkens fixiert sieht.“46 Cioran formuliert in diesem Sinne: „Was gesagt werden kann, entbehrt der Wirklichkeit. Nur das, was sich gegen das Wort sperrt, existiert und zählt.“47

Der Aphorismus wird zu seiner Heimat, „weil er das einzige Medium ist, wo es möglich wird, sich der Stimmung hinzugeben. Wenn Sie einen Text schreiben, sagen wir ein Traktat, so sind sie gezwungen, eine Linie zu entwickeln. … Dagegen ist der Aphorismus die ideale Form für jene, die nicht Herr ihrer selbst sind, also abhängig von ihren Stimmungen sind. … So launisch wie ich von meinem Temperament her bin, bietet sich der Aphorismus als Möglichkeit an, wahr zu mir selbst zu sein und meiner Stimmung Ausdruck zu verleihen, ohne mich zu fragen, ob das stimmt, was ich vor einer Woche oder einem Jahr behauptet habe. Da wird nicht so getan, als gäbe es etwas Absolutes. Es gibt keine Kontinuität, sondern nur Zustände und widersprüchliche Konturen.“48

Diesen Stimmungsschwankungen Tribut zollend ist bei Cioran der Aphorismus einmal göttlich: „Mehr noch als im Gedicht ist das Wort im Aphorismus Gott“49; dann aber auch ein kaltes „Feuer ohne Flamme. Man versteht, dass niemand sich daran wärmen möchte.“ 50

Cioran bleibt ein leidenschaftlicher und brillanter Randständiger, der als gebranntes und gehäutetes Kind alle vorstellbaren Ideologien entlarvte und sich von ihnen distanzierte: “Chinesisches Sprichwort: Wenn ein einziger Hund anfängt einen Schatten anzubellen, machen zehntausend Hunde daraus eine Wirklichkeit. Das sollte man jedem Kommentar über Ideologien als Motto voranstellen.“ 51

Bollon beschreibt treffend: „So scheint das „Scheitern“, ein bestimmtes Scheitern zum Wesen unseres Zeitalters zu gehören. Nicht nur, dass wir es letzten Endes nicht vermeiden können52 : „Sein Leben lang ohne Verletzungen davonkommen – das könnte geschehen, geschieht aber zweifellos nie“53, so lautet lakonisch einer der klarsten Aphorismen aus Aveux et Anathèmes – der bewusste und zum Äußersten geführte Misserfolg stellt, folgt man Cioran in seinem Zu-Ende-Denken, das einzige uns zu Gebote stehende Mittel dar, Heiligkeit oder deren Ersatz zu erlangen. „Lieber in einem Rinnstein als auf einem Sockel“54 gebietet ein Aphorismus aus De L’inconvénient, der an einen Geistesblitz von Oscar Wilde in Lady Windermere’s Fan erinnert: „Wir sind alle in der Gosse, aber manche von uns blicken nach den Sternen.“55

Und Cioran, der bestens in der Pariser Boheme bekannt war beherrschte noch ein besonderes aphoristisches Talent, nämlich jenes der Charakterisierung seiner Zeitgenossen mit wenigen Pinselstrichen in kleinen Anekdoten. So war er auch gut vertraut mit Celan, der einiges von Cioran ins Deutsche übersetzte, und den er so brillant skizzierte:

„7.Mai. Paul Celan hat sich in die Seine gestürzt. Letzten Montag wurde seine Leiche gefunden. Ein zauberhafter und unmöglicher Mann, unerbittlich mit Anwandlungen von Sanftmut, den ich gern mochte und dem ich aus dem Weg ging aus Angst, ihn zu verletzen, denn alles verletzte ihn. Jedesmal wenn ich ihn traf, war ich auf der Hut, und ich überwachte mich so sehr, dass ich nach einer halben Stunde ganz erschöpft war.“56

Mit dieser Charakterisierung schließt er an eine weiter große Tradition der Moralisten wie La Bruyére und Chamfort an. Zu James Joyce notiert Cioran: „Der stolzeste Mensch des Jahrhunderts. Weil er das Unmögliche gewollt und mit der Besessenheit eines wahnsinnigen Gottes teilweise erreicht hat. Und weil er sich nie um den Leser gekümmert hat und nicht um jeden Preis lesbar sein wollte. Im Dunklen seinen Höhepunkt erreichen.“57

Zu Sartre, den er regelmäßig gemieden hat, formulierte er bissig: „Sartre ist es gelungen, einen guten Heidegger, aber nicht einen guten Celine abzugeben. Die philosophische Nachahmung ist einfacher als die literarische. Dieser Ehrgeizige, der meinte, es genüge zu wollen, um Talent zu haben, Es ist ihm nicht einmal gelungen, den Anschein von „Tiefe“ zu vermitteln, was für jeden Philosophen, der sich an der Literatur vergreift, sehr einfach ist.“58

