Zu Benanavs Buch “Automation and the Future of Work” (2)

Im Kapitel „In the Shadow of Stagnation“ behauptet Benanav, dass die Stagnation der Wachstumsraten in den Industrien der entwickelten Länder seit den 1970er Jahren von der Stagnation des BIP insgesamt begleitet sei. Das Nachlassen des Wachstums der Investitionen war von einem Rückgang der Nachfrage nach Serviceleistungen und Waren, die notwendig sind, um die Produktion zu erweitern, begleitet, wobei auch die private Nachfrage zunehmend stagnierte. Überkapazitäten erscheinen laut Brenner als Underinvestment. Sowohl die Wachstumsraten des Kapitalstocks als auch die der Arbeitsproduktivität (wegen fehlender Investitionen in fixes Kapital) sind gefallen, was mit einer geringen Nachfrage nach Arbeit, Reallohnstagnation und Einkommensungleichheit verbunden ist. Die US-Wirtschaft hat sich in den letzten 30-40 Jahren schlechter entwickelt als jemals zuvor seit den 1930er Jahren. Nimmt man die Durchschnitte von Tiefpunkt zu Tiefpunkt, so betrug das durchschnittliche Wachstum von 1939 bis 1970 4,61 %; von 1970 bis 2009 lag es bei 2,8 %. In fünfzehn der dreißig Jahre von 1939 bis 1970 war das Wachstum höher als dieser 4,6 %-Durchschnitt; von 1970 bis 2009 wurde dies nur in sechs der 39 Jahre erreicht.

Im Servicesektor war die Arbeitsproduktivität noch geringer als im industriellen Sektor. Differenzierter sind hier die Aussagen von Jason. E. Smith, nach denen gerade das Produktivitätswachstum in den hoch technologisierten Sektoren zu einer Abwanderung der Arbeitskräfte in den weniger produktiven Servicebereich führt. Diese Tendenz der Abwanderung sieht Benanav allerdings auch. Für beide Autoren bleibt der industrielle Sektor der Motor für das ökonomische Wachstum, sein Fußabdruck für die gesamte Ökonomie bleibt hoch, obwohl der industrielle Anteil an den gesamten ökonomischen Aktivitäten zurückgeht. Eine Tendenz zur Deindustrialisierung nimmt Benanav selbst in China wahr. Das müsste man jedoch differenzieren. Seit den 1990er Jahren stammen die höheren Gewinne der grßen transnationalem Lomzerne zunehmend aus der rasanten Kapitalakkumulation in den Schwellenländern und den daraus resultierenden Profiten. Umgekehrt wenden sich die Unternehmen von Investitionen in den Ländern des Globalen Nordens ab. Dies erklärt deren magere Ergebnisse in Bezug auf Wachstum, Beschäftigung und Löhne. Es gibt einen massiven Nettowerttransfer vom Globalen Süden in den Globalen Norden, und dies trotz der wachsenden Bedeutung transnationaler Konzerne auch mit Ursprung im Globalen Süden.

Weltweit hat sich vor allem in den weniger entwickelten Ländern ein Angebot an Arbeitskräften herausgebildet (1,5 Milliarden), die zum großen Teil weder in die regulären Lohnarbeitsverhältnisse noch in prekäre Bereiche integriert werden können, und stattdessen ein Leben als Surplusbevölkerung in den informellen Sektoren der Wirtschaft fristen. Es gibt eine Internationalisierung der industriellen Reservearmee mit einem negativen Effekt auch auf die Löhne, sowohl individuell als auch sozial, im Globalen Norden. Nicht nur stagnieren die produktiven Investitionen, sondern es gibt auch eine deutliche Verschiebung von der Hochlohn- zu Niedriglohnbeschäftigung.

