Gosse

Weniger als Nichts

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20 Mai , 2015  

Dieses „Weniger als Nichts“ hat man lange als launige Übertreibung eines elenden Zustands von Mangel verwendet. „Das, was Sie an Leistung bringen, Müller, ist weniger als Nichts.“ Oder: „Von Quantenphysik verstehe ich weniger als Nichts.“ Oder: „Was habe ich schon zu erwarten vom Rest meines Lebens? Weniger als Nichts.“

Natürlich weiß man, was mathematisch weniger als Nichts ist: jede Zahl mit negativem Vorzeichen beispielsweise. Nichts ist da nur ein flüchtiger Zustand der Ausgeglichenheit. Ein Durchgangsstadium von Rechenoperationen, wenngleich mit einigen tricky Eigenschaften. Alles, was ich mit Nichts mal nehme ergibt wieder nichts. (Was uns auf die temporäre, um nicht zu sagen: historische Variante der launischen Übertreibung eines elenden Zustands von Mangel bringt: Nichts und wieder Nichts.)

Auch ökonomisch weiß man, was weniger als Nichts ist: Schulden. Einer hat nichts und soll doch etwas geben. Sieht man sie genauer an, haben die meisten Menschen und auch die meisten Institutionen weniger als Nichts. Man darf ohne weiteres viel weniger als Nichts haben, nur Nichts haben darf man nicht. Weil Weniger als Nichts suggeriert, dass das was zum Nichts und darüber hinaus fehlt, irgendwo anders wäre. Weniger als Nichts ist ein Etwas, das auf geheimnisvolle Weise Ort und Subjekt gewechselt hat.

Und dann gibt es die Wertzuschreibung. Etwas, das weniger als Nichts wert ist, das ist Abfall. Das kostet schon wieder, oder ist zumindest lästig. Weniger als Nichts ist Scheiße. Weniger als Nichts stinkt zum Himmel. Weniger als Nichts ist die Hölle. Weniger als Nichts, das sind wir.

Nehmen wir Menschen: Da gibt es welche, die nichts wert sind, weil sie zu nichts nutzen. Menschen, die man einfach nicht zur Kenntnis nimmt, solange sie nicht lästig werden. Vielleicht sind das gar nicht die Nichtstnutze der protestantischen, nun ja, Moral, sondern jene Nullmenschen, die genau so viel verbrauchen, wie sie einbringen, die gerade genug Geld haben, damit ihr eigenes Siechtum und ihr eigenes Begräbnis bezahlt werden kann. Wer das nicht schafft, ist schon weniger als Nichts.

Weniger als Nichts sind aber auch alle jene Menschen, die nicht unsichtbar bleiben und „uns auf der Tasche liegen“. Diese Asozialen, Flüchtlinge und Faulpelze, von denen die Bild Zeitung uns so gern erzählt. Weniger als Nichts sind aber auch jene Menschen da draußen, die uns eigentlich gar nichts angehen, aber die Urlaubspläne versauen. Mit weniger als Nichts macht man Geschäfte in der Zukunft; wer keine Zukunft hat, hasst natürlich das Weniger als Nichts.

Alles, was Wachstum generiert, Wachstum, Wachstum, Wachstum, das generiert auch Sachen, die weniger als Nichts sind. Atomarer Abfall zum Beispiel. Das ist so viel weniger als Nichts, dass es womöglich die Welt und auf jeden Fall die Menschen darauf vernichten kann. Da wird das ökonomische Weniger als Nichts wieder mathematisch, und das mathematische Weniger als Nichts wird theologisch. Weniger als Nichts ist die Entschöpfung der Welt. Aus dem Nichts wurde Etwas, und aus dem Etwas wurde Weniger als Nichts. Und da ist das Ende nahe, aber schon ziemlich lange.

Weniger als Nichts ist nämlich ansteckend. Und es wird immer schwieriger, dem Weniger als Nichts zu entkommen. Buddha hätte seine liebe Not. Das schöne Nichts wird immer verfehlt. Gleich ist man weniger, viel weniger als Nichts. „Heute Nachmittag wollte ich einfach einmal nichts tun. Aber es wurde natürlich wieder ein Weniger als Nichts daraus, mit den üblichen verheerenden Folgen für Familie, Heimat und Beruf.“

