Wie alles anfing – Die Straßburger Thesen

Moses Dobruška

1. Diese innerlich kollabierende Gesellschaft wusste beim Versuch, ihre Gegner auszuspielen, keinen besseren Trick, als sich ersatzweise deren Moral zu borgen. In der letzten Phase des Nihilismus wird sich folglich die Unterdrückung der Terminologie von Ökologie, Feminismus und Antirassismus bedienen. Die Faschisten haben im Gegenzug leichtes Spiel, sich als die wahren Vorreiter von Freiheit und Demokratie, sowie als anti-hegemoniale Alternative zu präsentieren – und schließlich sogar als Verfechter der Revolution.

2. Die Zeit des Barbie-Feminismus und der Pfizer-Linken ist gekommen, der Pro-Zensur-Anarchisten und der Pro-NATO-Autonomen, des autoritären Horizontalismus, der grünen Atomkraft und des Impfstalinismus; die Zeit eines Bombardements im Namen der Rechte der LGBTQIA+ und des Gegenpapstes – gegen jenen Papst, der in Sachen Migranten, Ökologie, Kritik des Kapitalismus, des Krieges oder der Hierarchie die Linke auf ihre Sinnlosigkeit verweist, indem er sie auf ihren Ursprung verweist.

3. Nichts ist so ernst und so verbissen zeitgenössisch wie die Theologie. Theologische Ignoranz ermöglicht der Theologie, ihre Herrschaft unter dem Deckmantel der Politik, der Wirtschaft, der Wissenschaft, der Philosophie, der Literatur und sogar des Alltagslebens zu erhalten. Um die Theologie zu überwinden, muss ihre Ignoranz überwunden werden. Atheisten, strengt euch noch mehr an, wenn ihr revolutionär sein wollt!

4. “Zur Zeit erleben wir eine regelrechte Manie der Anerkennung des Feminismus, wobei die Gesellschaft eine unterstützende Haltung einnimmt… Die Formen davon sind vielfältig und hinterhältig, und auch, wenn man nicht will, läuft man doch Gefahr, in diese Falle zu tappen und sich in ihr zu verfangen. Das Bedürfnis der Frauen nach Anerkennung wird durch ein Klima des Interesses und durch echte Möglichkeiten gefördert. Die Gesellschaft hat den Feminismus akzeptiert, ohne die Grundlagen anzuerkennen, auf denen er beruht. Sie sieht im Feminismus eine Ideologie, mit anderen Worten eine Macht, und als solche respektiert sie ihn, weil er das bestätigt – statt in die Krise zu bringen –, was wir im Gegenteil unterwandern wollen.” (Carla Lonzi, Ecrits, voix d’Italie, 1977)

5. “Die größte Gefahr wäre, den Mythos der Arbeiterklasse als Bewahrerin künftiger Werte zu ersetzen durch einen Mythos des Schutzes der Umwelt und der Erhaltung der Biosphäre, der ebenso gut einen völlig totalisierenden, totalitären Charakter annehmen kann (…)

Die Industrie wünscht sich nichts sehnlicher, als die Umweltbewegung genauso zu benutzen, wie sie die Gewerkschaftsbewegung für ihre eigene Strukturierung des sozialen Feldes benutzt hat. (…) Die Umweltbewegung sollte sich daher meiner Meinung nach vorrangig um ihre eigene soziale und mentale Ökologie kümmern.” (Félix Guattari, 1991-1992 in Chimères Nr. 28)

6. Die Arbeiterbewegung wurde besiegt, weil sie die bürgerliche Gesellschaft in deren eigener Sprache – der Sprache der Wirtschaft – kritisierte. Nun finden sich Schreihälse, die behaupten, sie würden die kybernetische Gesellschaft in ihrer eigenen Sprache – der Sprache der Ökologie – herausfordern. Wenn diese Gesellschaft die Aktivisten so wohlwollend beäugt, dann deshalb, weil sie es verstehen, uns in eine ähnliche Niederlage zu führen.