Benanav erwähnt auch den Abfluss von liquidem Kapital in den Finanzsektor bei gleichzeitiger Stagnation des Investments in fixes Kapital, sieht aber darin keine nachhaltige Alternative zum Wachstum im Industriesektor. Dem ist zu entgegen, dass das von den Kapitalisten vorgeschossene Kapital in allen Phasen seines Kreislaufs gebunden ist, und das nicht nur in Maschinen, Gebäuden, Rohstoffen und Vorräten, sondern auch in Geldguthaben und Finanzanlagen. So stieg die Profitrate der Finanzunternehmen in den USA und UK seit 1980 stetig an, und im Jahr 1986 überholte deren Profitrate die der Nicht-Finanzunternehmen, wobei sie nach einem kurzen Einbruch in der Rezession von 1999 auf ein stratosphärisches Niveau anstieg und in UK im Jahr 2008 80% erreichte. Der britische Unternehmenssektor als Ganzes hat seit 1980 Vermögenswerte in einem sich rasch beschleunigenden Tempo erworben und gehalten. Im Jahr 1987 erwarb er Finanzanlagen in Höhe von 43 Mrd. £ im Vergleich zu 80 Mrd. £ an Sachanlagen. Nach 1998 wurden jedoch in allen Jahren bis auf zwei Jahre mehr Finanz- als Sachanlagen erworben, sodass der Bestand an Finanzanlagen im Vergleich zum Anlagevermögen stetig gewachsen ist. Zwischen 1987 und 2008 war der Nettoerwerb des Unternehmenssektors an Finanzanlagen um 20% höher als an Sachanlagen. Benanav spricht diese Entwicklungen nicht an.

Laut einem Bericht der globalen Beratungsagentur McKinsey aus dem Jahr 2015, in dem die notwendigen Wachstumsraten für ausgewählte Länder berechnet wurden, um mit der Rückzahlung ihrer Staatsschulden zu beginnen (andere Schuldenkategorien – Verbraucher, Unternehmen, Kommunen, Finanzinstitute – wurden von der Untersuchung ausgeschlossen) ergab sich Folgendes: Der Durchschnitt der Wachstumsraten einer Gruppe europäischer Länder, der USA und Japans ergab, dass die tatsächliche durchschnittliche Wachstumsrate bei 1,67 % lag, während die Länder mit einer durchschnittlichen Rate von 3,46 % hätten wachsen müssen, nur um mit der Rückzahlung ihrer Staatsschulden zu beginnen. Da die Staatsverschuldung weniger als ein Drittel aller globalen Schulden ausmacht, ist es nicht unvernünftig anzunehmen, dass die Bedienung aller ausstehenden Schulden Wachstumsraten von annähernd 15 % pro Jahr erfordern würde. Da entwickelte Ökonomien immer mehr Waren und Schulden produzieren, wird es für sie immer schwieriger nachhaltiges Wachstum zu schaffen.

Wachstum verläuft exponenziell, nicht arithmetisch. Während die weltweite Automobilproduktion von Jahr zu Jahr schwankt, stieg die Gesamtproduktion in de Jahren zwischen 1999 und 2017 von rund 56 Mio. Autos auf über 97 Mio. Autos, ein Anstieg von
41 Millionen Autos und eine durchschnittliche jährliche Wachstumsrate von 2,8 %. Wenn die Branche in den nächsten 18 Jahren die gleiche Wachstumsrate von 2,8 % beibehalten würde, müsste sie 58 Millionen mehr Autos über den gleichen Zeitraum produzieren. Die Aufrechterhaltung einer zusammengesetzten Wachstumsrate erfordert zudem, dass institutionelle Investoren und Banken immer mehr profitable Investitionsmöglichkeiten finden, von denen aber etwa 80% Schuldtitel sind. Es ist bei wachsenen Mengen von Assets damit klar, dass es schwieriger wird, Möglichkeiten zu finden, dieses Geld zu investieren, um die langfristige durchschnittliche Kapitalrendite von 4 bis 6 % beizubehalten, und dass damit eine höhere Risikobereitschaft erforderlich ist. Ein weiteres Problem bei der Aufrechterhaltung des Wachstums ist, dass je mehr Schulden vorhanden sind, desto mehr zukünftiges Einkommen muss für die Zahlung von Kapital und Zinsen aufgewendet werden, wodurch das Geld, das die Menschen für Waren und Dienstleistungen ausgeben können, verringert wird. Auch dies verlangsamt das Wirtschaftswachstum. All davon liest man bei Benanav wenig.

Gegen die Automationstheoretiker wendet Benanav erneut ein, dass es nicht eine sich beschleunigende technologische Entwicklung ist, die die sinkende Nachfrage nach Arbeit erklärt, sondern die sich entschleunigende Wachstumsrate des ökonomischen Wachstums. Die Nachfrage nach Arbeit ist durch die Kluft zwischen den Wachstumsraten der Produktivität und des Outputs bestimmt, wobei für Benanav der Output der determinierende Faktor ist, während die Automationstheoretiker den Faktor Produktivität favorisieren. Das Produktivitätswachstum – das Erzielen von mehr Output aus den verfügbaren Ressourcen – bleibt aber natürlich eine wichtige Quelle für langfristige Einkommenssteigerungen. Steigerungen der Arbeitsproduktivität (d.h. mehr Output pro Arbeiter pro Stunde) scheinen auf Verbesserungen des Bildungsniveaus, Erhöhung der Investitionen (die das Kapitalniveau pro Arbeiter erhöhen) und die Einführung neuer Innovationen zu folgen. Ob sie stattfinden, ist dann eine andere Frage.