Cioran hatte damals das Glück regelmäßig mit Beckett, Joyce, Ionescu und Celan – einmal auch mit Camus – in Paris zusammenzutreffen und sich mit ihnen auszutauschen. Und Paris war damals noch als ein Erbe des 19. Jahrhunderts die Welthauptstadt der Kunst und Literatur: aber vor allem war er auch ein Genießer seiner Einsamkeit in seiner Pariser Mansarde:

„Ich habe niemals ohne Wollust das Wort „Einsamkeit“ ausgesprochen oder geschrieben.“59 Emile Cioran – eine Stimme, die heuer fehlt, weil er den Ruhm verachtete: „Heute noch achte ich den Hausmeister, der sich erhängt mehr als den Dichter. Der Mensch ist ein befristeter Selbstmörder: dies ist sein einziger Ruhm, seine einzige Entschuldigung.“60 und die Anonymität bevorzugte: „Ich habe meine Rettung in der Utopie gesucht und nur in der Apokalypse ein wenig Trost gefunden.“ 61

Ciorans Philosophie war letztlich eine spöttelnde, selbstironische Lebenskunst, die sich selbst auf die Schippe nehmen konnte und die die Befreiung seines Denkens von dem frühen Irrtum des Fanatismus in eine radikale Unabhängigkeit und Freiheit, die er skeptisch verteidigte und in einer Lebensphilosophie der Existenz mit all seinem Scheitern glaubwürdig aufhob. Cioran wurde zeitlebens und erst recht heute als lebensmüder Freund des Selbstmordes, als Faschist, als Frauenhasser und als Irrationalist gebrandmarkt und verschrieen – Susan Sontag behauptete steif und fest, er habe ausschließlich in Französisch geschrieben.62 Mythen und Legenden, die Cioran sicherlich fürstlich amüsiert hätten – die aber mein Vortrag zerstören musste, um dem Autor kritisch gerecht werden zu können.

Und dabei war Cioran einerseits aus der Zeit gefallen und andererseits doch auch ein Kind des 20. Jahrhunderts mit seinem zweiten Dreißigjährigen Krieg von 1914 bis 1945 und seinen diversen Ideologien, Verwerfungen, seinen Traumata, denen er mit seinen radikalen denkerischen Ketzereien Paroli geboten hat. Und der Aphorismus bot ihm für seine Dünnhäutigkeit den entsprechenden Schutzmantel für seine durchlässige früh verbrannte Haut, die er so doch noch bis ins hohe Alter einigermaßen zerrissen, aber integer retten konnte.

Seine Aktualität bezieht Cioran heuer, wo er fast vergessen ist, aus seinem Misstrauen und seinem kritischen Widerstand gegen einen vulgären einseitigen Rationalismus wie er sich in der Ökonomisierung oder der Digitalisierung aller Lebensbereiche offenbart und die den Faktor Mensch auf einen bloßen Kostenträger und Konsumenten reduzieren. Ecce homo möchte man der selbstvergessenen, sich selbst abschaffenden Spezies Mensch hinterherrufen – die Schwerhörigkeit und Dickhäutigkeit der Gattung Mensch aber nüchtern reflektierend. Und man empfiehlt frank und frei: Lesen Sie Cioran, denn „ein Buch muss Wunden aufwühlen, sogar welche verursachen. Ein Buch muss eine Gefahr sein.“63

1 E.M. Cioran, (E.M. Cioran ist eine Schöpfung Ciorans, sein Künstlername mit der Abkürzung seines richtigen Vornamens und eines wohl fiktiven zweiten Vornamens legt die Betonung auf den Nachnamen, ob das M für Michel steht, wie teilweise behauptet, bleibt ungeklärt.) Die verfehlte Schöpfung, Frankfurt 1979, S. 100.