7. Der Sci-Fi- Autor und Umweltschützer Kim Stanley Robinson sagte kürzlich: “Ich treffe mich mit vielen Technokraten und es gibt einige, die sich viel mehr Aktivismus wünschen. … Zwischen Technokraten, Aktivisten und den Massenaktionen der Bürger sind Synergieeffekte und Allianzen möglich.” Niemand verbündet sich mit einem Stärkeren, ohne sich bewusst oder unbewusst zu dessen Vasallen zu machen. Es war noch nie eine Entschuldigung, aus dem Unbewussten heraus zu handeln.

8. Die Umweltaktivisten erschöpfen die letzten subjektiven Ressourcen, indem sie sie vergeblich gegen diejenigen mobilisieren, die “die natürlichen Ressourcen erschöpfen”. Genau wie ihre “Feinde” kümmern sie sich nicht darum, wie sich solch wertvolle Ressourcen bilden und neu erstellt werden – Ressourcen von Mut, von Enthusiasmus, von Vertrauen, von Wissen. Als Extraktivisten eigener Artstreben sie danach, von der anderen Mafia des Extr-Aktivismus als gleichwertige Gesprächspartner anerkannt zu werden.

9. Ökologie ist der Name eines Problems, keinesfalls einer Lösung. Wenn eine Zivilisation versagt, wenn die Art und Weise, wie unsere Probleme beschaffen sind, selbst zum Problem wird, gibt es nirgends eine Lösung. “Die Umweltschützer lehren uns, warum und wie die Zukunft des Menschen auf dem Spiel steht. Aber es ist der Mensch und nicht der Umweltschützer, der über seine Zukunft zu entscheiden hat.” (Georges Canguilhem, Die Frage der Ökologie, 1973)

10. Der Fortschrittsdiskurs ermöglichte dem Kapital, jeglichen inneren Widerstand gegen die mit der Modernisierung einhergehenden Verwüstungen zu überwinden. Seine Funktion bestand weit weniger in Legitimation als in Enthemmung. Er diente weniger der äußeren als der inneren Überzeugung. Seine Leistung ist heute fast gleich null oder sogar negativ. Angesichts seiner Ergebnisse kann niemand mehr an Fortschritt glauben.

Paradoxerweise ist es der Umweltdiskurs, der den Fortschrittsdiskurs abgelöst hat. Mit seiner Bioökonomie und seiner Green New Deal sucht das Kapital nun in der Ökologie die Kraft, um mit dem fortzufahren, was es schon immer getan hat – ausbeuten, verwüsten, massakrieren, produzieren. Der Umweltdiskurs ist nicht das, trotz dessen alles so weitergeht wie bisher, sondern bildet im Gegenteil die Voraussetzung, die eine Fortführung des business as usual und eine Vertiefung der Katastrophe erst ermöglicht. Und genau deshalb wird es in Zukunft im Namen der Ökologie Biotechnologie, Atomkraft und Geo-Engineering geben.

11. Das letzte Mittel, das man gefunden hat, die Frauen zum Schweigen zu bringen, ist, ihnen ausschließlich zu erlauben, über alles nur als “wir, die Frauen” zu sprechen. Der Anti-Feminismus erfüllt sich als Feminismus genau so wie der Anti-Ökologismus sich als Ökologismus erfüllt.

12. Das gegenwärtige soziale Dasein ist ein halluzinatorischer Zustand. Die Klassifizierungen der Psychopathologie haben sich zum besten Werkzeug der politischen Analyse entwickelt; man muss sie nur woanders als im DSM (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders) nachschlagen. Die Orwellsche Herrschaft der Lüge in allen Dingen ist kein Übel, sondern eine Krankheit.

13. Das Krankheitssymptom bietet den Ausweg aus einem Zustand des ausweglosen Leidens. Wer in der Geschichte, die ihm erzählt wird, nirgends den Faden findet, der in die Welt führt, in die er hineingeboren wurde, kann auch den Faden seines eigenen Lebens nicht finden. “Die Väter haben saure Trauben gegessen, aber den Kindern sind die Zähne davon stumpf geworden”.

14. Es gibt diejenigen, die Geschichte machen, und diejenigen, die sie erzählen. Diejenigen, die Geschichte machen, wissen, dass diejenigen, die sie erzählen, lügen, aber diese Lüge ist auch die Voraussetzung dafür, dass sie weiterhin ungehindert Geschichte machen können.