Benanav räumt ein, dass in gering wachsenden Ökonomien die technologische Innovation durchaus zum Verlust von Jobs führen kann, wobei die Beschäftigten dann Schwierigkeiten bekommen neue Jobs zu finden, während das in einer wachsenden Ökonomie im Zuge einer kreativen Zerstörung nicht der Fall wäre, da hier neue Jobs durch innovative Prozesse geschaffen werden.

Bezugnehmend auf Moores Gesetz einer steigenden Prozessor-Geschwindigkeit (Gordon sieht den Kollaps diese Gesetzes allerdings schon im Jahr 2005) wird seitens der Automationstheoretiker argumentiert, dass wir uns auf neue Höhenflüge der Produktivität hinbewegen, während in der Realität die Forschung für die Unternehmen in diesen Bereichen hohe finanzielle Ressourcen erfordert. Allerdings sollte man hier die langen Wellen der Konjunktur berücksichtigen, die sogenannten Kondratieff-Wellen, hinter denen man Basisinnovationen vermutet, die jedoch lange Zeit brauchen, um sich durchzusetzen. Die Voraussetzung dafür ist, dass die Innovationen, die ja zweifelsohne stattfinden, sich entsprechend in der gesamten Wirtschaft niederschlagen. Dabei laufen die langen Wellen der Konjunktur gemäß Kondratieff so ab: Am Ende der Aufwärtsentwicklung sind die neuen Technologien bereits da, setzen sich aber erst langsam durch. Die alten Industrien setzen auf Financial Engineering und Konsolidierung, dann kommt die (durch die Verschuldung verschärfte) Krise und dann der Aufschwung, getragen von den neuen Industrien.

Neuere Arbeiten von Erik Brynjolfsson und Daniel Rock vom MIT argumentieren, dass die Einführung neuer Technologien zu einem Phänomen führt, das sie die ‚Produktivitäts-J-Kurve‘ nennen. Wenn diese Technologien eingeführt werden, verlagern die Unternehmen ihre Ressourcen auf Investitionen in immaterielle Güter bzw. in die Entwicklung neuer Geschäftsprozesse. Diese Ressourcenverschiebung führt dazu, dass die Unternehmensleistung in einer Weise leidet, die nicht vollständig durch die Verschiebungen im gemessenen Einsatz von Arbeit und fixes Kapital erklärt werden kann und die daher als ein Rückgang des Produktivitätswachstums interpretiert wird. Später, wenn die immateriellen Investitionen Früchte tragen, steigt die gemessene Produktivität, weil sich der Output in einer Weise steigert, die aber durch den gemessenen Einsatz von Arbeit und fixem Kapital nicht erklärt werden kann. Wenn man die alte Produktion fortführen muss und zugleich neue Bereiche aufbaut, dann kann das statistisch zu abnehmender Produktivität führen. Allerdings können langfristig positive Effekte nicht ganz ausgeschlossen werden. Das würden zumindest gemäßigte Automationstheoretiker an dieser Stelle einwenden.

Für Benanav zeigt sowohl die Entwicklung der sozialen Medien als auch die Robotik und ihr Einsatz für eine umfassende Überwachung, dass diese Technologien keineswegs neutral sind und zudem ihre Auswirkungen auf die Produktivität überschaubar sind. Allerdings müsste man sich an dieser Stelle genauer mit der hohen Marktkapitalisierung der großen Internetkonzerne und ihrem Machtpotenzial auseinandersetzen.