2 E.M. Cioran, Cahiers, Frankfurt 2001, S. 214.

3 E.M. Cioran, zitiert nach Bollon, Der Ketzer, Berlin 2006 S. 299.

4 E.M. Cioran, Cafard, Audio-CD mit Booklet, herausgegeben von Thomas Knöfel und Klaus Sander, Köln 1998, S. 20 f..

5 E.M. Cioran, Aufzeichnungen, in : Sinn und Form, 1999/Fünftes Heft, S.759.

6 E.M. Cioran, Cahiers, S. 49.

7 E.M. Cioran, Cahiers, S.33.

8 E.M. Cioran, Cahiers, S, 52.

9 Honoré de Balzac, zitiert nach Bollon, S. 284.

10 E.M. Cioran Syllogismen der Bitterkeit, Frankfurt 1995, S. 10.

11 E. M. Cioran, Vom Nachteil geboren zu sein, Frankfurt 1979 S.141.

12 E.M. Cioran, Von Tränen und Heiligen, Frankfurt 1988, S. 73.

13 E.M. Cioran, Der zersplitterte Fluch, Frankfurt 1987, S.46.

14 E.M. Cioran, Die verfehlte Schöpfung, Frankfurt 1979, S. 126.

15 E.M. Cioran, Gedankendämmerung, Frankfurt 1995, S.108.

16 E.M. Cioran, Syllogismen der Bitterkeit, S. 85.

17 E.M. Cioran, Gevierteilt, Frankfurt 1991, S. 87.

18 E.M. Cioran, Syllogismen der Bitterkeit, S. 57.

19 E.M. Cioran, Auf den Gipfeln der Verzweiflung, Frankfurt 1989, S.154.

20 E.M. Cioran, Gedankendämmerung, Frankfurt 1995,, S. 235.

21 E.M. Cioran, Die verfehlte Schöpfung, S. 169.

22 E.M. Cioran, Syllogismen der Bitterkeit, S. 59.

23 E.M. Cioran, Gedankendämmerung, S. 58.

24 E.M. Cioran, Die Lehre vom Verfall, übersetzt von Paul Celan, Stuttgart 1979, S. 123.

25 E.M. Cioran, Der zersplitterte Fluch, S. 137.

26 E.M. Cioran, Gevierteilt, Frankfurt 1989, S. 157.

27 E.M. Cioran, Über das reaktionäre Denken, Frankfurt 1980,, S. 153.

28 E.M. Cioran, Syllogismen der Bitterkeit, S. 14 f..

29 E.M.Cioran, Cahiers, S.31.

30 Vgl. Helga Perz, Mein ganzes Leben war vom Tod beherrscht …, Ein Gespräch mit dem Schriftsteller E.M.Cioran, Süddeutsche Zeitung Nr. 231, 7./8.Oktober, S.112 f..

31 Ebenda.

32 E.M. Cioran, Cahiers, S. 249.

33 Vgl Bollon, S.91 f..

34 E.M. Cioran, Cafard, Das Scheitern ist wichtiger als der Tod, S.16.

35 E.M.Cioran, Syllogismen der Bitterkeit, S. 64.

36 E.M.Cioran, Cafard, S. 27 .Sloterdijk bevorzugt hier in einem Nachwort Cioran vor Adorno (S.66 f.).

37 E.M.Cioran, Cafard, wo Cioran in Originaltönen zu hören ist, S. 27.

38 Vgl. Bollon, S.13f..

39 Fernando Savater, Versuch über Cioran, Geleitbrief von E.M.Cioran, München 1985, S. 10 f..

40 Vgl. Bollon, S. 161 f..

41 E.M.Cioran, Vom Nachteil geboren zu sein , S.112.

42 E.M.Cioran, Der zersplitterte Fluch, S. 79.

43 E.M. Cioran, Gevierteilt, S.90.

44 E.M. Cioran, Vom Nachteil geboren zu sein , S.101.

45 Siehe Fußnote 10.

46 Heinz Krüger, Studien über den Aphorismus als philosophische Form, Frankfurt 1956, S. 91.

47 E.M. Cioran, Gevierteilt, S. 46.

48 Michael Jakob, Gespräch mit E.M.Cioran, in : Aussichten des Denkens, München 1994, S. 9f..

49 E.M. Cioran, Gevierteilt, S. 153.

50 E.M. Cioran, Vom Nachteil geboren zu sein, S. 122.

51 E.M. Cioran, Auf den Gipfeln der Verzweiflung, S. 165.

52 Vgl. Patrice Bollon, Der Ketzer, S, 255 f..

53 E.M. Cioran, Der zersplitterte Fluch, S. 71.

54 E.M. Cioran, Vom Nachteil, geboren worden zu sein, S. 66.

55 Vgl. Bollon, S. 255.

56 E.M. Cioran, Cahiers, S.207.

57 E.M. Cioran, Cahiers, S. 26.

58 E.M. Cioran, Cahiers, S. 155.

59 E.M. Cioran, Cahiers, S. 26

60 E.M. Cioran, Lehre vom Verfall, S. 151f..

61 E.M. Cioran, Cahiers, S. 14.

62 Vgl. Bollon, S. 277.

63 Gevierteilt, S. 67.

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