15. “Die Taktik des Panzer-Krieges, mit der im Weltkrieg Frankreich überrannt wurde, haben die Deutschen in Sowjetrußland beim russischen Militär gelernt. Die ersten deutschen Sturmflieger, die angeblich eine so große Überraschung zu Beginn des Weltkrieges gewesen sein sollen, sind im Kader in Sowjetrußland ausgebildet worden.” (Franz Jung, Der Weg nach unten, in: Die Wurzeln der Hitler-Katastrophe) Im August 1936, also nach dem Ausbruch des Spanischen Bürgerkriegs, unterzeichnete das gesamte Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Italiens einen Aufruf “für die Rettung Italiens und die Versöhnung des italienischen Volkes”. Darin heißt es: “Die Kommunisten nehmen das faschistische Programm von 1919 an, das ein Programm des Friedens, der Freiheit und der Verteidigung der Interessen der Arbeiter ist, und sagen euch: Lasst uns gemeinsam für die Verwirklichung dieses Programms kämpfen”.

Finden Sie sich damit ab!

16. Noch nie gab es so wenige Wesen, die im eigenen Namen sprechen, wie in dieser Gesellschaft des allgemeinen Narzissmus. Durch das Ego hat dich die soziale Magie im Griff. Jenseits des Egos zu operieren ist kein moralisches Gebot, sondern eine strategische Bedingung.

17. Im Grunde ist Aktivismus im Wesentlichen therapeutischer Natur. Abgesehen von dem vorübergehenden Medienrummel, den er verursachen kann, hat er keine andere Wirkung als die, dass der Aktivist sich “besser mit sich selbst fühlt”, dass er das unverwechselbare Gefühl hat, nicht “wie alle anderen” zu sein – diese passive Masse von betäubten Dummköpfen und Arschlöchern. Bei Aktivisten ist die Behauptung, “für andere”, “für den Planeten” oder “für das Gute” zu handeln, nur eine perverse Modalität des Narzissmus und der universellen Selbstvermarktung. In diesem Ablasshandel arbeitet er unter dem Deckmantel generischer und großzügiger Motive lediglich an seiner individuellen moralischen Rettung.

18. Die Mischung aus Kooperation und Wettbewerb, Information und Verheimlichung, Unterwerfung und Verrat, Befriedung und Krieg, übertriebenem Individualismus und sozialen Zwängen, die die gegenwärtige imperiale Gesellschaft durchzieht, wurde in den Begriffen der Spieltheorie ausgeklügelt. Der Ort in Kalifornien, an dem diese Theorie entwickelt wurde, ist nicht ohne Grund derselbe Ort, an dem all die individualisierten kybernetischen Geräte danach entworfen wurden, deren grundlegender Code sie ist. Auf die Frage “Welcher Anwendung dienen die Apps?” gibt es eine einfache Antwort: sie dienen der Anwendung der Spieltheorie.

19. Die Entwickler der Spieltheorie spielten in den 1950er Jahren in der Cafeteria der Rand Corporation, in der sie arbeiteten, ein von ihnen erfundenes Brettspiel mit dem Titel “Fuck your buddy!” (Fick deinen Kumpel!). “Fuck your buddy” ist die implizite Moral aller heutigen sozialen Beziehungen – ob emotional oder beruflich, freundschaftlich oder geschäftlich, virtuell oder alltäglich. Nichts ist weniger spielerisch als die universelle Gamification. Alles bis hin zur Anzahl der “Freunde” ist zu einem Wettbewerbsfeld geworden, und damit die Sympathie zu einem Moment der allgemeinen Feindseligkeit.

20. Soziale Fiktionen sind von Natur aus effizient. Eine bisherige Fiktion machte den Menschen zum Eigentümer seiner Arbeitskraft, die er an den Eigentümer der Produktionsmittel verkaufte. Das menschliche Subjekt blieb frei bis hin zu seiner Unterwerfung und souverän bis zur Entfremdung von seiner Zeit und seinen Kräften. Seine Würde und Integrität waren bis in alle Ewigkeit gesetzt, auch wenn sie jeden Tag mit Füßen getreten wurden. So war das Subjekt des klassischen Humanismus, von dem uns die Juristen und Gewerkschafter immer wieder mit nostalgischem Herzklopfen berichten, aber dessen endgültige Verwirkung in Bezug auf die soziale Fiktion sie nicht erkennen können.