Es gibt natürlich Industrien, in denen wir es mit massiven Produktivitätszuwächsen zu tun haben, man denke an die Landwirtschaft, wo durch den Einsatz von Pestiziden, Mechanisierung, Hybridisierung der Saat etc. die Industrialisierung vorangetrieben wurde, heute aber auch schon längst an ihren Peakpoint angekommen ist, von den Umweltschäden einmal ganz zu schweigen. Auch durch die technologischen Entwicklungen im Transportwesen wird es zu einer Eliminierung von Beschäftigten kommen. Es gibt aber auf globaler Ebene eben auch Bereiche wie Näharbeit, Textilindustrie, Montage, etc. die einigermaßen resistent gegenüber dem Abbau von Arbeitsplätzen bleiben. Seitdem die Löhne in China ansteigen, kommt es dort einerseits zum stärkeren Einsatz von Robotern in der Produktion, siehe Foxconn, während andererseits Niedriglohnländer wie Vietnam für die Produktion attraktiver werden.

Obgleich es noch unklar ist, ob es zu den von den Automationstheoretikern prophezeiten großen technologischen Sprünge kommen wird, ermöglichen Industrie 4.0 und Smart Factories zumindest Vorteile im Clustering und der Anbindung von Servicesektoren, sodass die Jobs in der Industrie auf globaler Ebene eher konzentriert als dispersiv verteilt werden. Aufgrund der Produktivitätsfortschritte würde dann der Kontinent Afrika, der billige Arbeitskräfte anzubieten hat, noch weiter abgehängt.

Obgleich Benanav zugesteht, dass die Automation zur Vernichtung von Arbeitsplätzen in bestimmten Bereichen führen kann, ist es für ihm die fehlende Kreation von Jobs aufgrund niedriger Wachstumsraten in der gesamten Ökonomie, die hier entscheidend ist. Für Benanav wird die Covid 19 Pandemie diese Entwicklungen noch verstärken. Zwar hat Walmart zum Beispiel mit dem Einsatz von selbstfahrenden Robotern begonnen, die das Inventar scannen und die Picker beim Packen der Orders assistieren, aber dennoch wird der Großteil der Unternehmen keine großen neuen Investitionen in teure neue Maschinensysteme unternehmen, vielmehr wird die Produktivität durch Erhöhung der Arbeitsintensität bestehender Maschinenkomplexe gesteigert.

Im nächsten Kapitel zur sinkenden Nachfrage nach Arbeit erwähnte Benanav den Ökonomen Wassili Leontief, der von einer lang andauernden technologischen Unterbeschäftigiung spricht, während Automationstheoretiker von völliger Nicht-Beschäftigung ausgehen. Nach der Finanzkrise von 2008 kam es zu einem starken Anstieg der Arbeitslosenraten, die nach 2010 wieder fielen, bis sie infolge der Covid 19 Pandemie im Jahr 2020 wieder angestiegen sind. Dies hat für Benanav alles wenig mit den Automationsprozessen zu tun. Aufgrund des langsamen Wachstums der Industrien in den entwickelten Ländern haben wir es mit einem Shift von Arbeitslosigkeit hin zu chronischer Unterbeschäftigung zu tun, die allerdings schwer zu messen sei, so Benanav.

Benanav führt seine Ausführungen mit Marx` Gesetz der kapitalistischen Akkumulation und der Entstehung einer industriellen Reservearmee und eines Surplusproletariats fort, worauf wir an anderer Stelle schon ausführlich eingegangen sind. Ebenso sind wir in der Rezension von Jason E. Smiths Buch auf die Entwicklung der Arbeitsmärkte i den verschiedenen Ländern eingegangen. Generell ist das Leben für einen Großteil der Bevölkerung in stagnierenden Ökonomie prekärer geworden, insbesondere seit der Pandemie im Jahr 2020. Unternehmen haben ihren Vorteil aus der Unsicherheit der Beschäftigung nicht nur in den Exportzonen der einkommensschwachen Länder gezogen, sondern auch aus den einkommensstarken Ländern, wo die Flexibilität der Arbeitsverträge bis hin zur Zeitarbeit andauernd erneuert wurde. Heute arbeiten nur noch 17% der Arbeitskräfte weltweit in den industriellen Sektoren, zuzüglich 5% im Transport, den Minen und in den öffentlichen Versorgungsbetrieben, während die große Mehrheit der Beschäftigten im heterogenen Servicesektor angestellt ist, wobei in den entwickelten Ländern 70 bis 80% in diesen Sektoren arbeiten. Benanav führt dann die Theorie des Ökonomen William Baumol aus, auf die sich auch Jason E. Smith stützt. Wir haben die Zwei-Sektoren-Theorie mit unterschiedlichen Produktivitätsraten in der Rezension zu Smith ausführlich besprochen.

Fortsetzung folgt.

Teil 1 hier

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