„Ich brauche nichts!“ Was für ein wunderschöner Gedanke, ein Traum. Aber ich brauche doch alles und weniger als Nichts. Denn alles, was ich bekomme, ist die Negation des Traums. Je mehr ich Mehr als Nichts haben will, desto mehr bekomme ich Weniger als Nichts. Ein reicher Mann kauft sich für 7,5 Millionen Dollar ein Bild, das die Welt bedeutet, und als er es zuhause auspackt, bedeutet es weniger als Nichts. Das ist natürlich ein sehr bedeutendes Weniger als Nichts-Bedeuten! Damit beeindruckt er drastisch seine Konkurrenten, die Bilder für nur 6,6 Millionen Dollar haben. Sie wollen immer mehr Weniger als Nichts. Denn Weniger als Nichts ist dynamisch. „Schauen Sie mich an: einst hatten wir nichts. Dann habe ich gearbeitet und vor allem arbeiten lassen. Und was habe ich jetzt? Weniger als Nichts. Mehr weniger als Nichts als alle meine Konkurrenten. Einen Speicher voll von Weniger als Nichts.“

Der Kapitalismus erschafft seine Werte, indem er unentwegt die Menge jener Menschen, Dinge und Zahlen vermehrt, die Weniger als Nichts sind. Sogar die Zukunft, soweit sie sich die Kultur des Kapitalismus vorstellen kann, ist Weniger als Nichts. In ihr geht es um Menschen, die nicht einmal mehr sterben können. Das ist der Zombie: Der radikale Weniger-als-Nicht-Mensch. Die Zukunft des Kapitalismus besteht aus nicht bezahlbaren Schulden. Solche, die man auf niemanden mehr abwälzen kann, weil es niemanden mehr dazu gibt.

Wie steht es mit den Bedeutungen? Wer hat die letzte „Deutschland sucht den Superstar“-Sendung gesehen? Genau. Ein Ritual, das weniger als Nichts bedeutet. Das nicht einmal mehr dieses wohlige Null-Gefühl produziert, dem man sich nach ein paar Weißbieren hingeben mag (Herr Reiner und Herr Kainer können ein Lied davon singen), sondern nur – was heißt hier: nur – einen Sog der Negation. Peinigendes, nicht ausblendbares Weniger als Nichts. Schlimmer als eine Talkshow bei Günther Jauch, dem biederen Dompteur des Weniger als Nichts. Weil es auf keinen Fall nichts bedeuten darf, ebenso wenig aber auch Etwas, muss es eben Weniger als Nichts bedeuten. Im Fernsehen, und nicht nur da, ist paradoxerweise das Weniger als Nichts schon wieder das Besser als Nix. Weil weniger als Nichts emotional mehr ist als Nichts. Weil weniger als Nichts wenigstens immer aufregt. Nichts ist ohne Bedeutung. Weniger als Nichts ist die Zerstörung von Bedeutung.

Weniger als Nichts – das ist der Mehrwert. Jemand produziert etwas. Mit den gewohnten Folgen. Warum haben andere Erfolg? Weil sie weniger als Nichts produzieren. Sie vermeiden den Umweg über das Etwas. Sie produzieren gleich dessen Negation. Worin liegt der Charme der neuen Kult-Ware? Dass sie weniger als Nichts ist? Nein. Dass sie das Weniger als Nichts als Programm manifest macht. Mit den richtigen Dingen ist der Mensch eben nicht Nichts. Wär ja noch schöner. Sondern Weniger als Nichts. In den bösen Gesellschaften ist das Menschenleben nichts wert. In unseren, in den guten Gesellschaften ist das Menschenleben weniger als nichts wert. Weniger als nichts ist zum Beispiel ein Mensch der, bevor er verhungert, noch ins Nagelstudio geht. Weniger als Nichts sind Menschen, die bevor sie sich umbringen, noch einen Antrag bei einer Casting Show ausfüllen. Und weniger als Nichts steht in unseren Zeitungen. Natürlich kann auch ein Politiker bei uns nicht Menschen behandeln, als seien sie nichts. Er oder sie behandeln sie, als das, was sie sind: Weniger als Nichts. Unnütz zu sagen: Mit Nichts kann man keinen Krieg führen, mit Weniger als Nichts aber schon.

Wenn in der linken Ecke einer „Etwas“ verspricht, in der rechten aber einer Weniger als Nichts, zu wem werden die Leute gehen?

Oh ja, das haben wir im Überfluss: das Weniger als Nichts. „Was hast du geschaffen?“, fragt der Teufel den lieben Gott. „Tja“, antwortet der (es ist gerade Sonntag), „ich fürchte: Weniger als Nichts.“
„Krieg’ ich dann nichts?“, fragt der Teufel listig.
„Klar, kannst du haben“, sagt der liebe Gott, „das bringt nichts ein.“

Und seitdem ist das Nichts des Teufels. Und die Hölle der paradiesische Ort, an dem es nichts gibt, was weniger als Nichts ist.

Weil von der Seite des Weniger als Nichts angesehen ist Nichts ganz einfach wunderbar.

Beginnt eine Revolution, wenn die Leute lieber Nichts als Weniger als Nichts sein wollen? Wer weiß. Im Augenblick wissen wir über uns selbst nicht nichts. Sondern weniger als Nichts. Viel weniger.

 

entnommen hier

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