Die vorherrschende Fiktion ist nun die des Humankapitals. Das Subjekt des Humankapitals definiert sich als die Aggregation seines sozialen Kapitals, seines Gesundheitskapitals, seines Beziehungskapitals, seines kulturellen Kapitals, des Kapitals an seinem eigenem Haar etc. In keinem Fall ist der Mensch Eigentümer des Kapitals, das er ist. Er ist sein soziales Kapital, sein Gesundheitskapital, sein Beziehungskapital, sein kulturelles Kapital, sein Reputationskapital, sein Kapital an Haar etc. Und das sind nicht die Dinge, die er vermieten, veräußern oder anderen zur Verfügung stellen kann, ohne sie im nächsten Moment zu verlieren, ohne sich selbst zu verlieren. Das macht ihn um so eifersüchtiger.

Es sind auch nicht Dinge, die an sich existieren, außerhalb der sozialen Interaktion, die sie existieren lässt und die es daher so weit wie möglich zu vermehren gilt. Diese Kapitalien sind schmelzende Kapitalien, so wie es schmelzende Währungen gibt: Sie sind nur dazu da, aktiviert, gepflegt, angehäuft, gehegt, maximiert, kurz: zu jedem Zeitpunkt und in jeder Interaktion produziert zu werden – wobei sie stets von Entwertung bedroht sind. Das Subjekt des Humankapitals, das eher ein Diener des Kapitals, das er ist, als ein Herr seiner selbst ist, eher ein Unternehmer als ein gelassener Eigentümer seiner selbst, kennt daher nur strategische Interaktionen, deren Ergebnis es zu optimieren gilt. Die Spieltheorie, worin keine Finte, keine Lüge, kein Verrat zu viel ist, um eigene Ziele zu erreichen, ist die Theorie dieses “Subjekts” der absoluten Unsicherheit, und es ist von einer solchen Inkonsistenz, dass es beim kleinsten Fehltritt, beim unvorhersehbaren Umschlagen der Meinung und der geltenden Kodizes gecancelt werden kann. Das menschliche Tier in so ein leeres, hektisches und ängstliches Rechenzentrum verwandelt zu haben, ist eben jener anthropologische Umbruch, dem die sozialen Netzwerke die Krone aufsetzen.

21. Als besonders eifersüchtige Geliebte nimmt es diese Gesellschaft jedes Mal als rührendes Zeichen der Loyalität auf, wenn eines ihrer Mitglieder für sie und ihre verfälschten “Werte” bereit ist, einen Freund, Angehörigen oder Verwandten zu verraten. Hinter dem medialen Ritual der öffentlichen Beichte entwickelt sich eine Gesellschaft des Verrats – das bedeutet, eine Gesellschaft, in der die Möglichkeit zum jedezeitigen, wechselseitigen Verrat als neuer Gesellschaftspakt gilt. Das vorgebliche “über-alles-reden”, das sich über dem Publikum wie ein Gewitter entlädt, findet nie statt in den Beziehungen, die es angeblich in Frage stellt, sondern wendet sie durch permanentes Geschwafel endgültig ins Gespensterhafte.

22. Die geforderte imperative ideologische Ausrichtung der Bürger bei der Operation Covid – gefolgt von der Operation Ukraine, der Operation Klima und der Operation Palästina – war der Anlass für jene Art von Aufstand der Mittelmäßigen, der stest mit der Faschisierung von Gesellschaften einhergeht.

23. Der Faschismus hatte bereits gesiegt, als alle aufgegeben, über die “Covid-Episode” nachzudenken. Jedermann konnte damals sehen, was “Kultur” wert ist und dass all die “kritischen Intellektuellen” mehr an ihrem sozialen Status als an ihren Überzeugungen hängen. Die Verachtung von Kultur und Intelligenz wurde von der gesamten Zombie-Linken durch ihr komplizenhaftes Schweigen besiegelt, lange bevor die Faschisten kamen, um sie zu zertreten.

24. Diejenigen, die behaupten, es gäbe irgendwo eine bestehende Kraft, eine bestimmte Bewegung, auf die sich die Möglichkeit einer Revolution stützen könnte oder die auch nur in der Lage wäre, den Machenschaften der Regierung ein Schnippchen zu schlagen, belügen sich nicht nur selbst, sondern auch die anderen. Indem sie so das Feld besetzen, verunmöglichen sie die Entstehung von etwas Neuem, das in der Lage wäre, die Epoche in den Griff zu bekommen und ihr den Hals umzudrehen.

25. Die Notwendigkeit, sich die Existenz einer Bewegung einzubilden, entsteht, weil diese Fiktion für eine gewisse Anzahl von Verlorenen eine soziale Konsistenz bedeutet: sie “gehören dazu”. Wenn man nicht weiß, was man will, kommt man häufig zu dem Schluss, dass man existieren will – und scheitert damit fatalerweise, da das Existieren nicht aus einem Willen heraus erfolgen kann. So mancher glaubt offensichtlich, dass man die in der Start-up-Wirtschaft so erfolgreiche Weisung “fake it until you make it” auf die Revolution anwenden könne.

26. Da die sozialen Netzwerke den Großteil der sozialen Existenz und der damit verbundenen Wertschätzung übernommen haben, sind die radikalen Aktivisten unmerklich zu einem marginalen Teilbereich dieser Netzwerke verkommen, der sie fast vollständig absorbiert hat. Die Unmöglichkeit, letztlich Überflüssigkeit einer effektiven Strategie ist hiervon eine logische Folge. Von nun an sind die sozialen Bewegungen in erster Linie dazu da, die individuelle Existenz der Aktivisten in den sozialen Netzwerken zu unterstützen. Wenn sie nirgendwohin führen, wenn es unwichtig ist, ob sie zu einem Sieg oder einer Niederlage führen, dann liegt das daran, dass sie diese Funktion bereits ausreichend erfüllen.

27. Da sich die Daseinsberechtigung der Aktion beim Aktivisten nur auf die Bilder bezieht, die man dabei produzieren kann, und noch mehr auf die politische Ausbeutung dieser Bilder, gibt es keinen Grund, sich über die strategische Absurdität oder den taktischen Schwachsinn dieser Aktionen zu empören. Die eigentliche Wirksamkeit der Aktion liegt außerhalb ihrer selbst, in ihren medialen Nebeneffekten. Unter diesem Gesichtspunkt ist ein Schwerverletzter nicht unbedingt ein Verlust, und eine vernichtende Niederlage kann ebenso gut ein großer Erfolg sein, zumindest wenn man nicht zu empfindlich auf das Leiden der Märtyrer reagiert.

28. Der unangebrachte Triumphalismus, gefolgt vom Schweigen über die Niederlage, sobald sie einmal erlitten ist, zeigt, sowohl bei Aktivisten als auch bei Gewerkschaftern, eine der perversesten Formen der Liebe der Linken zur Niederlage. Nicht existente Siege zu feiern, bietet die willkommene Gelegenheit, den endgültigen Rückzug oder, in den meisten Fällen, das völlige Fehlen einer Strategie zu verbergen. Man muss – trotz allem scheinbaren Widerspruch – davon ausgehen, dass die wahren Defätisten diejenigen sind, die stets positiv sind, nie aufhören zu applaudieren und sich selbst zu beglückwünschen. Und dass diejenigen, die “die Bewegung” schonungslos kritisieren, und am deutlichsten ihre Ablehnung einer dummen Niederlage zeigen, damit ihre Entschlossenheit zum Sieg demonstrieren.

29. Es gibt diejenigen, die siegen wollen, und diejenigen, die anerkannt werden wollen – d. h. diejenigen, die es als Sieg ansehen, anerkannt zu werden. Der wahre Sieg bezieht sich nicht auf den Feind, sondern auf die Möglichkeit, im Anschluss an taktische Erfolge eigene Pläne zu entfalten. Dazu muss man allerdings erst einmal welche haben.

30. Covid bot die Gelegenheit eines weltweiten Staatsstreiches, als auf einmal niemand mehr der Regierung gegenüberstand, besonders die nicht, die man erwartet hätte. Die Beobachtung ihres plötzlichen Verschwindens aber stützt folgende Annahme: dass alle immer woanders sind.

31. Es gibt kein Privileg des politischen Bewusstseins. Niemand hat sich in den letzten Jahren als missbrauchter erwiesen als diejenigen, die sich für “politisiert” halten. Niemand war dümmer als die “gebildeten” Menschen. Diejenigen, mit denen wir die Revolution machen werden, müssen wir anderswo als unter den “politisierten” Menschen suchen – denn die politisierten Menschen haben zu viel soziales Kapital zu verlieren, um nicht dumm und feige zu sein.

32.Ihr werdet nichts mehr von uns hören oder nur noch durch Zufall. Denn wir verlassen euren öffentlichen Raum. Wir wechseln auf die Seite des tatsächlichen Aufbaus von Kräften und Formen. Wir wechseln auf die Seite der Konspiration, tatsächlich sogar auf die Seite des aktiven Konspirationismus. We are «exiting the vampire’s castle» – See you on the outside!

33. Genug an das glauben, was man denkt, um es nicht zu sagen. Genug an das glauben, was man tut, um es nicht öffentlich zu machen. Den Christen und Linken den Spaß am Märtyrertum überlassen. Er fördert seit ewig ihre Geschäfte.

34. Es wird nur das geben, was wir aufbauen. Gerade weil es niemanden zu retten gibt, ist eine Revolution so notwendig. Die zentrale politische Frage des 21. Jahrhunderts ist, wie wir kollektive Realitäten konstituieren können, die nicht auf Opfern beruhen.

35. “Von hier aus wollen wir dazu beitragen, als kollektive Wellenfront die Bedingungen für einen ethischen Kulturwandel zu schaffen, der uns aus der Falle des gegenwärtigen kulturellen Zusammenlebens befreit, das sich auf Beziehungen des Misstrauens und der Kontrolle, der Dominanz und des Wettbewerbs stützt, die der patriarchal-matriarchalischen Kultur eigen sind, die wir praktisch auf dem ganzen Planeten pflegen.” (Humberto Maturana & Ximena Davila, Habitar Humano)

36. Diejenigen, die den Krieg gewonnen haben, haben nur das Wort “Frieden” auf den Lippen. Diejenigen, die sich alles angeeignet haben, sprechen nur von Inklusivität.

Diejenigen, die von äußerstem Zynismus beseelt sind, fordern nur Wohlwollen.

Sie haben sogar das Wunder vollbracht, so ziemlich alles, was es auf der Welt an Linken und Aktivisten gibt, zu diesen “Werten” zu bekehren. Auf diese Weise haben sie es geschafft, die Möglichkeit einer Revolution abzuwenden. Und in der Tat wissen die Sieger sehr gut, dass es keine inklusive Revolution gibt, da diese minimal in ihrem gewaltsamen Ausschluss besteht. Genauso wenig wie es eine wohlwollende oder ökologische Revolution gibt – es sei denn, man geht davon aus, dass das Abbrennen von Palästen, die Konfrontation mit Streitkräften oder die Sabotage großer Infrastrukturen wohlwollend oder ökologisch wäre.

“Es hilft nur Gewalt, wo Gewalt herrscht… “, sagte Brecht. Frieden ist für die Sieger nur die Ewigkeit ihres Sieges.

37. Arschlöcher benutzen alle möglichen humanitären Ideologien, um eine klare Spaltung unter den Menschen zu unterbinden, die natürlich zu ihrem Nachteil wäre. Wir sind die Kämpfer für eine Welt ohne Arschlöcher. Das halten wir für ein minimales, kohärentes und befriedigendes Programm.

38. Wir müssen lernen, Arschlöcher zu erkennen, und zunächst einmal überhaupt ihre Existenz anerkennen. Das ist die Geburt unserer Stärke. Analphabetismus und Gleichgültigkeit in sittlichen Sachen sind für die Arschlöcher natürlich von Vorteil.

39. Die Partei stärkt sich, indem sie sich von ihren opportunistischen, nihilistischen, skeptischen, covidistischen, perversen, narzisstischen, postmodernen usw. Elementen reinigt.

40. Eine echte kollektive Macht kann man nur mit denjenigen aufstellen, die vor dem Alleinsein keine Angst mehr haben.

Übersetzt von Janneke Schönenbach und Olaf Arndt, Die Aktion 4.0

taken from here https://olaf.bbm.de/nummer-43-moses-dobruska-wie-alles-anfing

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